XII.

Die Algodon-Bai (Bolivien).

Kaum mag es eine angenehmere Art zu reisen geben als eine Küstenfahrt

auf dem Meere. Für den Naturforscher zwar hinterläßt der kurze

Aufenthalt theilweise das Gefühl des Unbefriedigtseins, entschädigend

aber tritt hiefür auf die Menge des Neuen, was auf der andern Seite

sich bietet. So wurde hier auf der Fahrt längs der bolivianischen

Küste das geognostische Bild von Cobija theilweise ergänzt,

vervollständigt aber durch den Besuch der Algodonbai. Ein von einer

riesigen Walze abgerolltes Bild der Küste, erklärende Haltpunkte:

Cobija, die Algodonbai!

Es mag eine landschaftliche Schilderung wohl zuerst am Orte sein, und

hier, wo Berge und Felsen das Vorherrschende, ja fast Einzige, darf auch

wohl von ihnen zuerst gesprochen werden.

Der landschaftliche Charakter der Algodonbai ist durchschnittlich jener

der Küste überhaupt, die schon mehrfach geschildert wurde. Aber er

tritt großartiger hervor, wenn man sich am Lande befindet[45]. Dort

erscheint das Gebirge höher und steiler, und die schwarzen, mehrfach

erwähnten vulkanischen Kegel bilden malerische Felsgruppen am Ufer, und

wild pittoreske, oft weit in die See ragende Klippen. Man landet in der

Bai bei Tocopilla, einem in chilenischem Geschmacke erbauten, meist aus

Holz gefügten Gebäude, welches ein Nord-Amerikaner bewohnt, der die

Oberaufsicht über einen Theil der Minen hat. Etwa tausend Schritte

weiter von hier gegen Süd liegt Bella Vista, von einem Minenbesitzer,

Thomas Helsby, einem Engländer, bewohnt. Eine Stunde entfernt von

diesen beiden Ansiedelungen hat sich ein Franzose, Maximien Latrille,

angebaut und seine Besitzung Minecal de Duendas genannt. Wie Bella Vista

und Tocopilla besteht auch sie, natürlich mit Ausnahme der Erzgruben,

blos aus einem Wohnhause und einigen Schuppen, in welchen die Arbeiter,

und wohl auch die Maulthiere und Pferde schlafen. Tocopilla und Bella

Vista liegen ähnlich wie Cobija, auf einer flachen Stelle des Ufers,

welche sich vom Wasser bis zu den Bergen etwa hundert Schritte weit

erstreckt. Dann hebt sich rasch ansteigend das Gebirge, und an vielen

Stellen so steil, daß das Aufklimmen unmöglich. So ist gegen das Land

hin die Aussicht scharf abgegrenzt durch die allerorten sich erhebenden

Felsenwände, und es scheint hier kaum die Sterilität sich zu einem

pittoresken Momente erheben zu können. Nimmt man aber den Standpunkt am

Fuße des Gebirges, oder klimmt wohl auch eine kleine Strecke aufwärts,

und blickt dann gegen die See hin, so entfaltet sich ein wild-schönes,

wenn gleich eigenthümliches Bild.

Schwarze, steile Felsgruppen, gerade in Nähe der Bai besonders mächtig

ausgesprochen, und nicht selten mauerartig aufgethürmt, reichen hinaus

in die See, die sich schäumend und tobend an ihnen bricht. Mächtige

zwanzig ja dreißig Fuß hohe Springfluthen steigen aus dem ruhigen

Meere auf, man sieht kaum wie sie sich thürmen, wie sie aus fast

spiegelglatter Fläche der See entstanden sind. Aber sie wälzen sich

mit reißender Schnelle dem Lande zu, brechen sich donnernd an jenen

dunkeln Gebilden, die auf einen Augenblick überfluthet und bedeckt,

ja verschwunden erscheinen. In der nächsten Sekunde aber stehen sie

glänzend und schwarz wie Ebenholz, ruhig und unverändert da, bis sich

jenes riesige Spiel erneut.

Hat man einen Standpunkt gewählt, der längs der Küste einen weiteren

Blick erlaubt, so sieht man in der Ferne sich das gleiche Schauspiel

wiederholen. Scharf abgegrenzt an dem dort dunkelgrünen Spiegel der

See, ragt aus derselben in glänzendem Schwarz eine solche Felsenmasse,

plötzlich aber ist sie scheinbar höher geworden und blitzt auf im

blendenden Weiß.

So läßt sich beobachten, daß wechselnd die anstürzende Brandung,

in Springfluthen von etwa 400 bis 500 Schritten Länge und ziemlich

regelmäßigen Intervallen, die Küste bestürmt und es muß das

gewaltige Meer hier belebend die Staffage bilden für die Steinwüste

der Küste, indem auf der andern Seite seine eigene Größe wieder

gehoben wird durch jene selbst.

Es gewährt einen eigenen Reiz, des Nachts beim Mondlicht dieses

Panorama zu beschauen und namentlich zur Zeit, wo der Mond noch nicht

über das Küstengebirge emporgestiegen ist, und man sich mithin noch

selbst in tiefem Schatten befindet, während auf der unendlichen Fläche

der See theils schon die volle Klarheit des Mondlichts herrscht, oder

in den Höhen und am Ufer noch zweifelhafte Streiflichter mit den

Nebelschichten kämpfen. Wandert man weiter der Küste entlang, so

tritt allenthalben derselbe Typus auf. Mächtig und steil ansteigend

das Gebirge, und an den in's Meer ragenden Felsen tobende Brandung.

Bisweilen aber muß man, um weiter zu gelangen, über diese

seebespülten Felsen klettern, da dort das Hauptgebirge so weit

vorgeschoben ist, daß es fast in die See abfällt. An andern Orten

sind wieder weitere Strecken zu finden und solche sind dann meist mit

Muschelgrus bedeckt und häufig werden die Knochen von Robben, Wallen

und Delphinen dort gefunden.

Seevögel beleben an manchen Stellen in etwas die Landschaft, und

während Möven die Felsen umkreisen, schreitet der schwarze Aasgeier

(=Cathartes atratus=) bedächtig am Strande oder sitzt auf vereinzelten

Vorsprüngen, eine Nahrung erwartend, welche aus ausgeworfenen

Seethieren besteht.

Auch einige Arten Landvögel habe ich getroffen, doch nur wenige und ich

glaube nicht, daß eine Art in der Bai oder deren Umgebung zu jener Zeit

lebte, welcher ich mit Ausnahme eines ziemlich scheuen Strandläufers

nicht habhaft geworden wäre[46]. Aber auch diese Thiere leben in

nächster Nähe des Strandes, und fünfzig Schritte von demselben wird

kaum mehr ein lebendes Thier getroffen.

Schluchten durchsetzen allenthalben das Gebirge, theils steil und fast

unzugänglich durch Felsstücke, welche von oben in sie hinabgestürzt

sind, häufig auch bald wieder gänzlich geschlossen, und wohl nur

als mächtige Risse zu betrachten, theils aber auch sich als mehr oder

weniger enge Thäler fortsetzend in's Innere. Ist man in diese Thäler

so weit eingedrungen, daß die Fernsicht auf die See oder etwa auf eine

der oben erwähnten menschlichen Wohnungen verschwunden ist, so tritt

vollständig der Charakter der Wüste auf. Man fühlt sich, nicht wie

z. B. auf der hohen Cordillera, in einer Einsamkeit, sondern in einer

Oede. Kein Thier, kein Strauch, kein Baum, keine Quelle. Nichts was

Leben repräsentirt, wird dort gefunden. Steil anstehende Wände,

röthliche Felsen, mit hie und da grünlicher Färbung und dann Kupfer

verrathend, ragen empor zu beiden Seiten. Oben ein tief blauer Himmel

und eine glühende Sonne, unter unseren Füßen manchmal das dunkle

Gestein so erhitzt, daß man hellere Stellen suchen _muß_, um

fortzukommen. Dazu eine Stille, endlos und ununterbrochen, nicht die

des Friedens, sondern die des Todes, einer Natur die gestorben, oder

vielleicht besser, welche noch nicht zum Leben erwacht ist.

Wandernd in diesen Thälern und ihre Krümmungen verfolgend, welche

die einzige Abwechslung sind, die sie bieten, habe ich mir oft Peter

Schlemihls wunderbare Stiefel gewünscht, um die Wüste mit einigen

Schritten zu durchmessen. Und einiges Anrecht hatte ich wohl auf sie,

denn ich schritt _ohne Schlagschatten_, da die Sonne fast im Zenith

stand.

Diese Züge mögen genügen, ein allgemeines Bild zu geben von dem

Typus jener Gegend, während speciellere Schilderungen sich von selbst

ergeben, wenn ich es unten versuchen werde, dem freundlichen Leser

einige Excursionen vorzuführen.

Auch hier, so wie in Cobija, drängt sich wohl die Frage auf, warum sich

Menschen angesiedelt in jenen wüsten Regionen der Erde, und wie dort,

ist auch in der Algodonbai Industrie und Gewinnsucht die alleinige

Ursache.

Die reichen Kupferminen der Bai sind es, welche Menschen aus den

verschiedensten Ländern der Erde versammelt haben, dort Arbeit und

Vortheil suchend.

Der geognostischen Verhältnisse oder der mineralogischen

Zusammensetzung jener kegelförmigen doleritischen Küstengebilde will

ich nicht weiter erwähnen, aber ich muß der Formen mit einigen Worten

gedenken, in welchen jene reichen Kupfergänge getroffen werden, und

auch von diesen selbst sprechen.

Wo nicht Muschelgrus am Ufer der See den Boden bedeckt, ist es ein

grau-grüner oder röthlicher Sand, welcher besonders gegen das Gebirge

hin auftritt. Er ist offenbar durch Einstürzen der Felswände und

theilweise Verwitterung entstanden, denn seine feinen und selbst

mikroskopischen Theile sind scharfkantig und kaum gerundet. Erbsen und

faustgroße Stücke der verschiedenen Gesteine des Gebirgs bilden

den Uebergang zu den größeren Trümmern und Felshaufen, welche

oft größere Strecken längs des Gebirges bedecken. Es findet sich

Magneteisen zwischen den Quarz- und Feldspaththeilchen dieser Trümmer

und des Sandes, theils in unkenntlichen Formen, theils aber auch in

wohlausgesprochenen Oktaedern und Dodekaedern.

Es kann vielleicht angenommen werden, daß von unten an gegen aufwärts

gedacht, zwei Dritttheile des Gebirgs aus Formen bestehen, welche der

Reihe der Grünsteine, Felsitporphyre, Dolerite und ähnlichen Bildungen

angehören, während das obere Drittel mehr syenitischem Gesteine

angehört. Kaum aber darf hier eine speciellere Bezeichnung versucht

werden, denn jene, den unteren Theil des Gebirges bildenden Formen

treten so verworren auf, daß nur selten ein klares Bild zu gewinnen

ist.

Einige flüchtige Angaben, welche ich zu verantworten, und durch

mitgebrachte Handstücke theilweise zu belegen vermag, sind indessen

folgende:

Unten am Fuße des Berges gegen Süd von Tocopilla, und ebenso an

mehreren Stellen in nördlicher Richtung, tritt häufig ein röthlicher

Felsitporphyr auf. Bei dem ersteren herrscht Feldspath, bei dem

andern Quarz vor. Beide Einmengungen, welche wohl mit freiem Auge

zu unterscheiden sind, bedingen das porphyrartige Ansehen. In diesem

Porphyr findet sich kohlensaurer Kalk, doch nur in geringer Menge,

indessen ist derselbe sowohl durch das Aufbrausen bei der Behandlung

mit Säuren zu erkennen, als auch in der Auflösung nachzuweisen. Auch

Eisenglanz wird häufig als Einsprengung gefunden. Wie die meisten der

dort auftretenden Gesteine hatten auch die beiden besprochenen starke

Neigung zu verwittern. Schlägt man mit dem Hammer auf größere

Stücke, so zerspringen sie leicht in kleinere Fragmente, und auf den

Bruchflächen zeigt sich meist ein kaolinähnlicher Ueberzug, bereits

ein Produkt der Zersetzung.

Dieses Gestein ist ziemlich weit hin in der Bai nachzuweisen, und das

zwar mit Sicherheit etwa 150 Fuß über dem Spiegel der See, da unten

am Fuße des Gebirgs Schutt, größere und kleinere Gesteinstrümmer ein

weiteres Eindringen verhindern. Es variirt nicht selten streckenweise,

indem die Mengung der Grundmasse deutlicher wird, Quarz und Feldspath

in kristallinischen Körnern klar ausgesprochen auftreten und häufiger,

beigemengter Eisenglanz das specifische Gewicht desselben bedeutend

vermehren, ja es ertheilt diese Beimengung, die bisweilen in fein

vertheilten mikroskopischen Blättchen auftritt, dem Gesteine an manchen

Stellen ein grau-schwarzes Ansehen.

Bisweilen treten in diesem Felsenporphyre gangartige Bildungen auf,

welche mit Eisenglanz und hie und da mit Magneteisen ausgefüllt sind.

Auch Quarz füllt bisweilen solche Spalten, und in Mitte des Quarzes

findet sich dann meist wieder eine Ausscheidung von Eisenglanz. Ich

glaube indessen nicht, daß diese Eisenglanz- und Quarzmassen als

eine Spaltenerfüllung _von unten_, als eine eigentliche aus der Tiefe

kommende Gangbildung zu betrachten sind, sondern vermuthe eher, daß sie

Ausscheidungen sind, nesterweise Absonderungen, denn es finden sich auch

vollkommen drusige Absonderungen derselben im Felsitporphyr. Ein anderer

Felsitporphyr, braun-roth und mit schönen, glänzenden Kristallen von

Orthoklas, wird ebenfalls dort gefunden, und oft treten diese beiden

Gesteine, so wie noch andere porphyrartige Massen, dicht neben

einander auf, so daß bisweilen an den Berührungsflächen Uebergänge

stattfinden.

Ich erwähne noch eines hell-gelben, fast weißen Felsitporphyrs, und

eines roth-braunen Gesteins, was fast den Uebergang von Felsitporphyr

zu Felsit macht. Es ist indessen unmöglich, die Menge von Variationen

verwandter Gesteine zu beschreiben, und es mag genügen, daß ich heute

noch in meiner Sammlung über hundert verschiedene Exemplare

besitze, welche ich von dort mitgebracht habe, und die kaum noch ein

vollständiges Bild der Vielfältigkeit zu geben vermögen, welche dort

auftritt.

Die meisten dieser Formen sind, so viel sich entwickeln läßt, _neben_

einander aus der Tiefe emporgeschoben, etwa wie eine Menge großer

Mauern, oder colossaler aneinander gelehnter Lamellen. Es entstehen

hierdurch eine Menge Terrassen, da die eine dieser Lamellen am Abhange

des Gebirges meist die andere überragt, und dieß giebt, von einiger

Entfernung aus gesehen, dem Gebirge häufig das Ansehen der Schichtung,

doch komme ich hierauf später zurück.

Dieß mag als der Grundcharakter des Gebirgs angenommen werden. Aber es

treten auch kegelförmig und gangartig hervorgehobene Massen auf,

und das oft so verworren, und noch dazu durch Verwitterung und

Einstürzungen so unkenntlich gemacht, daß es an vielen Orten

unmöglich erscheint, ein klares Bild der Lagerungs-Verhältnisse zu

gewinnen, und speziell die Bestimmung, welche Form die ältere, und

welche als jünger, als durchbrechend schon abgelagerte Massen, höchst

schwierig.

Ich übergehe die einzelnen Mineralien, welche ich theils als Findlinge

erworben, theils eingesprengt oder nesterweise vertheilt in den

verschiedenen Felsarten der Bai gefunden habe und gehe zu den

Kupfergängen der Bai über, welche deren eigentliche Bedeutung und ihre

commercielle Wichtigkeit bedingen.

Allenthalben fast an der Westküste und schon in Chile, selbst im

südlichsten Theile desselben, in Valdivia, habe ich Spuren von Kupfer

gefunden, so daß es scheint, als sei dieses Metall dort reichlich

verbreitet. Schon im nördlichen Theile Chiles werden bekanntlich reiche

und ergiebige Kupferwerke wirklich betrieben, und ich glaube, daß die

Minen der Algodonbai jenen kaum etwas nachgeben.

Man hat den Abbau der Gänge dort fast durchgängig nur da begonnen,

wo das Erz zu Tage ging und sich nicht viel mit unterirdischer

Schürfarbeit abgegeben. An vielen Orten mögen daher noch reiche

Schätze, vielleicht wenige Lachter tief unter der Erde liegen. In Chile

sowohl, als in der Algodon-Bai verläuft die allgemeine Streichungslinie

der Gänge von Nord nach Süd, in Centralamerika hingegen streichen

dieselben von Ost nach West. Die meisten Gänge scheinen parallel

zu streichen und ich konnte kein gegenseitiges Durchsetzen derselben

bemerken. Ein Zertrümmern der Gänge kommt vor, aber so bald sich

einige dieser Trümmer auskeilen, verfolgt man dieselben meist

nicht weiter, sondern beginnt einen frischen Gang zu verfolgen. Die

Mächtigkeit der im Betriebe stehenden Gänge ist eine verschiedene,

sie mag durchschnittlich mit ein bis zwei Metres bezeichnet werden.

Das Fallen der Gänge findet, insoferne eine Beobachtung durch

hinlängliches Aufschließen derselben zulässig war, meist in mehr oder

weniger senkrechter Richtung statt, selten in einem Winkel von 60° bis

70°. Aber meist findet dann in diesem letzten Falle auch ein Abfallen

des Gebirges von West nach Ost statt, so daß die Absonderungsflächen

des Gebirges im rechten Winkel von den Gängen geschnitten werden.

Auf den oben bezeichneten Porphyrformen des Gebirgs ist an vielen

Stellen, wo ein Aufschließen nähere Untersuchungen erlaubt hat, ein

syenitisches Gestein ausgelagert. So habe ich eben bei den Gängen in

geringer Tiefe als Nebengestein denn auch einen deutlich ausgesprochenen

Syenit gefunden, der meist sehr quarzreich war, bei welchem aber

bisweilen auch die Hornblende fehlte, so daß das Gestein dann blos aus

einem Gemenge von Quarz und Albit besteht, und letzterer ist häufig

stark mit Kupfer durchsetzt.

Die Mineralien, welche vorzugsweise die Gänge construiren, sind

Kupferglanz, Kupferkies, Rothkupfererz, Kupferindig und Atakamit.

Der Kupferglanz wird derb und in mächtig großen Stücken gefunden,

indessen sind mir keine Kristalle vorgekommen. Er kömmt schwärzlich

bleigrau und in's Eisenschwarze spielend vor, aber auch bunt angelaufen,

hat eine geringe Härte und muschlichen Bruch.

Ebenfalls derb und ohne deutliche Kristalle findet sich der Kupferkies.

Er kömmt meist gemengt mit Schwefelkies vor und dieser letztere ist

bisweilen sehr schön kristallisirt. In den größeren Stücken dieses

Kupferkieses, welche zu Tage gefördert werden, ist nicht selten

Feldspath und Quarz eingesprengt und es scheint bisweilen ein Uebergang

in Kupferindig statt zu finden. Auch Gyps ist ihm beigemengt und

Ziegelerz nicht selten von vollkommen karminrother Farbe.

Der eben besprochene Kupferindig scheint vorzugsweise meist an den mit

dem Nebengestein in Berührung stehenden Gangflächen vorzukommen.

Ich habe indessen die schönsten der erworbenen Exemplare in den

Erzvorräthen der Minenbesitzer gefunden. Seine Farbe ist tief

indigblau, mit starkem Fettglanze, und wohl ausgesprochene Kristalle

von Schwefelkies heben das prachtvolle Blau noch besser. Indessen kömmt

auch eine eigenthümliche Modification mit erdigem Bruche vor, welche

fast verwittert erscheint.

Der Atakamit endlich, dieses seltene Mineral, kömmt mit schön

smaragdgrüner Farbe vor, derb kristallinisch, in rhombischen, dem

System des Orthotypes angehörenden Prismen, und ist, man kann sagen

fast allen Mineralien der Bai beigemengt, denn beinahe auf jedem Erze

findet man größere oder kleinere Adern, Nester oder angeflogene

Stellen von grüner Farbe, und jedes Kupfererz, welches grün ist, ist

in der Algodonbai Atakamit. Allein nicht blos als Beimengung oder in

kleinen Parthieen wird dort Atakamit getroffen, sondern er füllt mit

wenig beigemengtem Rothkupfererz für sich allein einen Gang aus.

Man hat jene Grube Atakamita genannt. Ein Schacht, der 1600 Fuß über

dem Spiegel der See ausmündet und etwa 200 Fuß niedergeht, und von

welchem mehrere Stollen ausgehen, ist fast in reinem Atakamit getrieben.

Von Ort sowohl als auch am Tiefsten des Schachtes, steht der Atakamit

in mächtigen Massen an, und die zu Tage gebrachten und auf die Halde

geförderten Erze bestehen aus demselben Mineral.

Ich glaube kaum, daß es bezweifelt werden kann, daß der Atakamit durch

Zersetzung anderer Kupfererze entstanden ist, und dies zwar hier wohl

vorzugsweise durch die Einwirkung des Seewassers.

Ich besitze ein Exemplar, welches fast gänzlich aus einem Aggregate

von pseudomorphen Octaedern des Rothkupfererzes besteht, indem die

einzelnen, drei bis vier Linien großen Individuen aus den rhombischen

Prismen des Atakamits zusammengesetzt sind.

Während nun bei diesem und ähnlichem Vorkommen des Kupferchlorides

eine direkte Zersetzung der Masse des Kupferoxyduls angenommen werden

kann, ist bei andern Exemplaren kaum eine Sublimation zu verkennen.

Es findet sich dort der Atakamit in großen büschelförmigen,

strahligblätterigen Massen auf einem etwas kupferhaltigen

Eisenoxyde aufgewachsen, oder erfüllt in kleineren Individuen dessen

Zwischenräume, oder es überzieht und bekleidet die Drusenräume

anderer Mineralien. So kömmt dort ein Eisenocker vor, der bisweilen mit

einem dünnen Ueberzuge von Quarzkristallen bedeckt ist. Zwischen diesen

und auf denselben befindet sich der Atakamit in einem höchst dünnen

lauchgrünen kristallinischen Anfluge, so daß die ganze Fläche ein

glänzendes und wirklich prachtvolles Ansehen gewinnt. Abgesehen von

anderen chemischen Reactionen, die bei dem Aufzeigen der Kupfererze und

bei der Anfüllung der Gangspalten vor sich gegangen sein mögen, reicht

vielleicht schon das Seewasser allein zur Erklärung dieser häufigen

Atakamitbildung hin. Wahrscheinlich ist das Heraufdringen der Kupfererze

noch vor der Hebung jenes Küstentheiles über den Spiegel der See vor

sich gegangen. Submarine vulkanische Thätigkeit erhitzte und spaltete

gleichzeitig den syenitischen Meeresgrund und die tiefer liegenden, wohl

auch schon gebildeten Felsitformen. Die Kupfererze drangen durch die

gebildeten Spalten nach, während das von oben eindringende Seewasser

die Zersetzung bewerkstelligte. Vielleicht hat auch noch mit jener

Spaltenerfüllung gleichzeitig eine Hebung stattgefunden.

Die bei dem damaligen höhern Atmosphärendrucke ebenfalls höhere

Temperatur des Siedepunktes, und jene der Wasserdämpfe erklärt leicht

die Umsetzung einiger Kupfererze, besonders des Oxyduls in Chlorür,

während eine Sublimation des neugebildeten Minerals ganz natürlich

erscheint, wenn man erwägt, welche Temperatur stattgefunden haben muß,

und selbst wie lange solche angehalten hat.

Viel zu lange habe ich mich bei diesem Atakamit und seinem Vorkommen

aufgehalten, allein die Seltenheit dieses Körpers in Europa und sein

so häufiges Vorkommen in der Algodonbai macht vielleicht hier auch dem

Nichtmineralogen das Vorgehende nicht ganz uninteressant.

Von Mineralien, welche die Kupfererze begleiten, und von seltener

vorkommenden Kupfererzen selbst will ich nur folgende angeben.

_Gediegen Kupfer_, plattenförmig, manchfach gewunden, aber ohne

Kristalle und überhaupt selten. Ich habe Stücke von dort, die

sechs Zoll lang und vier breit sind. Sie tragen auf beiden Seiten die

Eindrücke des Gesteins, welches sie umschloß und auf ihrer Oberfläche

sind Anflüge von Atakamit, Pistazit und Gypsspath.

_Fahlerz_, selten. Ich habe eine kugelförmige Absonderung gefunden,

welche aus Fahlerz, Kupferkies und Quarz bestand.

_Eisenglanz_ in kleinen schuppigen Kristallen und Eisenoxyde.

_Coquimbit_, dieses seltene Mineral wird häufig angetroffen, in derben

Stücken sowohl als auch gemengt mit Atakamit.

_Allophan_, oder wenigstens ein allophanähnliches Mineral, aber

durch Chlorkupfer grün gefärbt in verschiedenen Modificationen,

undurchsichtig bis vollkommen transparent.

Dann endlich _Gyps_ in schönen oft sechs bis acht Zoll großen

Kristallen, und mit dem Atakamit so manchfach gruppirt, daß prachtvolle

Stufen gebildet werden.

Was den Bau der erzführenden Gänge betrifft, so habe ich schon vorher

gesagt, daß man sich meist damit begnügt, an Stellen, wo Kupfererze

zu Tage gehen, einen Schacht oder Stollen einzutreiben, und abzubauen so

lange der Gang ergiebig ist.

Ich habe weder Grubenzimmerung noch Mauerung gesehen, denn es steht das

Gestein gut, und bei Stollen gewähren bogenförmige Firste hinreichende

Sicherheit. Die Form der Schachte ist die kreisrunde, aber die Fahrten

sind verzweifelt unbequem, ja wohl fast bedenklich für den Ungeübten.

Sie bestehen aus viereckig behauenen hölzernen Stämmen von etwa 8 bis

10 Zoll Durchmesser, in welche von 10 zu 10 Zoll Entfernung etwa 2 Zoll

tiefe Einschnitte eingehauen sind. In die Wandungen der Schachte hat man

Vertiefungen gehauen, in welchen die Stämme mit ihrem unteren Theile

aufstehen, während der nächste, weiter in die Tiefe führende Stamm

ebenfalls an dieselben angelehnt ist. So reicht also jeder einzelne

Stamm quer über die Breite des Schachts und die Fahrt führt im

Zickzack abwärts. Bei jeder Bühne also, oder beim Ende des einen

und beim Anfang des andern Stammes, muß man sich, halb in der Luft

hängend, um die eben verlassene Fahrt herum schwingen, und abwärts

fahrend, den neuen Weg mit den Füßen erkunden, während man bei der

Auffahrt sich mit den Armen aufwärts zu ziehen genöthigt ist.

In der Teufe der Grube Atakamita schlug ich die herrlichsten Stufen

kristallinischen Atakamits, und meine lederne Gesteintasche enthielt

sicher zwanzig Pfunde des prachtvollen Minerals. Aber aufwärts fahrend

auf jenen verwünschten Stämmen, verzweifelte ich fast das Tageslicht

wieder zu sehen, so beschwerte mich mein Reichthum, und schien mich

abwärts ziehen zu wollen.

Daß ich glücklich das Ende des Schachtes erreicht, weiß der

freundliche Leser bereits, aber ich muß berichten, daß auch kein Atom

jener mich belastenden Atakamite in der Grube geblieben und daß sie

alle sich gegenwärtig an den Orten befinden, die ich ihnen schon dort

hängend und schwebend, ringend und kletternd, zugedacht.

Aber während ich mich abquälte um 20 Pfunde zu Tage zu fördern, wird

von den Arbeitern der Gruben eine Last von 130 Pfunden auf dem Rücken

gefördert, und ich sah dort einen Knaben von 12 Jahren, der 100 Pfund

aufwärts schaffte. Im Uebrigen war dieses Kind als eine Ausnahme zu

betrachten, denn obgleich man als Mineros, so nennt man die Arbeiter

in den Gruben, meist junge Leute von 18 bis 25 Jahren am liebsten hat,

werden doch Kinder sonst nicht verwendet.

Ich habe mich von Europa aus wieder nach dem weiteren Schicksale des

Knaben erkundigt, welcher wirklich als eine Abnormität anzusehen war.

Arme und Beine waren bei diesem Kinde so ausgebildet, daß man die

Extremitäten eines erwachsenen kräftigen Mannes vor sich zu sehen

glaubte, und die ganze Erscheinung hatte fast ganz das Widerliche eines

europäischen Wunderkindes an sich, welches Klavier oder Violine spielt,

rechnet oder andere Kunststücke ausführt, vielleicht sich auch nur

einfach durch starke Nasenweisheit auszeichnet. Es hätte mich indessen

die weitere _körperliche_ Ausbildung dieses Individuums interessirt.

Die Gewinnung der Erze wird mit Schlegel und Eisen, aber nicht durch

Sprengarbeit betrieben. Die oberste Leitung des Baues führen die

Grubenbesitzer selbst, doch haben sie meist einige europäische

Bergleute an der Hand, welche die Aufsicht führen, während die

Häuerarbeit und Förderung durch Eingeborne, wie es scheint der ganzen

Westküste, betrieben wird. Das Fäustel, welches diese Leute führen,

wiegt sicher 16 bis 18 Pfd., und ihr Fimmel entspricht demselben.

Während der Minero dieses Rieseninstrument schwingt, stößt er ein

eigenthümliches Geschrei, oder eigentlich ein Heulen oder Winseln aus,

welches mit tiefen Tönen beginnt und mit den höchsten endigt.

Die mit dem Fördern beschäftigten Arbeiter thun ein Gleiches, und man

kann sich daher denken, daß in einer solchen im Betrieb stehenden Grube

ein wahrhafter Höllenlärm sein muß. Ich bin in der That staunend zum

erstenmale in die Grube Rosario eingefahren, da ich den Grund dieses

grauenhaften Geschreies mir auf keinerlei Weise erklären konnte, und

zugleich dennoch aus den unbekümmerten Mienen der aus dem Schachte

Kommenden schließen mußte, daß Alles in regelrechtem Gange und nicht

etwa ein Unfall vorgekommen sei.

Eine Wassergewältigung ist in den Gruben nicht nöthig, da fast alle

wasserfrei sind und nur auf der Sohle der Mine Atakamita habe ich etwas

Wasser getroffen. Ich habe in den Gruben folgende Temperaturen gefunden:

Grube Rosario, außerhalb der Einfahrt, im künstlichen Schatten und bei

schwachem Winde + 18.7° R., bei etwa 20 Fuß Tiefe + 17.0° R., bei

150 Fuß Tiefe + 19.0° R. bei 300 Fuß Tiefe + 20.5° R.

In anderen Gruben habe ich höhere Temparaturen gefunden, aber es

ist hierauf kein Werth zu legen, weil die Menge der Arbeiter dieselbe

jedenfalls gesteigert hat.

Es ist zu bedauern, daß bei dem Reichthum der dortigen Gruben die Erze

nicht auch an Ort und Stelle verschmolzen werden können. Aber Mangel an

Brennmaterial macht dieß unmöglich, und es werden alle gewonnenen Erze

nach Europa verfahren. Trotz ihrer Reichhaltigkeit wirft natürlich auf

solche Weise der Bau der Grube verhältnißmäßig nur wenig Gewinn ab,

und erhaltenen Privatnachrichten zu Folge, wird gegenwärtig selbst

nach Europa nur noch wenig Erz gebracht. Bei regelmäßiger Schifffahrt

zwischen der Algodonbai und Valdivia würde der Erzreichthum des

einen Platzes mit dem Ueberflusse an Brennholz des andern, sich zur

vortheilhaftesten Combination gestalten lassen.

Die Lebensverhältnisse der Menschen in der Bai gehen zum Theil bereits

aus dem hervor, was über die Lage des Ortes gesagt worden ist. Es

müssen eben, so wie nach Cobija, alle Nahrungsmittel zu Schiffe dorthin

gebracht werden.

Die Minenbesitzer unterhalten kleine Läden und Vorrathshäuser, in

welchen die Arbeiter ziemlich billig das Nöthige erhalten können. Es

ist der durchschnittliche Lohn eines Arbeiters etwa 20 Peso für den

Monat, aber ich glaube, es werden auch noch einige Victualien hiezu

verabreicht, doch weiß ich das nicht vollkommen sicher.

Einer der größten Uebelstände ist der Wassermangel in der Bai. Eine

spärliche Quelle ist unweit dem Werke Minecal de Duendus, welche der

französische Besitzer benutzt, aber der ganze Reichthum derselben

reicht kaum aus für Menschen und Thiere. Der Engländer in Bella Vista

läßt täglich seinen Wasserbedarf aus einer kleinen Quelle von Mamilla

holen, von welcher ich später noch sprechen werde. Der Besitzer von

Tocopilla aber, in der Bai selbst, gewinnt das für seinen Bedarf

nöthige Wasser durch Destillation von Seewasser, und es werden durch

einen höchst einfachen Apparat täglich etwa 500 Gallonen Wasser

erzeugt. Die Retorten sind von Eisen und die Vorlage ist ein Faß mit

Schlangenrohr. Man hat die vier Retorten mit Backsteinen ummauert und

das Ganze dicht am Ufer der See aufgestellt, aus welcher eine Pumpe

das Wasser in die Retorten bringt und auch den Kühlapparat speist.

Die Pumpe wird zu gewissen Zeiten des Tags durch den Wind in Bewegung

gesetzt, zu andern, wo regelmäßig Windstille herrscht, durch eine

kleine Dampfmaschiene. Es sind vier Arbeiter Tag und Nacht bei dem

Apparate beschäftigt und das gewonnene Wasser ist ganz erträglich,

wenigstens bedeutend besser als das auf Schiffen in hölzernen Fässern

längere Zeit hindurch aufbewahrte. Da die Destillation etwas stürmisch

vor sich geht, so wird ohne Zweifel der fade Geschmack des destillirten

Wassers, der durch den Mangel an Kohlensäure entsteht, hier etwas

verdeckt durch übergerissenes Salz. Unbedingt wird aber durch

jene Anstalt das ziemlich verbreitete Vorurtheil widerlegt, als sei

destillirtes Seewasser wegen der im Meere enthaltenen organischen

Substanz ungenießbar. Denn gerade dort in der Bai wimmelt das Wasser

von einer Unzahl kleiner Thiere und Algen. Auf der ganzen Strecke

aber zwischen Tocopilla und Cobija wird nicht eine einzige Quelle mehr

getroffen und ich muß bei diesem Wassermangel der Küste etwas länger

verweilen, denn sicher hat es selbst für den, welcher sich nicht mit

geologischen Studien oder mit Meteorologie beschäftigt, Interesse,

etwas näheres zu vernehmen über ein Land, in welchem es nicht geregnet

hat seit Menschengedenken, wie jeder dort Lebende und die Sage selbst

bezeugt, von welchem ich aber auch nachgewiesen zu haben glaube, daß

es nie dort geregnet hat so lange das Land überhaupt besteht,

trotzdem, daß mächtige Flußbette durch dasselbe ziehen, und scheinbar

Ueberfluß an Wasser gewesen sein mußte.

Jener Beweis, daß es nicht geregnet hat seit die Küste sich aus dem

Meere gehoben hat, ist folgender:

Etwa fünfhundert Schritte vom Ufer der See, d. h. von dem Punkte, an

welchen jetzt noch die höchsten Fluthen reichen, befindet sich eine

Felsgruppe, Dolerit und Felsitporphyr, deren ganzes Aussehen ergibt,

daß sie im glühenden Zustande rasch abgekühlt worden, und, ohne

Zweifel in Folge dessen in eine unzählige Menge kleinerer und

größerer unregelmäßiger aber noch vollkommen scharfkantiger

Bruchstücke gesprungen ist.

Diese Bruchstücke aber sind mit Seesalz verkittet, und die ganze

Bildung steht durch nichts geschützt unter freiem Himmel. Diese

Salzmasse ist während der Hebung des Gesteins als Seewasser in die

Klüfte desselben gedrungen, ist verdampft und hat so die Verkittung

bewerkstelligt.

Es läßt sich der Beweis stellen, daß die Hebung jenes Felsens

gleichzeitig mit dem Hauptgebirgszuge der Küste geschehen ist. Ich

habe dieß an einem andern Orte gethan, und spare hier die weitere

Entwicklung, aber ich mache darauf aufmerksam, daß _ein einziger_ Regen

jenes verkittende Seesalz vollständig aufgelöst haben würde. Da dieß

letzte aber nicht geschehen ist, so kann es nicht geregnet haben seit

der Entstehung jenes Felsens.

Jene Flußbette aber, deren ich erwähnte, geben Zeugniß von großen

Wassermengen, welche das Land in früherer Zeit durchströmten, aber

diese Ströme verdanken ihren Ursprung nicht regelmäßigen Quellen und

meteorischen Wassern, welche sich über das Land ergossen haben, sondern

periodisch geschmolzenem Schnee der Andeskette, wie ich schon vorher

angedeutet habe.

Unweit Tocopilla findet sich ein solches Flußbett. So weit mir die

Umständen erlaubten jenes Thal zu besuchen, nämlich eine Strecke von

etwa drei Wegstunden, ist dasselbe mit Geschieben bedeckt, welche aus

Grünsteinformen und syenitischem Gesteine bestehen, dem schon vorher

geschilderten sehr ähnlich. Man bemerkt aber deutlich, daß diese

Gerölle keinen sehr weiten Weg zurückgelegt haben, sie sind von

nicht sehr entfernten Gehägen herabgestürzt, und nicht sehr

bedeutend abgerundet. Aber es zeigen sich an einigen Stellen des Bodens

Durchschnitte, welche beweisen, daß zu gewissen Zeiten heftige

und verstärkte Strömungen stattgefunden haben müssen, denn sehr

wahrscheinlich sind die Furchen, an welchen man diese Durchschnitte

beobachten kann, durch die letzte größere Wassermasse gezogen worden,

welche ihren Weg durch das Flußbett genommen hat. Es zeigen diese

Durchschnitte mehrfache Schichten in verschiedener Mächtigkeit, welche

von mehreren Zollen bis zu eben so viel Fuß wechseln. Das Liegende

dieser einzelnen Schichten bilden größere, oft nur wenig gerundete

Gesteinsfragmente, die gegen das Hangende zu stets kleiner, abgerundeter

und kiesartig werden, bis sie endlich selbst in Sand übergehen, worauf

dann gegen oben dieselbe Reihenfolge einer neuen Schicht beginnt.

Es ist also eine plötzlich bedeutende verstärkte Wassermasse durch

das Thal geströmt, sie hat anfänglich alle Gesteinsfragmente mit sich

fortgerissen, welche in ihrem Wege lagen, aber nach und nach schwächer

werdend, ließ sie die größeren Gesteinstrümmer liegen und deßhalb

sind diese auch meist nur wenig abgerundet. Mit dem fortwährenden

Fallen der Wassermenge blieben immer mehr und mehr Geschiebe liegen,

welche nicht mehr mit hinweggeführt werden konnten, bis endlich der

Sand allein vom Wasser bewegt wurde.

Wohl verliefen sich dann die Wasser gänzlich, bis nach längerer oder

kürzerer Zeit eine plötzlich vom Gebirge strömende neue Wassermenge

die eben betriebene Reihenfolge der Schichten vergrößerte, bisweilen

aber vielleicht auch einen Theil der bereits abgelagerten hinwegführte.

An einer Stelle jener Thäler habe ich dieß sehr schön beobachten

können. Ein Felsblock von etwa 15 Fuß Breite und 20 Fuß Länge geht

aus dem kiesigen Grunde des alten Flußbettes zu Tage, und bildete zur

Zeit, als Wasser dasselbe durchfloß, ohne Zweifel eine Klippe. Hinter

demselben, im Sinne der Stromrichtung, befindet sich eine solche in

Schichten getheilte Geröllablagerung, welche an der Seite, mit welcher

sie sich an den Felsen anlehnt, eben so mächtig ist als jene, weiter

hinaus aber sich abflacht. Es hat nun die letzte große Wassermenge,

welche das Thal durchströmte, um die Klippe her einen Theil der vorher

abgesetzten Geschiebe wieder entfernt, aber hinter der Klippe wurden

sie durch dieselbe geschützt, und haben sich erhalten. Es geht

zugleich hieraus hervor, daß diese letzte Fluth ohne Zweifel eine sehr

bedeutende gewesen ist.

Wäre es möglich gewesen, Nachgrabungen anzustellen bis auf die Sohle

des mit Gerölle und Sand theilweise ausgefüllten Flußbettes, so

hätte sich ohne Zweifel die Zahl der periodischen Fluthen, annähernd

wenigstens, errathen lassen, mir aber, der ich vereinzelt dastand, und

allein angewiesen war auf meine eigenen Mittel und Kräfte, war solches

unmöglich. Der Fall dieses Flußbettes ist übrigens ein sehr starker

gewesen, und an Stellen, wo ich Messungen anstellen konnte, fand ich

2°-3°.

Die Hauptrichtung, welche das Thal verfolgt, ist von West nach Ost,

indessen treten natürlich einzelne Krümmungen auf und auch die Breite

desselben ist eine verschiedene, an manchen Stellen dreißig bis vierzig

Schritte, an andern Orten wieder breiter.

Unweit der Bai dehnt sich das Flußbett bedeutend aus, wie dieß bei

fast allen Flüssen der Fall ist, welche sich in's Meer ergießen, und

es muß hier das von den Bergen kommende Wasser eine Ausdehnung von 500

bis 600 Schritten gehabt haben, wie die Gerölle und Geschiebe zeigen,

welche dort allenthalben verbreitet sind, und welche sich scharf

scheiden lassen von den Geschieben, welche die See an's Land geworfen

hat, da letztere stets mit einer Unzahl organischer Reste gemengt sind.

Es ist durch die oben erwähnte Verkittung der Gesteinsfragmente, welche

unter freiem Himmel stehen, wie ich glaube bewiesen worden, daß es,

seit Hebung jenes Theils der Küste nicht daselbst geregnet hat.

Durch die Untersuchung des alten Flußbettes aber hat sich ergeben, daß

mächtige und periodisch wiederkehrende Fluthen das Land durchströmten,

welche ohne Zweifel plötzlich geschmolzenen Schnee der Anden

ihren Ursprung verdankten, oder indirekt gewaltigen Ausbrüchen der

Vulkanreihe jenes Gebirgs, durch welche theils Schnee und Gletschereis

geschmolzen, theils auch mächtige Regengüsse, vulkanische Gewitter,

oberhalb des Gebirgs sich entleerend, hervorgerufen wurden.

Nachdem ich die Gesammtschilderung der Bai dem Leser vorgeführt habe,

so gut es mir möglich gewesen, mag es mir erlaubt sein, von einigen

Excursionen und den Erlebnissen einzelner Tage zu erzählen.

Diese Berichte mögen als Ergänzungen angesehen werden zu dem

Vorhergesagten, als erläuternde Beiträge zum Leben und Treiben

in jenem entlegenen Winkel der Erde, und zu den Schilderungen der

Landschaft selbst, welche ich versucht habe.

Einen der ersten Ausflüge unternahm ich zusammen mit Kapitain Müller,

der, wie ich, sich als Passagier am Bord des Dockenhuden befand,

indem wir die nördlich an der Bai gelegenen Wohnungen einiger Fischer

aufsuchten.

Der Weg zu ihren Hütten führt längs des Strandes dahin, und der

bereits geschilderte Charakter der Bai selbst ist auch hier, in weiterem

Verlaufe der Küste derselbe. Am Ufer der See, und bisweilen ziemlich

weit in's Land reichend, besteht der Boden an mehreren Orten fast

einzig aus Muschelgrus, während an anderen Orten wieder mehr Geschiebe

vorherrschen, welche indessen stets mit Fragmenten von Schaalthieren

gemengt sind. An manchen Stellen findet sich auch magneteisenhaltiger

Sand, mit noch wohlerhaltenen kleinen Oktaedern von Magneteisenstein.

Die kegelförmigen doleritischen Formen bilden längs des Strandes

die einzige Abwechslung, indem sie hier den Boden durchbrechen und in

mehrerlei Gruppen aus demselben hervorgehen. Etwa auf dem halben

Wege von der Bai aus bis zu jenem Fischerdorfe, mußten wir einen

mauerartigen Wall übersteigen, der von diesem Felsen gebildet wird, und

welcher von der See bis an das Küstengebirge reicht. Ich fand an jenen

Felsen zwei Species einer =Salsola=, und =Halana paradoxa=, welche in

einigen Exemplaren an den Klüften des Gesteins kümmerten, und die

bescheidenen Repräsentanten der ärmlichen Flora, sowohl der Bai als

auch der umliegenden Küstengegend waren, mit Ausnahme jenes bereits

erwähnten großen Cereus.

Durch einen Zufall fand ich dort zuerst einen hübschen Seestern,

=Asteracanthion helianthus=, welcher, wie sich herausstellte, ziemlich

häufig an den aus der See ragenden Felsen festsitzt. Ich schoß

nämlich mit einer kleinen Kugelbüchse, welche ich meist bei solchen

Excursionen bei mir trug, einen ziemlich hoch über uns streichenden

schwarzen Aasgeier. Das Thier kämpfte eine Zeit lang in der Luft, und

stürzte dann auf der Seeseite herab, indem es auf eine aus dem Wasser

hervorragende Klippe fiel, dort noch einige Augenblicke stehen blieb und

dann niederstürzte.

Wer je gejagt hat, weiß, daß es weniger ärgerlich ist, gefehlt zu

haben, als ein erlegtes Thier verlieren zu müssen. So wadete ich denn

in's Wasser um die Klippe zu erreichen, da Ebbe war und ich das Wasser

nicht tief wähnte. Als ich indessen bis an den Gürtel im Wasser stand,

fing mich dasselbe zu heben an, und ich sah, daß ich schwimmen mußte.

Ich ging mithin zurück, entkleidete mich, und begann meinen Weg auf's

Neue. Ist die See ruhig und gerade keine starke Brandung, so mag auch

ein wenig geübter Schwimmer Aehnliches unternehmen. Ich selbst habe

später öfter solche Felsen schwimmend erreicht, bin nie in irgend eine

Fährlichkeit gerathen, und denke noch mit Vergnügen an jene Bäder

zurück, welche das außerordentlich Angenehme haben, daß namentlich

anfänglich das Wasser höchst behaglich warm ist.

Als ich den Felsen erreicht hatte, und an demselben emporgeklommen war,

fand sich, daß der Geier verschwunden und bereits etliche fünfzig

Schritte weiter außen in der See trieb. Er war ohne Zweifel unweit des

Randes der Klippe niedergefallen, und während des letzten Todeskampfes

in's Wasser gestürzt. Ich fühlte mich nicht berufen noch weiter

seewärts Schwimmübungen anzustellen, untersuchte statt dessen den

Felsen näher, und fand jenen Seestern in den Klüften festsitzen.

Ich habe später von dieser und von andern ähnlichen Klippen schöne

Exemplare geholt, mußte aber für dießmal mich mit der Entdeckung

begnügen, da ich die Hände zum Schwimmen brauchte, und Nichts weiter

bei mir hatte um die Thiere an's Land zu schaffen.

Als ich mich eben anschickte, landwärts zu schwimmen, sah ich Kapitain

Müller auf eine ganz eigenthümliche Weise auf den Felsen der Küste

umherspringen. Offenbar haschte er nach irgend etwas, denn ich konnte

wahrnehmen, daß er bisweilen die Botanisirkapsel öffnete, und dann

wieder seine Jagd fortsetzte. Am Ufer angekommen, sah ich hunderte von

Eidechsen, welche mit Blitzesschnelligkeit auf den schwarzen Felsen und

Geröllen der Küste umherliefen und diese waren es, welche der wackere

Kapitain verfolgte, um für meine Sammlung einen Beitrag zu liefern. An

jenem Tage und später gelang es mir, mehrere lebend zu bekommen und

ich habe sie bis nach Kap Horn erhalten, wo sie, trotzdem, daß ich den

Behälter, in welchem ich sie verwahrte, mit in meine Koje nahm, dennoch

ohne Zweifel der Kälte erlagen.

Es ist eine Schuppeneidechse, welche einen Schuh lang und wohl noch

größer getroffen wird. Sie ist grau und braun gefleckt, fünfzehig und

hat lange, scharfe Krallen. Ihre Nahrung besteht aus kleinen Muscheln,

aus Krabben, welche die See auswirft und aus einer kleinen Fliege,

welche ebenfalls am Strande lebt. Sie hascht ihren Raub mit vieler

Behendigkeit und raschen Sprüngen, und beißt heftig um sich, wenn

man sie faßt, aber es dringt der Biß kaum durch die Haut und ist

vollkommen schmerz- und gefahrlos. In der Gefangenschaft fressen sie

noch einige Zeit Fliegen, bleiben aber stets wild und ungeberdig. Ich

habe später an einigen andern felsigen Parthien der Küste ebenfalls

einige Exemplare derselben Species getroffen, aber nie in so ungeheurer

Menge als dort, wo der Boden buchstäblich mit diesen Thieren bedeckt

war.

Wir erreichten endlich die Hütten der Fischer, und ich hatte dort zum

erstenmal Gelegenheit die eigenthümliche und sicher höchst einfache

Bauart jener Leute zu beobachten.

Man rammt vier Pfähle in die Erde, die man entweder von irgend einem

Schiffer erworben, oder aus der See aufgefischt hat. Quer über diese

werden vier andere Stangen gelegt, nicht selten die Stämme jenes

mächtigen Cereus; die Wände und das flache Dach aber sind von alten

Hadern zusammengesetzt, welche man über diese Stangen hängt und

legt. Friedlich hängen hier Reste alter Packtücher, fragmentarische

Kattunkleider der Senorita und allerlei, nach unsern Begriffen

wenigstens, unentbehrliche und unaussprechliche Kleidungsstücke der

Bewohner des Hauses, welche, abgelegt, sogleich ihre architektonische

Verwendung finden, statt den Zähnen des Holländers anheim zu fallen.

Da es nie regnet, nie kalt wird, und man sich nur gegen die Sonne

zu schützen hat, so erfüllen diese Wohnungen vollständig ihren

praktischen Zweck, obgleich sie in etwas geringerem Grade den

Anfordernden künstlerischer Schönheit entsprechen. Ich glaube, daß

jene Fischer die ursprünglichen Bewohner der Bai sind, d. h. daß sie

seit der Entdeckung der Westküste durch die Spanier dort wohnen,

aber ob sie Reste der indianischen Bevölkerung, oder Abkömmlinge der

Spanier sind, oder vielleicht Mischlinge von beiden, konnte ich nicht

erfahren und es möchte dieß auch schwer zu entwickeln sein. Daß die

Bai selbst schon in den früheren Zeiten bewohnt war, vor der Zeit der

Spanier, und selbst vor der Zeit der Inka, werde ich übrigens später

zeigen, ohne Zweifel aber hat der Fischreichthum derselben, von den

frühesten Zeiten an, stets einige Menschen dort festgehalten.

Die spanische Sprache und Kattunkleider, welche die Weiber tragen, sind

die einzigen Anzeigen von Kultur, wenigstens von europäischer, welche

bei diesen Leuten angetroffen wird. Sie sind Christen, d. h. angeblich

getauft, da aber ein Lehrer oder Priester, so viel mir bekannt, nie

an jene entlegene Stelle der Küste kömmt, so weiß ich nicht, ob

Christenthum und Architektur dort nicht auf gleicher Stufe stehen.

Der Fischfang wird theils mit Netzen betrieben, meist aber auch auf

ziemlich patriarchalische Weise mittelst Harpunen. Man bedient sich

hiezu der sogenannten Balzen. Es sind diese eigenthümlichen Fahrzeuge

entweder aus zwei Stämmen des unendlich leichten Guayaquil-Holzes

zusammengesetzt, welche der Länge nach nebeneinander durch einige

Querhölzer mittelst Nägeln verbunden sind, oder aus zusammengenähten

Häuten von Robben, indem man zwei Schläuche fertigt, welche ebenfalls

an einander befestigt werden, und welche man aufbläst. Die auf solche

Weise construirten Fahrzeuge sind an der Vorderseite etwas schmäler

als an der hinteren, und auf diese Weise, vorzüglich aber wegen ihrer

Leichtigkeit, gleiten sie leicht auf der Oberfläche des Wassers dahin.

Zwei Personen finden zur Noth auf ein und derselben Balze Platz, indem

sie mit gekreuzten Beinen hintereinander auf einer kleinen Decke sitzen,

und während der eine rudert, harpunirt der andere die Fische, welche

sich in den fangreichen Stellen der verschiedenen Buchten aufhalten.

Die Hauptnahrung jener Fischer ist eben diese ihre Beute, frisch und

an der Sonne getrocknet, indessen bringen sie ihre Fische auch den

Minenbesitzern und handeln von diesen Brod und andere unentbehrliche

Dinge, Kleidungsstücke u. s. w. ein. Wir bestellten jenesmal einen

der Fischer an unser Bord, und schon des andern Tages erschien derselbe,

und brachte uns wirklich prachtvolle Fische. Ich habe eine ziemlich

genaue Zeichnung der größern Art derselben entworfen und auch den

Schädel derselben mit nach Europa gebracht, hier aber will ich nur

erwähnen, daß die einzelnen Exemplare 18 bis 20 Pfunde wogen, und

daß Kapitain Müller und ich in Abwesenheit des Kapitains, für

einige Stücke Schiffsbrod dem Fischer etwa 120 Pfunde seiner Waare

abhandelten, da er gebotenes Geld ausschlug. Auf den Felsen, unweit der

Wohnungen jener Fischer, halten sich häufig Robben auf, und bisweilen

gelingt es dieselben zu erlegen. -- Wir sahen eine solche auf den aus

der See ragenden Klippen sitzen und ich glaube, daß es =phoca leonina=

und =proboscidea= war. Es war ein mächtiges Thier, braun-schwarz und

wohl 20 Schuhe lang.

Da ich gerne den Schädel eines dieser Thiere besessen hätte, und

auf der andern Seite auch Gelüste trug, eine Fahrt auf einer Balze zu

versuchen, ließ ich mich auch vom Fischer auf seinem Fahrzeuge in die

See rudern.

Ich mag wohl gestehen, daß jene Fahrt nicht eben besondere

Annehmlichkeiten bot. Ich hatte die Schuhe ausgezogen, um im Nothfalle

besser schwimmen zu können, und kauerte hinter dem Manne, indem ich

meine Büchse möglichst vor dem allenthalben spritzenden Wasser zu

schützen suchte. Es gewähren die Balzen allerdings den Vortheil, daß

man über alle Wellen, und selbst über die höchsten Wogen der Brandung

leicht hinwegkömmt, und eben so von dem an der Küste meist häufigen

Tange nicht gehindert wird. Bedenklich aber erscheint wohl jedem, der

eine solche Fahrt zum erstenmale mitmacht, die Nähe der See, und die

Art, wie man das Gleichgewicht halten muß, um nicht in's Wasser zu

fallen. Die Gefahr ist indessen nicht bedeutend, denn geschähe dies

auch, so kann man leicht die Balze wieder erreichen, da ein Untergehen

derselben unmöglich ist, insoferne die Blasenbalze aus Robbenhaut nicht

etwa einen Leck bekäme. Wir ruderten rasch etwa 200 Schritte in die See

und suchten uns dem Felsen zu nähern auf welchem die Robbe lag; diese

aber stürzte sich weit außer Schußweite mit furchtbarem Gebrüll

in's Wasser, und da eben kein weiteres Thier ersichtlich, und ich die

Balzenfahrt versucht hatte, bedeutete ich meinem Fährmann umzuwenden.

Ich kam ziemlich durchnäßt an's Ufer, gab dem Fischer einige Realen

und die Hälfte meines Tabaks und versprach ihm für den Kopf einer

Robbe einen Peso; indessen erhielt ich keinen, da die Thiere nur im

Schlafe zu überfallen und mit Piken zu tödten sind. Ich bedauere

jetzt, keinen der defekten Schädel mitgenommen zu haben, welche häufig

am Strande zerstreut umher lagen, welche mir aber jenesmal nicht gut

genug erschienen. Als wir am Abende am Bord kamen, hungrig und mit einer

ziemlichen Anzahl von geognostischen Stufen beladen, welche ich auf dem

Heimwege gesammelt, eröffnete uns der Kapitain, daß er auf den

andern Tag ein Picknick mit dem amerikanischen Minenbesitzer in Mamilla

verabredet habe und lud mich zur Theilnahme ein. Ich versprach sechs

Flaschen Ale beizusteuern und um 6 Uhr des Morgens fertig zu sein und

legte mich vergnügt zur Ruhe, indem ich hoffte, eine neue Stadt der

Westküste kennen zu lernen, da Mamilla fast auf allen Karten als solche

verzeichnet zu finden ist.

Wir verließen des andern Tags das Schiff bei guter Tageszeit und fuhren

auf dem Boote des amerikanischen Minenbesitzers längs der Küste

nach dem nordwärts gelegenen Mamilla. Die beiden Kapitaine, unser

Obersteuermann, der Engländer, der Amerikaner und die Frau seines

Oberaufsehers, das einzige Weib in den Kupferwerken, waren nebst mir die

im Boote Befindlichen, während der Oberaufseher und ein Zollbeamter,

welcher uns von Cobija aus zur Controlle beigegeben war, den Weg zu

Pferde machten. Ein kleines Segel und unsere vier rüstigen Ruderer

ließen das Boot pfeilschnell über die Wogen gleiten, und indem wir

uns immer so dicht als möglich zur Küste hielten, war es mir leicht,

mancherlei Beobachtungen anzustellen bezüglich der Form und des

Verhaltens des Küstengebirges. Aber ich hatte dort auch Gelegenheit

eine psychologische Beobachtung anzustellen, welche ich mittheilen will,

so unbedeutend sie auch scheinen mag.

Neben unseren drei Matrosen war der vierte Ruderer ein Franzose, ein

früher, wie es hieß, von einem Kriegsschiffe entflohener Matrose, und

ein starker, kräftiger, ja schöner Mann, aber ersichtlich verwildert

und nach dem Zeugniß seines Brodherrn, des Amerikaners, ein wüster,

wilder und unbändiger Geselle. Er schien betrunken, und als noch dazu

ihm unsere Matrosen eine schwere Sorte Kautabak gegeben hatten, gab er

nach Art der Seekranken sichtliche Zeichen des Uebelbefindens von sich

und man konnte wohl bemerken, daß ihm jammervoll zu Muthe. Indessen

ruderte er unverdrossen fort und mit weit hinauf entblößten Armen. Auf

einem dieser Arme aber war, wie es sich häufig bei Seeleuten findet,

mit blau und rother Farbe eine Zeichnung eingeäzt, indessen so deutlich

und zugleich so Skandalöses darstellend, daß die arme kleine Senorita,

welche uns begleitete und jenem Riesen gerade gegenüber und in

nächster Nähe saß, nicht wußte, wo sie die Augen hinwenden sollte.

Da fixirte ich nur mit _einem_ Blicke den Franzosen mit den Augen auf

seinen Arm, und dann kaum merklich auf die Frau blickend, und jener rohe

Mann, der wohl schon manches Wüste erlebt und vollführt haben mochte,

_erröthete_ und bedeckte augenblicklich seinen Arm. Er erröthete, weil

er eine Frau verletzt zu haben glaubte! und auch ich fühlte, wie

mir das Blut in's Gesicht stieg, weil mich jener Zug von nationaler

Chevalerie doppelt erfreute an den wilden Burschen. Als wir an's Land

stiegen, grüßte er mich, und sagte unhörbar für die andern: »=Grand

merci Monsieur.=« --

Man landet bei Mamilla in einer kleinen felsigen Bucht und das Boot

muß sich buchstäblich durch die Felsen winden, welche scharfkantig

und gefährlich, allenthalben aus der See ragen und am Lande selbst sich

fast grottenförmig aufthürmen.

Dort ist die Vorstadt von Mamilla, welche aus einer jener bereits

beschriebenen und aus alten Lappen zusammengesetzten Hütte besteht,

welche indessen malerisch genug an eine Felsenwand angelehnt ist. Wir

gingen zwischen den Felsen hindurch und kamen auf einen freien Platz,

wo sich das eigentliche Mamilla befindet. Es sind etwa sechs Hütten,

ebenfalls den bereits bekannten gleich, welche die Stadt bilden, und ich

war einigermaßen überrascht, mich dergestalt getäuscht zu sehen.

Indessen ersetzte die Heiterkeit der Bewohner einigermaßen die

Einfachheit der Gebäude. Es war am 10. Februar, Fasching, und ich

bemerkte mit Vergnügen, daß nicht allein ernste Thorheiten sich

ansteckend über den Erdkreis verbreiten, sondern daß auch tolle Luft

und gründliche Possenhaftigkeit sich dieses Recht nicht nehmen läßt.

Allenthalben Gelächter und Fröhlichkeit, Scherz und Freude. Man tanzte

und zechte vor den Hütten, auch zärtliche Gruppen schienen nicht

zu fehlen, vor allem aber sind mir zwei Gestalten im Gedächtniß

geblieben. Die eine, ein großer starker Neger, welcher sich,

abenteuerlich vermummt, Gesicht und Hände mit Mehl bestreut hatte und

unaufhörlich die furchtbarsten Sprünge und Verdrehungen vollführte,

welche er mit schauderhaftem Gesang begleitete, Alles zur Erheiterung

des Publikums und zur Erhöhung der Festlichkeit. Die andere war ein

sanfteres Bild, eine Senorita von stark bräunlicher Hautfarbe, welche

ohne Zweifel den überwiegenden Theil ihrer Kleidungsstücke nach

Landessitte zu architektonischen Verzierungen der Hütte verwendet

hatte, und ziemlich oberflächlich nur mit dem Allerunentbehrlichsten

bekleidet war. Ueber ihre Gesichtszüge vermag ich nichts zu berichten,

denn sie lag mit dem Antlitz gegen die Erde gekehrt, ein Bild der

Ruhe und Beschaulichkeit, vielleicht auch tiefen Kummers, oder einer

intensiven Arack-Narkose!

Wir wendeten uns von jenen Scenen, indem wir bergan stiegen, um in

die Schlucht zu gelangen, welche eigentlich den Namen Quebrada Mamilla

führt, ohne Zweifel von =mamila=, die nährende Mutterbrust. Denn dort,

etwa in halber Höhe des Gebirgs, und 1200 Fuß hoch über dem Spiegel

der See entspringt eine kleine Quelle, welche befeuchtend und nährend

die Schlucht zu einer Oase umwandelt, und an manchen Stellen derselben

eine wahrhaft üppige Vegetation hervorgerufen hat. Die Quelle wird vom

Fuße des Berges durch eine improvisirte Wasserleitung bis an die

See geführt, und dort läßt täglich, auf 4 Stunden Entfernung, der

englische Minenbesitzer in der Algodonbai seinen Wasserbedarf für

Menschen und Thiere holen.

Die Wasserleitung selbst besteht aus alten Blechfragmenten, entnommen

aus unbrauchbar gewordenen Kisten, in welchen Waaren über die See

gebracht worden sind, und welche man mit der Hand in Form von Rinnen

gebogen hat. Man hat durch kleine Steine diese Rinnen unterstützt, und

ich glaubte anfänglich das Ganze von spielenden Kindern erbaut, denn

ein leichter Stoß mit dem Fuße mag leichtlich Alles zerstören. Aber

der kunstlose Bau steht unter dem Schutze der Bevölkerung, und erfüllt

seit Jahren ungestört seinen Zweck.

Weiter oben in der Schlucht breitet sich die Quelle bewässernd aus,

dort hat sich Erde gebildet, und man hat kleine Gärten angelegt. Der

Baumwollenstrauch stand dort in voller Blüthe, ein ziemlich großer

Baum, dem Linzenbaum unserer Ziergärten ähnlich in Blatt und Blüthe,

Granatbaum und andere Kinder der tropischen Flora wucherten, man könnte

fast sagen übermüthig in der nächsten Nähe ihrer tödtlichsten

Feindin, der Wüste[47].

Es liegt an jenen Stellen eine schwarze fruchtbare Dammerde, entstanden

durch die Verwitterung des Gesteins und die Wechselwirkung des Wassers

und der Sonne, bedeckt mit dem üppigsten Grün, dicht neben schwarzem

doleritischen Gesteine, welches von der glühenden Sonne so erhitzt ist,

daß man kaum die Hand auf dasselbe legen kann, und während die grüne

mit Pflanzenwuchs bedeckte Fläche bisweilen, steigt man aufwärts,

wohl zwanzig Schritte breit ist, findet sich anderen Stellen wieder kaum

einige Schuhe breit der Boden mit Erde und Vegetation bekleidet, wie

eben die launenhafte Quelle ihren Lauf genommen.

Wir machten unter einem mächtigen Feigenbaume, der mit einer Menge

reifer Früchte bedeckt war, Halt, und da unsere Reiter ebenfalls

angekommen waren, begannen wir zu schmausen.

Es war ein fröhliches Fest, welches wir dort feierten, ein lustiger

Congreß der verschiedensten Nationen der alten und neuen Welt, die ein

abenteuerlicher Geist über die See geführt, und fröhliche Laune hier

versammelt hatte. Deutschland, England und Frankreich, Nordamerika,

Peru und Chile waren repräsentirt, und es waren die Speisen fast alle

gewählt und bereitet nach dem Geschmacke der Landsmannschaft.

Man erläßt mir wohl den Küchenzettel, aber doch muß ich berichten,

daß kürzlich durch einen Dampfer in die Bai gebrachte Früchte aus

Peru den Reiz des Mahles erhöhten durch Seltenheit und Wohlgeschmack.

Da war die mächtige Ananas, die große peruanische Traube, die Duna,

die Cheremoya, dann die goldene Frucht des Granatbaums, und kaum

gedachten wir die Feigen vom Baume zu pflücken, die wir fast mit den

Händen erreichen konnten.

Dankbarer Weise aber erwähnen wir der Weine aus verschiedenen Ländern,

die uns die heiterste Stimmung brachten, und mancher mag wohl dort tief

genug seine Lippen getaucht haben in das purpurfarbige Blut der Rebe.

Aber auch unser Festsaal war zu loben und trefflich gewählt. Ringsum

die wilden und schroff ansteigenden Felsen der Steinwüste von

Atakama, aber wir auf duftendem Grase, unter den Zweigen des riesigen

Feigenbaumes und dem schönsten Himmel der Erde. Vor uns aber, wo die

Schlucht sich öffnete, das unendliche Meer, groß, still und ruhig, ja

einsam wie die Wüste hinter uns, denn es vergehen öfters Wochen, bis

ein Schiff die Bai besucht, und kein Segel war auf der weiten Fläche

zu sehen. Ich habe dort einen Toast ausgebracht auf die alte deutsche

Muttererde, den die ganze Welt erfahren darf, und einen andern auf

die lieben, theuern Herzen in der Heimath, der Niemand in der Welt

interessirt als jene und mich, dann warf ich mein Glas in die Felsen,

nahm meine Büchse und stieg in die Berge, da sich die Gesellschaft zur

Siesta anschickte, ich aber zu träumen fürchtete von meinen Toasten.

Der Ursprung der Quelle war nicht genau zu ermitteln, indem der Theil

der Schlucht, aus welcher die Quelle kam, so steil und unzugänglich

war, daß ich längere Zeit bedurft hätte, als mir zu Gebote stand,

um bis zur Quelle zu gelangen. Ich wandte mich daher nach einer

andern Seite, und stieg zwischen und über doleritische Gesteine und

Grünsteinformen eine ziemliche Strecke aufwärts.

Schon an der Quelle und in der mit Pflanzwuchs bekleideten Schlucht fand

sich häufig die Losung der Guanacos, welche ohne Zweifel von den Bergen

herabgestiegen dort ihren Durst löschten, weiter gegen oben aber lag

der ausgetrocknete Koth dieser Thiere so häufig, daß bisweilen auf

Stellen von einigen Ackern Landes der Boden buchstäblich damit bedeckt

war. Dieß ließe auf eine ungeheure Anzahl dieser Thiere schließen,

wenn nicht der Umstand zu beachten wäre, daß in jenen Gegenden Nichts

fault, sich Nichts in der Art zersetzt, wie es bei uns der Fall ist,

sondern daß Alles einem langsamen Austrocknungsprocesse, einer wenig

stürmerischen Verwesung unterliegt, und daß zugleich keine Insekten

vorhanden sind, welche diese und ähnliche organische Reste verzehren.

So ist ohne Zweifel seit einer Reihe von Jahren von den zu Thale

ziehenden einzelnen Thieren jene Losung dort aufgehäuft worden. Weiter

gegen oben trat in geognostischer Hinsicht dieselbe Reihenfolge auf, wie

es auch an andern Orten der Bai der Fall, und bereits berichtet worden.

Porphyre und Felsite folgten dem doleritischen Gesteine und oben auf lag

ein Syenit, jenem in der Bai sehr ähnlich, wenn nicht gleich. Ich kam

auf kleine Plateaus, dann wieder auf steile, kaum zu erklimmende Wände,

und es zeigte sich auch hier das terrassenartige Ansteigen des Gebirgs,

wie allenthalben an der Küste, ja wie auf der hohen Cordillera

selbst. Nebel, welche allabendlich die höchsten Spitzen des Gebirges

einhüllen, und welche durch günstige Lage des Gesteins, wohl auch

hier die Quelle bedingen, scheinen ebenfalls auch das Gedeihen jenes

mächtigen Cactus zu begünstigen, von welchem ich schon gesprochen

habe, und man trifft dort, wenn man so sagen darf, ganze Gehölze dieser

Pflanze. Ich habe ein lebendes Exemplar derselben mitgebracht und

sie wurde als =Cereus chilensis= bestimmt. Es wird aber der =Cereus

peruvianus= und =chilensis=, wie mir scheint, häufig verwechselt,

und ich möchte, vielleicht noch zu größerer Verwirrung der Frage,

beifügen, daß sowohl hier als wie in Chile mehrere große Cacteen

vorkommen, welche sich wohl sehr ähnlich sind, aber keiner der beiden

genannten Arten angehören. =Jania rubens= fand sich häufig an den

alten, oft 30 Fuß hohen Stämmen jener =Cacteen=, und auch =Bambusa

Guada= fand ich dort in einzelnen Exemplaren. Dieß war das einzige

Anzeichen von Vegetation in jenen sterilen Gehägen, während sich

nirgends ein lebendes Thier blicken ließ, denn selbst der Condor

fehlte, der auf der hohen Cordillera doch bisweilen über uns in den

Lüften schwebt. Ich war lange aufwärts gestiegen im Gebirge, war auf-

und abwärts geklettert über Schluchten und an abschüssigen Wänden,

so daß ich längst die See nicht mehr sah, und als ich endlich an den

Heimweg dachte, die Möglichkeit vor mir sah, unser Lager nicht mehr

zu finden. Doch gab bereits die im Sinken begriffene Sonne mir die

Richtung, und ich langte nach etwa dreistündiger Abwesenheit im Lager

an.

Dort lagen alle Schläfer noch zerstreut in malerischen Gruppen und ich

wurde an die Schläferscene im Robert erinnert; da ich aber keinen Zweig

zu zerbrechen hatte, feuerte ich einen Schuß über ihre Köpfe hinweg.

Bald loderte nun ein Feuer, es wurde Kaffee bereitet und die Rüstung

zum Heimweg betrieben. Ehe ich aber die wirthliche Schlucht verlasse,

will ich noch einiger Thiere gedenken, welche ich dort getroffen,

und welche ohne Zweifel einzig auf die grünende Parthie derselben

angewiesen sind. Es war ein kleiner finkenartiger Vogel, welcher, jedoch

selten, durch die Aeste der größeren Bäume schlüpfte, dann einige

Eidechsen, welche zierlich und schlank gebaut und unserer =Lacerta

agilis= nicht unähnlich waren. Sie schienen den Menschen kaum zu

fürchten, und haschten kleine Stückchen Brod oder Feigen, welche man

ihnen hinwarf, und flohen damit in ihre in den Steinen befindlichen

Schlupfwinkel, um bald darauf wieder zu erscheinen. Ich habe keines

dieser Thierchen getödtet, und auch keinen der Vögel, kann daher über

Art und Gattung nichts weiter sagen.

Ferner fand ich noch zwei Arten von Fliegen und das vorzugsweise

unter dem großen Feigenbaume, auf Stamm, Blättern und Früchten

umherfliegend. Es hatten jene Fliegen Aehnlichkeit mit =Cynips Psenes=,

durch welche in Griechenland die sogenannte Caprification der Feigen

vermittelt wird, und es wäre wohl möglich, daß jene Fliegen dort in

Mamilla in ähnlicher Beziehung zu den Feigen ständen, doch konnte ich

an den reifen und unreifen Früchten keine Spur eines Insektenstiches

finden. Auch kennt man weder in der Algodonbai noch in Chile die

Operationen, welche man im Oriente anwendet, um die Reife der Feigen

künstlich zu befördern, und giebt es dort ein solches Insekt, durch

dessen Stich dieß geschieht, so findet die Caprification wenigstens

ohne Hülfe und Mitwissenschaft der Menschen statt.

Reise in Südamerika. Zweiter Band. · 第 16 / 23 题