Das Kapitel beginnt mit der Bezeichnung der Neuheit seiner Botschaft.

»Wer hätte unserer Kunde geglaubt?« Und was ist der Inhalt dieser neuen

Botschaft? »Wahrlich unsere Krankheiten, er hat sie getragen. Er ward

durchbohrt für =unsere= Missetaten, zerschlagen für unsere Verschuldung,

Züchtigung =uns zum Frieden= lag auf ihm.« Bis zu dieser Höhe des

Martyriums entwickelt der Prophet den Heroismus seines neuen Messias,

des Knechtes Jahves. »Jahve gefiel es, ihn zu schlagen mit Krankheit,

wenn er setzte zum Schuldopfer seine Seele.« (V. 10).

In dieser tragischen Auffassung von dem Leiden der Armen, der Frommen

ist der Gedanke von dem =stellvertretenden Leiden= entstanden, der bei

=Paulus= und in der Christologie des Mittelalters so große Konsequenzen

erlangt hat. Hier aber, in diesem Kapitel erinnert kein Wort an den

Gedanken, daß die Strafgerechtigkeit Gottes durch diese stellvertretende

=Genugtuung= befriedigt werden sollte. Nicht für die Genugtuung, die

Befriedigung des göttlichen Strafrichters bildet das Leiden eine

Stellvertretung, sondern vielmehr nur für die Menschen, denen das Leiden

gebührt, denen es aber von dem Knechte Gottes abgenommen wird.

So wird durch diese Verherrlichung, Verklärung des Leidens =das Rätsel

gelöst=, welches seine Erscheinung in der Menschenwelt bildet. Nach dem

Grunde des Leidens erging die Frage, nachdem seine Korrespondenz mit der

Sünde aufgegeben war. Und jetzt wird die Antwort in dem großen Rätsel

gegeben, welches aber, als Gleichnis alles Vergänglichen, alles

Menschlichen, in sich selbst die Lösung enthält. Das Leiden ist der

Höhepunkt menschlicher Kraft und menschlicher Würde. Auch hier wird der

antike Dichter zu einem sentimentalen. »Doch in seinem Zeitalter, wer

sann dem nach, daß er ausgetilgt ward aus dem Lande der Lebenden?« (V.

8.) Das Wunder betrifft nicht nur das Zeitalter, sondern =alle= bisherige

Geschichte.

Von dem Lichte dieser Aufklärung aber wird ihr Dunkel gelichtet, das

Problem des Leidens in tragischer Läuterung aufgehoben, nicht etwa durch

die =neuplatonische= Abstraktion von dem =Nichtsein= des Leidens. Durch

diese verkehrte Welt wird das Leiden zum Gleichnis alles Vergänglichen,

als ob dieses sonst nur eitel und nichtig wäre. Der Fromme leidet, und

zwar nicht aus Zufall, sondern nach dem göttlichen Plane, daß er

gleichsam zum =Stellvertreter der Menschheit= werde gegenüber der

schlimmen und der schlechten Welt. So wird das Leiden zum Gleichnis des

menschlichen Daseins, in seinen Niederungen, aber auch in seinen Höhen.

=Der leidende Knecht Gottes wird zum Stellvertreter der Menschheit.=

43. Wie konnte nun aber der Prophet einen solchen Stein auf seinen Gott

werfen? Konnte, mußte nicht dadurch die Mißdeutung entstehen, daß seine

Strafgerechtigkeit diesen falschen Sinn einer Stellvertretung fordere?

Mußte nicht der Prophet an seinem Gotte der ewigen =Liebe= irrewerden,

wenn er, als eine unerhörte Botschaft, von ihm verkündigte, daß er seine

Frommen leiden ließ für die bösen Menschenkinder?

Hier zeigt sich das =Übergewicht=, welches im prophetischen Denken =der

sittliche Gedanke vom Menschen= über den religiösen von Gott behauptet.

Mochte immerhin die Klarheit im =Gottes=gedanken zunächst unter dieser

Konsequenz zu leiden scheinen: wenn nur dadurch der Gedanke vom Menschen

klarer und heller wird, so schrak die Phantasie des Propheten nicht vor

der Entscheidung an einem solchen Kreuzwege zurück. Die menschliche

Sittlichkeit aber kann nur dadurch von dämonischer Zweideutigkeit

befreit werden, daß der =Zusammenhang zwischen Sünde und Leid= zerrissen

wird. Der Fromme leidet, das =Leiden trifft den Unschuldigen=. Das ist der

sittliche Grundgedanke, den der Prophet klarstellen will, und dabei

stört ihn der Einwand nicht, daß die Gerechtigkeit Gottes darüber in

Unklarheit kommen könnte. Denn Gottes Wege sind unerforschlich, und

seiner Allmacht entspricht seine Güte und Liebe. Er wird dem Frommen

schon in seinem Leiden selbst die höchste Seligkeit verleihen, oder aber

seinem Leiden ein glorreiches Ende bereiten.

44. Es kommt hinzu, daß der Prophet zugleich doch auch an das Problem,

das die sogenannten =Bösen= in der Menschenwelt bilden, sowohl selbst

dachte, wie besonders seinen =Gott= denken lassen mußte. Sie haben das

Bild der Menschheit geschändet, aber der Liebe Gottes können sie doch

nicht verlustig gehen. Vor dem Tiefblick des Propheten, der mit der

Sünde zugleich die =Versöhnung= entdeckt, darf daher auch bei ihnen nicht

aller Glorienschein der Menschheit erlöschen. Auch sie verdienen daher

für sich selbst auch einen =Stellvertreter= ihres geschwächten

Menschentums. So wird die Stellvertretung des Leidens zugleich zu einer

Milderung und =Versöhnung des Bösen= in der Menschenwelt. Und so erfüllt

sich immer breiter und immer tiefer die =symbolische= Bedeutung des

Leidens, als des Gleichnisses für alles Vergängliche.

45. Unser Kapitel faßt die letzten Forderungen und Ausblicke der

=Philosophie der Geschichte= in seinen tragischen Bildern zusammen. Darin

aber läßt es die Eigenart der Religion unverkennbar hervorleuchten. Was

wäre alle Geisteswürde des Menschen ohne die Dornenkrone des Leidens!

Würde nicht von dieser Seite der Einheit von neuem wieder die Eitelkeit

und Nichtigkeit aller Kunst, alles ästhetischen Bewußtseins entlarvt?

Wie bezeichnend ist es daher, daß der Knecht Gottes nicht nur durch alle

Arten physischen Leidens gezeichnet wird, sondern auch durch seinen

Mangel an ästhetischen Reizen. »Er war ohne Gestalt und =ohne Schönheit=,

daß wir ihn ansehen möchten, und ohne Aussehen, daß wir Lust an ihm

hätten.« (V. 2.) So drückt der Prophet in diesem Idealbild seiner

Menschlichkeit den Gegensatz zum ästhetischen Menschen-Ideale aus. Und

so macht diese Eigenart der Religion in ihrem Unterschiede vom

ästhetischen Bewußtsein den eigenen Beitrag erkennbar, den sie zu

liefern vermag für die =Einheit des Bewußtseins=. Die Einheit des

Bewußtseins wäre lückenhaft, wenn sie dieses Strahles, ja dieses

Brennpunktes ihrer Kraft ermangeln würde. Alle theoretische Größe bleibt

wie ohne ihre letzte Probe, und auch alle ethische Hoheit bleibt nur

programmatisch, wenn sie nur die Würde der Menschheit ausstrahlt in

aller ihrer scheinbar unpersönlichen Selbstheit. Jetzt aber zeigt es

sich, daß die größte Lücke und Blöße am Menschen vielmehr seinen größten

Reichtum und seine höchste Lebenskraft bildet, und daß er seine Einheit

in Wahrheit erst durch diesen scheinbaren Mangel zustande bringt.

46. Das =geschichtliche Bewußtsein= des Menschen empfängt erst durch diese

Theodizee seine Beruhigung und seine treibende Kraft. Denn es wäre der

geschichtlichen Einsicht unerträglich, daß Völker leiden, abwärts gehen

von ihrem Höhepunkte aus, und ihrer Auflösung entgegenschleichen,

während andere Völker aus dem Dunkel hervorsteigen und mit ihrem Glanze

die Welt erfüllen. Nicht immer ist der Untergang eines Volkes das

natürliche Ende seiner Selbstauflösung, und besonders der politische

Druck auf einem sich annoch erhaltenden Volke bildet einen großen

Notschrei des Völkerlebens. Hier hilft keine andere Aussicht, als daß

die =Wechselwirkung= der geschichtlichen Völker in langen Perioden als

eine =Stellvertretung= erscheint, die Stellvertretung einer Seite der

weltgeschichtlichen Mission des Menschengeschlechts durch eine andere.

Aber sofern die Einheit des Bewußtseins nicht ausschließlich die des

persönlichen Bewußtseins bedeutet, sondern die des =Kultur=bewußtseins, so

ist sie durch eine solche Stellvertretung bedingt, bei der das eine Volk

leidet, damit ein anderes seinen spezifischen Anteil an der Mission der

Kultur entfalten kann. Der Prophet stellt offenbar die Kulturarbeit des

jüdischen Volkes in Gegensatz zu dem Götzendienste der Völker, dem er --

wer mag das entscheiden? -- vielleicht selbst sogar seinen Kulturanteil

zugedacht hat.

47. Und hinwiederum entspricht auch diese nationale Bedeutung des

Leidens der =persönlichen=, durch welche die individuelle Einheit des

Bewußtseins sich vollendet. Wie wir das =Mitleid= in seiner ethischen

Bedeutung für das Individuum erkannten, so erweist sich das Leiden an

sich selbst, nicht nur als Voraussetzung des Mitleids, als ein

integrierender Faktor der Einheit des individuellen Bewußtseins. Um es

paradox auszudrücken: gäbe es überhaupt keine Ethik des Mitleids, so

wäre das Leiden dennoch unentbehrlich für den Menschen, weil nur dadurch

der Heroismus des Menschen und das Ebenmaß seiner Kräfte seinen Gipfel

erreicht. Und diese absolute Theodizee des Leidens gilt nicht minder

auch für das Leiden der Völker, das zeitweilige, wie das andauernde, das

eine geschichtliche Periode erfüllende. Und in beiden Beziehungen ist es

die Eigenart der Religion, die durch diesen Charakterzug des Leidens die

Einheit des Bewußtseins in ihren beiden Bedeutungen vollzieht.

48. Die Eigenart unterscheidet sich aber auch hier von der

Selbständigkeit. Auch im Momente des Leidens muß die Religion, wie an

die Ethik, so auch an die Ästhetik, sich angliedern. In ersterer

Hinsicht gilt es, das Leiden =nicht zur Hauptsache= werden zu lassen im

Charakterbilde des Menschen, sondern durch die positiven Züge die Würde

des Menschen hervorstechend darzustellen und zu beglaubigen. Schon die

Angliederung an die Logik, die sich von hier aus als eine natürliche

Voraussetzung ergibt, erhebt diese Forderung. Aber die Kollision mit der

Ästhetik ist nach beiden Seiten gefährlich. Die Kunst selbst verirrt

sich leicht, wenn sie dem Jammerbilde des Menschen sich hingibt.

Andererseits verzerrt auch die Religion die Aufgabe des Menschen, wenn

sie aus dem Gedanken der Abhängigkeit alles Endlichen dem Leiden das

Übergewicht verleiht.

Der leidende Christus ist nur eine Seite des Menschen. Der arbeitende

=Faust=, der in der =Arbeit=, in der Benutzung der menschlichen Urarbeit

für die letzten Ziele der menschlichen Freiheit die Erlösung sucht, sie

in ihr findet und den Menschen diese Wirklichkeit heranbringt, nur diese

Überwindung des Leidens gibt dem Idealbilde der Menschheit seine

Vollendung.

* * * * *

Die Angliederung an die Ästhetik führt somit zu einer Harmonie der

beiden methodischen Grundlinien: in der Schönheit, und nur in ihr

vollendet sich die Einheit des Menschen, aber auch nur in derjenigen

Schönheit, welche aus dem =erhabenen= Momente des Leidens hervorstrahlt.

Ohne die Leitlinie der Schönheit bleibt auch das religiöse Leiden ein

Zerrbild des menschlichen. Und wenn der Prophet seinen Knecht Gottes

ohne die Schönheit der Gestalt entwirft, so umstrahlt er ihn mit aller

Schönheit der Poesie, so daß dieses negative Moment kein ästhetischer

Widerspruch bleibt. Der leitende Gesichtspunkt ist unverkennbar: das

Leiden in Häßlichkeit muß ein Reizmittel der Schönheit werden; die

Häßlichkeit darf nicht der letzte Ausdruck der Kunst sein. Und so auch

darf das Leiden nicht der Triumph der menschlichen Religiosität sein.

Warum nicht? könnte man immer noch fragen, wofern man nur die =drei=

Glieder des Systems anerkennt, und ihren Zusammenschluß in der Einheit

nicht als eine =vierte= Forderung des Systems gelten läßt. Wenn anders

dagegen erst die =Einheit des menschlichen Kulturbewußtseins= die Einheit

des Systems der philosophischen Probleme vollzieht, so kann das Leiden

nimmermehr Selbstzweck, sondern nur Mittel der Einheit des Bewußtseins

sein, die aber durch das, und zwar selbständige, Glied der Schönheit

bedingt ist.

49. Wir kommen hier auf den Hauptpunkt zurück, den nach der

vorherrschenden Ansicht das =Gefühl= bildet für das Bewußtsein der

Religion. Und es ergibt sich ein neues Moment für die Ausschaltung

dieser psychologischen Grundkraft. Jenes angebliche Grundgefühl der

Religion wird als das Gefühl des =Unendlichen= durchgängig gedacht. Und

gerade dieses Unendliche ist es, gegen das unsere Bedenken sich richten.

Nicht nur die begriffliche Vieldeutigkeit des Unendlichen begründet

unseren Widerspruch, sondern seine Mangelhaftigkeit im Begriffe des

Menschen selbst, gegenüber der Korrelation von Mensch und Gott. Die

Korrelation des Endlichen und des Unendlichen führt unausweichlich zum

=Pantheismus=. Das Unendliche wäre dieses nicht, wenn es nicht das

Endliche in sich enthielte. Wie =Hegel= schon gesagt hat, ist der

Pantheismus nicht sowohl Atheismus als vielmehr Akosmismus. Von der Welt

auf den Menschen übertragen, enthält dieser Gedanke die richtige

Folgerung, daß der Mensch im Pantheismus vom All der Gottheit

verschlungen und in seiner =Individualität= vernichtet wird. Die Rettung

der Individualität ist aber die eigentliche Aufgabe der Religion. Daher

wird sie gefährlich beschrieben, wenn sie, als Gefühl des Unendlichen,

nur in diesem Unendlichen das Endliche aufkommen läßt. Paradox

ausgedrückt, würde die Religion vielmehr das Gefühl des Endlichen sein

müssen.

50. So erkennen wir wiederum den Vorzug unserer methodischen These der

Korrelation. =Ebenso wie Gott, soll auch der Mensch erhalten bleiben. Das

ist der letzte Sinn der Religion.= Das ist der Sinn, den die Religion

insbesondere in der Angliederung an die =Einheit des Bewußtseins= zu

bedeuten und zu vollziehen hat. Der Pantheismus hat keine Einheit des

Bewußtseins. Es ist ein offenes Geheimnis, daß das =Selbstbewußtsein= eine

Lücke ist in =Spinozas= Lehre von der göttlichen Substanz. Und wie Gott in

dieser angeblichen Religion ohne Einheit des Bewußtseins ist, vielmehr

diese Einheit auf die etwaige der Naturgesetze überträgt, so hat der

Pantheismus überhaupt keine Einheit des menschlichen Bewußtseins,

geschweige des Bewußtseins der Kultur. =Ohne die Selbständigkeit des

Endlichen aber gibt es keine Homogeneität für das Sein der Substanz.= Die

Verschiedenheit der =modi=, die schon in der ihrer unendlichen =Attribute=

festgelegt ist, läßt es zu keiner Homogeneität der Einen »göttlichen«

Substanz kommen.

Die =Mystik= hat es schon richtig gefühlt, daß auch Gott nach der Kreatur

schreit, ebenso, wie diese nach ihm. Die Korrelation allein drückt die

methodische Beziehung zwischen Gott und Mensch aus. Das Gefühl des

Unendlichen muß zugleich das Gefühl des Endlichen sein. Aber Gefühl

erweist sich sonach als ein falscher Ausdruck für diese Korrelation,

welche erst als systematische zu ihrer methodischen Bedeutung gelangt.

Nach allen Gliedern des Systems hin muß die Korrelation durchgeführt

werden. Nur so werden beide Begriffe, der von Gott und der vom Menschen,

zur Klarheit gebracht.

51. Aus dem Gesichtspunkte der =Einheit des Bewußtseins= ergeben sich die

systematischen Angliederungen. Die =Erkenntnis= erfordert ebenso die vom

Menschen, wie die von Gott. Beide Arten des Gegenstandes der Erkenntnis

werden von der Religion gefordert; keiner darf sie sich entziehen,

geschweige ihr entgegentreten. Die =Ethik= fordert ebenso die Idee Gottes,

wie die des Menschen. Aber die Einheit des Bewußtseins läßt einen =neuen=

Begriff von Gott und einen =neuen= vom Menschen erkennen. Und die Religion

hat diese neuen Seiten bei =beiden= Begriffen auf der grundlegenden

Voraussetzung der =Erkenntnis= zu ergründen und zu beleuchten.

Das reine =Gefühl= endlich scheint nur den Menschen zum Gegenstande zu

haben. Indessen schon die Natur des Menschen, und nun gar der Mensch der

Natur, beide weisen über die Natur hinaus auf den Gott hin, der für

beide Begriffe, für beide Probleme, für den Menschen, wie für die Natur,

den unendlichen Fernpunkt bildet, der daher in jedes Kunstwerk einer

jeden Kunst, in jede ästhetische Darstellung, als ob er deren

eigentlicher Gegenstand wäre, hineinleuchtet.

Aus dem Gesichtspunkte der =Einheit des Bewußtseins aber= kann auch hier

die Religion ihre Mitarbeit leisten, insofern sie durch die Korrelation

von Mensch und Gott auch jedem Kunstwerke selbst zu seiner Einheit

verhilft. Es ist nur Schein, daß das Unendliche in Gott allein zum

eigentlichen Gegenstande jedes Kunstwerks würde; denn das Endliche muß

nicht minder der hauptsächliche Gegenstand in jeder Kunst bleiben. Aber

der Gesichtspunkt der Einheit des Bewußtseins hebt den Widerspruch auf,

und macht es deutlich, daß das Unendliche ebenso das Endliche fordert,

wie umgekehrt.

52. So hebt sich auch der Widerspruch zwischen dem =Subjekt und Objekt= in

der Kunst erst durch die Korrelation der Religion zu voller Befriedigung

auf. Wie jedes Kunstwerk nur das Objekt seines Subjektes ist, und zwar

ebenso für das Empfangen, wie für das Schaffen, so bringt die Religion

auch für das Problem der =Einheit des Bewußtseins= eine eigenartige

Ergänzung, in welcher sich scharf und klar die Eigenart von der

Selbständigkeit unterscheidet: indem sie in scheinbarem Widerspruch zur

Logik, zur Ethik und beinahe auch zur Ästhetik, die allesamt das

=Aufgehen des Endlichen in der Allheit des Unendlichen= fordern, bei aller

gefügigen Angliederung an diese Selbständigkeiten des systematischen

Bewußtseins dennoch ihre Eigenart für die =Behauptung des Endlichen=, des

menschlichen Individuums seinem Gotte, dem Gotte seines Ich gegenüber,

geltend macht. Die Korrelation von Mensch und Gott macht =in der Methodik=

den Menschen Gott ebenbürtig.

So bringt die Religion auch zu begrifflicher Bestimmtheit, was sie im

biblischen Gleichnis zu ihrem Wahrzeichen gemacht hat: daß der Mensch im

Bilde Gottes geschaffen sei. Im Begriffe Gottes besteht sein Sein. Und

wenn anders der Mensch ebenso auch die Aufgabe hat, Gott zu erkennen, zu

lieben, und wenn anders die Erkenntnis seines Wesens nur reflektiv aus

dem sittlichen Wesen des Menschen hervorgehen kann, so wird auch Gott

durch den Menschen bedingt. Und der Gesichtspunkt der =Einheit des

Bewußtseins= gibt diesem Gedanken seine Bestimmtheit =und seine

Einschränkung=.

Wie das menschliche Bewußtsein die Einheit seiner reinen Richtungen

erfordert, ebenso fordert die Korrelation auch für den Begriff Gottes

die Einheit des Bewußtseins an diesen ihren Grundrichtungen. In dieser

Einheit des Bewußtseins ist daher alles enthalten, was im =Dasein=, in der

Existenz, im =Leben= Gottes gedacht und gefordert werden kann. =Und sie

schließt demgemäß auch alles aus, was dieser reinen Einheit

widerspricht.=

Machen wir die Probe bei der =Wirklichkeit=, so lehrt die Erkenntnis: daß

diese der Einheit im systematischen Begriffe Gottes widerspricht. Denn

Wirklichkeit setzt =Dasein= voraus und dieses wiederum diejenige

Teilerscheinung des Bewußtseins, welche die =Sinnlichkeit= bildet.

Dahingegen richtet sich die =systematische Einheit des Bewußtseins=,

sofern sie auf dem Grunde der reinen systematischen Richtungen sich

erhebt und in und an ihnen sich vollzieht, nicht auf die einzelnen

verschiedenen =Betätigungsmittel= des Bewußtseins überhaupt, sondern

allein auf die zweckhaften =erzeugenden= Richtungen der systematischen

=Inhalte=. Diesen erzeugenden Richtungen schließt sich die Religion mit

der Eigenart ihres Sonderbeitrags für das Kulturbewußtsein der

Menschheit an: insofern es in einer =Einheit= gipfelt für alle seine

Begriffe vom Menschen und von Gott, und zwar in der Korrelation von

Mensch und Gott.

53. So ist die Religion in das System der Philosophie eingefügt, und das

=psychologische= Glied des Systems hat für den Begriff des Menschen diese

Einfügung sichergestellt. Die systematische Philosophie ist die Lehre

von der Einheit des Menschen in seinen Erzeugungsweisen der Kultur. Aber

diese Einheit des Menschen ist bedingt durch seine Korrelation mit Gott.

Worin besteht nun die Einzigkeit Gottes, wenn er doch an diese

Korrelation mit dem Menschen gebunden ist?

Die Korrelation mit dem Menschen ist nicht die Korrelation mit der

=Natur=. So unterscheidet sich der =Monotheismus vom Pantheismus=. Die

Verknüpfung mit dem Menschen bedeutet die mit dem Bewußtsein der

Erkenntnis. Die Erkenntnis aber setzt sich selbst die Grundlegung des

Seins, als einer Realität, die nicht innerhalb des Bewußtseins selbst

gelegen und beschränkt sei. Für alles Sein der Erkenntnis errichtet sich

diese selbst die Grundlegung der Absolutheit, der Transzendenz. Indessen

schlingt sich diese wieder zurück in die Erkenntnis kraft der

Korrelation.

Die Korrelation ist nicht schlechthin Wechselverhältnis, sondern Gott

wird ihr Schwerpunkt. In diesen Schwerpunkt wird das Sein verlegt. Und

als dieser Schwerpunkt trägt Gott einzig das Sein, bedeutet und verbürgt

er allein das Sein. Der Natur und dem Menschen gegenüber ist er daher

der Einzige. Aber aus dem Systembegriffe des Menschen heraus allein

begründet sich seine Einzigkeit. Die Natur hingegen trägt nicht die

Einheit des Kulturbewußtseins in sich.

54. Der systematisch begründete Begriff der Religion entwertet alle

Desiderate der sogenannten =Metaphysik=. Es ist nicht richtig, daß die

systematische Philosophie, die in der reinen Erkenntnis ihr methodisches

Fundament hat, in dieser auch aufginge. Wie zur reinen Erkenntnis die

drei anderen Glieder des Systems hinzutreten, so tritt als gleichartige

Grundlegung zu allen vier Gliedern die Religion hinzu. Aber sie bildet

keineswegs ein eigenes Lehrgebiet, das man unter dem sachlich, wie

geschichtlich, unklaren Worte der Metaphysik immer wieder der

wissenschaftlichen, der systematischen Philosophie entgegenstellt,

sondern der wissenschaftlichen Philosophie fügt sich die Religion ein.

Sie ergänzt ihre Probleme. Sie ergänzt so auch die Probleme der

menschlichen Kultur, die lückenhaft und schadhaft bleibt ohne die

Beziehung aller ihrer Probleme auf die Einzigkeit Gottes.

55. Und was bedeutet diese systematische Sicherung der Religion für das

naive Bewußtsein der Menschen, sofern es noch nicht zur systematischen

Philosophie gereift ist?

Wäre es etwa die richtige Würdigung der Religion, daß sie nur dem

ungebildeten Volke vorzubehalten sei, als Ersatz ebenso, wie als Trost?

Solche Xenienspiele sind ebenso überwunden, wie der spätere Versuch,

durch die Kunst die Religion zu entsetzen.

Der systematische Begriff der Religion stellt es freilich außer Zweifel,

daß die wahre Religion auf der Wahrheit der systematischen Philosophie,

und demgemäß subjektiv die wahrhafte Religiosität auf der Reife und

Klarheit der systematischen Erkenntnis beruht. Indessen klärt diese

Einsicht doch auch die Tatsache der Kultur auf und hebt den mystischen

Schleier von ihr hinweg: daß der ungelehrte, ungebildete Mensch, der

Mensch gleichsam ohne alle Kultur, dennoch nach einem Gotte Verlangen

trägt. In dem Verlangen nach Gott besteht die Religion. In dem Verlangen

nach einem Wesen außer dem Menschen, aber für den Menschen besteht sie.

Sie besteht nicht und sie begründet sich nicht in dem Verlangen nach

Verewigung des eigenen menschlichen Wesens. Sie besteht nicht und sie

begründet sich nicht in dem Verlangen nach Unsterblichkeit des

Menschen. Dieses Verlangen sucht seine Befriedigung auch in der

Selbstvergötterung, in der Vergottung des Menschen. Diese Gedanken

gehören dem weiten Heerzuge des Mythos an. Religion entsteht erst mit

dem Einzigen Gotte, mit dem Gotte ohne Gleichnis und ohne Bildnis.

Aber dieser Einzige Gott hat in allem Wirrsal der Zeiten, der Ansichten,

der Kämpfe und Bestrebungen der Menschen, dennoch stets aus aller Mystik

der Mythologie sich herausgehoben als die »feste Burg«, welche die

Psalmen dem religiösen Bewußtsein gegründet haben. So konnte zwar die

Illusion entstehen, als ob mit diesem einzigen Sein das menschliche

Bewußtsein überhaupt befriedigt würde; als ob alle Erkenntnis nur eitel

Luxus, alle sonstige Angelegenheit des Menschen nichtig und überflüssig

wäre. In der Einzigkeit Gottes prägte sich auch für das populäre

Bewußtsein die Unvergleichbarkeit des Inhaltes und des Schatzes der

Religion mit allen Reizen der Kultur aus.

Der Begriff der Religion im System der Philosophie · 第 13 / 17 段