Die Cordillera (Chile).
Man trägt sich in Chile mit vielfachen Gerüchten über die Gefahren,
welche mit Reisen in der Cordillera verknüpft sind, und in der That ist
ein solches Unternehmen auch nicht ohne alle Gefahr. Abgesehen von
den halsbrechenden Wegen, und von -- obgleich selten -- streifenden
indianischen Räubern, kann selbst auf dem Wege von Santjago nach
Mendoza, welches die gewöhnliche Straße ist, ein plötzlicher
Schneefall Bedenkliches hervorrufen.
Ein deutscher Kaufmann, mit welchem ich häufig in der Fonda inglesa
zusammentraf, ersuchte mich, als ich ihm meinen Entschluß mittheilte in
die Cordillera zu gehen, höchst artig, im Falle ich seine große Zehe
fände, welche er dort zurückgelassen, ihm dieselbe zu überbringen.
Ich erfuhr, daß er mit einem Zuge von waarentragenden Maulthieren
von Mendoza nach Santjago reisend, plötzlich von heftigem Schneefalle
überrascht, Weg und Steg verloren und in Schluchten gerathen sei, aus
welchen die kundigsten Führer, welche ihn begleiteten, keinen Ausweg
mehr gewußt. Ein Theil der Thiere war bereits aus Mangel an Futter
gefallen. Er selbst hatte in tiefem Schnee und heftiger Kälte sich die
Füße und Hände erfroren, da nirgends Feuerung zu finden; da auch
für die Menschen kein Mundvorrath mehr vorhanden, und Alle bereits
der tiefsten Entmuthigung erlagen, so hatte man sich zum Sterben bereit
gemacht und erwartete, in die Satteldecken gewickelt, den Tod. Da fand
einer der Knechte in einer Satteltasche eine Flasche Portwein und einige
Krumen Maisbrod. Man vertheilte dieses unter die sechs Männer der
Gesellschaft und wurde durch den Genuß des Weins so belebt und
aufgeregt, daß man beschloß, auf Tod und Leben einen letzten Versuch
zu machen. Man bestieg die Pferde, welche noch am kräftigsten waren,
klimmte auf die Gefahr hin zehnmal im Schnee zu versinken oder von
den Felswänden zu stürzen, aufwärts, und gelangte nach einer halben
Stunde auf ein Plateau, wo man Futter fand, und von welchem aus die
Maulthiertreiber sich alsbald orientirten. Es gelang, den größten
Theil der in der Schlucht befindlichen Thiere aufwärts und später
auf die Straße zu bringen, und man erreichte nach einigen Stunden der
äußersten Anstrengung eine entgegenkommende Caravane, welche Speisen
mittheilte und die Vollendung der Reise ermöglichte.
Ein Engländer hatte einige Jahre vorher, ehe ich in Santjago war, sich
vorgenommen, zu Fuße von dort über die Cordillera nach Mendoza
zu gehen. Er machte sich trotz aller Abmahnung, mit einem Hunde und
Schießbedarf versehen, auf den Weg; aber später nach Mendoza Kommende
trafen ihn nicht daselbst, und man glaubte ihn sicher verloren. Nach
etwa sechs Wochen erschien indessen der Reisende wieder in Santjago,
fast unkenntlich und ohne Hund. Er hatte denselben in der äußersten
Noth verzehrt. Nachdem er eine schwere Krankheit überstanden, kaufte er
einen neuen Hund und machte sich wieder auf den Weg. Aber er erreichte
weder Mendoza, noch kam er nach Santjago zurück; er verschwand spurlos
in den Bergen.
Ich hatte mich besser vorgesehen als dieser Britte, und meine kleine
Expedition war ganz nett ausgerüstet. Es begleitete mich der deutsche,
bei Segeth in Diensten stehende Jäger, und außerdem hatte ich für die
Dauer der Excursion zwei chilenische Knechte gedungen. Natürlich
waren wir alle beritten und namentlich hatte ich durch die freundliche
Gefälligkeit Segeth's ein vortreffliches im Klettern geübtes Pferd
erhalten. Zwei Maulthiere trugen abwechselnd Mundvorrath und die
nöthigen Instrumente; einige Reservepferde fehlten nach chilenischer
Sitte ebenfalls nicht.
Der eine meiner Knechte war schon früh mit den übrigen Pferden und
den Maulthieren vorausgegangen, und des Nachmittags folgten wir andern.
Unser Aussehen mag so ziemlich die Mitte gehalten haben zwischen
dem eines Jägers und eines Räubers, hatte aber für dort nichts
Auffallendes.
Wir ritten scharf durch die Ebene von Santjago, um noch vor Nacht die
Vorberge der Cordillera zu erreichen, und hielten nur einmal an, um
rasch ein Glas jenes rothen Weines von Conception zu trinken, dessen ich
bereits erwähnte. Die Gegend von Santjago ist wirklich reizend, indem
sie vollkommen den Charakter der Fruchtbarkeit und Cultur trägt, ohne
alles Romantische verloren zu haben, wie das sonst so häufig der
Fall. Einzelne Landgüter, größere oder kleinere Besitzungen, erstere
Reichthum verrathend, letztere voll malerischen Reizes, bilden auch
dort, gegen das Gebirge zu, die Umgegend der Stadt, und sind häufig
halb versteckt in Gruppen von Feigenbäumen und Pfirsichen, selbst die
Orange fehlt nicht, den Typus des Südens vervollständigend. Einen zwar
eigenthümlichen, indessen nicht eben angenehmen Anblick gewähren die
Lehmmauern, mit welchen fast alle Grundstücke eingefriedigt sind, und
welche sich mit hellbrauner monotoner Färbung allenthalben durch
die Landschaft ziehen, so daß das Ganze in einiger Entfernung
Festungswerken ähneln mag.
Aber auch abgesehen von den übrigen Schönheiten der Landschaft,
überwiegt der großartige Rahmen, in welchen das Bild gefaßt ist, die
Cordillera, kleinere Uebelstände desselben, und manchfache Staffage
belebt das Ganze. Zwar ist das Thierreich eben nicht zahlreich
vertreten, und selbst Vögel finden sich hier fast spärlich. Einige
Raubvögel waren noch die zahlreichsten Repräsentanten derselben, und
diese saßen meist ruhig, kaum sich um den Vorüberreitenden kümmernd,
auf den erwähnten Lehmmauern; hier und da liefen der Turco und
Tapaculo[28] mit Blitzesschnelle über den Weg und der rothbrustige
Staar und einige andere weniger zierlich gefärbte seiner
Geschlechtsverwandten wiegten sich in den Zweigen der am Weg stehenden
Bäume.
Desto häufiger aber begegneten wir Reitern auf Maulthieren und Eseln.
Ganze Züge von Maulthieren bringen Holz zur Stadt, Esel mit Futter
beladen, ziehen trotz des noch überdem zwischen demselben sitzenden
Führers, ziemlich rasch ihre Straße, und dazwischen galoppiren lustig
Männer, Frauen und Kinder nach allen Seiten hin. Man sieht in Chile
kaum einen Fußwanderer, da jeder ein Pferd besitzt, und dort ist ein
ganz anständig gekleideter Fußreisender etwa so angesehen, wie bei uns
zu Lande ein Reisender, der barfuß und ohne Rock seine Straße zieht,
und statt des Hutes etwa einen Knotenstock führt.
Als wir uns beiläufig sieben bis acht Stunden von der Stadt entfernt
hatten, machte der freundliche Charakter der Gegend allmälig einem
ernsteren Platz. Selbst die kleineren Hacienden und Ansiedelungen wurden
immer seltener und verschwanden endlich plötzlich. Wald und Felsen
begannen, und wir hatten kurz vor Anbruch der Dunkelheit die Vorberge
der Cordillera erreicht. Wir hatten beabsichtigt, in einer am Fuße der
Cordillera liegenden kleinen Ansiedelung zu übernachten, wo von den
Bergen gebrachte Silbererze verschmolzen werden, und woselbst der Jäger
vor Jahren einmal eingekehrt war. Es zeigte sich indessen bald, daß wir
den Weg verfehlt hatten.
Der Rio Mapocho strömt dort, aus den Anden hervorbrechend, mit
Heftigkeit durch seine felsigen Ufer, und wir mußten fortwährend
stromaufwärts seinen Lauf verfolgen, da weiter oben jenes kleine
Hüttenwerk liegen sollte. Bald aber waren wir gezwungen über den
Fluß zu setzen, indem das bischen Weg, auf dem unsere Pferde weiter
kletterten, aufhörte und zur steilen Wand wurde. Mittlerweile war
die Dunkelheit vollständig eingebrochen, und trotz des klaren
Sternenhimmels war es in der Bergschlucht, in welcher wir ritten, so
finster, daß man kaum den vor sich Reitenden unterscheiden konnte. Es
wurde deshalb der eine meiner Knechte, der einen Schimmel ritt, an die
Spitze des Zuges gestellt; aber es dauerte nicht lange, so mußte wieder
der Fluß passirt werden, da jetzt auf der andern Seite der Weg zu
schmal wurde, oder eigentlich besser gesagt, ganz aufhörte, und dieses
Uebersetzen wurde während der Nacht etwa 10 bis 12 mal wiederholt.
Der vorausreitende Knecht, der den Weg suchen mußte, wurde nicht selten
eine Strecke im Wasser abwärts gerissen und mußte dann eine andere
Stelle ausfindig machen, welche, besonders der Lastthiere halber,
leichter zu passiren war. Aber dies alles geschah von Seite des Knechts
unter Scherz und Gelächter, wenn gleich mit manchem Caramba, dem
scherzhaften und unschuldigen Fluchworte der Chilenen.
Der Fluß strömt schnell dahin, und obgleich wir selten bis über die
Kniee in's Wasser kamen, hatten die Pferde genug zu thun sich zu halten,
und verloren nicht selten den festen Grund, hatte gleich der Knecht die
seichtesten Stellen ausgesucht. Ritten wir längs des Ufers, so mußten
die Thiere im buchstäblichen Sinne des Worts, sich durch die am Ufer
angeschwemmten Felsenblöcke winden, andere überspringen, während sie
auf kopfgroßen Geschieben des Flusses Fuß zu fassen gezwungen waren,
wenn sie eine plötzlich erscheinende tiefere Stelle nicht bis an die
Kniee versinken ließ.
Wir waren eine Zeit lang auf dem linken Ufer des Flusses fortgeritten,
als wir, wie uns dünkte, an die gesuchte Stelle gekommen waren, um nach
nochmaligem Uebersetzen des Flusses auf eine Art von Weg zu gelangen,
welcher zu dem ersehnten Hüttenwerk führen sollte. Als wir aber uns
anschickten, in's Wasser zu reiten, fanden wir bald, daß der Fluß
so bedeutend angeschwollen war und so heftig strömte, daß an kein
Passiren desselben mehr zu denken. Wir hatten nicht daran gedacht, daß
fast alle die von der hohen Cordillera kommenden Flüsse des Nachts
bedeutend anschwellen, da das des Tages über durch die Sonnenhitze
geschmolzene Schneewasser ihre Masse bedeutend verstärkt.
Es stand uns jetzt die wenig tröstliche Aussicht bevor, hungrigen
Leibes auf den Geröllen des Mapocho Nachtlager zu halten, und
vielleicht von dessen stets steigenden Fluthen noch einen Besuch zu
erhalten.
Da erinnerte sich der Jäger, gerade zur rechten Zeit, daß etwas weiter
oben sich die Schlucht öffnen müsse und dort die Hütten einiger
Landleute seien, bei welchen er früher einmal in dieser Gegend mit
einem deutschen Naturforscher jagend, eingekehrt war. Wir eilten weiter
und bald öffnete sich wirklich die Schlucht in etwas, und die Abhänge
derselben wurden flacher, so daß die Pferde sie erklimmen konnten. Als
wir uns auf der Ebene befanden und einen Weg vor uns hatten, der für
deutsche Pferde lebensgefährlich gewesen wäre, für die chilenischen
aber analog einer Chaussee war, wurden Cigarren und Pfeifen angezündet
und im Galopp dem vorausleuchtenden Schimmel nachgeritten, in fast
gänzlicher Dunkelheit und ohne irgend eine weitere Kenntniß des Weges
als die, daß in einer gewissen Richtung hin menschliche Wohnungen
befindlich sein sollten.
Endlich begann der Jäger sich etwas besser in der Gegend zurecht zu
finden, indem ihm einzelne Felsenparthieen erinnerlich waren, und
bald sahen wir Bäume und zwischen denselben Feuerschein leuchten.
Das Unvermeidliche einer chilenischen Ansiedelung, eine Meute von etwa
zwanzig Hunden, umringte uns bald kläffend und bellend und wir hatten
in Kurzem das Haus und seine Bewohner erreicht.
Es kamen uns die Männer entgegen und boten uns auf unsere Frage, ob
wir bei ihnen übernachten könnten, freundlich ihr Haus und
ganzes Besitzthum an, mit jener in Wirklichkeit uneigennützigen
Bereitwilligkeit, welche die überwiegende Mehrzahl jenes wackeren
Volkes charakterisirt.
Vor dem Hause war aus rohen Baumstämmen eine Art Vorhalle angebracht,
welche mit Baumzweigen[29] gedeckt war und dort brannte das Feuer. Eine
ältere Frau kauerte am Feuer, und vier bis fünf jüngere Frauen, alle
in große Umschlagtücher gehüllt, waren, so wie mehrere Männer rings
umher gelagert; Kinder, Hunde und Hühner, letztere durch unsere Ankunft
aufgestört, durchkrochen die Winkel der Vorhalle, und das Ganze bildete
ein zwar zigeunerartiges, aber nicht unschönes Bild.
Unsere Pferde und die Lastthiere wurden abgesattelt und sich selbst
überlassen. Fast nie verläuft sich in solchen Fällen ein Pferd und
die Thiere, welche nur ein paar Tage zusammen gelaufen sind, halten bald
gute Kameradschaft. Wir baten um eine Hühnersuppe und Eier, was
bald fertig war, als wir aber nach Wein frugen, war keiner vorhanden,
indessen hieß es, daß in einem nahen Orte welcher zu haben sei. Ich
gab einige Realen, und bald sprengte einer der jungen Leute mit einem
Schlauche auf dem Pferde in die Nacht hinaus.
Während nun auf solche Weise alle Anstalten zum Mahle getroffen wurden,
hatte ich Gelegenheit, den fast an Ostentation gränzenden Eifer meiner
Knechte zu bewundern, mit welchem sie mich zu bedienen bemüht waren.
Sie hatten unseren Gastwirthen erzählt, und hiebei half auch der Jäger
getreulich, wie ich ein aus fremden Landen gekommener, ungeheuer
reicher und gelehrter Herr, =un mui grande caballero=, sei, welcher die
Cordillera zu besuchen gedenke, nachdem er schon alle anderen Länder
der Erde bereist habe. Sie selbst reisten theils zum Vergnügen mit mir,
theils weil sie von mir einen fabelhaften Lohn bekämen. Sie machten
sich nun tausend Beschäftigungen um meine Person, zogen mir die Stiefel
aus, boten mir aus der geöffneten Reisetasche ganz ungeeignete Kleider
zu größerer Bequemlichkeit, wie sie sagten, stopften meine Pfeife, und
hatten alle Augenblicke irgend eine Frage zu thun.
So dachten die beiden Schelme sich selbst in ein glänzendes Licht zu
setzen, indem sie einen so vornehmen und mächtigen Herrn als Diener
begleiteten[30].
Nach Beendigung des Schmauses kam der junge Mann mit dem Weine (rothen
Conceptionwein), und war bis über den Gürtel durchnäßt. Der nahe
gelegene Ort war sicher eine Stunde, wenn nicht weiter entfernt, und
er hatte irgend ein Wasser mit dem Pferde durchschwimmen müssen.
Bald kreiste nun der Schlauch unter Männern und Frauen, und letztere
verschmähten nicht die Zigarren, welche ich ihnen bot, so daß wir
bald wie alte Bekannte ein munteres kleines Gelage hielten, und fast
bedauerten, als wir es aufheben und uns zur Ruhe begeben mußten, weil
wir des andern Tages mit dem frühsten uns wieder auf den Weg begeben
wollten.
Wir, die Gäste, schliefen im Freien, unweit des stets glimmenden
Feuers, auf unsern Satteldecken, obgleich wir auf's Beste eingeladen
waren, im Innern des Hauses Platz zu nehmen. Allein theils wollten
wir unsere Gastfreunde nicht vertreiben, oder wenigstens belästigen,
anderseits fürchtete ich die Unzahl jener hüpfenden Insekten, welche
ohne alle Uebertreibung wirklich eine Schattenseite Chiles genannt
werden darf, wenn es auf Comfort oder nur einigermaßen auf Ruhe
ankömmt. --
Noch vor Tages-Anbruch waren wir wieder auf, tranken Kaffee von unserem
Vorrathe, da im Hause blos Paraguay-Thee vorhanden, und luden unsere
Wirthe zum Mittrinken ein, was angenommen wurde. Aber nur mit Mühe
konnte ich die Frau bewegen, einen Peso anzunehmen, indem sie sagte,
wir hätten mit ihnen getheilt, und sie mit uns. So schieden wir als die
besten Freunde und einer der Männer begleitete uns eine Strecke, um uns
eine minder tiefe Stelle des immer noch stark angeschwollenen Flusses zu
zeigen.
Ich sah jetzt, daß man bei der Nacht leichter eine solche Passage
ausführt als bei Tage, denn mir wurde bei dem reißenden und rasch
vorüberstürmenden Wasser fast schwindlich, obgleich ich sonst wenig
zu dergleichen geneigt bin. Es verloren bisweilen die Pferde festen Fuß
und wurden schwimmend rasch abwärts getrieben, bis sie wieder Grund
fanden, und so kamen wir öfters aus der Reihe, welche wir eingeschlagen
hatten. Ein Hund, welcher uns begleitete, wurde fortgerissen, und wir
hatten ihn schon verloren gegeben, als er etwa nach einer halben Stunde,
nachdem wir längst auf dem Trockenen, keuchend und triefend uns wieder
einholte.
Das Thal, in welches wir nach Uebersetzung des Flusses gekommen waren,
war am Anfange ziemlich breit und es standen dort ebenfalls einige
vereinzelte Wohnungen, bald aber wurde es enger, und wir folgten einem
seiner Abhänge, indem wir anfingen, ziemlich steil aufwärts zu reiten.
Bald sahen wir in der immer enger werdenden Schlucht nur noch hie und
da den Fluß seinen Lauf verfolgen, und die Gegend nahm in kurzer Zeit
einen andern Charakter an.
Die unendliche Masse von scheinbar wild und ohne alle Ordnung
durcheinander geworfenem Gesteine, in manchfachen pittoresken Formen
hier ansteigend, dort eine tiefe Schlucht, wieder an einer andern Stelle
einen mauerartigen Kamm bildend, entzückt den Landschaftsmaler und
begeistert ihn, während der Geognost verwirrt wird, und anfänglich die
Hoffnung aufgibt, irgend eine anständige Theorie zu finden, wie alle
diese unendlichen Abstufungen und Varietäten von Porphyr, Diorit,
Dolerit und andere verwandte Felsarten so bunt durcheinander gewürfelt
dorthin gekommen sind.
Mit etwas Phantasie und einigem guten Willen läßt sich Vieles leisten,
so ist denn endlich eine nothdürftige Erklärung fertig. Da tritt uns
plötzlich ein Granit entgegen, wir finden Gneis, Sienit an einer Stelle
so friedlich und unbefangen dastehen und leider so wenig in die eben
fertige Erklärung passend, daß wir uns endlich gestehen müssen, ein
flüchtiger Blick auf jene colossale Natur sei wohl halbweg hinreichend
uns ihre Größe erkennen zu lassen, keineswegs aber, sie nur
einigermaßen genügend zu erklären.
Manchfacher Baumschlag decorirt die Landschaft, indem die Abhänge der
Schluchten meist bewaldet sind. So ritten wir einmal eine ziemliche
Strecke unter einem natürlichen Bogengange von Pfirsichbäumen dahin.
Im Uebrigen aber waren verschiedene Laurusarten und einige Species von
Berberis das Einzige, was ich erkannte, indem mir, dem leider
ziemlich Unkundigen in botanischen Studien, deren Betrieb während
des Vorübergaloppirens noch schwerer fiel, als die Auffassung
geognostischer Verhältnisse.
An andern Stellen schien der große, dort nicht selten eine Höhe von
20-30 Fuß erreichende Cactus und einige andere kleinere ebenfalls
scharf mit Stacheln bewehrte Pflanzen, die ganze Vegetation zu bilden.
Dort aber fallen die Abhänge steil ab und man reitet nicht selten
auf einem Pfade, der links von einer senkrecht ansteigenden Felswand
begrenzt wird, während rechts ein tausend Fuß tiefer Abgrund uns
entgegen gähnt. Häufig ist ein solcher Pfad, den meine verwünschten
Knechte einen ganz vortrefflichen Weg nannten, so schmal, daß der eine
Fuß an der Felswand streift, während der andere sammt dem Bügel
über dem Abgrund schwebt. Bisweilen lösen sich durch den Hufschlag der
Pferde Steine und Geröll ab, und stürzen neben uns in die Tiefe. Aber
all' das schadet nicht, man reitet vorwärts und macht aus der Noth eine
Tugend, denn Umwenden geht aus moralischen und physischen Gründen nicht
mehr an.
Weniger gefährlich indessen als es aussieht sind diese Bergpfade
wegen der Güte und Sicherheit der chilenischen Pferde, aber sie werden
bedenklich in hohem Grade bei Begegnungen. Da nur in seltenen Fällen
ein Reisender jene Vorberge der Cordillera besucht, so sind die Wege
derselben meist nur von holztragenden Maulthieren und ihren Führern
betreten, diese aber halten bestimmte Tageszeiten zum Hin- und
Zurückgehen ein, weil für alle blos Santjago das Ziel der Reise ist.
Gegenseitiges sich Entgegenkommen ist also bei diesen ein seltener Fall.
Ein anderes war es mit uns, die wir gerade entgegengesetzte Richtung mit
den zur Stadt ziehenden Holzverkäufern hatten, und mir wäre fast ein
Unfall begegnet der üble Folgen hätte haben können.
Schon einige Mal waren wir solchen holztragenden Maulthieren begegnet,
aber stets an breiteren Stellen, wo man ausweichen konnte[31]. Jetzt
aber ritten wir einen der schmalsten Pfade, der noch dazu sich öfters
um den Fels bog, und ich war eben der letzte im Zuge, als der vor mir
reitende Knecht mir zurief, rascher zu reiten. Ich gab dem Pferde die
Sporen, aber schon stand ein Maulthier vor mir mit den Holzbündeln,
die auf beiden Seiten des Rückens befestigt, seine Last bilden. Einige
hundert Schritte rückwärts war eine breitere Stelle des Weges, auch
vorn, durch die Felsenecke verborgen, mußte eine solche sein, da die
Vorausreitenden den Lastthieren ausweichen konnten, aber zwischen
diesen und mir stand das Maulthier und der Kopf des zweiten war bereits
sichtbar. Umwenden schien mir unmöglich. Links eine steile Felsenwand,
rechts ein jäher Abhang, auf dem kaum Fuß zu fassen. Mein erster
Gedanke war das Maulthier vor den Kopf zu schießen, aber dann, welcher
Scandal mit den nachfolgenden Treibern, und ferner wäre mir das
vorwärts stürzende Thier eben so gefährlich als vorher gewesen. So
blieb ich unentschlossen einige Augenblicke haltend, ausweichend so
weit als möglich auf der Seite des Abhangs. Das Maulthier aber
rannte vorwärts und stieß mich mit der Holzlast dergestalt an die
Kniescheibe, daß ich fast sammt dem Pferde in den Abgrund geworfen
worden wäre. Meine alten deutschen Jagdstiefel von starkem Rindsleder
und handbreit über die Knie reichend, schützten mich in so ferne, daß
ich nicht argen Schaden litt, doch hatte ich durch das verwünschte
Holz eine ziemliche Contusion erhalten. Ich begriff jetzt, daß ich
auf irgend eine Weise ausweichen mußte, denn schon stand das zweite
Maulthier vor mir. So sprang ich denn auf der rechten Seite des Pferdes
herab und suchte mich auf dem steilen Abhange festzuhalten, so gut es
eben ging, und das zwar zuerst am Zügel meines Pferdes, den ich in
den Händen behalten hatte. Das Maulthier aber rannte mit seinen
Holzbündeln so heftig wider dasselbe, daß die zwei obersten Decken
in Stücke zerrissen, der Gurt gesprengt wurde und das Pferd das
Gleichgewicht verlor. Aber es stürzte nicht, sondern bäumte sich hoch
auf, drehte sich auf den Hinterfüßen, fußte wieder auf dem Pfade
und lief rückwärts hinter den Maulthieren her, bis an die vorher
erwähnte, bereits passirte breitere Stelle des Weges, wo es, den
Lastthieren ausweichend, stehen blieb. Der Zügel, an dem ich mich
festgehalten hatte, war ein nach europäischer Art gefertigter, und
bereits alt, er riß, und dieß war ein Glück, denn bei dem abhängigen
und lockeren Standpunkte, den das Pferd hatte, wäre es ohne Zweifel
durch mein Gewicht hinabgezogen worden, und auf mich gefallen. Aber das
mir gehörige Zaumwerk nach der schweren und haltbaren Weise des Landes
gefertigt, war dem Pferde am Kopfe etwas zu enge, und deßhalb entlehnte
ich von Segeth ein anderes, dessen Zerreißen hier zu meinem Vortheile
stattfand.
Ich selbst kugelte hierauf, ohne mich irgendwie halten zu können, fünf
und zwanzig oder dreißig Schritte abwärts, faßte aber dort einen
Strauch und kletterte oder kroch vielmehr dann wieder den Abhang
hinan. Zehn Schritte unterhalb des rettenden Strauchs fiel die Felswand
senkrecht ab. -- Dort, d. h. etwa 800 Fuß tiefer, fließt der
liebenswürdige Mapocho zwischen zierlich zugespitzten Felsen, und hie
und da zerstreut zwischen ihnen bleichen fragmentarisch die Gebeine von
Menschen und Thieren, die oben ebenfalls das Gleichgewicht verloren und
zufällig nicht an einem Strauche hängen geblieben sind.
Einer der Knechte warf mir seinen Lasso zu, mit dessen Hülfe erreichte
ich die Höhe und dort war meine erste Beschäftigung, eine Unzahl
von Stacheln aus den Händen zu ziehen, Ueberbleibsel des rettenden
Strauches. Dann wurde Sattel und Zeug wieder in Ordnung gebracht und
weiter geritten.
Bald nachdem wir jene Stelle verlassen hatten, begann der Weg sich in
etwas zu verändern.
Statt daß früher auf der einen Seite Felswand, auf der andern Abgrund
war, mußten wir jetzt über einen drei Fuß breiten Felskamm reiten,
dessen beide Seiten senkrecht abfielen. Natürliche Stufen von
ebenfalls drei Fuß Höhe bildeten die Straße und so mußten die
Pferde sprungweise anklimmen. Ich war thöricht genug, mich über die
unschuldige Klippe zu ärgern und mein Pferd erhielt wohl manchen nicht
nöthigen Spornstich, indem ich auf den Unsinn schalt, über Mauern
zu reiten, anstatt außen herum. Ich weiß indessen nicht, ob dies
überhaupt angegangen wäre.
Oben angelangt, wo die Felswand ein kleines Plateau bildete, legte sich
plötzlich unser lasttragendes Maulthier ganz ruhig auf den Boden, und
war auf keine Weise zu bewegen, wieder aufzustehen. Das Thier hatte die
Augen geschlossen und sein Kopf hing, sammt dem einen Packe der Last,
die es trug, über dem Abgrund. Wenn Maulthiere ihren Führern erklären
wollen, daß sie genug gearbeitet, und keine Lust hätten, weiter zu
gehen, nehmen sie stets dieses Manöver vor, und unsere Knechte sagten,
sie thäten dies immer an der gefährlichsten Stelle, wo sie keine
Schläge zu erwarten haben, da eine einzige unglückliche Bewegung sie
in den Abgrund stürzen kann.
In der That wurden oben auf dem Plateau auch blos Schmeichelworte
angewendet, um das Thier zum Aufstehen zu bewegen, aber umsonst. Es
lag wie verendet und rührte kein Glied. Nun blieb nichts übrig, als
dasselbe möglichst auf die Mitte des Plateaus zu ziehen, abzuladen,
und so gut es ging, das andere Thier zu belasten. Ich leistete
hierbei hülfreiche Hand und bedauerte, in meiner Jugend neben andern
nützlichen Künsten, nicht auch die des Dach- oder Schieferdeckers
erlernt zu haben, welche mir dort von bedeutendem Nutzen gewesen wäre.
Als wir auf der andern Seite der Wand wieder auf festen, d. h. breiten
und geräumigen Boden gekommen waren, bearbeiteten die Knechte das
Maulthier nach Herzenslust mit ihren zusammengedrehten Lasso's, um sich
für die oben an dasselbe verschwendeten Artigkeiten zu revanchiren, und
das Thier wußte genau den Grund, denn es schlug schon aus, als sie
sich ihm nur von weitem näherten. Aber, als ich noch oben stand bei dem
widerspenstigen Thiere und auf die erstiegene Strecke abwärts blickte,
sie fast für gefährlich haltend, unbedingt aber wohl zufrieden, daß
sie zurückgelegt, kam in sorglosen Sätzen am äußersten Rand, und
wie es schien auf einen nur mittelmäßigen Klepper reitend, ein
chilenisches Weib desselben Weges. Sie hatte die Zügel auf des Pferdes
Hals gelegt und liebkoste einen Säugling, den sie im Arme hielt. Ich
schämte mich, als ich eine Parallele zog zwischen des Weibes Reise und
meinem Bedenken.
Es war die Wohnung jenes Weibes die letzte im Gebirge und nun begann
die eigentliche hohe Cordillera, nachdem wir noch einige Stunden auf
ziemlich guten Wegen scharf fortgeritten waren. Wir machten hierauf
etwa gegen 1 Uhr des Mittags Halt, ließen die Pferde grasen und nahmen
selbst ein kleines Mahl ein. Dort schon sammelte ich geognostische
Handstücke und mehrere Insekten, worunter unter andern eine neue Art
=Proscopia tenuirostris, Sturm=. Auch eine Menge von Scorpionen wurde
gefunden und fast unter jedem Steine, den wir aufhoben, streckte uns
einer seine Scheeren entgegen.
Nach anderthalbstündiger Ruhe stiegen wir wieder zu Pferde, und setzten
nach einiger Zeit über einen kleinen Fluß, worauf wir mehrere Stunden
steil bergauf eilten und endlich auf einem ziemlich breiten Bergrücken
ankamen.
Der Charakter der Landschaft hatte sich allmälig bedeutend geändert.
Wir hatten vorher wohl Wald und pittoreske Felsenparthieen, gefährliche
Bergpfade und strömende Gewässer in wilden Schluchten, aber immer
fehlte der Typus der tiefen Ruhe und Einsamkeit, der das eigentliche
Hochgebirge bezeichnet. Jetzt aber war auf der Höhe der Pflanzenwuchs
bereits verschwunden und nur in Schluchten tief unter uns zogen sich
noch in schmalen Streifen die Vorposten der Vegetation dahin. Drohende
Schneeberge hingen über uns, während wir auf kahlem nacktem Gesteine
fortritten. Die Thäler wurden großartiger, und hie und da öffnete
sich eine prachtvolle Fernsicht, um bald wieder durch einen schwarzen,
halb mit Schnee bedeckten Bergriesen verhüllt zu werden. Es war die
hohe Cordillera, in welcher wir uns befanden, das sagte uns schon der
eisige Hauch, der bisweilen von den nächsten Bergen wehte, und uns
den Poncho umnehmen hieß. Wir hatten während der Rast das Gepäcke
vertheilt und die Reservepferde mit einem Theile belastet, so konnten
wir um so rascher reiten, denn das that jetzt Noth. Der Jäger hatte
früher diese Gegenden besucht und einen passenden Platz gefunden zum
Lager. Wir mußten diesen wo möglich noch heute zu erreichen suchen, um
Holz zur Feuerung, Futter für die Thiere und Wasser zu haben. Kurz vor
Einbruch der Nacht lenkten wir wieder abwärts, meist auf Pfaden,
die das Guanaco getreten hatte, kamen wieder in eine wenigstens etwas
bewaldete Thalschlucht, und machten endlich an einer etwa 50 Schritte
breiten Stelle desselben, unweit eines rasch strömenden Bergwassers
Halt. Es wurde zur Entlastung der Thiere geschritten und rasch von
zusammengelesenem Holze ein Feuer entzündet, von unseren Satteldecken
ein Lager bereitet, und ein aus Maisbrod und rohem Charque bestehendes
Abendbrod eingenommen. Dann legten wir uns zur Ruhe, und als ich
des andern Morgens in meinen Mantel gewickelt, die Augen aufschlug,
verwunderte ich mich fast, im Freien und nicht unter Segeth's gastlichem
Dache zu Santjago erwacht zu sein.
Die Pferde hatten sich in jener ersten Nacht keine zehn Schritte von
uns entfernt, sondern waren dichtgedrängt in unserer nächsten Nähe
geblieben; als sie später das Terrain kennen gelernt hatten, entfernten
sie sich stundenweit von unserm Lagerplatze, stets aber zusammenhaltend
und eine kleine Heerde bildend.
Sogleich nach unserm Erwachen wurden Anstalten zu größerem Comfort
getroffen. Die Schlucht, welche wir in Besitz genommen hatten, strich
direkt von Nord nach Süd, und war gegen Ost und West durch steile
Abhänge eingeschlossen. Der kleine aber reißende Gebirgsfluß floß
auf der westlichen Seite, und wir brauchten auf diese Weise nur einige
Schritte zu gehen, um frisches Wasser zu haben. Ich vermag kaum zu
schildern, wie erquickend und stärkend das tägliche Baden in diesen
lärmend und brausend dahin strömenden Fluthen auf mich eingewirkt hat,
welches ich sogleich nach dem Erwachen vornahm, während die Knechte den
Kaffee bereiteten.
Große und zum Theile vollkommen abgerundete Steine, welche ringsum
zerstreut lagen, ohne Zweifel von mächtigen periodischen Anschwellungen
des Flusses dorthin geführt, wurden von uns als Tische benützt, und
während Jose Maria, der die Rolle des Kochkünstlers übernahm, einen
derselben als Küchentisch in Beschlag nahm, wurde der andere von
mir zum Präparir-Tisch bestimmt. Die Schlucht fiel gegen Süd ab
und theilte sich in mehrere andere Thäler, während sie, gegen
Nord aufwärts steigend, einige Stunden von unserem Lager durch
schneebedeckte Felsmassen geschlossen wurde.
Der Jäger und ich richteten uns ein grobes Tuch, in welchem ein Theil
der mitgebrachten Vorräthe eingeschlagen waren, zum Zelte zu, welches
zwar nur etwa den Kopf und einen Theil des Leibes bedeckte, und vorne
und hinten geöffnet war, indessen doch in Etwas gegen den fallenden
Thau schützte. Wir hatten von Santjago Nägel mitgenommen, welche in
einige Bäume geschlagen wurden und zum Aufhängen der Instrumente,
des Barometers, Thermometers und Hygrometers, der Waffen und anderen
Utensilien dienten, und so war unsere einfache Einrichtung bald
vollendet.
Aehnlich wie in der Stadt wurde auch hier die Zeit eingetheilt, indem
ein Tag zum Sammeln, Jagen und Beobachten, der andere zum Präpariren
und Ordnen des Erworbenen bestimmt wurde. Bisweilen zusammen, meist aber
vereinzelt, oder von einem der Knechte begleitet, unternahmen wir unsere
Streifzüge, von welchen wir manchmal bei Zeiten, oft aber erst spät
in der Nacht heimkehrten, denn wir hatten die Umgegend bald so kennen
gelernt, daß an kein Verirren mehr zu denken war.
Große Gelehrte, so wie auch andere Reisende haben die Cordillera
geschildert und die mächtigen Eindrücke, welche sie auf den
Besuchenden hervorbringt, und ich glaube nicht, daß je einer derselben
zu viel gesagt hat von der Großartigkeit jener Massen. Der Charakter
des wild Pittoresken ist zwar stets der vorherrschende, aber in so
unendlich vielen Abstufungen und häufig in so rascher Abwechslung, daß
eben wie mir dünkt, hierin einer der größten Reize jenes mächtigen
Gebirges liegt. Das Gebirge steigt fortwährend terassenförmig in die
Höhe. Man steht auf einer solchen Terasse und vor uns steigt eine mit
Firnschnee allenthalben bedeckte Felswand an, die man unbedingt für den
höchsten Punkt der Umgebung halten muß. Endlich ist es gelungen, nicht
ohne Gefahr einen Ausweg zu finden, man klettert an steilen Felsen, man
geht über tiefe, hart gefrorene Schneemassen, welche glücklicherweise
eine Schlucht ausfüllen, und der Fels, der anfänglich immer höher zu
werden scheint, je höher man klimmt, ist endlich erstiegen. Man ist auf
einer Ebene, wo sich kaum Schnee befindet, ja wo vielleicht selbst hie
und da eine einzelne =Saxi fraga= am Gesteine wuchert. Aber in einiger
Entfernung steigt eine neue Felswand empor, mächtiger als die vorige
und spottend jedem Versuche, sie zu ersteigen. Ist aber bei einer oder
der andern dies vielleicht doch gelungen, so wiederholt sich oben
das Schauspiel und man sieht, daß in einer unzähligen Menge solcher
Riesenstufen das Gebirge anwärts steigt. Häufig ist auf solchen Ebenen
der lachendste Sonnenschein und eine fast drückende Hitze, aber vom
Rande des Plateaus blickt man in ein Wolkenmeer, welches unterhalb
sich ausbreitet und aus welchem in der Sonne glänzend, nur einzelne
schneebedeckte Spitzen hervorragen. Plötzlich, man weiß nicht
wie, denn nicht der leiseste Luftzug regt sich, sind die Wolken fast
sämmtlich verschwunden, und nur in einer schwarzen kraterartigen
Vertiefung mit steil abwärts fallenden Wänden, ist eine dichte
Masse derselben geblieben. Ohne Zweifel sind solche Bildungen, die ich
mehrfach getroffen, ausgebrannte Krater, oder wenigstens solche, die
sich in tausendjähriger Ruhe befinden. Man wartet, um von oben herab
gemächlich in's Innere des zu unsern Füßen liegenden vulkanischen
Kessels blicken zu können, bis die Wolken auch aus ihm verschwunden
sind, aber plötzlich gerathen dieselben in eine wallende Bewegung,
sie erheben sich, breiten sich aus und man ist rasch und ehe man es
vermuthet, selbst in eine Nebelschicht eingehüllt, so daß man kaum auf
einige Schritte zu sehen vermag.
Schwer wäre in solchen Fällen der Rückweg zu finden, weilten jene
Wolkenschichten lange auf ein- und derselben Stelle, aber rasch wie sie
gekommen, verschwinden sie auch wieder. --
Einen eigenthümlichen Eindruck machen die oft mehrere Stunden langen
Felsenthäler, die bald mehr erweitert, bald aber so enge geschlossen
sind, daß ihre Sohle kaum zwanzig Schritte Breite hat. Während oben
auf den Felskämmen, welche die Thalwände bilden, eine freundliche
Sonne ruht, ja, erlaubt es der Stand derselben, Sonnenblicke oft bis
in's Thal reichen, so ist nicht selten die Schlucht durch eine dichte
Wolkenmasse geschlossen, welche Stunden lang an ein und derselben Stelle
verweilt, bis sie sich gänzlich vertheilt oder verschwindet und ein
doleritischer Kegel vor uns steht, der halb mit Gletschereis bedeckt
ist, welches das tiefe Schwarz des Gesteins noch mehr hervorhebt.
Aus solchen doleritischen oder basaltischen Kegelbergen brechen stets
Quellen hervor, oder stürzen sich von den schneeigen Wänden derselben
herab, wie denn wohl überhaupt die meisten dieser wild und tief
gefurchten Thäler heftigen Wasserströmungen früherer Zeit ihren
Ursprung verdanken mögen.
Auch der Proceß der Verwitterung hat an manchen Stellen stattgefunden
und theilweise eine eigene Erscheinung hervorgerufen. Größere, häufig
von der Sonne getroffene, bald wieder von ziehenden Wolken berührte
Flächen nicht ganz abschüssiger Felswände, sind mit verwittertem
und zersetztem Gerölle bedeckt. Durch eigenthümliche plattenförmige
Spaltung mancher Gesteine hat das von oben herab kommende Wasser des
gethauten Schnees sich hier bisweilen gefangen, aus den verwitterten
Felsarten ist Erde geworden, stets befeuchtet durch nachsickerndes
Wasser und so sind grünende Oasen entstanden unweit der Grenze
des Schnees, und mitten auf einer kahlen und sonst allenthalben mit
Gesteinfragmenten bedeckten Fläche. Eine mannshohe, gelb blühende
ginsterartige Pflanze, eine =Colletia=, die =Fabiana imbricata= und
einige Berberis-Arten bilden dort meist die Vegetation in dem sonst
nicht selten sumpfigen Grunde.
Während man aber längere Zeit in einer der geschilderten Schluchten
gewandert, oder eine Felswand erstiegen hat, um von einer zweiten oder
dritten sich den weiteren Weg versperrt zu sehen und schon die Hoffnung
aufgegeben hat, für den Tag etwas weiteres als Felsmassen, Wolken
und Schnee zu sehen, biegt man um die Ecke eines Felsens, und bleibt
plötzlich überrascht und entzückt stehen vor der prachtvollsten
Fernsicht die sich bietet. Weit weg über das herrliche Chile bis an die
Küste des Meeres schweift der Blick, nur begrenzt durch den tiefblauen
Himmel der über jenem gesegneten Lande lacht. Auf eine prachtvolle
Weise wird aber das in der Sonne glänzende Flachland gehoben durch
die schwarzen Felsenmassen des Vordergrundes und die Gletschermassen,
zwischen welchen hindurch sich jene Fernsicht öffnet. Der Mangel
der Lichtperspektive, von dem ich schon vorher gesprochen, kömmt dem
landschaftlichen Bilde hier unendlich zu statten, und man möchte fast
sagen, daß bei der Großartigkeit des Ganzen die Natur hier keiner
beschönenden Tinten bedürfe.
Der unbegreifliche und fast erschütternde Zauber, der für manche
Gemüther in einer erhabenen und reizenden Fernsicht liegt, ist es aber
nicht allein, was in jenen Bergen so mächtig das Herz erhebt, es ist
das wohlthätige Gefühl absoluter Einsamkeit und Abgeschlossenheit, das
Bewußtsein unbedingter persönlicher Freiheit und das Fernsein aller
störenden Einflüsse, aller menschlichen Kleinlichkeit und Lüge. Ich
habe mich dort sicherer und fröhlicher gefühlt, als irgendwo, freilich
ohne daran zu denken, daß man auch auf der Spitze der Anden getäuscht
und betrogen werden kann, wenn gleichwohl nur =par distance=.
Auf diese landschaftlichen Skizzen mag mit wenigen Worten der
geognostischen Verhältnisse gedacht werden, und eines kleinen Theils
der Gesteine, welche jene malerischen Massen bilden. Es ist unmöglich,
ein klares Bild zu geben von dem geognostischen Charakter des von mir
besuchten Theils der Cordillera, weil es unmöglich ist, ein solches
aufzufassen in der kurzen Zeit meines Dortseins.
Im Allgemeinen muß ich wiederholen, was ich schon früher
ausgesprochen, daß das Ganze den Eindruck macht einer unendlichen Menge
der verschiedenartigsten Formen von Porphyren, Doleriten, Dioriten,
Melaphyr und Trachyt-Gebilden nebst allen Verwandten ihres Stammes,
welche wild über- und durcheinander aus der Tiefe empor geschoben
worden sind, sich theilweise durchdrungen haben, theilweise wieder
zusammen gestürzt, oder durch furchtbare Erschütterungen gespalten
worden sind, während aus diesen Spalten neue Massen hervor drangen,
welche stellenweise wieder ein ähnliches Schicksal erlitten.
Granitisches Gestein, bisweilen verändert, manchmal aber vollkommen
normal, steht hie und da an, offenbar gehoben von den vulkanischen
Formen, öfter aber auch eingeschlossen in dieselben, losgerissen von
unten und mit emporgetragen. Allgemeine weiter verbreitete Hebungen
und Senkungen, bedingt durch den Vulkanismus der Tiefe, und kolossale
Einstürzungen in Folge dieser, vermehren noch den Typus großartiger
Verworrenheit in der Cordillera.
Häufig habe ich basaltische Breccie getroffen und will eine solche
wirklich prachtvolle Felsparthie schildern, welche ich häufig besuchte,
da sie nicht sehr weit vom Lager entfernt lag, und in ihrer Nähe,
unweit des ewigen Schnees, Colibri zu schießen waren.
Eine ziemlich steil ansteigende Wand aus grau-rothem Dolerite, welche
sich aber mehrfach in terassenartige Plateaus abflacht, und vollkommen
gut erstiegen werden kann, bildet auf ihrer Höhe ein zweites Plateau,
eine zweite Felsparthie, die vollständig mauerartig ansteigt, so daß
sie kaum an einigen Stellen zu erklimmen ist, und selbst dort nur auf
eine kurze Strecke.
Jene Felsenmassen gleichen, von einiger Entfernung aus gesehen,
vollständig den Ruinen eines alten Schlosses, und die Tendenz des
Gesteins, sich in größeren Parthien säulenförmig abzusondern,
wodurch thurmartige Formen hervortreten, erhöht noch jene Aehnlichkeit.
Der untere Theil dieser Felsmassen, welche einen bedeutenden Umfang
haben, und wenigstens eine halbe Stunde Längen-Erstreckung, besteht
aus Basalt, welcher indessen Olivinfrei ist. Auf diesem Basalte liegt,
scheinbar aufgelagert, eine basaltische Breccie, in einer wechselnden
Mächtigkeit von 80, 100, an manchen Stellen wohl 200 Fuß. Diese
Breccie hat ein verwittertes, tuffartiges Ansehen. Sie besteht aus
scharfkantigen Basalt-Fragmenten von sehr verschiedener Größe, und aus
einem verwitterten Feldspathe, wohl Albit. Neben diesen Bestandtheilen,
welche die Hauptmasse des Gesteins bilden, liegen noch hie und da andere
Einmengungen von Felsarten zerstreut, welche indessen kaum zu bestimmen
sind.
Das Cement scheint selbst wieder aus einem Gemenge von höchst kleinen
und innig verbundenen Feldspath- und Basalttheilen zu bestehen. Nicht
weit von dessen Bildung steht eine stark hervorgeschobene groteske
Basalt-Masse, =la casa de Dios= meines poetischen Carlos. Jene
Breccien-Masse habe ich Reinholdstein geheißen, und der Name wurde von
meinen Chilenen sogleich angenommen und gebraucht, wenn es sich
z. B. um die Bezeichnung einer Zusammenkunft handelte, aber schwer
verstümmelt in der Aussprache. --
Hoch oben auf dem Gebirge, wo schon zwanzig bis dreißig Fuß hoher
fester Firnschnee lag, habe ich eine Moräne getroffen, welche ein
wahres mineralogisches und geognostisches Kabinet der Umgegend bildete;
diese Moräne war indessen noch ziemlich weit vorgeschoben in die jetzt
nicht mehr mit immerwährendem Schnee bedeckte Region und gab Zeugschaft
von der Richtigkeit der Theorien, die unsere Geognosten aufgestellt
haben. Ich fragte den einen der Knechte, wie diese Menge von Steinen
wohl dorthin gekommen sei, und er gab mir zur Antwort: »das thut der
Schnee!« Mit Vergnügen habe ich im fernen Lande und aus dem Munde
eines einfachen Mannes die Bestätigung der Ansichten unserer Gelehrten
gehört. Veränderungen der Form im größeren Maßstabe kommen
gegenwärtig auf der Cordillera nicht mehr vor. Daß aber in der Nähe
der thätigen Vulkane alles das stattfindet, was sich unter ähnlichen
Verhältnissen anderwärts ereignet, Einstürzen alter Krater,
Emporhebung neuer, mächtiger Lavaströme u. s. w. versteht sich von
selbst, und ebenso braucht kaum erwähnt zu werden, daß die Schluchten
und Thäler durch abwärts strömende Wassermassen fortwährend, wenn
auch langsam erweitert werden. Auch die Erdbeben tragen zu kleinen
Veränderungen das Ihrige bei. Häufig finden sich in den Schluchten
große abgeschliffene fast glänzend polirte Blöcke der verschiedenen
Gesteine des Gebirgs. Aber nicht selten liegen mitten unter ihnen
scharfkantig und höchstens an einigen Stellen mit Anzeichen der
Verwitterung versehen, Felsentrümmer, welche unmöglich wie die
ersteren vom Wasser dorthin geführt worden sein können. Ich hatte
das Vergnügen durch den Augenschein hierüber belehrt zu werden. Eines
Morgens, während der Jäger und ich noch auf unseren Fellen lagen,
wurden wir plötzlich ziemlich fühlbar geschüttelt, und zugleich
hörten wir den, bei jedem Chilenen unerläßlichen Ruf unserer Knechte
»=il tiembla=.« Es war ein nicht unbedeutender Erdstoß, der, wie alle
derartigen Erschütterungen, im Flachlande stärker gefühlt wurde als
auf dem hohen Gebirge, und unten auch, wie wir später erfuhren, an
einigen Orten Schaden gestiftet hatte. Aber während des Stoßes,
der etwa 5 bis 6 Sekunden anhielt, rollten Steine von nicht
unbeträchtlicher Größe in's Thal, welche wohl durch frühere
ähnliche Vorgänge gelockert und allmählig abgelöst, jetzt vollkommen
losgerissen waren. Daher nun die scharfkantigen Felsfragmente in den
Sohlen der Thäler und bisweilen auch auf den Plateaus, wohin sie
von einer höher stehenden Terrasse aus gestürzt sind. Die zu Zeiten
ansteigenden Wasser, welche die meisten dieser Schluchten durchströmen,
führen einen Theil dieser Felsstücke wieder mit sich hinweg, um sie
vielleicht weiter unten mehr oder weniger abgerundet abzusetzen, wohl
auch später als Flußgerölle gänzlich der Cordillera zu entführen,
wenn eben ihre Wassermasse stärker und anhaltender angeschwollen.
Schluchten und enge Thäler, welche nicht von Wasser durchflossen sind,
werden oft auf eine nicht zu ermittelnde Tiefe mit solchen Fragmenten
angefüllt getroffen, doch hat durch theilweise Verwitterung abgelöstes
Gestein auch hier das Seinige beigetragen. --
Der Jagdfreund wird sich denken können, mit welchem Vergnügen ich
meine Jagdzüge auf der Cordillera vollführt, da dort doppeltes
Interesse im Spiel war, ganz abgesehen von dem alten Jagdteufel
früherer Zeit, der, ich leugne es nicht, doch auch dort wieder ein
wenig erwachte. Aber jedes erlegte Thier wurde mir, dem Naturforscher
dort zum _Exemplar_, während es abgebalgt im Lager von Jose Maria als
Wildpret in Empfang genommen wurde, war seine Eßbarkeit nur halbwegs zu
vermuthen.
Häufig war der kleine zierliche Colibri, =Trochilus leucopleurus=,
der Gegenstand meiner Mordlust. Rücken und Flügel des Thierchens sind
graugrün, mit Metallglanz und die Kehle des Männchens ist prachtvoll
goldgrün gefärbt, während das Weibchen etwas bescheidenere Farben
trägt. In jenen bereits erwähnten Oasen schwärmt dieser Colibri um
die Blüthen und kann so geschossen werden, wenn man sich ihm vorsichtig
nähert, doch ist er ziemlich scheu und fliegt so schnell, daß man sein
Schwirren von einer Blume zur andern kaum mit den Augen verfolgen kann.
Zudem ist das erlegte Vögelchen schwer zu finden, da es bisweilen in
den sumpfigen Grund des Bodens fällt, nicht selten aber auch in den
Zweigen hängen bleibt an Stellen, wo man es am wenigsten vermuthet.
Blos auf den höchsten Gegenden der Anden, ich weiß indessen nicht in
welcher Verbreitung gegen Nord und Süd, wird dieser Colibri unweit der
Schneegrenze getroffen. Der =Trochilus Sephanoides= hingegen kömmt blos
im Flachlande vor und nie in den Bergen.
Auch der große in Chile sich findende =Trochilus gigas=, der fast
die Größe einer Hausschwalbe hat, wird ebenfalls in der Cordillera
getroffen, doch mehr noch in den Schluchten, als ganz oben in der Nähe
des Schnees. Alle diese Colibri leben von ganz kleinen Insekten, welche
sie mit der Zunge aus den Blüthenknospen ziehen, und ihr Magen
ist stets mit denselben angefüllt. Zufällig wird hiebei denn auch
Blüthenstaub eingeschluckt, weshalb man wohl geglaubt hat, daß sie
vom Blumenstaub lebten. Ich habe indessen in ihren Eingeweiden Zucker
nachgewiesen.
Ich will nach diesem kleinsten der Vögel sogleich des größten
in Chile lebenden, des Condor, erwähnen, der nur auf den höchsten
Regionen der Anden gefunden wird. Er soll zwar auch auf der
Küsten-Cordillera vorkommen, allein ich bezweifle dies bedeutend. Ich
habe nie dieses Thier dort gefunden, und so oft ich Nachricht erhielt,
daß da oder dort sich ein Condor aufhielte, fand ich, wenn ich zum
Schusse kam, oder das Thier schon kannte, stets, daß es andere Geier
waren.
Es braucht das Thier, welches man gegenwärtig in jeder halbweg
bedeutenden Naturaliensammlung sehen kann, nicht näher beschrieben zu
werden, und man kann sich dort überzeugen, daß die Sagen, welche man
über seine Stärke und Größe verbreitet hat, großenteils in's Reich
der Fabel gehören. Kaum wird ein ausgewachsener Condor mehr als 15 Fuß
Flugweite haben. Indessen thun sie den Viehherden dadurch Schaden, daß
sie den Kühen, welche oben Kälber geboren, dieselben rauben; auch
verfolgen sie vereinzelte jüngere Rinder. Es haben mir Landleute,
welche die Cordillera und ihre Thierwelt genau kannten, versichert, daß
die Condore solche Thiere einschließen und dann vereint den Angriff
machen, indem sie theils nach den Augen ihres Opfers hauen, vorzüglich
es aber im Rücken anfallen, es zu verwunden suchen, und ihm dann die
Eingeweide aus dem Leibe ziehen. Ein krankes, oder vielleicht durch
einen Sturz verwundetes Thier wird aber unbedingt ihre Beute, sei es
auch noch so stark.
Legt man die Eingeweide eines getödteten Thieres an irgend einer
Stelle nieder, so kann man gewöhnlich versichert sein, mehrere dieser
Riesengeier zum Schusse zu bekommen; ein derartiger Versuch mit dem
Ausbruche eines getödteten Guanaco mißlang uns indessen. Meist in
bedeutender Höhe, selbst über den höchsten Gipfeln des Gebirges
schwebend, zieht der Condor bisweilen doch seine Kreise auch tiefer. Man
kann sich denken, mit welchem Vergnügen ich den ersten mir auf diese
Weise näher kommen sah. Sie scheinen in solchen Fällen den unter
ihnen am Boden umherkriechenden Herrn der Schöpfung vollständig zu
ignoriren, kommen und entfernen sich wieder, ohne auf uns die mindeste
Rücksicht zu nehmen. Ich schoß in einer Entfernung von etwa 30
Schritten auf den ersten, welcher sich mir so genähert hatte, und das
zwar mit einer guten Ladung des stärksten Hagels. Es ist auch für
einen wenig geübten Schützen kaum möglich bei der großen Flugweite
des Vogels denselben zu fehlen. Ich hörte trotz der kurzen Entfernung
die Schrote am Gefieder des Vogels anschlagen, derselbe stieß einige
zornige Schreie aus, schwenkte den Hals und senkte sich rasch einige
Schritte abwärts, als wolle er auf mich stoßen. Ich hatte im zweiten
Laufe Vogeldunst, um vorkommenden Falles kleinere Vögel zu schießen.
Eine Kugel in den Lauf rollen zu lassen, wäre es zu spät gewesen,
so blieb mir nichts anderes übrig als das Thier in nächster Nähe zu
erwarten, wo dann auf schuhweite Entfernung auch der andere Lauf wirksam
gewesen sein würde. Aber der Condor hielt es doch für besser, das
Weite zu suchen und entfernte sich gravitätisch. Dieses Stoßen auf
den Schützen zu, und die bezeichneten Aeußerungen des Aergers habe ich
meist an diesen Thieren bemerkt, wenn ich später ohne sie ihres dichten
Gefieders halber zu verwunden, mit Hagel nach ihnen schoß.
Des ersten, den ich mit einer Kugel verwundete, wurde ich nicht habhaft.
Ich lag hoch oben auf dem Gebirge hinter einem Felsblocke versteckt, um
vielleicht einen Guanaco erlauern zu können, welche dort wechselten,
als ich ohne vorher etwas gesehen zu haben, das ganz eigenthümliche
Schwirren hörte, welches der mächtige Flügelschlag jener Thiere
hervorbringt und welches schwer zu beschreiben ist. Aufblickend sah ich
den Condor langsam vorüberschweben, kaum 30 Schritte hoch, den Hals
gesenkt und offenbar mich genau beobachtend. Ich hatte eine gute Kugel
im Rohr, und anschlagen und feuern war das Werk eines Augenblicks. Der
Vogel überschlug sich in der Luft und stürzte in schiefer Richtung zu
Boden, woselbst er auf den Füßen stehend in eigenthümlicher Bewegung
Hals und Kopf schwang. Ich rannte, soll ich es gestehen, in toller
Lust auf ihn zu, mich seiner zu bemächtigen, indem ich ein gutes,
wenn gleich etwas schwerklingiges Jagdmesser führend, den Condor nicht
fürchtete. Aber als ich näher kam, wendete er sich und ergriff rasch
laufend die Flucht, jetzt blieb ich stehen und schoß zum zweitenmal
mit starkem Hagel nach ihm, aber obgleich man auf solche Weise
stark befiederte Vögel leichter tödtet, weil die Federn geringeren
Widerstand leisten, und ich zugleich sicher war, nicht gefehlt zu haben,
so hatte doch mein Schuß keine weitere Folge als die Flucht des Thieres
zu beschleunigen, welches mit ausgespannten Flügeln laufend, am Rande
des Plateau zu fliegen begann und mir das Nachsehen ließ. Er schwebte
über niederer stehende Felsen hinweg, und stürzte dann endlich in eine
entfernte Schlucht, jedenfalls verendet, aber für mich nicht mehr zu
erreichen, da ich sicher vier Stunden bedurft hätte, um bis in die
Schlucht zu gelangen, ohne die Gewißheit zu haben, das Thier zu finden.
Das Exemplar, welches ich mit nach Deutschland brachte, schoß ich in
einer bedeutenden Entfernung ebenfalls mit einer Kugel. Es stürzte
momentan und blieb auf einem Felsenvorsprung liegen, wo ich seiner mit
leichter Mühe habhaft werden konnte.
Später hatte ich Gelegenheit mich von der außerordentlichen Schärfe
des Auges dieser Thiere zu überzeugen. Ich trug eine rothe Schärpe,
wie es dort im Lande gebräuchlich, diese befestigte ich einstens an
meiner Jagdtasche, legte dieselbe auf einen Felsen und versteckte mich
in die Nähe, indem ich mit einer Schnur die Vorrichtung bisweilen
in Bewegung setzte, so daß das Ganze das Aussehen eines blutenden
zuckenden Thiers hatte. Obgleich anfänglich kein Condor zu sehen war,
schwebten doch bald einige, nur wie schwarze Punkte sichtbar, ober mir,
und kamen dann, Kreise betreibend, näher. Aber nur kurze Zeit bedurften
sie um zu unterscheiden, daß kein wirklicher Köder oder kein Thier
sich unter ihnen befand und keiner näherte sich weiter als auf etwa
5 bis 600 Schritte, um sich hierauf wieder zu entfernen.
Unter den Jagden auf Vogelwild war für die Küche die ergiebigste jene
auf eine wilde Taube, =Chamae pelia melanura Reichenb.=, welche unserer
Turteltaube sehr ähnlich ist, und am Spieße gebraten oder mit Zwiebeln
und Pfeffer gedünstet eine gute Speise abgab. Ich habe diese Species
nie im Flachlande von Chile getroffen, aber auf den Anden, und das zwar
so weit aufwärts, als sich nur noch spärlicher Graswuchs findet, ist
sie so häufig, daß wenn der Jäger und ich in Gesellschaft jagten, wir
nie auf eine allein schossen, sondern es stets so einzurichten suchten,
mehrere zugleich zu treffen.
Eine andere höchst mühsame aber deßhalb anregende und interessante
Jagd war die auf eine sehr seltene, ebenfalls nur die Gebirgswasser der
hohen Cordillera bewohnende Entenart, =Merganetta armata=. Das Thier hat
an dem Flügelgelenke einen scharfen und fast dreiviertel Zoll langen
Sporn. Es schwimmt rasch und selbst gegen die reißende Strömung jener
Gebirgswasser und schwingt sich von Zeit zu Zeit auf aus dem Wasser
hervorstehende Felsblöcke, wozu ihr die Spornen an den Flügeln
behülflich sind. Längere Zeit verfolgt, taucht es unter und
verschwindet. Man muß häufig die Wasser durchwaten oder überspringen,
um der Ente folgen zu können, da oft die Ufer so steil werden, daß man
auf der Seite, auf welcher man sich eben befindet, nicht mehr fortkommen
kann, aber hat man auch die Ente auf Schußweite, was oft der Fall ist,
wenn sie auf irgend einem Felsblocke ausruht, so ist es ganz nutzlos,
sie hier zu schießen, indem sie in das Wasser stürzend, unbedingt
für den Jäger verloren ist, und stets von der heftigen Strömung mit
abwärts gerissen wird. Man muß ihr deßhalb so lange folgen, bis sie
sich freiwillig erhebt und über eine größere Felsenplatte oder das
Ufer hinwegfliegt und beim Stürzen auf festen Grund fällt. Ich habe
blos ein Exemplar dieser Ente mit nach Europa gebracht. --
Andere Entenarten und verschiedene kleinere Vögel wurden eben so
in mehr oder minder großer Anzahl erlegt. Ich erwähne z. B.
der =Muscisaxicola maculirostris=, ein kleiner in der Färbung
lerchenähnlicher Vogel. Er ist, ehe man seine Art und Weise kennt,
schwer zu beschleichen, indem er sehr rasch fliegt und sich auf die
Spitze eines kleinen Strauches niederläßt, aber nach einigen Sekunden
verschwindet. Geht man an den Strauch, so ist der Vogel nirgends zu
finden, denn wahrscheinlich um Insekten zu haschen, schlüpft er rasch
von Zweig zu Zweig auf die Erde, läuft auf derselben durch das Gras
verborgen fort, und erhebt sich dann, um auf einen andern Strauch
fliegend, dasselbe Spiel zu wiederholen.
Häufig und in Zügen von etlichen Hundert zusammenlebend, aber auch
nur auf den höheren Theilen des Gebirges, findet sich die =Chrysomitris
xanthomelaena Reichenb.=, eine neue von mir zuerst nach Europa gebrachte
Art, glänzend schwarz und hochgelb gefärbt und in der Größe eines
Zeisigs.
Auch der schon früher erwähnte und allenthalben in Chile anzutreffende
=Tapaculo= und =el Turco= leben auf der Cordillera. Ersterer hat
seinen Namen deßhalb erhalten, weil er stets mit hoch aufgerichteten
Schwanzfedern einherläuft, denn =Tapaculo= heißt wörtlich: Bedecke
deinen Steiß. Beide Vögel gewähren eine treffliche Speise, und
ihr Fleisch kommt jenem des Haselhuhns sehr nahe. Auch =Thinocorus
Orbignianos=, eine große Wachtelart, und paarweise nur dicht an der
Schneegränze lebend, war ein schätzbares Wildpret.
Es fehlte uns, wie man sieht, nicht an frischem Vogelwild, und abgesehen
von dem Interesse des Naturforschers und selbst der Nothwendigkeit,
Material für unsere Küche beizuschaffen, bestand auch zwischen dem
Jäger und mir eine Art Wettstreit, wer, jagten wir getrennt, des Abends
am meisten heimbrachte. Die Knechte waren stets auf meiner Seite, und
sahen es als eine Gunst an, wenn ich einen derselben, meist Carlos, mit
mir nahm. --
Von _Säugethieren_ bewohnen nur wenige Arten die hohe Cordillera, wie
denn Chile überhaupt arm an denselben ist.
Der Cordillera-Fuchs, =Canis Azarae=, soll dort häufig vorkommen, aber
ich habe nur ein einziges Exemplar erlegt. Oefters aber fanden sich des
Morgens Fährten derselben um unser Lager, die Füchse umkreisten es,
ohne Zweifel angezogen von dem Geruche der Speisen und der geschossenen
Vögel. Der Cordillera-Fuchs ist etwas größer als der unsrige und
ein wenig heller, in's Grau spielend. Aber sein Benehmen und seine
Lebensweise gleicht ganz der des deutschen. Eben so vorsichtig,
liebenswürdig und geschmeidig wie diese, sprang jener, den ich
belauerte, von Stein zu Stein und drehte sich mit derselben Gewandtheit
zur Flucht, als er plötzlich meiner ansichtig wurde. Ja, es gleichen
sich alle Füchse, tragen auch nicht alle »rothe Bärte.«
Auch die =Felis concolor=, der sogenannte amerikanische Löwe, wird
in der Cordillera getroffen. Als wir einstens schon bei vollkommener
Dunkelheit von der Guanaco-Jagd heimkehrten, fanden wir das Feuer fast
abgebrannt, die Speisen beinahe eingekocht, und Jose Maria verschwunden.
Wir waren ängstlich, allein da auf Rufen und einige Signalschüsse
keine Antwort erfolgte, warteten wir in Geduld das Weitere ab.
Später erschien er mit den Pferden. Er hatte unfern des Lagers eine
Löwenfährte gefunden, und war gegangen die Pferde einzufangen, um sie
in der Nähe desselben zu versorgen.
Etwa gegen ein Uhr in der Nacht begann der Hund, den wir bei uns
hatten, unruhig zu werden und zu knurren. Es war Mondschein, doch in
der Thalschlucht ziemlich dunkel. Ich bedeutete durch Zeichen den Jäger
nach der einen Seite der Schlucht hin aufmerksam zu sein, wand rasch
meine Binde mir um den Leib, steckte meinen Dolch in dieselbe und kroch
mit meiner Doppelflinte bewaffnet nach der Stelle zu, nach welcher hin
der Hund Laute gegeben hatte. Stille und lautlos war ich, meiner Idee
nach »indianerartig«, auf diese Weise etwa zwanzig Schritte weit in
ziemlich hohem Grase vorwärts gekommen, als ich plötzlich ein leises
Geräusch zu hören glaubte. Mein Herz pochte. Alle Indicien eines
heftigen Jagdfiebers waren vorhanden! Ich nahm mir vor, der Puma »auf's
Blatt zu halten,« um den Schädel nicht zu verderben. Da sah ich
plötzlich im schwachen Strahle des Mondes, und etwa zehn Schritte von
mir entfernt, zwei blitzende Augen, die mich anstarrten, wie ich sie.
Aber unter den Augen war nicht der Rachen eines Löwen, sondern ein
blitzendes Messer zwischen den Zähnen eines menschlichen, ziemlich
braunen Antlitzes festgehalten. Indianer!
Wenn ich in Kapiteln schriebe -- welch eine herrliche Gelegenheit hier
ein frisches zu beginnen! Einfach im Texte forterzählend aber muß ich
berichten, daß jene Augen Carlos gehörten, der durch den Hund geweckt,
ohne von mir zu wissen, denselben Streifzug wie ich unternommen hatte.
Er hob lautlos den Finger mit demselben die Richtung bezeichnend, ich
nickte, und wieder im Grase untertauchend, setzten wir unsere Wanderung
fort.
Der günstige Leser entschuldige, daß Alles blinder Lärm gewesen,
wenigstens sahen wir nichts und krochen vom Thaue bis auf die Haut
durchnäßt, wozu bei unserm Anzug nicht viel gehörte, in unsere Pelze
zurück.
Es mochte vielleicht die Puma gewesen sein, vielleicht aber auch
nur Füchse, welche das Lager umschwärmt hatten. Bessere Resultate
erzielten wir auf der Guanaco-Jagd. Der Jäger berichtete eines Tages
Eines geschossen zu haben, welches aber, schwer verwundet in eine
unzugängliche Schlucht gestürzt sei. Zwar zogen hinter seinem
Rücken die Knechte schauderhafte Fratzen, welche Zweifel und Unglaube
beurkundeten. Aber es wurde doch beschlossen, des andern Tags eine
große Jagd auf diese Thiere zu veranstalten.
Die Expedition wurde zu Pferde unternommen, einmal weil, wie die Knechte
und selbst der Jäger sagten, es zu _gefährlich_ sei jene Stellen zu
Fuße zu besteigen, zweitens aber, weil wir ohne Pferde schwerlich in
einem Tage hin- und zurückgekommen wären.
Ich will nicht wieder jene verwünschten Pfade beschreiben, welche wir
zu reiten hatten, um den Jagdplatz zu erreichen. Es war jener schon
vorher geschilderte Felskamm, die Mauer mit Stufen in erhöhter Potenz,
aber dabei oft so steil aufwärts gehend, daß die Pferde sich
häufig zu besinnen schienen, ob sie anklimmen, oder sich rücklings
überschlagen sollten. Wir hatten fast vier Stunden zu reiten, bis wir
auf dem gewünschten Platz angelangt waren.
Häufig trifft man auf der Cordillera Schluchten, ja selbst freistehende
Ebenen mit zwanzig bis dreißig Fuß tiefem, festem und körnigem Schnee
erfüllt und bedeckt, welcher Jahre lang nicht schmilzt, ja es treten
ganze mit ewigem Schnee bedeckte Berge auf, aber in einiger Entfernung
weiter oben, trifft man wieder auf ein Plateau, welches Graswuchs
zeigt, und wo an den felsigen Wänden die zierliche Flora der höchsten
Regionen erst den letzten Markstein der Vegetation anzeigt.
Ein solches Plateau hatten wir erreicht. Dicht bei uns ansteigend auf
einer Seite steile Schneeberge, häufig ganz mit Wolken umhüllt. Auf
der andern Seite kraterartige, stets mit Wolken verhüllte Schluchten,
unter unsern Füßen ziemlich üppiges Gras; nur stellenweise, wo sich
die Vertiefungen befanden, der Boden mit festem Schnee bedeckt,
gegen eine dritte Richtung hin ein fast endloser Blick über die
schneebedeckten Gipfel des Gebirges, dann aber endlich auf der vierten
Seite die reizendste Fernsicht über das Land bis an's Meer.
Wir ließen die Pferde und das Maulthier, welches wir vorsorglich
mitgenommen hatten, grasen und zogen uns höher in die Gegend der
Moräne. Der Jäger und Carlos umgingen dieselbe von der einen Seite,
indem sie theilweise in die Schlucht stiegen und vielleicht dort selbst
ein Guanaco zum Schuß zu bekommen hofften, d. h. der Jäger,
denn Carlos hatte kein Gewehr, ich aber stellte mich hinter einigen
Felsblöcken an.
Wie wir hofften, sollten die Guanacos über die Moräne kommen, und
dann konnte ich in einer Entfernung von etwa 150 Schritten wohl eins
schießen. Mein alter deutscher Lehrer im edlen Waidwerk wäre sonder
Zweifel wenig erbaut gewesen von der Art wie ich dort auf dem Anstande
lag. Statt ruhig still zu liegen, beschäftigte ich mich mit den
Pflanzen der nächsten Umgebung, den zierlichsten Pflänzchen, welche
ich je gesehen, und mit einem goldgrün glänzenden Käfer, den ich
wirklich in fünf Exemplaren haschte und welcher in Deutschland als eine
neue Art erkannt wurde[32], und welcher auf einer =Saxi fraga= zu leben
schien. Plötzlich aber hörte ich den meckernden Ton, den die Guanacos
auszustoßen pflegen, und der dem Rufe der sogenannten Himmelsziege
ziemlich ähnlich ist. Aber die Thiere waren noch etwa 1500 Schritte
weit von mir entfernt, und flogen nach einigen Augenblicken Halt,
pfeilschnell über die Schneedecke hinweg, nach einer tiefer gelegenen
Stelle zu.
Man darf, sobald diese Thiere ihren Ruf ausgestoßen haben, alle
Hoffnung aufgeben, daß sie sich noch weiter nähern. Sie haben in
diesem Falle bereits Verdächtiges bemerkt, und sind auf ihrer Hut. Ich
lag jetzt still hinter einem Felsenblocke, da ich auf einen späteren
Nachzügler wartete, und nach etwa einer halben Stunde kam auch wirklich
ein Guanaco auf der Höhe der Moräne. Da ich keine Büchse, sondern nur
meine mit Kugeln geladene Doppelflinte hatte, mußte ich das abwärts
steigende Thier näher kommen lassen. Endlich aber gab ich Feuer. Das
Guanaco machte einen Sprung, schüttelte mit den Ohren und blieb dann
einige Sekunden ruhig stehen. Der Tragweite meiner Flinte nicht recht
vertrauend, hatte ich wohl zu hoch und über das Thier hinweggeschossen.
Da ich aus Erfahrung wußte, daß ein Schuß die Guanacos weniger
erschreckt als der Anblick eines Menschen, so blieb ich ruhig in meinem
Verstecke kauern, hoffend auf das Näherkommen meiner Beute. Da aber das
Thier sich nach einigen Augenblicken in raschen Galopp setzte, schoß
ich zum zweiten Male, und jetzt stürzte dasselbe sogleich zusammen,
raffte sich wieder auf, stürzte nochmals und rollte dann einige
Klafterlängen abwärts, wo es verendet liegen blieb. Ich ließ es, wo
es war und suchte Pflanzen und Käfer, von welchen ich wirklich eine
hübsche Ausbeute erhielt, bis nach einiger Zeit der Jäger mit dem
Knechte erschien und nun zum Ausweiden der Beute geschritten wurde,
indem wir die Decke des Thieres dazu benützten, die Keulen, den Rücken
und was uns brauchbar vom Fleische erschien, einzupacken. Das Thier war
feist und erreichte beinahe die Größe eines Maulthiers. Den Aufbruch
ließen wir, um Condore anzulocken, liegen, allein merkwürdiger Weise
ohne Erfolg. Während wir, durch Felsblöcke geborgen, das Mittagsbrod
verzehrten, bemerkten wir plötzlich einen frischen Trupp Guanacos,
welche Lust zu zeigen schienen, auf das Plateau hinabzukommen. Sie
ziehen hiebei auf den von ihnen selbst getretenen Pfaden, eines hinter
dem andern, ganz ähnlich einem Zuge beladener Maulthiere, und ziemlich
langsam weiter, und sobald das erste stehen bleibt, rührt sich
ebenfalls keines der nachfolgenden von der Stelle.
Unsere Pferde waren nicht weit entfernt, Carlos brachte dieselben, und
wir näherten uns den Guanacos so vorsichtig und gedeckt als möglich,
in der Absicht eine Jagd nach Art der Chilenen zu machen, wobei man die
Thiere zu Pferde verfolgt, bis es gelingt, sie mit dem Lasso zu fangen.
Die Wahrheit zu gestehen, hatte ich mir vorgenommen, wäre ich einmal
dem Wilde auf Lasso-Weite nahe gekommen, zu halten und nach ihm zu
schießen, denn obgleich ich den Lasso ein wenig werfen konnte, hatte
ich doch zu Pulver und Blei mehr Vertrauen. Als uns die Thiere erblickt
hatten, und zu meckern anfingen, jagten wir wie verrückt hinter
denselben her. Aber auf einem der Schneestreifen, welche sich von oben
herab auf das Plateau zogen, brach ich mit meinem Pferde ein und versank
bis über die Brust in den Schnee. Unter mir hörte ich Wasser rauschen,
mein Pferd sank ersichtlich tiefer, und ich sah eben noch Carlos,
welcher mit seinem leichteren Pferde schlittschuhartig über den Schnee
geglitten war, am Ende desselben seinen Lasso in Bereitschaft setzen,
ohne Zweifel, um mich im schlimmsten Falle mit demselben herauszufangen.
Ich glaube, daß ich dort keine besonders geistreiche Miene zur Schau
gestellt habe, indessen spornte ich mein Pferd so gut es des Schnees
halber eben ging, und dasselbe fußte unten wieder auf einem festen
Gegenstande, ob Eis, ob ein Felsen, ich weiß es nicht, aber es
arbeitete sich in die Höhe, erreichte mit den Vorderfüßen die harte
Schneedecke, welche einige Male einbrach, aber doch immer etwas Halt
gewährte, und war plötzlich mit einigen gewaltigen Sprüngen oben, und
mit zwei oder drei weiteren Sätzen über den Schnee hinweg. Wir hatten
bald den vorausreitenden Jäger eingeholt, aber die Guanacos waren
verschwunden und hatten sich in Klüfte und auf Abhänge geflüchtet,
wohin ihnen selbst ein chilenischer Reiter nicht zu folgen vermochte.
Ich habe an jenem Tage auf dem Plateau hübsche Käfer gefangen,
schöne geognostische und für die Höhe des Gebirgs bezeichnende Stufen
geschlagen und von jener zwergartigen Flora verschiedene Exemplare
mitgebracht, welche in Deutschland sämmtlich später als Novitäten
bezeichnet wurden.
Während ich so meine eigenen Wege verfolgte, lag der Jäger auf dem
Anstande, um ein etwa versprengtes Guanaco zu erlegen, aber fruchtlos.
Spät in der Nacht kamen wir unten im Lager an, und vor uns in der
Thalschlucht einige hundert Steine, welche unter den Füßen der Pferde
wichen und abwärts rollten. Daß wir dort nicht sämmtlich die Hälse
brachen, ist mir heute noch ein Räthsel.
Dort habe ich gesehen, wie sehr die Thiere, welche wir bei uns hatten,
zusammengewöhnt waren. Hoch oben, so daß wir wenigstens noch eine
halbe Stunde zu reiten hatten, bis wir im Lager ankamen, hörte uns
eins der zurückgelassenen Pferde, welches sich in der Nähe des Lagers
befand; es wieherte, als es seine Kameraden kommen hörte und alle
unsere Thiere gaben sogleich freudige Antwort.
Die meteorologischen Verhältnisse von Chile überhaupt werde ich, was
das Flachland betrifft, mit einigen Worten später berühren, hier aber
dahin Einschlagendes die Anden Betreffendes sogleich erwähnen.
Die Temperatur war in der Cordillera eine ziemlich wechselnde. An der
Stelle des Lagers, des Nachts, und besonders gegen früh, + 5 bis
+ 6° R., des Mittags aber im Schatten + 15 bis + 16° R. Zu
verschiedenen Malen aber war des Nachts die Temperatur bis auf
+ 3 R. gesunken. In der Sonne aber, und an den derselben am meisten
ausgesetzten Felswänden war + 28 R. und + 30° R. eine gewöhnliche
Erscheinung.
Auffallend aber war der enorm wechselnde Feuchtigkeitszustand der
Luft. Ich hatte ein Fischbein-Hygrometer bei mir, welches freilich nur
relative Resultate giebt, die indessen vollkommen ausreichen, um das
eben Gesagte zu bethätigen. In dem Augenblicke, in welchem die Sonne
die Gipfel der westlichen Bergspitzen unserer Schlucht zu bescheinen
anfing, während sie noch eine halbe Stunde zu steigen hatte, bis sie
in die Tiefe der Schlucht zu unserm Lager gelangte, und wir also noch so
lange vollkommen im Schatten waren, begann das Hygrometer schon stark zu
steigen, so daß der Unterschied, bis die Sonne auf die Sohle des Thales
kam, öfters 35° bis 40° der Scala betrug, und das war täglich der
Fall.
In Betreff des Windes bin ich nicht im Stande eine allgemeine
Hauptrichtung desselben in der Cordillera anzugeben. So constant wie im
Flachlande von Chile der Wind zu einer bestimmten Stunde und von einer
bestimmten Richtung kommend auftritt, so constant tritt er in den
einzelnen Schluchten und Thälern der Cordillera und an den einzelnen
Felswänden ebenfalls auf, aber dies ist nichts anderes als eine locale
Luftströmung, bedingt durch eine ungleiche Erhitzung und Abkühlung
jener gewaltigen Massen.
So begann z. B. regelmäßig des Morgens gegen 10 Uhr in der Schlucht,
in welcher wir unser Lager aufgeschlagen hatten, der Wind direkt von
Süd zu wehen, indem er dem Streichen der Schlucht von Süd nach Nord
folgte und hielt bis gegen Mittag an, wo Windstille eintrat. Des Abends
aber um 7 Uhr begann Nordwind in gerade entgegengesetzter Richtung und
hielt bis um Mitternacht an. Zufällig stimmt dies mit der Windrichtung
in Valparaiso auch zusammen, aber dies ist zufällig, denn in andern
Schluchten des Gebirges war die Richtung des Windes oft eine ganz
andere.
Die Wolken, die oberhalb der Cordillera standen, und bei höherem
Standpunkte des Beobachters unterhalb derselben hinziehen, gaben mir
ebenfalls keine Anhaltspunkte, um auf eine allgemeine bestimmte Richtung
des Windes schließen zu können. In geringer Entfernung von einander
folgten diese Wolkenmassen oft ganz entgegengesetzten Richtungen,
und wurden mithin, wie es scheint, ebenfalls von den Luftströmungen
getrieben, welche von den mehr oder weniger erwärmten Felsmassen
aufstiegen.
Ich habe öfters in gleicher Höhe mit dem Standpunkte, welchen ich
einnahm, Wolkenmassen von zwei entgegensetzten Seiten auf einer mir
gegenüberstehenden Felsenklippe herankommen sehen. Sie zogen mit
gleicher Geschwindigkeit, vereinigten sich, nachdem sie eine kurze
Strecke am Felskamme aufwärts gezogen waren und verschwanden hierauf,
offenbar als Niederschlag am Gesteine selbst. Sowohl bei schneebedeckten
als auch vollkommen schneefreien Bergspitzen habe ich dieß beobachtet.
Ich habe nur selten in bedeutender Höhe über den Anden Wolken schweben
gesehen und es schien die Wolkenbildung, wenigstens zur Zeit meines
Aufenthalts auf der Cordillera, wo fast immer heiterer Himmel war, auf
das Gebiet der Andes-Kette selbst beschränkt zu sein, indem von einem
Punkte aus aufsteigende Wolken längere Zeit über ein und demselben
Orte zu schweben schienen und dann wieder verschwanden, oder auch sich
zwischen den höchsten Gipfeln des Gebirges hindurch windend, sich
endlich dem Blicke entzogen.
Thau fiel täglich in der Cordillera, wenigstens in der Gegend des
Lagers, Regen nur einmal, allein nur in einzelnen Tropfen und ganz
vorübergehend.
Wie sehr die Temperatur der Gebirgswasser sich verändert, mag die
Angabe eines Mittels zeigen, welches sich aus einer längeren Reihe
von Beobachtungen ergeben hat, die ich mit dem neben unserm Lager
fließenden Flusse angestellt habe. Es ergiebt sich für Morgens 6 Uhr
+ 4.12° R., für Mittags 2 Uhr + 8.15° R. und endlich für Abends
8 Uhr + 5.08° R. Das frisch gethaute Schneewasser, welches gegen
Abend und während der Nacht jene Flüsse verstärkt, bewirkt die starke
Abkühlung derselben.
Es sind die Nächte auf der hohen Cordillera wirklich reizend,
wundervoll zu nennen, und dieß vorzüglich, wenn ein erhöhter
Standpunkt und klares Mondlicht dem Blicke in die Ferne zu schweifen
erlaubt. Ich bin verschiedene Male, nachdem ich einmal die Wege genauer
kannte, länger auf den höheren Theilen des Gebirges geblieben, so daß
ich den vollen Anblick jener prachtvollen Mondnächte genießen konnte.
Keine Feder vermag in der That den feenhaften Zauber zu schildern,
der dort, hat man einen glücklichen Standpunkt gewählt, über die
Landschaft ausgebreitet ist.
Die phantastischen pittoresken Formen des nächsten Gebirges traten
doppelt imponirend und gehoben durch das Helldunkel unter und neben
uns aus der Tiefe hervor, und fast ist die Phantasie versucht, riesige
menschliche Formen, fabelhaftes tolles Gethier sich aus ihnen zu bilden.
Mitten unter diesem Chaos von düsteren schwarzen Gestalten heben
einzelne schneebedeckte Berge ihr Haupt bläulich-glänzend im
Mondschein. Aber die diesseitige im Mondlichte zitternde, schwimmende
Ferne des Flachlandes bietet den mächtigsten Reiz. Sie spricht, gehoben
durch den Vordergrund, eine Mystik aus, die sich nicht schildern, mit
Nichts vergleichen läßt. Dazu die lautlose Stille, die tiefste Ruhe
und das mächtig erregende und doch wieder so beruhigende Gefühl
absolutester Einsamkeit. Und über dieß Alles ist ein Himmel gebreitet,
dessen Blau sich mit dem tiefsten Ultramarin vergleichen läßt. Zwar
glänzen an ihm nicht die Sterne, die unsere Jugendzeit mit frommen
Träumen erfüllten, aber auch die fremden, uns wenig bekannten
Sternbilder der südlichen Halbkugel, sprechen in solchen einsamen
Nächten zu uns von der Unendlichkeit des Weltalls, und von
Dingen, welche kaum die Gedanken zu fassen, noch weniger aber Worte
auszudrücken vermögen. --
Ich will noch des Zodiakallichtes gedenken, von dem ich bereits früher
gesprochen habe, welches aber in der hohen Cordillera in einer ganz
außerordentlichen Intensität auftritt.
Ich habe dort eine Erscheinung gleichzeitig mit demselben auftreten
sehen, von welcher ich kaum glaube, daß sie irgendwo erwähnt worden
ist.
In allen wolkenfreien Nächten nämlich, in welchen das Zodiakallicht
in seiner ganzen Stärke zu sehen war, zeigten sich etwa in der halben
Höhe des pyramidal ansteigenden leuchtenden Scheins helle Flecke,
ähnlich den Maghellan'schen Wolken. Der eine dieser Flecke trat
südlich auf, und war der größere, er hatte die scheinbare Größe
der kleineren Maghellan'schen Wolke und stand etwa um die Breite seines
Durchmessers entfernt an dem äußeren Rande des Zodiakallichtes.
In gleicher Höhe mit ihm, aber nördlich und auf der andern Seite der
leuchtenden Pyramide, standen zwei kleinere Flecke übereinander.
Die Lichtstärke dieser drei Flecke war unter sich gleich, aber etwas
schwächer, als die des Zodiakallichtes selbst. War das letztere nicht
in vollster Intensität zu sehen, so waren diese Nebenflecke kaum oder
gar nicht zu bemerken.
Man darf also vielleicht annehmen, daß dieselben als zu demselben
gehörig betrachtet werden können, und der Ausdruck hoher Intensität
desselben sind, ähnlich dem, wie die sogenannte Krone des Nordlichts
den höchsten Grad desselben, die vollständigste bis jetzt beobachtete
Ausbildung der Erscheinung bezeichnet.
Hiedurch hätte ich nun freilich gewissermaßen ausgesprochen, daß ich
das Zodiakallicht in einem Grade seiner Lichtstärke gesehen, wie
noch keiner der beobachtenden Reisenden, welche demselben ihre vollste
Aufmerksamkeit zugewendet haben. Aber selbst auf die Gefahr hin
unbescheiden zu erscheinen, darf dennoch in der Wissenschaft die
Wahrheit nicht verletzt werden. Findet sich aber meine Wahrnehmung
bereits irgendwo erwähnt, so habe ich mich zwar geirrt, wenn ich
glaubte eine Novität zu bringen, aber die Sache selbst ist bestätigt.
Ich füge bei, daß ich anfänglich geglaubt, das sogenannte Leuchten
der Vulkane bedinge die Erscheinung, aber ich hatte später Gelegenheit
dasselbe genauer zu beobachten und fand, daß jenes Phänomen sich
einstheils ganz anders ausspricht, daß aber auch schon deßhalb eine
Identität nicht möglich, weil in der Richtung, in welcher ich jene
leuchtende Flecke gesehen, sich gar keine Vulkane befinden. --
Es war endlich Zeit, von den Bergen Abschied zu nehmen. Zwar war wohl
Vogelwild vorhanden, aber das Mehl war bereits verzehrt und schon einige
Tage hatte jeder von uns sich statt des Brodes mit einigen Kartoffeln
begnügt. Ich hatte den letzten Maiskuchen den Knechten überlassen, und
zuerst die Kartoffeln als Surrogat benützt, indem ich ihnen sagte, wir
lebten zwar in Deutschland im Ueberflusse, und auch der Aermste
speise auf's Reichlichste täglich Waizenbrod, allein es sei bei uns
Ehrensache, sich abzuhärten und mit Freuden jede Entbehrung zu tragen.
Unter anderen nützlichen Dingen, welche ich in meinen akademischen
Jahren erlernte, war auch der Grundsatz, daß ein wenig Renomage zu
Gunsten der Landsmannschaft nicht schade, und seine Anwendung hat dort
bei beginnendem Mangel guten Dienst geleistet.
Der Heimritt auf denselben Pfaden, auf welchen wir gekommen waren,
bot keine weitere Abenteuer, nur waren wir froh unseren alten Weg
eingeschlagen, und nicht die entgegengesetzte Seite gewählt zu haben,
da wir dort jener bereits erwähnten Viehheerde entgegengekommen wären.
Jenen Fluß am Anfange des Gebirgs mußten wir diesmal nur einigemale
durchreiten, wodurch sich vollkommen herausstellte, daß wir hinwärts
den Weg verfehlt hatten. Am zweiten Tage nach unserer Ankunft in
Santjago fand in der Cordillera ein mächtiger Schneefall statt, und es
war das ganze Gebirge weit abwärts mit Schnee bedeckt. Wären wir noch
oben gewesen, hätte ich reichliche Gelegenheit gehabt, jene Abhärtung
zu beweisen, von welcher ich den Knechten erzählte, denn Schmalhans
wäre dort ohne Zweifel Küchenmeister gewesen in höchster Potenz.
Ich hatte gute Beute erworben auf dem Gebirge. Neben schönen und meist
neuen Pflanzen von den höchsten Punkten, hatte ich an 30 Species von
tieferen Partien und aus der Nähe unseres Lagers mitgebracht. Einige
Exemplare von =Herpetodryas lineatus=, eine vier bis fünf Schuh lange,
nicht giftige Schlange und zwei Species von Eidechsen repräsentirten
die Amphibien. Von Käfern und Insekten wurden gefangen 25 Species,
worunter mehrere neue Arten, und außerdem einige Taranteln und
Skorpionen, welche beide bis weit hinauf, und an die Schneegrenzen
reichend, gefunden worden.
Vögel wurden etliche 20 Species, ebenfalls Novitäten einschließend,
erworben. Eine ziemliche Anzahl geognostischer Handstücke
vervollkommnete endlich die naturgeschichtliche Ausbeute auf der
Cordillera.
In Santjago hatte ich nach meiner Zurückkunft Gelegenheit, mit mehreren
angesehenen Männern Bekanntschaft zu machen, und mit Vergnügen
die Bestätigung zu erhalten, wie wohlgelitten der Deutsche bei der
chilenischen Regierung ist, was schon aus dem Eifer hervorgeht, mit
welchem man die Einwanderung unserer Landsleute begünstigt.
Außerdem habe ich verschiedene Bergwerkbesitzer kennen gelernt und von
denselben schöne Mineralien aus ihren Gruben erhalten, unter welchen
ich nur anführen will: ausgezeichnete Kobalt-Erze, gediegen Silber,
Jodsilber, Bromsilber und endlich Chlorsilber, derb und in zwei
zollgroßen Stücken.
Nach einem zweiten, etwa dreiwöchentlichen Aufenthalte in Santjago ging
ich nach Valparaiso zurück.