Die persönliche Verantwortlichkeit des Individuums, seine

Verantwortlichkeit für alle seine Handlungen, seine Pflicht, alle seine

Handlungen auf seine sittliche Autonomie hin zu prüfen, zu regeln, zu

leiten und zu beleuchten, darf nicht geschmälert werden durch das

moderne Bewußtsein von seinem sozialen Schicksal. Seine

Verantwortlichkeit kann aber nur dann ernst, innig, fest und stark

werden und bleiben, wenn trotz dieser sozialen Einsicht, und gleichsam

ihr entgegengesetzt das Bewußtsein geweckt wird und wachbleibt: daß

jeder Mensch, und wäre er in Ketten geboren, frei ist, =sofern er frei

sein soll=, sofern er sich die Aufgabe stellen soll, frei sein zu wollen.

Diese Einsicht gibt die Lehre der Ethik, und auf ihr beruht alle

ethische Arbeit. Aber es ist der =Kulturwert der Religion=, diese ethische

Einsicht lebendig zu erhalten, damit sie nicht verdunkelt werde von der

sozial-ethischen Einsicht, welche das Individuum zu befreien strebt

durch diese Erkenntnis und durch die Machtmittel der Gemeinschaft. Ohne

diese Hilfe der Religion für die Erhaltung des Individuums besteht die

Gefahr, daß die sozial-ethische Einsicht den anderen Gedanken verdrängt,

weil er für die theoretische Einseitigkeit ein Hemmnis, und ferner auch

allgemein ein mystisches Vorurteil zu bilden scheint. Dagegen hat die

Religion ihre Eigenart einzusetzen.

21. Es ist nun wahrlich nicht etwa hier die Meinung, daß die Religion an

die Stelle der Ethik zu treten hätte: es handelt sich ja keineswegs um

ihre Selbständigkeit. Ihre Eigenart bedeutet ja nur, daß sie als ein

Faktor der systematischen Kultur mitzuwirken habe, um die Einheit des

menschlichen Kulturbewußtseins zustande zu bringen. Diese Einheit des

Kulturbewußtseins aber =ist durch die Individualität bedingt=. Und alle

soziale Gemeinschaft muß am letzten Ende doch in diese Individualität

einmünden. So ist die Eigenart der Religion eine Grundbedingung der

systematischen Einheit des modernen Kulturbewußtseins.

22. Man darf auch nicht vergessen, daß die Fabel von den =drei Ringen=

doch nicht die Bedeutung hat, den Vorzug der einen der drei Religionen

in systematischer Richtigkeit zu bedeuten. Das Kennzeichen, das die

Fabel für ihre Richtigkeit angibt, können wir in unserem Sinne

verstehen: =daß die Sittlichkeit das Kriterium der Religion sei=.

Innerhalb der historischen Verhältnisse aber ist es ein besonderer

Tugendweg zur Sittlichkeit: daß der historischen Religion gegenüber, in

die das Individuum hineingeboren ist, Treue, Bekenntnistreue geübt

werde. Diese Treue hat sich in der =Kulturarbeit der Idealisierung= zu

betätigen, deren jede monotheistische Religion fähig ist, sofern ihre

Wahrheit dem Grundgesetze der Entwicklung unterworfen wird. Durch sie

wird die Gefahr beschworen, die in der Überlastung der Pietät mit der

historischen =Tradition= besteht, welche letztere die persönliche

Verantwortlichkeit und die individuelle Freiheit ihr gegenüber

beeinträchtigen kann. Die logische Grundbedingung, die wissenschaftliche

Kontrolle bildet hier eine unentbehrliche und eine sichere Stütze.

23. Ein nicht hoch genug zu schätzender Vorzug der Religion liegt unter

dieser Grundbedingung endlich darin, daß sie von dem Verhängnis der

=Mystik= befreit und von den Schlingen der =Metaphysik=, die den Geist

bedroht, wenn er von der Korrelation mit Gott sich freimachen will. Die

mythologischen Fragen nach dem =Schicksal= des Menschen und der Welt

erlangen alsdann die Oberherrschaft über ihn, und sie entziehen ihn den

historischen und =sozialpolitischen= Aufgaben, mit denen die Religion

unmittelbar verknüpft ist.

24. Die echte historische Pietät dagegen führt auf geradem Wege zur

=Toleranz=, und das will hier sagen, zur wissenschaftlichen

=Objektivität=, die sich des anmaßenden Urteils über die =Absolutheit= der

eigenen Religion enthält. Während das wissenschaftliche Urteil von dem

Maße der =Entwicklung= geleitet wird, dessen eine der historischen

Religionen fähig und mächtig sei. Für alle Entwicklung der Religion aber

muß der Begriff des einzigen Gottes der unveränderliche Schwerpunkt

bleiben. Dieser Begriff selbst hingegen gehört der Entwicklung an, und

=mit dem Begriffe des Menschen und der Menschheit ist auch der Begriff

des einzigen Gottes das zentralste Problem der Entwicklung des Geistes

der Kultur=.

25. =Dieses Schwerpunktes der Religion wegen muß das Judentum für alle

Entwicklung der Religion das unerschütterliche Fundament bleiben.= Nicht

nur die historische Originalität bestätigt diesen Gedanken, sondern er

wird selbst auch durch die Abweichungen vom reinen Monotheismus

begründet, durch welche das =Christentum= sein historisches Recht erworben

und behauptet hat. Man könnte daher wohl sagen, daß das Christentum

wegen der Bedeutung der =Idee Christi=, als der =Idee der Menschheit=, mehr

die Autonomie der Sittlichkeit vorbereitet habe, als es die Entwicklung

der Religion im Prinzip des Monotheismus gefördert habe. Für die

Entwicklung der Religion bleibt der prophetische Monotheismus der

Wegweiser der Menschheit. Und da die Autonomie nunmehr durch die Ethik

sichergestellt ist, und mit ihr der ethische Inbegriff der Idee der

Menschheit, so können die Gebote Gottes nur als Hinweisungen und

Anleitungen zur Autonomie gewürdigt werden. Jenseits der Autonomie aber

liegt der Sinn der Idee Gottes für die Ethik der Menschheit nur in der

Isolierung der Menschheit auf das Individuum des Menschen.

* * * * *

26. Die Religion bedarf endlich aus dem Gesichtspunkte der =Einheit des

Bewußtseins= der Orientierung durch die =Ästhetik=.

Mit dem Schönen ist die Religion immer verbunden worden, daher wurde für

beide das Gefühl angerufen. Und auch als =Phantasie= glaubt =Natorp= ihren

Quell richtig zu bezeichnen. Man wird hierbei an =Lange= erinnert, der die

Metaphysik als »Ideendichtung« gerecht und billig zu würdigen glaubte.

Wie aber dadurch der Idealismus nicht methodisch begründet wurde, so

müssen wir auch gegen die Würdigung der Religion als Phantasieschöpfung

und als Gefühlsbildung Widerspruch erheben: magis amica veritas -- und

unsere Wahrheit ist die systematische Begründung der Religion.

Der Gedanke an =Lange= schon enthebt uns dem anderen Freunde gegenüber der

Verwahrung, als ob die drangvolle Macht von uns verkannt würde, mit

welcher durch =Natorp= die Übermacht der Religion über alle Aufgaben, über

alle Kräfte, Sorgen und Erhebungen des menschlichen Geistes dargestellt

wird. Wir nehmen dabei auch keinen Anstand an den Anknüpfungen, welche

mit seiner bisherigen Psychologie hier vorliegen. Wir nehmen auch diese

Gedanken, wie den einer »ursprünglichen Konkretion des unmittelbaren

Erlebens« nur in der Grundtendenz, welche die Begründung der Religion

als »das unmittelbare Leben der =Seele=« bildet.

Aber gerade dieser an sich tiefreligiöse Gedanke ist es, dem wir uns aus

unserem systematischen Gesichtspunkte nicht anschließen können. Gerade

die =Unmittelbarkeit= des Lebens der Seele wollen wir von der Religion

fernhalten; gerade ihre durchgängige Vermittlung mit allen Richtungen

des Kulturbewußtseins möchten wir feststellen und sicherstellen. Es soll

daher auch die Befestigung der Religion nicht in einem =Übergewicht= der

Religion über alle geistigen Kräfte des Menschen begründet werden.

Auch die Konsequenzen dieser Ansicht müssen wir daher ablehnen. Die

Religion darf nicht die Gewißheit des =Unendlichen= enthalten, während

das Unendliche für alle Aufgaben des Geistes uns immer nur =Aufgabe=

bleibt. Sie darf nicht des Suchens sicheres Ende zu bedeuten haben,

nicht die Ruhe von allem Welttreiben, weil sie sonst zu den Aufgaben des

Unendlichen, die dem menschlichen Geiste obliegen, in Widerspruch treten

würde; weil es bei der Ruhe von allem =Welttreiben= für den ethischen

Geist des Menschen keine Ruhe im Ewigen geben würde: weil die Religion

dem ethischen Geiste schlecht und recht eingeordnet werden muß. Der

Konflikt zwischen Religion und humaner Kultur kann keineswegs das

eigentliche Problem der Religion sein, da ja die Religion nach =Natorp=

selbst nur »innerhalb der Humanität« Entstehung und Bestand hat. Der

Ausgleich des Konfliktes ist das Problem der Religion, nicht die

Lossagung von ihm. Und diesen Ausgleich hat die systematische Religion

zu vollziehen.

27. Auch die =Einheit des Bewußtseins= ist systematisch festzuhalten. Sie

bedeutet keineswegs für die Religion die »ungeteilte Einheit des

Menschenwesens«, die über Logik, Ethik und Ästhetik hinausgehende

»Universalität«; sondern die Einheit ist vielmehr die systematisch

eingeteilte und abgeteilte. Und einen =Teil= dieser Aufgaben allein bildet

das =Gefühl=, als das des reinen ästhetischen Bewußtseins. Dagegen kann

dem Gefühl nicht, als Religion, die Aufgabe zufallen, über alle

unendlichen Aufgaben hinaus, irgendeinen Anspruch zu erheben: ein

systematischer könnte es nicht sein.

28. Unsere Differenz beruht darauf, daß hier die Korrelation von Mensch

und =Gott= das Problem bildet, während =Natorp= von dieser Grundbedingung

absieht, und allein von der Ausdeutung des menschlichen Bewußtseins

ausgeht, in diese sich vertieft, und in dieser Vertiefung sich nicht

genugtun kann, um nur für die höchste Selbständigkeit der Religion das

menschliche Bewußtsein auszuschöpfen. Die Korrelation dagegen fordert

die Eigenart, aber nicht die Selbständigkeit. Daher tritt unvermeidlich

der Schwerpunkt Gottes und mit ihm alles Unendlichen an und für sich

zurück gegen den des endlichen Menschen.

Sobald aber die Unendlichkeit des Suchens in der =Ewigkeit der Ruhe=, als

der Ruhe im Ewigen, abgeschlossen wird, so bleibt es eben immer nur

letztlich beim Leben der Seele, als der endlichen Menschenseele. =Die

Korrelation dagegen spannt das Leben der Seele auf die Schwebe mit dem

Sein Gottes.= Und von dem strengen Gedanken der Korrelation aus wird die

Analogie mit jedem =Teilgebiet der Einheit des Bewußtseins= hinfällig: mit

der Erkenntnis, mit der Sittlichkeit, geschweige mit der Kunst.

29. Freilich gehen, wie ja =Wilhelm von Humboldt= sagte, von jedem

Kunstwerke Strahlen ins Unendliche aus. Aber das Unendliche, welches den

Reflex des Kunstwerkes bildet, ist nicht identisch mit Gott, noch mit

seinem Korrelat. Im Kunstwerke deckt sich jene Unendlichkeit mit dem Ich

des reinen Gefühls. In der Religion soll keine identische Deckung

erfolgen, sondern die Korrelation allein die Aufgabe bleiben. Das

ästhetische Gefühl überspannt das Menschenmaß in der künstlerischen

Darstellung der Natur des Menschen. Daher entsteht vor diesem Anblick

der idealen Menschennatur jene =Rührung=, die gemeinhin für moralisch,

sogar für religiös gehalten wird, die aber vielmehr rein und echt

ästhetischen Blutes und Charakters ist.

30. =Die religiöse Rührung= dagegen bezeugt sich in der Demut des

Menschenherzens, in dem bereitwilligen Geständnis seiner Schwachheit,

die zugleich durchleuchtet ist von dem Troste seiner Befreiung, seiner

Erlösung aus dem Staube zu der unverlierbaren Kraft seiner

ursprünglichen göttlichen Seelenreinheit. Der Erdenstaub kann ihn nicht

beflecken, sein heiliger Geist geht immer wieder zu Gott zurück, der ihn

gegeben. Was nach =Kohelet= vom Ende des Menschen gilt, das bezieht sich

auch auf jeden Moment seines Daseins, seines Irrens und seines

sittlichen Ringens: die Korrelation bringt ihn immer zu Gott zurück.

31. So behauptet sich die Eigenart der Religion auch dem Gefühle und der

reinen ästhetischen Selbständigkeit des Bewußtseins gegenüber. Auch in

diese Selbständigkeit hat sie sich als Eigenart einzuordnen. =Das

Unendliche, welches die Aufgabe der Kunst ist, wird von der Kunst aus

der Kultur als Religion aufgenommen.= Die Kunst stellt Gott dar, und das

Gedicht und den Gesang von Gott nimmt sie in ihre Bearbeitung. Hierbei

ist die Religion aber nur =Stoff=, wie der Mythos dies ist. Und in der

Bearbeitung dieses Stoffes erwirbt sich die Kunst nebenbei nicht geringe

Verdienste um die Läuterung des religiösen Inhalts. Dies gilt nicht nur

für Homer und seine Schöpfung der griechischen Götter, sondern ebenso

auch für den Psalmendichter in seiner sittlichen Klärung des Begriffs

vom einzigen Gotte. Für Kultur und Geistesentwicklung ist so der

Zusammenhang zwischen Religion und Kunst hinlänglich klargestellt.

32. Indessen muß dieser Zusammenhang systematisch geordnet und gesichert

werden. Aus diesem Gesichtspunkte ergibt sich auch der Kunst gegenüber

die Eigenart der Religion. Sie hört auf, Stoff der Kunst zu sein, und

wird auch der Kunst gegenüber, zwar nicht ein selbständiger, aber ein

=eigenartiger Faktor der Einheit des Bewußtseins=. Keineswegs bleibt das

Bewußtsein der Kultur an die Kreisbahn der Kunst steuerlos gebunden, so

daß wir, als religiöse Menschen, dem Zauber der Mythologie preisgegeben

blieben. Wir bestreiten, daß es immerfort bei den heidnischen

Unterströmungen der monotheistischen Religion, die vielmehr vorzugsweise

ästhetischer Natur sind, zu verbleiben hätte. Wir bestreiten, daß der

Gedanke Gottes, in seiner Korrelation mit dem Menschen, immerfort an den

ästhetischen Zwang des =Mythos= gebunden wäre. Aller Kunst, ihren

Bedingungen und ihrer Grundkraft des ästhetischen Bewußtseins gegenüber

suchen wir den Gedanken Gottes zu begründen und als eine =Eigenart= des

Bewußtseins für dessen =wahrhafte Einheit= zur reinen Bestimmung zu

bringen -- durch seine Korrelation mit dem Gedanken des Menschen. Und

dieselbe Klärung fördert auch für den Begriff des Menschen seine

Korrelation mit Gott. So vollzieht sich der systematische Begriff der

Religion: =Gott mit dem Menschen, und der Mensch mit Gott.=

33. In unserem Grundgedanken der Korrelation begegnen wir uns mit einer

neuesten Darlegung von W. =Herrmann= über »die Wirklichkeit Gottes«. Aus

der Wirklichkeit sittlicher Erfahrungen und Erlebnisse an den Menschen

sucht er die Wirklichkeit Gottes zu erweisen. »Das ist das Eigentümliche

des israelitischen Monotheismus, daß hier der Gedanke des Einen

allmächtigen Gottes allein aus den Erfahrungen erwächst, die dem

sittlichen Verkehr mit Menschen angehören.« Wir möchten nun diesen

Gedanken nicht nur in seiner geschichtlichen Richtigkeit für die

Propheten Israels aufnehmen, sondern aus dem Gesichtspunkte der

Wirklichkeit auch die Folgerung, die daraus für die Einheit des

Bewußtseins gezogen wird: »=Die zuerst in dem israelitischen Monotheismus

erschienene Religion stellt allein die Einheit des Bewußtseins im

Menschen dar.=« Dennoch aber müssen wir auch dieser tiefen Ansicht

insoweit entgegentreten, als auch sie »die innere Einigung des

Lebendigen« der Religion allein vorbehält. Dieser Anspruch übersteigt

sogar den der Selbständigkeit, während wir nur Eigenart fordern, und nur

Eigenart uns befriedigen kann.

34. Dahingegen eröffnet uns die gesuchte Eigenart der Religion einen

wichtigen Einblick in das Wesen des Menschen, ohne den sein innerliches

Leben und die Einheit des Menschen eitel Schein und Blendwerk sei. Und

hier gerade löst sich das Rätsel von der Erscheinung des =Christentums=

innerhalb der Entwicklung des Monotheismus auf eine ergreifende Weise.

Das Christentum hat nicht nur das Bewußtsein der =Sünde=, das =Jeremia= und

=Ezechiel= besonders ergründet haben, zu dem Problem der =Erlösung=

weitergeführt; nicht nur als den Erben der Sünde hat es den Menschen

gefaßt, sondern auch als den =Träger des Erdenleids=. Die Sünde wird

gleichsam in den Begriff des =Leidens= einbezogen.

Schon =Hegel= hat daher das Christentum »die Religion des unglücklichen

Bewußtseins« genannt. Und unser =Albert Lange= hat in dem Schlußkapitel

seiner »Geschichte des Materialismus« von seinem Sozialismus aus diesen

Gedanken aufgenommen, wie denn ihm »O Haupt voll Blut und Wunden« das

Kernlied seines Glaubens war. Das Elend ist das Los der Welt, in dieser

geschichtlichen Einsicht versteht der soziale Ethiker die Erscheinung

und die Wirksamkeit des Christentums. Die neuere Zeit hat daher auch die

sittlichen Reformbestrebungen als »praktisches Christentum« bezeichnet,

wenngleich gerade die theologischen Urheber dieser Bestrebungen in den

siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf die soziale Gesetzgebung

des =Mosaismus= in literarischen Untersuchungen zurückgingen. Das Leiden

des Menschen wurde der Wert und die Würde des Menschen. So ist das Kreuz

der Hirtenstab der Menschen geworden. Das Leiden allein gibt die rechte

Weisung für das Verständnis des Menschenwesens und der Geschichte des

Menschengeschlechts.

35. Aber das Leiden des Menschen wird ja von Gott verhängt, nicht von

einem Schicksal, dem die Götter selbst unterworfen wären. Welchen Sinn

kann es vom Gedanken Gottes aus haben, daß er die Dornenkrone des

Leidens zum Strahlenkranz des Menschen macht? Die Theodizee hat bei

dieser Frage ihre schwerste Probe zu bestehen. Würde es sich nur um ein

zeitweiliges Leiden einzelner Individuen handeln, so könnte der Zweck

der Erziehung eine leidliche Aufklärung geben. Aber die Frage wird nicht

einmal richtiggestellt in der ursprünglichen Fassung, warum es dem Bösen

gut, und dem Guten schlecht ergehe; denn es ist ja mindestens ebenso zu

fragen, ob es schlechte und gute Menschen gibt, wie, ob überhaupt

irdisches Wohlsein und Elend ein Trugbild der Einbildung sei.

Vielleicht ist es das allertiefste Zeugnis der altbiblischen

Sittlichkeit, daß sie den ursächlichen Zusammenhang zwischen Sünde und

Leid durchbricht und aufgibt. =Das ist der Sinn des Buches Hiob=: daß die

schönen Reden der Freunde als konventionelle Predigten von Hiob abgetan

werden, und daß Gott selbst dem Hiob recht gibt in seinem Bewußtsein:

daß er =unschuldig= leidet.

So lehrt der altbiblische Monotheismus als letzte Konsequenz: das Leiden

gehört zum Wesen des Menschen. Denn der Leidensheld Hiob stellt das

=Ideal des Menschen= dar.

36. Auch die Entwicklung des =Messianismus= hat zu diesem Höhepunkt des

ethischen Monotheismus geführt. Der Messias, der ursprünglich der »Sproß

Davids« war, um die »Hütte Davids« wieder aufzurichten, die vielmehr der

»Thron Davids« war und die politische Wiederherstellung des jüdischen

Reiches, dieser Messias fand noch nicht seinen Höhepunkt dadurch, daß er

zum »Lichte der Nationen« wurde, der alle Völker insgesamt zur

Erkenntnis des Einzigen Gottes vereinigen sollte: der zweite Jesaja

bezeichnet ihn als den »Knecht Jahves«. Aus dem König wird so ein

Knecht, und demgemäß tritt nun auch eine andere Gleichung in dieses

Grundwort der monotheistischen Entwicklung ein.

37. Bisher war die von der Christologie eingegebene Ansicht

vorherrschend, daß dieser Knecht Jahves den Messias immerhin auch nur

als eine Einzelperson, in deren Zeichnung das Bild =Christi= eintrat, zu

bedeuten habe. Jetzt ist die von den alten jüdischen Erklärern schon

gelehrte Ansicht die allgemein wissenschaftliche geworden, daß dieser

Knecht Jahves das =Volk= Israels vertrete. Und wie dieses Volk gleichsam

nach der Seite seines Umfangs zur Menschheit erweitert wird, so wurde es

zugleich seiner Qualität nach verengt dadurch, daß der »Rest Israels« an

die Stelle des Volkes Israels nunmehr tritt. Der Rest Israels wird der

Träger der israelitischen Frömmigkeit, gleichsam der geschichtliche

Bürge der Sittlichkeit.

Dieser Einschränkung des Volkes auf die »Frommen« in ihm entspricht nun

=die Gleichsetzung des Restes Israels mit den Frommen=. Hieraus ergab sich

aber wiederum eine neue Konsequenz, die aus dem tiefsten Mittelpunkte

der monotheistischen Sittlichkeit hervortrat.

38. Wir sagten, das Leiden sei das Erbteil des Menschen. In dieser

Fassung steht der Gedanke noch innerhalb des =Mythos=, bei dem das Leiden

sich vererbt, wie auch die Schuld. Wenn nun aber der Zusammenhang von

Schuld und Leiden abgebrochen wird, so muß auch das Leiden zu einer

genaueren Bestimmung gebracht werden, über dasjenige Merkmal hinaus, das

es an dem Lebensbegriffe des Menschen bildet. Das Leben und Sterben des

Menschen enthüllt noch nicht das Rätsel des Menschen. Am Individuum läßt

sich überhaupt der Begriff des Menschen nicht erkennen.

39. Wie der Messias an das Problem der Völker herantritt, so darf er

auch demjenigen Problem nicht entzogen bleiben, welches innerhalb des

Volkes die =Verschiedenheit der Stände= bildet: dem =Unterschied von arm

und reich=. Wie der Messias aus dem »König« ein »Knecht« wurde, so muß er

auch ein »Armer« werden. Und zu diesem Ende konnte ihn die Brücke

führen, daß er ja zum »Reste des Volkes« und als solcher zum »Frommen«

geworden war. Aber die geschichtliche Deutlichkeit war unumgänglich: der

Fromme mußte der Arme sein.

Die =Wortwurzel= der hebräischen Sprache hat hier den Sprachgeist erweckt,

den der Geist des Monotheismus erzeugte. Arm und Fromm gehören beide

derselben Wurzel an. Daher die =Anawim = Anijim=. Und es ist dabei noch

bezeichnend, daß der Arme nicht der Dürftige (Ebjon) ist, als welcher er

später in den =Ebioniten= eine Sekte der Frommen bildet, sondern der Arme

erscheint in dieser Wurzel in seiner psychischen Gestalt: als der

=Gedrückte=, so wird er als =Demütiger= zum Frommen. Nicht durch den Mangel

und das in demselben wurzelnde =Verlangen= wird der Arme gekennzeichnet,

sondern durch seine Gedrücktheit, die seine Pein bildet und darstellt.

40. Diese Entwicklung des messianischen Gedankens entspricht dem

politischen Grundmotiv des Messianismus und dem politischen Grundmotiv

des gesamten Prophetismus. Dichter und Prediger mögen über das Leid des

Menschen klagen: der politische Denker kümmert sich weniger um die

Schmerzen des Leibes und der Seele, die im Tode ihren Gipfel und ihr

Ende haben, sondern er faßt das Leiden in seinem politischen, seinem

sozialen Kerne: die Armut, sie ist das Leiden des Menschengeschlechts.

Und erst von ihr aus gewinnt es einen wahrhaften Sinn: daß auch der

Reichtum ein Leiden des Menschen sei.

So hat der prophetische Messianismus im =Sozialismus= die Erkenntnis vom

Menschen, von der =Geschichte= des Menschengeschlechts gewonnen. Das

Leiden ist keineswegs die =Strafe= des Armen für Schuld und Sünde, sondern

die Unschuld wird verfolgt vom Leiden, und die Armen sind die Frommen,

der Rest Israels, auf dessen Schultern die messianische Zukunft liegt.

Diesen Weg geht der prophetische Monotheismus bei dem Problem des Leides

und seiner Bedeutung für den Begriff des Menschen.

41. Nun aber mußte den Propheten aus dieser Lösung die beinahe größere

Frage entstehen: =wie ihr Gott diese Gleichung verantworten könne=. Und

ihr Sozialismus konnte sich sicherlich nicht durch die Antwort

beschwichtigen lassen, mit der der =Psalmendichter= sich allenfalls

zufrieden gibt: daß der Arme in seiner Frömmigkeit, in seiner =Gottesnähe=

sein Genügen finde.

Auch die messianische Zuversicht konnte ihn als Politiker nicht

befriedigen, daß Gott »am Ende der Tage« alles nach dem Rechten

einrichten und daß er dem Armen endlich zu seinem Rechte verhelfen

werde. Diese Trostgründe bleiben unerschüttert, aber sie bieten keinen

zureichenden Ersatz für den klaffenden Notstand der sittlichen

Religiosität, den die Einsicht bloßlegt: Gott selbst läßt den Frommen

zum Armen werden. Ist denn etwa der Reichtum schlechterdings ein Grund

des Abfalls? Und stände es selbst so um den =Reichtum=, gäbe es denn

keinen anderen Schutz vor ihm, als den die Armut darbietet?

Die Propheten konnten in ihrer politischen Aufrichtigkeit so nicht

denken; ihnen galt die Armut schlechthin als das Leiden der Menschen.

Und die Armen waren ihnen die Frommen. Demgemäß mußten sie aber auch

Stellung nehmen zu dem Doppelbegriff, dem Wechselbegriff von arm und

reich. Denn ihre sittliche Weitherzigkeit konnte auch bei der

Formulierung nicht stehen bleiben, die wiederum dem Psalmendichter

bequem war: die Reichen sind die »Gewalttätigen«, die Bösen. Die

Propheten mußten die Armen unter dem Gesichtspunkte ihrer Frömmigkeit in

Verhältnis setzen zu den =Reichen=. Damit aber entstand ein neuer,

tiefsinniger, aber verhängnisvoller Begriff in Verknüpfung mit dem

Leiden.

42. Das 53. Kapitel des =Jesaja= ist vielleicht das größte Wunder des

Alten Testaments. »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis«. Dieses

Faustwort wird hier zur Wahrheit. Unter dem Gleichnis dieses Kapitels

erscheint alle bisherige Geschichte in ihrem innersten Werden. Und was

ist das Gleichnis, nach dem dieses Kapitel den Gang der

Menschengeschichte darstellt? Und soll das Gleichnis ein Rätsel sein,

oder aber des Rätsels Lösung? Was würde denn, als Rätsel, das Gleichnis

helfen, wenn es nicht die symbolische Lösung in sich trüge? Oder sollte

es kein ander Gleichnis für das Menschenleben geben als ein Rätsel, von

dem es keine Auflösung gibt?

Der Begriff der Religion im System der Philosophie · 第 12 / 17 段