So fand ich für Valparaiso

1849 August vom 19. bis 31. + 11.7° R.

" September " 1. " 28. + 11.9° "

" October " 8. " 17. + 15.9° "

Auf den Höhen bei den Windmühlen wurde gefunden vom 29. September bis

6. October + 10.3° R.

Für Santjago vom 20. bis 30. October + 13.8° R.

Für diese kleinen Reihen war die Beobachtungszeit des Morgens um 9, des

Mittags um 12 und des Abends 10 Uhr.

Von Herrn Professor _Domeyko_ habe ich aber Beobachtungen mitgetheilt

erhalten, welche während der Jahre 1847-1848 und einem Theil des

Jahres 1849 angestellt worden, und jedenfalls werthvoll sind, da Domeyko

ein genauer und gewissenhafter Arbeiter ist. Der Ort der Beobachtung

war Santjago. Die Stunden wurden des Morgens zwischen 9 und 10, des

Nachmittags zwischen 3½ und 4½ Uhr bemerkt, und es wurde noch

außerdem der höchste und niedrigste Stand während des Tages und der

Nacht mittelst eines Thermometrographen abgelesen und mit berechnet. Die

Scala war die hunderttheilige.

Es ergaben sich folgende Mittel:

für Juni 1847 +11.2

" Juli " +11.2

" August " +11.2

" Septbr. " +13.0

" October " +16.4

" November " +22.6

" December " +22.6

" Januar 1848 +23.8

" Februar " +22.6

" März " +20.3

" April " +17.7

" Mai " +13.3

" Juni " +10.4

" Juli " + 8.7

" August " +11.2

" September " +14.8

" October " +16.8

" November " +19.7

" December " +24.2

Die mittlere Temperatur für das Jahr 1848 ergiebt mithin: + 16.9° C.

Die Beobachtungen für das Jahr 1849 ergaben:

für Januar 1849 +23.2

" Februar " +21.7

" März " +20.8

" Mai " +12.6

" Juni " +10.4

Was den Unterschied in der Temperatur zwischen Tag und Nacht betrifft,

so habe ich in Valparaiso die Nächte warm gefunden, und auch in

Valdivia keine sehr bedeutenden Unterschiede bemerkt zwischen der

Temperatur des Tages und der Nacht. In Santjago aber finden ziemlich

bedeutende Differenzen statt, wozu ohne Zweifel die Nähe der

Cordillera das ihrige beiträgt. Dies geht ebenfalls zum Theil aus

den Beobachtungen von _Domeyko_ hervor, und ich will einige derselben,

angestellt im Jahre 1849, anführen:

Höchster Stand Niederster Stand

während d. Tages währ. d. Nacht

Januar 1. bis 10. +26.6 +17.5

" 11. " 20. +27.8 +16.7

" 21. " 31. +31.5 +19.2

Februar 1. " 10. +28.5 +14.3

" 11. " 20. +27.1 +11.7

" 21. " 28. +31.0 +17.3

März 6. " 10. +28.3 +16.7

" 11. " 20. +26.8 +15.9

" 21. " 31. +23.1 +13.8

Mai 1. " 10. +16.8 + 9.4

" 11. " 20. +14.6 + 9.6

" 21. " 31. +17.3 + 7.9

Juni 1. " 10. +16.1 + 7.5

" 11. " 20. +13.0 + 5.8

" 21. " 30. +12.0 + 7.9

Schon aber habe ich erwähnt, welche bedeutende Unterschiede auf der

Cordillera selbst stattfanden.

_Die Temperatur der Quellen_ giebt in Chile wenigen Aufschluß über

die mittlere Bodenwärme, da dieselbe zum größten Theil von äußeren

Einflüssen bedingt ist. Die Quellen von Apoquindo habe ich schon oben

erwähnt und ihre Temperatur angegeben.

Die Unterschiede, welche sich bei den Gebirgswassern auf der Cordillera

selbst ergeben, zeigen am deutlichsten, wie sehr äußere Einflüsse

einwirken, und man kann annehmen, daß alle Flüsse Chile's an der

Stelle ihres ersten Ursprungs die Temperatur des frisch geschmolzenen

Schnees haben, da sie von den Schneefeldern der Cordillera herabkommen

und durch das allmälige Aufthauen desselben entstanden sind.

Ueber den _atmosphärischen Druck_ habe ich eben so wenig eine

zusammenhängende Reihe von Beobachtungen anstellen können, als über

die Temperatur. Doch haben die wenigen Beobachtungen, welche ich machte,

gezeigt, daß die regelmäßigen periodischen Schwankungen dort täglich

stattfinden, und daß sich regelmäßig des Morgens um 9 und Abends

um 10 die höheren Stände, und des Morgens und Abends um 4 Uhr die

niedersten beobachten lassen. Ganz dasselbe Resultat hat auch

_Domeyko_ durch eine große Reihe von Beobachtungen erhalten, und nur

ausnahmsweise hat einigemal das Gegentheil stattgefunden.

Auch hier will ich in Betreff der mittleren monatlichen Stände des

Barometers Beobachtungen von _Domeyko_ anführen, da solche natürlich

mehr Werth haben, als die wenigen, die ich anstellen konnte.

Als mittleren monatlichen Stand für Santjago fand dieser Gelehrte

für 1847 Juni 7177.2

" " Juli 7169.1

" " August 7180.7

" " September 7174.4

" " October 7167.5

" " November 7136.5

" " December 7150.3

" 1848 Januar 7150.3

" " Februar 7150.0

" " März 7147.4

" " April 7155.6

" " Mai 7180.2

" " Juni 7160.0

" " Juli 7171.7

" " August 7174.0

" " September 7174.0

" " October 7174.9

" " November 7180.3

" " December 7159.2

Als Mittel für 1847 ergab sich 716.51 M. M., für 1848:

716.44 M. M. Als höchster Stand für beide Jahre wurde gefunden

723.9 M. M., als niedrigster 708.5 M. M.

_Windrichtung._ Ich habe nur wenige Notizen in dieser Beziehung erhalten

können, was Santjago und überhaupt den inneren Theil des Landes

betrifft.

In Betreff der Winde und der Luftströmungen in der Cordillera habe ich

bereits oben gesagt, daß sie als vollkommen lokal angenommen

werden müssen. Es ist wahrscheinlich, daß auch in Santjago

solche Luftströmungen auftreten, bedingt durch die ganze Masse des

benachbarten Gebirges, und natürlich dort in größerem Maßstabe.

Die regelmäßigen Winde, welche an der Küste herrschen, haben

ohne Zweifel einen ähnlichen Grund und werden hervorgerufen durch

wechselweise Abkühlung des Landes und der See. In Valparaiso, so wie

von einem großen Theile der ganzen Westküste beginnt meist der Wind

des Morgens zwischen 9 oder 10 Uhr von Südwest oder Süd-Südwest zu

wehen. Er dreht sich des Nachmittags gegen 3 bis 4 Uhr und kömmt dann

von Nordwest oder Nordost. Meistens fand ich, daß diese letzteren Winde

heftiger sind als die von Süd kommenden, welche des Morgens auftreten

und man kann bisweilen, besonders auf den Höhen von Valparaiso nur mit

Mühe in entgegengesetzter Richtung fortschreiten. Gegen den Abend legt

sich der Wind, und fast immer sind die Nächte still und heiter. Nord

und Nordost so wie Westwinde bringen in den Wintermonaten, Mai, Juni,

Juli und August meist Regen, dies scheint wenigstens in Santjago der

Fall zu sein.

_Wolken und Regen_ sind während des Sommers im Flachlande von Chile

eine Seltenheit, d. h. für den mittleren Theil von Chile. Gegen Norden

wird Regen überhaupt immer seltener, während es gegen Süden so

z. B. in Valdivia, auch des Sommers regnet. Ausnahmsweise und als eine

Seltenheit zu betrachten, kömmt aber auch in Valparaiso bisweilen im

Sommer Regen vor. So fiel während meiner Anwesenheit daselbst am

4. December des Abends 6½ bis 9 Uhr ein heftiger Regen.

Uebrigens findet eben daselbst auch im Sommer des Morgens Nebelbildung

statt, welche aber bald verschwindet und einem heiteren wolkenfreien,

tiefblauen Himmel Platz macht.

Ich habe in Valparaiso vom 18. bis 31. August 1849 7 heitere,

4 bewölkte und 3 Regentage verzeichnet. Im September 18 heitere Tage,

9 mehr oder weniger bewölkte und drei Regentage.

Beobachtungen von Santjago vom Jahre 1849 ergeben Folgendes:

März 24 heitere Tage und 7 bewölkte, aber kein Regen.

_Mai_ 15 heitere Tage, 10 bewölkte, 6 Regentage; während aller

Regentage, mit Ausnahme eines einzigen, Nordwind.

_Juni_ 14 heitere Tage, 7 bewölkte, 7 Regentage und diese mit stetem

Nordwind.

In Valparaiso und auf der Cordillera habe ich täglich Thau getroffen,

auf dem Flachlande fällt wohl auch Thau, aber wie es scheint, nicht

täglich.

_Gewitter_ finden im Flachlande und an der Küste nie statt, und es

giebt in Chile Menschen genug, welche nie donnern hörten, das heißt

oberirdisch, wenn man so sagen darf. Desto häufiger aber hört man dort

das dumpfe Rollen unterirdischen Donners. Auf der Cordillera und in den

Vorbergen derselben hingegen treten Gewitter auf, und ich selbst habe

dort im November eines beobachtet.

Es geht aus diesen Notizen hervor, daß der Trockenheitszustand der Luft

in Chile, namentlich während des Sommers, ein ziemlich hoher sein muß,

und dieser Trockenheit so wie den regelmäßigen Winden mag vielleicht

zum großen Theile zugerechnet werden können, daß dort im Verhältniß

zu anderen Ländern so wenige Krankheiten herrschen und Chile als eines

der gesündesten Länder betrachtet werden darf.

Alle jene verderblichen Seuchen der alten und neuen Welt: Pest,

Cholera, gelbes Fieber, sind in Chile unbekannt; eben so kommen keine

Wechselfieber vor, und der Typhus, diese continuirliche Geißel so

vieler größeren Städte des alten Festlandes, fehlt ebenfalls. Doch

versteht sich wohl von selbst, daß nicht alle Krankheiten fehlen;

so tritt Phthisis und Tuberkulose auf, Icterus und Gallenkrankheiten

überhaupt werden getroffen, und Entzündungen im Allgemeinen. Auch

jene Krankheitsform, deren Genius eigentlich längst von der Erde

verschwunden und welche nur durch Leichtsinn und Unvorsichtigkeit

künstlich forterhalten wird, die Syphilis, wird dort getroffen, wie

allenthalben auf der Erde. Aber auch ihr Verlauf ist gutartig und die

primären Formen heilen häufig von selbst. --

Jedes Individuum vielleicht hat seinen moralischen Hemmschuh, sei es nun

eine Idee, welche störend ihm entgegentritt, wenn er sich auf

höheren Standpunkt emporzuschwingen versucht, sei es irgend eine

Persönlichkeit, welche wie Blei an seinen Sohlen hängt und höheren

Aufschwung verhindert. Diese wohlthätige Einrichtung ist von der

gütigen Vorsehung ohne Zweifel deswegen getroffen worden, damit der

Mensch nicht allzu glücklich und endlich auch allzu übermüthig werde.

Auch ganze Landstriche und Völkerschaften sind auf solche Weise,

gleichsam durch Compensation, gegen allzu großes Glück und hieraus

entspringenden Uebermuth geschützt. Hier tritt das gelbe Fieber

oder die Cholera schützend auf, dort reichliche Steuern und höchst

umsichtige Polizei, in einem dritten Lande sorgen wohlthätige Sümpfe,

in einem vierten periodisch wiederkehrende größere Aufstände und

Revolutionen dafür, allzugroßes Glück zu modificiren. Chile hat

Nichts von allem dem. Dafür aber hat es die Erdbeben. Ich weiß nicht,

ob irgend ein Land existirt, in welchem so häufige Erdstöße vorkommen

als eben dort. Viele Erschütterungen sind so leise, daß sie nur

von denen empfunden werden, welche im Lande geboren sind, oder doch

wenigstens längere Zeit sich dort aufgehalten haben, und solche

Erschütterungen sind vielleicht häufiger als man im Allgemeinen meint;

denn man spricht kaum von ihnen und zudem werden sie nicht an allen

Orten gleich stark gefühlt, so daß in ein und derselben Stadt selbst

Kundige einen Erdstoß gar nicht fühlen, während in einer andern

Straße die Menschen aus den Häusern rennen mit dem gewöhnlichen Rufe

»=il tiembla!=«

Stärkere Erdstöße, welche in größeren Bezirken allgemein gefühlt

werden, bei welchen Flaschen, Gläser, Teller und andere Gegenstände

auf den Tischen wackeln, wohl auch herabgleiten, und bei welchen

vielleicht auch irgend eine bereits schadhafte Mauer vollends

einstürzt, können im Durchschnitte etwa alle 14 Tage bis 3 Wochen

erwartet werden. Ich finde in meinem Tagebuche während meines

Aufenthalts in Valparaiso leichtere Erdstöße, welche aber allgemein

gefühlt wurden, und Schrecken erregten, folgende verzeichnet.

Am 26. August, Abends 6 Uhr.

" 31. " " 5 "

" 8. Septbr., Morgens 10 "

" 2. October, " 4½ "

Dieser letzte Erdstoß hielt sicher 5 bis 6 Sekunden an und war von

unterirdischem Donner begleitet. Der bedeutendste Erdstoß aber, welchen

ich in Valparaiso empfand, war am 20. Januar 1850 des Abends 8 Uhr.

Bei heftigem unterirdischem Donner fand zugleich eine so heftige

schüttelnde Bewegung statt, daß in einigen Häusern die Lichter von

den Tischen fielen, und ebenso Gläser und andere Gegenstände. Auch

die im Hafen liegenden Schiffe empfanden den Stoß bedeutend und der

Obersteuermann des Dockenhuden glaubte, das Ankertau sei gesprengt. In

Copiapo soll dieser Erdstoß Schaden gethan haben; man geht indessen

leicht über solche Unfälle hinweg, sind sie einmal vorüber, trotz des

Schreckens der sich der ganzen Bevölkerung bemächtigt, sobald nur ein

leises Beben der Erde gefühlt wird.

Aber dieser Schrecken ist sehr natürlich und leicht zu verzeihen, wenn

man bedenkt, daß Niemand wissen kann, ob diesem leichten Erdstoße

nicht im andern Augenblicke ein heftiger folgt und vielleicht schon in

einigen Minuten die Stadt in Trümmern liegt und die halbe Bevölkerung

erschlagen unter denselben. So läuft bei der leisesten Erschütterung

Alles unter dem Rufe: »=il tiembla!=« aus den Häusern und bleibt auf

der Mitte der Straße stehen, um wenigstens für den ersten Augenblick

vor dem Erschlagen durch das etwa einstürzende Haus gesichert zu sein.

Alle Arbeiten, alle Geschäfte werden im Momente unterbrochen. Zarte,

zärtliche, aber auch höchst unzarte, wenn gleich nothwendige Dinge,

sind suspendirt mit dem Rufe »=il tiembla«= oder wohl auch »=Santa

Maria purimissima!=« den vorzugsweise das schöne Geschlecht gebraucht.

Natürlich nimmt man auf das Kostüm keine Rücksicht, und so finden

sich sonderbare Gruppen auf den Straßen, wenn etwa des Nachts eine

Erschütterung sich kund giebt. Denn auch zur Nachtzeit und selbst

im Schlafe liegend, fühlt man leicht, ja besser als bei Tage, eine

unbedeutende Erschütterung der Erde, da eine solche auf den Liegenden

stärker reagirt, als auf den, welcher steht oder sich fortbewegt, ohne

Zweifel weil eine größere Oberfläche des Körpers direkt mit der Erde

in Berührung ist.

Es ist übrigens eine eigenthümliche Empfindung um einen solchen

Erdstoß. Man ist gewohnt, die alte Mutter Erde wenigstens fest

und zuverlässig unter sich zu wissen, mag auch im Leben uns schon

mancherlei perfid gewankt und gewichen sein, auf welches wir ebenfalls

Häuser bauen zu können vermeinten. Da bewegt sich plötzlich

convulsivisch der Boden unter uns, und der dumpf zu unseren Füßen

grollende Donner giebt Zeugschaft von gewaltigen Kräften, welche

vielleicht schon im andern Augenblicke zerstörend, ja vernichtend

auftreten. Das Unheimliche der Erscheinung wird durch den gleichzeitigen

Angstruf der ganzen Bevölkerung vermehrt, und durch das Heulen der

sämmtlichen Hunde. Dieß dauert einige Sekunden. Dann lautlose Stille.

Folgt ein zweiter Stoß? Wird ein wirkliches Erdbeben mit allen seinen

Schrecken, allen seinen Verwüstungen eintreten? Aber schon nach einigen

Minuten ist scheinbar Alles vergessen und Jeder geht wieder an das

unterbrochene Geschäft oder schickt sich an, das gestörte Vergnügen

fortzusetzen. Es war nur ein Temblor, kein Terremoto, nur ein leichtes

Erzittern der Erde, kein _Beben_ derselben.

Die Ursache aller Erderschütterungen in Chile vom leisen, kaum

fühlbaren Erzittern der Erde bis zu Wochen, ja Monate lang anhaltenden

heftigen, Alles zerstörenden, wirklichen Erdbeben, ist unschwer zu

errathen. Das ganze Land ruht auf einem ungeheuern vulkanischen

Herde und die gegenwärtigen Erschütterungen sind Nachklänge jener

gewaltigen Katastrophe, während welcher Chile und wohl der größere

Theil der Westküste emporgehoben wurde.

Die Vulkane der Andeskette sind als die Feueressen zu betrachten, durch

welche jene unterirdischen Feuer mit der Atmosphäre in Verbindung

stehen. Fast ununterbrochen sind sie in Thätigkeit und geben Zeugniß

von den Reactionen, welche in der Tiefe vorgehen müssen.

Es sind in Chile zwei Erfahrungen in Betreff der Erdbeben gemacht

worden, wodurch man beiläufig im Stande ist zu vermuthen, ob in der

nächsten Zeit ein Erdstoß von einiger Intensität erfolgen wird.

Dieß ist einmal das längere Aussetzen irgend einer Erschütterung

überhaupt, und zweitens eine gewisse Ruhe der Vulkane. Obgleich

bei größeren Erdbeben das Volk leicht geneigt ist, ein göttliches

Strafgericht in demselben zu erblicken, glaubt man doch allgemein, daß

längere Ruhe einen heftigeren Sturm verkündet.

Man kann annehmen, daß durch irgend einen Vorgang jene Kanäle

verstopft worden sind, welche aus dem Innern der Erde zu den Vulkanen

führen, so daß deren Thätigkeit gegen außen auf einige Zeit gehemmt

wird, während in der Tiefe indessen die colossale Wechselwirkung

chemischer Kräfte keineswegs stille steht, sondern Massen von Gasen

anhäuft, welche nicht mehr entweichen können, da ihre Abzugskanäle

gesperrt sind. Ein gewaltsamer Ausbruch an irgend einer Stelle, und eine

mehr oder weniger heftige Erschütterung der Erdkruste, welche jenem

unterirdischen Feuer zur Decke dient, ist die natürliche Folge.

Es ist eine in Chile lange Jahre hindurch bestätigte Erfahrung, daß

durch keinerlei andere Vorläufer ein Erdbeben angezeigt wird. Kein

meteorologisches Phänomen, keine Schwankungen des Barometers zeigen sie

an. Unmöglich kann ich hier auf Ursache und Wesen der Erdbeben näher

eingehen, aber ich will als Beweis des eben Gesagten die Beobachtung

anführen, welche Herr Louis Troncoso in der Serena von Coquimbo in

den ersten Monaten des Jahrs 1849 angestellt hat. Domeyko hatte in den

Jahren 1838 bis 1842 den mittleren Barometerstand (reducirt auf 0°)

für dort auf 759.35 festgestellt.

Troncoso beobachtete nun während der Erdstöße folgende, ebenfalls auf

0° reducirte Barometerstände:

Erdstoß am 7. Januar, Morgens 11 Uhr: 759.70.

" " 29. " Abends 8 " 759.20.

" " 4. Februar, Mittag 1½ " 759.20.

" " 21. " Abends 8½ " 759.50.

" " 1. März, Morgens 3½ " 759.80.

" " 18. " Morgens 5½ " 760.60.

" " 8. April, Morgens 5¼ " 759.50.

" " 9. " Morgens 6¼ " 759.90.

" " 23. " Abends 5 " 759.60

" " 30. " Abends 8 " 760.40.

Alle Erdstöße treffen also hier mit einem mittleren Barometerstande

zusammen, oder vielleicht sogar, wenn man will, mit einem der die

mittlere Höhe ein wenig übersteigt.

Ich gestehe, daß ich egoistisch genug war, für die Dauer meines

Aufenthalts in Chile mir einen etwas deutlich ausgesprochenen Erdstoß

zu wünschen. Da aber bloß ein einziges Haus einfiel, während der

Erschütterung vom 14. November, so kann ich nicht sagen, daß mein

Wunsch erhört worden und ich vermag nicht als Augenzeuge die Vorgänge

zu schildern, welche bei einem größern Erdbeben stattfinden.

Aber ich will einige Beobachtungen anführen, welche =Dr.= Miguel in

Chile während des berüchtigten Erdbebens vom Jahre 1822 angestellt

hat. Sie sind, wie ich glaube, in Europa noch wenig in ihrem Detail

bekannt, und vorzugsweise deßwegen merkwürdig, weil jenes Erdbeben so

heftige Einwirkung auf den Gesundheitszustand der gesammten Bevölkerung

ausübte.

Es war, sagt =Dr.= Miguel, eine heitere, liebliche November-Nacht. Die

Atmosphäre war klar und hell, und der herrliche Himmel von Santjago

erschien in seiner ganzen imponirenden Pracht. Der Mond stand in der

Mitte seines ersten Viertels, aber die Sterne leuchteten so hell und

glänzend, daß man alles deutlich erkennen konnte. Das Barometer

stand 28'' 2¾''', und das Thermometer 70 Fahrenheit und zugleich war

vollständige Windstille.

Da zeigte sich plötzlich um 10 Uhr und 37 Minuten, ohne daß irgend

ein Geräusch oder ein anderes Zeichen vorangegangen wäre, ein heftiges

Schütteln der Erde, mit einer starken, wellenförmigen Bewegung

derselben von Ost nach West, und die Stöße waren so heftig und

gewaltsam, daß man nur mit Mühe festen Fuß behalten konnte. Die

größte Stärke der Erscheinung dauerte zwei Minuten und 30 Sekunden,

während welcher Zeit die Erde keinen Augenblick ruhig war, aber das

eigentliche Erdbeben dauerte fast an zwei Monate und es erfolgten

während dieser Zeit 20 sehr starke Erschütterungen und 150 nicht so

heftige.

Man kann sich denken, welcher Schreck, welche Verwüstung entstand,

zudem da an andern Orten die Erscheinung mit noch größerer Intensität

auftrat, so z. B. in Valparaiso, in Casablanca, Illapel und la

Ligua, welche sämmtlich fast gänzlich zerstört wurden, und wo über

zweihundert Menschen ihr Leben verloren.

Bald nach den ersten Stößen wurde die Luft trübe und dunstig, was

etwa 16 Stunden anhielt, und 6 Stunden lang fiel ein heftiger und

starker Regen; zugleich spaltete sich an vielen Orten der Boden und es

ergoß sich aus den Rissen dunkelgefärbtes und übelriechendes Wasser;

an andern Orten drang aus den Spalten auch Feuer hervor. Am 20.

November des Morgens um 3 Uhr fuhr von der Cordillera aus eine große,

hell-leuchtende Feuerkugel[42] über das Land hinweg auf die See zu;

diese Erscheinung wurde allgemein beobachtet, da Niemand sich unter Dach

zu bleiben getraute, und Alles auf freiem Felde verweilte. _Während_

des Erdbebens wurde an mehreren Orten ein sehr bedeutendes Fallen des

Barometers beobachtet, zugleich zeigte die Magnetnadel die heftigsten

Schwankungen und drehte sich ohne stille zu stehen, mehrmals um ihre

eigene Axe, sobald sehr heftige Stöße erfolgten. Höchst interessant

ist ferner, daß während der zwei Monate, so lange das Erdbeben

dauerte, die Nadel eine ganz außergewöhnliche Zunahme der Inclination

zeigte, und es wurde dieß nicht nur in Santjago, sondern auch im Hafen

von Valparaiso von mehreren Kapitänen bemerkt.

In den warmen Bädern von Cauquenes und Colina setzten mehrere Quellen

aus, veränderten seit jener Zeit ihre Temperatur beträchtlich, und

einige derselben blieben auch gänzlich aus; an andern Orten aber kamen

plötzlich neue Quellen zum Vorschein. Während aber allenthalben der

Boden Risse und Spalten bekam und überhaupt im Lande alles in Aufruhr

und die Natur in der lebhaftesten Action begriffen war, zeigten die

Vulkane, welche man von der Stadt aus beobachten konnte, nur eine

geringe Thätigkeit und _vor_ dem Erdbeben waren sie ganz ruhig.

Dies sind die vorzüglichsten Erscheinungen, unter welchen das Erdbeben

auftrat, aber die interessantesten Mittheilungen macht =Dr.= Miguel, der

zu jener Zeit Hospitalarzt in Santjago war, über den Einfluß, welchen

die ganze Masse jener furchtbaren Ereignisse auf die ganze Bevölkerung,

und auf den Gesundheitszustand derselben hervorrief.

Fast zu allen Zeiten hat man die Erfahrung gemacht, daß ähnliche

Phänomene und Ereignisse, welche ein ganzes Volk in heftigen

Schreck oder Entmuthigung versetzten, theils eigenthümliche Seuchen

hervorriefen, theils den Charakter schon bestehender Krankheiten höchst

bedrohlich verschlimmert haben, und die sogleich folgenden Angaben von

Miguel bestätigen jene Wahrnehmung vollkommen.

Dyssenterie, welche vor jener Zeit gutartig und selbst wenig verbreitet

war, nahm einen bösartigen Charakter an und wurde epidemisch. Das

Aneurisma wurde zur wahren Geißel von Santjago. Während der 48

Stunden, in welchen die heftigsten Erdstöße folgten, zeigten sich

in medicinischer und chirurgischer Hinsicht die eigenthümlichsten

Modificationen. Es zeigten sich heftige Fieber mit Schüttelfrösten und

darauf folgenden Delirien. In verschiedenen chirurgischen Fällen,

wo blos leichte Geschwüre vorhanden waren, traten plötzlich

rothlaufartige Flecken auf, welche sich rasch über den ganzen Körper

verbreiteten und gewöhnlich ging dieses Rothlauf in Gangrän über und

es erfolgte der Tod.

Derselbe Fall fand statt, wenn nur irgend eine geringfügige Operation

gemacht wurde. Es erfolgten rothlaufartige Erscheinungen, Gangrän und

meist der Tod.

Vorzüglich waren es die Wöchnerinnen, welche diesem Uebel unterworfen

waren, und in ganz kurzer Zeit starben allein 67 Frauen, welche alle

den höheren Ständen angehörten. Die Neugeborenen folgten ihnen,

indem sich die Krankheit, von der Nabelschnur ausgehend, rasch über

den ganzen Körper verbreitete. Kinder, welchen man kleine Löcher zum

Tragen der Ohrringe gestochen hatte, starben häufig und rasch unter

ähnlichen Erscheinungen, kurz es zog die unbedeutendste Verwundung,

welche sonst in einigen Tagen vollkommen heil gewesen wäre, zu jener

Zeit rasch den Tod nach sich. Ein ganz interessanter Fall ist aber

noch folgender. Die eigentliche Hundswuth war vor dieser Zeit in Chile

unbekannt. Es trifft sich wohl, daß hie und da ein Hund oder ein

anderes Thier von einer ähnlichen Krankheit befallen wird. Man nennt

in Chile das Thier alsdann »närrisch,« es läuft wie toll umher

und beißt ohne Unterschied Thiere und Menschen. Aber diese Bißwunden

zeigen nicht die eigenthümlichen Erscheinungen der Hundswuth und die

Gebissenen genesen vollständig und ohne Folgen in kurzer Zeit. Zur Zeit

des Erdbebens indessen wurde ein Franzose in Santjago von einem Schweine

in den Finger gebissen. Die erwähnten rothlaufartigen Erscheinungen

traten nach 24 Stunden ein, nach drei Tagen bereits war Gangrän

eingetreten, und der Kranke starb unter allen Zeichen der vollständig

ausgebildeten Hundswuth.

Sobald das Erdbeben aufgehört hatte, verschwanden schnell alle

Krankheiten, welche während desselben aufgetreten waren und die, welche

schon vorher bestanden hatten, verloren vollständig ihren bösartigen

Charakter.

Daß alle diese furchtbaren Erscheinungen, zu welchen sich noch

Nervenleiden aller Art gesellten, eine Folge des Erdbebens gewesen,

unterliegt wohl keinem Zweifel; ob sie indessen durch einen

eigenthümlichen Zustand der Atmosphäre während jener Zeit

hervorgerufen worden sind, oder ob sie, wenn man so sagen darf, durch

die moralische Einwirkung der Angst und des Schreckens auf das Gemüth

entstanden sind, kann hier nicht untersucht oder näher erörtert

werden.

Aber ich habe diese Schilderung mitgetheilt, um zu zeigen, wie allgemein

und bis zu welchem hohen Grade das Unglück des ganzen Landes gesteigert

werden kann beim Eintritt einer solchen Katastrophe, und da jeden

Augenblick sich solches ereignen kann, mag die Furcht, welche sich auch

bei einem leichten Erdstoße äußert, wohl entschuldigt werden. --

Ich will noch kurz einer Erscheinung erwähnen, welche einigermaßen

verwandt mit dem Erdbeben ist, ich meine das _Leuchten der Vulkane_.

Man hat, so viel mir bekannt ist, dieses Phänomen blos bei den

Vulkanen eines Theils der Andeskette wahrgenommen, und es ist noch

nicht erklärt, warum es nicht auch bei anderen Feuerbergen getroffen

wird[43]. Ich habe dieses Leuchten in Valparaiso und Santjago und selbst

auch von See aus gesehen. Später beobachtete ich es auch in Bolivien.

Es läßt sich ganz gut mit dem sogenannten Wetterleuchten vergleichen,

und es ist leicht möglich, daß ein flüchtiger Beobachter beide

Erscheinungen verwechselt. Indessen finden zwei Kennzeichen statt,

welche bei näherer Beachtung beide Phänomene gut unterscheiden lassen.

Das Leuchten der Vulkane, so gut wie das Wetterleuchten, ist eine

sekundenlange Erleuchtung des Horizontes, mehr oder weniger intensiv

und stets auf eine, nicht sehr bedeutend große Stelle des Himmels

beschränkt. Fast immer aber findet das Wetterleuchten am _Rande_ des

Horizontes statt, so daß dasselbe scheinbar _hinter_ dem Walde, Berge,

oder dem Gegenstande, welcher eben die Grenze des Horizontes bildet,

herzukommen scheint, oder wenigstens hinter den Wolken, welche

vielleicht oberhalb jener Berge am Himmel aufgestiegen sind. Könnte man

die Erscheinung fixiren, so würde sie mehr oder weniger einen Halbkreis

bilden. Das Leuchten der Vulkane aber an Intensität und Zeitdauer einem

schwachen Wetterleuchten ähnlich, tritt _abgegrenzt_ am Horizonte auf,

als eine Lichterscheinung, welche sich der kreisrunden Form nähert,

ähnlich dem Wiederscheine einer nicht sehr entfernten Feuersbrunst.

Dies ist wenigstens der Fall, wenn man einen einigermaßen entfernten

Standpunkt vom Orte des Entstehens hat, so etwa von Valparaiso aus gegen

die Andes-Kette zu; dicht am Gebirge selbst hingegen wird es ähnlich

dem Wetterleuchten gesehen, und scheinbar hinter den Bergen ansteigend.

Der andere Unterschied ist die Stelle des Himmels, der Ort, wo das

momentane Aufblitzen stattfindet. Das Wetterleuchten, ohne Zweifel

entfernter Blitz oder wenigstens eine sehr verwandte ähnliche

Erscheinung, findet nach allen Richtungen des Horizontes hin statt,

bald hier, bald dort, und eben in der Himmelsgegend, in welcher der

elektrische Proceß auftritt. Aber das Leuchten der Vulkane ist stets

auf eine bestimmte Stelle des Himmels beschränkt, und wird, in so

vielen Nächten man es auch beobachtet, stets an ein und derselben

Stelle gesehen, wenn der Beobachter seinen Standpunkt nicht verändert.

Befestigt man ein Rohr, etwa von Pappe, an irgend einen Gegenstand und

richtet dasselbe auf den Mittelpunkt der Lichterscheinung, so kann man

alle folgenden Nächte, in welchen sie überhaupt auftritt, auch genau

dieselbe wieder durch das Rohr beobachten.

Es geht also das Licht stets von ein und derselben Stelle aus.

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, wie sich die Erscheinung dem Auge

darstellt. Sie ist ein momentaner Lichtblitz, der sich oberhalb des

Kraters eines Vulkanes am Himmel zeigt. Durch Meyen, welcher in der

Nähe beobachten konnte, ist dies hergestellt, und durch die allgemeine

Stimme in Chile bestätigt, indem man dort davon als von einer

ausgemachten Sache spricht. Meyen hat während des Aufleuchtens einen

feurigen Klumpen aus dem Vulkane emporschleudern und wieder in

denselben zurückstürzen sehen, zu anderen Zeiten hörte er ein dumpfes

Geräusch, welches er mit entferntem Donner vergleicht.

Da ich, wie schon gesagt, zu entfernt von dem Orte des Entstehens war,

bemerkte ich Nichts derartiges, aber ich habe anhaltend viele Nächte

hinter einander, und dies fast während meines ganzen zweiten und

dritten Aufenthaltes in Valparaiso, und eben so in Santjago, das

entfernte Leuchten selbst beobachtet. Später in der Algodonbai in

Bolivien, habe ich es mit Ausnahme ganz heller Mondnächte ebenfalls

täglich gesehen, und dort wie in Valparaiso fand das Aufblitzen in

Intervallen von 10 bis 12 Minuten statt. Einmal war das Licht

stärker, ein ander Mal wieder schwächer, indessen ohne alle bestimmte

Reihenfolge. Ich wurde in der Algodonbai durch den Wiederschein

aufmerksam gemacht, welchen das Licht am Tauwerke des Schiffes

hervorbrachte, und welchen ich wahrnahm, indem ich der leuchtenden

Stelle am Horizonte den Rücken zukehrte. Dort schien das Licht hinter

den Bergen hervorzukommen, da das Schiff sehr nahe am Lande, und dicht

an dem ziemlich hohen Küstengebirge lag, und es ging das Leuchten

wahrscheinlich von dem Vulkane Acongagua aus, welcher in jener Richtung

lag. In Valparaiso aber, wo es von der hohen Cordilla Chile's herkam,

betrug seine scheinbare Höhe oberhalb des Horizonts einige Grade.

Ich glaube, daß die Erscheinung bedingt ist durch die feurigflüssige

Lava im Innern des Kraters, welche von Zeit zu Zeit aufblitzt. Naumann

hat in seinem vortrefflichen Handbuche der Geognosie hierauf

hingewiesen und ich habe bereits in Chile gegen Landsleute das Gleiche

ausgesprochen. Vielleicht ist das plötzliche momentane Erglühen von

einem elektrischen Processe bedingt, welcher auf der Oberfläche der

Lava vor sich geht, vielleicht aber rührt es von Gasmassen her, welche,

von unten emporsteigend, die Lava durchdringen, dieselbe in Bewegung

setzen, und tiefere, heller erglühende Partien derselben an die

Oberfläche bringen.

Unter allen Verhältnissen aber ist es immer interessant, daß bis jetzt

blos bei den Feuerbergen der Andes-Kette dieses Leuchten beobachtet

worden ist. Es läßt sich hieraus vielleicht auf eine höchst intensive

Thätigkeit des unterirdischen Gesammtherdes vulkanischer Thätigkeit

schließen, vielleicht aber sind auch Ursachen im Spiele, welche man

bis jetzt nicht vermuthet hat, z. B. Detonationen von Gasarten, oder

Aehnliches.

_Kosmische Erscheinungen,_ welche ich in Chile beobachtet, habe ich nur

wenige anzuführen. Ich habe schon von der Intensität berichtet, mit

welcher auf der hohen Cordillera das Zodiakallicht auftritt, ich muß

aber hier noch beifügen, daß auch im Flachlande von Chile dasselbe

schön und leuchtend gesehen wird, wenngleich nicht in jener

Lebhaftigkeit und Lichtstärke wie auf dem Gebirge.

In Betreff der Sternschnuppen kann ich nicht behaupten, daß dieselben

eben häufiger gewesen als bei uns, oder überhaupt in höheren

Breitegegenden. Aber sie schienen mir leuchtender aufzutreten und

zugleich niedriger zu gehen.

Die letzte Beobachtung hat schon Meyen gemacht und er spricht von

einer Sternschnuppe, welche er am Fuße der Cordillera von Rancagua

beobachtete, und welche so tief ging, daß sie in den Schatten der

Gebirgskette trat, mithin niedriger als die Spitze des Gebirges selbst

ziehen mußte. Ich selbst aber habe mehrmals von der Cordillera aus

Sternschnuppen über das Flachland von Chile gehen sehen, welche

mindestens in gleicher Höhe mit dem Standpunkt, auf welchem ich mich

befand, dahinzogen. Dies könnte eine Täuschung sein, allein da nur

dieses niedrige Ziehen der erwähnten Meteore für einen größeren

Theil der Westküste stattzufinden scheint, so will ich hier gleich

einer Erscheinung erwähnen, welche ich im Hafen von Callao beobachtet

habe, und wo eine ähnliche Täuschung nicht wohl möglich war.

Es senkt sich dort meistens des Abends eine wolkenähnliche Nebelschicht

abwärts, sowohl über die See, als auch über das Küstenland. Als

wir im Monate März (1850) dort vor Anker lagen, und die Nebel, sich

in dichten Massen herabsenkend, bald die Gipfel der Felsen-Insel St.

Lorenzo erreicht hatten, zog etwa 8 bis 10 Minuten nach Sonnenuntergang

eine Sternschnuppe von Südost nach Nordwest deutlich unterhalb der

Nebelschicht und zwar nicht mit funkensprühendem Schweife, aber

doch hell und mit röthlichem Lichte leuchtend dahin. Doch konnte die

Erscheinung, welche mit großer Schnelligkeit dahin fuhr, kaum länger

als eine Sekunde beobachtet werden. Die Höhe der Insel Lorenzo ist mir

zwar nicht genau bekannt, aber wohl schwerlich war die Nebellage höher

als 3000 Fuß vom Meeresspiegel entfernt, und es mußte daher das Meteor

in dieser Höhe gezogen sein.

Wenn man dies, so wie die anderen niedrig gehenden Sternschnuppen, nicht

als eine Ausnahme betrachten will, so weiß ich sehr gut, daß es

nicht mit der herrschenden Ansicht über den kosmischen Ursprung dieser

Meteore zusammenpaßt, an einem bestimmten Theile der Erde ein so nahes

Vorübergehn oder vielleicht häufigeres Herabstürzen auf dieselbe

anzunehmen, als anderswo. Ich selbst hänge jener Ansicht vom kosmischen

Ursprunge der Sternschnuppen an, aber nichts desto weniger mußte ich

dennoch berichten, was ich wahrgenommen habe.

* * * * *

Die geographischen Verhältnisse Chile's überhaupt und ein Theil der

meteorologischen Erscheinungen, welche dort auftreten, haben in mir die

Idee hervorgerufen, daß Chile, so wie überhaupt ein Theil der übrigen

Westküste, ein noch verhältnißmäßig junges Land ist.

Es wird dies bestätigt durch die spärliche Fauna, welche dort

angetroffen wird. Ich habe von Chile, mit Einschluß der hohen

Cordillera, 2 Echinodermen, etwa 10 Species von Molusken, Insekten an

100 Arten, 6 Krebse und eine geringe Anzahl von Amphibien mitgebracht.

Von Vögeln 70 und etliche Arten, Säugethiere hingegen nur 7 Species.

Selbst in den dichten und feuchten Wäldern von Valdivia habe ich nur

einige Insekten gefunden, obgleich mir, dem früheren eifrigen Sammler,

die Fundorte wohl bekannt waren. Die Land- und Südwasser-Schnecken, und

eben so die Amphibien, sind spärlich vertreten. Auch Säugethiere sind

nur wenige vorhanden. Nur die Vögel repräsentiren ziemlich zahlreich

das Thiergeschlecht.

Ohne weiter einzugehen auf das Entstehen der Thierwelt in einem neu

entstandenen, aus den Fluthen des Meeres durch vulkanische Kräfte

gehobenen Lande, fällt doch sogleich in die Augen, daß die

gegenwärtig in Chile bestehende Fauna die Ansicht von der nicht langen

Existenz des Landes unterstützt. Der Säugethiere sind wenige, und von

diesen mögen die Puma, das Guanaco, der Cordillera-Fuchs, und selbst

einige der auf dem Gebirge lebenden Rattenarten über das letztere

selbst von der Ostküste hergekommen sein. Ihnen wenigstens waren jene

Schneemauern und Schluchten der Andes-Kette keine unübersteiglichen

Hindernisse.

Ein gleicher Fall findet mit den reichlicher vertretenen Vögeln statt,

und ein großer Theil derselben kann sehr wohl über die Cordillera

in das neue Land gekommen sein. Die Insekten aber, die Amphibien und

Molusken, für welche die Andes-Kette mit ihren Schneefeldern wohl

eine unübersteigliche Scheidewand gebildet hat, und welche in geringer

Anzahl gegen andere Länder unter gleichen Breitegraden vorhanden,

bestätigen jene Theorie von der Jugend des Landes, welche sich mir

unwillkürlich aufgedrängt hat.

Reise in Südamerika. Zweiter Band. · 第 14 / 23 题