Sie verstehen mich nicht. -- Wer gibt Ihnen denn den Unterri

Frank Wedekind

Erdgeist

Tragödie in vier Aufzügen

»Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur,

Und zu der Erde zieht mich die Begierde.

Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht

Dem guten. Was die Göttlichen uns senden

Von oben, sind nur allgemeine Güter;

Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich,

In ihrem Staat erringt sich kein Besitz.

Den Edelstein, das allgeschätzte Gold

Muß man den falschen Mächten abgewinnen,

Die unterm Tage schlimmgeartet hausen.

Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt,

Und keiner lebet, der aus ihrem Dienst

Die Seele hätte rein zurückgezogen.«

Georg Müller Verlag München und Leipzig

Übersetzungs- und Aufführungsrecht vorbehalten. Nachdruck verboten.

Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript. Das Aufführungsrecht

ist ausschließlich zu erwerben durch den Verlag Georg Müller,

München.

Willy Grétor

gewidmet

Personen

Medizinalrat Dr. _Goll_.

Dr. _Schön_, Chefredakteur.

_Alwa_, sein Sohn.

_Schwarz_, Kunstmaler.

_Prinz Escerny_, Afrikareisender.

_Schigolch._

_Rodrigo_, Artist.

_Hugenberg_, Gymnasiast.

_Escherich_, Reporter.

_Lulu._

_Gräfin Geschwitz_, Malerin.

_Ferdinand_, Kutscher.

_Henriette_, Zimmermädchen.

Ein _Bedienter_.

Die Rolle _Hugenberg_ wird von einem Mädchen gespielt.

Rechts und links vom Schauspieler.

Prolog

Ein Tierbändiger tritt, nachdem der aufgezogene Vorhang einen

Zelteingang hat sichtbar werden lassen, in zinnoberrotem Frack,

weißer Krawatte, langen schwarzen Locken, weißen Beinkleidern und

Stulpstiefeln, in der Linken eine Hetzpeitsche, in der Rechten

einen geladenen Revolver, unter Zimbelklängen und Paukenschlägen

aus dem Zelt:

Hereinspaziert in die Menagerie,

Ihr stolzen Herrn, ihr lebenslust'gen Frauen,

Mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen

Die unbeseelte Kreatur zu schauen,

Gebändigt durch das menschliche Genie.

Hereinspaziert, die Vorstellung beginnt! --

Auf zwei Personen kommt umsonst ein Kind.

Hier kämpfen Tier und Mensch im engen Gitter,

Wo jener höhnend seine Peitsche schwingt

Und dieses, mit Gebrüll wie Ungewitter,

Dem Menschen mörderisch an die Kehle springt;

Wo bald der Kluge, bald der Starke siegt,

Bald Mensch, bald Tier geduckt am Estrich liegt;

Das Tier bäumt sich, der Mensch auf allen Vieren!

Ein eisig kalter Herrscherblick --

Die Bestie beugt entartet das Genick

Und läßt sich fromm die Ferse drauf postieren.

Schlecht sind die Zeiten! -- All die Herrn und Damen,

Die einst vor meinem Käfig sich geschart,

Beehren Possen, Ibsen, Opern, Dramen

Mit ihrer hochgeschätzten Gegenwart.

An Futter fehlt es meinen Pensionären,

So daß sie gegenseitig sich verzehren.

Wie gut hat's am Theater ein Akteur!

Des Fleischs auf seinen Rippen ist er sicher,

Sei auch der Hunger ein ganz fürchterlicher

Und des Kollegen Magen noch so leer. --

Doch will man Großes in der Kunst erreichen,

Darf man Verdienst nicht mit dem Lohn vergleichen.

Was seht ihr in den Lust- und Trauerspielen?! --

_Haustiere_, die so wohlgesittet fühlen,

An blaßer Pflanzenkost ihr Mütchen kühlen

Und schwelgen in behaglichem Geplärr,

Wie jene Andern -- unten im Parterre:

Der eine Held kann keinen Schnaps vertragen,

Der andre zweifelt, ob er richtig liebt,

Den dritten hört ihr an der Welt verzagen,

Fünf Akte lang hört ihr ihn sich beklagen,

Und niemand, der den Gnadenstoß ihm gibt. --

Das _wahre_ Tier, das _wilde, schöne_ Tier,

Das -- meine Damen! -- sehn Sie nur bei mir.

Sie sehen den _Tiger_, der gewohnheitsmäßig,

Was in den Sprung ihm läuft, hinunterschlingt;

Den _Bären_, der, von Anbeginn gefräßig,

Beim späten Nachtmahl tot zu Boden sinkt;

Sie sehn den kleinen amüsanten _Affen_

Aus Langeweile seine Kraft verpaffen;

Er hat Talent, doch fehlt ihm jede Größe,

Drum kokettiert er frech mit seiner Blöße;

Sie sehn in meinem Zelte, meiner Seel',

Sogar gleich hinterm Vorhang ein _Kameel_! --

Und sanft schmiegt das Getier sich mir zu Füßen,

Wenn -- (er schießt ins Publikum) -- donnernd mein Revolver knallt.

Rings bebt die Kreatur; ich bleibe kalt --

Der _Mensch_ bleibt kalt! -- Sie ehrfurchtsvoll zu grüßen.

Hereinspaziert! -- Sie traun sich nicht herein? --

Wohlan, Sie mögen selber Richter sein!

Sie sehn auch das Gewürm aus allen Zonen:

Chamäleone, Schlangen, Krokodile,

Drachen und Molche, die in Klüften wohnen.

Gewiß, ich weiß, Sie lächeln in der Stille

Und glauben mir nicht eine Silbe mehr --

(er lüftet den Türvorhang und ruft in das Zelt:)

He, Aujust! Bring mir unsre _Schlange_ her!

(Ein schmerbäuchiger Arbeiter trägt die Darstellerin der Lulu

in ihrem Pierrotkostüm aus dem Zelt und setzt sie vor dem

Tierbändiger nieder)

Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften,

Zu locken, zu verführen, zu vergiften --

Zu morden, ohne daß es einer spürt.

(Lulu am Kinn krauend:)

Mein süßes Tier, sei ja nur nicht _geziert_!

Nicht _albern_, nicht _gekünstelt_, nicht _verschroben_,

Auch wenn die Kritiker dich weniger loben.

Du hast kein Recht, uns durch Miaun und Fauchen

Die _Urgestalt_ des _Weibes_ zu verstauchen,

Durch Faxenmachen uns und Fratzenschneiden

Des _Lasters Kindereinfalt_ zu verleiden!

Du sollst -- drum sprech ich heute sehr ausführlich --

_Natürlich_ sprechen und nicht unnatürlich!

Denn erstes Grundgesetz seit frühster Zeit

In jeder Kunst war _Selbstverständlichkeit_!

(Zum Publikum)

Es ist jetzt nichts Besondres dran zu sehen,

Doch warten Sie, was später wird geschehen:

Mit starkem Druck umringelt sie den Tiger;

Er heult und stöhnt! -- Wer bleibt am Ende Sieger?! -- --

Hopp, Aujust! Marsch! Trag sie an ihren Platz --

(Der Arbeiter nimmt Lulu quer auf die Arme; der Tierbändiger

tätschelt ihr die Hüften.)

Die süße Unschuld -- meinen größten Schatz!

(Der Arbeiter trägt Lulu ins Zelt zurück.)

Und nun bleibt noch das Beste zu erwähnen:

Mein Schädel zwischen eines Raubtiers Zähnen.

Hereinspaziert! Das Schauspiel ist nicht neu,

Doch seine Freude hat man stets dabei.

Ich wag' es, ihm den Rachen aufzureißen,

Und dieses Raubtier wagt nicht zuzubeißen.

So _schön_ es ist, so _wild_ und _buntgefleckt_,

Vor meinem Schädel hat das Tier Respekt!

Getrost leg' ich mein Haupt ihm in den Rachen;

Ein _Witz_ -- und meine beiden Schläfen krachen!

Dabei verzicht' ich auf des Auges Blitz;

Mein _Leben_ setz' ich gegen _einen Witz_;

Die Peitsche werf' ich fort und diese Waffen

Und geb' mich _harmlos_, wie mich Gott geschaffen. --

Wißt ihr den Namen, den dies Raubtier führt? -- --

Verehrtes Publikum -- -- Hereinspaziert!!

Der Tierbändiger tritt unter Zimbelklängen und Paukenschlägen in

das Zelt zurück.

Erster Aufzug

(Geräumiges Atelier. -- Rechts hinten Entreetür, rechts vorn

Seitentür zum Schlafkabinett. In der Mitte ein Podium. Hinter dem

Podium eine spanische Wand. Vor dem Podium ein Smyrnateppich.

Links vorn zwei Staffeleien. Auf der hinteren das Brustbild eines

jungen Mädchens. Gegen die vordere lehnt eine umgekehrte

Leinwand. Vor den Staffeleien, etwas gegen die Mitte vorn, eine

Ottomane. Darüber ein Tigerfell. Rechts an der Wand zwei Sessel.

Im Hintergrund eine Trittleiter.)

Erster Auftritt

Schwarz und Schön

Schön

(auf dem Fußende der Ottomane sitzend, mustert das Brustbild auf

der hinteren Staffelei)

Wissen Sie, daß ich die Dame von einer ganz neuen Seite kennen lerne?

Schwarz

(Pinsel und Palette in der Hand, steht hinter der Ottomane)

Ich habe noch niemanden gemalt, bei dem der Gesichtsausdruck so

ununterbrochen wechselte. -- Es war mir kaum möglich, einen einzigen Zug

dauernd festzuhalten.

Schön

(auf das Bild deutend, ihn ansehend)

Finden Sie das darin?

Schwarz

Ich habe das Erdenklichste getan, um durch meine Unterhaltung während

der Sitzungen wenigstens etwas Ruhe in der Stimmung hervorzurufen.

Schön

Dann verstehe ich den Unterschied.

Schwarz

(taucht den Pinsel ins Ölnäpfchen und überstreicht die

Gesichtszüge)

Schön

Glauben Sie, es wird dadurch ähnlicher?

Schwarz

Man kann nicht mehr tun, als es mit der Kunst so gewissenhaft wie

möglich nehmen.

Schön

Sagen Sie mal ...

Schwarz (zurücktretend)

Die Farbe ist auch wieder etwas eingeschlagen.

Schön

(ihn ansehend)

Haben Sie jemals in Ihrem Leben ein Weib geliebt?

Schwarz

(geht auf die Staffelei zu, setzt eine Farbe auf und tritt auf

der anderen Seite zurück)

Der Stoff ist noch nicht genügend abgehoben. Man sieht noch nicht recht,

daß ein lebender Körper darunter ist.

Schön

Ich zweifle nicht daran, daß die Arbeit gut ist.

Schwarz

Wenn Sie hierher treten wollen.

Schön

(sich erhebend)

Sie müssen ihr wahre Schauergeschichten erzählt haben.

Schwarz

So weit wie möglich zurück.

Schön

(zurücktretend, stößt die an die vordere Staffelei gelehnte

Leinwand um)

Pardon ...

Schwarz

(den Rahmen aufhebend)

O bitte ...

Schön (betroffen)

Was ist das ...

Schwarz

Kennen Sie sie?

Schön

Nein.

Schwarz

(setzt das Bild auf die Staffelei. Man sieht eine Dame als

Pierrot gekleidet mit einem hohen Schäferstab in der Hand)

Ein Kostümbild.

Schön

Die ist Ihnen aber gelungen.

Schwarz

Sie kennen sie?

Schön

Nein. Und in dem Kostüm?

Schwarz

Es fehlt noch die ganze Ausführung.

Schön

Na ja.

Schwarz

Was wollen Sie. Während sie mir steht, habe ich das Vergnügen, ihren

Mann zu unterhalten.

Schön

Sagen Sie ...

Schwarz

Über Kunst natürlich, um mein Glück zu vervollständigen.

Schön

Wie kommen Sie denn zu der reizenden Bekanntschaft?

Schwarz

Wie man dazu kommt. Ein steinalter, wackliger Knirps fällt mir hier

herein, ob ich seine Frau malen könne. Nun natürlich, und wenn sie

runzlich wie Mutter Erde ist. Andern Tags Punkt zehn fliegen die Türen

auf, und der Schmerbauch treibt dies Engelskind vor sich her. Ich fühle

jetzt noch, wie mir die Kniee schwankten. Ein stocksteifer, saftgrüner

Lakai mit einem Paket unter dem Arm. Wo die Garderobe sei. Denken Sie

sich meine Lage. Ich öffne die Tür da (nach rechts deutend). Nur ein

Glück, daß schon alles in Ordnung war. Das süße Geschöpf huscht hinein,

und der Alte postiert sich als Schanzkorb davor. Zwei Minuten darauf

tritt sie in diesem Pierrot heraus. (Den Kopf schüttelnd) Ich habe nie

so was gesehen. (Geht nach rechts und starrt an die Schlafzimmertür

hin.)

Schön

(der ihm mit dem Blick gefolgt)

Und der Schmerbauch steht Schildwache?

Schwarz

(sich umwendend)

Der ganze Körper im Einklang mit dem unmöglichen Kostüm, als wäre er

darin zur Welt gekommen. Ihre Art, die Ellbogen in die Taschen zu

vergraben, die Füßchen vom Teppich zu heben -- mir schießt oft das Blut

zu Kopf ...

Schön

Das sieht man dem Bild an.

Schwarz (kopfschüttelnd)

Unsereiner, wissen Sie ...

Schön

Hier führt das Modell die Konversation.

Schwarz

Sie hat den Mund noch nicht aufgetan.

Schön

Ist's möglich!

Schwarz

Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Kostüm zeige. (Nach rechts ab.)

Schön

(allein, vor dem Pierrot)

Eine Teufelsschönheit. (Vor dem Brustbild) Hier ist mehr Fond. (Nach

vorn kommend) Er ist noch etwas jung für sein Alter.

Schwarz

(kommt mit einem weißen Atlaskostüm zurück)

Was das für Stoff sein mag?

Schön

(den Stoff befühlend)

Atlas.

Schwarz

Und alles in einem Stück.

Schön

Wie kommt man denn da hinein?

Schwarz

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Schön

(das Kostüm bei den Beinen nehmend)

Diese riesigen Hosenpfeifen!

Schwarz

Die linke rafft sie hinauf.

Schön

(auf das Bild sehend)

Bis übers Knie!

Schwarz

Sie macht das zum Entzücken.

Schön

Und transparente Strümpfe?

Schwarz

Die wollen nämlich gemalt sein.

Schön

O, das können Sie.

Schwarz

Dabei von einer Koketterie!

Schön

Wie kommen Sie auf den entsetzlichen Verdacht?

Schwarz

Es gibt Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt.

(Trägt das Kostüm in sein Schlafzimmer.)

Schön (allein).

Wenn man schläft ....

Schwarz

(kommt zurück, sieht nach der Uhr)

Wenn Sie übrigens ihre Bekanntschaft machen wollen ...

Schön

Nein.

Schwarz

Sie müssen im Augenblicke hier sein.

Schön

Wie oft wird denn die Dame noch sitzen müssen?

Schwarz

Ich werde die Tantalusqual wohl noch ein Vierteljahr zu erdulden haben.

Schön

Ich meine die Andere.

Schwarz

Entschuldigen Sie. Dreimal höchstens. (Ihn zur Tür geleitend) Wenn mir

die Dame dann nur ihre Taille dalassen will.

Schön

Mit Vergnügen. Lassen Sie sich bald wieder bei mir sehen. (Stößt in der

Tür auf Dr. Goll und Lulu) In Gottes Namen.

Zweiter Auftritt

Dr. Goll. Lulu. Die Vorigen.

Schwarz

Darf ich vorstellen ...

Goll (zu Schön)

Was treiben denn Sie hier?

Schön

(Lulu die Hand küssend)

Frau Medizinalrat.

Lulu

Sie wollen doch nicht schon gehen?

Goll

Welcher Wind führt denn Sie hierher?

Schön

Ich habe mir das Bild meiner Braut angesehen.

Lulu

(nach vorn kommend)

Ihre Braut ist hier?

Goll

Sie lassen hier also auch arbeiten?

Lulu

(vor dem Brustbild)

Sieh da! Bezaubernd! Entzückend!

Goll

(sich umsehend)

Sie halten sie wohl hier irgendwo versteckt?

Lulu

Das ist also das süße Wunderkind, das Sie zu einem neuen Menschen

gemacht ...

Schön

Sie sitzt meistens am Nachmittag.

Goll

Und davon erzählen Sie einem nichts?

Lulu

(sich umwendend)

Ist sie denn wirklich so ernst?

Schön

Wohl noch die Nachwirkung der Pensionszeit, gnädige Frau.

Goll

(vor dem Brustbild)

Man sieht, daß Sie eine tiefgehende Wandlung durchgemacht haben.

Lulu

Nun dürfen Sie sie aber auch nicht mehr länger warten lassen.

Schön

In vierzehn Tagen denke ich unsere Verlobung bekannt zu machen.

Goll (zu Lulu)

Laß uns keine Zeit verlieren. Hopp!

Lulu (zu Schön)

Denken Sie, wir fuhren im Trab über die neue Quaibrücke. Ich habe selber

kutschiert.

Schön

(will sich verabschieden)

Goll

Nein, nein. Wir Beide sprechen nachher weiter. Geh, Nellie. Hopp!

Lulu

Jetzt kommt's an mich!

Goll

Unser Apelles leckt sich schon die Pinsel ab.

Lulu

Ich hatte mir das viel amüsanter vorgestellt.

Schön

Sie haben dabei immerhin die Genugtuung, uns den seltensten Genuß zu

bereiten.

Lulu

(nach rechts gehend)

Na, warten Sie nur.

Schwarz

(vor der Schlafzimmertür)

Wenn Frau Obermedizinalrat so freundlich sein wollen. (Schließt die Tür

hinter ihr und bleibt davor stehen.)

Goll

Ich habe sie in unserm Ehekontrakt nämlich Nellie getauft.

Schön

So? -- Ja.

Goll

Was halten Sie davon?

Schön

Warum nennen Sie sie nicht lieber Mignon?

Goll

Das wäre auch was. Daran habe ich nicht gedacht.

Schön

Glauben Sie, daß der Name soviel dabei ausmacht?

Goll

Hm -- Sie wissen, ich habe keine Kinder.

Schön

(sein Zigarettenetui aus der Tasche nehmend)

Sie sind doch aber auch erst ein paar Monate verheiratet.

Goll

Danke. Ich wünsche mir keine.

Schön

Rauchen Sie eine Zigarette?

Goll

(sich bedienend)

Ich habe an dem einen vollkommen genug. (Zu Schwarz) Sagen Sie mal, was

macht denn eigentlich Ihre kleine Tänzerin?

Schön

(sich nach Schwarz umwendend)

Sie und eine Tänzerin?

Schwarz

Die Dame saß mir damals nur aus Gefälligkeit. Ich kenne die Dame von

einem Ausflug des Cäcilienvereins her.

Goll (zu Schön)

Hm -- ich glaube, wir kriegen anderes Wetter.

Schön

Das geht wohl nicht so rasch mit der Toilette?

Goll

Das geht wie der Blitz! Die Frau muß Virtuosin in ihrem Fach sein. Das

muß jeder von uns in seinem Fach, wenn das Leben nicht zur Bettelei

werden soll. (Ruft) Hopp, Nellie!

Schwarz

(an der Tür)

Frau Obermedizinalrat!

Lulu

(von innen)

Gleich, gleich.

Goll (zu Schön)

Ich begreife solche Stockfische nicht.

Schön

Ich beneide sie. Diese Stockfische kennen nichts Heiligeres als ihr

Hungertuch. Sie fühlen sich reicher als Unsereiner mit 30000 Mark

Renten. Sie können übrigens nicht über einen Menschen urteilen, der von

Kindesbeinen an von der Palette in den Mund gelebt hat. Nehmen Sie es

auf sich, ihn zu finanzieren. Es ist ein Rechenexempel. Mir fehlt der

moralische Mut. Man verbrennt sich auch leicht die Finger ...

Lulu

(als Pierrot aus dem Schlafzimmer tretend)

Da bin ich.

Schön

(wendet sich um, nach einer Pause)

Superb!

Lulu (tritt näher)

Nun?

Schön

Sie beschämen die kühnste Phantasie.

Lulu

Wie gefall' ich Ihnen?

Schön

Ein Bild, vor dem die Kunst verzweifeln muß.

Goll

Finden Sie nicht auch?

Schön (zu Lulu)

Sie wissen doch wohl nicht recht, was Sie tun.

Lulu

Ich bin mir meiner vollkommen bewußt!

Schön

Dann dürften Sie etwas besonnener sein.

Lulu

Ich tue ja doch nur meine Schuldigkeit.

Schön

Sie sind gepudert?

Lulu

Was fällt Ihnen ein!

Goll

Sie hat eine weiße Haut, wie ich sie noch nirgends gesehen habe. Ich

habe unserem Raffael auch gesagt, er möge sich mit dem Fleisch nur ja so

wenig wie möglich abgeben. Ich kann mich einmal für die moderne Klexerei

nicht begeistern.

Schwarz

(an den Staffeleien, seine Farben präparierend)

Dem Impressionismus dankt es die heutige Kunst jedenfalls, daß sie sich

alten Meistern ohne Erröten an die Seite stellen darf.

Goll

Für ein Stück Schlachtvieh mag sie ja ganz angebracht sein.

Schön

Nur um Gotteswillen keine Aufregung!

Lulu

(fällt Goll um den Hals und küßt ihn)

Goll

Man sieht dein Negligé. Du mußt es herunter ziehen.

Lulu

Ich hätte es am liebsten weggelassen. Es geniert nur.

Goll

Er wäre imstande und malte es hin.

Lulu

(nimmt den Schäferstab, der an der spanischen Wand lehnt, auf das

Podium steigend, zu Schön)

Was würden Sie jetzt sagen, wenn Sie zwei Stunden Parade stehen müßten?

Schön

Meine Seele verschriebe ich dem Teufel, um mit Ihnen tauschen zu dürfen.

Goll

(sich rechts setzend)

Kommen Sie hierher. Hier ist nämlich mein Beobachtungsposten.

Lulu

(das linke Beinkleid bis zum Knie hinaufraffend, zu Schwarz)

So?

Schwarz

Ja ...

Lulu

(es um eine Idee höher raffend)

So?

Schwarz

Ja, ja ...

Goll

(zu Schön, der auf dem Sessel neben ihm Platz genommen hat, mit

einer Handbewegung)

Ich finde sie nämlich von hier aus noch vorteilhafter.

Lulu

(ohne sich zu rühren)

Ich bitte sehr! Ich bin von allen Seiten gleich vorteilhaft.

Schwarz (zu Lulu)

Das rechte Knie weiter vor, bitte.

Schön

(mit einer Geste)

Der Körper zeigt vielleicht feinere Linien ...

Schwarz

Die Beleuchtung ist heute zum mindesten halbwegs erträglich.

Goll

Sie müssen sie flott hinwerfen! Fassen Sie Ihren Pinsel etwas länger!

Schwarz

Gewiß, Herr Medizinalrat.

Schön

Behandeln Sie sie als Stillleben!

Schwarz

Gewiß, Herr Doktor. (Zu Lulu) Sie pflegten den Kopf um eine Idee höher

zu halten, Frau Medizinalrat.

Lulu

(den Kopf hebend)

Malen Sie mir die Lippen etwas geöffnet.

Schön

Malen Sie Schnee auf Eis. Wenn Sie sich dabei erwärmen, dann wird Ihre

Kunst sofort unkünstlerisch.

Schwarz

Gewiß, Herr Doktor!

Goll

Die Kunst, wissen Sie, muß die Natur so wiedergeben, daß man wenigstens

_geistig_ dabei genießen kann!

Lulu

(den Mund etwas öffnend, zu Schwarz)

So -- sehen Sie. So halte ich sie halb geöffnet.

Schwarz

Sobald die Sonne kommt, wirft die Mauer von gegenüber warme Reflexe

herein.

Goll (zu Lulu)

Du mußt dich in deiner Stellung überhaupt so verhalten, als ob unser

Velasquez hier gar nicht vorhanden wäre.

Lulu

Ein Maler ist doch auch eigentlich gar kein Mann.

Schön

Ich glaube nicht, daß Sie von einer rühmlichen Ausnahme so ohne Weiteres

auf die ganze Zunft schließen dürfen.

Schwarz

(von der Staffelei zurücktretend)

Ich hätte mir im vergangenen Herbst doch lieber ein anderes Atelier

mieten müssen.

Schön (zu Goll)

Was ich fragen wollte -- haben Sie die kleine O'Morphi schon als

peruanische Perlenfischerin gesehen?

Goll

Morgen sehe ich sie mir zum viertenmal an. Der Fürst Polossow führte

mich hin. Sein Haar ist vor Entzücken schon wieder dunkelblond geworden.

Schön

Sie finden sie also auch so fabelhaft?

Goll

Wer will das je im Voraus beurteilen!

Lulu

Ich glaube, es hat geklopft.

Schwarz

Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. (Geht zur Türe und öffnet)

Goll

Du darfst ihn getrost etwas unbefangener anlächeln.

Schön

Dem macht das gar nichts.

Goll

Und wenn! -- Wozu sitzen wir Beide denn hier!

Dritter Auftritt

Alwa Schön. Die Vorigen.

Alwa

(noch hinter der spanischen Wand)

Darf man eintreten?

Schön

Mein Sohn.

Lulu

Das ist ja Herr Alwa!

Goll

Kommen Sie nur ungeniert herein!

Alwa

(vortretend, reicht Schön und Goll die Hand)

Herr Medizinalrat ... (sich nach Lulu umwendend) Seh ich recht? -- Wenn

ich Sie doch nur für meine Hauptrolle engagieren könnte!

Lulu

Ich würde für Ihr Stück wohl kaum gut genug tanzen.

Alwa

Aber Sie haben doch einen Tanzlehrer, wie man ihn an keiner Bühne

Europas findet!

Schön

Was führt dich denn hierher?

Goll

Sie lassen hier wohl auch insgeheim irgend Jemanden porträtieren?

Alwa (zu Schön)

Ich wollte dich zur Generalprobe abholen.

Schön

(erhebt sich)

Goll

Lassen Sie denn heute schon in vollem Kostüm tanzen?

Alwa

Versteht sich. Kommen Sie mit. In fünf Minuten muß ich auf der Bühne

sein. (Zu Lulu) Ich Unglücklicher!

Goll

Ich habe ganz vergessen -- wie nennt sich doch Ihr Ballett?

Alwa

Dalailama.

Goll

Ich glaubte, der wäre im Irrenhaus.

Schön

Sie meinen Nietzsche, Herr Sanitätsrat.

Goll

Sie haben recht. Ich verwechsle die Beiden.

Alwa

Ich habe dem Buddhismus auf die Beine geholfen.

Goll

An den Beinen erkennt man den Bühnendichter.

Alwa

Die Corticelli tanzt den jugendlichen Buddah als hätte sie am Ganges das

Licht der Welt erblickt.

Schön

Solang die Mutter noch lebte, tanzte sie mit den Beinen ...

Alwa

Als sie dann frei wurde, tanzte sie mit dem Verstande ...

Goll

Jetzt tanzt sie mit dem Herzen!

Alwa

Wenn Sie sie sehen wollen?

Goll

Danke.

Alwa

Kommen Sie doch mit!

Goll

Unmöglich!

Schön

Wir haben übrigens keine Zeit zu verlieren.

Alwa

Kommen Sie mit, Herr Medizinalrat. Im dritten Akt sehen Sie Dalailama in

seinem Kloster, mit seinen Mönchen.

Goll

Mir wäre es lediglich um den jugendlichen Buddah zu tun.

Alwa

Was hindert Sie denn?

Goll

Es geht nicht. Es geht nicht.

Alwa

Wir gehen nachher zu Peters. Da können Sie Ihrer Bewunderung Ausdruck

geben.

Goll

Dringen Sie nicht weiter in mich. Ich bitte Sie.

Alwa

Sie sehen die zahmen Affen, die beiden Bramanen, die kleinen Mädchen ...

Goll

Bleiben Sie mir nur um Gottes Willen mit den kleinen Mädchen vom Halse!

Lulu

Reservieren Sie uns eine Proszeniumsloge auf Montag, Herr Alwa!

Alwa

Wie konnten gnädige Frau daran zweifeln.

Goll

Wenn ich zurückkomme, hat mir der Höllenbreugel das ganze Bild verpatzt!

Alwa

Das wäre doch kein Unglück. Das läßt sich übermalen.

Goll

Wenn man dem Caravacci nicht jeden Pinselstrich expliziert ...

Schön

Ich halte Ihre Befürchtungen übrigens für unbegründet.

Goll

Das nächste Mal, meine Herren!

Alwa

Die Bramanen werden ungeduldig! Die Töchter Nirvanas schlottern in ihren

Trikots!

Goll

Verdammte Klexerei!!

Schön

Man wird uns auszanken, daß wir Sie nicht mitbringen.

Goll

In fünf Minuten bin ich zurück. (Stellt sich links vorn hinter Schwarz

und vergleicht das Bild mit Lulu.)

Alwa (zu Lulu)

Mich ruft leider die Pflicht, gnädige Frau.

Goll (zu Schwarz)

Sie müssen hier ein wenig mehr modellieren. Das Haar ist schlecht. Sie

sind nicht genug bei der Sache ...

Alwa

Kommen Sie.

Goll

Nun nur Hopp! Zu Peters bringen mich keine zehn Pferde.

Schön

(Alwa und Goll folgend)

Wir nehmen meinen Wagen, der unten steht.

Vierter Auftritt

Schwarz. Lulu.

Schwarz

(beugt sich nach links, spuckt aus)

Pack! -- Wäre doch das Leben zu Ende! -- Der Brotkorb! -- Brotkorb und

Maulkorb! -- Jetzt bäumt sich mein Künstlerstolz. (Nach einem Blick auf

Lulu) Diese Gesellschaft! -- (Erhebt sich, geht nach rechts hinten,

betrachtet Lulu von allen Seiten, setzt sich wieder an die Staffelei)

Die Wahl würde einem schwer. -- -- Wenn ich Frau Obermedizinalrat

ersuchen darf, die rechte Hand etwas höher.

Lulu

(nimmt den Schäferstab so hoch sie reichen kann, für sich)

Wer hätte das für möglich gehalten!

Schwarz

Ich bin wohl recht lächerlich?

Lulu

Er kommt gleich zurück.

Schwarz

Ich kann nicht mehr tun als malen.

Lulu

Da ist er.

Schwarz

(sich erhebend)

Nun?

Lulu

Hören Sie nicht?

Schwarz

Es kommt jemand ...

Lulu

Ich wußte es ja.

Schwarz

Es ist der Hausmeister. Er fegt die Treppe.

Lulu

Gott sei Dank.

Schwarz

Sie begleiten Herrn Obermedizinalrat wohl auf seine Praxis?

Lulu

Das fehlte mir noch!

Schwarz

Weil Sie es nicht gewohnt sind, allein zu sein.

Lulu

Wir haben zu Hause eine Haushälterin.

Schwarz

Die Ihnen Gesellschaft leistet?

Lulu

Sie hat viel Geschmack.

Schwarz

Wofür?

Lulu

Sie zieht mich an.

Schwarz

Sie gehen wohl viel auf Bälle?

Lulu

Nie.

Schwarz

Wozu brauchen Sie denn dann die Toiletten?

Lulu

Zum Tanzen.

Schwarz

Sie tanzen wirklich?

Lulu

Csardas -- Samaqueca -- Skirtdance ...

Schwarz

Widert Sie denn das nicht an?

Lulu

Sie finden mich häßlich?

Schwarz

Sie verstehen mich nicht. -- Wer gibt Ihnen denn den Unterricht?

Lulu

Er.

Schwarz

Wer?

Lulu

Er.

Schwarz

Er?

Lulu

Er spielt Violine. -- -- --

Schwarz

Man lernt jeden Tag ein neues Stück Welt kennen.

Lulu

Ich habe in Paris gelernt. Ich nahm Stunden bei Eugenie Fougère. Sie hat

mich auch ihre Kostüme kopieren lassen.

Schwarz

Wie sind denn die?

Lulu

Grünes Spitzenröckchen bis zum Knie, ganz in Volants, dekolletiert

natürlich, sehr dekolletiert und fürchterlich geschnürt. Hellgrüner

Unterrock, dann immer heller. Schneeweiße Dessous mit handbreiten

Spitzen ...

Schwarz

Ich kann nicht mehr ...

Lulu

Malen Sie doch!

Schwarz

(mit dem Spachtel schabend)

Ist Ihnen denn nicht kalt?

Lulu

Gott bewahre! Nein. Wie kommen Sie auf die Frage? Ist Ihnen denn so

kalt?

Schwarz

Heute nicht. Nein.

Lulu

Gottlob kann man atmen!

Schwarz

Wieso ...

Lulu

(atmet tief ein)

Schwarz

Lassen Sie das bitte! -- (Springt auf, wirft Pinsel und Palette weg,

geht auf und nieder) Der Stiefelputzer hat es wenigstens nur mit ihren

Füßen zu tun. Seine Farbe frißt ihm auch nicht ins Geld. Wenn mir morgen

das Abendbrot fehlt, fragt mich kein Weltdämchen danach, ob ich mich

aufs Austernschlecken verstehe.

Lulu

Ist das ein Unhold!

Schwarz

(nimmt die Arbeit wieder auf)

Was jagt den Kerl auch in diese Probe!

Lulu

Mir wäre es auch lieber, er wäre dageblieben.

Schwarz

Wir sind wirklich die Märtyrer unseres Berufes!

Lulu

Ich wollte Ihnen nicht weh tun.

Schwarz

(zögernd, zu Lulu)

Wenn Sie links -- das Beinkleid -- ein wenig höher ..

Lulu

Hier?

Schwarz

(tritt zum Podium)

Erlauben Sie ...

Lulu

Was wollen Sie?

Schwarz

Ich zeige es Ihnen.

Lulu

Es geht nicht.

Schwarz

Sie sind nervös ... (Will ihre Hand fassen)

Lulu

(wirft ihm den Schäferstab ins Gesicht)

Lassen Sie mich in Ruhe! (Eilt zur Entreetür) Sie bekommen mich noch

lange nicht.

Schwarz

Sie verstehen keinen Scherz.

Lulu

Doch, ich verstehe alles. Lassen Sie mich nur frei. Mit Gewalt erreichen

Sie gar nichts bei mir. Gehen Sie an Ihre Arbeit. Sie haben kein Recht

mich zu belästigen. (Flüchtet hinter die Ottomane) Setzen Sie sich

hinter Ihre Staffelei.

Schwarz

(will um die Ottomane)

Sobald ich Sie für Ihre Launenhaftigkeit bestraft habe.

Lulu (ausweichend)

Dazu müssen Sie mich aber erst haben. Gehen Sie. Sie erwischen mich doch

nicht. -- In langen Kleidern wäre ich Ihnen längst in die Hände

gefallen. -- Aber in dem Pierrot!

Schwarz

(sich der Länge nach über die Ottomane werfend)

Habe ich dich!

Lulu

(schlägt ihm das Tigerfell über den Kopf)

Gute Nacht! (Springt über das Podium, klettert auf die Trittleiter) Ich

sehe über alle Städte der Erde weg ...

Schwarz

(sich aus der Decke wickelnd)

Dieser Balg!

Lulu

Ich greife in den Himmel und stecke mir die Sterne ins Haar.

Schwarz

(ihr nachkletternd)

Ich schüttle, bis Sie herunterfallen.

Lulu

(höher steigend)

Wenn Sie nicht aufhören, werfe ich die Leiter um. Werden Sie meine Beine

loslassen. -- Gott schütze Polen! (Bringt die Leiter zu Fall, springt

auf das Podium und wirft Schwarz, wie er sich vom Boden aufrafft, die

spanische Wand an den Kopf. Nach vorn eilend, an den Staffeleien) Ich

habe Ihnen ja gesagt, daß Sie mich nicht bekommen.

Schwarz

(nach vorn kommend)

Lassen Sie uns Frieden schließen. (Will sie umfassen)

Lulu

Bleiben Sie mir vom Leib, oder ... (Sie wirft ihm die Staffelei mit dem

Brustbild entgegen, daß beides krachend zu Boden stürzt)

Schwarz

(schreit auf)

Barmherziger Gott!

Lulu

(links hinten)

Das Loch haben Sie selber hineingeschlagen.

Schwarz

Ich bin ruiniert! Zehn Wochen Arbeit, meine Reise, meine Ausstellung. --

Jetzt ist nichts mehr zu verlieren. (Stürzt ihr nach)

Lulu

(springt über die Ottomane, über die umgestürzte Trittleiter,

kommt über das Podium nach vorn)

Ein Graben! -- Fallen Sie nicht hinein! (Stapft durch das Brustbild) Sie

hat einen neuen Menschen aus ihm gemacht! (Fällt vornüber)

Schwarz

(über die spanische Wand stolpernd)

Ich kenne kein Erbarmen mehr.

Lulu

(im Hintergrund)

Lassen Sie mich jetzt in Ruhe. -- Mir wird schwindlich. -- -- O Gott, o

Gott ... (Kommt nach vorn und sinkt auf die Ottomane)

Schwarz

(verriegelt die Tür. Darauf setzt er sich neben sie, ergreift

ihre Hand und bedeckt sie mit Küssen, hält inne; man sieht ihm

an, daß er einen inneren Kampf kämpft)

Lulu

(schlägt die Augen auf)

Er kann zurückkommen.

Schwarz

Wie ist dir?

Lulu

Als wäre ich ins Wasser gefallen ...

Schwarz

Ich liebe dich.

Lulu

Ich liebte einmal einen Studenten.

Schwarz

Nellie ...

Lulu

Mit vierundzwanzig Schmissen ...

Schwarz

Ich liebe dich, Nellie.

Lulu

Ich heiße nicht Nellie.

Schwarz (küßt sie)

Lulu

Ich heiße Lulu.

Schwarz

Ich würde dich Eva nennen.

Lulu

Wissen Sie, wieviel Uhr es ist?

Schwarz

(nach der Uhr sehend)

Halb elf.

Lulu

(nimmt die Uhr und öffnet das Gehäuse)

Schwarz

Du liebst mich nicht.

Lulu

Doch ... Es ist fünf Minuten nach halb elf.

Schwarz

Gib mir einen Kuß, Eva!

Lulu

(nimmt ihn am Kinn und küßt ihn, wirft die Uhr in die Luft und

fängt sie auf)

Sie riechen nach Tabak.

Schwarz

Warum sagst du nicht Du?

Lulu

Es würde unbehaglich.

Schwarz

Du verstellst dich!

Lulu

Sie verstellen sich selber, wie mir scheint. -- Ich mich verstellen? Wie

kommen Sie nur darauf? -- _Das hatte ich niemals nötig._

Schwarz

(erhebt sich, fassungslos, sich mit der Hand über die Stirn

fahrend)

Allmächtiger! Ich kenne die Welt nicht ...

Lulu (schreit)

Bringen Sie mich nur nicht um!

Schwarz

(sich rasch umwendend)

_Du hast noch nie geliebt ...!_

Lulu

(sich halb aufrichtend)

_Sie haben noch nie geliebt ...!_

Goll

(von außen)

Machen Sie auf!

Lulu

(ist aufgesprungen)

Verstecken Sie mich! O Gott, verstecken Sie mich!

Goll

(gegen die Tür polternd)

Machen Sie auf!

Schwarz

(will zur Tür).

Lulu

(hält ihn zurück)

Er schlägt mich tot.

Goll

(gegen die Tür polternd)

Machen Sie auf!

Lulu

(vor Schwarz niedergesunken, umfaßt seine Knie)

Er schlägt mich tot. Er schlägt mich tot.

Schwarz

Stehen Sie auf ... (Die Tür fällt krachend ins Atelier.)

Fünfter Auftritt

Goll. Die Vorigen.

Goll

(mit blutunterlaufenen Augen stürzt mit erhobenem Stock auf

Schwarz und Lulu los)

Ihr Hunde! -- Ihr ... (keucht, ringt einige Sekunden nach Atem und

schlägt vornüber auf die Diele)

Schwarz

(wankt in den Knieen)

Lulu

(hat sich zur Tür geflüchtet) -- (Pause.)

Schwarz

(tritt an Goll heran)

Herr -- Herr Medi -- Herr Medizi -- Herr Medizinal -- Herr Medizinalrat.

Lulu

(in der Tür)

Bringen Sie doch bitte erst das Atelier in Ordnung.

Schwarz

Herr Obermedizinalrat. (Beugt sich nieder) Herr ... (Tritt zurück) Er

hat sich die Stirne geritzt. Helfen Sie mir, ihn auf die Ottomane legen.

Lulu

(bebt scheu zurück)

Nein, nein ...

Schwarz

(sucht ihn umzukehren)

Herr Medizinalrat.

Lulu

Er hört nicht.

Schwarz

Helfen Sie mir doch nur.

Lulu

Wir heben ihn zu zweit auch nicht.

Schwarz

(sich emporrichtend)

Man muß zum Arzt schicken.

Lulu

Er ist furchtbar schwer.

Schwarz

(seinen Hut nehmend)

Seien Sie doch bitte so freundlich und richten Sie, bis ich zurück bin,

die Stellagen ein wenig zurecht. (Ab)

Sechster Auftritt

Lulu. Goll.

Lulu

Auf einmal springt er auf. -- (Eindringlich) Bussi! -- -- Er läßt sich

nichts merken. -- (Kommt in weitem Bogen nach vorn) Er sieht mir auf die

Füße und beobachtet jeden Schritt, den ich tue. Er hat mich überall im

Auge. -- (Sie berührt ihn mit der Fußspitze) Bussi! -- (Zurückweichend)

Es ist ihm ernst. -- -- Der Tanz ist aus. -- -- Er läßt mich sitzen. --

-- Was fang' ich an? -- -- (Beugt sich zur Erde) Ein wildfremdes

Gesicht! -- (Sich aufrichtend) Und niemand, der ihm den letzten Dienst

erweist. -- Ist das trostlos ...

Siebenter Auftritt

Schwarz. Die Vorigen.

Schwarz

Noch nicht wieder zur Besinnung gekommen?

Lulu

(links vorn)

Was fang' ich an ...

Schwarz

(über Goll gebeugt)

Herr Medizinalrat.

Lulu

Ich glaube beinah, es ist ihm ernst.

Schwarz

Reden Sie doch anständig!

Lulu

Er würde mir das nicht sagen. Er läßt sich von mir vortanzen, wenn er

sich nicht wohl fühlt.

Schwarz

Der Arzt muß im Augenblick hier sein.

Lulu

Arznei hilft ihm nicht.

Schwarz

Aber man tut doch in solchem Falle, was man kann.

Lulu

Er glaubt nicht daran.

Schwarz

Wollen Sie sich denn nicht wenigstens umziehen?

Lulu

Ja. -- Gleich.

Schwarz

Worauf warten Sie denn noch?

Lulu

Ich bitte Sie ...

Schwarz

Was denn ...?

Lulu

Schließen Sie ihm die Augen.

Schwarz

Sie sind entsetzlich.

Lulu

Noch lange nicht so entsetzlich wie Sie!

Schwarz

Wie ich?

Lulu

Sie sind eine Verbrechernatur.

Schwarz

Rührt Sie denn dieser Moment gar nicht?

Lulu

Mich trifft es auch mal.

Schwarz

Ich bitte Sie, jetzt schweigen Sie endlich mal!

Lulu

Sie trifft es auch mal.

Schwarz

Das brauchten Sie Einem in einem solchen Augenblick wirklich nicht noch

zu sagen.

Lulu

Ich bitte Sie ...

Schwarz

Tun Sie was Ihnen nötig scheint. Ich kenne das nicht.

Lulu

(rechts von Goll)

Er sieht mich an.

Schwarz

(links von Goll)

Mich auch ...

Lulu

Sie sind ein Feigling!

Schwarz

(schließt Goll mit dem Taschentuch die Augen)

Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich dazu verurteilt bin.

Lulu

Haben Sie es denn Ihrer Mutter nicht getan?

Schwarz (nervös)

Nein.

Lulu

Sie waren wohl auswärts?

Schwarz

Nein!

Lulu

Oder Sie fürchteten sich?

Schwarz (heftig)

Nein.

Lulu

(bebt zurück)

Ich wollte Sie nicht beleidigen.

Schwarz

-- Sie lebt noch.

Lulu

Dann haben Sie doch noch Jemanden.

Schwarz

Sie ist bettelarm.

Lulu

Das kenne ich.

Schwarz

Spotten Sie meiner nicht!

Lulu

Jetzt bin ich reich ...

Schwarz

Es ist grauenerregend. (Geht nach links) Was kann sie dafür!

Lulu (für sich)

Was fang' ich an.

Schwarz (für sich)

Vollkommen verwildert!

(Schwarz links, Lulu rechts, sehen einander mißtrauisch an)

Schwarz

(geht auf sie zu, ergreift ihre Hand)

Sieh mir ins Auge!

Lulu (ängstlich)

Was wollen Sie ...

Schwarz

(führt sie zur Ottomane, nötigt sie neben ihm Platz zu nehmen)

Sieh mir in die Augen!

Lulu

Ich sehe mich als Pierrot darin.

Schwarz

(stößt sie von sich)

Verwünschte Tanzerei!

Lulu

Ich muß mich umziehen ...

Schwarz

(hält sie zurück)

Eine Frage ...

Lulu

Ich darf ja nicht antworten.

Schwarz

(wieder an der Ottomane)

Kannst du die Wahrheit sagen?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Glaubst du an einen Schöpfer?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Kannst du bei etwas schwören?

Lulu

Ich weiß es nicht. Lassen Sie mich! Sie sind verrückt!

Schwarz

Woran glaubst du denn?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Hast du denn keine Seele?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Hast du schon einmal geliebt --?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

(erhebt sich, geht nach links, für sich)

Sie weiß es nicht!

Lulu

(ohne sich zu rühren)

Ich weiß es nicht.

Schwarz

(mit einem Blick auf Goll)

Er weiß es ...

Lulu

(sich ihm nähernd)

Was wollen Sie wissen?

Schwarz (empört)

Geh, zieh dich an!

Lulu

(geht ins Schlafkabinett)

Achter Auftritt

Schwarz. Goll.

Schwarz

Ich möchte tauschen mit dir, du Toter! Ich gebe sie dir zurück. Ich gebe

dir meine Jugend dazu. Mir fehlt der Mut und der Glaube. Ich habe mich

zu lange gedulden müssen. Es ist zu spät für mich. Ich bin dem Glück

nicht gewachsen. Ich habe eine höllische Angst davor. Wach auf. Ich habe

sie nicht angerührt. Er öffnet den Mund. -- Mund auf und Augen zu, wie

die Kinder. Bei mir ist es umgekehrt. Wach auf! Wach auf! (Kniet nieder

und bindet ihm sein Taschentuch um den Kopf) Hier flehe ich zum Himmel,

er möge mich befähigen, glücklich zu sein. Er möge mir die Kraft geben

und die seelische Freiheit, nur ein klein wenig glücklich zu sein. _Um

ihretwillen, einzig um ihretwillen._

Neunter Auftritt

Lulu. Die Vorigen.

Lulu

(tritt aus dem Schlafkabinett, vollständig angekleidet, den Hut

auf, die rechte Hand unter der linken Achsel; zu Schwarz, den

linken Arm hebend)

Würden Sie mich hier zuhaken. Meine Hand zittert.

Zweiter Aufzug

(Sehr eleganter Salon. Rechts hinten Entreetür. Vorne rechts und

links Portieren. Zu der links führen einige Stufen hinan. An der

Hinterwand über dem Kamin in prachtvollem Brokatrahmen Lulus Bild

als Pierrot. Links ein hoher Spiegel. Davor eine Chaiselongue.

Rechts ein Schreibtisch in Ebenholz. In der Mitte einige Sessel

um ein chinesisches Tischchen.)

Erster Auftritt

Lulu. Schwarz. Dann Henriette.

Lulu

(in grünseidenem Morgenkleid steht regungslos vor dem Spiegel,

runzelt die Stirn, fährt mit der Hand darüber, befühlt ihre

Wangen, trennt sich vom Spiegel mit einem mißmutigen, halb

zornigen Blick, geht nach rechts, sich mehrmals umwendend, öffnet

auf dem Schreibtisch eine Schatulle, zündet sich eine Zigarette

an, sucht unter den Büchern, die auf dem Tisch liegen, nimmt

eines zur Hand, legt sich auf die Chaiselongue, dem Spiegel

gegenüber, läßt, nachdem sie einen Moment gelesen, das Buch

sinken, nickt sich ernsthaft zu, nimmt die Lektüre wieder auf.)

Schwarz

(Pinsel und Palette in der Hand, tritt von rechts ein, beugt sich

über Lulu, küßt sie auf die Stirn, geht nach links die Stufen

hinan, wendet sich in der Portiere um)

Eva!

Lulu (lächelnd)

Befehlen?

Schwarz

Ich finde, du siehst heute außerordentlich reizend aus.

Lulu

(mit einem Blick in den Spiegel)

Es kommt auf die Ansprüche an.

Schwarz

Dein Haar atmet eine Morgenfrische ...

Lulu

Ich komme aus dem Wasser.

Schwarz

(sich ihr nähernd)

Ich habe heute furchtbar zu tun.

Lulu

Das redest du dir ein.

Schwarz

(legt Pinsel und Palette auf den Teppich und setzt sich auf den

Rand der Chaiselongue)

Was liest du denn da?

Lulu (liest)

Plötzlich hörte sie einen Rettungsanker die Treppe heraufwinken.

Schwarz

Wer in aller Welt schreibt denn so ergreifend?

Lulu (liest)

Es war der Geldbriefträger.

Henriette

(durch die Entree, eine Hutschachtel am Arm, setzt eine Tablette

mit Briefen auf den Tisch)

Die Post. -- Ich gehe der Putzmacherin den Hut bringen. Haben gnädige

Frau noch etwas zu befehlen?

Lulu

Nichts.

Schwarz

(winkt ihr, sich zu entfernen)

Henriette

(verschmitzt lächelnd ab)

Schwarz

Was hast du vergangene Nacht denn alles geträumt?

Lulu

Das hast du mich heute doch schon zweimal gefragt.

Schwarz

(erhebt sich, nimmt die Briefe von der Tablette)

Ich zittere vor Neuigkeiten. Ich fürchte jeden Tag, die Welt könnte

untergehen. (Zur Chaiselongue zurückgekehrt, Lulu einen Brief gebend) An

dich.

Lulu

(führt das Billet zur Nase)

Die Corticelli. (Birgt es in ihrem Busen)

Schwarz

(einen Brief durchfliegend)

Meine Samaquecatänzerin verkauft -- für 50000 Mark!

Lulu

Wer schreibt denn das?

Schwarz

Sedelmeier in Paris. Das ist das dritte Bild seit unserer Verheiratung.

Ich weiß mich vor meinem Glück kaum zu retten.

Lulu

(auf die Briefe deutend)

Da kommt noch mehr.

Schwarz

(eine Verlobungsanzeige öffnend)

Sieh da! (Gibt sie Lulu.)

Lulu (liest)

Herr Regierungsrat Heinrich Ritter von Zarnikow beehrt sich, Ihnen von

der Verlobung seiner Tochter Charlotte Marie Adelaide mit Herrn Dr.

Ludwig Schön ergebenste Mitteilung zu machen.

Schwarz

(einen anderen Brief öffnend)

Endlich! Es ist ja eine Ewigkeit, daß er darauf lossteuert, sich vor der

Welt zu verloben. Ich begreife nicht, ein Gewaltmensch von seinem

Einfluß. Was steht denn seiner Heirat eigentlich im Wege!!

Lulu

Was ist das, was du da liest?

Schwarz

Eine Einladung, mich an der internationalen Ausstellung in Petersburg zu

beteiligen. -- Ich weiß gar nicht, was ich malen soll.

Lulu

Irgend ein entzückendes Mädchen natürlich.

Schwarz

Wenn du mir dazu Modell stehen willst?

Lulu

Es gibt doch, weiß Gott, auch andere hübsche Mädchen genug.

Schwarz

Ich gelange aber einem andern Modell gegenüber, und wenn es pikant wie

die Hölle ist, nicht zu dieser vollen Ausbeutung meines Könnens.

Lulu

Dann muß ich ja wohl. -- Ginge es denn nicht vielleicht auch liegend?

Schwarz

Am liebsten möchte ich das Arrangement wirklich deinem Geschmack

überlassen. (Die Briefe zusammenfaltend) Daß wir nicht vergessen, Schön

jedenfalls heute noch zu gratulieren. (Geht nach rechts und schließt die

Briefe in den Schreibtisch)

Lulu

Das haben wir doch längst getan.

Schwarz

Seiner Braut wegen.

Lulu

Du kannst es ihm ja noch einmal schreiben.

Schwarz

Und jetzt zur Arbeit. (Nimmt Pinsel und Palette auf, küßt Lulu, geht

links die Stufen hinan, wendet sich in der Portiere um) Eva!

Lulu

(läßt ihr Buch sinken, lächelnd)

Befehlen?

Schwarz

(sich ihr nähernd)

Mir ist täglich, als sähe ich dich zum allererstenmal.

Lulu

Du bist schrecklich.

Schwarz

(sinkt vor der Chaiselongue in die Knie, liebkost ihre Hand)

Du trägst die Schuld.

Lulu

(ihm die Locken streichelnd)

Du vergeudest mich.

Schwarz

Du bist ja mein. Du bist auch nie bestrickender, als wenn du nur um

Gottes willen einmal ein paar Stunden recht häßlich sein solltest! Ich

habe nichts mehr, seit ich dich habe. -- Ich bin mir vollständig

abhanden gekommen ...

Lulu

Nicht so aufgeregt!

(Es läutet auf dem Korridor)

Schwarz (zusammenfahrend)

Verwünscht.

Lulu

Niemand zu Hause!

Schwarz

Vielleicht ist es der Kunsthändler ...

Lulu

Und wenn es der Kaiser von China ist.

Schwarz

Einen Moment. (Ab)

Lulu (visionär)

-- Du? -- du? -- (Schließt die Augen)

Schwarz (zurückkommend)

Ein Bettler, der den Feldzug mitgemacht haben will. Ich habe kein klein

Geld bei mir. (Pinsel und Palette aufnehmend) Es ist auch die höchste

Zeit, daß ich endlich an die Arbeit gehe. (Nach links ab)

Lulu

(ordnet vor dem Spiegel ihre Toilette, streicht sich das Haar

zurück und geht hinaus)

Zweiter Auftritt

Lulu. Schigolch.

Schigolch

(von Lulu hereingeführt)

Ich hatte ihn mir etwas chevaleresker gedacht; ein wenig mehr Nimbus. Er

ist etwas verlegen. Er brach ein wenig in die Knie, als er _mich_ vor

sich sah.

Lulu

(rückt ihm einen Sessel zurecht)

Wie kannst du ihn auch anbetteln?

Schigolch

Deswegen habe ich meine siebenundsiebzig Lenze nämlich hergeschleppt. Du

sagtest mir, er halte sich morgens an seine Malerei.

Lulu

Er hatte noch nicht ausgeschlafen. Wieviel brauchst du?

Schigolch

Zweihundert, wenn du so viel flüssig hast; meinetwegen dreihundert. Es

sind mir einige Klienten verduftet.

Lulu

(geht an den Schreibtisch und kramt in den Schubladen)

Bin ich müde!

Schigolch

(sich umsehend)

Das hat mich nämlich auch bewogen. Ich hätte lange gerne gesehen, wie es

jetzt so bei dir zu Hause aussieht.

Lulu

Nun?

Schigolch

Es überläuft einen. (Emporblickend) Wie bei mir vor fünfzig Jahren.

Statt der Bummelagen hatte man damals noch alte verrostete Säbel. Den

Teufel noch mal, du hast es weit gebracht. (Scharrend) Die Teppiche ...

Lulu

(gibt ihm zwei Billets)

Ich gehe am liebsten barfuß darauf.

Schigolch

(Lulus Porträt betrachtend)

Das bist du?

Lulu (zwinkernd)

Fein?

Schigolch

Wenn das alles Gutes ist.

Lulu

Einen Süßen?

Schigolch

Was denn?

Lulu

(erhebt sich)

Elixir de Spaa.

Schigolch

Hilft nichts! -- Trinkt er?

Lulu

(nimmt aus einem Schränkchen neben dem Kamin Karaffe und Gläser)

Noch nicht. (Nach vorn kommend) Das Labsal wirkt so verschieden!

Schigolch

Er schlägt aus?

Lulu

(zwei Gläser füllend)

Er schläft ein.

Schigolch

Wenn er betrunken ist, kannst du ihm in die Eingeweide sehen.

Lulu

Lieber nicht. (Setzt sich Schigolch gegenüber) Erzähl' mir.

Schigolch

Die Straßen werden immer länger, und die Beine immer kürzer.

Lulu

Und deine Harmonika?

Schigolch

Hat falsche Luft, wie ich mit meinem Asthma. Ich denke nur immer, das

Ausbessern ist nicht mehr der Mühe wert. (Stößt mit ihr an)

Lulu

(leerte ihr Glas)

Ich glaubte schon, du wärest am Ende ...

Schigolch

... am Ende schon auf und davon? -- Das glaubte ich auch schon. Aber

wenn so erst die Sonne hinunter ist, dann läßt es einen doch noch nicht

ruhen. Ich hoffe auf den Winter. Da wird (hustend) mein -- mein -- mein

Asthma wohl eine Fahrgelegenheit ausfindig zu machen wissen.

Lulu

(die Gläser füllend)

Du meinst, man könnte dich drüben vergessen haben?

Schigolch

Wär schon möglich, weil es ja nicht der Reihe nach geht. (Ihr das Knie

streichelnd) Nun erzähl' du mal -- lange nicht gesehen -- meine kleine

Lulu.

Lulu

(zurückrückend, lächelnd)

Das Leben ist doch unfaßlich!

Schigolch

Was weißt du! Du bist noch so jung.

Lulu

Daß du mich Lulu nennst.

Schigolch

Lulu, nicht? Habe ich dich jemals anders genannt?

Lulu

Ich heiße seit Menschengedenken nicht mehr Lulu.

Schigolch

Eine andere Benennungsweise?

Lulu

Lulu klingt mir ganz vorsündflutlich.

Schigolch

Kinder! Kinder!

Lulu

Ich heiße jetzt ...

Schigolch

Als bliebe das Prinzip nicht immer das gleiche!

Lulu

Du meinst?

Schigolch

Wie heißt es jetzt?

Lulu

Eva.

Schigolch

Gehupft wie gesprungen!

Lulu

Ich höre darauf.

Schigolch

(sieht sich um)

So habe ich es für dich geträumt. Du bist darauf angelegt. Was soll denn

das?

Lulu

(sich mit einem Parfümflacon besprengend)

Heliotrop.

Schigolch

Riecht das besser als du?

Lulu

(ihn besprengend)

Das braucht dich wohl nicht mehr zu kümmern.

Schigolch

Wer hätte den königlichen Luxus vorausgeahnt!

Lulu

Wenn ich zurückdenke -- -- Hu!

Schigolch

(ihr das Knie streichelnd)

Wie geht's dir denn? Treibst du immer noch Französisch?

Lulu

Ich liege und schlafe.

Schigolch

Das ist vornehm. Das sieht immer nach so was aus. Und weiter?

Lulu

Und strecke mich -- bis es knackt.

Schigolch

Und wenn es geknackt hat?

Lulu

Was interessiert dich das!

Schigolch

Was mich das interessiert? Was mich das interessiert? Ich wollte lieber

bis zur jüngsten Posaune leben und auf alle himmlischen Freuden Verzicht

leisten, als meine Lulu hienieden in Entbehrung zurücklassen. Was mich

das interessiert? Es ist mein Mitgefühl. Ich bin ja mit meinem besseren

Ich schon verklärt. Aber ich habe noch das Verständnis für diese Welt.

Lulu

Ich nicht.

Schigolch

Dir ist zu wohl.

Lulu (schaudernd)

Blödsinnig ...

Schigolch

Wohler als bei dem alten Tanzbär?

Lulu (wehmütig)

Ich tanze nicht mehr ...

Schigolch

Für den war es auch Zeit.

Lulu

Jetzt bin ich ... (Stockt)

Schigolch

Sprich, wie es dir ums Herz ist, mein Kind! Ich hatte Vertrauen in dich,

als noch nichts an dir zu sehen war als deine zwei großen Augen. Was

bist du jetzt?

Lulu

Ein Tier ...

Schigolch

Daß dich der! -- Und was für ein Tier! -- Ein feines Tier! -- Ein

elegantes Tier -- Ein Prachtstier! -- -- -- Dann will ich mich man

beisetzen lassen. -- Mit den Vorurteilen sind wir fertig. Auch mit dem

gegen die Leichenwäscherin.

Lulu

Du hast nicht zu fürchten, daß du noch mal gewaschen wirst!

Schigolch

Macht auch nichts. Man wird doch wieder schmutzig.

Lulu

(ihn besprengend)

Es würde dich noch mal ins Leben zurückrufen.

Schigolch

Wir sind Moder.

Lulu

Bitte recht schön! Ich reibe mich täglich mit Kammfett ein und dann

kommt Puder darauf.

Schigolch

Auch wohl der Mühe wert, der Zierbengel wegen.

Lulu

Das macht die Haut wie Satin.

Schigolch

Als wäre es deswegen nicht auch nur Dreck.

Lulu

Danke schön. Ich will zum Anbeißen sein.

Schigolch

Sind wir auch. Geben da unten nächstens ein großes Diner. Halten offene

Tafel.

Lulu

Deine Gäste werden sich dabei kaum überessen.

Schigolch

Geduld, Mädchen! Dich setzen deine Verehrer auch nicht in Weingeist. Das

heißt schöne Melusine, solang es seine Schwungkraft behält. Nachher? Man

nimmt's im zoologischen Garten nicht. (Sich erhebend) Die holden Bestien

bekämen Magenkrämpfe.

Lulu

(sich erhebend)

Hast du auch genug?

Schigolch

Es bleibt noch genug übrig, um mir eine Terebinthe aufs Grab zu

pflanzen. -- Ich finde selber hinaus. (Ab)

Lulu

(begleitet ihn und kommt mit Dr. Schön zurück)

Dritter Auftritt

Lulu. Schön.

Schön

Was tut denn Ihr Vater hier?

Lulu

Was haben Sie?

Schön

Wenn ich Ihr Mann wäre, käme mir dieser Mensch nicht über die Schwelle.

Lulu

Sie können getrost Du sagen; er ist nicht hier.

Schön

Ich danke für die Ehre.

Lulu

Ich verstehe nicht.

Schön

Das weiß ich. (Ihr einen Sessel bietend) Darüber möchte ich nämlich

gerne mit Ihnen sprechen.

Lulu

(sich unsicher setzend)

Warum haben Sie mir denn das nicht gestern gesagt?

Schön

Bitte, jetzt nichts von gestern. Ich habe es Ihnen vor zwei Jahren schon

gesagt.

Lulu (nervös)

Ach so. Hm.

Schön

Ich bitte dich, deine Besuche bei mir einzustellen.

Lulu

Darf ich Ihnen ein Elixir ...

Schön

Danke. Kein Elixir. Haben Sie mich verstanden?

Lulu

(schüttelt den Kopf)

Schön

Gut. Sie haben die Wahl. -- Sie zwingen mich zu den äußersten Mitteln --

entweder sich Ihrer Stellung angemessen zu benehmen ...

Lulu

Oder?

Schön

Oder -- Sie zwingen mich -- ich müßte mich an diejenige Persönlichkeit

wenden, die für Ihre Aufführung verantwortlich ist.

Lulu

Wie stellen Sie sich das vor?

Schön

Ich ersuche Ihren Mann, Ihre Wege selber zu überwachen.

Lulu

(erhebt sich, geht links die Stufen hinan)

Schön

Wo wollen Sie denn hin?

Lulu

(ruft unter der Portiere)

Walter!

Erdgeist · 第 1 / 5 段