XIV.

Von Peru nach Europa.

Am 14. März des Nachmittags drei Uhr gingen wir bei flauem Winde in

die See. -- Es war eine lange Reise, die wir vor uns hatten, und es

hält schwer für eine solche die Zeit der Ankunft genau im Voraus zu

bestimmen. Man hatte in besonders günstigen Fällen Hamburg von Peru

aus schon in 85 Tagen erreicht, aber man hatte auch schon 150 Tage

gebraucht und mehr, denn Kap Horn ist zu passiren, und Niemand kann mit

Sicherheit sagen, wie sich dort die Gelegenheit gestaltet[59].

In solchen Fällen giebt man sich der besten Hoffnung hin, arbeitet so

viel man kann gegen das Schlimme, und erträgt das Unvermeidliche mit

stoischer Ruhe.

Wir hatten indeß alle Aussicht, eine gute Reise zu bekommen. Der

Dockenhuden war ein neues und gut segelndes Schiff, der Kapitain ein

tüchtiger und wohl erfahrener Seemann, eben so waren die Steuerleute,

von welchen nach unserer Ankunft der Obersteuermann ebenfalls ein Schiff

bekam, und die Matrosen, gewandte und kräftige Leute mit dem besten

Willen von der Welt.

Schon oben habe ich mich über das Verhältniß zwischen Kapitain und

Passagier ausgesprochen, und brauche daher kaum zu wiederholen, daß

fortwährende Mißhelligkeiten zwischen beiden das Leben am Bord zu

einer wahren Hölle machen. Aber mit desto größerem Vergnügen und

mit aufrichtigem Herzen spreche ich hier aus, daß sowohl während

der früheren Fahrten, welche ich mit Kapitain Meyer an der Küste

unternommen, als auch auf der Fahrt, welche wir jetzt begannen, nie

eine Störung in unserem guten Vernehmen stattgefunden hat. Lobend und

dankend muß ich besonders anerkennen, welchen Vorschub mir derselbe bei

allen wissenschaftlichen Untersuchungen und Arbeiten geleistet. Ich

bin auf dem Dockenhuden nicht nur auf jede eigenthümliche Erscheinung

aufmerksam gemacht worden, welche sich auf See oder am Himmel zeigte,

sondern es wurden mir, erlaubte es nur halbweg der Gang des Schiffes,

auch Alles aufgefischt und zugebracht, was von Seethieren nur irgendwie

zu erreichen war. Da mir überdies, mit Ausnahme der Zeit, wo die

Schiffrechnungen vorgenommen wurden, fast den ganzen Tag hindurch

der Tisch in der Kajüte zur Verfügung frei stand, so hatte ich

überflüssigen Raum, alle meine Arbeiten ungehindert vornehmen zu

können, und war so im Stande, später im atlantischen Ocean eine ganze

Reihe von mikroskopischen Zeichnungen zu entwerfen, welche mir in Bezug

auf das Leuchten der See, wie auch in Hinsicht auf die Quallen,

von großer Wichtigkeit waren, wenn sie auch großentheils nur als

Privatstudien zu betrachten sind.

Fast alle Kapitaine der deutschen Handelschiffe sind gute und erprobte

Seeleute, sie haben von unten auf gedient, und kaum wird einer ein

Schiff erhalten, der nicht tüchtig befähigt ist; aber sicher haben

eine weit geringere Anzahl den Takt, ihren Passagieren, ohne sich etwas

zu vergeben, das Leben am Bord angenehm zu machen. Kapitain Meyer hatte

hiezu den Willen und die Befähigung. Es ist dies nicht mein Urtheil

allein, gebildete Passagiere, welche früher mit ihm gereist sind, haben

dasselbe gefällt und aus vielfachen kleinen Anekdoten, welche ich von

der Mannschaft des Dockenhuden ganz unbefangen erzählen hörte, sind

mir sichere und zuverlässige Beweise genug geworden, daß Auswanderer

aus allen Klassen und von sehr verschiedenem Bildungsgrade, welche mit

ihm reisten, sich eben so lobend ausgesprochen haben.

Vielleicht am rechten Orte mag hier beigefügt werden, daß die

Ausrüstung der Schiffe für Auswanderer von Godefroy in Hamburg alles

Lob verdient. So will ich nur einfach bemerken, daß wir auf der

ganzen Reise stets reichliches frisches und gutes Wasser hatten, da wir

_eiserne_ Wasserbehälter führten. Wer längere Zeit zur See war, wird

dies gehörig zu schätzen wissen. Auch die übrige Verpflegung war

genügend und gut. Derjenige aber, welcher frische Austern und Fasanen

zu speisen wünscht, thut ohne Zweifel besser, zu Hause zu bleiben als

auf See dergleichen zu suchen.

Es ist für den Reisenden auf See höchst nothwendig, sich eine

bestimmte Beschäftigung zu schaffen. Die grenzenloseste Langweile

und Mißbehagen an Allem und Jedem, ist die unausbleibliche Folge des

Müssiggangs, und auf See in verdoppeltem Maßstabe als am Lande.

Ich habe mir in dieser Beziehung keine Vorwürfe zu machen, und habe,

so lange das Wetter oder besser das Klima es erlaubte, stets gearbeitet.

Vorzugsweise beschäftigte ich mich mit spanischen Studien, und habe

namentlich Vieles vom Spanischen in's Deutsche übersetzt. Zur Zeit

hingegen, wo die Fauna der See sich mehrte, war ich fast den ganzen

Tag hindurch mit Untersuchung aufgefischter Thiere beschäftigt und

mit Zeichnen derselben. Zugleich wurde täglich viermal der

Barometerstand[60] verzeichnet, einmal die Temperatur des Wassers,

und dreimal jene der Luft genommen. Aber ich gestehe, daß auch ohne

seekrank zu sein, und selbst ohne das mindeste Unwohlsein zu spüren,

man sich dennoch zwingen muß, eine wissenschaftliche Arbeit zu

unternehmen, wenn die See hoch geht, und das Schiff sich stark bewegt.

Unzweifelhaft ist dieses Gefühl der Arbeitsscheu bedingt durch eine

Verstimmung der Magennerven, und Aehnliches wird am Lande ebenfalls

getroffen, dort aber mehr durch zu langes Sitzen als durch zu starke

Bewegung

»Perser nennen's =Bidamay baden=,

Deutsche sagen Katzenjammer.«

Der Abend wurde dem Spiele gewidmet, ohne Zweifel auf die unschuldigste

Weise, Kapitain Meyer und ich lagen nämlich dann mit Eifer dem edlen

Sechs und Sechszig ob. Wir spielten umsonst, mit _einem und demselben_

Spiele Karten, von Peru bis Europa, und Niemand mag daher behaupten,

daß irgend eine Verschwendung, oder ein sträflicher Luxus bei dieser

harmlosen Unterhaltung stattgefunden habe. Und dennoch, ich gestehe es,

fehlte mir Etwas, unterbrach ein Zufall jenes Spiel, und ich ärgerte

mich, wenn ich verlor, was häufig der Fall war.

Der Rest des Abends wurde in den Breitegegenden, wo es das Wetter

erlaubte, auf Deck zugebracht, und dort habe ich nicht selten die Rolle

des »Märchen-Erzählers« vertreten und Dichtung und Wahrheit gegeben

aus meinem und Anderer Leben. So rasch aber als möglich will ich das

stille Meer durcheilen, um an Kap Horn vorüber in den atlantischen

Ocean und über diesen nach dem Ziele der Reise zu gelangen, und nur

einzelne Notizen mögen Platz finden aus meinem Tagebuche, um den Leser

nicht über die Gebühr zu ermüden.

Der Anfang der Reise zeichnete sich nicht durch besonders günstigen

Wind aus; wir hatten theils Stille oder waren gezwungen, mehr als

nöthig gewesen wäre, nach Westen zu gehen. Dabei hatten wir des

Morgens meist Nebel oder Regen, und der Hygrometerstand war 50 ja 62'

bis zum 22° südl. Breite, dann nahm aber die Feuchtigkeit der Luft

ab, und begann erst gegen Kap Horn zu allmälig wieder zu steigen, doch

giebt die beigefügte Tabelle das Nähere, und immerhin bezeichnend,

wenn auch blos von relativem Werth.

Unter 15° 30' sahen wir einen Tropikvogel[61] in einer Entfernung von

etwa 200 Stunden vom Lande. Er umzog in weiten Kreisen das Schiff und

bot einen zierlichen Anblick mit seinen wohl anderthalb Fuß langen

Schwanzfedern. Der Vogel ist weiß, mit rothem Schnabel und hat die

Größe einer starken Taube. Da er sich nicht auf Schußweite näherte,

waren wir gezwungen, ihm freundliche Grüße in sein Heimathland

mitzugeben. Im entgegengesetzten Falle wäre er weniger gastlich

begrüßt worden, denn ich trug starkes Verlangen, ihn abzubalgen. Ich

habe zu jener Zeit zuerst genauer beobachtet, wie der Sturmvogel, der

so häufig auf allen Meeren getroffen wird, über die Wellen läuft. Das

kleine Thierchen, in Größe und Färbung einer Schwalbe sehr

ähnlich, fliegt nämlich dicht über dem Spiegel des Wassers, indem es

unaufhörlich mit einem seiner, mit Schwimmhaut versehenen Füße,

die Wellen tritt, ohne Zweifel um sich den Flug zu erleichtern. Dieses

Auftreten geschieht indessen stets mit dem auf der Leeseite befindlichen

Fuße, d. h. wenn der Wind von Rechts kömmt tritt der Vogel mit dem

linken Fuß und umgekehrt. Es scheint hiedurch ein doppelter Zweck

erreicht zu werden, indem einmal das Thierchen sich gewissermaßen dem

Winde entgegenstemmt und zugleich leichter die vom Winde geglättete

Seite der Welle erreicht als die entgegengesetzte.

Ich habe etwa von 20 zu 20 Breitegraden Seewasser geschöpft und in wohl

gereinigten und gut gekorkten Flaschen mit nach Hause genommen, um es

dort einer chemischen Untersuchung zu unterwerfen. Die Resultate dieser

Analysen sind bereits veröffentlicht worden[62], aber ich will hier

ein Verfahren angeben, welches wir anwendeten, um aus größerer Tiefe

Seewasser zu erhalten. Ich weiß nicht, ob dies Verfahren allgemein

bekannt, mir aber wurde es von Kapitain Meyer mitgetheilt. Es ist

nöthig, daß bei dem Versuche ganz vollständige Windstille herrscht.

Man verkorkt mit einem festen Pfropf so dicht als möglich eine starke

Flasche und senkt dieselbe mit einem schweren Bleiloth versehen, rasch

in die Tiefe. Nach Verlauf von kaum einer halben Minute zieht man, so

schnell es geschehen kann, die Flasche wieder aufwärts und findet die

letztere durch den Kork hindurch vollständig gefüllt, und diesen,

selbst wenn er auch vorher über den Hals der Flasche hervorragte,

dennoch meist etwa einen halben Zoll weit eingedrückt. Der Druck der

oben befindlichen Wasserschichten preßt durch die Poren des Korks

hindurch das Wasser, und die niedere Temperatur des auf solche Art

geschöpften Wassers zeigt, daß die Flasche zum größten Theile sich

in der Tiefe gefüllt haben muß. Ist nicht vollständige Windstille,

so wird von den sich fortbewegenden Schiffen die Flasche in schiefer

Richtung nachgeschleift und die Tiefe, in welcher sie sich gefüllt hat,

kann natürlich nicht ermittelt werden.

Wir hatten am 27. März unter 25° 11' südlicher Breite und 93° 24'

Länge an der Oberfläche des Wassers eine Temperatur von + 18.9 R.

gefunden, nach dem eben beschriebenen Verfahren fand sich in einer Tiefe

von 70 Faden (etwa 420 Fuß), eine Temperatur von + 16.5 R., also

eine Abnahme von 2.4 Graden. Das specifische Gewicht des Wassers an

der Oberfläche war 1.0260, in der Tiefe 1.0264. Die Bestandtheile aber

dieselben.

In diesen Tagen und auch noch später wurden Tintenfische und Quallen

aufgefischt und Kapitain Müller und ich bemühten uns zugleich eines

Haies habhaft zu werden, welcher aber hartnäckig die Angel verweigerte.

Der Quallen gedenke ich weiter unten, wo ich überhaupt einige Worte

über dieselben sprechen werde, den Hai aber fertigte ich, als er seine

Rückenflosse koquettirend über dem Wasser zeigte, mit einer Kugel ab,

die gut sitzen mochte, denn der Bursche machte einige wüthende Sprünge

und verschwand. Selbst vor dem mildesten Herzen mag die der Hyäne des

Meeres geschickte Kugel gerechtfertigt werden, weniger gut aber werde

ich vor einem Anti-Thierquäler bestehen, wenn ich erzähle, daß ich

nach einem Wallfische geschossen habe, einem zarten Jüngling von

nur etwa dreißig Fuß Länge, der auf 40 bis 50 Schritte von Bord

vorüberzog. Das Thier sprang hoch auf, so daß es fast auf der Spitze

des Schwanzes zu stehen schien, überschlug sich dann und ging in die

Tiefe. Ich glaube nicht, daß sie, mit der Harpune getroffen, sich eben

so toll geberden, und vermuthe, daß die Kugel edle Theil getroffen

haben muß.

Bereits auf der Höhe von Valparaiso fingen die Wellen an häufig

über Bord zu schlagen, zugleich aber kamen wir bei gutem Winde wacker

vorwärts. Der Skylight wurde jetzt mit dem Glassturze versehen und

alle Oeffnungen und Ritzen mit getheertem Werg verstopft. Zugleich

aber vermehrte sich die Gesellschaft in der Kajüte. Mein einziges noch

lebendes Chinchilla nahm in meiner Koje Platz, deßgleichen wurden meine

zwei kleinen Papageien aus Peru, und ein großer, wunderschöner roth

und grün gefärbter Papagei, den ich in Valparaiso bekommen hatte, um

ihn mit nach Hamburg zu bringen, in der Kajüte aufgehängt. Auch das

Guanaco des Kapitains leistete uns Gesellschaft. Ich habe nicht leicht

ein eigensinnigeres und widerwärtigeres Thier gesehen, als eben

dieses Guanaco. Alles benagend was eben _nicht_ Nahrungsmittel war,

verschmähte es später Kresse und Salat, welche wir in ein wenig Erde

gesäet und mühsam für dasselbe gezogen hatten. Die wollenen Hemden

der Matrosen hingegen zernagte es hartnäckig und unverbesserlich aller

Orten, wo es ihrer habhaft werden konnte, so daß, wenn ein Matrose

irgendwo mit beiden Händen bei der Arbeit beschäftigt war, er sicher

sein konnte, von dem Thiere gezupft zu werden. Gegen mich schien es

übel gesinnt zu sein. Indessen kann ich nicht läugnen, daß ich mir

auch bisweilen die Freiheit nahm, es ein wenig zu ärgern. Ich durfte

zu diesem Behufe dasselbe nur mit einem Auge schielend ansehen, während

ich das andere zudrückte. Es suchte nun zu beißen, drehte sich wohl

auch um und schlug wacker aus, und spuckte zuletzt den Gegenstand seines

Hasses an. Diese letzte Zornesäußerung habe ich bei zwei Guanacos,

welche sich bei einer Menagerie in Deutschland befanden, ebenfalls

gesehen.

Ein heiterer Geselle aber war der junge Philipp, ein liebenswürdiger,

langschwänziger Affe, der in Lima an Bord gekommen war, um ebenfalls

nach Hamburg zu reisen. Man hatte denselben meiner speciellen Aufsicht

anvertraut, und so war ich denn endlich, nachdem ich schon Schiffsarzt

und Supercargo gewesen, noch zum Range eines Affenhofmeisters

befördert. Wie alle Thiere am Borde leicht zahm werden, da man sich

viel mit ihnen abgibt, und sie sich stets in nächster Nähe des

Menschen befinden, so entwickelte auch Philipp merkwürdige Fortschritte

in Bildung und Kultur, und ich habe, ernsthaft gesprochen, oft gestaunt

über die Beweise von Ueberlegung, welche dieses Thier gegeben hat. --

Bald begann jetzt das schlimme Wetter. Wechselnd eisige Regen und

Sturm. Jeden Augenblick gab es Arbeit auf Deck, Kürzen der Segel

oder ähnliche Dinge. Der Skylight wird mit einem hölzernen Gehäuse

verdeckt und in der Kajüte herrscht Grauen und Dunkelheit. Die Seeleute

speisen Grütze und Syrup, was unbedingt noch grauenhafter, die beiden

Passagiere aber, Kapitain Müller und ich, machen die Probe, wie viel

Stunden des Tages der Mensch zu schlafen vermag. Ich habe dort Perioden

gehabt, in welchen ich sicher 18 Stunden durchschlafen habe. Aber ich

habe auch gewacht und üble Stunden gehabt. Auf Deck Regen, Sturm und

jeden Augenblick Seen über Bord, unten kalt und finster. So bin ich

nicht selten in meinen Mantel gehüllt, in meiner Koje gesessen, umgeben

von Finsterniß, frierend und mich kümmernd und härmend über die

Heimath, denn dort fiel mir's schwer auf's Herz, daß ich während

anderthalb Jahren keinen Brief erhalten und keine Nachricht. Allein es

ist eben einmal nicht anders bei Kap Horn!

Auf der See war wenig zu sehen. Am 11. April unter 44° 49' Breite

beobachtete ich des Morgens bei Aufgang der Sonne jene Spiegelung der

Sonnenstrahlen am entgegengesetzten Horizonte, welche ich schon früher

beschrieben, so klar und deutlich, daß, während die Sonne im Osten

aufging, eine zweite im Westen unterzugehen schien. Gleich darauf aber

bewölkte sich der Himmel wieder und es regnete den ganzen Tag.

Albatrosse und Kapische Tauben, die Staffage Kap Horns und seiner

Umgebung, fehlten indessen nicht, und wurden geangelt und abgebalgt,

so gut es eben ging, auch schwarz und weiße Delphine zogen am 15ten

53° 13' südl. Breite am Bord vorüber.

Wie man aus der Tabelle ersieht, welche die Länge und Breite

bezeichnet, kamen wir aber rasch vorwärts, wir überholten am 15. ein

englisches Schiff und passirten am 18. Diego Ramirez unter 56° 32'

südl. Breite. So hatte ich das Glück, die beiden berüchtigten

Südspitzen Amerika's zu sehen, und dort war die Sonne so artig, auf

etwa eine halbe Stunde nothdürftig die Nebel zu zerstreuen, so daß ich

die Felseninsel von verschiedenen Seiten aufzeichnen konnte.

Unwirthlich genug stehen sie dort, jene schwarzen Kegelberge, umtobt von

ewiger Brandung, schneebedeckt auf den Gipfeln und ohne alle Zeichen von

Vegetation. Aber doch immer Land und ein Anderes als jene Wasserwüste,

die länger als einen Monat schon uns umgab. Ein Raubvogel umkreiste

die Insel, stieg dann ziemlich hoch und verfolgte das Schiff. Wacker

Sturmvögel schmausend, welche sich fangen ließen, als müsse es so

sein, begleitete er uns so weit, daß uns, und ohne Zweifel auch ihm,

die Felsen außer Sicht kamen, denn plötzlich stieg er hoch auf,

entfernte sich eine Strecke vom Schiff, kehrte aber bald wieder und

ließ sich wie vorher, als er seine Beute verzehrte, auf dem Tauwerke

nieder. Ich habe weiter oben bereits einmal von den Schwalben berichtet,

welche trotz dem, daß sie so bedeutende Wanderungen machen, dennoch auf

einige Stunden Entfernung das Land nicht mehr zu finden wußten, und es

war mit unserm Raubvogel derselbe Fall. Vollständig entmuthigt wich er

nicht mehr vom Schiffe, und es begann jetzt eine eigenthümliche Jagd,

indem einige Matrosen aufwärts gingen, um ihn zu fangen, der Vogel aber

stets nur einen oder zwei Fuß weiter zu rücken, oder sich auf eine

andere Raa zu setzen brauchte, um wieder einige Zeit gesichert zu sein.

Man gab endlich die Verfolgung auf, aber nach Einbruch der Dunkelheit

hörten wir in der Kajüte plötzlich ein klägliches Geschrei, und

der Untersteuermann brachte den Gefangenen. Er hatte sich die Stelle

gemerkt, wo er im Schlafe Platz genommen. Es war =Falco peregrinus=. Er

wurde des andern Tags abgebalgt und gewissermaßen das Vergeltungsrecht

geübt, indem die Seevögel mit seinem Fleische gefüttert wurden.

Da wir keinen günstigen Wind hatten, mußten wir längere Zeit

östlichen Cours halten, und die Temperatur war stets noch keine

erfreuliche zu nennen, stieg sie gleich um etliche Grade; dabei

fortwährend Sturm, Nebel und Regen. Auch bei dieser Umschiffung von Kap

Horn fanden wir nur wenig Tang, und nur hie und da wurden kleine

Stücke auf See treibend gesehen. Indessen begleiteten uns fast täglich

Delphine von sehr verschiedener Größe und Färbung; so sahen wir

schwarze mit weißem Bauche, ganz weiße und weiße mit schwarzen

Flecken auf dem Rücken. Erlaubten es die Umstände, so wurde Jagd auf

sie gemacht, aber mit demselben ungünstigen Erfolge wie früher, indem

die harpunirten Thiere stets verloren gingen, wenn man sie über Bord

holen wollte.

Endlich schien sich die »Gelegenheit« denn doch in etwas bessern

zu wollen, wir kamen vorwärts und es wurde mithin auch allenthalben

wärmer und behaglicher. In der Kajüte wurde Licht, und die

paradiesischen Zustände in derselben modificirten sich, indem Philipp

eine eigene Koje auf Deck bezog, und auch das Guanaco wieder dorthin

versetzt wurde. Der große grüne Papagei indessen war bei Kap Horn

gestorben, und auch unter meinen andern Thieren richtete der Tod arge

Verwüstungen an, zwei Schlangen aus Chile, mehrere Eidechsen aus der

Algodonbai, Scorpionen und eine große Vogelspinne (=Mygale=) erlagen

zu meiner Bekümmerniß. Nur die zwei kleinen Papageien aus Peru

überstanden glücklich die schlechte Zeit, und geberdeten sich wie

unsinnig, als sie zuerst wieder auf Deck, in Luft, Licht und Sonne

gebracht wurden. Wir sahen in jener Zeit ziemlich häufig Wallfische,

so begegnete uns am 5. Mai unter 36° 6' südl. Breite und 28° 46'

Länge ein wenigstens 70 Fuß messendes Thier. Der Wasserstrahl,

welchen dasselbe auswarf, war sicher 30 Fuß hoch, und ich beneidete

die Ruhe, mit welcher es an uns vorüberzog. Ueberhaupt scheinen die

Wallfische nur wenig Notiz von den Schiffen zu nehmen. Am 8. Mai kam

ein sicher 60 Fuß langes Thier so nahe an Bord, daß die Entfernung

kaum 15 Schritte betrug. Es kreuzte unsern Cours und blieb still liegen

als wir uns ihm näherten, als wolle es uns vorüber passiren lassen.

Natürlich eilte Alles an Bord auf die Backbordseite, wo das Thier

lag, und da wir eben langsam segelten, so konnten wir dasselbe mit der

größten Bequemlichkeit beobachten. An der rechten Seite hatte es

eine Verletzung, indem die Haut etwa in Länge und Breite von 10

Zoll abgeschunden war, für einen Wallfisch freilich nur ein kleiner

Hautriß. Als das Schiff fast vorüber gesegelt war, beschleunigte er

seine Bewegung und tauchte plötzlich unter Wasser, indem er unter

dem Bugspriet hinwegging, noch eine kurze Zeit gesehen wurde, und dann

verschwand. Indem so das riesenhafte Thier durch das Meerwasser eine

tiefe dunkelblaue Farbe annahm, gewährte es wirklich einen prachtvollen

Anblick. Am 13. Mai, 21° südl. Breite, kam der erste fliegende Fisch

auf Deck, und in der Nacht beobachtete ich zugleich zum erstenmale

wieder das Leuchten der See, schwach zwar, aber mir immer eine

erfreuliche Erscheinung. Weniger erfreulich war eine heftige Boe, welche

sich so rasch erhob, daß man alle Hände voll zu thun hatte, die Segel

zu bergen. Die See geberdete sich, kurz nachdem dies geschehen,

ganz verrückt, warf unsinnige Wellen und schleuderte das Schiff auf

jämmerliche Weise nach allen Seiten. In höheren Breitegegenden blieb

ich bei ähnlichen Ereignissen friedlich im Bette liegen, ja ich schlief

meistens, denn da mich die Sache Nichts anging, da ich nicht zu arbeiten

oder zu sorgen hatte, bewahrte ich meine vollständige Ruhe, und

kümmerte mich wenig um den Höllenlärm, den häufig Wind und Wellen

vollführten. Daß etwas Unangenehmes passiren würde, dachte ich nicht,

und wäre es wirklich passirt -- je nun, es ertrinkt sich ohne Zweifel

gleich unangenehm oben, wie unten. Hier aber, bei einer wirklich

angenehmen Temperatur von + 19° oder 20° R., setzte ich mich auf den

Hühnerkasten und sah, meine Cigarre rauchend, die Sache mit an. Eine

unsinnige Woge nach der andern wälzte sich einher, tobend und krachend

auf Deck schlagend oder gegen die Seiten des Schiffes, als wolle sie

alles zertrümmern. Da krachte es plötzlich am Bugspriet. Der Klüver

war zum Teufel gegangen, d. h. eine Welle hatte den vordersten, wohl

über anderthalb Fuß dicken Mast zersplittert, den großen und kleinen

Klüverbaum sammt den entsprechenden Segeln in die See geworfen und das

Vorstengstagsegel flatterte in großer Bedrängniß in der Luft.

Mit innerem Wohlbehagen habe ich immer bei solchen Gelegenheiten die

Seeleute beobachtet. Dort zeigen sie sich als Männer im ächten Sinne

des Worts, ruhig, muthig, unerschrocken, und ihre Pflicht erfüllend

mit einem Eifer, der Bewunderung erweckt. Jeder sucht das kleinste

Stückchen Tau zu erhalten für das Schiff, als wäre es Tausende werth

und scheint nicht im Mindesten zu beachten, ob er selbst dabei über

Bord gehen könne oder nicht. Während man beschäftigt war, einen Theil

des über Bord gegangenen Tauwerkes wieder auf Deck zu holen, saß ich

ruhig auf meinem Hühnerkasten, getreu meinem Grundsatze, bei solchen

Gelegenheiten auf See nie zu fragen, und keine Verwunderung, kein

Erstaunen zu äußern. Als mir einer der Matrosen im Vorübergehen

sagte: »der Klüver ist flöten, Herr Doctor!« nickte ich mit dem

Kopfe und brummte bejahend: »Hm!« Doch denke ich noch heute an den

Lärm der Elemente, welcher in jener Nacht stattfand.

Nachdem wir uns innerhalb der Wendekreise befanden, begann für mich ein

neues und thätiges Leben. Die See belebte sich, und während bei Tage

buntfarbig und glänzend Quallen aller Ordnungen an Bord vorüber zogen,

trat des Nachts das Leuchten der See mehr und mehr in der Pracht auf,

in welcher ich es schon früher geschildert habe. Zu jener Zeit habe ich

des Tags hindurch die gefangenen Individuen gezeichnet und Versuche

mit ihnen angestellt, während ich halbe Nächte hindurch auf Deck

beschäftigt war, das Leuchten der See zu beobachten und namentlich die

kleinen Individuen, meist =Entomostraca=, herauszufischen, welche, dem

unbewaffneten Auge kaum sichtbar, dennoch auf kurze Zeit ein ziemlich

großes Gefäß mit Wasser leuchten machen können. Ich zweifle nicht,

daß ich manches Neue dort gefunden und auf den 26 Tafeln, welche ich

dort gezeichnet, fixirt habe, aber dennoch sind meine Erfahrungen kaum

mittheilbar, und nur für mich selbst als bildend und belehrend zu

betrachten. Zu wenig erfahren auf diesem Felde der Zoologie, würde ich

längst Bekanntes ohne Zweifel häufig als Neues berichten, vielleicht

aber würde manches Neue, was ich gesehen habe, als eine Unrichtigkeit

betrachtet werden. So will ich also nur wenige kurze Notizen folgen

lassen.

Ich habe z. B. bei Quallen von etwa 6 Zoll Länge ein Organ gefunden,

welches sich regelmäßig ausdehnte und zusammenzog, und von welchem

Gefäße ausgingen. Ich habe es für ein Herz gehalten, aber ich bin aus

der mir zu Gebote stehenden Literatur nicht klar geworden, ob man bei

den Quallen irgend etwas überhaupt für ein Herz halten darf. Auch bei

kleineren Quallen fand ich dasselbe Organ mit Dyastole und Systole. Die

Individuen, bei welchen ich dieses fragliche Herz und überhaupt noch

mehrere andere, bei verschiedenen Arten dennoch sehr übereinstimmende

Gefäße fand, bestanden aus einer Röhre mit unten anstehender

Seitenröhre und die besprochenen Organe oder Gefäße lagen in den

Wendungen, welche die größere der Röhren bildeten.

Diese Individuen bildeten bandförmig zusammenhängende Reihen, einige

aus 30 bis 40, andere wieder blos aus 3 bis 4 einzelnen Individuen

bestehend, jedenfalls abgetrennte oder getheilte größere Gruppen, denn

ich sah auch einzelne und fischte deren auf, mit lebhafter Bewegung

und offenbar sich wohl befindend. Viele derselben hatten größere

Entomostraca in der zentralen Röhre eingeschlossen, letztere bisweilen

noch lebend, die meisten indessen todt und ohne Zweifel ihnen zur

Nahrung dienend. In der Gefangenschaft stießen sie aber dieselben bald

aus.

Das kräftige Ausstoßen von Gegenständen, welche aus dem innern Theile

der Röhre entfernt werden sollen, hat mich auf die Annahme von Muskeln

geführt. Ich habe dieselbe auch, wie ich glaube, mit aller Bestimmtheit

nachgewiesen und will mittheilen wie, obgleich ich glaube, daß

die Physiologen, welche sich mit Untersuchungen über die Quallen

beschäftigt haben, so gut wie ich, längst auf diese Methode gekommen

sind. Man darf nämlich nur die Qualle je nach ihrer Größe in mehr

oder weniger verdünnte Salpetersäure legen, um in kurzer Zeit die

Muskelbänder mit der eigenthümlichen gelben Färbung hervortreten

zu sehen, welche die ulbuminösen Verbindungen überhaupt durch diese

Säure annehmen. Hat man eine frische Qualle in einem Gefäße mit

Seewasser und bringt einen fremden Körper in das Innere der Röhre,

so wird derselbe sogleich mit Heftigkeit ausgestoßen, indem sich die

Röhre zusammenzieht.

Dieß wird durch ein System von Muskelbändern bewirkt, welche im Innern

der Röhre, ringförmig, über einander liegend und durch andere von

unten nach oben laufende Muskelstreifen verbunden sind. Am untern

geschlossenen Theile des Individuums sind diese Längsstreifen

vereinigt. Von dieser -- =sit venia verbo= -- Hauptmuskulatur verlaufen

nach verschiedenen Seiten hin feinere, blos mit bewaffnetem Auge

erkennbare Muskelstreifen durch die gallertartige Substanz, welche,

wie ich denke, dazu dienen, jene größeren Bänder in der letztern zu

fixiren, und zugleich die Bewegung derselben fortzupflanzen.

Die Bewegung des Thieres im lebenden Zustande rechtfertigt vollkommen

die Lage des Muskelsystems, denn man kann, beobachtet man aufmerksam,

so ziemlich vorher bestimmen, an welcher Stelle dieselbe durch

Salpetersäure sichtbar gemacht werden wird.

Bringt man die mit Salpetersäure behandelte Muskelsubstanz sogleich

unter das Mikroskop, so sieht man, daß sie vollständig dem Gewebe der

_quergestreiften_ entspricht, welches ich nicht näher zu bezeichnen

brauche.

In Bezug auf die oben erwähnten Gefäße oder Organe bei den

röhrenförmigen Quallen[63] will ich noch beifügen, daß bei den

Exemplaren, welche einige Zolle Größe haben, sich deutlich drei

Modificationen unterscheiden lassen. Helle und ungefärbte, blaue und

bräunliche. Das ungefärbte herzähnliche Gefäß steht mit den blauen

in Verbindung, aber eines dieser blauen Gefäße verläuft auch in den

braunen Kanal, welcher meist die ganze Länge des Individuum durchzieht.

Bei allen röhrenförmigen Quallen sehr verschiedener Art, welche

ich untersuchte, habe ich die eben angegebene Verbindung der Gefäße

gefunden.

Vielleicht entschuldigt man auch, wenn ich hiebei an Blutgefäße und

Verdauungs-Organe gedacht habe.

In Betracht der Geduld, mit welcher, wie ich hoffe, der freundliche

Leser meine Beobachtungen über die Quallen gelesen oder überschlagen

hat, erlasse ich demselben eine populäre Entwicklung dessen, was

eigentlich eine Qualle ist. Eine solche Entwicklung ist in der

»dringenden Bedürfniß-Literatur« unserer Zeit ohne Zweifel schon

vorhanden, jedenfalls aber überlasse ich sie geübteren Händen als die

meinigen sind[64].

Unter den mikroskopischen Beobachtungen, welche ich vorzugsweise in

Beziehung auf das Leuchten der See anstellte, will ich die einzige

erwähnen, daß alle diejenigen kleinen Krebse und Entomostraca, welche

am stärksten leuchteten, irgendwie eine _rothe_ Zeichnung an sich

trugen, welche auch bei Tage sichtbar war, entweder rothe Punkte,

Querstriche oder größere rothe Flecke, ja bei einigen waren die Füße

roth gefärbt und fast transparent. --

Da unter den Tropen ziemlich häufige Regen stattfanden, habe ich dort

mehrfache Versuche angestellt um das Regenwasser auf einen Gehalt

an Chlorverbindungen zu prüfen. Ich habe zu diesen Versuchen sowohl

Regenwasser verwendet, welches bei beginnendem Regen gesammelt worden

war, als auch solches, das erst aufgefangen wurde, nachdem es schon

wenigstens einige Stunden geregnet hatte. Die Gefäße wurden durch das

zuerst aufgefangene Wasser selbst gereinigt und stets auf der Luv-Seite

des Schiffes oder an einem ihr entsprechenden Orte z. B. am Steuer,

fuhr man vor dem Winde, das zur Untersuchung selbst bestimmte Wasser

gesammelt.

Das stehende und laufende Tauwerk eines Schiffes, so wie ein großer

Theil der Segel, sind wohl stets in mehr oder minder hohem Grade mit

Salzwasser durchtränkt. Der Regen löst hievon einen gewissen Theil auf

und es kann durch den Wind leicht auf diese Weise eine Verunreinigung

des Wassers entstehen, wenn im Lee aufgefangen wird.

Trotz aller angewendeten Vorsicht aber habe ich bei allen Versuchen

stets ziemlich bedeutende Mengen von Kochsalz und selbst Spuren von

schwefelsauren Salzen und viel Kalkerde gefunden. Keiner dieser Versuche

wurde näher als 100 Stunden vom Lande entfernt angestellt, die meisten

in größerer Entfernung. Es würde also hieraus hervorgehen, daß das

Regenwasser auf See in den meisten Fällen mit einer gewissen Menge von

fremden Substanzen verunreinigt ist. --

Wir bekamen am 19. Mai die Felseninsel Fernando de Noronha, unter

4° 17' südl. Breite und 31° 8' Länge in Sicht, sie wird

bekanntlich als diejenige bezeichnet, auf welcher Robinson gelebt haben

soll; gegenwärtig bringen die Brasilianer ihre Verbrecher dorthin,

es scheint also immerhin, es habe die Insel etwas Bekehrendes und

bußfertig machendes an sich.

Indessen hätten wir noch am selben Abend fast ein Fahrzeug übersegelt.

Es entstund plötzlich auf Deck Lärm und zugleich wurde dem Kapitain

ein Schiff gemeldet, was gerade vor uns lag. Ich eilte natürlich

ebenfalls rasch auf Deck, und sah in einer Entfernung von kaum 40

Schritten, wahrhaft gespenstig unheimlich, vor uns einen kleinen

Schooner, der mit ziemlich flauem und für ihn ungünstigem Winde gegen

Ost steuerte, während unser Kurs Nord war. Die Nacht war dunkel, und so

konnte man nur eben bemerken, daß auf dem fremden, düster aussehenden

Schiffe ein einziges Segel, das Schoonersegel, in Activität war, aber

kein Licht, keine lebende Seele ließ sich blicken.

Wir hielten rasch gegen West, um das mystische Fahrzeug nicht zu

übersegeln, und da für unsern Kurs der Wind günstiger war, so lag es

bald hinter uns, indem es fast stille zu stehen schien. Natürlich wurde

es von uns mehrfach angerufen, aber keine Antwort wurde erhalten.

Entweder schliefen alle Männer auf dem Schiffe, oder sie waren

todt, vielleicht hatten sie auch nicht das beste Gewissen und wollten

Ebenholz, lebendes nämlich, von der afrikanischen Küste holen. Wir

blieben jene Nacht länger als gewöhnlich wach, und mehr Faden

wurde gesponnen, von ähnlichen unheimlichen Begegnungen, und von

Seeräuberei, welche wohl noch hie und da stattfindet, wenn auch nicht

ganz in der Art, wie sie in Seeromanen geschildert wird. Aber die

einfache Erzählung der Seeleute trägt das Gepräge der Wahrheit, und

man lauscht ihr mit Behagen.

Gern hätte ich bei dieser und andern Gelegenheiten irgend etwas

erfahren von Spuk- und Schiffsgespenstern, aber nur wenig war zu

erbeuten in dieser Beziehung. Dem Seemann ist meist sein Schiff zu lieb,

als daß er solchen unheimlichen Gästen Passage gäbe. Doch aber klopft

es und schlarrt es in manchen alten Schiffen im Raume, und, »wenn es

nicht die Ratten sind, so mag der Teufel wissen, was es ist.« Auch

Todte, die versenkt worden sind in's Meer, strecken bisweilen unsichtbar

die Arme aus der Tiefe, und halten sehnsüchtig das Schiff, das auf der

Heimreise wieder in die Nähe ihres nassen Grabes kömmt. Sie wollen

wohl heim zu ihren Lieben. Diese leichtsinnigen Verstorbenen aber denken

nicht daran, daß ihre Lieben vielleicht sich recht gut befinden, und

gar nicht so besondere Sehnsucht hegen nach den reisenden Theuern.

Auf mehreren alten Schiffen (gesehen hat es keiner selbst, aber

glaubwürdige Zeugen haben es von andern, die es gesehen haben), läuft

in gewissen Nächten ein alter Matrose, ein kleines Männchen, in

fast veralteter Seemannstracht und mit unhörbaren Schritten auf der

Schanzverkleidung vom Bugspriet bis zum Steuer, er sitzt auch wohl auf

der Schanzverkleidung und blickt mit bekümmerter Miene auf das Schiff.

Nähert sich ihm der Mann von der Wacht, so geht er kopfüber

über Bord, und wird lange nicht mehr gesehen. Solche und ähnliche

Geschichten erzählt man sich wohl bisweilen auf Deck, und man mag daran

glauben so viel und so wenig, wie man bei uns am Kamine erzählend von

dergleichen glaubt. Das aber bin ich überzeugt, daß jeder Seemann dem

Teufel selbst entgegengeht, wenn er sich unnütz machen sollte irgendwie

an Bord, und wenig Bange hat.

Ich habe bei dieser Durchschiffung der Wendekreise oft die schönen

Sonnenuntergänge bewundert, welche sich häufig zeigten, und welche,

besonders je näher wir dem Aequator kamen, stets brillanter zu werden

schienen. Hoch aufschießend bis zum Zenith, wechselten die Strahlen in

tief Dunkelblau, Hochgelb und Grün, und bisweilen hatte die glänzende

Erscheinung viel von der Beweglichkeit des Nordlichts. Zehn bis zwölf

Minuten nach dem Verschwinden der Sonne waren die Farben der

Strahlen meist am lebhaftesten, um bald darauf indessen gänzlich zu

verschwinden. Auch mehrere Wasserhosen wurden unweit des Aequators in

der Ferne beobachtet. Wir passirten die Linie in der Nacht vom 22. auf

den 23. Mai unter 32° Länge und bei sehr wechselndem Wetter, indem

einzelne Böen, Regen und Sonnenschein häufig wechselten.

Vögel sahen wir unter diesen Breiten wenige oder gar keine, von andern

Geschöpfen aber wimmelte an manchen das Meer und oft, während ich in

der Kajüte zeichnete, wurde mir von den freundlichen Seeleuten so viel

neuer Vorrath gebracht, daß ich das Material nicht bewältigen konnte.

Auch Butzköpfe (=Delphinus gladiator=) wurden häufig in Zügen von

sicher mehr als hundert Individuen gesehen.

Was die Temperatur betrifft, so war dieselbe, wie man aus der Tabelle

ersehen kann, eine höchst angenehme. Wir hatten in der Kajüte durch

ein Windsegel stets frische und reine Luft, und kaum stieg dort die

Wärme über + 25° R. Die Nächte waren prachtvoll, obgleich fernes

Wetterleuchten und drohende Wolken häufig gegen Abend sich blicken

ließen. Auch mehrere Sternschnuppen, fast alle von West nach Ost

ziehend und meist zerspringend, wurden beobachtet. Dabei näherten wir

uns der Heimath! Es wurde kaum davon gesprochen, aber im Herzen trug

wohl Jeder irgend ein liebes Bild, das die Abwesenheit verschönerte,

und von welchem die Zeit trübe Flecken verwischt hatte. Die

Sehnsuchtsfäden, die die Herzen verknüpfen, benehmen sich gegen alle

physikalische Regel. Anstatt schwächer und unscheinbarer zu werden

durch das Ausspinnen in immer größerer Weite, werden sie dichter und

stärker. --

Als am 27. Mai des Morgens Kapitain _Müller_ und ich uns eben auf

Deck befanden, sahen wir einen mächtigen Hai, der mit liebenswürdiger

Unbefangenheit uns das Geleite gab. Unverzüglich wurde eine Angel

ausgeworfen, welche in einiger Entfernung nachschleifte, und mit welcher

sich der Fisch sogleich beschäftigte. Er schien indessen blos den

Angenehmen zu spielen und biß nicht an, sondern umschwamm nur den

Köder, als scherze er mit demselben.

Plötzlich aber geberdete er sich wie rasend und wir sahen, daß er sich

gefangen hatte. Als er näher geholt worden war, konnten wir bemerken,

daß die starke Angel durch seine Brustflosse gedrungen war, so daß er

der Breite nach dem Schiffe nachgezogen wurde. An die Seite des Schiffes

gebracht, tobte der wenigstens 9 Fuß lange Fisch so stark, daß wir

jeden Augenblick sein Abreißen befürchteten. Indessen traf ihn der

Obersteuermann mit einem tüchtigen Harpunenstoß, und er wurde mittelst

einiger umgeschlagener Taue glücklich an Bord gebracht. Ich

habe bereits oben die Art und Weise geschildert, wie man den dort

angekommenen Hai bewältigt, und so will ich hier nur bemerken, daß ich

einen Theil des Fleisches verspeiste, wobei der Kapitain Gesellschaft

leistete, obgleich auch ihm die Speise nicht besonders mundete. Bei

den andern im Schiffe aber fand sie den schlechtesten Anklang. Am

Unterkiefer des Haies hatte sich eine Bohrmuschel eingebohrt und den

Knochen vollständig durchlöchert, auch mehrere Saugfische fanden sich,

wie gewöhnlich an dem Thiere festsitzend.

Eine willkommenere Speise, ein wahres Manna in der Wüste, zeigte sich

indessen einige Tage später, nördl. Breite 7° 40' Länge, 33° 4',

indem Goldbrassen[65] erschienen und das Schiff begleiteten. Kapitain

Meyer harpunirte drei derselben. Ich habe ebenfalls bereits oben diese

Fische beschrieben, und will daher bloß nachträglich beifügen, daß

deren Fleisch eine wirkliche Delikatesse ist, namentlich wenn man Monate

hindurch fast einzig auf Salzfleisch beschränkt gewesen. Der Magen

dieser Fische enthielt nichts als fliegende Fische.

Wir sahen am 4. Juni, nördl. Breite 20° 54', Länge 40° 44', die

ersten Exemplare des in jenen Gegenden frei umherschwimmenden Tanges,

=Sargassum bacciferum=, welchen die Seeleute allgemein »das Kraut«

nennen.

Ich verweise in dieser Beziehung auf die verschiedenen Abhandlungen,

welche von gelehrten Reisenden und Andern erschienen sind, und worin

ausführlich über die eigenthümliche Erscheinung gesprochen wird. Fast

will es indessen scheinen, als sei man noch nicht vollkommen einig

über dasselbe, und in der neuesten Zeit wieder sind neue Meinungen

aufgetaucht, welche die Entstehung jenes Tanges aus dem persischen

Meerbusen ableiten.

Am 9. Juni, unter 30° 0' nördl. Breite und 45° 35' Länge, wurde

der letzte Tang gesehen und aufgefischt, und während der zwischen

diesen Tagen liegenden Zeit war häufig die See, so weit man blicken

konnte, mit demselben bedeckt, doch stets nur in einzelnen, einige Fuß

im Durchmesser haltenden Exemplaren, zehn bis zwanzig oder dreißig

Schritte weit von einander entfernt, und nie zu größeren Gruppen

inselartig verbunden.

Ich habe in diesem Sargassum eine Menge von Individuen gefangen,

welche ich theils in Sublimat-Wasser mit nach Europa gebracht, theils

gezeichnet habe. Doch sind wohl die meisten derselben bekannt, da fast

jeder Reisende eben dieser Erscheinung seine Aufmerksamkeit schenkt.

Indessen will ich der Zoosporen, der Schwänesporen, gedenken, welche

ich häufig und in manchfacher Form dem Tange anhängend gefunden habe.

Kaum kann man sich anfänglich des Gedankens entschlagen, Infusorien

vor sich zu haben, beobachtet man unter dem Mikroskope die scheinbar

vollkommen willkührliche Bewegung, mit welcher sich diese Zellen

gegenseitig ausweichen und an einander vorübergehen.

So habe ich eine schleimige Masse von einigen Zollen Länge gefunden, in

deren Mitte sich ein schlangenartig gewundener Schlauch befand. Dieser

bestand, unter dem Mikroskop gesehen, aus einer glashellen Hülle, und

enthielt eingeschlossen kleinere, ebenfalls transparente Blasen, in

welchen sich 30 bis 36 Individuen auf das lebhafteste bewegten. Sie

waren mit Flimmerhaaren versehen, und ich glaubte deutlich an ihnen die

Organisation von Infusorien wahrnehmen zu können.

Auf ähnliche Weise, aber fast immer in eine Schleimhülle

eingeschlossen, habe ich die verschiedensten Modifikationen solcher

schwimmenden Zellen gefunden, sowohl am Tange, als auch frei

schwimmende, und kleine kugelartige Formen, kaum größer als ein

Stecknadelkopf, gaben unter dem Mikroskope eine Unzahl solcher

Individuen. Es wäre nutzlos, ohne Abbildungen hier dieselben betreiben

zu wollen, aber ich habe die mir am meisten in's Auge fallenden Formen

gezeichnet, und diese Zeichnungen stehen mit Vergnügen dem ersten

Algenfreunde zu Gebot, welcher es der Mühe werth hält, mir deshalb

einige Zeilen zu senden[66].

Am 9. Juni sahen wir scheinbar in nicht sehr großer Entfernung wieder

eine Wasserhose, welche in jener Gegend des Oceans sich überhaupt nicht

selten zeigen sollen. Es war des Mittags, und Gewitterwolken häufig

am Himmel. Der zapfenartige und unten zugespitzte Streifen der Wolke,

welchen die Wasserhose bildete, hing fest bis auf die Oberfläche der

See und bewegte sich ziemlich schnell nach links und rechts, etwa als

würde er oben irgendwo festgehalten und geschüttelt. Der Spiegel der

See war unruhig und scheinbar in kochender Bewegung, wie ich durch das

Fernrohr beobachtete, aber eine eigentliche Erhellung des Wassers fand

nicht statt. Nach einer Dauer von 5 Minuten zog sich der Wolkenstreifen

in die Höhe, indem er kürzer und dicker wurde, und endlich vollkommen

verschwand. Die Anlage zu ähnlichen Bildungen, nämlich zapfen- oder

trichterförmige Herabsenkungen der Wolken gegen den Spiegel der See

konnte man allerwärts am Horizonte bemerken, nach wenigen Stunden

verschwanden aber diese Bildungen.

Die Notizen in meinem Tagebuch bestehen bis zum 21. Juni fast einzig

aus Untersuchungen über aufgefangene Seethiere, mit welchen ich den

Leser versprochener Maßen nicht weiter behelligen will, doch mag

der Purpurschnecke[67] gedacht sein, mit ihrem schaumigen und mit

rosenfarbenen Eiern gefüllten Deckel, welche vom 36° bis 40° nördl.

Breite häufig eingefangen wurde, der =Scyllaea pellagica=, einer

prachtvoll blau gefärbten Schnecke ohne Gehäus, welche auch häufig in

der Nähe des Tanges gefunden wird, und das Carcinium. Dieses Thierchen,

kaum zwei Linien lang, ist nur mit einem blitzenden und in allen Farben

leuchtenden Diamanten zu vergleichen, wenn es an der Oberfläche des

Wassers in der Sonne schwimmt. Dieses prachtvolle Farbenspiel ist durch

Lichtbrechung auf der benetzten Außenfläche des Thieres bedingt, und

verschwindet wenn man das Thierchen aus dem Wasser nimmt, zeigt sich

aber wieder, wenn man es in eine Schüssel mit Wasser bringt, und es

von einer gewissen Richtung aus betrachtet. Aehnlich wie bei den

Daguerre'schen Bildern hat man bald die Uebung so weit gebracht, es

jeden Augenblick glänzend und bunt gefärbt zu sehen. Ich glaube

nicht, daß wie beim Leuchten der Quallen, dieses Farbenspiel mit einem

speziellen vitalen Processe verknüpft ist, sondern daß die Struktur,

ähnlich dem Perlmutter, dasselbe bedingt. Die von mir gefangenen

Exemplare zeigten die glänzenden Farben auch noch einige Zeit _nach dem

Tode_, und verblichen erst dann allmälig, als wahrscheinlich die feinen

Formen der Oberfläche sich verändert hatten.

Beim Sonnenuntergange hatten wir am 21. Juni Gelegenheit, eine Art

Nebensonne beobachten zu können. Als die untergehende Sonne fast den

Rand des Horizontes erreicht hatte, zeigte sich etwa 6 Grade oberhalb

derselben ein heller Fleck von der scheinbaren Größe der untergehenden

Sonne auf der dort stehenden schwachen und nebelartigen Wolkenschicht.

Dieser Fleck war zwar nicht vollkommen scharf abgegrenzt, aber er blieb

rosenfarbig leuchtend beinahe 20 Minuten bis nach dem Verschwinden

unverrückt und mit gleicher Lichtintensität an derselben Stelle

stehen. Kurz vor dem Erlöschen der Erscheinung wurden die Conturen

derselben schärfer, und als schon der beinahe volle Mond sich in der

See spiegelte und die Nebensonne vollkommen verschwunden war, entstanden

dunkle Strahlen[68] an der Stelle, welche sie eingenommen hatte, und

diese blieben über 5 Minuten sichtbar.

Wenn man die beigegebene Tabelle eines Blickes würdigt, so fallen ohne

Zweifel die hohen Hygrometerstände und die große Trockenheit der

Luft auf, welche an einigen Tagen des Juni beobachtet wurden. So am

12. Juni, am 20sten und 21sten. Am 22sten wurden des Mittags 10 Grade

beobachtet, des Abends aber, und etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang

fiel bei vollständig klarem Himmel ein so starker Thau, daß alles

auf Deck durchnäßt wurde, wie bei einem heftigen Regen. Das Guanaco

triefte, meinen Mantel mußte ich buchstäblich auswinden und von den

mit Oelfarbe bemalten Seiten des Schiffes lief unaufhörlich das Wasser

auf Deck.

Das Thermometer stand auf 14.8. Der Barometerstand, ein ziemlich

constanter, doch etwas höher als in den vorhergegangenen Tagen, das

Hygrometer aber war auf 100 gesunken. Auch in den folgenden Tagen fielen

gegen Abend stets starke Nebel, doch nicht so intensiv als am 22sten.

Auch häufigen Zügen von Butzköpfen und Delphinen begegneten wir

in diesen Tagen und am 25sten wurde nach verschiedenen fruchtlosen

Versuchen endlich einer harpunirt und mit Hülfe eines zur Schlinge

geformten Taues glücklich an Bord gebracht. Er war auf dem Rücken

grau, am Bauche weiß gefärbt und hatte 8 Fuß Länge. Das Gehirn

wog 2½ Pfund; die Leber bestand aus zwei großen Lappen und die

Gallenblase fehlte. Der Magen war vollständig mit Dintenfischen

angefüllt. Ich skelettisirte den Kopf. Mehrere derbe Stücke

des Fleisches wurden einige Stunden lang an einem Tau in der See

mitgeschleppt, um den größten Theil des Blutes zu entfernen, und dann

als Beefsteak, oder eigentlich Delphinsteak zubereitet. Es ist eine

zähe thranige Speise, aber immer als _frisches_ Fleisch auf See

erwünscht.

Während fast im ganzen atlantischen Ocean, mit Ausnahme von Kap Horn,

die Farbe des Meeres eine prachtvolle blaue gewesen war, begann jetzt an

einzelnen Stellen sich schon eine grüne zu zeigen.

Ich habe, wie ich glaube, so ziemlich alle Farbennüancen beobachten

können, in welchen das Wasser der See auftritt, und es sind meiner

Ansicht nach zwei Hauptmomente, welche dieselben bedingen.

Einmal die größere oder geringere Tiefe des Wassers und dann die

Färbung des Himmels. Blau ist das Wasser bei bedeutender Tiefe,

grün an Stellen, wo sich Untiefen befinden und an seichteren Orten

überhaupt.

Durch vollkommen klaren Himmel und glänzendes Sonnenlicht werden beide

Farben gehoben. So ist auf hoher See und unter den Wendekreisen

bei unbewölktem Himmel das Meer bis in die Spitzen der Wellen tief

ultramarinblau gefärbt.

In der Nähe der Küsten tritt fast immer grünliche Färbung auf, so an

der Küste von Brasilien, aber hier findet schon geringere Tiefe statt.

Ich glaubte anfänglich die sonst an allen Küsten bemerkbare grüne

Färbung des Meeres vielleicht theilweise bedingt durch eine Art

Spiegelung des Landes im Wasser. Aber in der Algodonbai, wo in der

nächsten Nähe der Küste tief grüne Färbung beobachtet wird, tritt

bald ein lebhaftes Blau auf, während das Land noch vollständig in

Sicht. Allein dort hatten wir bei 80 Faden noch keinen Grund, und es

fand wohl noch eine bei weitem bedeutendere Tiefe statt, wie sich aus

der Form des Küstengebirges schließen läßt. Bisweilen ist die blaue

und grüne Färbung scharf begrenzt und abgeschnitten. Im stillen Meer

an der Küste von Chile und diese in Sicht, unter 33° 5' südl. Breite

ist die Farbe des Meeres, etwa zehn bis funfzehn englische Meilen weit

vom Lande entfernt, vollkommen smaragdgrün; weiter in See, und zwar vom

Grünen scharf abgeschnitten, tief dunkelblau. Wir sahen dort im blauen

Wasser den grünen Streifen am Lande sich hinziehen, kamen aber bald

selbst in die grüne Region, indem wir der Küste folgten und an einigen

Stellen die grüne Farbe weiter hinaus in See reichte, als an anderen.

Beiläufig auf fünfzig Schritte Entfernung waren klar und tief

abgegrenzt die Farbenunterschiede noch zu bemerken, dann kam etwa eben

so lange grünlich-blaue unentschiedene Färbung, nach ganz kurzer

Zeit aber, da das Schiff einen raschen Gang hatte, segelten wir in

vollständig dunkelgrünem Wasser, und das Kielwasser hinter uns war

scharf abgeschnitten dunkelblau.

Am Eingange des Kanals hatten wir meist grünliche Färbung, bisweilen

aber auch schmutzig blau, ja fast ganz blau, später bei 18 bis 14

Faden Tiefe eine reine Aquamarin-Farbe des Wassers. Häufig habe ich in

grünem Wasser, wenn die See etwas hoch ging, den Schaum der Wellen

und spritzende Tropfen in's Röthliche spielen sehen. Ohne Zweifel eine

complementare Erscheinung.

Während hier die größere und geringere Tiefe der See die Farbe

derselben bedingte, verändert sich oft bei trübem Wetter die schönste

blaue Farbe in ein schmutziges Blaugrün, wenn der Himmel mehr oder

weniger mit Wolken überzogen ist.

Hier bedingt die Färbung des Himmels die Farbe des Wassers, das Grau

des ersteren spiegelt sich im Meer, so wie vorher das glänzende Blau

des reinen tropischen Himmels jenes der Wellen gehoben hatte.

So ist also in vielen Fällen die Meeresfarbe als ein Spiegelbild des

Himmels zu betrachten, wenn gleich die _grüne_ Farbe durchschnittlich

von Untiefen bedingt ist.

Bisweilen habe ich eine vollkommene glänzende Kupferfarbe des Wassers

gesehen, und dieß zwar bei wolkenfreiem Himmel und untergehender Sonne;

indessen nur auf der Schattenseite des Schiffes, wenn die Leesegel

aufgehißt waren, und nur auf eine kurze Strecke in die See reichend.

Diese Kupferfarbe war bedingt von dem Widerscheine der weißen Segel auf

dem Wasser und zugleich durch den Schatten, welchen Schiff und Segel auf

die sonst allenthalben beleuchtete Wasserfläche warf. --

Noch ziemlich weit außen vor dem Eingang in den Kanal begegnete uns ein

Lootsen-Kutter. Mit der Schnelligkeit eines Raubvogels streichen diese

Boote über die See hinweg, und den Schiffen entgegen, welche sich

zeigen, um sie durch den Kanal zu lootsen. Meist legen sie einige

Augenblicke an denselben an, werfen ein frisch gebackenes Brod den

Männern an Bord zu, und erhalten auf gleiche Weise eine Flasche Wein.

Erinnere ich mich recht, so kam dieser Lootse aber nicht näher, da

er unser Schiff als ein Hamburger erkannte, das wohlbekannt in jenen

Regionen, sich selbst durch den Kanal lootsen konnte.

Die brennende Frage an Bord war zu jener Zeit der Dänenkrieg. War

die Elbe frei, so konnten wir in einigen Tagen zu Hause sein, war sie

blockirt, so mußten wir in England anlegen, und abgesehen von den

Kosten für den Rheder, welche hieraus erwachsen wären, hätte dort

ohne Zweifel der Dockenhuden eine andere Bestimmung erhalten, und keiner

von der Mannschaft wäre nach Hause gekommen. Was mich betrifft, so

hätte ich meine mitgebrachten Naturalien und mein Gepäcke von 14 Ctr.

an Gewicht in England versteuern müssen, und wäre gezwungen gewesen

auf einem andern Schiffe die Heimreise zu vollenden.

Als jener erste spitzbübische Lootse an unserm Borde vorüberflog,

riefen wir ihm zu. Ist Krieg? Antwort: Dänenkrieg! Ist die Elbe frei?

Antwort: All' gesperrt! Und hiemit war er schon so weit, daß man sich

nicht mehr verstehen konnte.

Keiner unserer Leute verzog bei dieser Nachricht eine Miene. Der Seemann

ist gewohnt, und sucht eine Ehre darin, dem Unvermeidlichen ruhig zu

begegnen und keine nutzlosen Worte zu verlieren.

Aber bald darauf kam ein zweiter Lootse, welcher auf einige Augenblicke

anlegte. Brod und Wein wurden getauscht, und der Sicherheit halber doch

die Frage nach Sperrung der Elbe wiederholt. Da erfuhren wir, daß

die Elbe frei sei. Der erste Lootse hatte sich einen angenehmen Scherz

erlaubt. --

So rasch und glücklich wir mit der Reform _aus_ dem Kanal gekommen

waren, durchsegelten wir denselben auf der Heimreise mit dem

Dockenhuden. Als ich Dover sah und die entsprechende französische

Küste fühlte ich mich fast heimisch. Endlich die Nordsee! Immer

näher!

Am 6. Juli gegen 1 Uhr des Morgens wurde ich geweckt. Man sah die

Leuchtfeuer von Helgoland und auf Schiffen, die heimkehren von weiter

Reise, wird da meist Kaffee getrunken, sobald der Feuerschein jener

Insel in Sicht kömmt. Es war eine fröhliche Kaffeegesellschaft, welche

wir dort abhielten, wenn gleich keine normale, indem nicht gelästert

und geklatscht wurde.

Früh befanden wir uns bereits auf der Elbe. Die Orte, welche dort am

Ufer liegen, mag man auf der Karte lesen, ich kümmerte mich nicht um

ihre Namen, aber den ersten spitzen deutschen Kirchthurm und die grünen

Ufer habe ich mit jubelndem Herzen begrüßt. Wer nie so lange auf See

war, daß er in stundenweiter Entfernung das Land _riecht_, weiß nicht,

was eine solche Heimkehr bedeutet. Was war aber der Duft der tropischen

Blüthen, der uns in Brasilien die Nähe des Landes verkündete, gegen

den Geruch des frischen Heues am deutschen Ufer und jenen der Obsternte,

welchen der Landmensch kaum bemerkt, den wir aber wollüstig einsogen,

noch ehe wir die grünen Flächen erblickten!

Der Kapitain spazierte im Landstaate an Bord umher, denn auf der Elbe

commandiren Lootsen das Schiff, und die Kapitaine sprechen nicht darein,

auch ich hatte mich nothdürftig anständig gekleidet, so weit es meine

ziemlich hart mitgenommene Garderobe gestattete.

Ich nahm jetzt vorläufigen Abschied von den Leuten der Mannschaft und

wurde von vielen mit Kleinigkeiten beschenkt, die sie früher auswärts

gesammelt hatten, und mir jetzt zum Andenken verehrten. Aber auch ohne

dieses hätte ich stets ein freundliches Andenken an diese Männer

bewahrt, mit welchen ich so lange Leid und Freud getheilt, und welche

sich mir stets wohlwollend bewiesen. Zerstreut auf allen Meeren der Welt

durchkreuzen jetzt wohl die Meisten von ihnen das bewegliche Element.

Mögen sie stets so glücklich ihre Heimath wieder erreichen wie

jenesmal![69]

In Hamburg angelangt, fuhren der Kapitain Müller und ich sogleich an's

Land. Wir hatten 116 Tage lang den Fuß nicht auf festen Boden gesetzt,

denn so lange dauerte unsere Reise von Callao. Frau und Kinder des

Kapitains empfingen ihn am Lande. Lebten die _Meinigen_? Ach, ich wußte

es nicht, denn seit ich Bremen verlassen, hatte ich keine Nachricht.

Aber es gibt Gefühle, die zur Coquetterie werden, wenn man sie drucken

läßt -- und überdem war materielle Sorge jetzt überwiegend. Ich

mußte ein anständiges Aeußere zu erwerben suchen, mein bewegtes Herz

mußte unter einem saubern Rocke schlagen. So führte mich Kapitain

Müller in ein Kleidermagazin und ein Friseur nebst obligatem Bade,

Ankauf von Pomade, kölnischem Wasser und Glaçé-Handschuhen hatten

mich bald wieder zum Gentleman gestaltet, zur späteren Verwunderung

mancher meiner heimischen Freunde und Bekannten, die, wie es schien,

erwarteten, mich mit Bogen und Pfeilen bewehrt und einer Federschürze

bekleidet wieder zu sehen.

Von Valparaiso aus hatte ich Empfehlungen an einen Gelehrten in Hamburg,

und zu jenem freundlichen Manne, der mich auf das herzlichste empfing,

eilte ich jetzt.

Bei ihm lagen Briefe aus der Heimath für mich, denn noch in Valparaiso

hatte ich nach Hause geschrieben, den Monat meiner Ankunft beiläufig

bestimmt und die Adresse gesendet.

Man hatte wirklich geschrieben, roth, nicht _schwarz_ gesiegelt -- die

Meinigen lebten und waren gesund. -- Jenesmal hatte sich eine Periode in

meinem Leben geschlossen!

Ich habe wenig mehr zu berichten. Noch einige Tage blieb ich in Hamburg,

und war freundlich aufgenommen von einigen wackeren Gelehrten, deren

Bekanntschaft ich machte, und von einem alten Freunde aus früherer

Zeit, den ich unverhofft dort getroffen. Ich besah mir die Stadt

flüchtig, wie es eben in so kurzer Zeit geschehen konnte, nahm Abschied

vom Kapitain Meyer und stattete noch dem Dockenhuden einen Besuch ab.

Dann zur Eisenbahn. In zwei Tagen war ich in Nürnberg. --

#Mannheim.#

Schnellpressendruck von _Heinrich Hogrefe_.

Reise in Südamerika. Zweiter Band. · 第 20 / 23 题