mit der Ethik zusammengehen=. Aber an der Grenze gerade ist die =Scheidung=
festzuhalten. Zunächst will es scheinen, als ob alle Unterschiede
schwänden. Denn sowohl Gott, wie Mensch, scheinen ihre ethische
Grundbedeutung wiederzugewinnen. Für Gott besteht sie, wie wir wissen,
in der =Bürgschaft für die Realität des Sittlichen=. Und die religiöse
Bedeutung Gottes scheint zwar nur das Individuum, nicht die Menschheit
anzugehen; aber =der Gott der Armen= ist nicht der Gott der Frommen oder
des schuldigen =Individuums=, sondern er ist =der soziale Gott=, dessen
=Partikularismus= vielmehr echter =Universalismus= ist. Und so ist auch der
Mensch wieder, unter dem Lichte der sozialen Humanität, in die
Menschheit aufgenommen.
94. Dennoch sind die =Unterschiede=, haarscharf, wie sie sind,
festzuhalten. Es ist immer hier die Gefahr vorhanden, daß die Grenzen
ineinander überlaufen. Der ethische Gott der Menschheit kennt zwar die
Mehrheit der Armen; er wäre sonst eine blasse Abstraktion, der das Blut
der Geschichte fehlte. Und er ist, als der ethische Gott, auch keine nur
theoretische Figur, bei der sich etwa der =Pessimismus= beruhigen könnte;
auch er muß vielmehr für das =Recht der Armen= eintreten. =Worin
unterscheidet er sich nun von dem religiösen Gotte?=
Hierauf antwortet wiederum die =Korrelation= von Gott und Mensch. =Auch der
ethische Mensch, der Selbstzweck und Endzweck ist, wehrt den Armen ab,
der zumeist bloß Mittel ist.= Und so ruft er die =Anstalten= hervor, welche
diese Abwehr erfordert.
=Indessen von dieser ethischen Einsicht ist es noch ein weiter Schritt
zu der Liebe=, die wir aus dem =Mitleid= als den charakteristischen
=Affekt der Religion= entstehen sahen. Freilich kann es mit der Liebe
gehen, wie mit dem »andächtig schwärmen«, das nach =Nathan= leichter ist
als »gut handeln«. Aber von den Mängeln und Mißbräuchen müssen wir
absehen, wenn wir den Eigenwert dieses religiösen Grundbegriffs prüfen.
95. Der =ethische= Grundbegriff ist die =Achtung=, die sich lediglich auf
die sittliche Würde jedes Menschen bezieht; die aber gar kein Auge dafür
hat, ob der Mensch arm und elend, oder reich und üppig ist. Für diese
sozialen Unterschiede aber muß das Auge geschärft werden. Und das
=Mitleid= ist die Brille, die diese Entfernung dem Menschen näher bringt.
Und wo einmal das Mitleid eingesetzt hat, da muß die =Menschenliebe=
aufgehen, wäre es auch nur als ein Ersatz für das Mitleid, das
herausgefordert wird. =Die Menschenliebe ist die religiöse Form des
sozialen Verhältnisses zwischen Mensch und Mensch.= Und die =Armut= ist das
optische Mittel, den Menschen als Mitmenschen und somit als ein
natürliches Objekt der sozialen Menschenliebe zur =Entdeckung= zu bringen.
Der Konflikt, der hierbei mit der =Ästhetik= einzutreten scheint, soll
hier noch nicht erwogen werden.
96. Jetzt können wir nun auf die =Frage= antworten, =worin für Gott der
Unterschied zwischen Ethik und Religion besteht=. Wie die =Liebe= erst
durch die =Armut= erweckt, und der =arme Mensch= erst zum =Mitmenschen=
wird, so tritt auch bei Gott =erst in der Religion die Liebe= in Kraft.
Die =Ethik= treibt =Geschichtsphilosophie=; sie kann Jahrtausende sich
gedulden, und braucht doch nicht dem Pessimismus zu verfallen. Das
Individuum geht ihr in die Menschheit auf. =Aber der religiöse Gott kann
nur Leiden der Liebe verhängen.= Er muß die Menschen lieben, und zwar
=jedes Individuum als solches=. Das Leiden, dessen Symbol die Armut ist,
darf ihm nicht gleichgültig sein, nicht ein unvermeidlicher Nebenerfolg
seiner =Vorsehung=. Das Verhältnis kehrt sich hier um. Er muß die armen
Menschen lieben, weil der Mensch seine armen Mitmenschen lieben soll.
=Als durch die Menschenliebe bedingt, erscheint so die Gottesliebe=,
während der =Pantheist= die Liebe bei Gott unpassend findet und
=Spinoza= ausdrücklich diesen Trumpf ausspielt.
Dahingegen erkennen wir als Konsequenz der Korrelation hier die Liebe
Gottes mitenthalten in der Menschenliebe zum Menschen. Denn wenn ich den
Menschen in seinem sozialen Charakter erkenne und daher liebe, so weiß
ich zugleich, daß dieser soziale Charakter im Zusammenhange mit einer
göttlichen Weltordnung steht, daß der Arme der Fromme ist, und daß Gott
sie beide liebt. =So unterscheidet die Liebe Gott und Mensch in Ethik und
Religion.=
97. Und je feiner die Unterscheidung durchgeführt wird, desto weniger
entfernt sich die Religion von der Ethik, desto mehr erfüllt sie sich
mit dieser ihrer =Vorbedingung, von deren Leitung sie nicht abweichen
darf=, wenn anders ihre Selbständigkeit nur =Eigenart= ist, welche jedoch
von der Selbständigkeit der Ethik auf Schritt und Tritt abhängig bleibt.
So ist es Grundbedingung bei der Buße, und so auch bei der Liebe, die
durchaus nur auf dem Grunde der =Achtung= sich einstellen kann. Daher auch
bilden bei Gott die Leiden des Armen keinen Widerspruch gegen seine
=Gerechtigkeit=. Seine Liebe löst diesen Widerspruch. Und die Liebe des
Menschen ist und wird keine religiöse, wenn sie nicht in der =Achtung=
wurzelt. Von ihr erst zweigt sich das =Mitleid= ab.
98. Es dürfte sich von hier aus auch die Auffälligkeit heben, die mit
der =Liebe zu Gott= verknüpft zu sein scheint. Während der =Pantheist= an
der Liebe von Gott Anstoß nimmt, könnte der =Monotheist= Anstoß nehmen an
der Liebe zu Gott. Gott ist ihm das =einzige Sein=, das nur das =Denken= zu
suchen, zu begründen vermag. Und wenn die =Erkenntnis= dem Menschen
zugesprochen wird, so wird eine =unendliche Aufgabe= damit ihm gestellt,
nicht etwa ein ruhiger Besitz und ein fertiges Geschenk. =Wie kann man
nun diese rastlose Aufgabe der Erkenntnis Liebe nennen?= Kann es
befriedigen, daß das hebräische Wort Erkenntnis und Liebe zugleich
bedeutet?
Wenn wir nun aber einsehen, daß die =Liebe die Triebkraft der religiösen
Begriffe= ist, und zwar auf Grund ihrer Verbindung mit den sittlichen
Grundbegriffen, so wird dieser Anthropomorphismus leichter erklärlich.
=Gott lieben, heißt= in der Tat nichts anderes, als bis zur Innigkeit sich
bewußt machen der =Verbindung, die zwischen Ethik und Religion in den
Begriffen Gott und Mensch besteht=. Wenn ich Gott liebe, so denke ich ihn
nicht mehr nur als den =Bürgen= der Sittlichkeit auf Erden, sondern von
der =Allheit= lenke ich den Blick ab =über andere Formen der Mehrheit
hinweg= auf diejenige =Partikularität=, welche den Armen als Beispiel der
sozialen Partikularität aufhebt und schlechthin zum =Individuum= macht.
Unter dieser Beleuchtung entsteht mir der Mitmensch und die Liebe zu
ihm. Unter dieser Beleuchtung entsteht mir der Gott, der der =Beistand=
des Armen ist und =sein Rächer in der Weltgeschichte=. =Diesen Rächer der
Armen liebe ich=; denn er ist mir der Bürge des Mitleids mit dem Armen.
In ihm sehe ich längst nicht mehr den Strafrichter der =Schuld=; denn die
Schuld ist auf ein höheres Niveau gestiegen, so daß die Vergebung und
=Erlösung der Liebe= auch diesem höhern sozialen Niveau entsprechend
geworden sind.
Wenn ich Gott liebe, so liebe ich =nicht pantheistisch das Universum=,
nicht die =Tiere=, die =Bäume= und die Kräuter, als meine Mitgeschöpfe,
sondern aber ich liebe in Gott einseitig den =Vater der Menschen=, und
diese höhere Bedeutung und diese soziale Prägnanz hat nunmehr der
religiöse Terminus von =Gott als Vater=: er ist nicht sowohl der Schöpfer
und Urheber, sondern vielmehr der =Schutz und Beistand der Armen=.
An dem Armen geht mir der Mensch auf. Daher kann ich den Menschen nicht
denken ohne das Mitleid mit ihm, ohne die Liebe zu ihm. Nicht das
Universum, aber das sittliche Universum, das soziale Dasein der Menschen
muß ich denken und lieben, wenn mein =Denken= Gottes: Liebe heißen darf.
99. Es dürfte bedeutsam sein, wie der =Pentateuch= die Liebe zu Gott
einschärft. Gemeinhin bezieht man =Herz= und =Leben= und =Kraft= nur auf
den =Affekt der Liebe= selbst: vielleicht aber sind sie auch auf den
=Inhalt= bezogen. Ich kann Gott nicht lieben, ohne mein ganzes =Herz=,
wie es für die =Mitmenschen= lebt, ohne meine ganze =Seele=, wie sie in
allen Richtungen des Geistes der Mitwelt zugekehrt ist, ohne meine ganze
=Kraft= -- wie das Wort übersetzt werden mag -- für diesen Gott in
seiner =Korrelation= zum Menschen einzusetzen. Daher soll die Liebe zu
Gott alle =Erkenntnis übertreffen=, sie soll, sie darf und kann sich
nicht mit ihm =vereinigen=, aber sie soll mit seinem =Begriffe= alle
Dinge und alle Probleme der Welt verknüpfen.
Es bleibt nichts übrig im Bewußtsein des Menschen, wenn er Gott liebt.
Daher heißt diese allen sonstigen Inhalt resorbierende Erkenntnis =nicht
mehr nur Erkenntnis, sondern Liebe=. Und der =Anthropomorphismus= bildet
hier keinen Anstoß. Denn er wird ja durch die =Paradoxie= übertroffen, daß
ich den Menschen -- lieben soll. Wurm, der ich bin, von Leidenschaften
zerfressen, der Selbstsucht zum Köder hingeworfen, soll ich dennoch den
Menschen lieben. Wenn ich dies kann, und sofern ich dies kann, kann ich
auch Gott lieben.
100. Oder sollte ich etwa daran Anstoß nehmen, daß Gott ja kein Mann
ist; daß er den =Erkenntniswert einer Idee= hat. Sollte ich etwa Ideen
nicht lieben können? Was ist denn aber der Mensch anderes als eine
=soziale Idee= und doch kann ich ihn nur in dieser und kraft dieser =als
Individuum= lieben: also, streng genommen, nur diese soziale =Idee vom
Menschen= lieben. Und was vom Menschen möglich ist, das sollte von Gott,
der nur Idee ist, und den ich gar nicht, wie immerhin doch den Menschen,
in einer empirischen Gestalt wahrnehmen: den ich nur =auf Grund= seiner
ethischen Idee denken und lieben kann?
101. Es ist daher auch erklärlich, daß, wie ein =Korrektiv=, die
=Verehrung= zur Liebe hinzutritt. Zwar ist die Verehrung auch vorwiegend
=praktisch=, wie im =Gottesdienste=, als den auch die soziale Liebe sich
dartut; aber sie soll zugleich doch auch der Liebe einen Typus der
=Abstraktion= beimischen. Hiermit würden freilich wieder die =Grenzen=
von Religion und Ethik zusammenlaufen. Denn die Verehrung ist =Achtung=,
die dem sittlichen Wesen, mithin auch Gott zukommt. =Erst mit dem
Übergang der Achtung in die Liebe entsteht die Religion.= Die
=Verehrung= Gottes darf daher nur die =ethische Vorbedingung= zur
religiösen Liebe Gottes bedeuten; oder aber =nur die Betätigung der
Gottesliebe im Gottesdienste=.
Im =mythischen= Ursprung freilich bedeutet die Verehrung die =Ehrfurcht=,
der immer noch der =Rest der Furcht= anhaftet. Hier würde die =Logik als
Vorbedingung der Religion= sich wieder geltend machen; denn die =Furcht=
bedeutet hier, wie das =Staunen=, den =Anfang der Erkenntnis=. Alle =Rätsel
des Daseins= klaffen auf, wenn der Gedanke Gottes mich erschüttert. Es
ist nicht richtig, daß ich nur in der Liebe meines Gottes innewerden
könnte; ich muß ihn =erst in den Schauern der Ehrfurcht erfassen=; denn
ich muß ihn mit allen Mysterien der Welt und des Lebens zusammendenken,
um nur erst sein Problem zu verstehen, geschweige dessen Lösung. Ethik
und Religion grenzen hier wiederum hart aneinander. Ohne Ehrfurcht keine
Liebe zu Gott. So wird der =Affekt der Liebe= auch hierdurch
eingeschränkt.
102. Erinnern wir uns hier der =Affekte= der =Ehre= und der =Liebe=, durch
welche unsre Ethik des reinen Willens die =Tugenden ersten= und die
=zweiten Grades= zur Unterscheidung gebracht hat. Wie dort die Liebe als
der Affekt der =relativen Gemeinschaften= bestimmt wird, so erweist sie
sich hier auch als Grundtrieb für die =soziale Gemeinschaft=: und aus
dieser erst geht das =Individuum als solches= hervor.
War es mithin ein Versehen der Ethik, den Menschen, als Individuum,
schon aus der Allheit der Menschheit gewinnen zu können? Die Menschheit
allein wird unter dem Affekt der =Ehre= erfassbar, und auch der
Einzelmensch immer nur als Träger der Menschheit. Erst die Liebe macht
aus den relativen Gemeinschaften die Partikularitäten der
=geschichtlichen= Menschheit, mithin die menschlichen =Besonderheiten=, die
doch schon die Abstraktion der Menschheit zu überwinden den Anfang
machen. Aber alle Relativität und Partikularität bleibt mit der
Abstraktion verhaftet: sie wird erst verscheucht durch den Ausgang der
Besonderheit in das =Individuum=. So entsteht hier in der Religion, in dem
Affekt des =Mitleids=, der sich als der religiöse Affekt der Liebe
bewährt, auch erst das =Individuum= als solches. Die =Logik= sagt zwar, daß
es der Mehrheit angehöre, und die =Ethik= könnte an sich dieses Urteil
nicht verändern. Aber erst die Religion bringt die =Korrektur= an dieser
logischen Abstraktion an, insofern sie den Menschen als Individuum
auszeichnet und von allen Vertretern und Beispielen des Begriffs
»Individuum« in allen Erkenntnisarten unterscheidet.
Sie macht den =Menschen zum Individuum=, und daher auch das =Individuum
zum Menschen=. So enthält sich hier gleichsam der Affekt seines zweiten
Grades. Und so erklärt es sich, daß in der Verbindung von Liebe und
=Ehrfurcht= der Affekt des =zweiten= Grades mit dem des =ersten Grades=
sich ausgleicht. Das =Relative= wird abgestreift, wenn nicht bloß der
Mensch absolutes Individuum wird, sondern auch das sonst einzige
Individuum, Gott, als Gegenstand der Ehrfurcht und der Liebe erkannt und
beglaubigt wird.
So dürfte sich die Terminologie hier gegenüber der in der Ethik des
reinen Willens doch wieder rechtfertigen und aufrechthalten. Diese
Bezugnahme führt uns weiter zur Erwägung der terminologischen
Grundbestimmungen.
IV. Das Verhältnis der Religion zur Ästhetik.
1. Wir kommen zum =dritten= Punkte, der das =Verhältnis zwischen Religion
und Ästhetik= bestimmen soll. Von jeher ist diese Beziehung tiefsinnig
gepflegt worden. Es genügt hierfür, nur an =Plotin= zu denken. Ihm ist
=Gott= der =Urquell des Schönen=. Er dürfte aber hierdurch die
=Selbständigkeit der Ästhetik verhindert= haben. Denn wenn =Gott= ihr
=Prinzip= ist, wie unterscheidet sie sich dann von aller =Metaphysik=? Die
Metaphysik mußte nun selbst erst zur Ausgestaltung ihres Inhalts
gediehen sein, wenn die Ästhetik sich aus ihr ausscheiden sollte. Daher
wird es wohl verständlich, daß erst =Kant=, dem Systematiker der
Philosophie, es beschieden war, als =Schlußglied= sie in das System der
Philosophie einzufügen. Wie wir nun die Religion im System der
Philosophie zu bestimmen suchen, wird daher auch ihr Verhältnis zur
Ästhetik zu bestimmen sein. Die Beziehungen zwischen Religion und =Kunst=
sind primitive und unerschütterliche. Daher wird auch die =systematische
Regulierung des Bewußtseins der Ästhetik gegenüber notwendig= sein.
2. Freilich ist die =Korrelation= von Mensch und Gott dem ästhetischen
Bewußtsein nicht unmittelbar gegeben. =Gott= ist ihm nur ein
=Mittelbegriff=, der entweder in die Natur des Menschen einzubeziehen ist,
oder in den Menschen der Natur. Denn diese beiden Probleme sind die
=einzigen= Gegenstände der Kunst: der Mensch in der Natur oder die Natur
des Menschen. Und Gott kann beiden angehören und er gehört beiden an
innerhalb der Kunst. Wenn nun Gott als ein besonderer Gegenstand der
bildenden Kunst erscheint, so darf uns das nicht irremachen: er steht
nur in der Korrelation zum Menschen. Damit aber entsteht die Gefahr, daß
das ästhetische Bewußtsein sich =in Religion verwandele=.
Und dieselbe Gefahr entsteht auch vom =Menschen= der Kunst aus. Es bildet
sich unmittelbar die =Korrelation von Mensch und Gott=. Indessen ist sie
nur Illusion; alle ästhetische Gegenständlichkeit erschöpft sich im
Menschen der Natur oder in der Natur des Menschen.
3. Die Gefahr der Vermischung mit Religion steigert sich. Wir haben das
religiöse Bewußtsein der Korrelation als =Liebe= erkannt. Indessen hat die
=Ästhetik des reinen Gefühls= dieses selbst, dem alten Sprachgebrauche des
=Eros= getreu, als Liebe ausgezeichnet. Damit wären =zwei Arten der Liebe=
statuiert, und entweder wäre dadurch die =Selbständigkeit= der Religion
oder die der Ästhetik oder beider zugleich in Frage gestellt.
Aber wie sollten wir es anfangen, um die Religion in einer =Richtung des
Bewußtseins= auszuzeichnen? Wir hätten dann gar das =Gefühl= heranziehen
müssen, welches der Ästhetik ihre =Eigenart= gibt. Wir hätten alsdann aber
eine =Selbständigkeit= für die Religion geschaffen, die wir der Ethik
gegenüber gar nicht beabsichtigen dürfen, und gewiß erst recht der
Ästhetik gegenüber nicht beabsichtigen werden. Wenn aber das reine
Gefühl sonach abzulehnen war, was anderes konnte dann übrigbleiben als
die Liebe?
4. Wir müssen jetzt auf Unterschiede im =ästhetischen= und im =religiösen=
Begriffe der =Menschenliebe= achtsam werden. Die Liebe zu Gott fällt ja
ohnehin bei der Kunst hinweg. Wenn wir aber genau prüfen, auf welchen
Begriff des Menschen unsere ästhetische Liebe sich bezieht, so lehrt uns
schon die ästhetische Analyse des eigentlichen Gegenstands im =Kunstwerk=,
daß dies nicht ein =Individuum= sein kann, sondern nur ein =Typus=.
Wie das Individuum als =einzelner Gegenstand= überhaupt nicht zu =denken=,
geschweige =wahrzunehmen= ist, so kann es daher vom Denken an sich dem
Gefühle nicht überliefert werden. Das Denken faßt den Gegenstand nur als
ein Allgemeines; und nur als solcher Typus kann auch der ästhetische
Gegenstand ein Inhalt werden, der geliebt und gefühlt wird. Die
ästhetische Liebe ist =Eros=, ist =reines= schöpferisches, ein Kunstwerk
schaffendes, und in diesem Schaffen sich bewährendes Gefühl. Aber dieses
schaffende Gefühl der Liebe zur =Natur= des Menschen ist nicht Liebe, als
=religiöse= Menschenliebe.
Die Religion zwar kann den =Einzelmenschen als solchen= auch nicht
=denken=, aber ihr spezifisches Vehikel, die Liebe, erfaßt ihn in
dieser absonderlichen Besonderung, die in =Individualität= sich
verwandelt. Damit verliert er nun all sein theoretisches Interesse; er
hört auch auf, ein =Typus= zu sein; in seiner nackten Isoliertheit
vollzieht sich an ihm das =reine Gefühl=, welches dem Gegenstande
gegenüber sich als Liebe betätigt.
Was bedeutet jetzt noch der Mensch der Kunst gegenüber dieser =konkreten
Individualisierung=? Wenn =Mephisto= sagt: sie ist die erste nicht, so kann
die Religion so nicht sprechen: für die es keine =zahlenmäßige=
Unterscheidung der Individuen gibt. So aber spricht die Kunst, die ihre
=Typen= sammelt.
Nun entsteht zwar das terminologische Bedenken, daß wir =zwei Arten der
Liebe= nicht vermeiden. Die =reine= Liebe der Kunst hat in ihrer
=Produktivitätskraft= ohnehin wenig Ähnlichkeit mit dem leidenschaftlichen
Drang, der sich dem Individuum hingibt. Diese Liebe darf auch mit der
Geschlechtsliebe nichts gemein haben, wenngleich diese sie mitspeisen
mag. Sie ist der göttliche Eros, die reine erzeugende Liebe des Gefühls,
die sich dem Menschen selber erst erzeugt, nicht aber ihn sich gegeben
sein läßt. Dahingegen liebt die Religion den Menschen an dem
Erkennungszeichen seines =Leides=. Und dieses Leid läßt sie sich nicht
wegtilgen, um einen =andern= Menschen daraus hervorgehen zu lassen. Die
=Identität der Person=, man möchte sagen, es gäbe für sie kein anderes
Erkennungszeichen als diese untrügliche Liebe, die nur dadurch scheinbar
unklar, vielmehr aber nur um so prägnanter wird, daß =mit diesem einzigen
Individuum das eigene Selbst im Gefühl des Mitleids, mithin im Mitgefühl
identisch wird=.
5. Was die Liebe im Sprachgebrauche auszeichnet, die =Bedürftigkeit=, das
ist die Liebe der Religion, während die =Kunstliebe kein Hängen an dem
Individuum= hat, das ihr nur =Stoff= ist, obwohl an diesem Stoffe des
Individuums und an dieser Liebe zu ihm das reine Gefühl selbst erst sich
erzeugt. Das Gefühl erzeugt sich und in ihm das reine =Selbst=; aber das
Individuum, der Mensch ist Stoff, nicht Inhalt. Wenn man es sagen
dürfte, so liegt viel =Vorbereitung zur religiösen Liebe in der Kunst=;
vielleicht ist in der Tat das ästhetische Bewußtsein ein unentbehrliches
Mittelglied für die Entwicklung der religiösen Menschenliebe; =aber beide
sind nicht dasselbe=.
6. Die religiöse Liebe entzündet sich am =Leide= des Menschen; der
künstlerische Problemstoff ist viel reicher und viel individueller. Die
Religion faßt das Leiden an der =Armut=; die Kunst dagegen an der
=Häßlichkeit=. Und sie entblödet sich nicht, dem Individuum gegenüber Gott
auch dafür verantwortlich zu machen.
Was tut nun aber die Kunst, um uns mit der Häßlichkeit des =Mitmenschen=
auszusöhnen? Sie übergibt ihn keineswegs unserem Mitleid, sondern sie
entzieht ihn diesem kläglichen Beistand. Dafür aber verleiht sie ihm
einen =Reiz=, der ihren Abstich von der Schönheit illusorisch macht. Es
ergibt sich hieraus aber, =daß die Kunst das Leiden als solches nicht
anerkennt=, sondern ihm Vorzüge verleiht und ästhetische =Ebenbürtigkeit=.
7. Auch die eigentliche Kunst des Leidens, die =Tragödie=, läßt den
Menschen nicht im Leiden enden, sondern sie verklärt seinen Tod mit der
=Glorie des Heroentums=. So wird der leidende Mensch ein =aufsteigender
Gott=, und auf diesem Aufstieg beruht alle Kraft der Tragödie, alle
Würde des tragischen Helden. Seine =Schuld= selbst wird durch dieses
Leiden gesühnt, daß sie ihn =über das Menschenmaß hinaushebt=. Also auch
in der Tragödie bleibt der Mensch =nicht= ein menschliches =Individuum=,
das ich an seinem Leiden mit meinem Mitleid erfassen könnte, sondern =er
wird ein anderes Wesen=; er hört auf, ein Mensch zu sein; so scheint es
wenigstens. In der Religion dagegen würde dieser Schein die Eigenart
zerstören.
8. So haben wir denn den =Doppelsinn= der Liebe nicht gescheut, weil klar
genug der Unterschied zwischen diesen beiden Arten einleuchtet. Aber den
Terminus des =Gefühls= auch =zweideutig= zu machen, das müssen wir
vermeiden. =Denn für das ästhetische Bewußtsein ist die Liebe nur eine
psychologische Deutung=, während das =Gefühl= in seiner erzeugenden
Reinheit das systematische Mittel ist. Die Richtung des Bewußtseins geht
scheinbar auf das Kunstwerk, von diesem aber zurück in das Selbst, das
in dieser ästhetischen Schöpfung selbst erst entsteht. Hier hat das
Gefühl alle Kraft der Aktivität. In der =Religion= dagegen würde man schon
zur =Mystik= greifen müssen, wenn man dem Gefühle eine ähnliche Kraft
zusprechen wollte. Und die Eroberung des Individuums rechtfertigt auch
noch nicht diese Gleichstellung mit der ästhetischen Ursprünglichkeit
des Gefühls. Das Individuum wird gewonnen, dem eigenen Ich
=nebengeordnet=, beide aber sogleich =auf Gott gerichtet=, von dem diese
Erleuchtung ausstrahlte. Das eigene Selbst wird dadurch nicht aufgebaut;
es könnte ja niemals, abgesehen von der Korrelation mit Gott, derjenigen
mit dem Mitmenschen entbehren. Und ohne diesen Aufbau des Selbst kann
das Gefühl dem ästhetischen Gefühle nicht vergleichbar sein.
9. Man hat nun aber freilich andere Schwünge des Bewußtseins angenommen,
kraft welcher das religiöse Bewußtsein, wie es die Kette von Gott und
Mensch herstellt, einen Umfang annehme, der es dem ästhetischen Gefühle
vergleichbar mache. In der Tat ist ja jedes Kunstwerk ein =unendliches=;
es strahlen, wie =Wilhelm von Humboldt= sagt, von jedem ins Unendliche die
Beziehungen aus. Dieses Unendliche, gegenüber allem Endlichen der
Wissenschaft und der Sittlichkeit, wird als die Grenze, als der
=Vereinigungspunkt von Religion und Kunst= gedacht, und daher glaubt man
entweder auch, oder gar ausschließlich für die Religion das Gefühl in
Anspruch nehmen zu dürfen. Wird doch so auch das =Selbst= gewahrt für die
Religion, das in der Korrelation mit Gott niemals aufgeht, sondern
vielmehr durch sie nur gesteigert wird.
Dem =Unendlichen in der Kunst= könnte in der Religion die Korrelation
selbst entsprechen, in ihrer Unbegrenztheit und Unerschöpflichkeit.