die Beine ...
Schön
(greift sich an die Schläfen)
Fort, fort ...! (Stürzt zur Türe, besinnt sich, wendet sich um) Kann ich
jetzt so vor das Kind hintreten? -- Nach Hause! -- Wenn ich zur Welt
hinaus könnte!
Lulu
Sein Sie doch ein Mann. -- Blicken Sie sich einmal ins Gesicht. -- Sie
haben keine Spur von Gewissen. -- Sie schrecken vor keiner Schandtat
zurück. -- Sie wollen das Mädchen, das Sie liebt, mit der größten
Kaltblütigkeit unglücklich machen. -- Sie erobern die halbe Welt. -- Sie
tun, was Sie wollen -- und Sie wissen so gut wie ich -- daß ...
Schön
(ist völlig erschöpft auf dem Sessel links neben dem Mitteltisch
zusammengesunken)
Schweig!
Lulu
Daß Sie zu schwach sind -- um sich von mir loszureißen ...
Schön (stöhnend)
Oh! Oh! du tust mir weh!
Lulu
Mir tut dieser Augenblick wohl -- ich kann nicht sagen wie!
Schön
Mein Alter! Meine Welt!
Lulu
-- Er weint wie ein Kind -- der furchtbare Gewaltmensch! -- Jetzt gehen
Sie so zu Ihrer Braut und erzählen Sie ihr, was ich für eine Seele von
einem Mädchen bin -- keine Spur eifersüchtig!
Schön (schluchzend)
Das Kind! Das schuldlose Kind!
Lulu
Wie kann der eingefleischte Teufel plötzlich so weich werden. -- --
Jetzt gehen Sie aber bitte. Jetzt sind Sie nichts mehr für mich.
Schön
Ich kann nicht zu ihr.
Lulu
Hinaus mit Ihnen! Kommen Sie zu mir zurück, wenn Sie wieder zu Kräften
gelangt sind.
Schön
Sag' mir um Gottes Willen, was ich tun soll.
Lulu
(erhebt sich; ihr Mantel bleibt auf dem Sessel. Auf dem
Mitteltisch die Kostüme beiseite schiebend)
Hier ist Briefpapier ...
Schön
Ich kann nicht schreiben ...
Lulu
(aufrecht hinter ihm stehend, auf die Lehne seines Sessels
gestützt)
Schreiben Sie! -- Sehr geehrtes Fräulein ..
Schön (zögernd)
Ich nenne sie Adelheid ...
Lulu
(mit Nachdruck)
Sehr geehrtes Fräulein ...
Schön (schreibend)
-- Mein Todesurteil!
Lulu
Nehmen Sie Ihr Wort zurück. Ich kann es mit meinem Gewissen -- (da Schön
die Feder absetzt und ihr einen flehentlichen Blick zuwirft) Schreiben
Sie Gewissen! -- nicht vereinbaren, Sie an mein unseliges Los zu fesseln
...
Schön (schreibend)
Du hast recht. -- Du hast recht.
Lulu
Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihrer Liebe -- (da sich Schön wieder
zurückwendet) Schreiben Sie Liebe! -- unwürdig bin. Diese Zeilen sind
Ihnen der Beweis. Seit drei Jahren versuche ich mich loszureißen; ich
habe die Kraft nicht. Ich schreibe Ihnen an der Seite der Frau, die mich
beherrscht. -- Vergessen Sie mich. -- Doktor Ludwig Schön.
Schön (aufächzend)
O Gott!
Lulu
(halb erschrocken)
Ja kein O Gott! -- (mit Nachdruck) Doktor Ludwig Schön. -- Postskriptum:
Versuchen Sie nicht mich zu retten.
Schön
(nachdem er zu Ende geschrieben, in sich zusammenbrechend)
Jetzt -- kommt die -- Hinrichtung ...
Vierter Aufzug
Prachtvoller Saal in deutscher Renaissance mit schwerem Plafond
in geschnitztem Eichenholz. Die Wände bis zur halben Höhe in
dunklen Holzskulpturen. Darüber an beiden Seiten verblaßte
Gobelins. Nach hinten oben ist der Saal durch eine verhängte
Galerie abgeschlossen, von der links eine monumentale Treppe bis
zur halben Tiefe der Bühne herabführt. In der Mitte unter der
Galerie die Eingangstür mit gewundenen Säulen und Frontespice. An
der rechten Seitenwand ein geräumiger hoher Kamin. Weiter vorn
ein Balkonfenster mit geschlossenen schweren Gardinen. An der
linken Seitenwand vor dem Treppenfuße eine geschlossene Portiere
in genueser Sammet.
Vor dem Kamin steht als Schirm eine chinesische Klappwand. Vor
dem Fußpfeiler des freien Treppengeländers auf einer dekorativen
Staffelei Lulus Bild als Pierrot in antiquisiertem Goldrahmen.
Links vorn eine breite Ottomane, rechts davor ein Fauteuil. In
der Mitte des Saales ein vierkantiger Tisch mit schwerer
Decke, um den drei hochlehnige Polstersessel stehen. Auf dem
Tisch steht ein weißes Bouquet.
Erster Auftritt
Schön. Lulu. Gräfin Geschwitz.
Geschwitz
(auf der Ottomane, in pelzbesetzter Husaren-Taille, hoher
Stehkragen, riesige Manschettenknöpfe, Schleier vor dem Gesicht,
die Hände krampfhaft im Muff; zu Lulu)
Sie glauben nicht, wie ich mich darauf freue, Sie auf unserem
Künstlerinnenball zu sehen.
Schön
(links vorn)
Sollte denn für Unsereinen gar keine Möglichkeit bestehen, sich
einzuschmuggeln?
Geschwitz
Es wäre Hochverrat, wenn jemand von uns einer solchen Intrigue Vorschub
leistete.
Schön
(geht hinter der Ottomane durch zum Mitteltisch)
Die prachtvollen Blumen.
Lulu
(im Fauteuil, in großblumigem Morgenkleid, das Haar in schlichtem
Knoten, in goldener Spange)
Die hat mir Fräulein von Geschwitz gebracht.
Geschwitz
O bitte. -- Sie werden sich doch jedenfalls als Herr kostümieren?
Lulu
Glauben Sie denn, daß mich das kleidet?
Geschwitz
(auf das Bild deutend)
Hier sind Sie wie ein Märchen.
Lulu
Mein Mann mag es nicht.
Geschwitz
Ist es von einem hiesigen?
Lulu
Sie werden ihn kaum gekannt haben.
Geschwitz
Er lebt nicht mehr?
Schön
(rechts vorn, mit tiefer Stimme)
Er hatte genug.
Lulu
Du bist verstimmt.
Schön
(beherrscht sich)
Geschwitz
(sich erhebend)
Ich muß gehen, Frau Doktor. Ich kann nicht länger bleiben. Wir haben
heute abend Aktzeichnen, und ich habe noch so viel für den Ball
vorzubereiten. -- (Grüßend) Herr Doktor. (Von Lulu geleitet, durch die
Mitte ab.)
Zweiter Auftritt
Schön
(allein, sich umsehend)
Der reine Augiasstall. Das mein Lebensabend. Man soll mir einen Winkel
zeigen, der noch rein ist. Die Pest im Haus. Der ärmste Tagelöhner hat
sein sauberes Nest. Dreißig Jahre Arbeit, und das mein Familienkreis,
der Kreis der Meinen ... (sich umsehend) Gott weiß, wer mich jetzt
wieder belauscht! (Zieht einen Revolver aus der Brusttasche) Man ist ja
seines Lebens nicht sicher! (Er geht, den gespannten Revolver in der
Rechten haltend, nach rechts und spricht an die geschlossene
Fenstergardine hin) Das mein Familienkreis! Der Kerl hat noch Mut! --
Soll ich mich denn nicht lieber selber vor den Kopf schießen? -- Gegen
Todfeinde kämpft man, aber der ... (er schlägt die Gardine in die Höhe;
da er niemand dahinter versteckt findet:) Der Schmutz -- der Schmutz ...
(er schüttelt den Kopf und geht nach links hinüber) der Irrsinn hat sich
meiner Vernunft schon bemächtigt, oder -- Ausnahmen bestätigen die
Regel! (Er steckt, da er Lulu kommen hört, den Revolver ein)
Dritter Auftritt
Lulu. Schön (Beide links vorn)
Lulu
Könntest du dich für heute nachmittag nicht frei machen?
Schön
Was wollte diese Gräfin eigentlich?
Lulu
Ich weiß nicht. Sie will mich malen.
Schön
Das Unglück in Menschengestalt, das einem seine Aufwartung macht.
Lulu
Könntest du dich denn nicht frei machen? Ich würde so gerne mit dir
durch die Anlagen fahren.
Schön
Gerade der Tag, an dem ich auf der Börse sein muß. Du weißt, daß ich
heute nicht frei bin. Meine ganze Habe treibt auf den Wellen.
Lulu
Lieber wollte ich schon beerdigt sein, als mir mein ganzes Leben so
durch meine Habe verbittern lassen.
Schön
Wem das Leben leicht wird, dem fällt das Sterben nicht schwer.
Lulu
Als Kind hatte ich auch immer die entsetzlichste Angst vor dem Tod.
Schön
Deswegen habe ich dich ja geheiratet.
Lulu
(an seinem Hals)
Du bist schlecht gelaunt. Du machst dir zu viel Sorgen. Seit Wochen und
Monaten habe ich nichts mehr von dir.
Schön
(ihr Haar streichelnd)
Dein Frohsinn sollte meine alten Tage erheitern.
Lulu
Du hast mich ja gar nicht geheiratet.
Schön
Wen hätte ich denn sonst geheiratet?
Lulu
Ich habe dich geheiratet!
Schön
Was ändert denn das daran?
Lulu
Ich fürchtete immer, es werde vieles ändern.
Schön
Es hat auch viel unter die Füße gestampft.
Lulu
Nur Gottlob eines nicht!
Schön
Darauf wäre ich begierig.
Lulu
Deine Liebe zu mir.
Schön
(zuckt mit dem Gesicht, winkt ihr voranzugehen. Beide nach links
vorn ab).
Vierter Auftritt
Gräfin Geschwitz
(öffnet vorsichtig die Mitteltür, wagt sich nach vorn und
lauscht; schrickt zusammen, da Stimmen auf der Galerie laut
werden)
O Gott, da ist jemand ... (Versteckt sich hinter dem Kaminschirm).
Fünfter Auftritt
Schigolch. Rodrigo. Hugenberg.
Schigolch
(tritt über der Treppe aus den Gardinen, wendet sich zurück)
Der Junge hat sein Herz wohl im Café »Nachtlicht« zurückgelassen?!
Rodrigo
(zwischen den Gardinen)
Er ist noch zu klein für die große Welt und kann noch nicht so weit zu
Fuß gehen. (verschwindet)
Schigolch
(kommt die Treppe herunter)
Gott sei Dank, daß wir endlich wieder zu Hause sind! Welcher Stinkpeter
wohl wieder die Treppe gewichst hat! Wenn ich mir meine Knochen vor der
Heimrufung noch mal in Gips gießen lassen muß, dann kann sie mich
zwischen den Palmen hier ihren Relationen als medizeische Venus
vorstellen. Nichts als Klippen. Nichts als Fallstricke.
Rodrigo
(kommt, Hugenberg auf den Armen tragend, die Treppe herunter)
Das hat einen königlichen Polizeidirektor zum Vater und nicht soviel
Courage im Leib wie der abgerissenste Landstreicher!
Hugenberg
Wenn es auf nichts als auf Tod und Leben ginge, dann solltet ihr mich
kennen lernen!
Rodrigo
Das Brüderchen wiegt samt seinem Liebeskummer nicht mehr als sechzig
Kilo. Darauf will ich mich jede Minute hängen lassen.
Schigolch
Wirf ihn an den Plafond hinauf und fang ihn mit den Füßen auf. Das
peitscht ihm sein junges Blut gleich von vornherein in die richtige
Wallung.
Hugenberg
(mit den Beinen strampelnd)
O je, o je, ich werde von der Schule gejagt!
Rodrigo
(ihn am Treppenfuß niedersetzend)
Du bist noch auf gar keiner vernünftigen Schule gewesen!
Schigolch
Hier hat sich schon mancher die ersten Sporen verdient. Nur ja keine
Schüchternheit! Zuerst werde ich euch einen Tropfen vorsetzen, wie er
für Geld nirgends zu haben ist. (Er öffnet ein Schränkchen unter der
Treppe)
Hugenberg
Wenn sie jetzt aber nicht unverzüglich angetanzt kommt, dann verhaue ich
euch beide, daß ihr euch noch im Jenseits den Buckel reibt.
Rodrigo
(hat sich rechts an den Tisch gesetzt)
Den stärksten Mann der Welt will das Brüderchen verhaun! (Zu Hugenberg)
Laß dir von Mutterchen erst lange Hosen anziehen.
Hugenberg
(sich links an den Tisch setzend)
Ich wünschte lieber, du borgtest mir deinen Schnurrbart.
Rodrigo
Willst du vielleicht, daß sie dich gleich zur Türe hinauswirft?
Hugenberg
Zum Henker noch mal, wenn ich nur schon wüßte, was ich ihr sagen soll!
Rodrigo
Das weiß sie schon selber am besten.
Schigolch
(setzt zwei Flaschen und drei Gläser auf den Tisch)
Die eine habe ich gestern schon angebrochen. (Er füllt die Gläser)
Rodrigo
(Hugenbergs Glas schützend)
Gib ihm nicht zu viel, sonst müssen wir beide es ausbaden.
Schigolch
(sich mit beiden Händen auf die Tischplatte stützend)
Rauchen die Herren?
Hugenberg
(sein Zigarrenetui öffnend)
Da sind Habanna-Importen!
Rodrigo (sich bedienend)
Von Papa Polizeidirektor?
Schigolch (sich setzend)
Ich habe alles im Hause. Braucht nur zu befehlen.
Hugenberg
-- Ich habe ihr gestern ein Gedicht gemacht.
Rodrigo
Was hast du ihr gemacht?
Schigolch
Was hat er ihr gemacht?
Hugenberg
Ein Gedicht.
Rodrigo (zu Schigolch)
Ein Gedicht.
Schigolch
Einen Taler hat er mir versprochen, wenn ich auskundschafte, wo er mit
ihr allein zusammentreffen kann.
Hugenberg
Wer wohnt denn eigentlich hier?
Rodrigo
Hier wohnen wir!
Schigolch
Jour fix -- jeden Börsentag! -- Zum Wohl! (Sie stoßen an)
Hugenberg
-- Soll ich es ihr vielleicht zuerst vorlesen?
Schigolch (zu Rodrigo)
Was meint er?
Rodrigo
Sein Gedicht. Er will sie gerne zuerst ein wenig auf die Folter spannen.
Schigolch
(Hugenberg fixierend)
Die Augen! Die Augen!
Rodrigo
Die Augen, ja! Die haben sie seit acht Tagen um ihren Schlaf gebracht.
Schigolch (zu Rodrigo)
Du kannst dich einpökeln lassen.
Rodrigo
Wir beide können uns einpökeln lassen! Zum Wohl, Gevatter Tod.
Schigolch (anstoßend)
Zum Wohl, Springfritze! Wenn es später noch besser kommt, dann bin ich
jeden Augenblick zum Aufbruch bereit; aber ... aber ...
Sechster Auftritt
Lulu. Die Vorigen. Später Ferdinand.
Lulu
(von links, in eleganter Pariser Balltoilette, weit dekolletiert,
mit Blumen vor der Brust und im Haar)
Aber Kinder, Kinder, ich erwarte Besuch!
Schigolch
Aber das kann ich euch sagen, die müssen es sich da drüben was kosten
lassen!
Hugenberg
(hat sich erhoben)
Lulu
(sich auf die Armlehne seines Sessels setzend)
Sie sind in eine nette Gesellschaft geraten. Ich erwarte Besuch, Kinder.
Schigolch
Da muß ich mir wohl auch was vorstecken. (Sucht in dem Bouquet, das auf
dem Tisch steht)
Lulu
Sehe ich gut aus?
Schigolch
Was sind das, was du da vorhast?
Lulu
Orchideen. (Sich mit der Brust über Hugenberg neigend) Riechen Sie.
Rodrigo
Sie erwarten wohl den Prinzen Escerny?
Lulu
(schüttelt den Kopf)
Gott bewahre!
Rodrigo
Also wieder jemand anders!
Lulu
Der Prinz ist verreist.
Rodrigo
Sein Königreich auf Auktion bringen?
Lulu
Er kundschaftet eine frische Völkerschaft in der Gegend von Afrika aus.
(Erhebt sich, eilt die Treppe hinauf und tritt in die Galerie ein)
Rodrigo (zu Schigolch)
-- Er habe sie nämlich ursprünglich heiraten wollen.
Schigolch
(sich eine Lilie vorsteckend)
Ich habe sie ursprünglich auch heiraten wollen.
Rodrigo
Du hast sie ursprünglich heiraten wollen?
Schigolch
Hast du sie nicht auch ursprünglich heiraten wollen?
Rodrigo
Jawohl habe ich sie ursprünglich heiraten wollen!
Schigolch
Wer hat sie nicht ursprünglich heiraten wollen!!
Rodrigo
-- So gut hätte ich's nie gekriegt!
Schigolch
Sie hat es keinen bereuen lassen, daß er sie nicht geheiratet hat.
Rodrigo
-- Sie ist also nicht dein Kind?
Schigolch
Fällt ihr nicht ein.
Hugenberg
Wie heißt denn ihr Vater?
Schigolch
Sie hat mit mir renommiert!
Hugenberg
Wie heißt denn ihr Vater?
Schigolch
Was meint er?
Rodrigo
Wie ihr Vater heißt.
Schigolch
Sie hat nie einen gehabt.
Lulu
(kommt von der Galerie herunter und setzt sich wieder zu
Hugenberg auf die Armlehne)
Was habe ich nie gehabt?
Alle drei
Einen Vater.
Lulu
Ja gewiß, ich bin ein Wunderkind. (Zu Hugenberg) Wie sind Sie denn mit
Ihrem Vater zufrieden?
Rodrigo
Er raucht wenigstens eine anständige Zigarre, der Herr Polizeidirektor.
Schigolch
Hast oben zugeschlossen?
Lulu
Da ist der Schlüssel.
Schigolch
Hättest ihn lieber stecken lassen.
Lulu
Warum denn?
Schigolch
Damit man von außen nicht aufschließen kann.
Rodrigo
Ist er denn nicht auf der Börse?
Lulu
O doch, aber er leidet an Verfolgungswahn.
Rodrigo
Ich nehme ihn auf die Füße und jupp -- daß er oben an der Decke kleben
bleibt.
Lulu
Sie jagt er mit einem Viertelsseitenblick durch ein Mausloch.
Rodrigo
Was jagt er? Wen jagt er? (Seinen Arm entblößend) Sehen Sie sich bitte
den Biceps an.
Lulu
Zeigen Sie. (Geht nach rechts)
Rodrigo
(sich auf den Arm schlagend)
Granit. -- Schmiedeeisen.
Lulu
(befühlt abwechselnd Rodrigos Oberarm und ihren eigenen)
Wenn Sie nur nicht so lange Ohren hätten ...
Ferdinand
(durch die Mitte eintretend)
Herr Doktor Schön.
Rodrigo (aufspringend)
Der Lumpenkerl. (Will hinter den Kaminschirm, fährt zurück) Gott behüte
einen! (Versteckt sich rechts vorn hinter den Gardinen.)
Schigolch
Gib mir den Schlüssel her! (Nimmt Lulu den Schlüssel ab und schleppt
sich die Treppe zur Galerie hinauf.)
Hugenberg
(ist vom Sessel unter den Tisch geglitten).
Lulu
Ich lasse bitten.
Ferdinand (ab)
Hugenberg
(lauscht vorn unter dem Saum der Tischdecke vor, für sich)
Er bleibt hoffentlich nicht -- dann sind wir allein ...
Lulu
(berührt ihn mit der Fußspitze)
St!
Hugenberg (verschwindet)
Siebenter Auftritt
Alwa Schön. Die Vorigen.
Ferdinand
(läßt Alwa eintreten. Ab)
Alwa
(in Soireetoilette)
Die Matinee wird, wie ich mir denke, bei brennenden Lampen stattfinden.
Ich habe ... (Schigolch bemerkend, der sich mühsam die Treppe
hinaufschleppt) Was ist denn das?
Lulu
Ein alter Freund deines Vaters.
Alwa
Mir völlig unbekannt.
Lulu
Sie haben den Feldzug zusammen mitgemacht. Es geht ihm entsetzlich ...
Alwa
Ist denn mein Vater hier?
Lulu
Er hat ein Glas mit ihm getrunken. Er mußte auf die Börse. -- Wir
dejeunieren aber doch vorher?
Alwa
Wann geht es denn an?
Lulu
Nach zwei. (Da Alwa Schigolch mit dem Blick folgt) Wie findest du mich
...?
Schigolch
(über die Galerie ab)
Alwa
Sollte ich dir das nicht lieber verschweigen?
Lulu
Ich meine ja nur die Toilette.
Alwa
Deine Schneiderin kennt dich offenbar besser als ich -- mir erlauben
darf, dich zu kennen.
Lulu
Als ich mich im Spiegel sah, hätte ich ein Mann sein wollen ... (Sich
unterbrechend) mein Mann! --
Alwa
Du scheinst deinen Mann um das Glück zu beneiden, das du ihm bietest.
(Lulu links, Alwa rechts vom Mitteltisch. Er betrachtet sie mit scheuem
Wohlgefallen.)
Ferdinand
(durch die Mitte mit Service, deckt den Tisch und legt zwei
Kuverts auf; Flasche Pommery, Hors d'Oeuvres).
Alwa
Haben Sie Zahnschmerzen?
Lulu
(zu Alwa hinüber)
Nicht.
Ferdinand
Herr Doktor ...?
Alwa
Er scheint mir heute so weinerlich.
Ferdinand
(durch die Zähne)
Man ist auch nur ein Mensch. -- -- (Ab)
(Beide setzen sich zu Tisch)
Lulu
-- Was ich immer am höchsten an dir schätzte, ist deine
Charakterfestigkeit. Du bist deiner so vollkommen sicher! Wenn du auch
fürchten mußtest, dich deshalb mit deinem Vater zu überwerfen, du bist
trotzdem immer wie ein Bruder für mich eingetreten.
Alwa
Lassen wir das. Es ist nun einmal mein Los ... (Er will vorne die
Tischdecke heben.)
Lulu (rasch)
Das war ich.
Alwa
Nicht möglich! -- Es ist nun einmal mein Los, bei den leichtsinnigsten
Gedanken immer das allerbeste zu erzielen.
Lulu
Du redest dir etwas ein, wenn du dich vor dir selber schlecht machst.
Alwa
Warum schmeichelst du mir so? -- Es ist wahr, es lebt vielleicht kein so
schlechter Mensch wie ich -- der so viel Gutes zuwege gebracht hätte.
Lulu
Auf jedenfall bist du der einzige Mann auf dieser Welt, der mich
beschützt hat, ohne mich vor mir selbst zu erniedrigen!
Alwa
Hältst du das für so leicht ...?
Achter Auftritt
Schön. Die Vorigen.
Schön
(erscheint auf der Galerie zwischen den beiden mittleren
Säulen, indem er vorsichtig den Vorhang teilt. Über die Bühne
wegsprechend)
Mein eigener Sohn!
Alwa
... Mit deinen Gottesgaben macht man seine Umgebung zu Verbrechern, ohne
sich's träumen zu lassen. -- Ich bin auch nur Fleisch und Blut, und wenn
wir nicht wie Geschwister nebeneinander aufgewachsen wären ...
Lulu
Deshalb gebe ich mich auch nur dir allein ganz ohne Rückhalt. Von dir
habe ich nichts zu fürchten.
Alwa
Ich versichere dir, es gibt Augenblicke, wo man gewärtig ist, sein
ganzes Innere einstürzen zu sehen. -- Je mehr Selbstüberwindung ein Mann
sich aufbürdet, um so leichter bricht er zusammen. Darüber hilft nichts
hinweg als ... (er will unter den Tisch sehen)
Lulu (rasch)
Was suchst du denn?!
Alwa
Ich beschwöre dich, laß mich mein Glaubensbekenntnis für mich behalten!
Als unantastbares Heiligtum warst du mir mehr, als du in deinem Leben
mit all deinen Gaben irgend sonst jemandem sein konntest!
Lulu
Wie denkst du darin doch so ganz anders als dein Vater!
Ferdinand
(kommt durch die Mitte, wechselt die Teller und serviert
Brathähnchen mit Salat).
Alwa
(zu Ferdinand)
Sind Sie krank?
Lulu
(zu Alwa)
Laß ihn doch!
Alwa
Er zittert wie im Fieber.
Ferdinand
Ich bin das Servieren noch nicht so gewohnt.
Alwa
Sie müssen sich was verschreiben lassen.
Ferdinand
(durch die Zähne)
Ich kutschiere gewöhnlich. -- -- (Ab)
Schön
(auf der Galerie, über die Bühne wegsprechend)
Der also auch. (Nimmt hinter der Brüstung Platz, sich nach Erfordernis
mit dem Vorhang deckend.)
Lulu
Was sind das für Augenblicke, von denen du sprachst, wo man gewärtig
ist, sein ganzes Innere zusammenstürzen zu sehen?
Alwa
Ich _wollte_ nicht davon sprechen. -- Ich möchte nicht gern über einem
Glas Champagner verscherzen, was mir während zehn Jahren mein höchstes
Lebensglück gewesen.
Lulu
Ich habe dir weh getan. Ich will nicht wieder davon anfangen.
Alwa
Versprichst du mir das für immer?
Lulu
Meine Hand darauf. (Reicht ihm ihre Hand über den Tisch)
Alwa
(ergreift sie zögernd, preßt sie in der seinigen, drückt sie lang
und innig an seine Lippen)
Lulu
Was tust du ...
Rodrigo
(steckt rechts den Kopf aus den Gardinen)
Lulu
(wirft ihm über Alwa hinweg einen wütenden Blick zu)
Rodrigo
(zieht sich zurück)
Schön
(auf der Galerie, über die Bühne wegsprechend)
Und da ist noch einer!
Alwa
(ihre Hand haltend)
Eine Seele -- die sich im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt ... O
diese Hand ...
Lulu (harmlos)
Was findest du daran ...
Alwa
Einen Arm ...
Lulu
Was findest du daran ...
Alwa
Einen Körper ...
Lulu (unschuldig)
Was findest du daran ...
Alwa (erregt)
Mignon!
Lulu
(völlig verständnislos)
Was findest du daran ...
Alwa (leidenschaftlich)
Mignon! Mignon!
Lulu
(wirft sich auf die Ottomane)
Sieh mich nicht so an -- um Gottes willen! Laß uns lieber gehen, ehe es
zu spät ist. Du bist ein verworfener Mensch!
Alwa
Ich sagte dir ja, ich bin der niederträchtigste Schurke ...
Lulu
Das sehe ich!!
Alwa
Ich habe kein Ehrgefühl -- keinen Stolz ...
Lulu
Du hältst mich für deinesgleichen!
Alwa
Du? -- du stehst so himmelhoch über mir wie -- wie die Sonne über dem
Abgrund ... (Kniend) Richte mich zu Grunde! -- Ich bitte dich, mach' ein
Ende mit mir! -- Mach' ein Ende mit mir!
Lulu
_Liebst_ du mich denn?
Alwa
Ich bezahle dich mit allem, was mein war!
Lulu
Liebst du mich?!
Alwa
Liebst du mich -- Mignon ...?
Lulu
Ich? -- Keine Seele.
Alwa
Ich _liebe_ dich. (Birgt seinen Kopf in ihrem Schoß)
Lulu
(beide Hände in seinen Locken)
-- Ich habe deine Mutter vergiftet ...
Rodrigo
(steckt rechts den Kopf aus den Gardinen, sieht Schön auf der
Galerie sitzen und macht ihn durch Zeichen auf Lulu und Alwa
aufmerksam)
Schön
(richtet seinen Revolver gegen Rodrigo)
Rodrigo
(bedeutet ihn, den Revolver auf Alwa zu richten)
Schön
(spannt den Revolver und zielt auf Rodrigo)
Rodrigo
(fährt hinter die Gardinen zurück)
Lulu
(sieht Rodrigo zurückfahren, sieht Schön auf der Galerie sitzen,
erhebt sich)
Sein Vater!
Schön
(erhebt sich, läßt den Vorhang vor sich nieder)
Alwa
(bleibt regungslos auf den Knieen)
(Pause)
Schön
(eine Zeitung in der Hand, nimmt Alwa bei der Schulter)
Alwa!
Alwa
(erhebt sich wie schlaftrunken)
Schön
In Paris ist Revolution ausgebrochen.
Alwa
Nach Paris ... laß mich nach Paris ...
Schön
Auf der Redaktion rennen sie sich den Kopf gegen die Wand. Keiner weiß,
was er schreiben soll ... (Entfaltet das Zeitungsblatt, geleitet Alwa
durch die Mitte hinaus)
Rodrigo
(stürzt rechts aus den Gardinen, will die Treppe hinan)
Lulu
(vertritt ihm den Weg)
Sie können hier nicht hinaus.
Rodrigo
Lassen Sie mich durch!
Lulu
Sie rennen ihm in die Arme.
Rodrigo
Er jagt mir sein Pistol durch den Kopf.
Lulu
Er kommt.
Rodrigo (zurücktaumelnd)
Himmel, Tod und Wolkenbruch! (Hebt die Tischdecke)
Hugenberg
Kein Platz!
Rodrigo
Verdammt und zugenäht! (Sieht sich um, verbirgt sich links hinter der
Portiere)
Schön
(durch die Mitte, verschließt die Tür, geht, den Revolver in der
Hand, auf das Fenster rechts vorn zu, schlägt die Gardine in die
Höhe)
-- Wo ist denn _der_ hin?
Lulu
(auf den untersten Treppenstufen)
Hinaus.
Schön
Über den Balkon hinunter??
Lulu
Er ist Kunstturner.
Schön
Das war nicht vorauszusehen. -- (sich gegen Lulu wendend) Du Kreatur,
die mich durch den Straßenkot zum Martertode schleift!
Lulu
Warum hast du mich nicht besser erzogen?
Schön
Du Würgengel! Du unabwendbares Verhängnis! Mörder werden oder im Schmutz
ertrinken; mich einschiffen wie ein entlassener Sträfling, oder mich
über dem Morast aufhängen. Du Freude meines Alters! Du Henkerstrick!
Lulu (kaltblütig)
Schweig doch und bring mich um!
Schön
Ich habe dir Hab und Gut verschrieben und nichts gefordert, als die
Achtung, die meinem Haus jeder Dienstbote zollt. Dein Kredit ist
erschöpft!
Lulu
Ich kann noch auf Jahre für meine Rechnung einstehen. (Von der Treppe
nach vorn kommend) Wie gefällt dir mein neues Kleid?
Schön
Weg mit dir, sonst schlägt's mir morgen über den Kopf, und mein Sohn
schwimmt in seinem Blute. Du haftest mir als unheilbare Seuche an, an
der ich bis in mein Grab meine Lebenszüge verächzen soll. Ich will mich
heilen. Begreifst du mich? (Ihr den Revolver aufdrängend) Das ist dein
Specificum. -- Brich nicht in die Knie! -- Du sollst es dir selbst
applizieren. Du oder ich, wir messen uns.
Lulu
(hat sich, da die Kräfte sie zu verlassen drohen, auf den Diwan
niedergelassen; den Revolver hin und herdrehend)
Das geht ja nicht los.
Schön