Weißt du noch, wie ich dich der Korrektionspolizei aus den Krallen riß?

Lulu

Du hast viel Zutrauen ...

Schön

Weil ich eine Dirne nicht fürchte? Soll ich dir die Hand führen? Hast du

selbst kein Erbarmen mit dir? (Da Lulu den Revolver gegen ihn richtet)

Keinen blinden Lärm!

Lulu

(knallt einen Schuß gegen den Plafond)

Rodrigo

(springt aus der Portiere, die Treppe hinauf, über die Galerie

ab).

Schön

Was war das ...?

Lulu (harmlos)

Nichts.

Schön

(die Portiere hebend)

Was kam da herausgeflattert?

Lulu

Du leidest an Verfolgungswahn.

Schön

-- Hältst du noch mehr Männer hier versteckt? (Ihr den Revolver

entreißend) Ist sonst noch ein Mann bei dir zu Besuch? (Nach rechts

gehend) Ich will deine Männer regalieren! (Schlägt die Fenstergardinen

in die Höhe, wirft den Kaminschirm zurück, packt die Geschwitz am Kragen

und schleppt sie nach vorn) Kommen Sie durch den Rauchfang herunter?

Geschwitz

(in Todesangst zu Lulu)

Retten Sie mich vor ihm.

Schön

(sie schüttelnd)

Oder sind Sie auch Kunstturner?

Geschwitz (wimmernd)

Sie tun mir weh.

Schön

(sie schüttelnd)

Jetzt müssen Sie notwendig noch zum Diner bleiben. (Schleppt sie nach

links, stößt sie ins Nebenzimmer, verschließt die Tür hinter ihr) Wir

wollen keine Ausrufer. (Setzt sich neben Lulu, drängt ihr den Revolver

auf) Es ist noch genug für dich drin. -- Sieh mich an! Ich kann in

meinem Haus meinem Kutscher nicht helfen, mir die Stirn zu verzieren.

Sieh mich an! Ich bezahle meinen Kutscher. Sieh mich an! Vergönne ich

meinem Kutscher was, wenn ich den infamen Stallgeruch nicht verschnupfen

kann?

Lulu

Laß anspannen. Bitte. Wir fahren in die Oper.

Schön

Wir fahren zum Teufel! Jetzt kutschiere ich. (Den Revolver in ihrer Hand

von sich ab und auf Lulus Brust wendend) Glaubst du, man läßt sich

mißhandeln, wie du mich mißhandelst, und besinnt sich zwischen einer

Galeerenschande von Lebensabend und dem Verdienst, die Welt von _dir_ zu

befreien? (Hält sie am Arm nieder) Komm zu Ende. Es soll mir die

glücklichste Erinnerung meines Lebens sein. Drück' los!

Lulu

-- Du kannst dich scheiden lassen.

Schön

(sich erhebend)

Das war noch übrig. Damit morgen ein Nächster seinen Zeitvertreib

findet, wo ich von Abgrund zu Abgrund geschaudert, den Selbstmord im

Nacken und _dich_ vor mir. Das wagt sich dir über die Lippen? Was ich

von meinem Leben in dich hineingelebt, soll ich wilden Tieren

vorgeworfen sehen? Siehst du dein Bett mit dem Schlachtopfer darauf? Der

Junge hat Heimweh nach dir. -- Hast du dich scheiden lassen? Du hast ihn

unter die Füße getreten, ihm das Gehirn ausgeschlagen, sein Blut in

Goldstücken aufgefangen. Ich mich scheiden lassen! Läßt man sich

scheiden, wenn die Menschen ineinander hineingewachsen und der halbe

Mensch mitgeht? (Nach dem Revolver langend) Gib her.

Lulu

Erbarmen!

Schön

Ich will dir die Mühe abnehmen.

Lulu

(reißt sich von ihm los, den Revolver niederhaltend, in

entschiedenem selbstbewußten Ton)

-- Wenn sich die Menschen um meinetwillen umgebracht haben, so setzt das

meinen Wert nicht herab. -- Du hast so gut gewußt, weswegen du mich zur

Frau nimmst, wie ich gewußt habe, weswegen ich dich zum Mann nehme. --

Du hattest deine besten Freunde mit mir betrogen, du konntest nicht gut

auch noch dich selber mit mir betrügen. -- Wenn du mir deinen

Lebensabend zum Opfer bringst, so hast du meine ganze Jugend dafür

gehabt. Du verstehst dich zehnmal besser als ich darauf, was höher im

Wert steht. Ich habe nie in der Welt etwas anderes scheinen wollen, als

wofür man mich genommen hat, und man hat mich nie in der Welt für etwas

anderes genommen, als was ich bin. -- Du willst mich dazu zwingen, mir

eine Kugel ins Herz zu jagen. Ich bin keine sechzehn Jahre mehr; aber um

mir eine Kugel ins Herz zu jagen, dafür bin ich mir doch noch zu jung!

Schön

(auf sie eindringend)

Nieder, Mörderin! Nieder mit dir! In die Knie, Mörderin! (Er drängt sie

bis vor die Treppe. Die Hand erhebend) Nieder -- und wage nicht wieder

aufzustehn!

Lulu

(ist in die Knie gesunken).

Schön

Bete zu Gott, Mörderin, daß er dir Kraft gibt! Flehe zum Himmel, daß er

dir die Kraft dazu verleiht!

Hugenberg

(unter dem Tisch aufspringend, den Sessel beiseite stoßend)

Hilfe!

Schön

(wendet sich gegen Hugenberg, Lulu den Rücken kehrend).

Lulu

(feuert fünf Schüsse gegen Schön und hört nicht auf, den Revolver

abzudrücken).

Schön

(vornüberstürzend, von Hugenberg aufgefangen, der ihn in den

Sessel niederläßt)

Und -- da -- ist -- noch -- einer ...

Lulu

(auf Schön zustürzend)

Allbarmherziger ...

Schön

Aus meinen Augen! -- -- -- Alwa!

Lulu

(auf den Knien)

Der Einzige, den ich geliebt!

Schön

Dirne! Mörderin! -- Alwa! Alwa! -- Wasser!

Lulu

Wasser; er verdurstet. (Füllt ein Glas mit Champagner und setzt es Schön

an die Lippen)

Alwa

(kommt über die Galerie, die Treppe herunter)

Mein Vater! Um Gottes willen, mein Vater!

Lulu

Ich habe ihn erschossen.

Hugenberg

Sie ist unschuldig!

Schön

(zu Alwa)

Du bist es. Es ist mißglückt.

Alwa

(will ihn aufheben)

Du mußt zu Bett. Komm.

Schön

Faß mich nicht so an. -- Ich verdorre ...

Lulu

(kommt mit dem Champagnerkelch).

Schön (zu Lulu)

Du bleibst dir gleich. (Nachdem er getrunken, zu Alwa) Laß sie nicht

entkommen. -- Du bist der Nächste ...

Alwa

(zu Hugenberg)

Helfen Sie mir, ihn aufs Bett bringen.

Schön

Nein, nein, bitte, nein. Sekt, Mörderin ...

Alwa (zu Hugenberg)

Fassen Sie mit an. (nach links deutend) Ins Schlafzimmer. (Beide richten

Schön empor und führen ihn nach rechts. Lulu bleibt neben dem Tisch, das

Glas in der Hand)

Schön (stöhnend)

O Gott, o Gott, o Gott ...

Alwa

(findet die Tür verschlossen, dreht den Schlüssel und öffnet)

Gräfin Geschwitz

(tritt heraus)

Schön

(sich bei ihrem Anblick steif emporrichtend)

Der Teufel! -- (schlägt rücklings auf den Teppich)

Lulu

(wirft sich neben ihn, nimmt seinen Kopf auf den Schoß, küßt ihn)

Er hat es überstanden. -- (Richtet sich auf, will die Treppe hinan)

Alwa

Nicht von der Stelle! --

Geschwitz (zu Lulu)

Ich glaubte, du wärest es.

Lulu

(sich vor Alwa niederwerfend)

Du kannst mich nicht dem Gericht ausliefern. Es ist _mein_ Kopf, den man

mir abschlägt. Ich habe ihn erschossen, weil er mich erschießen wollte.

Ich habe keinen Menschen auf der Welt geliebt, als _ihn_. Alwa, verlang,

was du willst. Laß mich nicht der Gerechtigkeit in die Hände fallen. Es

ist schade um mich! Ich bin noch jung. Ich will dir treu sein mein Leben

lang. Ich will nur dir allein gehören. Sieh mich an, Alwa. -- Mensch,

sieh mich an! Sieh mich an!

(Von außen wird an die Türe gepoltert)

Alwa

Die Polizei. (Geht um zu öffnen)

Hugenberg

Ich werde von der Schule gejagt.

Georg Müller Verlag München

Frank Wedekind

Die junge Welt.

Komödie in drei Aufzügen.

2. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M.

Frühlings Erwachen.

Eine Kindertragödie.

25. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M.

Der Liebestrank.

Schwank in drei Aufzügen.

2. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M.

Erdgeist. (Lulu, I. Teil.)

Eine Tragödie.

3. Auflage. 2.50 M., gebunden 3.50 M.

Die vier Jahreszeiten.

Gedichte.

4. Auflage. 3.-- M., gebunden 4.-- M.

Feuerwerk.

Erzählungen.

4. und 5. Auflage. 3.-- M., gebunden 4.-- M.

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Drei Szenen.

4. Auflage. 1.50 M., gebunden 2.50 M.

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2. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M.

König Nicolo oder So ist das Leben.

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3. Auflage. geheftet 2.-- M., gebunden 3.-- M.

Tod und Teufel.

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3. und 4. Auflage. 1.50 M., gebunden 2.50 M.

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Anmerkungen zur Transkription

Der Text folgt der Ausgabe im Georg Müller Verlag, München und Leipzig,

1912.

Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend

beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter

Verwendung weiterer Ausgaben, korrigiert wie hier aufgeführt

(vorher/nachher):

[S. 35]:

... Wer will das je im Vorraus beurteilen! ...

... Wer will das je im Voraus beurteilen! ...

[S. 37]:

... doch Ihr Ballet? ...

... doch Ihr Ballett? ...

[S. 42]:

... Hören sie nicht? ...

... Hören Sie nicht? ...

[S. 78]:

... Posaune leben und auf alle himmlichen Freuden ...

... Posaune leben und auf alle himmlischen Freuden ...

[S. 79]:

... beisetzen lassen. -- Mit den Vorturteilen sind wir ...

... beisetzen lassen. -- Mit den Vorurteilen sind wir ...

[S. 82]:

... Daß weiß ich. (Ihr einen Sessel bietend) Darüber ...

... Das weiß ich. (Ihr einen Sessel bietend) Darüber ...

[S. 109]:

... Bringen sie das hinüber. ...

... Bringen Sie das hinüber. ...

[S. 112]:

... ganzen Leben in Trümmer! ...

... ganzes Leben in Trümmer! ...

[S. 123]:

... (tritt hinter der spanischen Wand vor, in antikem fußfreien ...

... (tritt hinter der spanischen Wand vor, in antikem fußfreiem ...

[S. 123]:

... ärmellosen weißen Kleid mit rotem Saum, einen ...

... ärmellosem weißem Kleid mit rotem Saum, einen ...

[S. 127]:

... Warum schreiben Sie ihre Stücke denn nicht ...

... Warum schreiben Sie Ihre Stücke denn nicht ...

[S. 128]:

... Ich habe ihre Rolle doch mit allen erdenklichen ...

... Ich habe Ihre Rolle doch mit allen erdenklichen ...

[S. 139]:

... (Klatschen und Bravorufe wird hörbar) Wer mir den ...

... (Klatschen und Bravorufen wird hörbar) Wer mir den ...

[S. 144]:

... So schlecht sie wollen. (Da von außen gepocht ...

... So schlecht Sie wollen. (Da von außen gepocht ...

[S. 145]:

... Auch wenn sie über meiner Schamlosigkeit ...

... Auch wenn Sie über meiner Schamlosigkeit ...

[S. 149]:

... Miene zum bösen Spiel gemacht. -- Sie kreiren ...

... Miene zum bösen Spiel gemacht. -- Sie kreieren ...

[S. 155]:

... und ihr einen flehendlichen Blick zuwirft) Schreiben ...

... und ihr einen flehentlichen Blick zuwirft) Schreiben ...

[S. 156]:

... Ich gebe ihnen mein Wort, daß ich Ihrer ...

... Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihrer ...

[S. 172]:

... Wie heißt den ihr Vater? ...

... Wie heißt denn ihr Vater? ...

[S. 191]:

... Läßt man sich scheiden, wenn die Menschen ineineinder ...

... Läßt man sich scheiden, wenn die Menschen ineinander ...

Erdgeist · 第 5 / 5 段