Am Strande angelangt, wurde uns von einigen Bewohnern Mamillas ein

junges Guanaco zum Verkaufe angeboten, und der Kapitain erstand dasselbe

zu einen ziemlich hohen Preise, um es mit nach Europa zu zu nehmen.

Wir erfuhren dort, daß die Guanacos eben nicht häufig auf den Bergen

seien, daß aber doch welche getroffen würden, und daß die Thiere

häufig des Nachts an die Quelle kämen um zu trinken. Ganz =à la=

Robinson wird dann bisweilen eines oder das andere von irgend einem

Verstecke aus mit dem Lasso gefangen. Das Junge, welches wir mitnahmen,

war nebenher gesagt, das boshafteste, störrigste und widerwärtigste

Subject (unter den vierbeinigen nämlich), welches mir seit langer Zeit

vorgekommen. Es hatte die Größe eines starken Rehbockes; wir brachten

es glücklich mit nach Europa, und ich habe später vielleicht noch

Gelegenheit von ihm zu berichten.

Wir hatten heimwärts günstigen Wind, und konnten abermals das Segel

benützen; so kamen wir rasch vom Flecke und die Fahrt war bei der

lieblichen Temperatur des Abends in der That eine höchst angenehme zu

nennen. Als wir uns dem Felsen näherten auf welchem sich gewöhnlich

die Robben aufhalten, lagen wirklich mehrere derselben dort, sich in der

Abendsonne wärmend.

»Das giebt einen Scherz,« sagten unsere Matrosen, »geben Sie einmal

Acht, was die Burschen sich ärgern, wenn man ihnen Seehund! zuruft,

denn weil es eigentlich _Seelöwen_ sind, so verdrießt sie dieß ganz

verzweifelt.«

In der That hatte es ganz den Anschein als wollten die »Seelöwen« die

Meinung der Matrosen in Betreff ihres Racen-Vorurtheils rechtfertigen.

Wir näherten uns dem ersten, der zu schlafen schien, und riefen

sämmtlich aus voller Kehle das ominöse »Seehund.« Da erhob sich das

Thier, stieß ein wirklich schauderhaftes Gebrüll aus, und rutschte,

mit den kurzen Stummelfüßen sonderbare Bewegungen machend, bis an den

Rand der Klippe. Jetzt lachten ihn die Matrosen aus, wiederholt Seehund

rufend, bis endlich unter wüthendem Gebrülle das Thier sich kopfüber

in die See stürzte. Interessant war bei der Geschichte, daß die kaum

fünfzig Schritte davon auf andern Klippen liegenden Robben nicht auch

sogleich die Flucht ergriffen, sondern wirklich warteten, bis auch sie

persönlich angegriffen und verhöhnt wurden.

Ohne irgend einen störenden Unfall und sehr befriedigt von den

Ereignissen des Tages, erreichten wir ziemlich spät des Abends den

Dockenhuden, und versprachen uns gegenseitig einen zweiten ähnlichen

Ausflug nach Mamilla, der aber in Folge anderer Excursionen unterblieb.

Einige Tage später unternahm ich allein eine Excursion in die Berge um

geognostische Notizen zu sammeln, und vielleicht nebenher ein Guanaco zu

erlegen. Ich hatte eine kleine, wollene Decke mit mir genommen, wie

ich solches auch in Chile that, wenn ich im Freien übernachten wollte,

etwas Charque, d. h. an der Sonne getrocknetes Ochsenfleisch, ein wenig

Zwieback, und meine Feldflasche mit Rum gefüllt. Daß Berg-Compaß,

Mineralienhammer und die Doppelflinte nicht fehlten, versteht sich von

selbst. Ich verließ des Morgens gegen zehn Uhr den Dockenhuden

und stieg rüstig bergan. Die Ergebnisse der meisten geognostischen

Erfahrungen, welche ich auf dieser und andern ähnlichen Touren

sammelte, habe ich theils in einer größeren wissenschaftlichen

Abhandlung niedergelegt, theils aber auch in den gegenwärtigen

Reiseskizzen insoferne berührt, als es für dieselben von Interesse

ist. Ich will daher den freundlichen Leser nicht weiter mit solchen

behelligen, indessen muß ich von einer Erscheinung berichten, der ich

schon früher vorübergehend erwähnte.

Es ist dieß die scheinbare Schichtung des Gebirges, welche an mehreren

Stellen der Küste beobachtet wird und welche, wie sich bei näherer

Betrachtung ergibt, durch Verwitterung bedingt ist.

Ich habe schon öfter des terrassenartigen Ansteigens erwähnt, welches

die dortigen Bergformen charakterisirt. An manchen Stellen nun haben

sich die einzelnen Parthien, kolossalen Mauern ähnlich, neben einander

emporgeschoben, so daß eine stets die andere überragt, und, wenn man

will, eine Art Riesentreppe gebildet wird. Durch Verwitterung nun,

und allmälige Zersetzung des Gesteins, hat sich ein Theil derselben

abgelöst und ist von den steilen Wänden hinabgestürzt auf den ebenen

Theil der unteren Bildung, der hier ein größeres oder kleineres

Plateau bildet. Da das zersetzte verwitterte Gestein fast stets eine

andere Farbe angenommen hat, so sticht seine Anhäufung auf dem untern

Plateau meist ziemlich scharf ab gegen die steil ansteigende Wand des

unzersetzten Felsens, der mauerartig hinter dem Plateau ansteigt. Dies

bildet nun quer am Abhange des Gebirges hinziehende, verschiedenfarbige

Streifen und Bänder, welche an vielen Stellen der Küste, von einiger

Entfernung gesehen, fast täuschend den Eindruck der Schichtung machen.

Bei der Regenlosigkeit jener Küstenstriche muß eine solche Masse

verwitterten Gesteins auffallen, allein es tritt dort die intensive

Sonnenhitze wieder theilweise ergänzend auf, und das einmal abgelöste

und auf die untere Fläche gestürzte Gestein bleibt dort für immer

liegen, eben da die Regengüsse fehlen, welche an einem andern Orte mit

der Zeit diese Lagen mehr und mehr abwärts führen würden.

Während der ganzen Küstenfahrt interessirte mich diese scheinbare

Schichtung des Gesteins, und schon auf der hohen Cordillera in Chile

habe ich früher Aehnliches an entfernten und unzugänglichen Stellen

des Gebirges betrachtet. Ich fand hier plötzlich die einfache aber

vollständig klare Lösung des Räthsels, und setzte erfreut meinen

Weg fort, denn das Vergnügen, welches man bei solchen Gelegenheiten

empfindet, entschädigt für die Entbehrungen von Wochen und Monaten.

Bis gegen Abend kletterte ich bald abwärts bald aufwärts, Handstücke

schlagend, Durchschnitte zeichnend, und überhaupt nach Kräften

geognostische Studien betreibend. Dann stieg ich aufwärts so weit ich

konnte und ging eine Strecke in's Land, wenn der felsige, steinige

Boden so genannt werden darf, der von tausend Rissen durchzogen, und mit

mächtigen Felsenstücken bedeckt war. Aber stets war die Aussicht in's

eigentliche Innere versperrt durch neue aufsteigende Felsenhügel, und

ich sah ein, daß ein weiteres Vordringen für heute nicht möglich,

wenn ich morgen wieder an Bord sein wollte. Ich ging also gegen Süden,

wo sich das Gebirge etwas senkte, und so weit gegen die Küste zu, daß

eben das Meer wieder sichtbar wurde. Dort suchte ich mir einen

Felsen aus, in dessen Nähe möglichst wenige frisch herabgestürzte,

scharfkantige Bruchstücke lagen, weil ich schloß und hoffte, daß

auch während der Zeit, in welcher ich neben ihm liegen würde, ein

Herabfallen nicht stattfinden würde. Ein Vorsprung von einigen Fuß

mußte das schützende Dach vorstellen, und indem ich größere Steine

hinwegräumte, bereitete ich mein Lager so gut es ging.

Spartanisch genug fiel es aus, das mag ich nicht verhehlen, und wenn

gleich die Müdigkeit mich die ersten Stunden ziemlich fest schlafen

ließ, so brachte ich doch den größten Theil der Nacht schlaflos zu,

und diese Schlaflosigkeit war sicher nicht durch die allzu reichliche

Abendmahlzeit hervorgerufen, da ich die Hälfte meines Vorrathes für

den folgenden Tag gespart hatte. Was ich indessen am meisten fürchtete,

den Mangel an Wasser, empfand ich am wenigsten, und ohne Zweifel war

die schwache Nebelschichte, welche sich herabgesenkt hatte, die Ursache

hievon.

Als ich etwa gegen 1 Uhr in der Nacht erwachte, war der Mond

heraufgestiegen und der Nebel auf den Bergen fast gewichen, so daß

die Felsengruppen um mich beleuchtet waren, und auch über den öden

Flächen des Gebirges und der fernen See ungewisse Streiflichter

zitterten. Ich starrte dort wie im Traume auf jenes Chaos von Felsen,

Nebel und undeutlichen Lichtmassen hin, und es beschlich mich ein

solches Grauen, daß ich deutlich mein Herz schlagen hörte. Wovor? Ich

weiß es nicht. Warum? Ich vermag keine Rechenschaft zu geben, denn ich

hatte viele Nächte im Freien zugebracht eben so allein wie hier. Es

war keine Furcht vor etwas Lebendem, keine Scheu vor etwas Todtem,

Gespenstigem, es war ein tiefes, unbezeichenbares Grauen, ein Schaudern

bis in's innerste Mark, ein Alpdrücken im wachenden Zustande.

Mancher Sprung in's Wasser und mancher verhängnißvolle Druck am

Schloße der Pistole mag vielleicht solche Momente geschlossen haben.

Ich hatte das nicht zu fürchten. Hatte ich nicht den zweiten Toast

getrunken in der Schlucht von Mamilla!

Jenes furchtbare Gefühl dauerte indessen nicht lange. Schon eine halbe

Stunde nach dem Erwachen rauchte ich die versöhnende Friedenspfeife

mit mir selbst, und schuf mir Theorien, wodurch jene Schauder entstanden

sein konnten. Ich will diese dem Leser erlassen, muß aber beifügen,

daß ich mehrmals in der Nacht das Wiederkehren fürchtete, ähnlich

einer pathologischen Erscheinung.

Obgleich ich schon manche unangenehmere Nacht zugebracht unter Dach als

hier unter dem sogenannten Himmelszelte, so war doch die Erinnerung

an diese eben keine erfreuliche zu nennen, und ich nahm mir vor, ein

zweites Nachtlager auf ähnliche Weise in der Folge zu versuchen, der

Probe halber und des Experiments wegen. Ich habe es einige Tage später

ausgeführt, und kann von jener Nacht dem Leser versichern, daß

sie friedlich vorübergegangen und die Expedition nichts besonderes

geliefert, als Ergänzungen zu meinen geognostischen Studien.

An jenem Morgen aber brach ich schon vor Anbruch des Tages auf und hielt

mich in südlicher Richtung das Gebirge verfolgend auf dessen Höhe, bis

ich endlich, als die Sonne zu steigen begann, abwärts schritt, um das

Ufer zu erreichen. Es waren bisweilen die Wände und Gehäge so steil,

daß ich mich kaum zu halten vermochte, und da ich eine ziemliche Last

an erworbenen geognostischen und oryktognostischen Stufen mit mir trug,

welche durch neue Funde stets wuchs statt abzunehmen, so war ich froh

als ich den Fuß des Gebirges erreicht hatte.

Meiner Rechnung nach mochte ich etwa drei und eine halbe Stunde von der

Bai entfernt sein, aber bei der bereits drückenden Sonnenhitze und dem

oft glühend heißen schwarzen Sand der Küste, welcher häufig mit dem

weißen, aus Muschelfragmenten begehenden, wechselte, war der Heimweg

immerhin ein beschwerlicher zu nennen. Zudem hatte ich Hunger, da bis

auf einen kleinen Rest von Zwieback mein Speisevorrath zum Frühstück

gedient hatte, um die Schauer der Nacht zu vertilgen. So gewährte es

mir ganz besonderes Vergnügen, als ich an den aus der See ragenden

Klippen plötzlich mehrere Möven sitzen sah, welche sich wenig um mich

zu bekümmern schienen. Ich schoß eine derselben, und indem ich mir

dieselbe aus dem Wasser nahm ich ein Morgenbad und zugleich einen Mund

voll Seewasser[48].

Ich wußte, daß in den Ausläufen der Schluchten nicht selten

vertrocknete Cactusstämme angetroffen werden, welche dort als

Feuerungsmaterial dienen, und so schritt ich weiter, auf solche wartend,

um meine Möve zu braten, wie ich es bereits in Chile mit einem guten

Theile geschossener Vögel gethan.

Wie ich schon früher bemerkte, wechselt häufig der Sand der Küste,

indem er einmal aus schwarzen magneteisenhaltigen Körnern, dann

wieder aus größeren Geschieben, endlich aber an andern Orten blos aus

Muschelfragmenten oder thierischen Resten überhaupt besteht.

Es ist ohne Zweifel sowohl der nächste Meeresgrund, als auch die

Richtung der kleineren Buchten, gegen den vorzugsweise herrschenden

Wind, hieran schuld, und so kam ich bald, nachdem ich die Möve erlegt

hatte, an eine solche Bucht, die buchstäblich bedeckt war mit Knochen

von Robben und Wallfischen, und mit Schädeln derselben, welche in

der Form wenigstens noch wohl erhalten, obgleich fast alle organische

Substanz aus ihnen verschwunden war, und ein weiterer Transport kaum

möglich erschien. Die flachen Ufer jener Bucht erstreckten sich wohl

hundert Schritte weit bis an den Fuß des Gebirges und hatten die

vierfache Länge, und es bedurfte ohne Zweifel mehrere Jahrhunderte,

um die Unzahl von Knochen aufzuhäufen, welche sich dort befinden. Ich

zeichnete den Schädel eines Wallfisches, der etwa 7 Fuß Länge hatte

und verließ die Stelle, indem ich mich wieder den Bergen näherte, wo

ich endlich fand, was ich suchte, nämlich einige ausgetrocknete, zur

Feuerung tüchtige Stücke von Cactusstämmen. Ein kleines Feuer war

bald entzündet und die zerstückte Möve kunstgerecht mit etwas Salz

bestreut, gebraten, oder vielmehr halb geröstet und halb verbrannt.

Obgleich ich stets Hammelfleisch und weiße Rüben als das

abscheulichste Essen erklärt habe, muß ich doch gestehen, daß jener

Vogel noch verabscheuungswürdiger roch, und fast noch erbärmlicher

schmeckte als jenes genannte schmähliche Gericht.

Nach etlichen Stunden kam ich an Bord an, nachdem ich vorher die Ruinen,

oder wenn man will die Grundmauern von Wohnungen aufgefunden hatte,

welche einer alten und längst ausgestorbenen Menschenrace angehörten.

Aber hievon werde ich später berichten.

Ich habe so eben jener eckelhaften Speise des Hammelfleisches erwähnt,

und muß jetzt gestehen, daß ich schon des folgenden Tages _dreimal_

Hammelfleisch genießen mußte (glücklicher Weise indessen ohne

Rüben), und daß ich dieser außerordentlichen und kaum glaublichen

Thatsache halber ein Attest bei mir führe, welches ich mir von unserm

Kapitain mit beglaubigter Zeugenunterschrift habe ausstellen lassen.

Dem Leser erlasse ich die Mittheilung dieses Attestes, welches indessen,

als ich den Kapitain um die Unterschrift bat, viel Scherz veranlaßte,

und hiefür erläßt mir vielleicht der günstige Leser die detaillirte

Aufzählung der ganzen Reihe von merkwürdigen Begebenheiten, welche

jene unerhörte Thatsache hervorgerufen hat.

Direct aber an den letzten Hammelkopf mit Zwiebeln, der bei dem

englischen Minenbesitzer verzehrt wurde, muß ich die Schilderung einer

der romantischsten Parthien der Bucht anknüpfen. Wir hatten nämlich

bei Herrn Thomas Helsby zu Mittag gegessen, und es führte uns derselbe

nach Tische in der Umgegend seiner Besitzung umher. Nicht weit von der

letztern befindet sich eine größere Gruppe jener öfters erwähnten

dunkeln Felsgebilde, welche zusammenhängend und massiger als

gewöhnlich, hier eine Halbinsel bilden. Das unregelmäßige Viereck,

aus welchem die Gruppe besteht, hängt eben nicht unmittelbar längs der

ganzen dem Lande zugewendeten Seite mit demselben zusammen, sondern es

bildet die See hier einen Einschnitt in die Felsenmasse, eine schmale

etwa 10 bis 12 Fuß breite Bucht, die ungefähr zwei Drittheile der

Länge jener der Küste zugewendeten Seite der Felsparthie beträgt.

Die ganze Masse der Felsen steht senkrecht und mauerartig aus dem Wasser

hervor und ihre Höhe beträgt auf der Seeseite 36 bis 40 Fuß. Auf der

Landseite aber sind sie etwas höher, so daß vom Lande gegen See zu ein

Fall stattfindet.

Die Oberfläche der kleinen Halbinsel ist mit einzeln emporstehenden

Spitzen, kegelförmigen Erhöhungen und Zacken besetzt, und dieselbe

erhält dadurch ein phantastisches und groteskes Ansehen, dabei beträgt

ihre Breite dreißig und etliche Schritte, ihre Länge aber etwa

zweihundert.

Was aber jener schon an und für sich romantischen Parthie einen

wirklich und großartig pittoresken Reiz verleiht, ist die Brandung,

welche an jenem Theile der Küste, wie ich bereits erwähnte, bisweilen

in so ungestümer Heftigkeit und mächtiger Höhe auftritt.

Die Oberfläche jener Felsgruppen ist bei gewöhnlicher Brandung bis

auf einige mit Wasser gefüllte Vertiefungen trocken und kann bestiegen

werden. Bei höherer Brandung aber steigen die Wasser über die Felsen

empor und überfluthen dieselben.

Wir nahmen unseren Standpunkt hinter dem vorher erwähnten Einschnitte,

welcher einen Theil der Halbinsel von der Küste trennt, und sahen

über erstere hinweg, wie mächtige Wellen der Brandung, wandelnden

Riesenmauern gleich, gegen die Felsen anstürmten. Aber dort brach sich

ihre Kraft, wir hörten blos das dumpfe Brüllen der zerschellenden

Wassermassen und höchstens stiegen weiße, zackige Kämme, die

Spitzen der stürmenden Wogen, über die Felswand empor, um im andern

Augenblicke wieder zu verschwinden.

Plötzlich aber rückte von der See her eine neue, stürmende

Wassermasse an, eine gewaltige, mächtige Fluthenmauer; sie

erreichte die Felswand und dieses Mal überströmte sie dieselbe. Mit

donnerähnlichem Brausen und Toben stürzte von allen Seiten mit der

Schnelligkeit des Blitzes die siegende See aufwärts über die schiefe

Fläche des Fels-Plateaus. Zwischen uns und der anstürmenden Fluth war

jene Schlucht, und doch wichen wir unwillkürlich einen Schritt zurück;

aber die Wasser ergossen sich jetzt unaufhaltsam vorwärts stürzend in

die Schlucht selbst, so daß diese bis zum Rande gefüllt erschien mit

dem weißen, wild aufkochenden Elemente.

Auf der einen Seite ist die Schlucht gegen die See geöffnet und bietet

einen schmalen Eingang, auf der andern Seite aber ist eine etwa 10 Fuß

breite Höhle in gleichem Niveau mit dem Wasser bei gewöhnlichem

Stande. In diese Höhle stürzen die Wasser, welche kurz vorher

die Schlucht erfüllten und obgleich ein Theil derselben wieder

hervordringt, so bleibt doch die größte Menge im Innern und muß

jedenfalls einen andern Ausfluß haben.

Es erneute sich das interessante Schauspiel stets nach einigen Minuten,

und obgleich fast betäubt von der ganzen colossalen Erscheinung,

blieben wir doch fast eine Stunde lang in ihre Betrachtung versunken,

und unwillkürlich habe ich bei jenen wild aufkochenden Wogen, die dann

plötzlich in die geheimnißvolle Höhle verschwinden, an Schiller's

Taucher gedacht.

Geheimnißvoll aber ist die Höhle wirklich. Es benützen sie

Schmuggler[49] als Zufluchtsort und Versteck, und ihnen allein sind die

Vortheile bekannt, mittelst welcher man über und durch die unzähligen

Klippen und Felsenspitzen hinwegkömmt, welche aus dem stets heftig

bewegten Wasser der Schlucht hervorragen. Das Innere der Höhle hat ohne

Zweifel einen andern, blos ihnen bekannten Ausgang, und muß sichern

Raum bieten. Aber Niemand außer den Schmugglern hat je den Eingang

gewagt.

Zollwächter verfolgten vor einiger Zeit an der Küste ein

Schmugglerboot, welches die Schlucht gewann, und in dem tobenden

Wogen-Chaos derselben verschwand. Auch das Wachtboot folgte und

verschwand ebenfalls. Des andern Tages fand man einige Trümmer

desselben, und den zerschmetterten Leichnam des einen der sechs

Zollbedienten. Die andern hat kein Auge je wieder gesehen; aber die

Schmuggler erschienen ganz unbefangen nach einigen Tagen, verkauften

ihre Waare und besuchten auch später die Küste wieder.

Nachdem wir die »Schmugglerbucht« verlassen hatten, ging der Kapitain

mit Herrn Helsby nach dessen Wohnung, um noch einige Geschäfte zu

besorgen; Kapitain Müller und ich aber fuhren an Bord zurück, und

wir hatten das Glück, an jenem Abende eine interessante Erscheinung zu

beobachten.

Die Sonne war eben am Untergehen, und das Wetter war wie immer heiter,

obgleich die höchsten Spitzen des Küstengebirgs bereits fast seit

einer Stunde mit der gewöhnlich des Abends erscheinenden Nebelschicht

bedeckt waren. Zugleich war auch in einiger Entfernung auf der See Nebel

aufgestiegen, und es erschien hiedurch und durch die verschwindenden

Strahlen der Sonne, der Horizont einige Grade hochröthlich gefärbt.

Wir waren etwa noch 6 Faden vom Schiffe entfernt, als ich plötzlich

scheinbar in Entfernung von etwa einer englischen Meile an einer Stelle,

welche sonst vollkommen frei war, einen dunkeln Fleck bemerkte, und

Kapitain Müller hierauf aufmerksam machte, da ich ein Segel zu sehen

glaubte; indessen wurden wir beide im nächsten Augenblicke gewahr, daß

wir kein Schiff vor uns hatten, sondern daß es ein Fels sein müsse,

und zwar der ganzen Form nach einer jener spitz und kegelförmig aus dem

Meer hervortretenden Grünsteinformen.

Aber noch indem wir die Sache besprachen, rief uns der Obersteuermann

zu, uns zu beeilen, indem sich etwas ganz Seltsames zeige. »Ich sehe

Land mit einem Flaggenstocke -- rief er -- wo noch vor 10 Minuten keins

war!«

Man kann sich denken wie die beiden Matrosen, die uns fuhren, mit ihren

Riemen auszogen, und wie rasch wir beide am Fallreef hinauf und auf

Deck flogen. Dort sahen sowohl wir als auch alle anwesenden Matrosen

allerdings etwas sehr _Seltsames_. An einer Stelle der See, an welcher

vor einigen Minuten keine Spur von irgend etwas Fremdartigem zu sehen

war, stand ruhig und vollständig klar ausgesprochen ein spitzer

Felsenkegel, der etwa 100 bis 150 Fuß hoch sein mochte, wenn die

Entfernung richtig war, in welcher wir ihn zu sehen glaubten, und welche

keinen Falls mehr als eine englische Meile betrug.

Während aber der Fels ruhig und fest aus dem Wasser ragte, befand sich

oben auf demselben ein anderer Gegenstand, der sich sichtlich bewegte,

sich bald nach rechts, bald nach links wendete, bald höher, bald

niedriger wurde. Dieses zweite Bild war unten schmal, oben aber breit,

und machte auf mich den Eindruck zweier Palmbäume deren Stämme

dicht an einander standen, während nach oben die Kronen sich weiter

ausbreiteten und theilweise in einander übergingen.

Die Seeleute glaubten _Land_ zu sehen und einen _Flaggenstock_ auf

demselben. So jeder nach seinem Geschäfte.

Mein erster Gedanke war eine Lichtspiegelung, das Abbild irgend eines

Felsens der Küste mit einem Palmbaum auf der Spitze. Aber es befanden

sich in der ganzen Umgegend keine Palmbäume, mithin war die Theorie

nicht stichhaltig. Da tauchten rechts und links von dem zuerst sichtbar

gewordenen Felsenkegel kleinere auf, zwar kaum die halbe Größe des

erstern erreichend, aber wie er ruhig und unbefangen dastehend und sich

sichtlich nicht um uns kümmernd, während wir uns die Köpfe zerbrachen

über ihr unerwartetes Erscheinen. Jetzt fuhr mir wie ein Blitz die Idee

einer vulkanischen Hebung durch den Kopf. Welch ein Glück! Ich fühlte

wie mein Herz schlug! Ich war also von einem günstigen Geschicke

auserkoren einer weitern Hebung der Küste beizuwohnen. Jene

Grünsteinformen, welche mich bereits so vielfach beschäftigt hatten,

sollten jetzt vor meinen Augen entstehen. Morgen schon vielleicht war es

möglich, mit dem Boote sich den neu entstandenen Bildungen zu nähern.

Durch Bimssteinstücke und durch Massen von Seefischen, die getödtet

von der Hitze um die vulkanischen Kegel schwammen, wird das Boot den

letzteren beizukommen suchen. Vielleicht kann irgendwo schon Fuß

gefaßt und eine bezeichnende Stufe geschlagen werden!

Während die bewegliche vorhin geschilderte obere Parthie der

Erscheinung von den Seeleuten für eine Flagge gehalten wurde, sah

ich jetzt in derselben eine Rauchsäule, gegen oben sich fächerartig

ausbreitend, und allerdings war sie einer solchen sehr ähnlich, und

selbst die Matrosen gaben mir jetzt recht.

Als ich aber den Steuermann, der allerdings Kenntniß hatte von solchem

Entstehen neuer Inseln, meine Vermuthung mittheilte, fuhr derselbe

zurück wie von einer giftigen Schlange berührt.

»Wenn das wäre! Zum Teufel, wie kommen wir aus den verdammten Klippen,

die vielleicht allerwärts um uns emporsteigen,« sagte er und ich

begriff, daß er Recht hatte, obgleich ich mich dennoch innerlich

über das Phänomen freute. Aber es war mir mittlerweile mein Fernrohr

gebracht worden, ein Feldstecher von Plössel in Wien mit vier Ocularen.

Als ich jetzt die Erscheinung näher betrachtete, so zeigte sich,

daß das Bild derselben zwar _größer_ wurde, aber _nicht schärfer_,

wenigstens nicht in dem Grade als es bei der gewählten Vergrößerung

hätte werden müssen, und wir waren bald alle einig, daß wir zwar

_Felsen_ vor uns hatten, aber keine wirklichen, sondern daß das ganze

Phänomen eine Luftspiegelung war, oder wenigstens in die Reihe dieser

Erscheinungen gehörte. Vollkommen bestätigt wurde jetzt diese Ansicht

dadurch, daß durch das Instrument am Fuße des Felsen keine Spur von

Brandung wahrgenommen werden konnte.

Die Bilder standen nicht weit von der anfänglich erwähnten

Nebelschichte entfernt, aber auch immer noch so weit, daß zwischen

ihnen und der Stelle, wo der Nebel die See bedeckte, noch ein freier

Raum blieb, in welchem, also noch hinter dem scheinbaren Felsen, die

Oberfläche des Meeres gesehen werden konnte. Wäre also in Wirklichkeit

irgend ein Gegenstand in der See gestanden, so hätte jedenfalls

die Brandung wahrgenommen werden müssen, da das Wasser in so weiter

Ausdehnung beobachtet werden konnte, und überdies wäre ohne Zweifel

bei einer vulkanischen Hebung ringsum das Wasser ohnedem mächtig

empört gewesen.

Aber allerwärts war die See ruhig, und man konnte durch das Glas

deutlich die friedliche kleinen Wellen um das Bild, oder vielmehr vor

demselben spielen sehen.

Nachdem die Erscheinung, so lange wir am Bord sie beobachteten, etwa 8

Minuten gedauert hatte, verschwand sie allmälig, indem sie zu versinken

schien und dieses Versinken fand vollkommen gleichmäßig statt, indem

die kleineren später sichtbar gewordenen Kegel schon vollständig

verschwunden waren, während die obere Hälfte des größten Kegels

noch vollständig zu sehen war. Jenes zweite Bild oberhalb des größern

Kegels, des Obersteuermanns Flaggenstock und meine Rauchsäule, hatte

sich allmälig oben weiter ausgedehnt, war aber zugleich schwächer

geworden.

Ich hielt es jetzt, und wie ich glaube mit Recht, für eine verkehrte

Spiegelung des untern Bildes, und es war vollständig verschwunden, ehe

noch das untere gänzlich untergesunken war.

Die See blieb, wie ich durch das Fernrohr beobachten konnte,

vollständig ruhig während des Verschwindens und scheinbaren

Untertauchens aller jener Felsenkegel und es herrschte kein Zweifel

mehr, daß wir eine Luftspiegelung beobachtet hatten.

Da die See eine niedere Temperatur als die sie umgebende Luft hatte,

so bewirkte sie eine stärkere Abkühlung der ihr zunächst gelegenen

Luftschicht, und indem sich diese Abkühlung nach oben fortpflanzt,

bilden sich mehrere Schichten von verschiedener Dichte. Dies sowohl

wie die hierdurch veranlaßten Nebel, sind bedingende Momente der

Luftspiegelung. Ohne Zweifel finden hie und da ähnliche Erscheinungen

in der Bai statt, aber ich konnte keine Notizen erhalten, ob sie von den

Einwohnern beobachtet worden sind.

Wohl aber mag man sich denken, daß ich hoch erfreut war, Zeuge der

Erscheinung gewesen zu sein, war gleich die Hoffnung, eine vulkanische

Hebung beobachten zu können, buchstäblich zu Nebel geworden.

Ich komme jetzt zu dem glücklichsten und interessantesten Funde,

welchen ich in der Algodonbai gemacht habe.

Kaum einige Tage in der Bai angekommen, fand ich an mehreren Stellen

unzweifelhafte Spuren, daß früher, und wohl ohne Zweifel lange vor

Entdeckung der Küste durch spanische Schiffe, dieselbe bewohnt gewesen

war. Aber welchem Volke jene Bewohner angehört hatten, ließ sich nicht

ermitteln.

Unweit jener Felsen, welche die Schmuggler-Bucht bergen, findet sich das

Plateau eines größeren Grünsteinfelsens, und dasselbe ist offenbar,

um ihm eine größere Ausdehnung zu geben, durch eine Art Mauer oder

Damm fortgesetzt. Es ist diese Mauer theils aus großen Steinen und

Felsstücken ohne alles Bindemittel aufgethürmt, theils aber auch aus

kleinen Geschieben und scharfkantigen Gesteinfragmenten construirt,

welche durch Kalk-Cement verbunden sind. Das Plateau selbst ist gegen

Nord hin frei, und es herrscht unter den Grubenbesitzern die Ansicht, es

sei zum Sonnendienste bestimmt gewesen.

Es finden sich ferner etwa zweihundert Schritte weit entfernt vom

mittleren Stande der See die Ruinen alter Bauwerke, Reste, die wohl an

1000 Jahre alt sein mögen, die man indessen vollkommen zu zerstören

sich nicht die Mühe genommen hat. Man hat sich bemüht, die Wände

einzuwerfen, hat aber den andern Theil stehen lassen. Ich habe den

Grundriß jener Hütten gezeichnet, aber leider ist mir das Blatt, neben

einigen anderen Papieren auf der Rückreise verloren gegangen.

Die Basis ist ein in die Länge gezogenes Viereck, etwa 15 bis 18 Fuß

lang und 12 Fuß breit, doch vermag ich diese Dimensionen nicht mehr

genau anzugeben. Bei zwei derselben habe ich neben dem Eingange die

Grundmauer eines kleinen Seitenbaues gefunden, welcher ebenfalls

länglich war, aber auf der einen schmalen Seite eine runde Ausbiegung

hatte.

Die Mauern dieser Hütten sind an der noch stehenden Basis einen bis

einen und einen halben Fuß breit; wie die oben erwähnte größere

Mauer sind sie theils aus Gerüllen, theils aber auch aus scharfkantigen

Fragmenten zusammengesetzt und mit Mörtel verbunden. Irre ich nicht, so

stehen in der Bai selbst, unweit Bella Vista, drei solche Ruinen. Weiter

ab aber an der Küste und gegen Süd habe ich ebenfalls eine gefunden,

welche wenigstens noch 3 Fuß hohe Mauern hatte. An verschiedenen Orten

in der Bai und auch weiter hin an der Küste sollen selbst noch vor

einigen Jahren solche Ruinen anzutreffen gewesen sein, indessen wurden

sie, wie man mir sagte, aus Muthwillen zerstört.

Nie hatten die Spanier auf ähnliche Weise ihre Mauern construirt, ohne

Zweifel also waren jene Baureste vorspanischen Ursprungs. Aber

welchem Volke gehörten sie an? Ich sollte bald hierüber erfreuliche

Aufschlüsse erhalten.

Hundert Schritte etwa von den erwähnten Ruinen der Hütten liegt eine

Begräbnißstätte und wahrscheinlich die der Bewohner der Hütten

selbst, obgleich viele weiter südlich lebende spätere Stämme der

Westküste Amerikas die Gewohnheit haben, ihre Todten sehr weit entfernt

von ihren Wohnungen zu beerdigen.

Es waren noch etwa 36 bis 40 Grabhügel sichtbar, indessen war ein Theil

derselben bereits geöffnet und durchwühlt worden, in der Hoffnung

Gold zu finden, welches bei den Gräbern der alten Peruaner, Inka-Race,

bisweilen der Fall ist. Hier indessen wurde nie etwas Aehnliches

gefunden und die archäologischen Bemühungen der Bergleute und

zufällig an die Küste gekommener Matrosen waren fruchtlos.

Neben den noch sichtbaren Gräbern mag aber durch häufiges

Darüberhinweggehen und Reiten wohl ein anderer Theil derselben

vollkommen eingeebnet und unsichtbar geworden sein.

Ich schritt indessen zur Oeffnung der noch leicht erkennbaren Gräber,

und da ich von früher her mir in Derlei einige Uebung erworben hatte,

war es mir ziemlich leicht zu bestimmen, welche der Hügel schon vorher

geöffnet sein mochten und welche noch unberührt waren, und ich fand

mich beim Nachgraben selten getäuscht.

Mein freundlicher Kapitain gab mir mehrere Matrosen mit an's Land, um

bei dem Ausgraben behülflich zu sein, und ich will jetzt angeben,

was ich gefunden habe. Getrost mag der Leser nun einige Seiten

überschlagen, wenn es ihn nicht unterhält, von einer alten

ausgestorbenen Menschenrace zu hören, von welcher ich dort Reste

aufgefunden habe und von denen ich ausführlicher sprechen muß, auf die

Gefahr hin, einem Theile meiner Leser langweilig, ja noch langweiliger

zu werden, als es bisher bei geognostischen und meteorologischen Notizen

der Fall war.

Alle Gräber befanden sich in dem schon früher erwähnten Muschelgruse,

welcher theilweise lose daliegt, bisweilen aber auch durch ein

kalkartiges Bindemittel leicht zusammengekittet ist. Es ist die Form

derselben manchen keltischen oder germanischen ähnlich, wenigstens

habe ich in Franken früher Grabhügel geöffnet, welche unseren in Rede

stehenden sehr ähnlich waren.

Sie sind ziemlich von kreisrunder Form, und haben im Durchmesser etwa

10 bis 15 Fuß; gegen die Mitte zu sind sie 3 bis 4 Fuß erhöht, im

Centrum aber etwas eingesunken.

In den vorher noch nicht durchwühlten Gräbern befanden sich die

Skelette aufrecht, in sitzender Stellung, die Knie an die Brust gezogen,

die Hände an das Kinn gestützt, und die Arme fest an die Schenkel

geschlossen. Das Gesicht war bei der Beerdigung _nicht_ nach einer

bestimmten Himmelsgegend gerichtet, sondern es war leicht ersichtlich,

daß die Leichen ganz nach Zufall oder Belieben eingesenkt wurden.

Man kam meist nach drei, höchstens nach drei und einem halben Fuß

Tiefe auf den Kopf der Leiche. Es war das Haar und die Kopfhaut bei den

meisten gut erhalten, und das erstere war straff und scheint bei beiden

Geschlechtern lang und theilweise in Zöpfe geflochten gewesen zu sein.

Ich fand bei einigen einzelne kleine, zierliche Flechten, mit großem in

der Mitte befindlichen Hauptgeflechte, bei anderen größere Zöpfe,

die in wollene Schnüre eingebunden waren, und ich verwahre noch mehrere

dieser Zöpfe mit all jenem Respekt und der Achtung, welche einem fast

vorhistorischen Urzopfe gebührt.

Es ist unter diesen ein starker, stattlicher Zopf, der mehrere Zolle

lang ist, und ganz allein im Nacken eines Schädels saß, genau so, wie

ihn die christlichen Germanen zu Ende des vorigen Jahrhunderts trugen.

Mithin scheinen verschiedene Formen der Frisur schon zu jener Zeit Mode

gewesen zu sein, und Haarpflege gang und gäbe. Die Haare selbst sind

bei allen Individuen schwarz-braun, aber sie waren ursprünglich

wohl dunkler, und haben durch die Länge der Zeit ihre Farbe in etwas

verändert.

In allen altperuanischen Gräbern, welche man geöffnet hat, und eben

so in den Grabhügeln und Ruinen der Wüste von Atakama hat man fast

vollständig wohl erhaltene Mumien gefunden, hingegen fand sich bei

keinem der von mir ausgegrabenen Skelette ausgetrocknete Muskelsubstanz,

und es zeigten sich um die Knochen höchstens nur Spuren von Moder. Die

conservirenden Bedingnisse, welche bei jenen Mumien auftraten, finden

auch hier statt, es mag mithin schon hieraus auf ein hohes Alter

derselben geschlossen werden, denn es kann nicht wohl angenommen werden,

daß die Todten skelettisirt in's Grab gebracht worden sind, indem

dieser Gebrauch nur bei einigen ganz südlich wohnenden Stämmen im

Schwunge war.

Ich will jetzt kurz die Gegenstände beschreiben, welche ich bei den

Skeletten in den Gräbern gefunden habe, sie vermögen immerhin einigen

Aufschluß über die Lebensweise und den Kulturgrad jenes Volks zu

geben, ja selbst über den Stand der Flora und der Fauna, welche zu

jener Zeit in der Bai geherrscht hat.

Die meisten der Skelette waren mit einem Steinkranze umgeben, wie sich

solches auch bei alten deutschen Gräbern findet. Indessen waren es

offenbar zu wenig Steine, um eine Mauer zu bilden, und sie scheinen

blos in die Grube geworfen worden zu sein, um den Raum um die Leichen

auszufüllen. Dicht um diese selbst befanden sich die Gegenstände,

welche man den Todten mitgegeben hatte.

So fand ich in einem Grabe zwei Geflechte, die nach Art einer Mütze das

Haupt bedeckten, eines über das andere gelegt. Die Form derselben

ist eine einfache Halbkugel; sie sind etwa zwei Linien dick, von

sehr zierlicher Arbeit und wie ich unter dem Mikroskope fand, von

Cactusfasern geflochten.

Weiter wurde eine kleine Kürbisschale gefunden. Sie ist an einer

Stelle gesprungen, und dort mit ganz feinen Löchern versehen, um sie

zu heften. Es resultirt hieraus, daß sie als eine große Seltenheit

betrachtet wurde, denn hätte es zu jener Zeit Kürbisse in der Bai

gegeben, würde man ohne Zweifel sich diese Mühe nicht genommen

haben. In der Schale findet sich ein feines Netz mit kaum liniengroßen

Maschen, und in demselben einige Stücke Eisenocker. Die Schale selbst

ist mit einer Schnur umwunden.

Ein ziemlich großes Stück eines Netzes mit stärkeren Maschen, große

keulenartige Stücke von Cactusstämmen und Streifen eines groben

Gewebes, in welches, wie es scheint, der Leichnam eingewickelt war, sind

die übrigen in jenem Grabe gefundenen Gegenstände.

In einem andern Grabe fanden sich blos die eben angeführten Stücke von

Cactusstämmen, Reste eines größeren Netzes und das grobe Gewebe, in

welches die Leiche eingehüllt war.

Fragmente von Töpferarbeit fanden sich neben den so eben erwähnten

Gegenständen in einem dritten Grabe. So viel sich aus der Form

derselben noch entwickeln ließ, war dasselbe fast gänzlich gleich

jener, die sich allenthalben in Deutschland noch heute in alten Gräbern

findet, und mithin auch gleich den schon oben geschilderten Töpflein,

wie sie noch heute in Chile im Gebrauch sind, und gefertigt werden[50].

Das Material scheint ebenso fast identisch mit dem der alten bei uns

gemachten Ausgrabungen zu sein, und es entscheiden vielleicht hierüber

mitgebrachte Proben, welche ich an verschiedene alterthumsforschende

Gelehrte gegeben habe.

In demselben Grabe fanden sich auch dünne Stücke eines Holzes, welches

viel Aehnlichkeit mit einer Weinrebe hat, ein kleines, roh geschnittenes

Stückchen eines festeren Holzes, drei Zoll lang und an beiden Enden

mit einer kugelförmigen Verdickung versehen, ohne Zweifel zu einem

Fischernetze gehörig.

In einer vierten und fünften Grube endlich wurde eine Waffe oder ein

Messer von Feuerstein gefunden, einen Zoll lang, zwei breit, drei

Linien dick und sorgfältig geschärft. Dann acht Zoll lange sauber

geschnittene und abgeschliffene Knochenstücke eines größern

Säugethiers, welche wahrscheinlich als Webeschiffchen zum Netzstricken

gedient hatten, und mehrere dünne Röhrenknochen von derselben Länge,

an beiden Enden abgeschliffen. Endlich noch fünf bis sechs Zoll lange

Harpunen von Knochen, zum Theil mit einem starken, ledernen Riemen

versehen, aber alle an einem Ende mit Widerhaken von Horn, welche durch

fein geflochtene Schnüre an den Knochen befestigt sind. Unzweifelhaft

haben diese Harpunen zum Fischfang gedient.

Fast in allen Gräbern wurden büschelförmig zusammengebundene Fasern

des Cactus gefunden, und deßgleichen größere Bündel desselben Tanges

(=Hymanthallea lorea=), welcher noch heute sehr häufig in der Bai

getroffen wird.

Was die verschiedenen Gewebe und Schnüre betrifft, deren ich im

Vorhergehenden erwähnte, so bestehen dieselben aus drei verschiedenen

Stoffen.

Es wurde unter dem Mikroskope gefunden, daß das Gewebe, in welches

die Leichen eingehüllt waren, aus feinen Haaren gedreht ist, deren

Durchmesser Herr Professor Will auf 1/80 bis 1/100 Linien bestimmte. Es

ist in demselben nur selten ein Merkmal sichtbar, aber man findet Spuren

von der leiterförmigen Zeichnung, welche die Haare vieler Neger haben,

und es wurde ein Haar gefunden, welches bestimmt dem Chinchilla[51]

angehörte.

Die feineren Schnüre, z. B. jene mit welchen die Widerhaken an den

Harpunen befestigt, und die Zöpfe zusammengebunden sind, sind aus

stärkeren Haaren gedreht, welche 1/20 Linien Durchmesser haben.

Die meisten derselben haben einen starken Markkanal, indessen mit

wechselndem Durchmesser. Auch die gröberen Gewebe, und die Schnur,

welche um die Kürbisschale geschlungen ist, bestehen aus dieser

stärkeren Wolle, welche ohne Zweifel dem Guanaco angehört, und es

rühren mithin alle aufgefundenen, aus thierischem Stoffe gefertigten

Gewebe blos von diesen zwei genannten Thieren her.

Die Netze hingegen bestehen offenbar alle aus Pflanzenfasern. Ich habe

die in den Gräbern gefundenen Büschel von Cactusfasern mit dem Faden

der Netze unter dem Mikroskope verglichen und gefunden, daß sowohl

das ganz feine, in der Kürbisschale befindliche Netz, als auch die

gröberen, ohne Zweifel zum Fischfange dienenden Netze, aus eben diesem

Materiale geflochten waren.

Uebrigens werden gegenwärtig, nach Allem, was ich erfahren konnte,

nirgends an der Küste diese Cactusfasern mehr zu Flechtwerken benützt,

sondern man gebraucht den Cactus überhaupt nur noch zur Feuerung, oder

zum Baue jener bereits geschilderten ärmlichen Hütten.

Aus dem bisher Gesagten aber geht jedenfalls hervor, daß auch zu jener

Zeit, als jene längst verschwundene Menschen-Race die Küste bewohnte,

die Flora und Fauna sich dort in demselben Zustande befunden haben, wie

gegenwärtig, und keine andere Hülfsmittel von der Natur dem Menschen

geboten worden sind, als eben jetzt.

Was die Skelette selbst betrifft, so war es nicht möglich ein

vollständiges auszugraben, und es wäre mir aus verschiedenen Gründen

wohl auch unmöglich gewesen, ein solches an Bord mit mir nach Europa zu

nehmen, indessen habe ich zwei vollkommen wohl erhaltene Schädel, und

zwei etwas defecte, erworben und mitgebracht.

So viel sich übrigens aus den noch erhaltenen Knochen schließen

ließ, waren jene Menschen zierlich gebaut, und ich möchte als mittlere

Größe für dieselben etwa fünf Fuß angeben, eher aber noch weniger,

als mehr. Dazu sind Hände und Füße klein, selbst _ungewöhnlich_

klein im Verhältniß zum übrigen Knochenbaue. Eine Hand, noch

ziemlich erhalten, und durch die eingetrockneten Bänder nothdürftig

zusammengehalten, welche ich noch besitze, beweist dieses.

Was die Schädel betrifft, so bemerkt man an ihnen Folgendes:

Die ganze Kapsel des Schädeltheils ist nach hinten und oben gezogen,

die Stirn ist ausnehmend schmal und weicht von der Glabella und den

Augenbraunbogen rasch zurück, ohne daß jedoch die letzteren besonders

stark hervortreten. Die Seitenwandbeine sind meist nach hinten gerückt,

und das Hinterhauptbein ist mehr oder weniger abgeplattet.

Beide Schädel sind in ihrer ganzen Ausdehnung sehr schmal und eine

seitliche Hervortreibung der Hirnkapsel ist kaum merklich. Auffallend

aber ist eine stumpfe kammartige Erhöhung, welche von der Glabella aus

mitten über das Stirnbein bis zur Kronennath als ein einfacher

Wulst, und neben der Kronennath bis zur Spitze des Hinterhauptbeins

so verläuft, daß die Kronennath oder die Stelle, wo sich dieselbe

befinden sollte, in einer Vertiefung liegt. An der Spitze des

Hinterhauptbeins weichen die beiden leistenartigen Erhöhungen etwas aus

einander und umschließen so einen schwach vertieften dreieckigen Raum.

Die =Crista frontalis= oder der Anfang der =linea semicircularis

temporum=, ist an beiden Schädeln ziemlich scharf und wohl erhalten.

Bei dem einen Schädel ist die Kronennath an ihrem unteren Ende,

d. h. wo sich Stirnbein und Seitenwandbein an den großen Flügel des

Keilbeins und des Schuppenbeins anschließen, in der Länge eines Zolles

völlig obliterirt, eben so ist die Pfeilnath vollständig verwischt

und der Hinterhauptstachel sehr breit, und durch eine tiefe Querfurche

unterhalb desselben gleichsam mehr hervorgetrieben. Das Hinterhauptbein

aber dieses Schädels ist fast ganz abgeplattet und zugleich

asymetrisch, indem nämlich der rechte Gelenkfortsatz weiter nach

rückwärts liegt und mehr als gewöhnlich über den normalen Stand des

Hinterhauptloches hineinragt. Auch der =pars basilaris= ist in etwas

schief gestellt, so daß das hintere Ende ihrer Längenachse nach links,

das vordere nach rechts steht.

Dieser Zurückweichung des rechten Theiles des Hinterhauptbeins

entspricht auch eine Verkürzung oder Zurückweichung der rechten

Gesichtshälfte. Betrachtet man nämlich den Schädel von der Basis, so

liegt das rechte Jochbein um einige Linien weiter zurück als das linke.

Der Gesichtstheil beider Schädel ragt indessen ziemlich stark vor.

Alle diese Verschiebungen sind indessen nur unbedeutend, und fallen,

beobachtet man nicht sehr genau, kaum in's Auge.

Die Nasenbeine sind beträchtlich entwickelt und lassen auf kolossale

Nasen schließen, welche jene Gentlemen geziert haben müssen. Eben so

sind die Augenhöhlen groß und rundlich, die Wangenbeine indessen nicht

besonders groß und ziemlich gerade. Bei dem einen Schädel ist der

Zahnfortsatz mehr noch nach vorn als nach abwärts gerichtet, bei dem

andern indessen fast perpendikulär.

Die Unterkiefer wurden bei allen Schädeln, welche ich ganz oder defect

ausgegraben habe, stark und kräftig gefunden.

Merkwürdig und bezeichnend ist die starke Abnützung der Zahnkronen,

welche z. B. bei den drei ersten Backenzähnen des einen Schädels

so weit vorgeschritten ist, daß die Höcker vollständig verschwunden

sind, und die Zahnsubstanz nur von einem Schmelzsaume eingefaßt

wird. Eben so sind die Eckzähne stark abgenützt. Bei einem isolirten

Unterkiefer, den ich besitze, ist der zweite rechte und linke Backenzahn

gegen außen und schief abgeschliffen, und dies zwar dermaßen, daß

während innen die Höhe des Zahns über dem Alveolarrande bis zur Krone

fünf Linien beträgt, außen dieselbe nur eine Linie hervorsteht. Die

Schneidezähne sind breit und schaufelförmig.

Ein Schneidezahn des einen und zwei Backenzähne des andern Schädels

sind cariös. Trotz der eben geschilderten starken Abnützung sind alle

übrigen Zähne gesund.

Der ganze Habitus dieser Schädel spricht also deutlich aus, daß die

Menschen, von welchen sie herrühren, der alten ausgestorbenen Race

der Amyaras, oder jenem Volke angehört haben, welches vorzugsweise die

Gegend um den Titicaca-See bewohnte. Bis jetzt übrigens wurden an der

Westküste von Amerika, so weit südlich, solche Schädel noch nicht

aufgefunden, und es stellt sich durch meine Ausgrabung mithin eine

weitere Verbreitung jenes Volkes heraus.

Morton sagt, daß man die meisten dieser Schädel an den Ufern und

Inseln des Titicaca-Sees und in den hohen Thälern der Anden zwischen

14° und 19° südlicher Breite gefunden habe, aber die Algodonbai liegt

unter 22° 6' südlicher Breite. Es ähneln zwar die meisten Mumien,

welche theils in Peru, theils auch in Bolivien gefunden worden sind,

jener Titicaca-Race und sind auch wohl mit derselben verwechselt worden,

indessen sind sie durchaus nicht identisch mit derselben.

So sind die Mumien, welche jetzt etwa vor zwei Jahren =Dr.= Ried

von Valparaiso nach Europa geschickt hat und jene, welche von =Dr.=

Korhammer bereits vor mehreren Jahren in der Nähe von Lima gefunden

worden sind, und welche hie und da als jener Titicaca-Race angehörig

betrachtet worden sind, offenbar ganz anderer Art.

Es weicht auch bei ihnen die Stirne oberhalb der Augenbrauen zurück,

während das =Os occipitis= abgeplattet ist, aber das Profil des ganzen

Kopfes gleicht immer noch einem nach hinten geschobenen Vierecke, und

läßt sich mit der kaukasischen Race immer noch in eine Parallele

stellen, während der Schädel der Titicaca-Race nicht sowohl an einen

Affenschädel erinnert, als ihm vielmehr vollkommen gleich sieht.

Es liegen, wie es scheint, genaue Forschungen vor über Sprache und

Mythus der Maya-Race und anderer Ureinwohner von Centralamerika.

Nichts destoweniger bin ich in großer Versuchung, als die Erbauer der

großartigen Bauten, welche Steffens in Centralamerika gefunden hat,

eben jene Titicaca-Race anzunehmen. Die Kupfertafeln, welche Steffens

seinem Werke beigegeben hat[52], scheinen dies ganz bestimmt anzudeuten.

Es finden sich Figuren und Köpfe auf denselben abgebildet, welche nur

jenen Flachschädeln angehört haben können, so sehr entsprechen sie

ihren Formen!

Die Ornamentik aber, welcher wir bei jenen Bauten begegnen, erinnert uns

an die ägyptische, wobei jedoch Reminiscenzen an griechische Cultur und

verwandte Völker nicht fehlen, und die Beschreibung, welche d'Orbygni

von den Monumenten am Titicaca-See giebt, ist den Abbildungen von

Steffens so ähnlich, daß man kaum daran zweifeln kann, daß beide von

einem und demselben Volke errichtet worden sind.

Ich spreche also die, wie ich glaube gegründete Vermuthung aus, daß

die Titicaca-Race eine weitere Ausdehnung gehabt haben mag, und daß die

alten Bewohner von Centralamerika, wenigstens die Erbauer der dort sich

findenden monumentalen Ueberreste, mit jenen vom Titicaca-See identisch

gewesen sein mögen.

In Santjago fand ich in einem Hause einen alten Helm, von welchem man

mir sagte, daß er von einer uralten Menschenrace herrühre, welche

gegen den Norden zu auf der hohen Cordillera gewohnt habe. Ich habe

diesen Helm mitgebracht, und mag denselben getrost als eine der

interessantesten »Errungenschaften« meiner ganzen Reise bezeichnen.

Seine Form zeigt unwiderstreitbar, daß er nur allein für einen jener

besprochenen Flachschädel paßt, indem der innere Theil desselben

vollkommen so lang gezogen wie jene ist, und nur mit Mühe auf einen

ehrlichen europäischen Kopf gepreßt werden kann. Das Material

desselben ist Holz, aus welchem die am vordern Theile befindliche Maske

geschnitten ist, mit an Stelle der Augen, eingesetzten Muschelstücken.

Der übrige Theil des Helms ist aus Baumbast construirt, so der Kamm und

die Seitenflächen.

Der ganze Typus desselben aber ist so vollkommen _gleich_ den Helmen,

welche auf alten ägyptischen Monumenten gefunden werden, daß an eine

_zufällige_ Aehnlichkeit nicht wohl gedacht werden kann, so z. B. die

Maske am vordern Theile, welche ganz die Ornamentik der Mumiensärge

trägt, obgleich die flache und hinter dem Augenrande sogleich

zurückweichende Stirn wieder deutlich eine Nachahmung der

Gesichtsbildung eines Flachschädels erkennen läßt.

Während also oben ausgesprochen wurde, daß die ältesten Bewohner von

Centralamerika und jene der Ufer des Titicaca-Sees ein und demselben

Stamme angehört haben, ergiebt sich durch die Betrachtung der von ihnen

hinterlassenen monumentalen Ueberreste, und vielleicht auch durch

die des oben erwähnten Helmes, eine wie es scheint, nahe und kaum

abweisbare Verwandtschaft, sprechen wir es aus, eine _Abstammung_ von

den ältesten Völkern des alten Festlandes.

Um es nicht gänzlich mit dem strengen Archäologen zu verderben, der

vielleicht indessen nur (Pardon!) noch wenige Studien über Baureste,

Schädel und Aehnliches aus jener Gegend gemacht hat, überlasse ich

demselben höchst bereitwillig, eine Theorie zu bilden, wie jene Völker

der alten Welt nach Amerika gekommen.

Als fragmentarische Notizen aber möchte ich noch Folgendes beifügen:

Die Monumente scheinen anzudeuten, daß, wenn eine Einwanderung von der

alten Welt her statt gefunden hat, wie ich wirklich glaube, solche doch

nur _ein_ Mal geschehen, und die weitere Verbindung mit dem Mutterlande

verloren gegangen ist. Der ganze Typus tritt immerhin als ein

modificirter auf, wenn gleich noch hinlänglich charakteristisch.

Ferner möchte ich der alten Sagen erwähnen, welche sich bis auf die

Besitznahme der Westküste durch die Spanier hin bei den Inkas erhalten

haben. Wunderliche tolle Mythen, die berichten von einem fabelhaften

Ursprunge jener Amyaras oder Titicaca-Race und ihrer Vertilgung durch

die Inka selbst. Ein Herkommen der Amyaras aus fernen weit entlegenen

Landen leuchtet deutlich bei diesen Sagen durch.

Endlich aber muß ich eines Fundes gedenken, welchen der Conservator

der fürstlichen Gallerie in Sigmaringen, Herr von Maienfisch, in der

neuesten Zeit gemacht hat. Er öffnete nämlich unweit Sigmaringen

Gräber und fand in denselben Skelette, an welchen die Schädel nach

der ganzen Beschreibung den von mir in Südamerika aufgefundenen so

vollkommen ähnlich sind, daß an einer Identität der Race kaum zu

zweifeln ist. Jener Gelehrte wird ohne Zweifel seiner Zeit ausführlich

über seinen Fund berichten und ich will daher die Notizen, die ich

mündlich von ihm erhalten, kurz berühren. Eins der Skelette wurde,

wie die von mir ausgegrabenen, in _sitzender_ Stellung angetroffen.

Die anderen aber lagen. Man fand eine Lanzenspitze von Eisen und einige

Schmuckgegenstände, ebenfalls von Eisen und mit Silber verziert. Es ist

bis jetzt nicht möglich gewesen, aus dem Style dieser Schmuckreste auf

irgend ein Volk zu schließen, von welchem sie herrühren möchten.

Nur so viel steht fest, daß sie weder keltisch noch germanisch sind.

Zugleich wurden Seemuscheln, die sogenannte Pilgermuschel, in den

Gräbern gefunden. Dies mag sicher nicht ohne Grund auf ein Herkommen

von weiter, entfernter Gegend hindeuten. Welcher Spielraum ist hier der

Phantasie geboten! Eine Urrace des Menschengeschlechts, eine neue, oder

vielmehr uralte, fast vorhistorische Völkerwanderung! Aber eben weil,

vorläufig wenigstens, fast blos allein die Phantasie im Stande sein

wird, ähnliche Theorieen zu bilden, will ich nicht weiter die Sache

berühren. Noch mag indessen der jüngst in London aufgetauchten Azteken

gedacht werden. Ist die Sache kein nordamerikanischer Puff, so scheinen

wirklich noch lebende Reste jener fabelhaften Flachschädelrace zu

existiren. Ich muß indessen in dieser Beziehung auf die über den

Gegenstand in London erschienene Schrift[53] hinweisen, in welcher

Steffen's Reise vielseitig benützt ist. Fast aber scheint an der Sache

wirklich etwas mehr als eine bloße Spekulation zu sein.

Indem ich nun meinen vielleicht schon über die Gebühr weit

ausgedehnten Bericht über meine Ausgrabungen schließe, bemerke ich

noch, daß ich mit den dort gefundenen Knochen zu Hause eine

chemische Analyse angestellt habe, welche bereits an einem andern Orte

veröffentlicht wurde. Ich verschone mit den ausführlichen Ergebnissen

derselben den Leser und will nur anführen, daß sich durch dieselbe ein

_sehr hohes_ Alter jener Knochen herausgestellt hat, indem sie mit denen

der alten ägyptischen Mumien und selbst mit manchen fossilen Resten in

eine Reihe gestellt werden können.

Ueberhaupt aber ist es an der Zeit, die Algodonbai zu verlassen und den

freundlichen Leser aus diesem Auslaufe der Steinwüste von Atakama durch

kurze Seereise nach Peru zu führen; doch muß ich vorher noch eines

Abenteuers erwähnen, welches sich ganz gut niederschreiben läßt, in

der Wirklichkeit aber vielleicht hätte schlimm ausfallen können.

Wir hatten Abschied genommen von den Grubenbesitzern, zugleich uns aber

bei Herrn Jose Mackenney in Tocopilla etwas verspätet. Als wir nun

mit unserem Boote an Bord gehen wollten, war mittlerweile der Abend

herangekommen, und zufällig hatte sich die schon des Tages über

heftige Brandung dermaßen verstärkt, daß ich mich kaum erinnere,

sie je heftiger gesehen zu haben. Tobend und brausend stürmten in kaum

unterbrochener Reihenfolge mächtige Riesenwellen gegen die Küste, an

vielen Stellen dieselbe mit Tang bedeckend, was während unsers ganzen

Aufenthaltes nie der Fall gewesen war.

Daß es Mühe macht mit dem Boote gegen eine solche Brandung anzukommen,

versteht sich von selbst; hier aber vermehrte noch der Umstand die

Schwierigkeit, daß am Landungsplatze eine Menge jener spitzen Felsen

theils ober, theils unter dem Wasser standen, und eben nur so viel Raum

boten, daß ein mäßig großes Boot hindurch konnte. Ueber die Brandung

hingegen selbst, oder über die anstürmende Welle kömmt man gut, wenn

man dieselbe mit der Spitze des Bootes trifft. Man wird dann in die

Höhe gehoben und gleitet gleichsam über die Wasserwelle hinweg[54].

Erreicht aber die Welle das Boot schief und von der Seite, so schleudert

sie leicht dasselbe vor sich her, oder füllt es mit Wasser.

Im Boote, welches uns an Bord bringen sollte, waren die beiden

Kapitaine, von welchen Kapitain Meyer steuerte, weiter gegen vorn saß

ich, dann kamen die beiden rudernden Matrosen.

Wir warteten bis eine Welle der Brandung zerschellt war, und stießen

dann rasch ab, um einen Vorsprung zu gewinnen, und erst weiter außen

in der See der zweiten Welle zu begegnen. Zufälliger Weise folgte aber

hier ganz ungewöhnlich rasch eine zweite ungeheuere Welle der ersten,

so daß plötzlich und kaum drei Bootslängen vom Lande entfernt in

nächster Nähe vor uns die aufgethürmte Fluth stand.

Unser Boot hatte, weiß Gott wie, eine schiefe Richtung bekommen. Der

Kapitain handhabte kräftig das Steuer, und rief dem Matrosen, dessen

Bootseite zurück war, zu: »Hart an Heinrich! hart an!« Aber schon

in diesem Augenblicke war das Boot mit Wasser gefüllt, und zurück auf

einen jener spitzen Felsen geschleudert. Ich fühlte den Ruck und zu

gleicher Zeit sah ich, wie die beiden Kapitaine in's Wasser sprangen und

das Land erreichten. Auch der eine Matrose hatte ein Gleiches gethan,

doch erfuhr ich dieß erst später, und bemerkte es dort nicht. Im

andern Augenblicke waren wir wieder etwa 30 Schritte weit in der See,

ein Ruder war verloren, der noch im Boote befindliche Matrose und ich

waren vollständig unvermögend das Boot zu retten. Aber außen in der

See und von der dritten eben so rasch ankommenden Welle gehoben, sah

ich, daß das Boot, welches vorher halb voll Wasser gewesen, jetzt

fast leer war. Es lag dasselbe auf der Steuerbordseite, aber auf der

Backbordseite hatte es einen mächtigen Leck erhalten, durch welchen

ohne Zweifel der größte Theil des Wassers für den Augenblick

abgelaufen war. Ich hatte indessen kaum einen Moment Zeit dieß

wahrzunehmen, denn schon hatte uns eine andere Welle wieder so auf die

Klippen geworfen, daß das Boot krachend sich zu schütteln schien. Ein

weiterer Augenblick und wir waren wieder in die See geschleudert, wo

schon eine andere Welle von außen auf uns zukam.

Dieß alles ging rasch mit Blitzesschnelligkeit und vom Augenblick

unseres ersten Zurückgeworfenwerdens bis jetzt waren keine 12 Sekunden

verflossen.

Verdammte Situation das! Die See schien wahnsinnig geworden! Ich aber

begriff, daß, durch unser Gewicht beschwert, das Boot, ging es auch

zufällig nicht unter, doch jedenfalls kaum ganz an's Land geworfen

werden, sondern ohne Zweifel von der nächsten oder übernächsten

Welle an die verwünschten Klippen, vielleicht sammt unsern Schädeln

zerschmettert werden würde. Also schwimmen! Wieder in die See

zurückgeschleudert, rief ich dem Matrosen, der mein Schicksal theilte,

zu. »Heinrich, nun ist's Zeit, über Bord!« Keine zehn Schritte von

unserm Wrak war die wieder anstürmende Brandung. Teufelslärm rings um

uns. Vorwärts! Das Wasser schlug über mir zusammen! Es war ordentlich

schön stille da unten, gegen jenen Höllenlärmen oben. Ich kann nicht

sagen, wie tief ich kam, Grund bekam ich nicht, aber was die Hauptsache

war, auch keinen Tang um die Füße, der dort fast allenthalben

vorkömmt.

Mit dem Kopfe wieder an der Oberfläche, schickte ich mich eben an,

kunstgerecht das Schwimmen zu beginnen, als plötzlich abermals, wie im

Augenblicke vorher, sich alles dunkelgrün färbte und ich wieder vom

Wasser bedeckt war. Aber ich hatte nicht Zeit mich zu besinnen, denn im

andern Momente lag ich am Ufer, und das zwar auf dem, von der See des

Tages über an's Land gespülten Tange, wohlbehalten, wenn gleich, wie

ein geprellter Frosch, von der letzten Welle dorthin geschleudert.

Gleichzeitig mit mir kam auf demselben Wege Heinrich an, und eine

Sekunde später das Boot, letzteres glücklicher Weise _neben_, und

nicht _auf_ uns geworfen. Es hatte den Anschein, als wolle dieses liebe,

friedliche, sogenannte stille Meer Fangball mit uns spielen.

Heinrich und ich aber sprangen gleichzeitig auf und faßten, ich muß es

leider gestehen, mit einem derben Fluche das durchlöcherte Boot an,

um es der alsbald wiederkehrenden See zu entreißen oder wenigstens vor

gänzlicher Zertrümmerung zu retten. Ich zerrte und riß dort mit einer

wahren Wuth an jenem Boote, und wenn ich genau analysire, weniger im

Eifer dasselbe für das Schiff zu erhalten, als in einer Art

kindischer Bosheit, oder »nobler« ausgedrückt, in einmal aufgeregter

Kampfeslust.

In der That suchte die See uns auch wieder ihr Opfer zu entreißen,

denn wir standen bald wieder bis an den Gürtel im Wasser, aber die

herbeigeeilten Minenarbeiter halfen uns bald unser Wrak vollends an's

Ufer und in's Trockene zu bringen. Als ich so noch triefend mit am Boote

stand, und dasselbe landwärts ziehen half, frug mich Heinrich, ohne

Zweifel =pour parler quelque chose=, »Sind Sie og naß worden, Herr

Doctor?« Ich antwortete bescheiden: »En lütken!« Der Kapitain aber

lachte und zeigte mir seine Kupferproben, welche vollständig trocken

waren. Er hatte als Probe gepulverte Kupfererze mit an Bord nehmen

wollen, welche durchnäßt, unbrauchbar für seine Zwecke[55] geworden

wären. Da er hinten im Boote saß, und gleich das erste Mal aus

demselben springen konnte, kam er nicht so tief in's Wasser, und erhielt

seinen Schatz trocken, indem er das Tuch, in welchem er befindlich, hoch

über dem Kopfe schwang.

Eine zweite Frage aber war jetzt die, wie wieder an Bord kommen? Unser

Boot lag durchlöchert auf dem Sande. Der Dockenhuden aber lag eines

Theils so weit in der See, daß man das Rufen schon wegen des Lärmens

der Brandung unmöglich gehört hätte, aber auf der andern Seite wäre

es mit dem dort noch befindlichen größeren Boote rein unmöglich

gewesen uns zu holen, da dasselbe der tobenden See halber nicht hätte

landen können.

Herr Mackenney besaß zwar ein Boot, aber es lag etwa 150 Schritte

weit in See vor Anker, und Nichts stand zur Disposition als eine

Seehund-Balze, welche etwas weiter abwärts an einer ruhigeren Stelle

der Bai vor Anker lag.

Indessen konnte keiner der Arbeiter in den Minen mit der Führung

dieses eigenthümlichen Fahrzeuges umgehen. Jener Franzose aber mit der

unzweideutigen Zeichnung auf dem Arme, dessen ich schon oben erwähnte,

war kurz entschlossen.

Er bestieg die Balze, ruderte an's Boot, legte die erstere statt dessen

vor Anker, und ruderte mit dem Boote auf etwa dreißig Schritte bis

an's Ufer. Aber weiter anzukommen war unmöglich, ohne das Boot der

augenscheinlichen Gefahr ebenfalls zertrümmert zu werden, auszusetzen.

Versuche, uns ein Tau zuzuwerfen, mißglückten. Da sprang der Franzose

in's Wasser, schwamm durch die Brandung, und wurde endlich auf eine

kurze Strecke, ähnlich wie ich auch, von derselben an's Ufer geworfen.

Aber er hatte das Tau zwischen den Zähnen, und an diesem schoben wir

uns endlich in's Boot.

Man kann sich einen Begriff von der lieblichen Milde der Nächte an

jener Küste machen wenn ich sage, daß am Bord angelangt für mich auch

nicht das mindeste Bedürfniß vorhanden war, mich umzukleiden, sondern

daß ich, nach all diesen verschiedenen unfreiwilligen Waschungen, noch

etwa eine Stunde auf Deck blieb, und als ich endlich »zur Koje« ging,

meine Kleider längst vollständig am Leibe getrocknet waren.

Wir verließen Tags darauf die Bai, kehrten aber wieder zurück, da wir

vollständigen Gegenwind hatten, welcher zugleich so schwach war, daß

wir uns nicht in gehöriger Entfernung von der Küste halten konnten.

Des andern Tages indessen segelten wir mit günstigerem Winde unserer

neuen Bestimmung, dem Hafen von Callao zu.

#Meteorologische Notizen über die Algodonbai.#

Die kurze Zeit meines Aufenthalts in der Bai (den Monat Februar 1850

hindurch), gestattete natürlich nicht, nur einigermaßen ausführliche

Untersuchungen anzustellen. Indessen theile ich selbst diese wenigen

mit, da meines Wissens noch keine ähnlichen Beobachtungen dort

angestellt, oder wenigstens bekannt gemacht worden.

_Temperatur der Luft_. Ich habe, wenn nicht weitere Ausflüge mich

hinderten, dreimal des Tages auf dem Verdecke des Schiffes die

Temperatur genommen, und folgende Mittelzahlen erhalten:

Reise in Südamerika. Zweiter Band. · 第 17 / 23 题