Lulu
(über die spanische Wand wegsehend, zu Schön)
Sie schreiben in allen Zeitungen, ich sei die geistvollste Tänzerin, die
je die Bühne betreten, ich sei eine zweite Taglioni und was weiß ich,
und Sie finden mich nicht einmal geistvoll genug, um sich davon zu
überzeugen!
Schön
Ich habe soviel zu schreiben. Du siehst, daß ich recht hatte. Es waren
kaum mehr Plätze zu haben. -- Du mußt dich etwas mehr im Proszenium
halten!
Lulu
Ich muß mich erst an das Licht gewöhnen.
Alwa
Sie hat sich strikte an ihre Rolle gehalten.
Schön
(zu Alwa)
Du mußt deine Darsteller besser ausnützen! Du verstehst dich noch nicht
genug auf die Technik. (Zu Lulu) Als was kommst du jetzt?
Lulu
Als Blumenmädchen ...
Schön
(zu Alwa)
In Trikots?
Alwa
Nein. In fußfreiem Kleid.
Schön
Du hättest dich lieber nicht mit dem Symbolismus einlassen sollen!
Alwa
Ich sehe der Tänzerin auf die Füße.
Schön
Es kommt darauf an, worauf das Publikum sieht! Eine Erscheinung wie
_sie_ hat deine symbolistischen Hanswurstiaden gottlob nicht nötig.
Alwa
Das Publikum sieht nicht danach aus, als ob es sich langweilte!
Schön
Natürlich! Weil ich in der Presse seit sechs Monaten auf ihren Erfolg
hingearbeitet habe. -- War der _Prinz_ hier?
Alwa
Es war niemand hier.
Schön
Wer wird eine Tänzerin zwei Akte hindurch in Regenmänteln auftreten
lassen!
Alwa
Wer ist denn der Prinz?
Schön
-- Wir sehen uns noch?
Alwa
Bist du allein?
Schön
Mit Bekannten. -- Bei Peters?
Alwa
Um Zwölf?
Schön
Um Zwölf. (Ab)
Lulu
Ich hatte schon daran verzweifelt, daß er je kommen werde!
Alwa
Lassen Sie sich durch seine griesgrämigen Nörgeleien nicht beirren. Wenn
Sie nur ja darauf achten wollen, daß Sie Ihre Kräfte nicht vor Beginn
der letzten Nummer vergeuden.
Lulu
(tritt hinter der spanischen Wand vor, in antikem fußfreiem
ärmellosem weißem Kleid mit rotem Saum, einen bunten Kranz im
Haar, einen Korb voll Blumen in den Händen)
Lulu
Er scheint es gar nicht gemerkt zu haben, wie geschickt Sie ihre
Darsteller ausnützen!
Alwa
Ich werde doch im ersten Akt nicht Sonne, Mond und Sterne verpaffen.
Lulu
(das Glas an den Lippen)
Sie enthüllen mich gradatim.
Alwa
Ich wußte doch, daß Sie sich darauf verstehen, Kostüme zu wechseln.
Lulu
Hätte ich meine Blumen so vor dem Alhambracafé verkaufen wollen, man
hätte mich schon gleich in der ersten Nacht hinter Schloß und Riegel
gesetzt.
Alwa
Warum denn! Sie waren ein Kind!
Lulu
Wissen Sie noch, wie ich zum erstenmal in Ihr Zimmer trat?
Alwa (nickt)
Sie trugen ein dunkelblaues Kleid mit schwarzem Sammet.
Lulu
Man mußte mich verstecken und wußte nicht wo.
Alwa
Meine Mutter lag damals schon seit zwei Jahren auf dem Krankenbett ...
Lulu
Sie spielten Theater und fragten mich, ob ich mitspielen wolle.
Alwa
Gewiß! Wir spielten Theater!
Lulu
Ich sehe Sie noch, wie Sie die Figuren hin und herschoben.
Alwa
Es war mir noch lange die entsetzlichste Erinnerung, wie ich mit einem
mal klar in die Verhältnisse sah.
Lulu
Da wurden Sie eisig gemessen gegen mich.
Alwa
Ach Gott -- ich sah etwas so unendlich hoch über mir stehendes in Ihnen.
Ich hegte vielleicht eine höhere Verehrung für Sie, als für meine
Mutter. Denken Sie, als meine Mutter starb, -- ich war siebzehn Jahre
alt -- da trat ich vor meinen Vater und forderte ihn auf, daß er Sie
augenblicklich zu seiner Frau mache, sonst müßten wir uns duellieren.
Lulu
Das hat er mir damals erzählt.
Alwa
Seit ich älter bin, kann ich ihn nur noch bemitleiden. Er wird mich nie
begreifen. Da phantasiert er sich eine kleine Diplomatie zusammen, die
mich dazu bestimmen soll, seiner Verheiratung mit der Komtesse
entgegenzuarbeiten.
Lulu
Blickt sie denn immer noch so unschuldig in die Welt hinaus?
Alwa
Sie liebt ihn; das ist meine Überzeugung. Ihre Familie hat alles in
Bewegung gesetzt, um sie zum Rücktritt zu veranlassen. Ich glaube nicht,
daß ihr ein Opfer auf dieser Welt zu groß wäre um seinetwillen.
Lulu
(hält ihm ihr Glas hin)
Noch etwas, bitte.
Alwa
(ihr einschenkend)
Sie trinken zu viel.
Lulu
Er soll an meinen Erfolg glauben lernen! Er glaubt an keine Kunst. Er
glaubt nur an Zeitungen.
Alwa
Er glaubt an nichts.
Lulu
Er hat mich ans Theater gebracht, damit sich eventuell jemand findet,
der reich genug ist, um mich zu heiraten.
Alwa
Nun ja! Was braucht uns das zu kümmern!
Lulu
Mich soll es freuen, wenn ich mich in das Herz eines Millionärs
hineintanzen kann.
Alwa
Gott verhüte, daß man Sie uns entführt!
Lulu
Sie haben doch die Musik dazu komponiert.
Alwa
Sie wissen, daß es immer mein Wunsch war, ein Stück für Sie zu
schreiben.
Lulu
Ich bin aber gar nicht für die Bühne geschaffen.
Alwa
Sie sind als Tänzerin auf die Welt gekommen.
Lulu
Warum schreiben Sie Ihre Stücke denn nicht wenigstens so interessant,
wie das Leben ist?
Alwa
Weil uns das kein Mensch glauben würde.
Lulu
Wenn ich mich nicht besser aufs Theaterspielen verstände, als man auf
der Bühne spielt, was hätte aus mir werden wollen!
Alwa
Ich habe Ihre Rolle doch mit allen erdenklichen Unmöglichkeiten
ausgestattet.
Lulu
Mit solchem Hokuspokus lockt man in der Wirklichkeit noch keinen Hund
vom Ofen.
Alwa
Mir ist es genug, daß sich das Publikum in die wahnsinnigste Aufregung
versetzt sieht.
Lulu
Ich möchte mich aber gern selbst in die wahnsinnigste Aufregung versetzt
sehen! (Trinkt)
Alwa
Dazu scheint Ihnen auch nicht viel mehr zu fehlen.
Lulu
Wie können Sie sich darüber wundern, da mein Auftreten doch einen
höheren Zweck hat! Es gehen schon Einige da unten ganz ernstlich mit
sich zu Rate. -- Ich fühle das, ohne daß ich hinsehe.
Alwa
Wie fühlen Sie denn das?
Lulu
Keiner ahnt was vom Andern. Jeder meint, er sei allein das unglückliche
Opfer.
Alwa
Wie können Sie denn das fühlen?
Lulu
Es läuft einem so ein eisiger Schauer am Körper herauf.
Alwa
Sie sind unglaublich ... (Eine elektrische Klingel tönt über der Tür)
Lulu
Mein Tuch ... Ich werde mich im Proscenium halten!
Alwa
(ihr einen breiten Shawl über die Schultern legend)
Hier ist Ihr Tuch.
Lulu
Er soll nichts mehr für seine schamlose Reklame zu fürchten haben.
Alwa
Wahren Sie Ihre Selbstbeherrschung!
Lulu
Gebe Gott, daß ich einem den letzten Funken Verstand zum Kopf hinaus
tanze. (Ab)
Zweiter Auftritt
Alwa (allein)
Über die ließe sich freilich ein interessanteres Stück schreiben. (Setzt
sich links, nimmt sein Notizbuch vor und notiert. Aufblickend) Erster
Akt: Dr. Goll. Schon faul! Ich kann den Dr. Goll aus dem Fegefeuer
zitieren, oder wo er seine Orgien büßt, man wird mich für seine Sünden
verantwortlich machen. -- (Langanhaltendes, stark gedämpftes Klatschen
und Bravorufen wird von außen hörbar) -- Das tobt, wie in der Menagerie,
wenn das Futter vor dem Käfig erscheint. -- Zweiter Akt: Walter Schwarz.
Noch unmöglicher! Wie die Seelen die letzte Hülle abstreifen im Licht
solcher Blitzschläge! -- Dritter Akt? -- Sollte es wirklich so fort
gehen?! -- (Die Garderobiere öffnet von außen und läßt Escerny
eintreten)
Dritter Auftritt
Escerny. Alwa.
Escerny
(tut als ob er zu Hause wäre und nimmt, ohne Alwa zu beachten
rechts neben dem Spiegel Platz)
Alwa
(links sitzend, ohne auf Escerny zu achten)
Es kann im dritten Akt nicht so fortgehen!
Escerny
Bis zur Mitte des dritten Aktes schien es heute nicht so gut zu gehen,
wie sonst.
Alwa
Ich war nicht auf der Bühne.
Escerny
Jetzt ist sie wieder in vollem Zug.
Alwa
-- Sie zieht die Nummer in die Länge.
Escerny
Ich hatte bei Herrn Dr. Schön einmal das Vergnügen, der Künstlerin zu
begegnen.
Alwa
Mein Vater hat sie durch einige Besprechungen in seiner Zeitung beim
Publikum eingeführt.
Escerny
(sich leicht verneigend)
Ich konferierte mit Herrn Dr. Schön der Herausgabe meiner Forschungen am
Tanganjika-See wegen.
Alwa
(sich leicht verneigend)
Seine Äußerungen lassen keinen Zweifel darüber, daß er das lebhafteste
Interesse an Ihrem Werk nimmt.
Escerny
Wohltuend berührt es an der Künstlerin, daß das Publikum für sie gar
nicht vorhanden ist.
Alwa
Das Sichumkleiden hat sie schon als Kind gelernt. Aber ich war
überrascht, eine so bedeutende Tänzerin in ihr zu entdecken.
Escerny
Wenn sie ihr Solo tanzt, berauscht sie sich an ihrer eigenen Schönheit
-- in die sie selber zum Sterben verliebt zu sein scheint.
Alwa
Da kommt sie. (Erhebt sich, öffnet die Tür)
Vierter Auftritt
Lulu. Die Vorigen.
Lulu
(ohne Kranz und Blumenkorb, zu Alwa)
Sie werden herausgerufen. Ich war dreimal vor dem Vorhang. (Zu Escerny)
Herr Dr. Schön ist nicht in Ihrer Loge?
Escerny
In meiner Loge nicht.
Alwa
(zu Lulu)
Haben Sie ihn nicht gesehen?
Lulu
Er wird wieder fort sein.
Escerny
Er hat die letzte Parquetloge links.
Lulu
Er scheint sich meiner zu schämen!
Alwa
Er hat keinen guten Platz mehr bekommen.
Lulu
(zu Alwa)
Fragen Sie ihn doch, ob ich ihm jetzt besser gefallen habe.
Alwa
Ich werde ihn heraufschicken.
Escerny
Er hat applaudiert.
Lulu
Hat er das wirklich?
Alwa
Gönnen Sie sich etwas Ruhe. (Ab)
Fünfter Auftritt
Lulu. Escerny.
Lulu
Ich muß mich ja wieder umziehen.
Escerny
Aber Ihre Garderobiere ist ja nicht hier?
Lulu
Ich kann das rascher allein. Wo sagten Sie, daß Dr. Schön sitzt?
Escerny
Ich sah ihn in der hintersten Parquetloge links.
Lulu
Jetzt habe ich noch fünf Kostüme vor mir: Dancinggirl, Ballerina,
Königin der Nacht, Ariel und Lascaris ... (Tritt hinter die spanische
Wand zurück.)
Escerny
Würden Sie es für möglich halten, daß ich bei unserem ersten Rencontre
nicht anders gewärtig war, als mit einer jungen Dame aus der
literarischen Welt bekannt zu werden? -- -- -- (Setzt sich rechts neben
den Mitteltisch, wo er bis zum Schluß der Szene sitzen bleibt) Sollte
ich mich in der Beurteilung Ihrer Natur irren, oder habe ich das
Lächeln, das die dröhnenden Beifallsstürme auf Ihren Lippen hervorrufen,
richtig gedeutet? -- --: daß Sie unter der Notwendigkeit, Ihre Kunst vor
Leuten von zweifelhaften Interessen entwürdigen zu müssen, innerlich
leiden? -- -- -- (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie den Schimmer der
Öffentlichkeit jeden Augenblick für ein ruhiges, sonniges Glück in
vornehmer Abgeschlossenheit eintauschen würden? -- (Da Lulu nicht
antwortet) Daß Sie Hoheit und Würde genug in sich fühlen, einen Mann zu
Ihren Füßen zu fesseln -- um sich an seiner vollkommenen Hilflosigkeit
zu erfreuen? -- -- -- (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie sich an einem
würdigeren Platz als hier in einer mit reichlichem Komfort
ausgestatteten Villa fühlen würden -- bei unbegrenzten Mitteln -- um
durchaus als Ihre _eigene Herrin_ zu leben?
Lulu
(in kurzem hellen Plissé-Unterrock und weißem Atlaskorset,
schwarze Schuhe und Strümpfe, Schellensporen unter den Absätzen,
tritt hinter der spanischen Wand vor, mit dem Schnüren ihres
Korsets beschäftigt)
Wenn ich nur einen Abend mal nicht auftrete, dann träume ich die ganze
Nacht hindurch, daß ich tanze, und fühle mich am folgenden Tag wie
gerädert ...
Escerny
Aber was könnte es Ihnen dabei ausmachen, statt dieses Pöbels nur
_einen_ Zuschauer, einen Auserwählten, vor sich zu sehen?
Lulu
Das könnte mir gleichgültig sein. Ich sehe ja doch niemanden.
Escerny
Ein erleuchteter Gartensaal -- das Plätschern vom See herauf ... Ich bin
auf meinen Forschungsreisen nämlich zur Ausübung eines ganz
unmenschlichen Despotismus gezwungen ...
Lulu
(vor dem Spiegel, sich eine Perlenkette um den Hals legend)
Eine gute Schule!
Escerny
Wenn ich mich jetzt darnach sehne, mich ohne irgendwelchen Vorbehalt der
Gewalt einer Frau zu überliefern, so ist das ein natürliches Bedürfnis
nach Abspannung ... Können Sie sich ein höheres Lebensglück für eine
Frau denken, als einen Mann vollkommen in ihrer Gewalt zu haben?
Lulu
(mit den Absätzen klirrend)
O ja!
Escerny (verwirrt)
Unter gebildeten Menschen finden Sie nicht Einen, der Ihnen gegenüber
nicht den Kopf verliert.
Lulu
Ihre Wünsche erfüllt Ihnen aber niemand, ohne Sie dabei zu hintergehen.
Escerny
Von einem Mädchen wie Sie betrogen zu werden, muß noch zehnmal
beglückender sein, als von jemand anders aufrichtig geliebt zu werden.
Lulu
Sie sind in Ihrem Leben noch von keinem Mädchen aufrichtig geliebt
worden! (sich rücklings gegen ihn stellend, auf ihr Korset deutend)
Würden Sie mir den Knoten auflösen. Ich habe mich zu fest geschnürt. Ich
bin immer so aufgeregt beim Ankleiden.
Escerny
(nach wiederholtem Versuch)
Ich bedaure; ich kann es nicht.
Lulu
Dann lassen Sie. Vielleicht kann ich es. (Geht nach rechts)
Escerny
Ich gestehe ein, daß es mir an Geschicklichkeit gebricht. Ich war
vielleicht im Verkehr mit Frauen nicht gelehrig genug.
Lulu
Dazu haben Sie in Afrika wohl auch nicht viel Gelegenheit?
Escerny (ernst)
Lassen Sie mich Ihnen offen gestehen, daß mir meine Vereinsamung in der
Welt manche Stunde verbittert.
Lulu
Gleich ist der Knoten auf ...
Escerny
Was mich zu Ihnen hinzieht, ist nicht Ihr Tanz. Es ist Ihre körperliche
und seelische Vornehmheit, wie sie sich in jeder Ihrer Bewegungen
offenbart. Wer sich so sehr wie ich für Kunstwerke interessiert, kann
sich darin nicht täuschen. Ich habe während zehn Abenden Ihr Seelenleben
aus Ihrem Tanze studiert, bis ich heute, als Sie als Blumenmädchen
auftraten, vollkommen mit mir ins Klare kam. Sie sind eine großangelegte
Natur -- uneigennützig. Sie können niemanden leiden sehen. Sie sind das
verkörperte Lebensglück. Als Gattin werden Sie einen Mann über alles
glücklich machen ... Ihr ganzes Wesen ist Offenherzigkeit. -- Sie wären
eine schlechte Schauspielerin ...
(Die elektrische Klingel tönt über der Tür)
Lulu
(hat die Schnüre ihres Korsets etwas gelockert, holt tief Atem,
mit den Absätzen klirrend)
Jetzt kann ich wieder atmen. Der Vorhang geht auf. (Sie nimmt vom
Mitteltisch ein Skirtdancekostüm -- Plissé, hellgelbe Seide, ohne
Taille, am Hals geschlossen, bis zu den Knöcheln reichend, weite
Blousenärmel, -- und wirft es sich über) Ich muß tanzen.
Escerny
(erhebt sich und küßt ihr die Hand)
Erlauben Sie mir, noch ein wenig hierzubleiben.
Lulu
Bitte, bleiben Sie.
Escerny
Ich bedarf etwas der Einsamkeit. (Lulu ab)
Sechster Auftritt
Escerny (allein)
Was ist Noblesse? -- Ist es Verschrobenheit, wie bei mir? -- Oder ist es
leibliche und geistige Vervollkommnung, wie bei diesem Mädchen? --
(Klatschen und Bravorufen wird hörbar) Wer mir den Glauben an die
Menschen zurückgibt, gibt mir mein Leben zurück. -- Sollten Kinder
dieser Frau nicht fürstlicher sein an Leib und Seele, als Kinder, deren
Mutter nicht mehr Lebensfähigkeit in sich hat, als ich bis heute in mir
fühlte? (Er setzt sich links vorn, schwärmerisch) Der Tanz hat ihren
Körper geadelt ...
Siebenter Auftritt
Alwa. Escerny.
Alwa
Man ist keinen Moment sicher, daß nicht ein armseliger Zufall der
Vorstellung den Garaus macht! (Er wirft sich rechts neben dem Spiegel in
den Armsessel, so daß die beiden Herren gerade umgekehrt wie vorher
placiert sind. Beide führen die Unterhaltung etwas blasiert und
apathisch)
Escerny
So dankbar hat sich das Publikum aber noch nie gezeigt.
Alwa
Sie hat den Skirtdance beendet.
Escerny
-- Ich höre sie kommen ...
Alwa
Sie kommt nicht. -- Sie hat keine Zeit. -- Sie wechselt das Kostüm
hinter der Kulisse.
Escerny
Sie hat zwei Ballerinakostüme, wenn ich nicht irre?
Alwa
Ich finde, daß ihr das weiße besser steht, als das in Rosa.
Escerny
Finden Sie?
Alwa
Sie nicht?
Escerny
Ich finde, sie sieht in dem weißen Tüll zu körperlos aus.
Alwa
Ich finde, sie sieht in dem Rosatüll zu animalisch aus.
Escerny
Ich finde das nicht.
Alwa
Der weiße Tüll bringt mehr das Kindliche ihrer Natur zum Ausdruck!
Escerny
Der Rosatüll bringt mehr das Weibliche ihrer Natur zum Ausdruck!
(Die elektrische Klingel tönt über der Tür)
Alwa (aufspringend)
Um Gottes willen, was ist da los!
Escerny
(sich gleichfalls erhebend)
Was ist mit Ihnen?
(Die elektrische Klingel tönt fort bis zum Schlusse der Szene)
Alwa
Da ist was passiert ...
Escerny
Wie können Sie gleich so erschrecken?
Alwa
Das muß eine höllische Verwirrung sein. (Ab)
Escerny (folgt ihm)
(Die Tür bleibt offen. Man hört gedämpfte Walzerklänge)
(Pause)
Achter Auftritt
Lulu
(in langem Theatermantel, tritt ein und zieht die Tür hinter sich
zu. Sie trägt ein Rosa-Ballettkostüm mit Blumenguirlanden, geht
quer über die Bühne und nimmt in dem Armsessel neben dem Spiegel
Platz. -- Pause)
Neunter Auftritt
Alwa. Lulu. -- Gleich darauf Schön.
Alwa
Sie hatten einen Ohnmachtsanfall?
Lulu
Ich bitte Sie, schließen Sie zu.
Alwa
Kommen Sie wenigstens auf die Bühne.
Lulu
Haben Sie ihn gesehen?
Alwa
Wen gesehen?
Lulu
Mit seiner Braut??
Alwa
Mit seiner ... (Zu Schön, der eintritt) Den Scherz hättest du dir sparen
können!
Schön
Was ist mit ihr? (Zu Lulu) Wie kannst du die Szene gegen mich
ausspielen!!
Lulu
Ich fühle mich wie geprügelt.
Schön
(nachdem er die Tür verriegelt)
Du wirst tanzen -- so wahr ich mir die Verantwortung für dich
aufgeladen!
Lulu
Vor Ihrer Braut?
Schön
Hast du ein Recht, dich darum zu kümmern, vor wem? -- Du bist hier
engagiert. Du erhältst deine Gage ...
Lulu
Ist das Ihre Sache?
Schön
Du tanzt vor Jedem, der sein Billet löst. Mit wem ich in meiner Loge
sitze, hat keine Beziehung zu deiner Tätigkeit!
Alwa
Wärest du in deiner Loge sitzen geblieben! (Zu Lulu) Sagen Sie mir
bitte, was ich tun soll. (Von außen wird gepocht) Da ist der Direktor.
(Ruft) Gleich, gleich. Einen Augenblick. (Zu Lulu) Sie werden uns nicht
zwingen wollen, die Vorstellung abzubrechen!
Schön
(zu Lulu)
Auf die Bühne mit dir!
Lulu
Lassen Sie mir nur einen Augenblick. Ich kann jetzt nicht. Mir ist
sterbenselend.
Alwa
Hol' der Henker den ganzen Kulissenkram!
Lulu
Schalten Sie die nächste Nummer ein. Das merkt kein Mensch, ob ich jetzt
tanze oder in fünf Minuten. Ich habe keine Kraft in den Füßen.
Alwa
Aber dann tanzen Sie?
Lulu
So gut ich kann ...
Alwa
So schlecht Sie wollen. (Da von außen gepocht wird) Ich komme. (Ab)
Zehnter Auftritt
Schön. Lulu.
Lulu
Sie haben recht, daß Sie mir zeigen, wo ich hingehöre. Das konnten Sie
nicht besser, als wenn Sie mich vor Ihrer Braut den Skirtdance tanzen
lassen ... Sie tun mir den größten Gefallen, wenn Sie mich darauf
hinweisen, was meine Stellung ist.
Schön (höhnisch)
Bei deiner Herkunft ist es ein Glück sondergleichen für dich, daß du
noch Gelegenheit hast, vor anständigen Leuten aufzutreten!
Lulu
Auch wenn Sie über meiner Schamlosigkeit nicht wissen, wohinsehen.
Schön
Albernes Geschwätz! -- Schamlosigkeit? -- Mach' aus der Tugend keine
Not! -- Deine Schamlosigkeit ist das, was man dir für jeden Schritt mit
Gold aufwiegt. Der eine schreit Bravo, der andere schreit Pfui -- das
heißt für dich das Gleiche! -- Kannst du dir einen glänzenderen Triumph
wünschen, als wenn sich ein anständiges Mädchen kaum in der Loge
zurückhalten läßt?!! Hat dein Leben denn ein anderes Ziel?! -- So lang
du noch einen Funken Achtung vor dir selber hast, bist du keine perfekte
Tänzerin! Je fürchterlicher es den Menschen vor dir graut, um so größer
stehst du in deinem Beruf da!!
Lulu
Es ist mir ja auch vollkommen gleichgültig, was man von mir denkt. Ich
möchte um alles nicht besser sein, als ich bin. Mir ist wohl dabei.
Schön
(in moralischer Empörung)
Das ist deine wahre Natur! Das nenne ich aufrichtig. -- Eine
Korruption!!
Lulu
Ich wüßte nicht, daß ich je einen Funken Achtung vor mir gehabt hätte.
Schön
(wird plötzlich mißtrauisch)
Keine Harlequinaden ...
Lulu
O Gott -- ich weiß sehr wohl, was aus mir geworden wäre, wenn Sie mich
nicht davor bewahrt hätten.
Schön
Bist du denn heute vielleicht etwas anderes??
Lulu
Gott sei dank, nein!
Schön
Das ist echt!
Lulu (lacht)
Und wie überglücklich ich dabei bin!
Schön (spuckt aus)
Wirst du jetzt tanzen?
Lulu
Wie und vor wem es ist!
Schön
Also dann auf die Bühne!!
Lulu
(kindlich bittend)
Nur eine Minute noch. Ich bitte Sie. Ich kann mich noch nicht aufrecht
halten. -- Man wird klingeln.
Schön
Du bist dazu geworden, trotz allem, was ich für deine Erziehung und dein
Wohl geopfert habe!
Lulu (ironisch)
Sie hatten Ihren veredelnden Einfluß überschätzt?
Schön
Verschone mich mit deinen Witzen.
Lulu
-- Der Prinz war hier.
Schön
So?
Lulu
Er nimmt mich mit nach Afrika.
Schön
Nach Afrika?
Lulu
Warum denn nicht? Sie haben mich ja zur Tänzerin gemacht, damit Einer
kommt und mich mitnimmt.
Schön
Aber doch nicht nach Afrika!
Lulu
Warum haben Sie mich denn nicht ruhig in Ohnmacht fallen lassen, und im
stillen dem Himmel dafür gedankt?
Schön
Weil ich leider keinen Grund hatte, an deine Ohnmacht zu glauben!
Lulu (spöttisch)
Sie hielten es unten nicht aus ...?
Schön
Weil ich dir zum Bewußtsein bringen muß, was du bist und zu wem du nicht
aufzublicken hast!
Lulu
Sie fürchteten, meine Glieder könnten doch vielleicht ernstlich Schaden
genommen haben?
Schön
Ich weiß zu gut, daß du unverwüstlich bist.
Lulu
Das wissen Sie also doch?
Schön (aufbrausend)
Sieh mich nicht so unverschämt an!!
Lulu
Es hält Sie niemand hier.
Schön
Ich gehe, sobald es klingelt.
Lulu
Sobald Sie die Energie dazu haben! -- Wo ist Ihre Energie? -- Sie sind
seit drei Jahren verlobt. Warum heiraten Sie nicht? -- Sie kennen keine
Hindernisse. Warum wollen Sie mir die Schuld geben? -- Sie haben mir
befohlen, Dr. Goll zu heiraten. Ich habe Dr. Goll gezwungen, mich zu
heiraten. Sie haben mir befohlen, den Maler zu heiraten. Ich habe gute
Miene zum bösen Spiel gemacht. -- Sie kreieren Künstler, Sie protegieren
Prinzen. Warum heiraten Sie nicht?
Schön (wütend)
Glaubst du denn vielleicht, daß du mir im Weg stehst?!
Lulu
(von jetzt an bis zum Schluß triumphierend)
Wüßten Sie, wie Ihre Wut mich glücklich macht! Wie stolz ich darauf bin,
daß Sie mich mit allen Mitteln demütigen! Sie erniedrigen mich so tief
-- so tief, wie man ein Weib erniedrigen kann, weil Sie hoffen, Sie
könnten sich dann eher über mich hinwegsetzen. Aber Sie haben sich
selber unsäglich weh getan durch alles, was Sie mir eben sagten. Ich
sehe es Ihnen an. Sie sind schon beinahe am Ende Ihrer Fassung. Gehen
Sie! Um Ihrer schuldlosen Braut willen, lassen Sie mich allein! Eine
Minute noch, dann schlägt Ihre Stimmung um, und Sie machen mir eine
andere Szene, die Sie jetzt nicht verantworten können!
Schön
Ich fürchte dich nicht mehr.
Lulu
Mich? -- Fürchten Sie sich selber! -- Ich bedarf Ihrer nicht. -- Ich
bitte Sie, gehen Sie! Geben Sie nicht mir die Schuld. Sie wissen, daß
ich nicht ohnmächtig zu werden brauchte, um Ihre Zukunft zu zerstören.
Sie haben ein unbegrenztes Vertrauen in meine Ehrenhaftigkeit! Sie
glauben nicht nur, daß ich ein bestrickendes Menschenkind bin; Sie
glauben auch, daß ich ein herzensgutes Geschöpf bin. Ich bin weder das
eine, noch das andere. Das Unglück für Sie ist nur, daß Sie mich dafür
halten.
Schön (verzweifelt)
Laß meine Gedanken gehen! Du hast zwei Männer unter der Erde. Nimm den
Prinzen, tanz' ihn in Grund und Boden! Ich bin fertig mit dir. Ich weiß,
wo der Engel bei dir zu Ende ist und der Teufel beginnt. Wenn ich die
Welt nehme, wie sie geschaffen ist, so trägt der Schöpfer die
Verantwortung, nicht ich! Mir ist das Leben keine Belustigung.
Lulu
Dafür stellen Sie auch Ansprüche an das Leben, wie sie höher niemand
stellen kann ... Sagen Sie mir, wer von uns beiden ist wohl
anspruchsvoller, Sie oder ich?!
Schön
Schweig! Ich weiß nicht, wie und was ich denke. Wenn ich dich höre,
denke ich nicht mehr. In acht Tagen bin ich verheiratet. Ich beschwöre
dich -- bei dem Engel, der in dir ist, komm mir derweil nicht mehr zu
Gesicht!
Lulu
Ich will meine Türe verschließen.
Schön
Prahl' noch mit dir! -- Ich habe, Gott ist mein Zeuge, seit ich mit der
Welt und dem Leben ringe, noch niemandem so geflucht!
Lulu
Das kommt von meiner niederen Herkunft.
Schön
Von deiner Verworfenheit!!
Lulu
Mit tausend Freuden nehme ich die Schuld auf mich! Sie müssen sich jetzt
rein fühlen. Sie müssen sich jetzt für den sittenstrengen
Mustermenschen, für den Tugendbold von unerschütterlichen Grundsätzen
halten -- sonst können Sie das Kind in seiner bodenlosen Unerfahrenheit
gar nicht heiraten ...
Schön
Willst du, daß ich mich an dir vergreife!
Lulu (rasch)
Ja! Ja! Was muß ich sagen, damit Sie es tun? Um kein Königreich möchte
ich jetzt mit dem unschuldigen Kinde tauschen! Dabei liebt das Mädchen
Sie, wie noch kein Weib Sie je geliebt hat!!
Schön
Schweig, Bestie! Schweig!
Lulu
Heiraten Sie sie -- dann tanzt sie in ihrem kindlichen Jammer vor
_meinen_ Augen statt ich vor ihr!
Schön
(hebt die Faust)
Verzeih' mir Gott ...
Lulu