des Gefühls rechtfertigen. Denn sie bleibt zwar Unendlichkeit, obschon
sie sich auf das Selbst von allen Herrlichkeiten aus zurückzieht. Aber
sie muß ja immer =Gegenstand= werden und Gegenstand bleiben im =Kunstwerk=
und für das Selbst. Die Unendlichkeit könnte der ästhetischen Prägnanz
nur schädlich werden, wenn sie die =Gegenständlichkeit= berückt und
verschleiert. In der Religion dagegen steht ja gar nicht eine
Unendlichkeit in Frage, insofern die von Gott bezogen wird auf den
Menschen, und die vom Menschen auf Gott. Es ist ja nur der herkömmliche
Schein der =Mystik=, der in diese grundklare =Korrelation= eine
Unendlichkeit hineinspielen läßt, und daher von der Grundkraft der
Menschenliebe die Beziehung ablenkt.
Nicht die Liebe zu Gott ist das Ursprüngliche des religiösen
Bewußtseins, sondern die Liebe zum leidenden Menschen; und die Liebe zu
Gott tritt erst ein unter mehrfachen Deutungen, wenn Gott als der Schutz
der Leidenden erkannt wird. So unterscheiden sich am Amte Gottes für
den leidenden Menschen =Religion und Mystik=. Also auch die angebliche
Unendlichkeit des Bewußtseins macht die Religion nicht dem Gefühle
zugänglich.
10. Dagegen erheben sich schwere =Bedenken= gegen diesen Doppelsinn. Das
eine konnte schon bei der Mystik mit beachtet werden. Die systematische
Kraft der Religion wird nicht erhöht, wenn man sie von der =Erkenntnis=
und vom reinen =Willen= abtrennt und auf das ästhetische Gefühl isoliert;
schon die Reduktion auf das primitiv Sensuelle ist vom Übel.
11. Beachten wir zunächst noch die Unterschiede vom =ästhetischen=
Bewußtsein. So sehr wir die Liebe zur Natur des Menschen als die
ästhetische Grundkraft erkennen, so müssen wir doch den religiösen
Begriff des Menschen und die religiöse Liebe zum =Menschen= durchaus
unterscheiden von der ästhetischen Menschenliebe. -- Für diese muß immer
auf die Natur des Menschen und auf den Menschen der Natur Bedacht
genommen werden. Nicht auf den Menschen an sich, sondern auf die Natur
des Menschen und demzufolge auch auf den Menschen der Natur geht die
ästhetische Liebe.
Auch auf die =Natur= muß man in der Bedeutung achten, daß sie Leib und
Seele vereinigt. Bei der ästhetischen Liebe aber darf man wohl ohne
Übertreibung sagen, daß vorzüglich im Leibe die Natur des Menschen zur
Erscheinung gebracht wird: daß der Leib die Seele in sich aufzunehmen
hat. Dagegen kann man von der religiösen Liebe vielleicht ebenso ohne
Übertreibung sagen, daß sie nur auf die Seele des Menschen gerichtet
ist, zumal sie ja vorzugsweise vom Leide des Menschen ergriffen wird:
das Leid aber ist im letzten Grunde nur Seelenleid. So tritt in der
religiösen Liebe die Natur des Menschen in seiner Leiblichkeit zurück
gegen die Seele und den Geist, in welchen allein der religiöse
Menschenbegriff in Vollzug treten kann.
Denn der leitende Gedanke muß ja immer der sein, daß der Mensch allein
in der Religion überhaupt nicht der Inhalt des Bewußtseins ist, sondern
nur in Korrelation mit Gott. Der Mensch und Gott, Gott und der Mensch,
in dieser Doppelfügung vollzieht sich das religiöse Bewußtsein. Und wenn
wir nun sehen, daß der Mensch einen andern Gegenstand bildet im
ästhetischen, einen andern im religiösen Bewußtsein, so ist dies ebenso
auch von Gott zu erkennen.
=Gott= ist zwar überhaupt nicht ein direkter Gegenstand des ästhetischen
Bewußtseins, aber wir haben soeben in dem Begriffe der =Unendlichkeit=
seine Aufnahme in das Kunstgefühl erwogen. Es ist eine Illusion, die
Unendlichkeit, die sich immer an einem Kunstwerke vollziehen und
gleichsam erschöpfen muß, mit derjenigen Unendlichkeit zu verwechseln,
welche für die religiöse Korrelation des Menschen mit der Idee Gottes
sich bildet. Es ist nur eine Subreption des religiösen Bewußtseins,
welche Gott in das Kunstgefühl hineinspielen läßt. Es ist vielmehr in
aller Kunst immer nur der Mensch, der den Gott darstellt, und der
Dichter redet nur in der Sprache der Religion, wenn er über dem
Sternenzelt den lieben Vater wohnen läßt. Er verrät sich auch dabei in
seiner ihm allein gemäßen Menschenliebe, indem er die Brüder dabei
anruft. So formiert sich die Korrelation von Mensch und Gott. Und diese
Anleihe bei der Religion bleibt ohne Schaden, weil sie im Grunde nur die
=Vorbedingung= auswertet, welche das sittliche Bewußtsein für das
ästhetische bildet.
12. Wenn sonach diese Entlehnung ungefährlich bleibt für die reine
Kunstschöpfung, so muß andererseits das religiöse Bewußtsein in seiner
Reinheit gehütet werden gegenüber den Mischungen und Trübungen, denen es
bei der Ausgleichung mit dem ästhetischen Bewußtsein ausgesetzt ist.
Die Kunst hat Souveränität und daher auch Indifferenz gegenüber dem
Leide des Menschen. Sie betrachtet dies als zu seiner Natur gehörig, zu
der seiner Seele, und zumal zu der seines Leibes. Und wie die Kunst von
keiner Häßlichkeit abgeschreckt, vielmehr zur höchsten Idealisierung
angereizt wird, so hat sie auch kein Mitleid, sondern dieses wird
schöpferische Kraft. Vor dieser souveränen Selbstverwandlung muß jedoch
das religiöse Gefühl geschützt werden; es würde sonst die ihm eigene
Aktivität einbüßen, und seine Tätigkeit schaffende, Heilung und
Befreiung vom Leid erstrebende Liebesarbeit würde in mystischen
Quietismus versinken. Diese religiöse Liebe will bessern, mildern, was
der Mensch leiden muß, während die ästhetische Liebe im Menschenleide
die Glorie des Menschentums erblickt.
Es sind ganz gegensätzliche Richtungen des Bewußtseins, die hier in
Vergleichung gebracht und sogar identifiziert werden sollen. Bis zum
Widerspruch in den Richtungen des Bewußtseins prägt sich dieser ihr
Gegensatz aus. Und doch ist es nur die Konsequenz von dem Begriffe des
=Individuums=, die sich hier durchführt. Das Individuum ist nicht der
Menschentypus, der das Auge des Künstlers anzieht. Das Individuum ist
aber auch nicht das Symbol der Menschheit, die den ethischen Begriff
des Menschen bildet. Das Individuum ist weder ein logischer, noch ein
ethischer Begriff in dem engeren religiösen Sinne; es gehört daher nicht
der Mehrheit an, und auch nicht der Allheit, sondern es entsteht, es
entspringt in der Korrelation zu Gott. =Der religiöse Mensch ist
schlechthin Individuum.= Und diese absolute Individualität wird ihm von
der Korrelation mit Gott verliehen. Durch Gott wird der Mensch ein
absolutes Individuum. Jetzt steht er nicht mehr nur für die Menschheit
ein, geschweige, daß er nur der Herde eingefügt wäre: er steht jetzt in
der ganzen großen Welt allein für sich selbst da, auf eigenen Füßen,
weil sein Scheitel an die Gottheit heranreicht; weil, genau gedacht,
sein Begriff verknüpft ist mit dem Begriffe Gottes. Diese Individualität
aber erst macht den Menschen wahrhaft zum Menschen, nicht nur zur
Abstraktion eines Menschenbegriffs.
13. Vergessen wir nur nicht, daß die ästhetische Liebe bei aller ihrer
Schöpferkraft dennoch für den Menschen selbst nur eben Phantasie ist,
Zauberei des Eros, der es eben nur um den Zauber selbst zu tun ist, nur
um den Rausch, um die Verzückung, um die Illusion, in welcher ja das
Leben und Schaffen der Kunst besteht und vergeht. So ist alle
ästhetische Liebe im Grunde nur Vorspiegelung, nur Abstraktion, nur ein
Spiel mit Ideen, die sich in Herzensglut entzünden. Die religiöse Liebe
aber hat einen Ernst, der über dieses erhabene Spiel selbst erhaben ist.
Daher ist das Kunstgefühl =keineswegs Leid=, sondern was man auch dagegen
besorgen mag, höchste und reinste Lust, das ganze Lebensgefühl
absorbierende Freudigkeit. Gegen diesen Jubel des ästhetischen Gefühls
muß das religiöse demütig verstummen. Aber seine Stummheit gerade, wenn
sie der Kunst gegenüber eintritt, entfesselt die höchste Beredsamkeit
der religiösen Sprachkraft. Alles Entsetzen des =Mitleids= wird alsdann
das Zeugnis der religiösen Ergriffenheit und der religiösen
Schaffenskraft. Dann wird Gott gleichsam lebendig, wenn der Mensch in
der Unermeßlichkeit seines Leidens zum eigentlichen Gegenstande des
religiösen Menschen dargestellt wird. Und alle Kunst mit ihren
Schönheiten muß sich jetzt in den Dienst dieser religiösen Erhabenheit
stellen, wenn anders ihr ein Eigenwert noch zuerkannt bleiben soll.
14. In diesem Übertreffen, dieser Entwertung aller Kunst besteht die
=Erhabenheit der christlichen Religion=. Das =Leiden= des Menschen ist ihr
Gegenstand, und dieses Gegenstandes wegen ist sie Religion. Dagegen
bildet es keinen Einspruch, daß die Kunst vom Kultus des Christentums in
Anwendung gezogen wurde, wie daß der religiöse Grundgedanke selbst, als
der Grundgedanke der =Tragödie=, der Kunst entlehnt scheint. Indessen
erweist sich darin der =Unterschied=, daß die Tragödie ihren leidenden
Helden gerade nicht als Individuum denkt, sondern vielmehr als den Sproß
seiner Ahnen. =Christus= dagegen wird deshalb als =Individuum= gedacht, und
man besteht auf dem Gedanken, daß er durchaus nur als ein solches
einziges Individuum gedacht werden müsse: weil er in seinem Leide, als
Individuum, den Menschen darstellen soll; den Menschen, dessen
Individualität mit Gott allein verknüpft ist. Das ist der tiefste Sinn
der christlichen Mythologie, der sie in Religion verwandelt.
15. Wer wüßte nicht, daß zu jener Zeit viele Männer in Judäa mit
ähnlichen Ansprüchen und Lehren aufgetreten sind, wie sie von Jesus
überliefert wurden. Aber die lebendige Religion, welche von ihren
historischen Ursprüngen mit Recht sich freimachen muß, besteht auf dem
Gedanken der Einzigkeit Christi, weil die Individualität der
Menschenseele nur durch diesen einzigen Christus, nur durch Christus,
als den Einzigen, in diesem Zusammenhange der Glaubenslehre gelehrt
werden kann. Er wird als der einzige Mensch gedacht, der die Korrelation
mit Gott erschlossen hat. Sein Leiden bezeugt das Leiden des Menschen,
des Menschen, nicht des Juden oder des Samariters; des Menschen, als der
einsamen, isolierten Menschenseele, die nicht sowohl für das
Sittengesetz der erhabenen Menschheit einzustehen hat, als vielmehr den
Menschenbegriff lebendig und konkret zu machen hat in seinem
unermeßlichen, unerschöpflichen Leide, das nur jenseits seiner
lebendigen Individualität Befreiung und Erlösung finden kann.
16. Indessen können wir hier =lebendige Religiosität= von der =historischen
Tradition= der Religion unterscheiden. In neuerer Zeit sind Stimmungen
innerhalb des Protestantismus aufgetaucht, die sonst nur in Perioden
katholischer Romantik lautbar wurden. Man hat gesagt: möge das Dogma
immerhin Poesie sein, so werde dadurch sein Wahrheitsgehalt nicht
beeinträchtigt. Das ist eine falsche Konsequenz theoretischer
Verzweiflung. Diese Konsequenz kann nur gezogen werden bei vollständiger
Gleichgültigkeit gegen die methodischen Unterschiede unter den Gliedern
des Systems der Philosophie, so daß Religion auch Kunst sein dürfte.
Der logische Sinn für die Wahrheit ist dabei vollständig untergegangen.
So ist es denn auch möglich geworden, der Religion eine eigene Gewißheit
überhaupt abzusprechen. Wenn sie aber keine eigene hat, wie könnte sie
dann eine andere annehmen und zu ihrer eigenen machen? Man muß dann auf
die offenbare Zweideutigkeit verfallen, die in der »auf praktische
Unentbehrlichkeit und auf inneres Verpflichtungsgefühl begründeten
Gewißheit« von =Troeltsch= behauptet wird. Diese Begründung läßt aber nur
eines nicht im unklaren: daß die theoretische Unentbehrlichkeit
aufgegeben wird. Welcher Art dabei aber die Verpflichtung sein kann, die
auf ein inneres Verpflichtungsgefühl begründet wird, das bleibt im
finsteren Dunkel. Und hier wieder erweist sich das Gefühl in seiner
Gefährlichkeit: in seiner Verdunkelung der methodischen Bestimmtheit und
der Grenzen, an denen die Religion mit den anderen Richtungen des
Bewußtseins, und so als Gefühl, vornehmlich mit dem Kunstgefühl
vergleichbar wird. Die systematische Begrenzung hat ebenso neuerdings,
wie schon von alters her, in dem Gefühl den schwierigsten und
gefährlichsten Grenznachbar des religiösen Bewußtseins zu bewachen.
Wir haben das religiöse Gefühl als Mitleid erkannt: als Entdeckung des
Menschen im Leiden, als Entdeckung des Individuums am leidenden
Menschen, und als Entdeckung seiner Korrelation mit Gott, die gleichsam
durch dieses Leiden und Mitleiden gefügt wird. Darin besteht die
schöpferische Aktivität dieses religiösen Gefühls, dieses Mitleids mit
der Menschenseele. Wie anders dagegen ergeht sich die schöpferische
Aktivität der ästhetischen Liebe zur Menschennatur. Schon aus diesem
Gesichtspunkte werden die beiden Arten des Gefühls unvergleichbar, und
keine Unendlichkeit kann sie vergleichbar machen. Wie ist überhaupt die
Analogie der Religion mit dem =Gefühle= entstanden? Es ist bekannt, daß
=Schleiermacher= ihr Urheber ist. Und es darf nicht bezweifelt werden, daß
er durch die =Hineinziehung der Religion in das Bewußtsein= einen
Fortschritt über =Kant= vollzogen hat. Denn der Wert von Kants
Charakteristik der Religion besteht in der Ethiko-Theologie, mit der
jedoch die Gefahr verbunden ist, daß die Religion in Ethik aufgeht und
ihre Eigenart verliert. Der Unterschied zwischen beiden wird von Kant
nur dahin bestimmt, daß die Religion die Sittlichkeit zum Inhalt habe,
aber als =Gebot Gottes=. Dadurch aber entsteht die Gefahr der Aufhebung
der =Autonomie=, die für die Religion doch ebenso gelten müßte, wie für
die Ethik.
17. Indem nun Schleiermacher in das Bewußtsein des Menschen die Religion
einhob, brachte er sie in die Koordination zu Erkenntnis und
=Philosophie=. Da aber Philosophie bei ihm im Grunde =Metaphysik= ist, so
wird seine Religion im letzten Grunde =Pantheismus=. Gott ist ihm nicht
»ein einzelner Gegenstand«. Die Hingabe an Gott bedeutet ihm die Hingabe
an das =Universum=. In der Welt findet er Gott und den Menschen,
wenngleich die Menschheit vorwaltet, als die Fundstätte des Universums
gilt.
Dieser Pantheismus hat freilich zwei Seiten. Nach der einen ist der
Mensch, als Individuum, ebenso »das Kompendium der Menschheit«, wie er
der Grund der Welt ist. Und das Gefühl wird von dieser Seite aus gedacht
als ein »=unmittelbares= Bewußtsein«, und als »der =Inbegriff= aller
höheren Gefühle«. Das Gefühl ist das pantheistische Organ schlechthin
der Erkenntnis. Und die Vorstellung von Gott als einem einzelnen Wesen
=außer= der Welt wird in diesem Sinne als »die gewöhnliche Vorstellung«
bezeichnet. Aber der Pantheismus verstrickt sich in Widerspruch, wenn er
auf das Gefühl anstatt auf die Erkenntnis sich gründet. Die
Unmittelbarkeit des Gefühls ist ein zweideutiger Vorzug.
18. So erklärt es sich, daß bei Schleiermacher in seiner =Glaubenslehre=
das Gefühl zu dem einer absoluten =Abhängigkeit= verwandelt wird. Und
schon in den »=Reden über die Religion=« deuten sichere Zeichen auf diese
Abhängigkeit hin, insofern dort schon die Religion bestimmt wird als
»die =Sehnsucht= nach Liebe«. Nicht Liebe an sich ist Religion, weder die
zum Universum, noch die zum Menschen, die ja doch nur Selbstliebe wäre,
sondern die Sehnsucht nur nach Liebe ist Religion, das Verlangen nach
Liebe, das die Bedürftigkeit des Menschen bekundet, und vollends seiner
Identität mit dem Universum widerspricht. Diese Abhängigkeit vom
Universum, die sich in der Sehnsucht nach Liebe verrät, mag für die
Religion einen Teil von Richtigkeit haben. Aber der Bedeutung des
=Gefühls= wird diese Sehnsucht nach Sehnsucht, diese Liebe zur Liebe
durchaus nicht gerecht. In diesem Ausdruck läßt sich nur die
=Unbestimmtheit= dieser Art des Bewußtseins erkennen, die keinen anderen
objektiven Inhalt hat als nur sich selbst, ihre eigene Tätigkeit, ihr
eigenes subjektives Verhalten. Die ganze objektive Unbestimmtheit des
=Pantheismus= gibt sich hier kund, und nicht minder auch die
=Begriffslosigkeit der Romantik=, die sich aller Erkenntnis und alles
objektiven Inhalts derselben begibt.
Dabei geht ebenso der Mensch, wie vorher Gott, der Religion verloren,
und kein Pantheismus kann diesen Verlust ersetzen. Die Sehnsucht nach
Liebe muß sich auf den Menschen richten, allein auf den Menschen
abzielen; sie darf sich nicht befriedigen in dem Sicheinsfühlen mit der
=Natur=.
19. Schon dieser =Doppelsinn= im Gefühle, ebenso die =Abhängigkeit= zu
bedeuten, wie die =Deckung= mit dem Universum, zeigt die Unangemessenheit
des Gefühls für das Bewußtsein der Religion. Sofern das Gefühl eigenen
Inhalt erzeugt, ist es reines Gefühl, und dieses ist allein und
ausschließlich das ästhetische Gefühl, das zwar auch ein =Universum=
erschafft, dieses aber genau und bestimmt in dem =Kunstwerke
objektiviert=. Eine solche Schöpfung, die sich auf das Gebild des
Menschen beschränken würde, kann es für das religiöse Gefühl nicht
geben. Denn in ihm steht der Mensch niemals für sich allein, sondern
immer =im Bunde mit Gott=.
20. Es ist nicht nur ein Überbleibsel der Mythologie, daß der wahre Gott
einen =Bund= schließt mit =Abraham=, und schon mit =Noah für die Erhaltung
der Natur=: Gott entsteht, er erzeugt sich in diesem Bunde mit dem
Menschen; =sein Ursprung ist der Bund mit dem Menschen=. Dieser Bund ist
das Kunstwerk Gottes, aber nicht das Kunstwerk des Menschen. In der
Kunst dagegen erzeugt der Mensch selbst kraft seines reinen Gefühls sein
Kunstwerk. Und dieses ist daher ebenso das Zeugnis, wie das Erzeugnis
seines Gefühls. Hier dagegen spaltet sich die Einheit des Gegenstandes
in die Korrelation, in den Bund zwischen Gott und Mensch. Keiner von
beiden kann für sich allein stehend gedacht werden. Wenn ich Gott denke,
muß ich zugleich den Menschen denken, und ich kann den Menschen nicht
denken, ohne zugleich Gott zu denken. Aber ich kann beide nicht
nebeneinander denken, so daß ich in dieser Konfiguration etwa eine Art
von Kunstwerk erschaffen könnte, sondern beide Begriffe sind =Inbegriffe=,
mithin echte logische Abstraktionen, deren Gedankenwert durch keine
Gefühlsart erzeugbar wird.
21. Nun kann man aber gegen diese ganze Argumentation ein wichtiges
Moment einwenden. Man kann nämlich für den Gefühlscharakter der Religion
sich auf die =Ergriffenheit= berufen, von der das Gemüt erfüllt wird bei
dem religiösen Gedanken an Gott und seine Menschenwelt, bei dem
religiösen Gedanken an die arme Menschenseele und ihre Erlösung durch
Gott. Man kann für die Analogie mit dem ästhetischen Bewußtsein sich auf
die =Rührung= berufen, die das Gemüt hier, wie dort, ergreift. Und dieser
Einwand wird nicht dadurch beseitigt, daß man die Rührung als einen
passiven Affekt von der Aktivität des ästhetischen Gefühls
unterscheidet. Denn bei aller Passivität entladet sich doch eine
gewaltige Macht in dieser Rührung des religiösen Momentes.
22. Indessen spricht hiergegen ein anderer Gedanke. Die Analogie der
=Rührung= würde nicht in erster Linie die der Religion mit der Kunst
betreffen, sondern die der =Sittlichkeit= mit ihr. Von der Sittlichkeit
aber wissen wir, daß sie eine =Vorbedingung= der künstlerischen Schöpfung
ist, eine Vorstufe des ästhetischen Gefühls. Die Rührung also ist nicht
für die Religion zu registrieren, geschweige als das religiöse Gefühl zu
bestimmen; denn sie muß schon vorher als sittliche Vorbedingung der
Kunst anerkannt und gebucht sein. Und es handelt sich bei ihrer
Würdigung lediglich um eine Abrechnung zwischen der =stofflichen
Voraussetzung= der Sittlichkeit und dem Inhaltsergebnis des ästhetischen
Gefühls. Dem ästhetischen Gefühl wird seine Eigenheit und seine Würde
genommen, wenn man die Rührung auch auf das religiöse Bewußtsein
überträgt und gleichsam verteilt, während sie diesem ja auch nur erst
indirekt zukommt, da sie ihm durch die sittliche Tätigkeit zuerteilt
werden muß.
Wie steht es doch nun aber mit der psychologischen Tatsache der
religiösen Ergriffenheit, die wir als Rührung empfinden und erkennen?
Ist sie nicht eben unwiderleglich ein Gefühl? Und schafft sie nicht
einen eigenartigen =Inhalt=? =Alle methodischen Grenzen= unserer
philosophischen Systematik werden durch diese Frage in Frage gestellt.
Denn nicht allein die Grenzen der Ästhetik, sondern auch die der Ethik
werden durch diese Frage verschoben. Und dennoch ist die Frage
unabwendlich. Denn die Ergriffenheit des religiösen Bewußtseins ist eine
=psychologische= Tatsache, die nach einer =systematischen= Deutung
verlangt.
23. Bedenken wir, daß weder Gott allein, noch Mensch allein, der eigene
Inhalt des religiösen Bewußtseins ist, sondern vielmehr der Mensch =in
Korrelation= mit Gott, das ist als =Individuum=. Und diese Erkenntnis --
wenn man die hier entstehende Bewußtseinsart nach Analogie so nennen
darf -- wird am Menschen, als Individuum, gewonnen, nicht in seiner
Glorie, insofern ihn Gott mit Ehre und Pracht umgeben hat und nur wenig
von der Gottheit ihm mangeln ließ, sondern die Dornenkrone ist sein
Strahlenkranz, durch den er als der Mensch der Religion zur Entdeckung
kommt. Das Leiden des Menschen ist der Charakter des Individuums.
=Und aus dem Leiden entsteht das Mitleid.= Der Mensch hätte das Mitleid
nicht, wenn ihm nicht das Leiden des Individuums aufginge; wie er es
denn auch in sich ertötet, sofern er über das Leiden des Menschen
hinwegsieht. =So ist das Mitleid die Eigenart des religiösen Bewußtseins=,
die dem =Gefühle= verwandt ist, aber doch unvergleichbar mit ihm, und zwar
nach =beiden= Seiten.
24. Das ästhetische Gefühl hat eine eigene =Schöpferkraft=. Und das
religiöse Mitleid entbehrt aller Bildlichkeit und verzichtet auf sie:
=sein Gebild= dagegen ist das lebendige Wesen der menschlichen =Seele=, der
Mensch, =nicht als ein Typus=, nicht als ein =Begriff=, weder der Mehrheit,
noch der Allheit, sondern eben das Individuum, das keine Zuordnung,
sondern lediglich =Korrelation= mit dem anderen Begriffe, mit dem Gottes
hat.
25. Dieses Mitleid hat den Charakter einer =Unendlichkeit=. Es ist
Menschenkraft, Urkraft des Menschenwesens. Es kann sich niemals
erschöpfen, und es kann niemals befriedigt werden. =Es ist unendliche
Kraft, daher unendliches Verlangen.= Mit dem Mitleid entsteht der Mensch,
erhebt der Mensch sich über die Not des Leides, wie über das Niveau, in
dem nur der =Schmerz= herrscht. Das Leiden ist der Schmerz der Seele, der
daher das Mitleid zum Gefolge hat. Schon animalisch verrät es sich, daß
die Menschenkraft =abstirbt=, wenn das Mitleid sich =abstumpft=. Alle
Rührung hat ihre Schwungkraft in dieser Wurzelkraft des Menschen, auf
der die Individualität des Menschen in seinem Selbstgefühle beruht, wie
in diesem seinem Mitleid am Leiden der Mensch überhaupt, der Mensch als
Individuum, der Mensch =als Kind Gottes= erkennbar wird.
26. So führt das Mitleid mit dem Menschen zu dem anderen Gliede der
Korrelation, zu Gott. Denn was Mitleid ist dem Menschen gegenüber,
dieselbe Leidenschaft zu Gott nennen wir mit einem anderen Ausdrucke,
der der ästhetischen Analogie angehört, mit dem Terminus der Lyrik:
=Sehnsucht=. Das Mitleid mit dem Menschen ist andererseits die Sehnsucht
nach Gott. In dieser Urkraft der Religion sind die =Psalmendichter= ihre
Schöpfer. Und wiederum ist es das =Individuum=, das ebenso in der
Sehnsucht sich erzeugt, wie im Mitleid. Und wiederum ist es die Liebe,
die auch hier die Analogie mit dem ästhetischen Gefühle begründet. Aber
während die Menschenliebe sich im Mitleide bestimmt hat, ist die Liebe
zu Gott, als Sehnsucht, als Verlangen der Seele, als =Bedürftigkeit= des
Individuums, die durch Gott allein befriedigt wird, religiös bestimmt,
und von der Lyrik und ihrem Bekenntnis der Liebe unterschieden.
27. Denn diese Sehnsucht entspringt nicht aus dem Mitleide des Liebenden
=mit sich selbst=, der die =Gegenliebe= sucht, sondern umgekehrt ist sie
gleichsam die =Antwort= auf das Mitleid, welches von der =Gegenseele=
erweckt wird, und welches nunmehr in der eigenen Seele =widerstrahlt= in
der Richtung auf =Gott=. Ohne das Mitleid entsteht der Strahl auf Gott hin
nicht. =Die Sehnsucht nach Gott ist erst die Antwort auf das Mitleid; ist
das Zeugnis von ihm.=