XIII.

Callao-Lima (Peru).

Vor einer neuen Seefahrt, d. h. vor einer umständlichen Mittheilung

des auf derselben Erlebten, darf der freundliche Leser keine Besorgniß

hegen. Ich werde bald für die Rückreise von Peru nach Europa genug zu

thun haben, seine Geduld nicht allzusehr zu ermüden.

Wir bedurften, um von der Algodonbai aus nach Callao zu kommen, 10 Tage

und bekamen bereits am 4. März gegen Abend die Insel St. Lorenzo in

Sicht.

Es muß in der That ein furchtbares Erdbeben gewesen sein, welches diese

Felseninsel vom Festlande losgerissen hat. Sie liegt gegenwärtig zwei

und eine halbe Meile von der äußersten Spitze des Landes entfernt,

und ohne Zweifel ist der sie mit dem übrigen Lande früher verbindende

Theil versunken, d. h. von der See verschlungen worden.

Die größte Tiefe der See, welche jetzt die Durchfahrt zwischen Land

und Insel bildet, ist 60 Fuß, die geringste 24 Fuß und der Grund

besteht aus Felsen und Sand.

Kaum glaublich, dennoch aber sicher beurkundet, sind die grauenhaften

Erscheinungen, unter welchen jenes berüchtigte Erdbeben (1746)

aufgetreten ist.

Die Erde hob und senkte sich dergestalt, daß die ganze frühere

Hafenstadt Callao sammt ihren Bewohnern in Zeit von wenigen Sekunden

vollkommen vertilgt war. Natürlich trat die See mit einer furchtbaren

Schnelligkeit über das für den Augenblick gesunkene Land, und man kann

sich einen Begriff von der Heftigkeit dieses Vordringens des Meeres und

der Mächtigkeit der stürmenden Fluth machen, wenn man erfährt,

daß neben einer großen Anzahl anderer an's Land geschleuderter und

zerschellter Schiffe, eine große englische Kriegsfregatte über eine

englische Meile weit in's Land geworfen wurde und dort liegen blieb. Ein

Denkstein bezeichnet noch heute die Stelle.

Es ist überflüssig hier die bei solchen Gelegenheiten gebräuchliche

salbungsvolle Formel einzuschalten: »Und dennoch bewohnt der Mensch

sorglos jetzt wieder diese Gegenden, welche etc.« -- Eine der größten

Gottesgaben, der Leichtsinn, wird glücklicher Weise nie die Menschheit

verlassen, selbst nicht im Zustande der höchsten Cultur, wenn der

Dollar einmal vollständig und allgemein als höchstes Wesen anerkannt

sein wird; und wir alle laufen mit derselben Sorglosigkeit über

Abgründe und Schlünde hinweg, welche uns jeden Augenblick verschlingen

können, wenn gleich theilweise moralisch.

Wir hatten auf der Fahrt von der Algodonbai aus nach Callao noch öfter

die Küste in Sicht, und daher noch den Eindruck derselben, das Wilde

und Sterile im Gedächtnis behalten.

Einen um so erfreulicheren Anblick gewährte jetzt das landschaftliche

Bild der peruanischen Küste. Grün und bebuscht dehnt sich vom Ufer an

eine freundliche Fläche aus. Einzelne hervorragende Palmen verfehlen

nicht den Typus der Tropen zu verleihen, und im Hintergrunde liegt

die Ciudad de los Reyes, das königliche Lima, tausend Erinnerungen

erweckend an Alles was man gehört und gelesen von demselben, und wohl

auch geträumt. Ein Gebirge[56], dessen Spitzen meist in Nebel gehüllt

sind, schließt hier die Landschaft. Im Vordergrunde, und dicht an See,

liegt die Hafenstadt Callao.

Allen Reisenden ist die niedere Temperatur aufgefallen, welche das

Wasser im Hafen von Callao zeigt und man hat dasselbe, wie ich glaube,

sehr glücklich durch die Humboldt-Strömung erklärt. Ich will hier

kurz bemerken, daß etwa 5 Meilen vom Hafen entfernt, die Temperatur des

Wassers + 15.9° R. war, im Hafen hingegen + 14.0° R. und die

der Luft 19.8°, vollständig also übereinstimmend mit früheren

Beobachtungen.

Kurz ehe wir in den Hafen einliefen, kam ein mächtiger Hai, wohl

12 Fuß lang, an Bord. Es wurde, da er die Angel nicht annahm, mit der

Harpune auf ihn Jagd gemacht, daß Thier auch wirklich getroffen, aber

wie gewöhnlich ging es beim Aufheben verloren. Auch Wallfische sahen

wir mehrere. Außerhalb des Hafens war eine Unzahl von Vögeln, im Hafen

jedoch weniger. Indessen behauptet man, daß die Menge der Vögel in und

um den Hafen gegen früher sehr abgenommen habe, seitdem sie durch das

Holen des Guano allenthalben gestört und verjagt werden. Auch Fische

scheinen dort in großer Menge vorhanden, und wir passirten an mehreren

Zügen vorüber. Bei einem dieser Haufen war das Wasser, in welchem sie

sich bewegten, roth gefärbt, ich konnte keins davon schöpfen, aber ich

glaube, daß diese rothe Färbung von kleinen Thieren herrührte, welche

den Fischen zur Nahrung dienen.

Am Lande selbst herrscht, wie allenthalben an solchen Orten, reges

lebendiges Leben, und bunt durcheinander klingen die Zungen aller

Nationen. Ich gefiel mir dort darin, den Seemann zu spielen, trug eine

weiße Jacke mit rother Schärpe und sprach ein schauderhaftes Spanisch.

Wir wanderten durch die reich und einladend aufgestapelten Schätze

der Früchte des Landes, welche dort zum Verkaufe geboten werden, an's

Zollhaus, und da man mich wirklich für einen Seemann hielt, machte man

Miene, mich einer etwas sorgfältigeren Untersuchung zu unterwerfen.

Aber die Zauberformel »=Soy medico=« und das Oeffnen meiner

Reisetasche, welche Verbandzeug, Aneroid-Barometer, Mineralienhämmer

und ähnliche Dinge enthielt, verschaffte mir sogleich freien Paß.

Ich miethete mich hier einen Tag im Marine-Hotel ein, um flüchtig

Callao zu besehen und dann nach Lima zu gehen. Die bescheidene Wohnung,

welche mir angewiesen wurde, bestand aus einem kleinen Häuschen,

welches neben drei andern Collegen auf dem flachen Dache des Hotels

stand, in jeder Ecke des Daches eines. Ein schmales Bett, ein Tisch und

ein Stuhl nebst so viel Raum, um zwischen diesen Gegenständen sich ohne

besondere Mühe durchwinden zu können, war die Bequemlichkeit, welche

mein Haus bot.

Die Unbequemlichkeit, welche es enthielt, bestand neben einer

drückenden Hitze aus einer Unzahl von Flöhen und Ameisen. Ich nahm

daher vor meiner Hausthür Platz, ließ mir eine Flasche Ale bringen

nebst einem Imbisse, und zeichnete so gut es ging während des Essens

einen Theil der Küste und des Hafens.

Einen Ueberblick über die Stadt gewinnt man übrigens auf einem solchen

Dache ganz vortrefflich, und es gewährt einen eigenthümlichen Anblick,

die Menge von braunen, aus Lehm geschlagenen Vierecken zu sehen,

welche mit vergitterten Fenstern versehen sind und mit dem Schmutze von

Decennien bedeckt scheinen.

Außer einzelnen Aasgeiern, welche hie und da die sterblichen Reste

eines Hundes oder einer Katze aufzehren, sieht man indessen auf jenen

Dächern nichts Lebendes, und blos im Marine-Hotel hatte man die, -- wie

es schien -- wohlwollende Einrichtung getroffen, für Flöhe, Ameisen

und wohl auch für Reisende jene kleinen Zufluchtsorte zu errichten.

Aehnlich wie in Valparaiso, wenn auch in kleinem Maßstabe, verläuft

auch hier die Stadt gegen außen in kleinere Gebäude und Hütten.

Gegen das Feld zu findet man dort lange, breite und einsame Straßen,

in welchen nur hie und da eine Hütte steht. Diese Hütten sind

im nämlichen architektonischen Sinne construirt, wie die früher

erwähnten in Mamilla, aber bei den meisten bestehen die beweglichen

Wände nicht aus fragmentarischen Kleidungsstücken wie dort, sondern

aus Flechtwerk und Matten, was nicht übel läßt.

Ich hatte Gelegenheit dies zu bemerken, indem ich einige Stunden in

der Stadt umhergelaufen war, einige Skizzen gezeichnet, und ein Paar

herrliche Papageien gekauft hatte, welche ich, nebenher gesagt, auch

glücklich lebend mit nach Europa brachte.

Im Gasthause wieder angelangt wurde ich mit einer fabelhaften Achtung

und Aufmerksamkeit empfangen, Capitano und Sennor Baroné genannt,

ein Ausdruck, den ich dort zum ersten und letztenmal an der Westküste

hörte, und zugleich wurde mir angezeigt, daß meine Sachen in ein

würdiges Zimmer gebracht worden seien. So war es in der That, aber ich

habe nie erfahren, welcher unbekannte Freund mich dort so in höhere

Potenz gestellt hatte. Indessen waren durch das einigemal ab- und

zufahrende Boot meine Kleider in's Hotel gebracht, und die erkauften

Vögel an Bord geschafft worden, so konnte der Abend sorglos zugebracht,

und im Gespräche mit einigen Deutschen manchfache Notiz über das Land

erworben werden.

Es wurde jenesmal viel von der Unsicherheit des Landes gesprochen.

Richtig war allerdings, daß der von Callao nach Lima gehende

Postomnibus öfters beraubt worden war, und daß fortwährend berittene

Abtheilungen von Militärwachen jene Straße durchstreiften. Geschieht

dies vierzehn Tage nicht, sagte man mir, so kann man darauf rechnen,

daß Räubereien vorfallen. Als ich aber meinen Vorsatz äußerte, am

andern Morgen die Umgegend von Callao zu durchstreifen, versicherte man

mir ganz ernsthaft, dies würde ich nicht thun, denn es sei zehn gegen

eins zu wetten, daß ich ermordet werden würde.

Ich war aber nicht nach Südamerika gegangen, um hinter den Lehmwänden

einer kleinen Hafenstadt mich vor Räubern versteckt zu halten,

steckte des andern Morgens frische Hütchen auf meine zuverlässigen

Taschenpistolen und machte mich, nachdem ich den Kaffee mit heroischen

Gedanken genossen, auf den Weg. Vor der Stadt indessen und im Gebüsche

angelangt, fand ich, daß ich meine Pistolen vergessen hatte.

Aber der Leser kann mich friedlich ziehen lassen, es wiederholte sich

nicht das Abenteuer mit dem Löwen, welchem ich unbewaffnet entgegen

treten mußte, und ungefährdet erreichte ich gegen Mittag wieder die

Stadt. Doch hatte ich auch wenig genug erworben. Wo nicht Pflanzenwuchs

die Erde bedeckt, finden sich Geschiebe mit Muschelfragmenten, und

etwa in einer Tiefe von 8 bis 10 Fuß unter diesen ein blauer thoniger

Letten, ohne Zweifel alter Meeresgrund, obgleich ich selbst unter dem

Mikroskope keine thierischen Reste in demselben entdecken konnte. Mit

Pflanzen wollte ich mich nicht befassen, da ich sie doch nicht hätte

trocknen können, geognostische Studien waren aber keine weitere zu

machen.

Merkwürdig ist die Armuth der dortigen Gegend an Insekten. Ich

habe keinen einzigen Käfer getroffen, obgleich ich sorgfältig alle

gewöhnlichen Fundorte durchsuchte, und nur einige Schmetterlinge,

Tachypteren, von unscheinbarer Färbung und den unserer Waldungen

ähnlich, und einen kleinen Schwärmer, wahrscheinlich eine Zygaena,

habe ich gefunden.

Ziemlich häufig aber war ein großer Asilus, der räuberisch jenen

Schmetterlingen nachstellte, und einige andere Fliegen.

Kapitain Müller und ich fuhren des Nachmittags nach Lima. Zu jener Zeit

wurde die Fahrt im Omnibus gemacht, deren mehrere des Tags hindurch hin

und zurück gingen, und genau alle Unbequemlichkeiten boten, wie

die deutschen analogen Institute. Mehrere Damen waren unsere

Reisebegleiterinnen, und ich staunte über die Masse des Schmuckes, mit

welchem dieselben buchstäblich beladen waren.

Es hätte sich in der That rentirt, einem solchen Omnibus einen Besuch

=à la= Rinaldo Rinaldini abzustatten, und reitende Patrouillen, welchen

wir begegneten, schienen zu beweisen, daß in Wirklichkeit ähnliche

romantische Ideen Eingang gefunden haben mochten bei den Söhnen des

Landes.

Jetzt ist eine Eisenbahn von Callao nach Lima geführt, an die

Stelle des wilden Räubers wird der sanfte Taschendieb treten und die

Nachkömmlinge der blutdürstigen Spanier werden der Segnungen der

Kultur und seiner Bildung mehr und mehr theilhaftig werden.

Der Weg von Callao bis Lima beträgt etwas über drei Wegstunden, welche

wir aber in einer Stunde zurücklegten, und auch hier wurde, wie in

Chile, fortwährend Galopp gefahren.

Einzelne Landhäuser und Ruinen von solchen, Erinnerungen an die Kämpfe

der Revolution, stehen hie und da auf der weiten Ebene, und bei allen

scheint ungebrannter Lehm das vorherrschende Bau-Material gewesen zu

sein.

Die Repräsentanten der Pflanzenkultur waren vorzugsweise Kleefelder und

Zuckerrohr-Plantagen, auch Orangenbäume fehlen nicht, zerstreute Palmen

aber gaben der Gegend jenen tropischen Anstrich, welcher für den aus

höheren Breitegegenden Kommenden stets anziehend und reizend ist.

Lima selbst macht einen großartigen Eindruck. Die Kuppeln und Portale

der Kirchen, an altspanischen Styl erinnernd, wenn gleich oft mit

starker Zopf-Reminiscenz, treten immer imponirend genug aus der Masse

der übrigen Gebäude hervor, und die ganze Stadt dehnt sich weithin

aus. Man hat mir die Einwohnerzahl von Lima auf 80,000 angegeben, aber

für den Flächenraum der Stadt giebt dieß nach unseren Begriffen

keinen sicheren Anhaltspunkt, da die meisten Häuser nur ein Erdgeschoß

mit einem Stockwerke haben, und nur wenige Gebäude mit drei Etagen

bestehen, ja viele Häuser selbst nur ein Erdgeschoß haben.

Es ist mithin die Einwohnerzahl auf eine größere Grundfläche

vertheilt als in unseren europäischen Städten, wo durchgängig höhere

einzelne Bauten eine größere Menschenmenge fassen.

Die Bauart selbst erinnert mehr an jene von Rio de Janeiro als an die

von Santjago, namentlich die besseren Häuser, welche freundlicher

aussehen oder wenigstens nicht den klösterlichen Typus haben wie die

chilenischen, doch trifft man auch solche. Einen ganz eigenthümlichen

Eindruck haben die abenteuerlich construirten Dächer mehrerer Kirchen

auf mich gemacht, welche fast alle mit einer dichten Staubdecke belegt,

mich unwillkürlich an alte, sonderbare Spielwerke meiner Jugendzeit

erinnerten, welche bei Seite gestellt in irgend einen Winkel nach

längerer Zeit wieder hervorgesucht wurden, und sich dann eben so

bestaubt wie jene zeigten. Auch auf Balkons und gedeckten Gängen der

Privatwohnungen liegt jene dicke Staublage, welche von den spärlichen

und selbst dann nur nebelähnlichen Regen nur selten vollständig

entfernt zu werden scheint.

Die Schilderung oder Aufzählung der vorzüglichsten Kirchen und

öffentlichen Gebäude erläßt man mir wohl. Aehnliches hat kaum mehr

Nutzen als eine Stelle des Reiseberichts auszufüllen, denn der Leser

bekommt doch schwerlich einen richtigen Begriff irgend eines Bauwerks,

wenn nicht mit künstlerischer Genauigkeit beschrieben wird. Die

statistischen Notizen, welche ich versucht habe im Vorhergehenden über

Chile zu geben, mögen im Allgemeinen auch für Peru gültig sein, die

Regierungsform eine gleiche oder sehr ähnliche, das Unterrichtswesen

und der Stand der bewaffneten Macht auf gleicher Stufe, und auch für

Handel, Gewerbswesen und Zollverhältnisse mag Aehnliches gelten. Aber

man fühlt in Lima die größere Nähe des Aequators, nicht in der

Temperatur allein, sondern auch im Leben und Treiben selbst. Man lebt

dort anders als in Chile. Ich mag mich nicht gerne vermessen, einen

Urtheilsspruch zu thun über Charakter und Sitten eines Volkes nach

kurzer Beobachtungszeit von kaum einigen Wochen, so will ich denn dem

Leser nur einzelne Bilder vorführen, aus denen er sich selbst Schlüsse

ziehen kann.

Kapitain Müller und ich stiegen in der goldenen Kugel, einem der ersten

Gasthäuser von Lima ab, und besuchten hierauf sogleich einen

deutschen Uhrmacher, der in nächster Nähe wohnte, und einen reichen

Verkaufsladen hatte. Er war ein alter Bekannter von Müller, und empfing

uns mit derselben Herzlichkeit wie alle Deutsche, welchen ich an der

Westküste begegnet bin, und da in seinem Geschäfts-Lokale zugleich der

Versammlungsort der meisten Deutschen war, welche eben ein Paar müßige

Augenblicke hatten, so lernte ich in der Folge viele derselben dort

kennen.

Wir gingen, nachdem es dunkel geworden, nach der Plaza, und ich staunte

über das eigenthümliche Leben was sich uns dort darbot. Die Plaza ist

der Hauptplatz von Lima, wohl einige hundert Schritte lang und breit,

und gegen Ost von der Kathedrale begränzt, welche ein würdiges Bauwerk

ist, und im Innern vor der Revolution unglaubliche Schätze enthielt,

von welchen aber ein großer Theil seitdem verschwunden ist. Die

nördliche Seite schließt das Rathhaus ein, gegen Süd und West aber

stehen Privathäuser, unten mit geräumigen Gallerien versehen, in

welchen offene Kaufläden mit den verschiedenartigsten Gegenständen

gehalten werden. Täglich erlebt man auf der Plaza drei verschiedene

Perioden.

Des Morgens mit Tages-Anbruch herrscht der Lärmen und das Gewühle

von Viktualien-Verkäufern aller Art, denn es wird dort zugleich der

Hauptmarkt abgehalten; bei steigender Sonne aber und des Tages über

ist der Platz leer und geräumt, und fast im alleinigen Besitze der

glühenden Sonnenstrahlen; bei'm Beginne der Nacht hingegen entwickelt

sich dort das lebendigste Treiben. Hunderte von Verkäufern bieten

Eiswasser (Fresco) und Limonade aus. Ihre Buden sind freilich nicht

glänzend, und bestehen meist aus alten Kisten, in welchen die Gefäße

mit Eis stehen, beleuchtet von einem kleinen Talglichte, und aus einer

Anzahl niedriger Bänke und fußschemelartiger Stühlchen, denn man

liebt in Peru eben so wie in Chile, fast huckweise (kauernd) zu sitzen.

Aber um diese bescheidenen Etablissements hat sich der Luxus geschaart,

die schöne und die feine Welt von Lima. In reichen Anzügen haben dort

die vornehmsten Damen Platz genommen, und lassen sich Fresco reichen von

ihren ebenfalls zierlich geschmückten Männern oder Freunden. Officiere

beleben die bunten Gruppen, und anständig schreitet mitunter ein Mönch

zwischen ihnen.

Friedlich aber zwischen allen diesen Staatspersonen sitzt mitunter

leichte Waare, Priesterinnen der verrufenen, wenn gleich nicht

unbeliebten Göttin, die dereinst den Wellen entstiegen; bunte Vögel,

zwar nicht geschmückt mit fremden Federn, wohl aber mit lebenden,

blühenden Blumen. Man sagte mir, daß dieß das selbstgewählte

Abzeichen jener schwärmenden Damen sei. Vielleicht aber sind sie eben

deßhalb geduldet mitten im Kreise der Tugend und des Anstandes, da sie

so hinreichend bezeichnet sind durch den duftenden Jasminkranz, den

zu jener Zeit wenigstens fast alle trugen. Jedenfalls fällt es

aber Niemand ein, Uebles zu denken oder sich aufzuhalten über jene

Vermengung von Tugend und Leichtsinn.

So schlürft man behaglich einige Gläser Fresco, die nebenher gesagt,

aus Eiswasser[57] besteht, gewürzt, je nach Wunsch des Consumenten, mit

fast allen Früchten die Peru bietet, und verläßt gegen 10 Uhr die

Plaza. In den Familien beginnt jetzt erst das eigentliche Leben, man

empfängt Besuche, musicirt oder spielt. Der Fremdling aber geht in's

Hotel und sucht sein einsames Lager. Er denkt über die Versuchungen

nach, denen er auf der Plaza glücklich entgangen und preist seine

Tugend, -- aber, er bedarf ihrer noch ferner! Im Gasthofe, auf den

dunklen, oder wenigstens nur halb beleuchteten Gängen, die zu seiner

Schlafstube führen, schwärmen Gestalten flüsternd und lockend.

Sie mehren und mehren sich! Führt man Robert auf? Soll er in der

Kirchhof-Scene debütiren? Aber glücklich der erfahrene Mann! Die

Senoritas tragen _Jasmin_-Kränze, und er hat vor einer halben Stunde

auf der Plaza erfahren, was diese bedeuten. So gewinnt er sein Zimmer

und verschließt seine Thüre, klopft man, so ruft er einfach =no

quiro=, und nachdem er zehn- oder zwölfmal an stets neue Klopfgeister

diese Zauberformel gerufen, kann er sich ruhig zu Bette legen mit dem

Kranze der Unschuld, statt mit dem von Jasmin geschmückt, und eine

willkommene Speise für Tausende von Flöhen, welche jetzt wie wüthend

über ihn herfallen, und gegen welche weder Tugend noch kölnisches

Wasser, weder Essigsäure noch männliche Festigkeit und Salmiakgeist

hilft.

Beiläufig so wie eben geschildert, war mein erster Abend in Lima, auf

und nach der Plaza.

Den folgenden Tag lief ich in der Stadt umher, planlos in Hinsicht auf

die zu verfolgende Richtung, indessen in der Absicht, ein, wenn auch nur

oberflächliches Bild derselben und ihrer Bewohner zu erhalten. Erinnern

gleich die kuppelförmigen Dächer der Kirchen, ihre eigenthümlichen

Portale und ganze Bauart, so wie die Balkons der Privatwohnungen stets

den Beschauer daran, daß er sich in einem fremden Lande befindet, so

haben doch wieder die gangbarsten Straßen viel europäisches. Man sieht

allenthalben glänzende Buden, in welchen die Industrie-Gegenstände

Deutschlands, Englands und Frankreichs ausgeboten werden und

Restaurationen, so viel als möglich in gleichem Sinne eingerichtet,

finden sich häufig.

Es herrscht ein reges Leben auf diesen Straßen, was bedeutend abweicht

von der Ruhe, welche fast aller Orten in Santjago stattfindet, und

in der That zeigen sich interessante Gestalten genug, die Stoff zur

Beobachtung bieten. Fast gänzlich verschwunden ist gegenwärtig

die alte Tracht, von welcher früher Reisende so vieles zu berichten

wußten, und ich habe nicht viele Damen in der Saya und dem Manto

gesehen. Die Saya ist ein Rock von Wolle oder Seide, welcher unten an

den Füßen sich wieder verengte, so daß die Trägerin nur trippelnd

gehen konnte. Der Manto ist eine Art Schleier von dickem, schwarzen

Seidenzeug, welcher am Gürtel befestigt und so über den Kopf

geschlagen wird, daß nur das eine, meist das linke Auge der Dame zu

sehen ist. In der unten engen Saya habe ich nur noch einige ältere

Frauen gesehen, während bei denen, welche noch jetzt die Saya und den

Manto tragen, die erstere in malerischen, wenn gleich künstlich durch

verschiedene Mittel hervorgebrachten Falten abwärts fällt.

Um die schlanke Taille noch mehr zu heben, wird das Unterkleid durch

einen zweiten Gürtel in die Höhe geschoben und festgehalten, und dann

über den Kopf die Saya und der daran befestigte Manto übergestürzt.

Ganz gut kann man begreifen, warum unter 12° südl. Breite sich die

Damen so einhüllen, daß man blos ein Auge von ihnen sieht, denn

bei vorliegenden Gründen kann man sich für jeden Unberufenen, oder

wenigstens Ungewünschten, unkenntlich machen, während ein kaum

sichtliches Zeichen zu dem Freunde deutlich genug spricht; aber es ist

mir nie recht klar geworden, warum man die allerschwersten und wattirten

Seidenzeuge zu diesen Verhüllungen angewendet hat.

Doch -- wie gesagt -- nur wenige Damen werden jetzt mehr in

dieser Tracht gesehen, und französische Mode hat auch hier das

Landeseigenthümliche verdrängt. Doch muß ich gestehen, daß immerhin

noch die Damen malerisch genug und wirklich mit Zierlichkeit auch jenen

französischen Tand um sich zu schlingen wissen, den sie gegenwärtig

tragen. Wunderbar und unglaublich klein sind die Hände und Füße der

Damen in Lima, aber mir schien es fast, als sei man wenig eitel auf

diese Zierde, da sie Gemeingut.

Da ich von den Damen und ihrem Anzuge gesprochen, muß ich natürlich

auch der _Herren_ erwähnen. Gänzlich verbannt ist bei diesen, im

Stadtleben wenigstens, der Poncho und die ältere Landestracht, und die

Mode hat vollen Eingang gefunden. Man trägt den engen, schwarzen Frack,

um die Strahlen der Sonne aufzuhalten, bindet eine Cravatte um den Hals

da man bei + 24° R. sich sonst leicht erkälten könnte, und trägt

den schwarzen, runden Hut um das malerische und zweckmäßige des ganzen

Anzugs zu vollenden. Der theure, aber für jenes Klima so passende

Strohhut kömmt dort täglich mehr aus der Mode. So die Herren. Die

Männer, d. h. die _Männer_ aus dem Volke, tragen den Poncho, leichte

Schuhe und weite Beinkleider, nebst einem stets breitkrämpigen Hut, in

übrigens sonst verschiedener Form. Sie haben die alte Tracht des

Landes beibehalten, so wie bei uns auf dem Lande an verschiedenen Orten

Deutschlands auch deutliche Spuren älterer Moden zu finden sind. Aber

ob sie nicht mit heimlichem Wunsche und mit Begehrlichkeit nach den

neuen Moden blicken, will ich nicht entscheiden.

So drängen sich in den Straßen von Lima in buntem Gewühle der

europäisch gekleidete Modeherr und der Arbeiter mit dem Poncho.

Dazwischen reitet ein Früchteverkäufer mit mächtigen Körben und

Säcken zu beiden Seiten des Maulthiers. Sein Poncho ist brennend roth

und seine Beinkleider von schönster Indigfarbe. Ihm folgt stolz auf

einem weißen Rosse ein Neger, ein Lieblingssklave vielleicht, oder ein

Freigelassener. Seine Satteldecke ist blau, sein Poncho weiß,

weiß sein Hut, und ein weißer Kragen, Andeutung des zukünftigen

Vatermörders, wenn er ganz Caballero geworden sein wird, dehnt sich bis

an die Ohren. Der _solide_ Neger liebt die weiße Farbe.

Mit eben nicht überflüssigen Kleidungsstücken ausgestattet, aber

rittlings nach Männerart im Sattel oder wohl auch auf ungesatteltem

Thiere sitzend, begegnet uns dort eine ländliche Senorita. Unter dem

blau-schwarzen Haare, welches wild über die braunen Wangen hängt,

blitzen zwei kohlige Augen hervor, vielleicht nach einem Sohne des

Mars, der eben wohlgenährt, wie fast alle seine Kameraden, und weiß

uniformirt, mit der hohen, leichten Mütze durch die Straßen schreitet.

Mönche in verschiedenen Ordenskleidern, ernst, würdevoll oder

demüthig, wohl nach der Regel des Ordens, durchwandern, grüßend

und gegrüßt das bunte Gewühl, was vervollständiget wird durch die

Fremden, die eben angekommen sind, durch die Kapitaine und Seeleute

überhaupt, durch Neger und Negerinnen und Staffage der verschiedensten

Art, die zu schildern der Raum verbietet.

Verläßt man die volkreichsten Straßen, so treten wohl die von

ungebranntem Lehm erbauten und weiß getünchten Häuser, die an

Santjago erinnern, hervor. Dort zieht sich auch, wie in den meisten

Straßen der genannten Stadt, ein schmaler Kanal der Länge nach durch

die Mitte des Weges, und an diesem sitzt in stoischer Ruhe der schwarze

Aasgeier, der häufig sich nicht bewogen fühlt, dem vorübergehenden

Herrn der Schöpfung auszuweichen, oder höchstens einen Schritt zur

Seite geht. Diese Thiere haben die Reinigung der Straßen übernommen,

und erfreuen sich hiefür der allgemeinen Achtung und Sicherheit.

Abfälle aller Art, Aas und Unrath, werden einfach und ohne Wahl von den

Bewohnern auf die Straße geworfen und mit eben so wenig Auswahl auf's

Schnellste von diesen Thieren verzehrt. Der Zweck ist edel, aber die

Ausführung streift häufig an's Unappetitliche.

Da Lima mit Lehmmauern umgeben ist, welche etwa 9 Fuß Höhe und

6 Fuß Breite haben, so findet nicht jener allmälige Uebergang in

immer kleiner und unansehnlicher werdenden Wohnungen statt, welchen ich

früher für die südamerikanischen Städte überhaupt angegeben habe.

Geht man aber über die wirklich schöne Brücke, welche über den Fluß

Rimac führt, so kömmt man in die Vorstadt San Lazaro, welche meist

von ärmeren Leuten bewohnt und wo allerdings der eben erwähnte Typus

gefunden wird.

Nach langer Wanderung durch die Straßen Lima's mag mich der Leser in

die Fonda italiana begleiten, eine Restauration, wo man fast zu allen

Zeiten des Tages nach der Karte speisen, aber auf Abonnement auch festen

Mittagstisch nehmen kann.

Es ist ein schönes, ja vollkommen großstädtisch angelegtes

Etablissement, und man speist dort ziemlich billig, wenigstens nach

»Westküsten-Preisen« und in zierlich ausgestatteten Räumen. Es waren

auf der Speisekarte 154 warme Speisen, 20 kalte und eben so viele Weine

und Spirituosen angegeben. Wirklich zu haben waren an jenem Tage 62

warme Speisen und alle kalten, nebst den verzeichneten Weinen. Da in der

Fonda italiana auf den Geschmack aller seefahrenden Nationen Rücksicht

genommen war, und sich die Lieblingsgerichte einer jeden vertreten

fanden, war dort auch stets ein Zusammenfluß der meisten Fremden zu

finden, und nebenher zugleich auch starker Besuch von Limanern selbst.

Um einen kurzen Anhaltspunkt in Betreff der Speisen zu geben, führe

ich Folgendes an: Suppen verschiedener Sorten ½ bis 1 Real. Rostbeef

1 Real. =Bifsteko a la parilla=, (auf dem Roste gebraten) 1 Real.

=Bifsteko a la francesca con papas=, (mit Kartoffeln) 2 Realen. Ein

Viertel Huhn 2 Realen. Ein Viertel Truthuhn 2 Realen. Kalbsbraten

1 Real. Hammel- und Lammsbraten 1 Real. Lendenbraten mit Spargeln,

Artischoken, Blumenkohl oder irgend einem andern Gemüse 1½ Real.

Von weniger bei uns bekannten Speisen, z. B. Seefische und Krebse

verschiedener Art, ähnliche Preise von 1 bis 2 Realen. Die Weine

kosteten meist 1 Thaler, 4 Realen (3 fl. 42 kr.) die Flasche, so

z. B. =Bordeos= (Bordeaux) und ferner =Vino de Oporto, Madera, Jerez,

Moscatel, Hermitag, de Rhin, Suterne,= aber =Vino de Campanna= 2 Thaler.

Man sieht zugleich aus dieser kleinen Weinkarte, daß die Limaner nicht

schüchtern sind im Uebersetzen. Ich habe, so lange ich mich in Lima

aufhielt, häufig in jener Restauration gegessen und bin wie man sich

denken kann, bedacht gewesen, so viel als möglich die fremdländischen

Speisen zu kosten, da ich eine süße Ahnung hatte, daß mir die

deutschen Kalbsbraten und die Bratwurst meines _engsten_ Vaterlandes,

später immer noch bleiben werde. Besonders aber habe ich gesucht, die

Früchte des Landes kennen zu lernen.

Von diesen will ich nur eine ganz eigenthümliche, sehr angenehme Frucht

erwähnen, deren Namen ich leider vergessen habe. Sie hat die Größe

eines Gänseeies. Der uneßbare Kern ist in Farbe und Umfang einer

wilden Kastanie ähnlich, aber hart und holzartig. Aber zwischen diesem

und der äußersten grünen Schale liegt das weiche eßbare Fleisch, es

wird reich mit spanischem Pfeffer und etwas Salz durchwürzt auf Brod

genossen und ist ohne Zweifel ein vegetabilisches Fett, oder wenn man

will, eine reich mit Oel durchsetzte Pflanzenfaser. Leider war die

Frucht nicht zu transportiren und die verschiedenen Exemplare, welche

ich mitzunehmen versuchte, faulten sammt dem Kern bald auf der See.

Ich habe in jener Fonda italiana einen alten Spanier kennen gelernt,

keinen _Peruaner_, denn er selbst nannte sich so, und alle Welt

bezeichnete ihn nur mit dem Namen =il Espanol=. Ich habe von dem Alten

mehrere Notizen über das frühere Verhältniß von Peru erfahren, und

ich, der Fremde, war vielleicht der einzige Mensch, der seit langer Zeit

ihn freundlich behandelt hatte. Er war eine Ruine aus der vergangenen

Zeit, ein _Geduldeter_. Unter der spanischen Herrschaft war er ein

reicher, begüterter Mann und allgemein geachtet. Da brach die Bewegung

aus und er hielt es mit der Sache des Königs. Sie ging verloren. Einen

Theil seines Vermögens hatte er seiner Partei geopfert, er hatte

ihn auf die eine Seite des vaterländischen Altars gelegt. Die neue

Regierung confiscirte den Rest seiner Habe, und legte ihn auf die andere

Seite des bekannten Opfersteins. Er war ein Bettler und stand allein.

Sein einziger Sohn war in der Revolution getödtet worden, noch ein

halbes Kind, sagte der Alte, indem er sein Gesicht verbarg; ob aber für

oder gegen die Sache des Vaters, habe ich nicht erfahren. Er hatte sich,

nachdem Alles verloren war, verborgen, und erreichte endlich ein Schiff,

in welchem er später nach Spanien flüchtete, denn dort lebten ihm

Verwandte, und vor allem war dort die Regierung, der er Alles geopfert.

Man würde ihn nicht sitzen lassen im Vaterlande, meinte er. Man ließ

ihn auch wirklich nicht sitzen, sondern gab ihm den guten Rath, so

bald wie möglich wieder zu gehen, woher er gekommen, oder auch in

Gottesnamen anderswohin, aber nur fort. Wer hatte ihn geheißen, dem

Dinge, welches er seine Ehre nannte, so leichtsinnig Alles zu opfern.

Niemand war ihm Etwas schuldig. Ein französischer Kapitain nahm ihn

aus Barmherzigkeit wieder mit nach Peru. Er hoffte, einen Theil seiner

Besitzungen wieder zu erlangen, indessen vergebens. Doch kümmerte sich

die Regierung, jetzt stark genug, nicht weiter um ihn, aber ein alter

Bekannter borgte ihm eine kleine Summe, und er begann einen Papierhandel

und hielt einen kleinen Buchladen, der ihn spärlich nährte. Aber er

wußte Herrliches zu berichten von der vorigen Zeit, von der Pracht,

die geherrscht und von dem Gelde, das im Ueberfluß vorhanden. Zu jener

Zeit, sagte er, kam es wohl, wie allenthalben vor, daß auch ein reicher

Mann für den Augenblick kein Geld hatte. Er ging zu einem Freunde und

entlieh eine Kleinigkeit von 500 oder 1000 Thalern. Wollte er aber nach

ein paar Tagen oder Wochen das Geld zurückzahlen, so sagte der Andere:

»Heilige Jungfrau! diese Kleinigkeit, wer denkt _daran_! Lassen Sie es

doch gehen, ich komme wohl auch einmal zu Ihnen, und Niemand sprach mehr

von der Sache!« Wenn diese Liberalität noch jetzt geübt würde,

welch ein vortreffliches Land für die Auswanderung würde dieses Peru

abgeben. Aber man bekräftigte auch von anderen Seiten, daß Aehnliches

wohl vorgekommen sei.

Ein anderer Beweis von dem Reichthum jener Zeit, der indessen wohl schon

bekannt, keinesfalls aber eine Fabel ist, ist der, daß wenn ein neuer

Gouverneur aus Spanien kam und zum erstenmal ausfuhr, die Reichen aus

ihren Häusern liefen, und spanische Thaler auf seinen Weg streuten,

nicht einzeln, so wie bei uns bisweilen Blumen gestreut werden, sondern

dicht. »Pferde und Räder liefen auf Silber.« Die Armen lasen dann

diese Thaler auf. War der Gouverneur beliebt, so wurde auch später und

zum öftern dieses Streuen wiederholt. Dies ist eine Thatsache, welche

noch heute älteren Leuten dort wohl bekannt ist.

Auch der Luxus, der mit silbernen und goldenen Geräthschaften getrieben

wurde, grenzte in jener Zeit an's Fabelhafte. Alles war von edlem

Metalle, und ein gewisses Geräthe, so unentbehrlich im Schlafgemache,

wie unnennbar in guter Gesellschaft, war selbst bei Leuten, die nicht zu

den reichsten gehörten, stets von Silber, und gerade von diesem Artikel

soll man sich am schwersten getrennt haben, als das eiserne Zeitalter

viele Opfer nöthig machte.

Aber noch heute glänzt dort Gold und Silber in den Zimmern der Reichen

und ich habe Nipptische gesehen, welche eine kleine Schatzkammer waren.

Gleich in den ersten Tagen meiner Ankunft besuchte ich das Museum,

=Museo national y latino= genannt. Diese Sammlung befindet sich auf

dem Standpunkte, auf welchem etwa vor 40 Jahren fast alle europäische

ähnliche Sammlungen waren.

Ohne allen Plan hat man alles »Merkwürdige« zusammengestapelt, dessen

man eben habhaft werden konnte, und so ist ein vereintes Kunst- und

Naturalienkabinet entstanden. Aber wie bei uns, so wird wohl auch in

Peru der Sinn für die Schätze der Natur und Kunst geweckt werden

durch solche Sammlungen, es wird wenigstens einigermaßen vorläufig der

blinden Zerstörungswuth entgegengewirkt werden, und wie beim einzelnen

Individuum das anfängliche Sammeln endlich zum Studium führt, so wird

hier der bessere Theil der Nation selbst zuerst zum Erhalten, später

zum Beachten aufgefordert.

Man findet im Museum zu Lima die alten peruanischen Gefäße und

Götzenbilder ziemlich reich vertreten, wenn gleich ein bei weitem

größerer Theil derselben entweder bei zufälligem Funde zerstört,

oder außer Land gebracht worden ist, wohl auch sich noch in

Privathänden befindet.

Die Wichtigkeit solcher Funde, wenn die Ausgrabung gehörig geleitet

wird, scheint jetzt bei uns erst in neuerer Zeit mehr und mehr anerkannt

worden zu sein, und es ist kaum glaublich, daß bisher fast allgemein

die bei solchen Gelegenheiten gefundenen Schädel entweder zerstört

oder wieder begraben wurden und daß nur wenige daran gedacht zu haben

scheinen, wie wichtig ihre Erhaltung für die Ethnographie gewesen

wäre. Die im Museum befindlichen alten Götzenbilder, meist von

Silber, einige von Gold und alle mit dem Hammer getrieben, scheinen mir

großentheils altperuanischer Abkunft, einige indessen scheinen älter

und auf die Titicaca-Race hinzudeuten, wenigstens ist dieß aus der

Gesichtsform einiger Figuren abzuleiten. Die aus Thon gearbeiteten Vasen

oder Töpfe stellen in einer gewissen Periode sehr häufig Menschen-

oder Thierformen dar, ein von diesen verschiedener Typus aber spricht

sich deutlich bei andern aus, mehr antiker Form sich nähernd, gehören

sie offenbar einer andern Zeit an. Welche Vortheile können aus der

näheren Erforschung und Entwicklung dieser Verhältnisse für die

früheste Geschichte des Menschengeschlechts erworben werden!

Da sich ziemlich viele dieser Ausgrabungen im Privatbesitze befinden,

habe ich mehrere derselben erwerben können, und bin so ziemlich im

Stande das eben Gesagte nachzuweisen.

Die Mumien im Museum zu Lima sind vollständig wohl erhalten und noch

mit den Decken versehen, mit welchen sie gefunden wurden. Sie

wurden ebenfalls in sitzender Stellung gefunden, wie fast alle dort

ausgegrabenen Leichen, und ganz so wie ich die der alten Titicaca-Race

fand, aber sie gehören nicht dieser Race, sondern der altperuanischen

an, wie sich deutlich aus der Form der Schädel ergibt.

Ueber diese Gegenstände, vorzugsweise aber über die Thongefäße und

Idole von Metall, hat der frühere General-Director der Bergwerke in

Peru, Herr de Rivero, geschrieben, und ich bin im Besitz eines im

Jahr 1841 in Lima erschienenen Buches mit Illustrationen, in welchem

treffliche Aufschlüsse gegeben werden.

Mitten unter den alten Resten dieses früheren Kunstfleißes sah ich

plötzlich zu meiner Ueberraschung einen alten Bekannten stehen, den ich

seiner sonderbaren Gesellschaft halber anfänglich kaum zu erkennen mich

getraute. Es war eine Sicherheits-Lampe von Davy, die wie Saul unter den

Propheten, friedlich unter den alten Götzen Platz genommen hatte. So

steht eben dort, wie ich vorher bemerkt, Alles bunt durch einander.

Unter den andern Dingen, welche ich getroffen habe, ist das Modell eines

chinesischen Schiffes hervorzuheben. Es ist chinesische Arbeit, ganz von

Elfenbein, vollständig gut erhalten und außerordentlich zierlich bis

auf die geringfügigste Kleinigkeit ausgeführt. Eine Unzahl Figuren

sind allenthalben angebracht, und nach Urtheil des Kapitains Müller,

der das Museum mit mir besuchte, gibt die Nachahmung des Tauwerks und

der Segel den deutlichsten Begriff von der Art und Weise, wie solches

noch heute bei den Chinesen construirt ist. Erinnere ich mich recht, so

beträgt die Länge des ganzen Modells sicher nicht unter fünf Fuß.

Die Fauna von Peru ist leider nur ungenügend im Museum vertreten,

hingegen habe ich schlecht genug ausgestopfte deutsche Finken und

Sperlinge getroffen und auch einige brasilianische Vögel.

Eine Suite von Versteinungen aber, und schöne Silberstufen, zeigen,

daß der erste Anleger der Sammlung, Rivero, sein Fach gut vertreten

hat.

Ich habe mehrere Ausflüge zu Pferde in die Umgegend von Lima

unternommen, wobei mich meistens Deutsche begleiteten. _Allein_ reitet

oder geht man ungern vor die Stadt aus Furcht vor Räubern, welche

allenthalben lauern sollen.

Außer einem Ueberblicke über die Gegend habe ich aber bei jenen

berittenen Excursionen wenig erworben. Man reitet in Peru fast eben

so toll und besessen wie in Chile, so stürmten wir im Galopp stets

vorwärts, und kaum waren die Genossen zu bewegen, irgendwo einige

Augenblicke zu halten.

Als ich aber eines Abends meinen Vorsatz äußerte, des andern Tags

zu Fuß die Umgegend zu besehen, lachte man mich geradezu aus und

versicherte mir, theils der Hitze halber, vorzugsweise aber wegen des

Raubgesindels, sei dies eine vollkommene Unmöglichkeit.

Da ich mit der Hitze auf gutem Fuße stehe und nicht zu jenen

unaufhörlich transpirirenden und schnaubenden Subjekten gehöre, welche

lieber mit Eisbären verkehren, als unter Palmen wandeln, so ging ich

dennoch. Wegen der Räuber hoffte ich, daß sich das Weitere ebenfalls

finden würde. Ich durchstreifte zuerst einen Theil des alten

Flußbettes des Rimac, welches dort nur selten bewässert erscheint

und mit 8 bis 10 Fuß hohen Büschen eines hiftenartigen Strauches

bewachsen ist, von welchem ich Saamen mitgebracht habe, der in Europa

trefflich anschlug.

Verdächtig aussehende Bursche traf ich allerdings gelagert in jenen

Sträuchern, aber keiner machte nur im Entferntesten Miene mich

anzufallen. Als ich dicht zu zwei derselben trat, und um sie

anzusprechen fragte, wohin der Weg zur Stadt gehe, hob einer von ihnen

den Fuß, die allgemeine Richtung zu bezeichnen, und sagte: »=aqui=«

(hier) -- dann legte er sich auf die Seite, um, wie es schien, von der

Anstrengung auszuruhen, und würdigte mich kaum mehr eines Blickes.

Möglich, daß es ein verwegener Räuber gewesen, allein entweder war

er im Augenblicke nicht disponirt, »befand sich nicht in der Lage« wie

man sich auszudrücken pflegt, sein Metier zu betreiben, oder hielt es

nicht der Mühe werth, indem mein Aeußeres eben nicht sehr glänzend

beschaffen war. Hierauf wendete ich mich gegen den Monte San

Cristoval und erstieg dessen kahlen Gipfel. Ich hatte nicht Zeit, die

geognostischen Verhältnisse des Berges näher zu untersuchen, doch

schien mir der Granit, aus welchem der größte Theil desselben bestand,

welchen ich bestieg, von Gängen anderer Gesteine durchsetzt. Ich habe

von dort einen Diorit, einen schönen Porphyr und zwei Stufen Granit

mitgebracht, von welchen der eine so feinkörnig ist, daß man kaum mit

unbewaffnetem Auge die Gemengtheile zu erkennen vermag. Vom Gipfel aus

hat man eine reizende Aussicht und es macht Lima, von dort aus gesehen,

fast den Eindruck einer orientalischen Stadt, der begründet durch die

vielen Kuppeln der Kirchen, noch verstärkt wird durch die zahlreichen

Palmen in der Nähe, und die eigenthümlichen Formen des aus der Ferne

herüberblickenden Forts von Callao.

Vom Berge herabgestiegen, erbeutete ich einige schöne

Farrenkräuter[58] und einige Species einer Landschnecke. Auch mehrere

schöne Tagfalter sahe ich, konnte aber mit dem Fang mich nicht

befassen, hingegen wurde ich auch nicht eines einzigen Käfers gewahr,

was mir eigenthümlich genug erschien. Indem ich durch eine Schlucht

gehend auf Umwegen die Stadt wieder zu erreichen suchte, hörte ich

plötzlich Schritte dicht hinter mir, und mein erster Gedanke war jetzt

wirklich ein räuberischer Anfall. Ich griff in die Tasche und spannte

den Hahn meiner einen Pistole, denn diesmal hatte ich sie nicht wie

in Callao vergessen, und drehte mich dann rasch um. Aber statt in das

tückische und mordlustige Gesicht eines braungelben peruanischen

Ladron zu sehen, blickte ich in ehrliche blaue Augen und das gemütliche

Gesicht eines Deutschen aus dem gesegneten Schwabenlande, den ich schon

einmal früher in Valparaiso gesehen hatte, und der sich nicht genug

verwundern konnte, wie ich _gerade_ hieher käme. Tausend! Tausend!

sagte er, die Deutschen kommen doch überall herum, und schlagen

überall _gut_ an. Er war auch wirklich gut angeschlagen, d. h. er

befand sich gut in Lima, und war Aufseher in einer Mühle. Wir aßen

später zusammen in einer unweit der Stadt gelegenen Fonda, und als

ich ihm von den Befürchtungen wegen Unsicherheit durch Räuber sprach,

versicherte er mir, daß er in den acht Wochen, seit welchen er in

Lima sei, nicht das mindeste Verdächtige bemerkt habe, obgleich sein

Geschäft ihn täglich, und oft noch spät des Abends, in ziemliche

Entfernung von der Stadt geführt habe. Die Unsicherheit des Weges nach

Callao bekräftigte er indessen.

In Valparaiso hatte ich mehrere Empfehlungen nach Lima erhalten und

wurde mittelst derselben von den dortigen Deutschen, an welche sie

gerichtet waren, ebenfalls auf das Freundlichste angenommen. Ich hatte

in einem dieser gastfreien Häuser Gelegenheit, weitere Studien

zu machen in Betreff des Obstes sowohl, als auch der übrigen

Culturfrüchte, da man dort theils zum Vergnügen die feinsten Sorten

von Früchten selbst zog, theils auch überseeische Geschäfte in

größerem Maßstab mit Landesprodukten überhaupt machte. So sah ich

dort alle Sorten des Kaffee, welcher im Lande gebaut wird, und

von welchen einige ganz ausgezeichnet sind. Ich erwähne, um einen

Anhaltspunkt zu geben, daß das beiläufige Gewicht von hundert Pfunden

eines solchen 40 Thaler kostet, während eine geringere Mittelsorte

4 Thaler kostet.

Auch von Zuckerrohr, Cacao, Vanille, Chinarinde und Baumwolle wurden mir

die verschiedenen Proben gezeigt, welche in den Handel gebracht werden,

desgleichen drei Sorten von Mais, Reis, Weizen, Bohnen, Manioc, Oliven

und analoge Dinge.

Unter den Früchten bemerke ich neben Weintrauben, welche dort an

kühleren Stellen gezogen werden, der süßen Kartoffel (=Batata=), der

Liebesäpfel, Granatäpfel, der Pfirsiche, Aprikosen, Quitten, Melonen,

der Brodfrucht, der Palta und anderer. Lebhaft im Gedächtnisse ist mir

noch die Tuna und die Cheremoya. Der letzteren habe ich schon in

Chile Erwähnung gethan, aber in Peru wird sie noch schöner und

geschmackvoller getroffen als dort. Die Tuna hingegen ist eine Frucht

von der Größe eines Gänseeies und kann am besten mit einer kolossalen

Stachelbeere verglichen werden. Ihr Fleisch hat dieselbe Consistenz wie

bei jener, und ist eben so wie sie mit einer Menge von kleinen

Kernen durchwachsen. Auch im Geschmacke ist eine nicht zu verkennende

Aehnlichkeit vorhanden, doch ist jener der Tuna gewürziger.

Sicher das unparteiischste Urtheil über die Sklaverei in Peru habe ich

ebenfalls bei den dort wohnenden Deutschen erfahren. Es lautet günstig

und wirft ein gutes Licht auf den Charakter der Limaner. Bei der

Herstellung der Republik wurde die Sklaverei gewissermaßen aufgehoben.

Ich vermag nicht die Worte der Akte anzugeben, mittelst welcher dieser

Beschluß in's Leben trat, aber der Sinn derselben war der, daß keine

neuen Sklaven eingeführt, die alten aber beibehalten werden sollten.

Man hat dies treulich gehalten, und keine neue Zufuhr von schwarzer

Waare findet statt. Daß hiedurch das Institut der Sklaverei nur

_modificirt_ wurde, versteht sich freilich von selbst, indessen hat

sich das Verhältniß, selbst im philantropischen Sinne betrachtet,

erträglich gestaltet.

Die Neger, aufgewachsen in den Häusern ihrer Herren, gewöhnen sich

leichter an sie und ihre Launen, und werden fast ohne Ausnahme von

diesen gut behandelt, wenn gleich, wie man mir sagte, namentlich bei

den schwarzen Damen, hie und da eine etwas lebhaftere Ansprache nöthig

werden sollte.

Aber ich war nie Zeuge der Mißhandlung eines Negers, wie in Brasilien

dies fast täglich der Fall war, und die Sklaven in Lima sehen so

zufrieden, ja selbst wohlhäbig aus, daß man von vornherein auf ein

nicht allzuschlimmes Loos schließen darf.

Zur Zeit als ich in Valparaiso war, lag im dortigen Hafen ein Schiff

mit Chinesen vor Anker, welche nach Lima bestimmt waren, um dort den

Seidenbau einzuführen, oder vielmehr zu cultiviren. Da ich mehrmals

auf jenem Schiffe war, um verschiedene chinesische Gegenstände, Waffen

u. dergl. zu kaufen, und die wunderlichen Gestalten der Chinesen

selbst, so wie der ganze abenteuerliche Typus derselben mir lebhaft im

Gedächtniß geblieben waren, verfehlte ich nicht, über deren weiteres

Loos Erkundigungen einzuziehen, aber man konnte mir nichts weiter

angeben, als daß jene Menschen in's Innere gebracht worden seien.

Selbst später habe ich nicht in Erfahrung bringen können, ob der

Seidenbau in Peru einigermaßen Wurzel geschlagen, und es will fast

scheinen, als habe dessen Cultur nicht den günstigsten Fortgang.

Ohne Zweifel hat mancher der Leser tadelnd und mißbilligend auf die

spärliche und noch überdem ziemlich verworrene Reihenfolge der Notizen

gesehen, welche ich über Callao und Lima gegeben habe. Aber die kurze

Zeit, welche ich mich dort aufhalten konnte, reichte nicht aus, ein auf

die strenge Wahrheit basirtes abgerundetes Ganze zu bilden. So habe ich

vorgezogen, die gemachten Wahrnehmungen und Erfahrungen so bunt gemengt

und abgerissen zu berichten, wie sie mir selbst vorgekommen sind,

anstatt durch eine künstliche Verbindung vielleicht allzusehr in

Ausschmückung zu verfallen.

In diesem Sinne mögen hier noch einige Bemerkungen über den

religiösen Cultus von Lima einen Platz finden.

Man _glaubt_ dort, wie man in allen warmen Ländern glaubt, ohne viel

zu untersuchen was und warum, und man hält die Gebote der herrschenden

Kirche, im Falle sie nicht allzuschwer zu befolgen sind. Ohne Zweifel

hat dies seine Nachtheile, aber es hat auch sein Gutes. Es schützt den

Laien einerseits vor einem gewissen geistlichen Hochmuthe, mit welchem

er auf Andersdenkende so gerne herabsieht, und auf der andern Seite den

Halbgebildeten gegen gänzlichen Unglauben.

Die glänzenden Feierlichkeiten der Kirche erbauen und beschäftigen

zu gleicher Zeit den Limaner und er vergnügt sich, indem er betet,

er betet also mit Vergnügen. Processionen sind beliebte

Volksfestlichkeiten, und bei allen kirchlichen Ceremonien denkt man mehr

an den zukünftigen Himmel als an die Hölle.

Sicher ist ganz bezeichnend, was ich sowohl in Peru als auch in Chile

häufig gesehen habe: vor einem Muttergottesbilde brennt eine Lampe,

ein Caballero tritt an dieselbe und nimmt grüßend seinen Hut ab, aber

hierauf zündet er seine Cigarre an der Lampe an, und geht friedlich

rauchend weiter. Freilich aber betrachtet man in jenen Ländern das

Rauchen nicht als etwas Unanständiges wie bei uns, trotzdem daß hier

so wie dort fast alle Welt raucht.

Ein alter, aber heute noch wie früher bestehender Gebrauch findet beim

Abendläuten statt. Mit dem ersten Schlage der Abendglocke ruhen auf

einige Augenblicke alle Geschäfte. Der Arbeiter läßt den Hammer

sinken, die Näherin die Nadel, und das bereits erhobene Glas, welches

der Durstige zu den Lippen führen will, wird niedergesetzt. Jedermann

verstummt, auf den Straßen steht jeder Fußgänger stille, und Reiter

so wie Wagen halten an. Mancher murmelt wohl einige kurze betende Worte,

und die Senoritas bekreuzen sich. Aber nach einigen Momenten tritt

wieder die lebhafteste Bewegung ein. Man ruft jetzt auf den Straßen dem

Nebenumstehenden einen freundlichen guten Abend zu, mag man ihn

kennen oder nicht, und geht dann seine Wege. Mag man diese Sitte recht

altväterisch oder »abergläubisch« finden, mir hat sie gefallen.

Sie ist eine _Form_, aber eine achtende gegen das Göttliche, eine

wohlwollende gegen den Nebenmenschen. Eine andere Sitte (die Bezeichnung

paßt nicht recht, aber ich weiß keine andere) ist so eigenthümlich,

zugleich aber so charakteristisch, daß ich sie nicht übergehen

kann, obgleich sie manchem meiner Leser wohl kaum glaublich erscheinen

dürfte.

Jenes räthselhafte und doch leicht erklärliche Kind der tollsten Ehe,

die je geschlossen wurde, die Eifersucht, ein Sprößling des Hasses und

der Liebe, existirt auch in Lima.

So wie allenthalben, auch dort, und sonder Zweifel höchst irriger

Weise, glauben bisweilen eigenthümliche Ehemänner, daß die Senorita

irgend einem Caballero mehr Aufmerksamkeit schenkt, als eben nöthig

oder zuträglich für den künftigen Frieden des Hauses ist. Hie und

da wollen solche verblendete Männer selbst mit eigenen Augen solche

Aufmerksamkeiten gesehen haben.

Man weiß, daß in manchen Familien in Europa bisweilen ärgerliche

Geschichten entstehen durch solche optische Täuschungen. Nicht so unter

jenem glücklichen Himmel. Es bestehen dort eigene Bußklöster für

solche Fälle, bewohnt blos von alten ergrauten Nonnen und beaufsichtigt

nur von einem _sehr_ alten, allgemein würdig anerkannten Priester.

In ein solches begiebt sich, auf energisches Anrathen des scheinbar

beleidigten Ehemannes, die Senorita, und stellt dort Buß- und

Betübungen an, fastet und kasteit sich vielleicht mit Maaß und Ziel,

ohne Zweifel aber hinlänglich und genügend, denn nach Verlauf

von vierzehn Tagen oder drei Wochen verläßt sie in _aller Augen_

vollständig entsündigt, das Kloster.

Und sie ist wirklich entsündigt, denn Jedermann hat den etwa bekannt

gewordenen Skandal vergessen, oder betrachtet ihn wenigstens als

ungeschehen. Die Verwandten der Frau, der Mann und seine Angehörige,

holen die Weißgekleidete und köstlich Geschmückte an der Pforte des

Klosters ab, und führen sie zurück in das ebenfalls verzierte Haus, wo

gleichsam eine zweite Hochzeitfeier statt findet.

Vielleicht mag es dort in der ersten Schäferstunde mancher Frau

gelingen, den Mann von ihrem erlittenen Unrecht zu überzeugen, dies

vermuthe ich, nicht genau weiß ich _wie oft_ diese Entsündigung mit

genügendem Erfolge vorgenommen werden kann; ganz klar aber ist

mir, daß derselben sich in Europa unübersteigliche Hindernisse

entgegenstellen würden, selbst in den gläubigsten Ländern dieses

alten halsstarrigen Welttheils. Mit Vergnügen aber füge ich bei,

theils vielleicht als einen Beweis der großen Milde und Nachsicht

der Frauen, theils auch als einen solchen für das solide Benehmen der

Männer, daß ähnliche Buß- und Entsündigungs-Anstalten für Letztere

in Lima nicht bestehen.

* * * * *

Große Autoritäten haben für viele Theile von Peru umfassende

Berichte abgestattet, in Hinsicht auf meteorologische und klimatische

Verhältnisse. Die wenigen und unzusammenhängenden Versuche zu

veröffentlichen, welche ich in Lima und Callao angestellt habe,

verlohnt sich daher auf keinen Fall der Mühe.

Es mag nur im Allgemeinen bemerkt werden, daß die Temperatur keine

so hohe ist als man den Breitegraden nach glauben sollte. Es mag

+ 23° R. bis + 24° R. im Schatten für die erste Hälfte des Monat

März angenommen werden, als höchster Stand während des Mittags.

Ich kann übrigens nicht sagen, daß die Nächte besonders erfrischend

gewesen wären, und in der Stadt wenigstens stand das Thermometer in

den Straßen nicht unter + 20°, in den Stuben aber wohl höher. Mein

ganzes Leben hindurch wollte ich diese Hitze ertragen, vielleicht auch

ein paar Grade höher, wäre es eben nöthig.

Die Nebel, welche sich schon in Bolivien des Abends auf den Bergen

zeigen, treten in Lima und noch weiter in das Land hinein, ebenfalls

auf, und zwar häufiger und verbreiteter. Sie erscheinen namentlich

angeblich bei Mondwechsel, und sind während des Winters, vom Mai bis

November täglich, indem sie mit dem Westwinde des Morgens erscheinen,

Mittags verschwinden, aber des Abends mit dem stets auftretenden

Südostwinde, wiederkehren. Ueber den unfern der Stadt liegenden Amancas

und den Bartholomäus-Bergen schwebten auch während meiner Anwesenheit

in Lima fast immer Nebel und Wolkenschichten, und im Hafen von Callao

zeigte sich dieselbe Erscheinung.

Da es selten, ja fast nie regnet, so bedingen die Nebel ohne Zweifel die

Fruchtbarkeit, welche in den meisten Bezirken von Peru herrscht.

Vielleicht in Folge dieser Nebel treten in Lima häufige Wechselfieber

auf und zwar besonders im März und April und im September und Oktober.

Auch Katarrhe und katarrhalische Fieber, so wie Lungenleiden, sind dort

nicht selten, doch mag das Klima von Lima im Allgemeinen als ein

sehr gesundes bezeichnet werden und man trifft dort Greise aus allen

Ständen, welche das höchste Alter erreichen.

Reise in Südamerika. Zweiter Band. · 第 19 / 23 题