Bist du verrückt?!
Lulu
(sich zurückwendend)
Aha!
Schön
Ich mache die übermenschlichsten Anstrengungen, um dich in der
Gesellschaft zu erhöhen. Auf deinen Namen kannst du zehnmal stolzer
sein, als auf meine Vertraulichkeit ...
Lulu
(kommt die Stufen herunter, legt Schön den Arm um den Hals)
Was fürchten Sie denn jetzt noch, wo Sie am Ziel Ihrer Wünsche sind?
Schön
Keine Komödie! Am Ziel meiner Wünsche? Ich habe mich verlobt, endlich!
Ich habe jetzt den Wunsch, meine Braut unter ein reines Dach zu führen.
Lulu
(sich setzend)
Sie ist zum Entzücken aufgeblüht in den zwei Jahren.
Schön
Sie sieht einem nicht mehr so ernsthaft durch den Kopf.
Lulu
Sie ist jetzt erst ganz Weib. Wir können einander treffen, wo es Ihnen
angemessen scheint.
Schön
Wir werden einander nirgends treffen, es sei denn in Gesellschaft Ihres
Mannes!
Lulu
Sie glauben selber nicht an das, was Sie sagen.
Schön
Dann muß doch Er daran glauben. Ruf' ihn nur! Durch seine Verheiratung
mit dir, durch das, was ich für ihn getan, ist er mein Freund geworden.
Lulu
(sich erhebend)
Meiner auch.
Schön
Dann werde ich mir das Schwert über dem Kopf herunterschneiden.
Lulu
Sie haben mich ja an die Kette gelegt. Ihnen verdanke ich doch mein
Glück. Sie bekommen Freunde die Menge, wenn Sie erst wieder eine hübsche
junge Frau haben.
Schön
Du beurteilst die Frauen nach dir! -- Er ist ein Kindergemüt. Er wäre
deinen Seitensprüngen sonst längst auf die Spur gekommen.
Lulu
Ich wünsche nicht mehr! Er würde seine Kinderschuhe dann endlich
ausziehen. Er pocht darauf, daß er den Heiratskontrakt in der Tasche
hat. Die Mühe ist überstanden. Jetzt kann man sich geben und sich gehen
lassen, wie zu Hause. Er ist kein Kindergemüt! Er ist banal. Er hat
keine Erziehung. Er sieht nichts. Er sieht mich nicht und sich nicht. Er
ist blind, blind, blind ...
Schön
(halb für sich)
Wenn dem die Augen aufgehen!!
Lulu
Öffnen Sie ihm die Augen! Ich verkomme. Ich vernachlässige mich. Er
kennt mich gar nicht. Was bin ich ihm. Er nennt mich Schätzchen und
kleines Teufelchen. Er würde jeder Klavierlehrerin das gleiche sagen. Er
erhebt keine Pretensionen. Alles ist ihm recht. Das kommt, weil er nie
in seinem Leben das Bedürfnis gefühlt hat, mit Frauen zu verkehren.
Schön
Ob das wahr ist!
Lulu
Er gesteht es ja ganz offen ein.
Schön
Jemand, der seit seinem vierzehnten Jahr Kreti und Pleti porträtiert.
Lulu
Er hat Angst vor Frauen. Er bebt für sein Wohlbefinden. -- Mich fürchtet
er nicht!
Schön
Wie manches Mädchen würde sich in deinem Fall Gott weiß wie selig
preisen.
Lulu
(zärtlich bittend)
Verführen Sie ihn. Sie verstehen sich darauf. Bringen Sie ihn in
schlechte Gesellschaft. Sie haben die Bekanntschaften. Ich bin ihm
nichts als Weib und wieder Weib. Ich fühle mich so blamiert. Er wird
stolzer auf mich sein. Er kennt keine Unterschiede. Ich denke mir das
Hirn aus, Tag und Nacht, um ihn aufzurütteln. In meiner Verzweiflung
tanze ich Cancan. Er gähnt und faselt etwas von Obscönität.
Schön
Unsinn. Er ist doch Künstler.
Lulu
Er glaubt es wenigstens zu sein.
Schön
Das ist schon die Hauptsache!
Lulu
Wenn ich mich als Modell hinstelle. Er glaubt auch, er sei ein berühmter
Mann.
Schön
Dazu haben wir ihn auch gemacht!
Lulu
Er glaubt alles! Er ist mißtrauisch, wie ein Dieb und läßt sich anlügen,
daß man jeden Respekt verliert. Als wir uns kennen lernten, machte ich
ihm weis, ich hätte noch nie geliebt ...
Schön
(fällt in einen Lehnsessel)
Lulu
Er hätte mich ja sonst für ein verworfenes Geschöpf gehalten!
Schön
-- Du stellst weiß Gott was für exorbitante Anforderungen an _legitime_
Verhältnisse!
Lulu
Ich stelle keine exorbitanten Anforderungen. Oft träumt mir sogar noch
von Goll.
Schön
Der war allerdings nicht banal.
Lulu
Er ist da, als wär' er nie fortgewesen. Nur geht er wie auf Socken. Er
ist mir nicht böse. Er ist furchtbar traurig. Und dann ist er furchtsam,
als wäre er ohne polizeiliche Erlaubnis da. Sonst fühlt er sich
behaglich mit uns. Nur kommt er nicht darüber hinweg, daß ich seither so
viel Geld zum Fenster hinausgeworfen habe ...
Schön
Du sehnst dich nach der Peitsche zurück!
Lulu
Mag sein. Ich tanze nicht mehr.
Schön
Erzieh' ihn dir dazu.
Lulu
Das wäre verlorne Müh'!
Schön
Unter hundert Frauen sind neunzig, die sich ihre Männer erziehen.
Lulu
Er liebt mich.
Schön
Das ist freilich fatal.
Lulu
Er liebt mich ...
Schön
Das ist eine unüberbrückbare Kluft.
Lulu
Er kennt mich nicht, aber er liebt mich! Hätte er nur eine annähernd
richtige Vorstellung von mir, er würde mir einen Stein an den Hals
binden und mich im Meer versenken, wo es am tiefsten ist!
Schön (sich erhebend)
Kommen wir zu Ende!
Lulu
Wie Ihnen beliebt.
Schön
Ich habe dich verheiratet. Ich habe dich zweimal verheiratet. Du lebst
im Luxus. Ich habe deinem Mann eine Position geschaffen. Wenn dir das
nicht genügt und er sich dazu ins Fäustchen lacht, ich trage mich nicht
mit idealen Forderungen, aber -- laß mich dabei aus dem Spiel!
Lulu
(mit entschlossenem Ton)
Wenn ich einem Menschen auf dieser Welt angehöre, gehöre ich Ihnen. Ohne
Sie wäre ich -- ich will nicht sagen wo. Sie haben mich bei der Hand
genommen, mir zu essen gegeben, mich kleiden lassen, als ich Ihnen die
Uhr stehlen wollte. Glauben Sie, das vergißt sich? Jeder andere hätte
den Schutzmann gerufen. Sie haben mich zur Schule geschickt und mich
Lebensart lernen lassen. Wer außer Ihnen auf der ganzen Welt hat je
etwas für mich übrig gehabt? Ich habe getanzt und Modell gestanden und
war froh, meinen Lebensunterhalt damit verdienen zu können. Aber auf
Kommando _lieben_, das kann ich nicht!
Schön
(die Stimme hebend)
Laß _mich_ aus dem Spiel! Tu' was du willst. Ich komme nicht, um Skandal
zu machen. Ich komme, um mir den Skandal vom Halse zu schaffen. Meine
Verbindung kostet mich Opfer genug! Ich hatte vorausgesetzt, mit einem
gesunden jungen Mann, wie ihn sich eine Frau in deinem Alter nicht
besser wünschen kann, würdest du dich endlich zufrieden geben. Wenn du
mir verpflichtet bist, dann wirf dich mir nicht zum drittenmal in den
Weg! Soll ich denn noch länger warten, bis ich mein Teil in Sicherheit
bringe? Soll ich riskieren, daß mir der ganze Erfolg meiner Konzessionen
nach zwei Jahren wieder ins Wasser fällt? Was hilft mir dein
Verheiratetsein, wenn man dich zu jeder Stunde des Tages bei mir ein-
und ausgehen sieht? -- Warum zum Teufel ist Dr. Goll nicht auch
wenigstens ein Jahr noch am Leben geblieben! Bei dem warst du in
Verwahrung. Dann hätte ich meine Frau längst unter Dach!
Lulu
Was hätten Sie dann! Das Kind fällt Ihnen auf die Nerven. Das Kind ist
zu unverdorben für Sie. Das Kind ist viel zu sorgfältig erzogen. Was
sollte ich gegen Ihre Verheiratung haben! Aber Sie täuschen sich über
sich selber, wenn Sie glauben, mir Ihrer bevorstehenden Verheiratung
wegen Ihre Verachtung zum Ausdruck geben zu dürfen!
Schön
Verachtung?! -- Ich werde dem Kind schon die richtige Façon geben! Wenn
etwas verachtenswert ist, so sind es deine Intriguen!
Lulu (lachend)
Bin ich auf das Kind eifersüchtig? -- Das kann mir doch gar nicht
einfallen ...
Schön
Wieso denn das Kind! Das Kind ist nicht einmal ein ganzes Jahr jünger
als du. Laß mir meine Freiheit, zu leben, was ich noch zu leben habe!
Sei das Kind erzogen, wie es will, das Kind hat gerade so wie du seine
fünf Sinne ...
Vierter Auftritt
Schwarz. Die Vorigen
Schwarz
(einen Pinsel in der Hand, links unter der Portiere)
Was ist denn los?
Lulu (zu Schön)
Nun? Reden Sie doch.
Schwarz
Was habt ihr denn?
Lulu
Nichts was dich betrifft ...
Schön (rasch)
Ruhig!
Lulu
Man hat mich satt.
Schwarz
(führt Lulu nach links ab)
Schön
(blättert in einem der Bücher, die auf dem Tisch liegen)
Es mußte zur Sprache kommen. -- -- Ich muß endlich die Hände frei haben.
Schwarz (zurückkommend)
Ist denn das eine Art zu scherzen?
Schön
(auf einen Sessel deutend)
Bitte.
Schwarz
Was ist denn?
Schön
Bitte.
Schwarz (sich setzend)
Nun?
Schön (sich setzend)
Du hast eine halbe Million geheiratet ...
Schwarz
Ist sie weg?
Schön
Nicht ein Pfennig.
Schwarz
Erklär' mir den eigentümlichen Auftritt.
Schön
Du hast eine halbe Million geheiratet ...
Schwarz
Daraus kann man mir kein Verbrechen machen.
Schön
Du hast dir einen Namen geschaffen. Du kannst unbehelligt arbeiten. Du
brauchst dir keinen Wunsch zu versagen ...
Schwarz
Was habt ihr beide denn gegen mich?
Schön
Seit sechs Monaten schwelgst du in allen Himmeln. Du hast eine Frau, um
deren Vorzüge die Welt dich beneidet und die einen Mann verdient, den
sie achten kann ...
Schwarz
Achtet sie mich nicht?
Schön
Nein.
Schwarz (beklommen)
-- Ich komme aus den düstren Tiefen der Gesellschaft. Sie ist von oben
her. Ich hege keinen heißeren Wunsch, als ihr ebenbürtig zu werden.
(Schön die Hand reichend) Ich danke dir.
Schön
(halb verlegen seine Hand drückend)
Bitte, bitte.
Schwarz
(mit Entschlossenheit)
Sprich!
Schön
Nimm sie etwas mehr unter Aufsicht.
Schwarz
Ich -- sie?
Schön
Wir sind keine Kinder! Wir tändeln nicht. Wir leben. -- Sie fordert
ernst genommen zu werden. Ihr Wert gibt ihr das volle Recht dazu.
Schwarz
Was tut sie denn?
Schön
-- Du hast eine halbe Million geheiratet!
Schwarz
(erhebt sich, außer sich)
Sie ...
Schön
(nimmt ihn bei der Schulter)
Nein, das ist der Weg nicht! (Nötigt ihn sich zu setzen) Wir haben hier
sehr ernst mit einander zu sprechen.
Schwarz
Was tut sie?!
Schön
Rechne dir erst genau an den Fingern nach, was du ihr zu verdanken hast,
und dann ...
Schwarz
Was tut sie -- Mensch!!
Schön
Und dann mach' dich für deine Fehler verantwortlich und nicht sonst
jemand.
Schwarz
Mit wem? Mit wem?
Schön
Wenn wir uns schießen sollen ...
Schwarz
Seit wann denn?!
Schön (ausweichend)
-- Ich komme nicht hierher, um Skandal zu machen. Ich komme, um dich vor
dem Skandal zu retten.
Schwarz (kopfschüttelnd)
-- Du hast sie mißverstanden.
Schön (verlegen)
Damit ist mir nicht gedient. Ich kann dich in deiner Blindheit nicht so
weiterleben sehen. Das Mädchen verdient eine anständige Frau zu sein.
Sie hat sich, seit ich sie kenne, zu ihrem Besseren entwickelt.
Schwarz
Seit du sie kennst? -- Seit wann kennst du sie denn?
Schön
Etwa seit ihrem zwölften Jahr.
Schwarz (verwirrt)
Davon hat sie mir nichts gesagt.
Schön
Sie verkaufte Blumen vor dem Alhambra-Café. Sie drückte sich barfuß
zwischen den Gästen durch, jeden Abend zwischen zwölf und zwei.
Schwarz
Davon hat sie mir nichts gesagt.
Schön
Daran hat sie recht getan! Ich sage es dir, damit du siehst, daß du es
nicht mit moralischer Verworfenheit zu tun hast. Das Mädchen ist im
Gegenteil außergewöhnlich gut veranlagt.
Schwarz
Sie sagte, sie sei bei einer Tante aufgewachsen.
Schön
Das war die Frau, der ich sie übergab. Sie war die beste Schülerin. Die
Mütter stellten sie ihren Kindern als Vorbild hin. Sie besitzt
Pflichtgefühl. Es ist einzig und allein dein Versehen, wenn du bis jetzt
versäumt hast, sie bei ihren besten Seiten zu nehmen.
Schwarz (schluchzend)
O Gott ...!
Schön (mit Nachdruck)
Kein o Gott!! An dem Glück, das du gekostet, kann nichts etwas ändern.
Geschehen ist geschehen. Du überschätzest dich gegen besseres Wissen,
wenn du dir einredest, zu verlieren. Es gilt zu gewinnen. Mit dem »O
Gott« ist nichts gewonnen. Einen größeren Freundschaftsdienst habe ich
dir noch nicht erwiesen. Ich spreche offen und biete dir meine Hilfe.
Zeig' dich dessen nicht unwürdig!
Schwarz
(von jetzt an mehr und mehr in sich zusammenbrechend)
Als ich sie kennen lernte, sagte sie mir, sie habe noch nie geliebt.
Schön
Wenn eine Witwe das sagt! Ihr gereicht es zur Ehre, daß sie dich zum
Manne gewählt. Stelle die nämliche Anforderung an dich, und dein Glück
ist makellos.
Schwarz
Er habe sie kurze Kleider tragen lassen.
Schön
Er hat sie doch geheiratet! -- Das war ihr Meisterstreich. Wie sie den
Mann dazu gebracht, ist mir unfaßlich. Du mußt es jetzt ja wissen. Du
genießt die Früchte ihrer Diplomatie.
Schwarz
Woher kannte Dr. Goll sie denn?
Schön
Durch mich! -- Es war nach dem Tode meiner Frau, als ich die ersten
Beziehungen zu meiner gegenwärtigen Verlobten anknüpfte. Sie stellte
sich dazwischen. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, meine Frau zu
werden.
Schwarz
(wie von einer entsetzlichen Ahnung befallen)
Und als ihr Mann dann starb?
Schön
-- Du hast eine halbe Million geheiratet!!
Schwarz (jammernd)
Wär' ich geblieben, wo ich war! Wär' ich Hungers gestorben!
Schön (mit Überlegenheit)
Glaubst du denn, ich mache keine Zugeständnisse? Wer macht keine
Zugeständnisse? Du hast eine halbe Million geheiratet. Du bist heute
einer der ersten Künstler. Dazu kommt man nicht ohne Geld. Du bist nicht
derjenige, um über sie zu Gericht zu sitzen. Bei einer Herkunft, wie sie
Mignon hat, kannst du unmöglich mit den Begriffen der bürgerlichen
Gesellschaft rechnen.
Schwarz (ganz wirr)
Von wem sprichst du denn?
Schön
Ich spreche von ihrem Vater. Du bist Künstler, sag' ich. Deine Ideale
liegen auf einem andern Gebiete, als die eines Lohnarbeiters.
Schwarz
Ich verstehe von alledem kein Wort.
Schön
Ich spreche von den menschenunwürdigen Verhältnissen, aus denen sich das
Mädchen dank seiner Führung zu dem entwickelt hat, was sie ist!
Schwarz
Wer denn?
Schön
Wer denn? -- Deine Frau.
Schwarz
_Eva??_
Schön
Ich nannte sie Mignon.
Schwarz
Ich meinte, sie hieße Nellie?
Schön
So nannte sie Dr. Goll.
Schwarz
Ich nannte sie Eva ...
Schön
Wie sie eigentlich hieß, weiß ich nicht.
Schwarz (geistesabwesend)
Sie weiß es vielleicht.
Schön
Bei einem Vater, wie sie ihn hat, ist sie ja bei allen Fehlern, das
helle Wunder. Ich verstehe dich nicht ...
Schwarz
Er ist im Irrenhause gestorben ...?
Schön
Er war ja eben hier!
Schwarz
Wer war da?
Schön
Ihr Vater.
Schwarz
Hier -- bei mir?
Schön
Er drückte sich, als ich kam. Da stehen ja noch die Gläser.
Schwarz
Sie sagt, er sei im Irrenhause gestorben.
Schön (ermutigend)
Laß sie Autorität fühlen! Sie verlangt nicht mehr, als unbedingt
Gehorsam leisten zu dürfen. Bei Dr. Goll war sie wie im Himmel, und mit
dem war nicht scherzen.
Schwarz (kopfschüttelnd)
Sie sagte, sie habe noch nie geliebt ...
Schön
Aber mach' mit dir selber den Anfang. Raff' dich zusammen.
Schwarz
Geschworen hat sie!
Schön
Du kannst kein Pflichtgefühl fordern, bevor du nicht deine eigene
Aufgabe kennst.
Schwarz
Bei dem Grabe ihrer Mutter!!
Schön
Sie hat ihre Mutter nie gekannt. Geschweige das Grab. -- Ihre Mutter hat
gar kein Grab.
Schwarz (verzweifelt)
Ich passe nicht hinein in die Gesellschaft.
Schön
Was hast du?
Schwarz
Einen grauenhaften Schmerz.
Schön
(erhebt sich, tritt zurück, nach einer Pause)
Wahr' sie dir, weil sie dein ist. -- Der Moment ist entscheidend. Sie
kann morgen für dich verloren sein.
Schwarz
(auf die Brust deutend)
Hier, hier.
Schön
Du hast eine halbe ... (sich besinnend) Sie ist dir verloren, wenn du
den Augenblick versäumst!
Schwarz
Wenn ich weinen könnte! -- Oh, wenn ich schreien könnte!
Schön
(legt ihm die Hand auf die Schulter)
Dir ist elend ...
Schwarz
(sich erhebend, anscheinend ruhig)
Du hast recht, ganz recht.
Schön
(seine Hand ergreifend)
Wo willst du hin?
Schwarz
Mit ihr sprechen.
Schön
Recht so. (Begleitet ihn zur Türe rechts)
Fünfter Auftritt
Schön. Gleich darauf Lulu.
Schön (zurückkommend)
Das war ein Stück Arbeit. (Nach einer Pause, nach links sehend) Er hatte
sie doch vorher ins Atelier gebracht ..?
(Fürchterliches Stöhnen von rechts)
Schön
(eilt an die Tür rechts, findet sie verschlossen)
Mach' auf! Mach' auf!
Lulu
(links aus der Portiere tretend)
Was ist ...
Schön
Mach' auf!
Lulu
(kommt die Stufen herab)
Das ist grauenvoll.
Schön
Hast du kein Beil in der Küche?
Lulu
Er wird schon aufmachen ...
Schön
Ich mag sie nicht eintreten.
Lulu
Wenn er sich ausgeweint hat.
Schön
(gegen die Tür stampfend)
Mach' auf! (Zu Lulu) Hol' mir ein Beil.
Lulu
Zum Arzt schicken ...
Schön
Du bist nicht bei Trost.
Lulu
Das geschieht Ihnen recht.
(Es läutet auf dem Korridor. Schön und Lulu starren einander an.)
Schön
(schleicht nach hinten, bleibt in der Tür stehen)
Ich darf mich jetzt hier nicht sehen lassen.
Lulu
Vielleicht der Kunsthändler. (Es läutet)
Schön
Aber wenn wir nicht antworten ...
Lulu
(schleicht nach der Türe)
Schön
(hält sie auf)
Bleib. Man ist sonst auch nicht immer gleich bei der Hand. (Geht auf den
Fußspitzen hinaus)
Lulu
(kehrt zu der verschlossenen Tür zurück und horcht)
Sechster Auftritt
Alwa. Schön. Die Vorigen. Später Henriette
Schön
(Alwa hereinführend)
Sei bitte ruhig.
Alwa (sehr aufgeregt)
In Paris ist Revolution ausgebrochen.
Schön
Sei ruhig.
Alwa (zu Lulu)
Sie sind totenbleich.
Schön
(an der Tür rüttelnd)
Walter! -- Walter! (Man hört röcheln)
Lulu
Gott erbarm dich ...
Schön
Hast du kein Beil geholt?
Lulu
Wenn eines da ist ... (Zögernd nach rechts hinten ab)
Alwa
Er mystifiziert uns.
Schön
In Paris ist Revolution ausgebrochen?
Alwa
Auf der Redaktion rennen sie sich den Kopf gegen die Wand. Keiner weiß,
was er schreiben soll.
(Es läutet auf dem Korridor)
Schön
(gegen die Tür stampfend)
Walter!
Alwa
Soll ich sie einrennen?
Schön
Das kann ich auch. Wer da noch kommen mag! (Sich emporrichtend) Das
freut sich des Lebens und läßt es andere verantworten!
Lulu
(kommt mit einem Küchenbeil zurück)
Henriette ist nach Hause gekommen.
Schön
Schließ' die Tür hinter dir.
Alwa
Geben Sie her. (Nimmt das Beil und stößt es zwischen Pfosten und
Türschloß)
Schön
Du mußt es kräftiger fassen.
Alwa
Es kracht schon. (Die Tür springt aus dem Schloß. Er läßt das Beil
fallen und taumelt zurück) -- -- (Pause)
Lulu
(auf die Tür deutend, zu Schön)
Nach Ihnen.
Schön
(weicht zurück).
Lulu
Ihnen wird -- schwindelig ...?
Schön
(wischt sich den Schweiß von der Stirn und tritt ein)
Alwa
(auf der Chaiselongue)
Gräßlich!
Lulu
(sich am Türpfosten haltend, die Finger zum Mund erhoben, schreit
jäh auf)
Oh! -- Oh! (Eilt zu Alwa) Ich kann nicht hier bleiben.
Alwa
Grauenhaft!
Lulu
(ihn bei der Hand nehmend)
Kommen Sie.
Alwa
Wohin?
Lulu
Ich kann nicht allein sein. (Mit Alwa nach links ab.)
Schön
(kommt von rechts zurück, ein Schlüsselbund in der Hand; die Hand
zeigt Blut; zieht die Tür hinter sich zu, geht zum Schreibtisch,
schließt auf und schreibt zwei Billets)
Alwa
(von links zurückkommend)
Sie zieht sich um.
Schön
Sie ist fort?
Alwa
Auf ihr Zimmer. Sie zieht sich um.
Schön (klingelt).
Henriette (tritt ein).
Schön
Sie wissen, wo der Doktor Bernstein wohnt.
Henriette
Gewiß, Herr Doktor. Gleich nebenan.
Schön
(ihr ein Billet gebend)
Bringen Sie das hinüber.
Henriette
Im Falle, daß der Herr Doktor nicht zu Hause sind?
Schön
Er ist zu Hause. (Ihr das andere Billet gebend) Und das bringen Sie auf
die Polizeidirektion. Nehmen Sie eine Droschke.
Henriette (ab)
Schön
Ich bin gerichtet.
Alwa
Mir erstarrt das Blut.
Schön (nach rechts)
Der Narr!
Alwa
Es ist ihm wohl ein Licht aufgegangen?
Schön
Er hat sich zuviel mit sich selbst beschäftigt.
Lulu
(auf den Stufen links in Staubmantel und Spitzenhut).
Alwa
Wo wollen Sie denn jetzt hin?
Lulu
Hinaus. Ich sehe es an allen Wänden.
Schön
Wo hat er seine Papiere?
Lulu
Im Schreibtisch.
Schön (am Schreibtisch)
Wo?
Lulu
Rechts unten. (Kniet vor dem Schreibtisch nieder, öffnet eine Schublade
und leert die Papiere auf den Boden) Hier. Es ist nichts zu fürchten. Er
hatte keine Geheimnisse.
Schön
Jetzt kann ich mich von der Welt zurückziehen.
Lulu (knieend)
Schreiben Sie ein Feuilleton. Nennen Sie ihn Michel Angelo.
Schön
Was hilft das -- (nach rechts deutend) Da liegt meine Verlobung.
Alwa
Das ist der Fluch deines Spiels!
Schön
Schrei es durch die Straßen!!
Alwa
(auf Lulu deutend)
Hättest du, als meine Mutter starb, an dem Mädchen gehandelt, wie es
recht und billig gewesen wäre.
Schön (nach rechts)
Da verblutet meine Verlobung!
Lulu (sich erhebend)
Ich bleibe nicht länger hier.
Schön
In einer Stunde verkauft man die Extrablätter. Ich darf mich nicht über
die Straße wagen.
Lulu
Was können Sie denn dafür?
Schön
Deshalb gerade! Mich steinigt man dafür!
Alwa
Du mußt verreisen.
Schön
Um dem Skandal freies Feld zu lassen!
Lulu
(an der Chaiselongue)
Vor zehn Minuten noch lag er hier.
Schön
Das ist der Dank, für das, was ich für ihn getan habe! Wirft mir in
einer Sekunde mein ganzes Leben in Trümmer!
Alwa
Mäßige dich, bitte!
Lulu
(auf der Chaiselongue)
Wir sind unter uns.
Alwa
Und wie!
Schön
(zu Lulu)
Was willst du der Polizei sagen?
Lulu
Nichts.
Alwa
Er wollte seinem Geschick nichts schuldig bleiben.
Lulu
Er hatte immer gleich Mordgedanken.
Schön
Er hatte, was sich ein Mensch nur erträumen kann!
Lulu
Er hat es teuer bezahlt.
Alwa
Er hatte, was _wir_ nicht haben!
Schön
(jäh aufbrausend)
Ich kenne deine Gründe. Ich habe nicht Ursache, Rücksicht auf dich zu
nehmen! Wenn du alles in Bewegung setzst, um keine Geschwister neben dir
zu haben, so ist das für mich ein Grund mehr, mir andere Kinder zu
erziehen.
Alwa
Du bist ein schlechter Menschenkenner.
Lulu
Geben Sie doch selber ein Extrablatt aus.
Schön
(im Ton der heftigsten Empörung)
Er hatte kein moralisches Gewissen! (indem er plötzlich seine Fassung
wiedergewinnt) Paris revolutioniert --?
Alwa
Unsere Redakteure sind wie vom Schlag getroffen. Alles stockt.
Schön
Das muß mir darüber hinweghelfen! -- -- Wenn nun nur die Polizei käme.
Die Minuten sind nicht mit Gold zu bezahlen.
(Es läutet auf dem Korridor)
Alwa
Da sind sie ...
Schön
(will zur Türe)
Lulu (aufspringend)
Warten Sie, Sie haben Blut.
Schön
Wo ...?
Lulu
Warten Sie, ich wische es weg. (Besprengt ihr Taschentuch mit Heliotrop
und wischt Schön das Blut von der Hand)
Schön
Es ist deines Gatten Blut.
Lulu
Es läßt keine Flecken.
Schön
Ungeheuer!
Lulu
Sie heiraten mich ja doch.
(Es läutet auf dem Korridor)
Lulu
Nur Geduld, Kinder.
Schön
(rechts hinten ab)
Siebenter Auftritt
Escherich. Die Vorigen.
Escherich
(von Schön hereingeleitet, atemlos)
Erlauben Sie, daß ich -- daß ich mich Ihnen -- Ihnen vorstelle ...
Schön
Sie sind gelaufen?
Escherich
(seine Karte überreichend)
Von der Polizeidirektion her. Ein Selbstmord, hör' ich.
Schön (liest)
Fritz Escherich, Korrespondent der Kleinen Neuigkeiten. -- Kommen Sie.
Escherich
Einen Moment. (Nimmt Notizbuch und Bleistift vor, sieht sich im Salon
um, schreibt einige Worte, verbeugt sich gegen Lulu, schreibt, wendet
sich zu der erbrochenen Tür, schreibt) Ein Küchenbeil ... (Will es
aufheben).
Schön
(ihn zurückhaltend)
Bitte.
Escherich (schreibt)
Tür aufgebrochen mit Küchenbeil. (Untersucht das Schloß.)
Schön
(die Hand an der Tür)
Sehen Sie sich vor, mein Lieber.
Escherich
Wenn Sie jetzt die Liebenswürdigkeit haben wollen, die Tür zu öffnen.
Schön
(öffnet die Türe).
Escherich
(läßt Buch und Bleistift fallen, fährt sich in die Haare)
O du barmherziger Himmel noch mal ...!
Schön
Sehen Sie sich alles genau an!
Escherich
Ich kann nicht hinsehen.
Schön
(ihn höhnisch anschnauzend)
Wozu sind Sie denn hergekommen!!
Escherich
Sich mit dem -- Ra -- Rasiermesser -- den Ha -- Hals abschneiden ...
Schön
Haben Sie alles gesehen?
Escherich
Das muß ein Gefühl sein!
Schön
(zieht die Tür zu, tritt zum Schreibtisch)
Setzen Sie sich. Hier ist Papier und Feder. Schreiben Sie.
Escherich
(der mechanisch Platz genommen)
Ich kann nicht schreiben ...
Schön
(hinter seinem Stuhl stehend)
Schreiben Sie! -- Verfolgungswahn ...
Escherich (schreibt)
Ver--fol--gungs--wahn.
(Es läutet auf dem Korridor)
Dritter Aufzug
Garderobe im Theater, mit rotem Tuch ausgeschlagen. Links hinten
die Tür. Rechts hinten eine spanische Wand. In der Mitte, mit der
Schmalseite gegen den Zuschauer, ein langer Tisch, auf dem
Tanzkostüme liegen. Rechts und links vom Tisch je ein Sessel.
Links vorn Tischchen mit Sessel. Rechts vorn ein hoher Spiegel,
daneben ein hoher, sehr breiter, altmodischer Armsessel. Vor dem
Spiegel ein Puff, Schminkschatulle etc. etc.
Erster Auftritt.
Lulu. Alwa, gleich darauf Schön.
Alwa
(links vorn, füllt zwei Gläser mit Champagner und Rotwein)
Seit ich für die Bühne arbeite, habe ich kein Publikum so außer Rand und
Band gesehen.
Lulu
(unsichtbar, hinter der spanischen Wand)
Geben Sie mir nicht zuviel Rotwein. -- Sieht er mich heute?
Alwa
Mein Vater?
Lulu
Ja.
Alwa
Ich weiß nicht, ob er im Theater ist.
Lulu
Er will mich wohl gar nicht sehen?
Alwa
Er hat so wenig Zeit.
Lulu
Seine _Braut_ nimmt ihn in Anspruch.
Alwa
Spekulationen. Er gönnt sich keine Ruhe. -- (Da Schön eintritt) Du? Eben
sprechen wir von dir.
Lulu
Ist er da?
Schön