Valdivia (Chile).
»Wollen Sie nicht ein wenig an's Steuer gehn,« sagte der Kapitain,
nachdem ich fünf Minuten vorher das gute Barkschiff Dockenhuden als
wohlbestallter Supercargo bestiegen hatte.
Ich antwortete lakonisch, wie man es zur See liebt »Ja Kapitain!« und
trat wirklich an's Steuer.
Die Sache war die, daß guter Landwind war, und alle Hände beschäftigt
waren, die Segel frei zu machen, um aus dem Hafen von Valparaiso zu
kommen, denn der Dockenhuden, auf welchem ich mich befand, war nach
Valdivia bestimmt und hatte keine Zeit zu verlieren. Dies war mir
einigermaßen klar, weniger aber, oder gar nicht wußte ich, wie ich
das Steuer handhaben sollte. Aber ich war ja Supercargo, und mußte
als solcher doch wohl schon so häufige Seereisen gemacht haben, um ein
wenig steuern zu können!
Zu des Lesers Trost, welcher vielleicht nicht weiß, was ein Supercargo
ist, will ich gestehen, daß ich es zu jener Zeit selbst nicht wußte.
Zwei Tage, ehe ich den Dockenhuden bestieg, frug mich Freundt: »Wollen
Sie mit einem Schiffe, welches ich expedire, nach Valdivia?«
»Ja!«
»Wie viel Zeit brauchen Sie, um fertig zu werden?«
»Zwei Stunden!«
»Sie haben zwei Tage.«
Die Geschichte war kurz abgemacht. Als ich gieng, sagte Freundt noch,
er habe mich als Supercargo für den Dockenhuden eingeschrieben, und als
ich frug, was ich als solcher zu thun habe, erwiederte er. »Nichts!«
Der Grund, warum mich Freundt's vorsorgliche Gefälligkeit mit diesem
Titularposten betraute, war aber der, um mir den Paß zu sparen, den
jeder von Valparaiso Abgehende haben muß, während der Ankommende
keinen bedarf. Die Polizei hält strenge Controlle, und da jeder, der
einen Paß verlangt, 24 Stunden lang am Polizeigebäude öffentlich
angeschlagen wird, ist es nicht wohl möglich, mit Schulden zu
entwischen. Ein solcher Paß aber kostet, irre ich nicht, drei Peso.
Aber Bedienstete auf einem Schiffe bedürfen keines Passes, und so war
mir ein für allemal die Paßplackerei erspart.
Später erst erfuhr ich, daß der Supercargo diejenige Person ist,
welche die kaufmännischen Geschäfte an Bord zu besorgen hat. Gott
weiß, daß unter allen Aemtern auf der Welt ich eben diesem am
wenigsten gewachsen war.
Was mein Steuern betrifft, so machte anfänglich der Kapitain Bewegungen
mit der Hand, welche Backbord und Steuerbord bedeuteten, und indem
ich hiernach das Steuerrad drehte, gieng alles vortrefflich. Aber es
entfalteten sich immer mehr und mehr Segel, der Kapitain begann sein
plattdeutsches Kommando, und ich wußte nicht mehr, sollte ich rechts,
links, stark oder schwach, oder gar nicht drehen.
Ich drehte aber dennoch, und zwar nach Gutdünken, einmal Backbord,
dann Steuerbord, und da mich allmählig die Wuth der Langweile erfaßte,
endlich so stark, daß der Dockenhuden sonderbare Bewegungen begann.
Nun rief der Kapitain: »Was Teufels machen Sie?« Ich antwortete: »Ich
steure!« Hierauf folgten Erklärungen und der Kapitain stellte sich
lachend selbst an's Steuer, bis alle Segel klar und ein Matrose den
gewöhnlichen Dienst übernahm. Aber als ich dort vom Steuer gieng,
fühlte ich zum erstenmale eine Anwandlung von Seekrankheit.
Der Dockenhuden führte wenig Ballast, und schwankte deshalb, vielleicht
auch in Folge meines Steuerns, ziemlich stark, ich aber war dieser
Bewegung theils ungewohnt, theils zu rasch in dieselbe versetzt worden.
Indessen ließ ich mir nichts merken, legte mich in meine Koje und
nahm einen tüchtigen Schluck Rum. Nach einer halben Stunde war
alles vorüber, und ich hatte dort zum ersten und letzten Male einen
entfernten Begriff bekommen, wie es denen zu Muthe sein mag, die Monate
hindurch wirklich seekrank sind[33].
Der Dockenhuden war eine schöne Barke von 400 Tonnen und gehörte einem
der bedeutendsten Rheder in Hamburg. Ich habe später mit demselben
Schiffe die Rückreise nach Europa gemacht, und mich mit dem Kapitain
sowohl als mit der Mannschaft stets auf's Beste vertragen. Für jetzt
aber waren wir nach Valdivia bestimmt, um dort Holz einzunehmen. Man
bedarf gewöhnlich, um von Valdivia nach Valparaiso zu kommen, 3 Tage,
denn man benutzt den unausgesetzt wehenden Südwind, und kann _vor dem
Winde_ und mit Leesegeln fahren. Bei der Hinreise aber muß man einen
Winkel machen, d. h. man muß fast 600 englische Meilen weit westlich,
dann aber wieder östlich halten, um _bei dem Winde_, d. h. mit
Seitenwind, fahren zu können. Man bedarf auf diese Weise 10 bis 14
Tage, oft noch länger. Wir indessen kamen in 10 Tagen zum Ziele.
Es ergab sich auf der kleinen Reise wenig Merkwürdiges, doch will
ich eines Meteors erwähnen. Es zog nämlich eines Abends bei fast
wollkenleerem Himmel von Ost nach West eine Sternschnuppe mit so
intensivem Lichte, daß, obgleich noch kein einziger Stern am Himmel zu
bemerken und es fast heller Tag war, dennoch das Meteor den Glanz der
Venus zeigte.
Eine andere Erscheinung, welche ich am Lande nie, wohl aber später
öfter auf See wahrgenommen habe, war eine Art Luftspiegelung, welche
ich auf jener Fahrt einige Tage nach jener Sternschnuppe das erstemal
bemerkte.
Etwa eine Stunde _vor_ Sonnenuntergang zeigte sich in der, der Sonne
gerade entgegensetzten Himmelsgegend, mithin am östlichen Himmel, in
den Wolken das Spiegelbild der Sonnenstrahlen, jedoch in verkehrter
Richtung, so daß, während im Westen die sichtbaren Strahlen der Sonne
_abwärts_ divergirten, sie im Osten den Eindruck der aufgehenden Sonne
machten, und _aufwärts_ divergirten.
Die Spiegelung war klar und deutlich ausgesprochen und man hätte zur
Morgenzeit wirklich an einen Sonnenaufgang glauben können.
Am 15. Januar hatten wir den ganzen Tag die Insel Mas a fuera
(wörtlich: meide außen) in Sicht. Ich habe die Felseninsel von
mehreren Seiten gezeichnet, und habe mich, nach Hause gekommen, über
die Aehnlichkeit meiner Skizze mit der Zeichnung gefreut, die Anson vor
hundert Jahren entworfen hatte. An ein Landen war natürlich nicht zu
denken.
Möven, Seeschwalben und eine kleine schwarze Art Albatroß waren unsere
fast steten Begleiter, auch sahen wir zahlreiche Quallen, worunter
mehrere von wohl zehn Fuß Länge bandartig und gegliedert. Diese
letzteren Arten sollen von den Wallfischen gespeist werden. Wirklich
sahen wir auch am 16. October mehrere Wallfische in nicht großer
Entfernung bei uns vorüberziehen und des andern Morgens einen
Wallfischjäger, aber die Hoffnung, einer Jagd beiwohnen zu können,
wurde zu nichte, denn jetzt ließ sich kein Wallfisch sehen.
Wir indessen jagten auf schöne Delphine mit weißem Bauche und
schwarzem Rücken, Springfische von den Seeleuten genannt, aber ohne
Erfolg, indem wir zwar die Thiere verwundeten, aber nicht an Bord
brachten.
Auch Hornfische[34] begleiteten ziemlich zahlreich längere Zeit unser
Schiff. Ihre Größe betrug etwa einen Fuß und ihre bunte Färbung, das
ganze prismatische Bild repräsentirend, machte sie zu einer lieblichen
Erscheinung.
Vor fünf Monaten hatte ich dasselbe Meer befahren und seine Fauna als
eine spärliche bezeichnen müssen, während wir jetzt keine viertel
Stunde segelten, ohne Thieren der verschiedensten Art zu begegnen,
aber wir hatten jetzt Sommer, und es betätigte sich, daß mit wenig
Ausnahmen, etwa der Eisbären und einiger ihnen gleich gestimmten
menschlichen Seelen, jedes vernünftige und unvernünftige Thier die
Wärme mehr als die Kälte liebt.
Am 22. des Morgens erblickten wir die Küste von Valdivia. Aus steilen
bergigen Abhängen bestehend und wohl in ähnlicher Form auftretend wie
die nördlicher gelegenen Küstenstriche, wird der Anblick derselben
modificirt durch den Waldwuchs, der sie allenthalben bedeckt. Ich habe
deutsche bewaldete Flußufer zu sehen geglaubt, als wir dicht am Lande
hinfuhren, und ich das stille Meer hinter mir, sammt seiner ziemlich
geräuschvollen Brandung vor mir, absichtlich ignorirte.
Wir liefen Nachmittags in den Hafen ein, und bald betrat ich das Land,
mit dem eigenthümlichen Wohlbehagen, welches der Naturforscher fühlt,
wenn er den Fuß auf einen ihm noch unbekannten Boden setzt.
Es war die Bai von Corral, der Hafen von Valdivia, vor Jahren einer der
wichtigsten Plätze der Westküste. Welche Bedeutung man auf den Hafen
gelegt, zeigen die Menge der Forts, welche zur Befestigung desselben
angelegt. Aber sie liegen in Trümmern diese Forts. Die Zeit und die
Stürme der Revolution haben sie gebrochen und mehr vielleicht noch die
Nachlässigkeit, mit welcher die Spanier das von ihren Vätern Erworbene
beschützten und unterhielten. Bäume stehen innerhalb der Ringmauern,
Lianen wuchernd um die verfallenen Laffetten der Geschütze und der
Urwald[35], in nächster Nähe von Batterien, hat nicht seine Herrschaft
aufgegeben über das jungfräuliche Land.
Der Eingang des Hafens liegt gegen Norden wie fast alle chilenischen
Häfen, und bietet daher wenig Schutz vor den dorther kommenden
Stürmen, während bei anderen Windrichtungen das Wasser der
allenthalben geschlossenen Bai oft kaum bewegt wird.
Die den Eingang beschützenden Batterien, Fort Carlos und
Niebla-Batterie, liegen in Trümmern, eben so die Gonzalo-Batterie
und mehrere kleinere. Nur das Fort Corral steht noch nothdürftig
zusammengehalten da, Häuser und Hütten in seiner Nähe bilden den
Flecken Corral. Die Bai ist ringsum bewaldet. Ihre Breite beträgt
eine halbe englische Meile an der Stelle, wo sie sich gegen den See hin
öffnet, aber von dort geht ihre Längenerstreckung über zwei englische
Meilen in's Land, und das zwar in direkter Richtung gegen Süd. Aber
jener Theil derselben, die sogenannte St. Johns Bai, kann zum großen
Theile nicht mit größeren Fahrzeugen befahren werden und verflacht
sich am Ende dergestalt, daß zur Zeit der Ebbe die Bai wohl auf eine
Viertelstunde weit trockenen Fußes überschritten werden kann.
In der Bai selbst mündet der Rio de Valdivia, welcher aber, weiter
gegen oben, andere Namen führt, Rio de Arige, Callse-Callè Fluß und
Rio de las ciruelas, der Pflaumenfluß.
Der Fluß ergießt sich in zwei Armen in die Bai und bildet so eine
Insel von etwa zwei englischen Meilen Breite und Länge, die Isla del
Rey, und selbst hier wird dieser eine Arm wieder anders genannt, Rio
de poco commer, oder wörtlich Fluß wo wenig zu essen. Kleine Flüsse
ergießen sich noch mehrere in die Bucht, so der St. Johns Fluß und
einige andere, welche wie ich glaube keine Namen haben.
Ziemlich mitten in der Bai liegt die Manzera-Insel. Die in die Bai
mündenden Flüsse, die Inseln, die Bergabhänge, bewaldet, aber nicht
so steil abfallend wie jene gegen die See, machen einen freundlichen
Eindruck, der indessen den Charakter des Wilden und Romantischen nicht
verloren hat.
Die Grundform des Gebirgs ist die granitische, hier durch
Glimmerschiefer repräsentirt in allen Nüancen. An einigen Orten von so
feinem Gefüge, daß letzteres kaum mit unbewaffneten Augen zu erkennen,
tritt nicht weit hievon wieder ein Gestein auf, in welchem mehrere Zoll
große Tafeln von Glimmer und Quarzfragmente von entsprechender Größe
zu finden sind. Mittelstufen fehlen nicht. In der Nähe des Forts
Corral, und dort das Ufer bildend, an welchem man mit den Booten landet,
findet sich ein festes Conglomerat aus Fragmenten von Glimmerschiefer
und allen erdenklichen Geröllen der See zusammengesetzt. Diese Bildung,
jedenfalls eine secundäre, und ein secundärer Süßwassersandstein mit
Versteinerungen, der an verschiedenen Stellen der Fluß-Ufer vorkömmt,
bilden die geognostische Form der Bai und ihrer nächsten Umgebung. Aber
auch weit hinein in das Land tritt Glimmerschiefer auf, wie mir dort
wohnende Deutsche versichert haben. Ich habe der wenigen eigentlichen
mineralogischen Beimengungen, welche sich in dem erwähnten
Glimmerschiefer finden, in einer wissenschaftlichen Abhandlung, welche
in den Denkschriften der k. k. Academie in Wien erschienen ist, näher
gedacht, und will, um den Leser nicht zu ermüden, hier nicht weiter
von denselben sprechen. Aber einer komischen Täuschung, einer
geognostischen Anekdote will ich gedenken, welche mich in nicht geringe
Aufregung versetzt hat. Mehrere Tage nach unserer Ankunft im Hafen, und
mit den einfachen Formen der auftretenden Gesteine schon fast vertraut,
ging ich einst streifend und Handstücke des Glimmerschiefers schlagend,
unweit der Küste, als ich plötzlich einige Gesteine fand, zerstreut
als Findlinge umherliegend, welche nicht entfernte Aehnlichkeit mit
den dort anstehenden hatten. Ich nahm einige auf und ging weiter. Neue
Seltenheiten, sich mehr und mehr häufend! Laven, Granite, Dolerite und
Porphyre aller Art und mitten unter ihnen Sandsteine und Kalkgebilde,
friedliche Kinder des Neptun unter jenen feuererzeugten Söhnen der
Unterwelt. Schon begann ich an einer Theorie zu arbeiten, als ich der
Spur jener Raritäten folgend, endlich an eine Stelle kam, wo eine ganze
Halde der fabelhaften Formen aufgethürmt lag.
Ich frug eine alte Frau, welche dort in der Sonne liegend ihre Cigarre
rauchte, woher die Steine, denn mir war wohl bekannt, daß alte Weiber
Vieles wissen, und ich erhielt die Antwort: »von den Schiffen!«
Das Räthsel war gelöst. Es war dort die Stelle, wo die Schiffer,
vielleicht so lange der Hafen bestand, ihren Ballast löschten und auch
wieder aufnahmen, und so war es nicht zu verwundern, daß dort sich die
bunteste Musterkarte von Gesteinen vorfand, welche unschätzbar gewesen
wäre für den Geognosten, hätten die Matrosen nicht vergessen die
Fundorte auf den Exemplaren zu bemerken.
Der ganze landschaftliche Charakter des Hafens von Corral und seiner
Umgebung ergiebt sich am besten aus einigen Excursionen, von welchen ich
sogleich unten berichten muß, nur will ich hier noch des Blickes auf
den 60 Stunden weit entfernten Vulkan von Villarica erwähnen, welcher
bei heiterem Wetter als eine glänzende weiße Pyramide zu sehen ist,
wenn man nur irgendwie einen halbweg erhöhten Standpunkt gewählt hat.
Ohne Zweifel ist dieser Vulkan einer der höchsten in der ganzen Kette
der Anden und die trigonometrischen Messungen, welche in neuerer Zeit
von Engländern angestellt worden sind, haben hohe Zahlen ergeben,
welche ich aber nicht anführen will, da mir bestimmte Angaben über
jene Untersuchungen bis jetzt noch fehlen. Der Vulkan ist noch thätig
und von Zeit zu Zeit steigen von seinem Gipfel Rauchsäulen in die
Höhe, welche vom Hafen aus gesehen werden können.
Einer meiner ersten Besuche galt einem Deutschen, Ernst Fricke,
einem sehr gebildeten und tüchtigen jungen Manne, welcher dort eine
Sägemühle besitzt. Zur Zeit meines Aufenthaltes war seine Wohnung,
wenn gleich bequem und die Sägemühle gut construirt, doch nicht ohne
den Reiz des romantischen Ansiedlerlebens. Ein älterer Bruder von
Fricke, dessen Bekanntschaft ich einige Tage später machte, wohnt
auf der Isla del Rey. Ich bin von den Brüdern auf das Freundlichste
aufgenommen worden und es war mir ihre Bekanntschaft von großem Nutzen,
da beide mehrfache Reisen in's Innere gemacht hatten und schätzbare
Notizen über das Land mittheilten.
Auch auf der Insel Manzera wohnte ein Deutscher, welcher indessen
dort nicht stabil war, sondern als Verwalter eines anderen Landsmannes
später in's Innere abzugehen die Absicht hatte. Ich kam mit den
eingebornen Bewohnern von Corral weniger in Berührung, doch machte
ich die Bekanntschaft zweier liebenswürdigen Damen, der Gattin und
Schwiegermutter des älteren Fricke, welche zur Zeit dort wohnten.
Am zweiten Tage unseres Aufenthaltes im Hafen fuhr ich zu Boote mit dem
Kapitain nach Valdivia, welches die Hauptstadt der Provinz ist, und
etwa drei oder vier Stunden vom Hafen entfernt liegt. Die mit Urwald
bedeckten Ufer des Flusses gewährten einen prachtvollen Anblick, und
entsprachen den Schilderungen, welche man vom Innern Nordamerika's
entworfen hat. Dichtes Gebüsch reicht allenthalben bis an die
Oberfläche des Wassers, mächtige Stämme überragen säulenartig das
Unterholz und sind nur durch Schlingpflanzen mit demselben verbunden.
Die Alerze, der rothe Cederbaum, der bisweilen einen Durchmesser von
15 Fuß erreicht, die Rotheiche, Pellin genannt, Roble, die Buche,
dann Ulmen und Lorbeerarten bilden dort, so wie in der Provinz Valdivia
überhaupt, vorzüglich den Baumschlag. Zwischen ihnen steht die Quila,
ein Rohr, welches gegen oben ein so dichtes Flechtwerk bildet, daß
dasselbe bequem einen Mann trägt, und die Colique, ebenfalls eine
Bambusce, die eine Höhe von 40 Fuß erreicht, und aus welcher die
Indianer ihre gefürchteten, oft 20 Fuß langen Lanzen verfertigen. Ein
Hauptschmuck jener Wälder aber sind die kleinen Bäume der mehrfachen
Lorbeerarten, die Myrthen, Fuchsien und andere, welche fast alle mit
buntfarbigen zierlichen Blüthen geschmückt sind und ein prachtvolles
Unterholz bilden.
Aber nicht allein am Lande und auf den Bergabhängen der Ufer stehen
jene riesigen Stämme. Sie sind nicht selten in's Wasser gestürzt und
von der Strömung des Flusses fest gerannt worden; so ist die Fahrt
nicht ohne alle Gefahr, versteht man nicht geschickt ihnen auszuweichen.
An manchen Stellen des Waldes haben Brände stattgefunden, meist
absichtlich erzeugt, um vielleicht eine kleine Strecke zu cultiviren,
wohl selbst einen Weg zu bahnen, und jene öden Stellen, mit den
mächtigen aber erstorbenen Stämmen, und je nachdem nur eben wieder am
Boden mit beginnendem Gebüsche bewachsen, bilden einen eigenthümlichen
Contrast mit der üppigen Vegetation, welche neben ihnen wuchert.
Während wir so, bald dicht an den Ufern des Flusses, bald Baumstämmen
ausweichend, auf dessen Mitte dahinfuhren, machten wir Jagd auf
verschiedenes Vogelwild, das in reichlicher Fülle vorhanden.
Wasservögel verschiedener Art, Enten, Taucher, Möven und am Lande
vorzugsweise eine schöne große Taube, die =Columba araucana=, und eine
Schnepfenart waren die vorzüglichste Beute, welche nach der Heimkunft
redlich getheilt wurde zwischen meiner Sammlung und der Schiffsküche.
So hatten wir eine fröhliche Fahrt auf dem Flusse, gegenseitig
wetteifernd, wer das meiste Wild erlege, und ich fand, daß der Kapitain
ein trefflicher Schütze.
In Valdivia angekommen, trennten wir uns. Fricke, welcher ein leichtes,
vortrefflich segelndes Boot hatte, war uns vorausgeeilt und empfing
uns, indem er mich in das Haus eines dort beim Schulwesen angestellten
Deutschen führte, wo ich so herzlich aufgenommen, wie allenthalben von
den deutschen Landsleuten, und sogleich mit einigen Insekten beschenkt
wurde. Doch blieb ich nicht lange bei jenen freundlichen Leuten, da
ich die Stadt besichtigen wollte, und aus der Unterhaltung mit den
anwesenden chilenischen Damen ist mir nur noch die Furcht erinnerlich,
welche dieselben vor einem Einfalle der araukanischen Indianer
bezeigten, welchen ein grundloses Gerücht zu jener Zeit in Aussicht
gestellt hatte.
Die Stadt Valdivia hat ein sehr ländliches Ansehen. Die meisten Häuser
liegen isolirt zwischen Gärten, Gebüsch und Rasenplätzen, und unfern
der Stadt beginnt wieder der Wald. Die Wohnungen, meist einstöckig,
sind von Holzarbeit und haben den eigenthümlichen Styl des Landes,
der theils an alterthümliches Täfelwerk erinnert, doch auch
wieder Aehnlichkeit hat mit der Art und Weise, wie man moderne
Schweizerhäuschen in Anlagen und Gärten errichtet. Doch fehlen auch
größere Gebäude nicht und eben als ich anwesend war, beschäftigte
man sich mit dem Bau einer Kirche, deren Plan vom älteren Fricke
entworfen war. Ich hatte die vier Matrosen, welche das Boot gerudert
hatten, zum Mittagessen gebeten, und als wir uns in einem Gasthause
versammelt hatten, welches so ziemlich, wenn auch nicht ganz nach
europäischer Art eingerichtet, und in welchem man nicht übel
aufgehoben war, staunte ich über den Anstand und Takt, welchen diese
vier jungen Männer entwickelten. Bescheiden ohne blöde, heiter ohne
übermüthig zu sein, waren sie so weit entfernt von dem Bilde, welches
man sich meist von »dem Seemann am Lande« zu entwerfen gewohnt ist,
daß ich kaum mein Erstaunen bergen konnte. Ohne Widerrede hatten sie
meine Einladung angenommen, aber als sie nach einigen Tagen im Hafen
die Erlaubniß erhalten hatten, an's Land zu gehen, unternahmen sie
in meinem Interesse einen Streifzug und brachten mir des Abends einige
Amphibien und schöne Insekten, welche mich doppelt erfreuten.
Des Nachmittags besuchten uns mehrere andere in Valdivia lebende
Deutsche im Gasthofe, und manches austauschende Wort wurde dort
gesprochen über Chile und das Vaterland. Alle waren gut gestellt
in ihrer neuen Heimath. Doch aber war eine leise Sehnsucht nach dem
Vaterlande, nach dessen Sitte und Brauch nicht zu verkennen. Mag jeder
es wohl bedenken, der das Land in dem er geboren für immer verlassen
will. Es mag sich wohl treffen, daß in der Fremde er nach Zuständen
sich zurücksehnt, die ihm hier gleichgültig, ja daß er an
Persönlichkeiten mit Zuneigung denkt, welche er zu Hause kaum der
Beachtung werth gehalten. Aber mit welcher Macht drängt sich in manchen
Stunden die Sehnsucht nach verlassenen Lieben an's Herz, und mit welcher
Versöhnlichkeit betrachtet man deren Fehler und Schwächen!
Spät des Abends und wohlzufrieden mit der kleinen Reise, kamen wir an
Bord zurück. Aber einige Tage später, während der Kapitain und ich
zufälliger Weise am Lande, kamen einige Damen von Valdivia zu Boote auf
Besuch zu uns und brachten mir den sorgfältig verpackten Schädel eines
Araukaners zur Erinnerung an unser Gespräch in der Stadt, und um meine
Sammlung zu bereichern, wenn gleich, wie sie mir sagen ließen, mit
mächtigem Grausen. --
Vieles Vergnügen verschaffte mir in der Bai von Corral die Jagd auf
Papageien. Ich habe nur eine einzige Species dort getroffen, von den
Einwohnern Choi genannt[36], aber diese in großer Anzahl. Sie hausen
auf den bewaldeten Hügeln, mit welchen die Bai umgeben ist, und leben
des Tages über in Haufen von zehn bis zwölfen zusammen, wohl auch
vereinzelt, indem sie meist auf den höchsten Bäumen sich aufhalten.
Gegen Abend aber versammeln sie sich in großen Schwärmen und fliegen
von einem der Hügel zum andern, indem sie, ähnlich wie in Deutschland
die Dohlen, ein wahrhaft schauderhaftes Geschrei erheben. Stellt man
sich versteckt in eine der Schluchten, über welche auf diese Weise der
ganze Schwarm hinwegfliegt, so kann man, wenn das Gewehr weit trägt
und man groben Hagel geladen hat, öfters in einem Abende zum Schusse
kommen, und ich habe auf diese Art viele erlegt, da sie, wenn sie den
Schützen nicht sehen, sich wenig um den Schuß zu kümmern scheinen und
ihr Hin- und Herfliegen wiederholen. Indessen bietet es Schwierigkeiten,
das geschossene Thier zu finden, da seine grüne Farbe sich kaum von der
des Grases unterscheiden läßt. Nur _verwundete_ Thiere verrathen sich
hingegen selbst durch ihr furchtbares Geschrei und die Hast, mit welcher
sie zu entkommen suchen.
Dieser Papagei wird von den Einwohnern der Bai nicht selten als
Hausthier gehalten, und läuft frei, aber freilich mit arg und häßlich
beschnittenen Flügeln in den Wohnungen umher. Er scheint sich sehr
leicht zähmen zu lassen und ein zähes Leben zu besitzen. Ich habe
eines Tages einen derselben, der, wie sich später zeigte, nur am
Flügel verwundet war, um ihn zu ersticken, mit aller Kraft unter den
Flügeln gedrückt, hierauf als er kein Lebenszeichen mehr von sich
gab, die Rachenhöhle mit Löschpapier verstopft, um das Beschmutzen der
Federn mit Blut zu verhindern, und alsdann in eine Düte gewickelt in
die Pflanzenkapsel gelegt, da er zum Abbalgen bestimmt war. Aber als
wir noch einige Stunden Rast hielten und zufällig die Kapsel geöffnet
wurde, stieg der Vogel munter aus derselben, und ergab sich so leicht
in sein Schicksal, daß er schon nach einigen Tagen aus der Hand Futter
nahm, und allenthalben an Bord frei umher lief. Leider fiel er später
in's Wasser und ertrank.
Das Fleisch dieser Thiere gewährt eine vortreffliche Speise und
erinnert an jenes der wilden Tauben.
An den Ufern des Valdivia-Flusses, wo hauptsächlich jene schon oben
erwähnte Sandsteinbildung vorkömmt, finden sich prachtvolle kleine
Buchten und hie und da im Gebüsche versteckte Höhlen. Ernst Fricke
führte mich in mehrere derselben, in welche man nur mittelst des Bootes
gelangen konnte, und ich habe die romantische Lage dieser kleinen Asyle
bewundert, deren Zugang ich bald besser zu finden wußte, als vielleicht
mancher im Hafen Geborene. Auch im Glimmerschiefer findet sich unweit
des Forts Corral eine Höhle, deren Wände stets von durch Felsenspalten
eindringendes Wasser feucht und ganz mit Farrenkräutern überzogen
sind. Ich war so glücklich dort zwei neue Arten aufzufinden[37], und
mache absichtlich hier auf diesen Fundort aufmerksam, weil ich sonst
nirgends eine Spur derselben gefunden habe.
Während wir im Hafen von Corral lagen, kam die schon oben bezeichnete
chilenische Fregatte von Valparaiso aus dorthin, in Begleitung einer
Corvette. Beide Fahrzeuge hatten Soldaten am Bord, welche eine Zeit lang
im Hafen verweilen sollten.
Die Indianer von Araukanien hatten kurz vorher ein an ihrer Küste
gestrandetes Schiff geplündert, zugleich waren bei dieser Gelegenheit
einige Menschen verloren gegangen. Es hatten ohne Zweifel die
Gestrandeten und die Indianer sich nicht hinlänglich verständigen
können. Die Letzteren hatten vielleicht allzu großes Wohlgefallen
an den Waaren gefunden, welche das Schiff führte, und die Europäer
hielten allzu hartnäckig an ihrem Eigenthume, oder es mögen auch
andere Mißverständnisse eingetreten sein, die Thatsache war die oben
bezeichnete. Aber in Chile sprach man nicht gerne von derselben, legte
indessen jene Truppen nach Corral und Valdivia, um eine Demonstration zu
machen, und etwaigen weiteren Gelüsten der Araukaner Einhalt zu thun.
Es kam dadurch viel Leben in den Hafen, welcher sonst ziemlich verödet
war, indem zugleich mit jenen Schiffen auch noch eine Barke von Hamburg,
die Victoria, einlief. Der Kapitän der Victoria war ein Bruder des
unsrigen, und es war ein freudiges Wiedersehen der beiden Brüder,
welche sich seit Jahren nicht gesehen, ja kaum sichere Nachricht von
einander erhalten hatten.
Das Leben am Bord war jetzt ein anderes geworden. Während ich sonst
früh mit Tagesanbruch meist allein an's Land ging, in den Bergen
streifte und spät des Abends wieder heimkehrte, wurden jetzt
gemeinschaftliche Jagden unternommen, und zugleich von meiner Seite das
Sammeln großartiger betrieben, da die Passagiere der Victoria, nach
Chile auswandernde Deutsche, mich zum größten Theile teilnehmend
unterstützten. Kugelbüchse und Botanisirkapsel, Insektenschachtel
und Mineralienhämmer hatten wieder, wie früher in Valparaiso, ihre
freundlichen Träger gefunden, und es wurde mancher Tag fröhlich in den
Bergen zugebracht. Kamen wir zeitig an Bord zurück, so statteten wir
uns häufig gegenseitige Besuche ab, von welchen wir oft spät in
der Nacht heimkehrten. Ich werde nicht leicht einer solchen Heimfahrt
vergessen. Ich war mit Kapitän Maier an Bord der Victoria gegangen,
aber während wir in der Kajüte plaudernd und zechend fast vergessen
hatten, daß wir uns nicht auf festem Boden befanden, hatte sich außen
ein heftiger Nordwind erhoben, und zugleich war Land und See mit solch
einer undurchdringlichen Finsterniß bedeckt, daß man buchstäblich
nicht die Hand vor den Augen sehen konnte. Da es des Zolles halber
verboten war, Waaren, ja selbst eine einzige Flasche Wein von einem
Schiffe auf das andere zu bringen, so hatte ich jenen Abend benutzen
wollen, sechs Flaschen Portwein, welche ich auf der Victoria an mich
gebracht hatte, auf den Dockenhuden zu schaffen, mit anderen Worten: zu
schmuggeln. Man kann sich denken, daß ich, diese sechs Flaschen in
den vielfachen Taschen meines Kapuzmantels geborgen, schon ziemlich
schwerfällig vom Fallreef aus in das Boot gelangte. Denn wie
schon bemerkt, bewegt heftiger Nordwind das gegen diese Seite nicht
geschützte Wasser des Hafens oft auf bedenkliche Weise, und schon waren
die Wogen so hoch, daß das Boot fünf bis sechs Fuß gehoben wurde, um
im andern Augenblicke wieder eben so tief zu sinken. Mit den Händen an
der Strickleiter mich festhaltend, suchte ich mit den Füßen das Boot
zu erspähen, welches, fühlte ich es einmal einen Moment, im andern
Augenblicke wieder verschwunden war. Ließ ich zur unrechten Zeit los,
so fiel ich natürlich in's Wasser, und war unrettbar verloren mit
meinem schweren Mantel und den sechs Flaschen. Dabei wurde kein Wort
gewechselt. Es waren noch, wie ich glaube, andere Gegenstände im
Boote, welche man ebenfalls nicht der Besichtigung der Zollbediensteten
auszusetzen wünschte, und so vermied man unnöthigen Lärm. Endlich
ließ ich los und kam glücklich in's Boot. Es gelang unseren Matrosen
bald von der Steuerbordseite der Victoria zu kommen, aber nun tanzte das
Boot in solch verzweifelten Sprüngen auf den Wogen, daß ich ernstlich
an ein Umschlagen zu glauben anfing. Der Wind wuchs in bedrohlicher
Heftigkeit, eine See über die andere schlug in's Boot und Wind und
Wetter lärmten dermaßen, daß man die Zollbedienten nicht mehr zu
fürchten brauchte. Wirklich stand jetzt der Kapitain, der steuerte,
auf, und rief mit lautester Stimme den Matrosen seine Befehle zu.
Oefter habe ich in ähnlichen Fällen empfunden, welch eine einfältige
Rolle der Passagier bei solchen Gelegenheiten zu spielen verdammt ist.
So gut wie der Seemann wird er ertrinken, tritt ein Unfall ein. Aber er
kann nichts thun, ihn abzuwenden, ja er ist allenthalben im Wege, sucht
er zu helfen. Seine Obliegenheit ist sich zu ducken, sich möglichst
klein zu machen, und wo möglich zu schweigen. Das Alles habe ich in
jener Nacht gethan zum allgemeinen Besten, in meinem eigenen Interesse
aber zog ich leise die Arme aus den Aermeln des Mantels und löste die
Riemen meiner Schuhe, um in einem Momente alles abstreifen zu können
und schwimmfertig zu sein.
Es war glücklicher Weise nicht nöthig. Wir sahen endlich, denn nach
und nach hatte sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt, in unbestimmten
Umrissen den Dockenhuden vor uns und waren bald am Fallreef. Man kömmt,
am Fallreef wenigstens, leichter aufwärts, als abwärts, so war ich
bald oben. Einige Sekunden war eine Laterne auf Deck, auch auf der
Victoria blitzte ein Licht auf und verschwand alsbald wieder. Man hatte
sich die Ankunft signalisirt, denn man mochte von beiden Seiten nicht
ohne alle Bedenklichkeit gewesen sein, und unsere Fahrt hatte fast eine
halbe Stunde gedauert, obgleich beide Schiffe nicht ganz vierhundert
Schritte entfernt von einander lagen.
An Bord wurde, wie gewöhnlich, keine Silbe über die Fahrt gesprochen,
nur sagte der Kapitain, nachdem wir etwa 10 Minuten angelangt, zu mir.
»Portwein verstaut?« Worauf ich antwortete. »Schon verstaut.« Er war
es auch bereits, der liebe Portwein, verstaut, d. h. ge- und verborgen
unter lebenden Taranteln, Scorpionen und Schlangen und zum Ueberflusse
von einigen menschlichen Schädeln bewacht, und kein chilenischer
Zollbediente hätte ihn weder gesucht wo er war, noch angerührt, hätte
er ihn gefunden. Aber sie kamen nicht in jener Höllennacht, wohl aber
einige Tage später bei hellem Sonnenscheine[38].
Ich will noch einer Jagdpartie gedenken, welche ich in Begleitung der
beiden Kapitäne und des Ernst Fricke in die St. Johns-Bai unternahm.
Wir benützten hiezu das mit einem guten Segel versehene Boot von
Fricke, und zogen des Morgens um 6 Uhr aus, indem zwei Matrosen
ruderten, wenn der Wind nicht eben günstig war.
Wir machten zuerst auf einer kleinen Landzunge Halt, welche mit hohem
Grase bewachsen war, um Schnepfen zu schießen. Die Schnepfenart,
welche sich dort aufhielt und überhaupt fast die Ufer der ganzen
Bai bevölkerte, ist etwas, jedoch unbedeutend, kleiner als unsere
Waldschnepfe, aber heller gefärbt als diese. Ich habe versäumt, sie
mit nach Europa zu bringen, da sie so häufig war, und ich das Abbalgen
einiger Exemplare von einem Tage zum andern verschob, bis es endlich zu
spät war. Diese Thiere spazierten in Truppen zu fünfzig und hundert
Stück ganz ruhig am Strande oder flogen dicht vor uns aus dem hohen,
feuchten Grase auf, so daß mit leichter Mühe einige Dutzende derselben
zu erlegen gewesen wären, hätte eben ihre Menge uns anfänglich nicht
zu unbedachtsam schießen lassen, so daß wir ohne sonderlichen Erfolg
den größten Theil unseres Wildes verjagten; erst später, regelrecht
zu Werke gehend, schoß ich etwa 10 Stücke derselben.
Nachdem wir jene Landzunge verlassen und in eine kleine wirklich
reizende Bucht gekommen waren, trennten wir uns, um einzeln unser Glück
zu versuchen.
Das Boot sollte über die Bai fahren, dort am östlichen Ufer anlegen,
und wir uns des Nachmittags daselbst wieder versammeln, um heimzufahren.
Während die anderen vorläufig sich am Ufer der Bai hinzogen, drang
ich sogleich tiefer in den Wald ein. Ich hatte einen Compaß bei mir und
konnte sicher sein, mich zurecht zu finden.
Es ist die Pracht des Urwaldes so vielfach und von so großen
Autoritäten geschildert worden, daß ich es nicht versuchen will, hier
ein Gleiches zu thun. Kaum braucht auch bemerkt zu werden, daß hier
unter 40° südl. Breite die glänzende Vegatation der Tropen natürlich
fehlt, aber dennoch der urwaldliche Typus nicht verloren gegangen
ist. Wie dort sind hier mächtige himmelanstrebende Stämme mit
Schlingpflanzen geziert, und die schon erwähnte Colique und die Quila
bilden nicht selten hoch oben ein so dichtes pflanzliches Gewebe,
daß am Boden fast Dunkelheit herrscht. Dabei fehlen nicht Blumen und
Blüthen, wenn auch nicht von brasilianischer Pracht. Aber etwas ist in
Chile, was das Durchstreifen jener Wälder sehr angenehm macht; es ist
dieß der vollkommene Mangel an giftigen Thieren. Der Scorpion und die
Tarantel werden zwar dort ziemlich häufig getroffen, in Valdivia zwar
auch kaum der erstere, aber beide sind nicht gefährlich und namentlich
ist die Tarantel, welche in Valdivia mit ausgespannten Füßen bis an
7 Zoll groß vorkömmt, vollständig harmlos, wenn sie gleichwohl ein
ziemlich martialisches Aeußere zu affectiren sucht.
Ich machte an den mächtigen umgestürzten Stämmen, welche oft
überstiegen werden mußten, gute Beute, indem ich verschiedene Insekten
fand und manches Schätzbare erwarb, da fast der dritte Theil der
gefangenen Individuen neue Arten waren. Endlich, nachdem ich weit
vorgedrungen in Schluchten und manchen Abhang erstiegen, wandte ich mich
wieder rückwärts, um an's Ufer der Bai zu gelangen. Ich durchwatete
den St. Johns-Fluß und kam endlich an eine flache Stelle des Ufers, wo
ich die Bai übersehen konnte. Aber ich sah weder das Boot, noch eine
Spur von den Gefährten. Ich ging weiter um die Bai zu umschreiten und
auf das jenseitige Ufer, den bestimmten Sammelplatz, zu gelangen,
indem ich richtig schloß, daß das Boot hinter irgend einem schattigen
Felsenvorsprunge beigelegt habe.
Mittlerweile war eine ziemliche Hitze eingetreten, indem unferne des
Wassers die Sonne doppelt brannte, und zugleich wurde ich von einer
Unzahl Fliegen verfolgt. Es war vorzüglich =Tabanus latus=, eine
schwarze und gelbe Bremse, welche in Schwärmen von mehreren Dutzenden
über mich herfiel, und, wenn auch in geringerer Anzahl, zwei kleinere
graue Tabanus-Arten. Die Folgen des Stichs der beiden kleinen Arten
halten länger an, als jene der größeren, welcher zwar anfänglich
einigermaßen belästigt, aber in einigen Minuten nicht mehr gefühlt
wird und keine Beulen hinterläßt, wie die Stiche der deutschen
Pferdebremse. Ich fand bald, daß je rascher ich mich fortbewegte, die
verwünschten Fliegen mich um so hitziger verfolgten, so ergab ich mich
in mein Schicksal, haschte eine gute Menge derselben und schritt langsam
weiter, indem ich auch einige Vögel schoß, worunter eine schöne
gold-grün glänzende Kibizenart. Endlich kam ich an menschliche
Wohnungen, Hütten, welche aber leer standen, und zugleich an eine sich
in den Wald ausdehnende Fortsetzung der Bai, denn für eine solche hielt
ich das Wasser an dessen Ufer ich stand. Leider aber fand ich, das Ende
und eine überschreitbare Stelle suchend, bald, daß ich einen Fluß vor
mir hatte. Ich mußte über denselben, denn abgesehen davon, daß ich
ungerne unser Rendezvous versäumte, konnte ich kaum rückwärts längs
dem Ufer zurück in den Hafen von Corral gelangen, ohne endlose Umwege
zu nehmen, da an vielen Stellen die Ufer aus steilen Felsenwänden
bestehen, an welchen wir vorher zu Boote vorüber gefahren waren.
Vorwärts also! Aber wie! Ich wußte nicht, waren die Kapitaine und
Fricke schon hinüber, oder waren sie vielleicht während ich im Walde
Insekten einfing, zu Boote über die Bai. Also suchte ich den Lauf des
Flusses aufwärts verfolgend, nach menschlicher Fährte, und fand auch
bald im gefallenen Laube Spuren von Fußtritten, denen ich folgte
und endlich an die Brücke kam. Dort fiel mir ein, welche vielfache
Anforderungen an einen reisenden Naturforscher gestellt werden. Denn
abgesehen davon, daß er Zoologe und Ethnograph, Botaniker, Mineralog,
Geognost, Meteorolog und Zeichner sein soll, muß er auch, wohl oder
übel, fabelhafte fremde Sprachen sprechen, kochen, waschen, nähen,
reiten und schwimmen können. Hier aber stand die edle Turnkunst in
Aussicht, denn jene Brücke bestand aus einem verzweifelt glatten und
schlanken Baumstamme, der über den etwa 25 bis 30 Schritte breiten
Fluß quer übergelegt war, und sonder Zweifel von einem Eichhörnchen
mit vieler Bequemlichkeit überschritten worden wäre, von mir indessen
mit wenig Behagen.
Aber ich mußte hinüber und war bald entschlossen. Mineralienhammer,
Insektenschachteln und alles Gesammelte wurde zu den Vögeln in die
Jagdtasche gesteckt und diese über die Doppelflinte gehängt, welche
ich in der Hand hielt, um im Falle eines Sturzes schwimmen zu können
und nicht von all diesen Gegenständen gehindert zu sein. Aber ich hatte
keine Lust über den verwünschten Baumstamm zu _gehen_, --
_rittlings_ wollte ich übersetzen, vorsichtig, wie es sich für einen
verheiratheten Mann, für einen Familienvater geziemt. Es sah mich ja
kein menschliches Auge, und war ich einmal drüben, -- nun es kriecht
mancher auf Händen und Füßen und spricht später davon, wie er
aufrecht gestanden! Da, ganz zur Unzeit erschallte ein lautes Hallo! und
Fricke wand sich aus den Gebüschen des jenseitigen Ufers, mir zurufend,
ich solle mich eilen, die beiden Kapitäne seien schon voraus, denn er
habe in der Ferne schießen gehört und wir müßten noch vor Eintritt
der Ebbe bei'm Boote sein.
Große Macht der Eitelkeit! Ich nestelte an meinen Schuhen, als wolle
ich sie besser befestigen, denn bereits saß ich rittlings auf
dem Stamme, dann stand ich auf und überschritt mit scheinbarer
Gleichgültigkeit den Stamm, der immer dünner wurde und höchst
widerwärtige Oscillationen verführte, je mehr ich mich seinem Ende
nahte. Ich schämte mich vor Fricke, dem rüstigen Hinterwäldler, wie
ich ihn nannte, hinüber zu kriechen. Zuletzt mußte ich noch einen
kräftigen Sprung machen, um das Ufer zu erreichen. Jetzt erzählte ich
Fricke meine Noth, welcher mich auslachte und die Brücke im Vergleich
zu andern eine königliche nannte.
Wir gingen nun zusammen weiter und kamen bald wieder in hochstämmigen
Wald, wo wir noch einige Papageien schossen und bald darauf an eine
Hütte, welche eine Cuncos-Indianerin[39] bewohnte. Das Weib knieete mit
ihren Kindern um ein Feuer in der Mitte der Hütte, ohne Zweifel um
sich zu räuchern, denn außen war eine tüchtige Hitze und man bedurfte
wahrlich keines Feuers, um sich zu erwärmen.
Ich dachte an den Besuch Reineckes in der Höhle der Meerkatze,
»Welch ein Nest voll süßlicher Thiere, größer und kleiner!
Und die Mutter dabei, ich dachte es wäre der Teufel.«
und redete die Frau zwar nicht als »Frau Muhme« sondern mit Sanoritta
an, um etwas zu essen zu erhalten, aber es war nichts zu bekommen als
Milch. Ich habe selbst dort den Abscheu vor diesem Getränke nicht
überwinden können, tauchte das Stückchen Zwieback, welches ich bei
mir hatte, in's Wasser eines unweit fließenden zweiten Flusses und
überließ die Milch den Gefährten, welche sich mittlerweile zu uns
gefunden hatten. Nach einiger Ruhe setzten wir unsern Weg um die Bai
fort. Bald waren wir gezwungen, abermals mittelst eines Baumstammes
über den zweiten Fluß zu setzen, allein hier ging dies leichter, denn
der Stamm hatte noch einen Theil seiner Aeste und war theilweise mit
überhangendem Gebüsche umgeben, so daß man sich im Nothfalle anhalten
konnte. Wir bestiegen kurz darauf eine kleine Anhöhe, und da dort eine
Lichtung war, sahen wir unser Boot in einiger Entfernung liegen, leider
im buchstäblichen Sinne des Wortes, nämlich auf der Seite und etwa
zweihundert Schritte vom Wasser entfernt. Wir erriethen sogleich, was
sich später bestätigte. Die beiden Matrosen, nicht wissend, daß
das Wasser der Bai dort sehr seicht war, legten sich zur Ruhe und
schlummerten sanft im benachbarten Gebüsche, während sich die See
bescheiden zurückzog, und das Boot, wenn nicht auf dem Trockenen, doch
wenigstens auf schlammigem Grunde zurückließ.
Während wir nun beschlossen abwärts zu gehen und jene Stelle zu
besuchen, kamen wir immer dichter und verworrener in's Gebüsche, so
daß wir endlich blos auf Laub und Aesten fußten. Mir fiel auf,
daß Fricke, der uns vorschritt, langsamer als sonst ging, ja selbst
bisweilen die Haltbarkeit eines Astes prüfte, doch dachte ich an nichts
Arges, als ich zufällig abwärts blickte und einen Sonnenstrahl sah,
der nicht _zu_, sondern etwa 30 Fuß tief _unter_ meinen Füßen die
Erde beschien. Wir gingen zwischen den Aesten hindurch, wie, da mir
eben kein poetischer Vergleich einfällt, wie Mäuse, welche durch einen
Wellenhaufen schlüpfen, aber auch mit eben so wenig Gefahr für uns
wie für jene, denn ein Hinabstürzen war kaum denkbar. Wir erreichten
endlich den Boden und bald die Stelle, wo das Boot lag. Da nach Fricke's
Aussage die Fluth erst gegen neun Uhr des Abends so gestiegen sein
konnte, daß an ein Flottwerden zu denken war, blieb das Fahrzeug an der
Stelle, wo es gegenwärtig lag, man schnitt deshalb Hebel und wälzte es
allmälig seewärts. Wir hatten das Segel aus dem Boote genommen, und um
gegen die Sonnenhitze einigermaßen Schutz zu haben, uns von demselben
eine Art Zelt construirt. Die Gewehre aber hatten wir dafür in's Boot
gelegt um freier zu sein, im Falle wir etwa später noch eine
Strecke durch das Wasser waten mußten. Zudem hatten wir kaum noch
Schießbedarf, da die Schnepfen uns des Morgens viel Pulver und Blei
gekostet hatten.
Schon einige Tage vorher hatte uns Fricke erzählt, daß eine Puma ihm
Besuch abgestattet habe. Sie war durch eine Lücke in den unteren
Raum des Hauses gestiegen und hatte dort befindliche Fleischvorräthe
geraubt. Fricke hatte Abrede mit seinen beiden indianischen Knechten
genommen, was im Wiederholungsfalle zu thun sei, obgleich er nicht
glaubte, daß das Raubthier so bald wiederkehren würde; allein schon
des andern Tages hörte er während der Nacht verdächtiges Geräusch.
Das Gemach, in welches die Puma eingestiegen war, hatte nur ein einziges
Fenster. An dieses, so hatte man verabredet, sollten mit einer in
Bereitschaft stehenden verdeckten Laterne sich die beiden Knechte
schleichen, und in demselben Augenblicke, in welchem Fricke die Thüre
aufstoßen würde, die Laterne von außen auf das Fenster setzen. Die
Puma, glaubte man, würde nicht wagen, durch das beleuchtete Fenster
zu springen und Fricke würde jedenfalls einige Augenblicke Zeit haben,
dieselbe mit seinem Doppelgewehre zu tödten.
Auf jenes Geräusch hin weckte nun Fricke seine vor seinem Zimmer
schlafenden Knechte, man verfügte sich an seinen Posten und Alles wurde
in bester Form ausgeführt, bis auf das Erlegen der Puma, welche im
selben Augenblicke, in welchem Fricke die Thüre öffnete, ohne auf
die Laterne Rücksicht zu nehmen, von dem Tische, auf welchem sie Platz
genommen, mit einem gewaltigen Satze durch's Fenster sprang, Laterne und
Knechte über den Haufen warf und im Dunkeln verschwand.
Des folgenden Tages oder vielmehr in der folgenden Nacht stahl das
Thier ein Kalb unweit Corral. Unter unserm improvisirten Zelte liegend
besprach ich eben mit Fricke das Abenteuer, welches er bestanden, als
wir ein großes gelbes Thier über den vom Wasser verlassenen Grund der
Bai laufen sahen, indem dasselbe den Weg von der östlichen nach der
westlichen Seite zu einschlug und also auf uns zukam. Es blieb stehen,
und wir erkannten alsbald, daß es eine Puma, ohne Zweifel Fricke's alte
Bekanntschaft war. Als sie uns erblickte, wendete sie sich etwas gegen
rechts, so daß sie etwa 200 Schritte von uns entfernt den Wald erreicht
hätte, war sie einmal am Ufer. Was hätte ich in diesem Augenblicke
darum gegeben, hätte ich mein Gewehr und ein Paar Kugelpatronen
gehabt. Aber es war nicht möglich, das Land zu erreichen und wieder
zurückzukommen, auch abgesehen davon, daß man stellenweise bis an die
Hälfte des Schenkels hätte im Moraste waten müssen und daß es selbst
mit Munition schlecht aussah. Da ich aber doch wenigstens die Puma
sehen wollte, und wußte, daß dieselbe bei Tage kaum einen erwachsenen
Menschen anfallen werde, so lief ich ihr den Weg ab, indem ich mich in
der Eile mit einem kurzen Prügel bewaffnete, welcher am Boden lag.
Ich war dem Thiere bis auf etwa dreißig Schritte nahe, als es das Ufer
erreicht hatte, stehen blieb und mich in Augenschein nahm, während ich
von meiner Seite aus dasselbe that. Man kann in jeder Naturgeschichte
die Beschreibung einer Puma lesen, ich sage daher blos, daß dieselbe
die Größe eines starken Fleischerhundes hatte, aber abgesehen von dem
runden katzenartigen Kopfe, mehr den Eindruck eines Wolfes als eines
Tigers machte, obgleich sie zierlichere Formen hatte. Die Farbe war
hellgelb, vollkommen löwenähnlich.
Nachdem ich diese Beobachtungen angestellt hatte, frug ich mich, was es
jetzt werden sollte. Das Thier rührte sich nicht von der Stelle, fing
aber auf eigenthümliche mir etwas bedenkliche Weise mit dem Schweife
zu wedeln an. Eins von uns beiden mußte nun davon laufen, die Puma oder
ich, das war mir klar; denn da ich nicht einmal meinen Dolch hatte, so
wäre ein Kampf wohl schlecht für mich ausgefallen. Da aber, lief ich,
die Puma mir ohne Zweifel nachgelaufen wäre, so beschloß ich, _sie_ wo
möglich zum Fliehen zu bringen.
Ich ging also, mit kleinen Schritten zwar, aber heftigem Geschrei auf
das Thier los, indem ich den Arm nach Art der Lasso-Werfenden schwang,
und mich höchst kampflustig geberdete. Jetzt wendete sich die Puma,
schritt langsam und würdevoll dem Gebüsche zu und verschwand
in demselben, ohne Zweifel von dort aus meine ferneren Bewegungen
beobachtend. Ich aber zog mich ebenfalls zurück, und ging zu den
Gefährten, welche sich anfänglich erhoben hatten, als ich auf die Puma
zuging, jetzt aber wieder Platz genommen hatten.
Das war mein Abenteuer mit dem chilenischen Löwen, bei welchem ich dem
Leser ernstlich verbiete, an ein gewisses anderes Abenteuer mit
Löwen zu denken, welches Miguel Cervantes in einem der besten Bücher
schildert, welche je geschrieben worden sind.
Hungrig und todtmüde, doch aber wohl zufrieden mit der Expedition,
kehrten wir spät des Abends an Bord zurück.
Ich habe schon der Indianer erwähnt, und hoffe, daß es dem Leser
nicht unangenehm sein wird, etwas über diesen höchst merkwürdigen
Volksstamm zu erfahren, welcher ungleich seinen Stammverwandten sich
Jahrhunderte lang unverändert in nächster Nähe der weißen Männer
erhalten hat und welchen man nicht cultiviren und ausrotten konnte, wie
es fast allenthalben geschehen ist, mögen nun die fremden Eindringlinge
von Europa Grundsätze zur Schau getragen haben, welche sie wollten.
Ich spreche hier nicht von den Cuncos-Indianern. Diese letzteren haben
sich in Folge von Streitigkeiten mit andern Stämmen zu Ende des
vorigen Jahrhunderts von ihren Landsleuten getrennt und leben zerstreut
allenthalben in Valdivia unter den Chilenen, doch sind sie denselben
noch jetzt an Zahl überlegen. Fast alle sind getauft. Aber ihre Zahl
scheint abzunehmen, je mehr sie europäische Sitte sich aneignen, ist
auch ihr Aeußeres dem der unbezwungenen Indianer sehr ähnlich.
Die unbezwungenen, freien Indianer aber, die Araukaner, leben unter ganz
andern Verhältnissen.
Sie bewohnen den Landstrich zwischen Conception und Valdivia, der sich
unter 38° und 39° südlicher Breite quer durch das chilenische Land
von der Andenkette herab bis an's Meer zieht.
Von der ersten Entdeckung ihres Gebiets durch die Spanier, bis auf den
heutigen Tag, hat diese Nation ihre Selbstständigkeit nie verloren und
ist auch in den blutigsten Kämpfen stets Sieger geblieben. Sie hat ihr
Gebiet mit einer Energie und zugleich mit einer Intelligenz vertheidigt,
von welcher sich bei keinem andern Indianer-Volke ein Beispiel findet,
aber nie hat sie dasselbe zu erweitern gesucht.
Es scheint ein lange festgehaltener Grundsatz der Araukaner zu sein,
von fremder Sitte und Kultur nur so viel anzunehmen, als ihnen eben
zweckmäßig scheint, und als nöthig ist, nach und nach ihre Umstände
zu verbessern, aber alles entfernt zu halten, was ihre ursprünglichen
Gebräuche bedrohen könnte.
Die Geschichte der Missionen in Araukanien giebt hievon den deutlichsten
Beweis. Es sind hie und da wie es scheint, die Lehren der frommen Väter
auf fruchtbaren Boden gefallen, und es ließen sich einzelne Indianer
taufen; aber diese Getauften wurden von ihren Nachbarn nicht etwa
gehaßt oder verfolgt, sondern es wurde die sogenannte Bekehrung als
etwas vollkommen Gleichgültiges betrachtet.
Es will behauptet werden, als habe sich der einmal Getaufte noch öfter
taufen lassen, kam gerade ein anderer Priester in die Nähe. Man müsse
den Europäern ihre Freude nicht verderben, sollen dann solche perfide
neue Christen gesagt haben. Ebenso soll vorgekommen sein, daß ein
Indianer sich bei verschiedenen Geistlichen verschiedene Frauen antrauen
ließ, doch =relata refero=.
Indessen ist es gewiß, daß so lange auch Missionen bei den Indianern
bestehen, sie dieselben blos begünstigten, um von den Missionairen
technische Vortheile zu erlernen, und wenn sich auch einige Häuptlinge
taufen ließen, so geschah dies ohne Zweifel blos um von der
chilenischen Regierung einen gewissen Sold zu beziehen. Es hat nämlich
die letztere verschiedene solcher getauften Häuptlinge mit dem
Generalstitel betraut, und man giebt ihnen einen gewissen jährlichen
Sold. Bräche nun Krieg mit den Indianern aus, so würde dieser
araukanisch-chilenische General mit seinen Leuten nicht gegen Chile
fechten können, ohne seine Besoldung zu verlieren, und so hat Chile an
jedem getauftem General einen Feind weniger, wenn auch nicht eben einen
Freund mehr. --
Vor einiger Zeit verlangten die Araukaner die Herstellung einer Mission,
welche, verwüstet in der Revolution, durch das Erdbeben im Jahre 1835
vollends zerstört wurde. Die anfangs uneinigen Stämme einigten sich
durch das Loos, welches _für_ die Mission entschied, und es wurde jetzt
alsbald einstimmig beschlossen, daß das Kloster gebaut werden sollte,
aber eben so mit Bestimmtheit ausgesprochen, daß nicht ein einziger
chilenischer Arbeiter bei dem Bau beschäftigt werden sollte.
Der für die Mission bestimmte Priester, ein Italiener, wenn ich nicht
irre, sagte. »Aber Kinder, ihr könnt nicht bauen.« Die Araukaner aber
antworteten »Vater, Du wirst es uns lehren.« Ein _einziger_ Mann zur
Verfertigung der Backsteine und Ziegel wurde dem Missionär zugestanden,
das Kloster wurde erbaut, die Araukaner nahmen Arbeitslohn ein, denn
sie ließen sich ihre Dienste bezahlen und obendrein lernten sie das
Backstein- und Ziegelmachen.
Was die eigentliche Religion und den Cultus bei den Araukanern betrifft,
so mag dieses Volk vielleicht einzig dastehen. Aus den kurzen Umrissen
über ihre staatliche Einrichtung und ihre Sitten und Gebräuche, die
noch folgen werden, sieht man, daß sie durchaus auf keiner niedern
Stufe der Cultur stehen, aber sie haben Nichts, was einem Cultus gleich
sieht!
Von frühester Zeit an bis jetzt glauben die Araukaner an das Bestehen
höherer Wesen und an eine Unsterblichkeit der Seele, und wie die
Missionäre behaupten, hat sich bis auf den heutigen Tag dieser Glaube
unverändert erhalten. Sie nennen den guten Geist Pillan, den bösen,
Cuecuban, und das Gute und Böse, was sich ereignet, schreiben sie
diesen beiden Mächten zu. Pillan hilft ihnen die Feinde schlagen und
begünstigt die Ernte, Cuecuban schickt dann und wann übermäßigen
Regen, regiert die bösen unfolgsamen Weiber und läßt die Erde
erzittern. Aber der einzige Dienst, oder die Verehrung, welche diesen
beiden Geistern gezollt wird, besteht darin, daß bei öffentlichen
Feierlichkeiten die ersten Tropfen des Getränkes auf die Erde
geschüttet werden und eben so die ersten Tropfen Bluts der Thiere,
welche bei diesen Gelegenheiten geschlachtet werden. Höchstens sucht
man noch bei Unglücksfällen durch Anrufungen den Zorn des bösen
Geistes zu versöhnen. Aber sie haben keine Vermittler zwischen diesen
Geistern und sich, keine Priester und eben so keine Tempel, keine
Götzenbilder, keine heiligen Haine, und auch die Häuptlinge verwalten
auf keinerlei Weise das Priesteramt.
Durchschnittlich ist die Gesichtsfarbe der Araukaner braun, aber
nicht rothbraun wie die der amerikanischen Indianer. Das Gesicht ist
länglich, die großen Augen sind schwarz, ausdrucksvoll, und die Brauen
gewölbt. Der Mund ist gut geformt, mit Ausnahme der Unterlippe, welche
bisweilen etwas hervorsteht. Die Nase ist oft gebogen und die Naslöcher
sind nicht so weit geöffnet, wie bei vielen andern Stämmen. Das
tiefschwarze Haupthaar ist straff, nie gerollt. Ihre Größe ist die
mittlere, indessen eher noch darunter als darüber.
Nahrung und selbst Kochkunst ist bei den Araukanern ähnlich wie bei den
Chilenen, welche auf dem Lande wohnen, doch wird Pferdefleisch bei allen
Stämmen, bei einigen aber kein Ochsenfleisch gegessen. Alle Speisen
aber sind scharf gewürzt. Ihr gewöhnliches Getränke ist der
Aepfelwein.
Die Kleidung der Araukaner besteht aus dem in der ganzen Westküste
allgemein eingeführten Poncho, dann kurze Beinkleider und Strümpfe,
welche aber am Knöchel abgeschnitten sind, so daß die Sporen oft am
bloßen Fuße getragen werden.
Eine spitze Filzmütze ist die Kopfbedeckung der Männer. Die Frauen
tragen eine Art Mantel, welcher in der Mitte des Leibes durch einen
Gürtel festgehalten wird, und meist durch eine silberne Nadel von
ungeheurer Größe auf der linken Schulter in die gewünschten Falten
gebracht ist.
Die Verfertigung dieser Zeuge, das Färben derselben, das Schmieden von
Eisenwaaren, ihren Sporen und so weiter, auch die Fertigung silbernen
Schmuckes, wird von den Araukanern selbst betrieben.
Die staatliche Einrichtung der Araukaner ist eine modificirt
aristokratische zu nennen. Sie stehen dorfschaftenweise unter einzelnen
Häuptlingen, so daß manche derselben bisweilen über größere
Gebiete herrschen, einzelne aber auch nur über 10 bis 12 Familien.
Bei besonderen Gelegenheiten werden Volksversammlungen abgehalten, bei
welchen die mächtigeren Häuptlinge den Ausschlag geben. Man scheint
zur Friedenszeit den Befehlen derselben nicht stets genaue Folge zu
leisten, zur Kriegszeit indessen und wenn ein feindlicher Ueberfall
droht, sind sie fast immer alle einig, und versammeln sich,
durch Feuerzeichen gerufen, schnell auf schon vorher bestimmten
Sammelplätzen. Die Häuptlingswürde ist erblich, indessen trifft es
sich nicht selten, daß Indianer, welche sich ein bedeutendes Vermögen
erworben haben, ebenfalls zu dieser Würde gelangen. Manche dieser
Häuptlinge haben fast ganz europäische Gesichtszüge und als vor
einigen Jahren einmal Engländer und Franzosen mit den Araukanern
Verträge abschließen wollten, ich glaube wegen des von den Indianern
ausgeübten Strandrechtes, waren sie sehr verwundert, mehrere jener
Anführer ziemlich fertig ihre Landessprache reden zu hören und
zugleich eine diplomatische Gewandtheit entwickeln zu sehen, welche
ihnen zu schaffen machte.
Fast scheint es als seien solche Häuptlinge wirklich europäischer
Abkunft. Es hatten die Spanier gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts
in und um das Gebiet der Araukaner Städte gegründet und Festungen
angelegt. Aber plötzlich standen unter dem Oberbefehle des Paillamacha
sämmtliche Indianer auf, zerstörten sieben Städte und Festungen,
tödteten die Männer und entführten Weiber und Kinder. Man will die
Spuren dieses Menschenraubes noch jetzt bei den Araukanern erkennen.
Wirft nicht Cultur und Luxus, welche man mit der Zeit in das Gebiet
jener Natursöhne einschmuggelt, ihre Kraft zu Boden, so werden sie auch
lange unbezwungen bleiben, denn die Kräfte der chilenischen Regierung
reichen schwerlich aus, sie im offenen Kriege zu unterjochen.
Es ist ihre Art Krieg zu führen allgemein gefürchtet, und vor allem
ist es die lange araukanische Lanze, welche so mächtigen Respekt
einflößt. Diese Lanze ist an 20 Fuß lang und aus dem leichten und
biegsamen Stengel der Colique gefertigt. Der gegen den Feind anrennende
Indianer erhält das dünne, mit der Spitze versehene Ende derselben
in fortwährender vibrirender Bewegung, so daß ein Pariren des
Stoßes fast unmöglich ist, während er selbst mit außerordentlicher
Sicherheit zu treffen weiß. Häufig wird aber die Lanze auch so
geführt, daß der auf den Feind ansprengende Indianer die Lanze im
Ricochet wirken läßt, indem er sie mit der vordern Hälfte auf
die Erde schleudert, während er sie hinten fest hält und mit der
aufschnellenden Spitze den Gegner durchbohrt.
Wenn man dabei bedenkt, daß die Araukaner von frühester Jugend an alle
jene Fertigkeiten besitzen, welche wir nur gewohnt sind im Circus
von Kunstreitern ausführen zu sehen, und daß ihre Pferde sie auf's
trefflichste unterstützen und alle Strapazen mit Leichtigkeit ertragen,
so glaubt man wohl, daß sie furchtbare Feinde sind. Während man noch
das Land in tiefer Ruhe glaubt, flammen ihre Feuerzeichen, und der
anrückende Feind sieht sich plötzlich von allen Seiten umgeben von
Indianern, die nackt und mit bemaltem Gesichte, mit aufgelöstem, im
Winde flatternden Haare und mit einem thierähnlichen Wuthgebrülle auf
ihn einstürzen, keine Schonung mehr kennen, und Tod und Wunden nicht
achten in der Vertheidigung ihres Vaterlandes und ihrer Freiheit.
Aber dieser wüthende und wilde Krieger ist nicht mehr zu erkennen, wenn
es Friede ist. Stolz zwar und hartnäckig an seiner alten Sitte haltend,
ist auch der Araukaner dann gastfrei gegen den Fremden und herzlich,
wenn die steifen Förmlichkeiten des ersten Empfangs beendet sind.
Fast will es scheinen, als habe jenes Volk die Nothwendigkeit eines
gewissen Anstandes und einer continuirlichen ceremoniellen Lüge
erkannt, die bei uns täglich ausgeübt wird, ohne daß sonder Zweifel
die Meisten daran denken, welch ein festes Bindemittel für die
menschliche Gesellschaft sie ist.
Niemand, selbst der nächste Anverwandte der Familie, darf bei den
Araukanern sogleich dicht an das Haus reiten, oder dasselbe etwa gar
betreten. Es sind an der Grenze des Hofraums einige Pfähle angebracht,
an welchen man hält und ruft, oder den Dollmetscher rufen läßt,
welcher überhaupt, wenn der Reisende der Sprache[40] nicht mächtig
ist, die ganze fernere Verhandlung führt. Der Reisende giebt hierauf
an, was er für Geschäfte hat, woher er kömmt, wohin er geht, dann
tritt der Hausherr hinzu, reicht ihm die Hand, und ersucht ihn auf eine
höchst förmliche Weise und fast allein durch Zeichen und ohne ein Wort
zu sprechen, vom Pferde zu steigen. Hierauf beginnt ein umständlicher
und fast eine halbe Stunde dauernder Austausch von Höflichkeiten. Der
Hausherr fragt, wie sich der Gast befindet, ob er gute Reise gehabt hat,
und erkundigt sich nach dem Wohlbefinden sämmtlicher Anverwandten
im entferntesten Gliede, mag er sie kennen oder nicht. Aber die
Höflichkeit wird noch weiter ausgedehnt, denn er fragt nach dem guten
Stande der Ortschaften, durch welche die Reise geführt, nach Heerden,
Feldern, kurz nach Allem, was der Reisende nur entfernt berührt oder
gesehen haben kann. Nun beginnt der Fremde alle diese Fragen im gleichen
Sinne zu beantworten, und giebt ähnliche Fragen zurück. In der
weitläufigsten Form erkundigt er sich nach allen Genossen des Hauses,
deren Anverwandten, Nachbaren und Nachbarsnachbarn, nach dem Stande der
Ernte, der Heerden u. s. w. Beide Vorträge sind mit fortwährenden
Wünschen begleitet, daß Alles im besten Stande sein möge und werden
in einem eigenthümlichen näselnden Tone vorgebracht.
Sind die Ceremonien beendet, so nähert sich der Hausherr dem Fremden
und umarmt ihn, indem er sein Haupt abwechselnd über die rechte und
linke Schulter des Gastes legt. Hierauf beginnt das Mahl, zu dem schon
während der Begrüßungen alle Vorbereitungen getroffen worden sind,
und bei welchem es, selbst nach europäischen Begriffen, höchst
anständig zugeht.
Die Ceremonien der Brautwerbung und der Verehelichung scheinen etwas
einfacher. Man kauft sich ein Weib vom Vater oder Bruder, und hat man
im Verlaufe des ehelichen Lebens das Unglück die treue Gefährtin
zu verlieren, so muß man -- ist es erwiesen, daß man dieselbe todt
geschlagen hat -- die Begräbnißkosten, bisweilen selbst noch eine
nachträgliche Entschädigung zahlen. Die besten Aufschlüsse über das
araukanische Weib geben Notizen, welche ich von Domeyko erhalten habe
und welche ich hier mittheilen will.
Das araukanische Weib ist klein, hat ein rundes Gesicht und eine
niedrige Stirn. Sein Auge hat einen gewissen Ausdruck, welcher Sanftheit
und Schüchternheit bezeichnet, und der leise, weiche Ausdruck der
Stimme scheint Unglück und Sklaverei auszudrücken Ihre Sprache scheint
ein halber Gesang zu sein, und sie verlängern jede letzte Silbe mit
einem seufzenden und sehr hohen, feinen Tone. Der Gang der araukanischen
Frauen ist leise und schleichend, und ihre, bereits oben beschriebene
Kleidung höchst einfach. Sie flechten das Haar in Zöpfe, welche sie
mit Glasperlen schmücken und hierauf turbanartig um den Kopf winden.
Thut man einen Blick in die Haushaltung eines Indianers, so überzeugt
man sich sogleich, daß die Weiber nur die Sklavinnen der Männer sind,
der Mann hat dieselben entweder erzogen (d. h. _vor_ der Verheirathung,
und als Kind) oder er hat sie von ihrem Vater gekauft. Er führt Krieg,
wohnt den Berathungen bei, geht auf die Jagd, oder raucht im Schatten
liegend Tabak, aber das Weib muß arbeiten. Arbeit und Liebe ist aber
bei vermögenden Araukanern unter mehrere Frauen getheilt, indem sich
diese mehrere Weiber kaufen.
Domeyko giebt eine Schilderung von einem Besuche bei einem Indianer,
welche ich hier anführen will, da sie höchst bezeichnend ist.
Ich suchte, sagt er, einmal in einer stürmischen, regnerischen
Nacht Schutz gegen das Unwetter in dem Hause eines Häuptlings an
der Meeresküste. Der Indianer nahm mich mit offener und herzlicher
Gastlichkeit auf, und noch unbekannt zu jener Zeit mit den bei'm
Eintritte in ein Haus gebräuchlichen Ceremonien, suchte ich sobald als
möglich zum Feuer zu kommen, und in weniger als einer Viertelstunde
saß ich mit meinen Reisegefährten an demselben. Es waren dieß zwei
Häuptlinge und drei andere Araukaner. Bald hatten wir am Feuer den
außen wüthenden Sturm vergessen, und das Gespräch belebte sich.
Die einen rauchten Cigarren, die andern trockneten ihre durchnäßten
Ponchos, während ein hübsches Weib mit großen schwarzen Augen und
einem bis auf die Knie reichenden Haare so schnell als möglich das
Abendessen bereitete.
Ohne daß Jemand ihr geholfen hätte, hatte sie bereits, als wir
eintraten, Holz herbeigeschafft und das Feuer entzündet, nun schnitt
sie das Fleisch, trug Wasser, schälte Kartoffeln und rüstete die
Töpfe, aber Niemand half ihr, oder nahm irgendwie Notiz von ihr,
während sie geduldig und emsig ihrer Arbeit oblag, ohne ebenfalls
irgend Jemand anzusehen.
Ich saß, fährt Domeyko fort, an der Seite des unbeweglichen und
nachdenklichen Hausherrn und fragte ihn, wie viele Weiber er habe. Er
antwortete mir: ein einziges. Auf meine weitere Frage, ob wohl deßhalb,
weil er Christ sei, erwiederte er: nein, sondern weil gegenwärtig die
Frauen leider bei den Indianern sehr theuer wären. Sehen Sie, sagte der
andere Indianer, welcher mir als Dollmetscher diente, sehen Sie, welche
Ungerechtigkeit; wir müssen, wenn wir uns verheirathen, dem Vater nicht
nur acht oder zehn Prendas[41] für das Auge geben, sondern auch noch
demselben Vater acht oder zehn weitere Prendas für die Geschwister oder
Verwandte des Weibes, wenn sie stirbt. Aber doch begraben sie die Todte
nicht eher, als bis sie in Verwesung übergeht, und plagen den armen
Ehemann, daß er nicht weiß, was er anfangen soll.
Bei diesen Worten schürte der Häuptling die Kohlen mit einem
Stäbchen, und sagte: Hm! acht bis zehn Prendas, und wenn einmal ja
einer ein Weib todtschlägt, sind sie mit zwölf und fünfzehn Prendas
nicht zufrieden, so daß der Mann auf zeitlebens zu Grunde gerichtet
ist.
Der erste Indianer aber fuhr fort zu klagen und sagte: Bisweilen können
sie es gar nicht beweisen, daß die Frau gerade an einem Hieb oder einer
Wunde gestorben ist, welche ihr der Mann beigebracht hat.
Bisweilen, erwiederte der Häuptling, können sie _gar Nichts_ beweisen,
und verdächtigen und chikaniren nur den armen, unschuldigen Indianer.
Stumm, schweigend und unterwürfig bediente uns das arme Weib während
dieser Unterredung, und nachdem das Essen beendigt war, streckte sich
der Häuptling zuerst auf sein Bett von Colique. Die Gäste folgten, und
hierauf die andern Hausgenossen, wobei sich jeder einen Platz suchte, so
gut als möglich. Das mächtige Feuer schwand allmälig, bis es nur noch
einen unsichern Schein verbreitete und mit einzelnen Streiflichtern die
kräftigen und markirten Züge der liegenden Indianer beleuchtete.
Nur die Indianerin mit ihren prächtigen Haaren und ihren schönen, zu
Boden geschlagenen Augen allein blieb auf und stützte ihre Rechte auf
das Kopfende des Bettes ihres tyrannischen Ehemannes. Sie blieb wach,
und suchte ihr Lager nicht eher, bis das Feuer erloschen und sie
vollständig den Blicken der Fremden entzogen war.
Eben so barbarisch wie sich das Verhältniß der Arauka-Indianer
gegen ihre Frauen gestaltet hat, sind ihre Sitten und Gebräuche
bei Beerdigungen. Stirbt z. B. ein alter Häuptling in Mitte seiner
Anverwandten und Kinder, so wird, je nachdem er Küstenbewohner war oder
mehr im Innern lebte, der Leichnam in ein Canoe oder eine Mulde
gelegt und in Mitte des Hauses unweit des Feuerheerdes an einen
Balken aufgehängt. Man hat dem Todten sein bestes Kleid angezogen und
überläßt ihn ruhig seinem Schicksale, während man sich einzig mit
den Vorbereitungen zum feierlichen Begräbniß beschäftigt. Vor allem
wird eine unendliche Menge Chicha bereitet, berechnet auf ein drei- bis
viertägiges Zechgelage. Dann schafft man Mais und Weizen herbei, um
eine Anzahl von 200 bis 300 Nachbarn zu bewirthen.
Alle diese Gegenstände werden neben dem Todten in der Hütte
aufgehangen und später mit demselben zur Begräbnißstätte getragen,
aber es vergehen oft zwei bis drei Monate, bis alle diese Vorbereitungen
beendet sind. Der Leichnam ist mittlerweile in Fäulniß übergegangen
und verpestet die Luft auf solche Art, daß man nicht selten in einer
Entfernung von tausend Schritten das Haus bezeichnen kann, in welchem
sich die Leiche befindet.
Endlich erscheint der Tag der Beerdigung, und mit ihm kommen mehrere
Hundert der geladenen Gäste, alle zu Pferde und mit ziemlichem Lärm.
Die Leichenfeier beginnt mit einem großartigen Zechgelage und einer
reichlichen Mahlzeit, welche oft mehrere Tage und Nächte hindurch
dauern, und noch fortwährend kommen Nachzügler, wild einhersprengend,
und wie zum Kriege gerüstet mit wildem, flatterndem Haare und
bewaffnet.
Wird endlich die Leiche in das mittlerweile bereitete Grab gelegt, so
finden verschiedene Ceremonien statt, welche bewirken sollen, daß der
Geist des Verstorbenen nicht in sein Haus zurückkehrt, und man giebt
ihm deshalb eine Menge Dinge mit, welche er im Leben gern hatte. So
z. B. seine Lanze und übrigen Waffen, seinen Sattel, Zaum und Sporen,
sein Ballspiel und andere Kleinigkeiten. Aber man versäumt auch
nicht, ihm Speise und Saatkorn mitzugeben und die Leiche reichlich mit
Getränke zu übergießen.
Nun bedeckt man dieselbe mit Steinen und die Beerdigung ist beendet.
* * * * *
Die Rückfahrt von Valdivia nach Valparaiso dauerte zwei und einen
halben Tag, und wir hatten fast immer die Küste in Sicht. Ich wüßte
nichts Besonderes zu berichten, was ich dort erlebt hätte.