=innerhalb= der Ethik selbst vollzieht sich diese =Erweiterung= des
Problems und seine Lösung. Nicht die Ethik geht hier über in die
Religion, sondern bei der Erweiterung ihrer Probleme, bei der =Ergänzung
des Menschenbegriffs und seines sittlichen Selbstbewußtseins=, daher
auch der Anwendbarkeit seines ethischen Grundgesetzes, =erweitert sich
der Umfang der Ethik mit dem Inhalt der Religion=. Wir werden alsbald
diese Erweiterung und Ergänzung auch für den =andern= Grundbegriff der
Religion im ursprünglichen Material der Ethik zu verfolgen haben.
53. Wir wissen, =die Eigenart der Religion soll nicht ihre Unabhängigkeit
von der Ethik bedeuten=. Wie kann nun der Übergang von dem
Menschenbegriff der Ethik zu dem der Religion diese Eigenart begründen,
die demgemäß auch die =religiöse Eigenart des Menschenbegriffs= bedeutet?
Machen wir uns klar, was dem Menschen auf seiten der Ethik übrigbleibt,
um sich von dem Bewußtsein seiner Sündhaftigkeit zu befreien. Offenbar
nichts anderes, als was die =Autonomie= immer zu leisten und zu
gewährleisten hat. Nun besteht aber darin gerade die Klage des
Individuums, daß es mit aller seiner ethischen Anstrengung über dieses
Selbstbewußtsein seiner Gebrechlichkeit sich nicht zu erheben vermag.
Freilich bleibt es dabei, daß die ethische Arbeit unter der Wacht und
Zucht der Autonomie nicht unterbrochen, geschweige abgebrochen werden
darf; =unaufhörlich muß das Selbst die Aufgabe bleiben=, welche die
Aufgabe des =Sittengesetzes= in sich enthält. Zugleich aber gilt es, die
nicht niederzuschlagende Einsicht zu befriedigen, daß alle diese
sittliche Arbeit Stückwerk bleiben muß bei der Sündhaftigkeit, welche
das Individuum im Grunde seines Wesens erkennt.
54. Wir stehen hier vor einem alten Kreuzwege der religiösen Parole.
Beachten wir genau, wie wir hier unseren Weg nehmen. Wir sagen
keineswegs schlechthin, der Mensch sei böse seinem Wesen, seinem
Grundtriebe nach. Auch bei =Kant= habe ich vor langer Zeit die Bedeutung,
die er dem =radikalen Bösen= gab, gänzlich nach seinem Wortlaut bestimmt
und eingeschränkt auf die »=Verkehrung der Prinzipien=«. Hiernach ist der
=Pessimismus=, der immer nur die Rachsucht oder die Selbstsucht, wenn auch
nur in der Form des Mitleids, als die Triebfeder des Menschen anerkennen
will, das eigentliche radikale Böse. Mithin ist radikal vielmehr im
Menschen das Gute, das jedoch in das Schlechte entstellt und umgedeutet
wird. So ist das Bewußtsein der Sündhaftigkeit des Menschen durchaus
nicht gleichbedeutend mit der Schlechtigkeit seines Wesens. Vielmehr
zeugt das Bewußtsein der Sünde gegen die Schlechtigkeit und für die
Wacht des Guten. Trotz alledem aber gehört es mit in diese unaufhörliche
Kontrolle, daß der Mensch seine Pflege und Wartung der Autonomie als
unzulänglich erkennen darf, erkennen muß.
So wird die Homogeneität des Übergangs immer genauer. Die sittliche
Arbeit darf niemals aufhören; ebensowenig aber auch der Kontrollgedanke,
daß nur ein neuer Weg, ein =neues Ziel= von dem Bewußtsein der
Sündhaftigkeit befreien kann; welches Bewußtsein ebenso unaufhörlich
bleiben muß.
55. Das Eigentümliche der Religion haben wir allgemein erkannt in der
=Korrelation von Mensch und Gott=. So sehen wir nun hier, daß gemäß dem
neuen Menschenbegriffe, der sich beim ersten Schritte der Religion
erhebt, =auch ein neuer Gottesbegriff= entstehen muß; sicherlich ein
solcher, der den der Ethik nicht verletzen darf; der mit diesem vielmehr
immer in Einklang bleiben muß: ihn aber erweitert und ergänzt.
In welcher Bedeutung haben wir den Gottesbegriff in unsere Ethik
aufgenommen? Schon diese Aufnahme ist eine Neuerung, durch welche die
Scheidung zwischen Ethik und Religion aufgehoben, oder, wie wir nunmehr
die These berichtigen, =als Scheidung aufgehoben, aber als Unterscheidung
festgehalten werden soll=.
Wir haben schon betrachtet, in welcher fundamentalen Bedeutung für den
=Ewigkeitswert der Realisierung des Sittlichen= die Ethik der Gottesidee
bedarf. Gott muß die Natur erhalten, damit dem =Sein= der Sittlichkeit
das =Dasein= nicht entzogen werde. Diese Realität Gottes entspricht der
Realität des Menschen, als =Menschheit=. Damit Menschheit wirken könne,
gemäß der =Ewigkeit des Ideals=, dazu bedarf die Ethik der Gottesidee.
=Die Korrelation bedeutet hier die von Gott und Menschheit.= Und es wird
die Frage sein: ob diese Korrelation ausschließlich der Ethik gerecht
wird, oder ob sie auch dem Überschritt in die Religion gerecht bleibt.
Vielmehr aber ist die Frage gelöst, wenn sie gestellt wird. Bisher
haben wir für die Eigenart der Religion nur als Individuum den
Menschen betrachtet, nicht aber als Menschheit. =Die Harmonie von
Ethik und Religion wird eintreten, wenn auch die Religion auf die
Menschheit bezogen wird=, und zwar ohne daß dadurch die volle
=Individualitätsbedeutung= des Menschen verkürzt wird.
56. Es besteht ja keine Kluft zwischen dem Individuum und der
Menschheit. Vielmehr unterhalten die =relativen Gemeinschaften=, die die
Mehrheit vertreten, wie die der =Familie= und des =Stammes=, die Verbindung
zwischen den beiden äußersten Gliedern aufrecht. Und Gott muß auch für
diese relativen Mehrheiten einstehen, in denen das Individuum die
Korrelation zu ihm eingeht. So wird die Korrelation zwischen Gott und
dem Individuum, auch die zwischen der Mehrheit und Gott angebahnt; der
Mehrheit aber gehört auch das Individuum an.
57. Wenn nun das Individuum sich in seiner Sündhaftigkeit erkennt, so
sagt der Mythos: =weh mir, ich bin aus Tantalus' Geschlecht=. Diesem
Aberglauben, der freilich an empirischer Beweiskraft mehr gewonnen als
verloren hat, tritt dennoch die =Religion= entgegen. Nicht der Väter wegen
leiden die Söhne: =ein jeder stirbt in seiner eigenen Sünde=. Aber mit
dieser Korrektur läßt es die Religion nicht bewenden. Sie schreitet zur
positiven Formulierung: =die Seele sündigt=. Die Seele, das ist die
sittliche Person, die, als solche, ihre Sünde erkennt, als solche, die
Sünde sich zurechnet.
58. Was könnte hiergegen der Gott der Allheit helfen, wo sogar der Gott
der Mehrheit vom Übel ist? Hier gilt es vielmehr, die Einheit des
Menschen nicht als Einzelheit in der Herde, in der statistischen Gruppe
der Mehrheit zu erkennen. Hier könnte man versucht werden, die
Einzigkeit Gottes zu imitieren, und die Einheit des Menschen ebenfalls
als Einzigkeit festzunehmen. Denn um diese =Einzigkeit= handelt es sich in
der sittlichen Arbeit. Was andere Leute tun, und ob sie eine moralische
Durchschnittsgruppe bilden, diese statistische Einsicht kann sehr
wertvoll werden; sie ist aber wertlos der Individualität des sündhaften
Menschen gegenüber. Daß alle Kreter Lügner seien, kann das kretensische
Individuum in seiner sittlichen Arbeit nicht behelligen. Der Mensch, der
sich in seiner Einheit, mithin als Seele und Geist, seiner selbst bewußt
ist, erkennt sich nur in seiner Einzigkeit; wie auch bei Gott diese den
Sinn der Einheit ausfüllt. Was leistet nun der einzige Gott dem einzigen
Menschen? Auch in der =Einzigkeit= vollzieht sich die Korrelation von
Mensch und Gott.
59. =Die Einzigkeit aber fällt ganz aus dem Rahmen der Ethik heraus.=
=Hier muß der Überschritt zur Religion eintreten.= Der einzige Gott
vollzieht damit eine neue Bedeutung seiner Einzigkeit: er ist einzig für
den Menschen, =sofern dieser als ein einziger gedacht werden muß=. In
einem synagogalen Gedichte =Jehuda Halewis= findet sich dieser
pantheistische Bezug zwischen Gott und Mensch in der Einzigkeit. Dafür
hat die Religion zu sorgen; deshalb wird der Überschritt zu ihr
unternommen: daß sie dem Individuum, =als solchem=, nicht nur kraft der
Allheit, Hilfe bringt. Der Mensch ist einzig; dies bedeutet =vornehmlich
seine ethische Suffizienz=, die in seiner Individualität sich abschließt.
Ich darf ihn nicht unter dem Gesichtspunkte der Mehrheit allein
betrachten. Und wenn ich ihn unter die Allheit stelle, so führe ich ihn
damit ein in die Triumphbahn seiner Einzigkeit.
60. Aber die Einzigkeit des Individuums bedeutet =ferner= auch seine
=Isoliertheit= und seine =Einsamkeit=, die nicht lediglich aus seiner
Mehrheit herstammt, die etwa ihn im Stiche ließe oder sonstwie seiner
Selbstheit sich widersetzte. Die Einsamkeit kommt jetzt über ihn aus der
Erkenntnis seiner ihn vor sich selbst isolierenden =Sünde=: was hülfe es
ihm da, wenn er sich beschwichtigen wollte damit, daß andere nicht
besser seien, und daß sie ihn verführt haben: dürfen andere die Urheber
seiner Handlungen, seines sittlichen Verhaltens sein? Er =muß= sich also
isoliert denken, sofern er sich sündhaft denkt.
Und nun entsteht die Frage: ob =der einzige Gott= etwa nur für die Allheit
Sorge trägt, oder aber ob er seine Einzigkeit auch da bewährt, =wo der
Mensch= in einer ethischen Bedeutung =sich selbst Einzigkeit= zuerkennen
muß. =Diese Frage aber richtet sich nicht mehr an die Ethik=, von der sie
auch oft genug abgelehnt wird, insofern sie nur in Allheit und Mehrheit
den Menschen kennen will. =Die Sünde indessen ist nur individuell.= Eine
Massensünde ist Krankheit.
Und die Frage richtet sich gar nicht auf eine einzelne Station im Leben
des Menschen, sondern gleichsam auf sein ganzes Menschenleben. Wenn
anders nun diese Frage ethisch berechtigt ist, die ethischen Mittel aber
versagen, auch der Gott der Ethik versagt, sie zu lösen: wird alsdann
=ein neuer Gottesbegriff= zu fordern sein =für den neuen Menschenbegriff
des sündigen Individuums=?
61. Hier stehen wir vor der =Scheidelinie= nicht sowohl zwischen Religion
und Ethik, als vielmehr =zwischen Religion und Polytheismus=. Denn nicht
nur der Mythos nährt sich aus diesem Urgrunde, sondern auch der
=Opferkultus= begründet sich in ihm. Wie kann Gott dem Individuum helfen,
das sich seiner Sünde bewußt wird? Wie anders als durch die =Vergebung=.
Diese aber muß herbeigeführt werden durch Opfer und Bittflehen. Das
Opfer versöhnt sogar nicht nur den neidischen, sondern auch den gnädigen
Gott. Dieser durch Opfer für das Individuum zu gewinnende Gott ist
jedoch =nicht= der Gott der Religion.
62. Der Widerspruch des Opferwesens gegen die Religion beruht in der
=Zweideutigkeit=, als ob Gott durch irgend etwas anderes zur Befreiung des
Menschen von seinem Sündenbewußtsein bewogen werden könnte, es sei denn
durch die sittliche Arbeit des Menschen selbst. Aber wenn und sofern
diese in =unaufhörlichem Vollzuge bleibt=, so bleibt auch die Forderung
wach, daß Befreiung, =Erlösung= ihm zuteil werde, obschon er diese sich
nicht selbst zu erringen vermag. =Das ist das Neue in der Leistung
Gottes: die Erlösung des Individuums.=
Und diese Erlösung beruht auf =zwei= Bedingungen, die einander
auszuschließen scheinen. Die =eine= ist: der Mensch kann sich durch alle
seine sittliche Arbeit nicht selbst von dem Selbstbewußtsein der Sünde
erlösen. Und die =andere=: Gott allein kann ebensowenig diese Erlösung
bewirken. Der =Widerspruch= hebt sich nicht in der =allgemeinen=
Vermittlung von Gott und Mensch auf, so daß beide Begriffe in ihrem
=Zusammenwirken= die Erlösung zur Folge hätten, sondern in der
=abgestuften= Weise vollzieht sich die Ausgleichung: die sittliche
Arbeit des Menschen bleibt die unerläßliche, die unaufhörliche
Voraussetzung. Und bei dieser menschlichen Arbeit kann Gott keineswegs
mitwirken; wie könnte Gott in =Gemeinschaft= treten mit dem Menschen? So
wenig die Erlösung ein =Gnadengeschenk= Gottes sein kann, ebensowenig
kann sie das Produkt seiner =Mitwirkung= bei der sittlichen Arbeit sein,
über die das Wesen Gottes hinausliegt. Aller =Pantheismus= und alle
Ausgleichung und Nivellierung des Gegensatzes zwischen Gott und Mensch
darf hier nicht in Versuch genommen werden.
63. Während der Mensch bei der =Korrelation=, die unsere Aufgabe jetzt
bildet, =nur als tätiger Faktor= gedacht wird, =wird Gott dagegen als das
Ziel gedacht=, auf welches die eigene sittliche Arbeit des Menschen hin
gerichtet wird. So bleibt das Ziel zwar noch der sittlichen Arbeit
angehörig; man könnte sogar von einem Faktor sprechen, den das Ziel
bildet; =aber das Ziel ist nicht mit dem Faktor identisch zu machen=. Alle
Aktivität liegt beim Menschen, dem sie nicht erlassen, kaum erleichtert
werden kann. Aber der =Erfolg= dieser sittlichen Arbeit, der, als ein
innerer, den Begriff der =Handlung= erfüllender, gedacht werden muß, hängt
doch nicht ausschließlich von dem Menschen und seiner Arbeit ab.
So muß, so kann allein die Korrelation von Mensch und Gott hier
aushelfen, wo Gott erdacht wird, aber nicht anders als in der
Korrelation zum Menschen; wo er also bei dem Problem der Erlösung nicht
als ein ebenbürtiger Faktor mitwirken kann. In sittlicher Tätigkeit, in
der =Verwirklichung= des Sittlichen, steht der Mensch allein da. Der Gott,
der in dieser Verwirklichung, in dieser Befreiung dem Menschen helfen
soll, kann und darf den Menschen nicht von seiner Menschenwürde ablösen;
dies geschähe aber, wenn er von der Gewissensarbeit entbunden oder sie
ihm auch nur erleichtert werden könnte. Gott macht dem Menschen seine
eigene Gewissensqual nicht überflüssig; er stellt sich ihm nicht zur
Seite und hilft ihm nicht bei dem Geschäfte der Reue und der Buße.
=Aber diese hat zur Voraussetzung, daß ein Gott da sei, auf den die
Korrelation in dieser Form der Sünde sich richtet=; und der die
Korrelation zu dem =neuen= Sinne bringt, daß die Befreiung, die der Mensch
selbst nicht vollbringen kann, =in dieser neuen Korrelation zu Gott= in
Vollzug trete. =Der neue Sinn Gottes entspricht dem neuen Begriffe des
sündigen Menschen.= Und dazu entsteht zuvörderst die Korrelation des zur
=Seligkeit= befreiten Menschen.
64. Das =ist= der neue Gott, =der Gott der Religion, im Unterschiede von
dem Gotte der Menschheit in der Ethik=. Die Erlösung befreit von der
Sünde. Und im Hinblick auf diesen Gott der Erlösung breitet der Mensch
die Sündenfülle seines Herzens vor sich aus, weil dieser Hinblick ihm
zugleich die Gewißheit bringt, daß diese seine sittliche Bußarbeit nicht
verlorene Liebesmühe sei, sondern daß sie das Ziel erreichen kann, das
ihr ohne Gott unerreichbar bliebe. Der Mensch bleibt in der Arbeit, aber
Gott, =der an dieser Arbeit selbst nicht teilnimmt=, wird als das
Wahrzeichen gedacht, das die Befreiung von der Sünde bewirkt.
65. Wie der Begriff des =Menschen= eine andere Bedeutung erlangt hat als
in der Ethik, so auch der Begriff =Gottes=. Aber wie der religiöse Begriff
des Menschen trotz der Differenz zwischen Individuum und Menschheit, und
trotz der Differenz zwischen unaufhörlicher sittlicher Arbeit und dem
Ziel der Befreiung von der Angst des Gewissens, dennoch in der
=selbständig bleibenden= sittlichen Arbeit auch bei dieser Befreiung in
Zusammenhang mit der Aufgabe der Sittlichkeit verbleibt, so verhält es
sich auch mit Gott. Wie er in der Ethik für die Menschheit die
Verwirklichung des Guten gewährleistet, so leistet er auch in der
Religion diese Verwirklichung am Individuum. In der Ethik umstrahlt Gott
die Menschheit mit der Zuversicht der Sittlichkeit auf Erden; in der
Religion das Individuum mit der Zuversicht seiner persönlichen Befreiung
von Schuld und Sühne, seiner =Wiederherstellung= zur Aufgabe der
sittlichen Freiheit. Auch hier behauptet sich die =Gleichartigkeit der
Idee= für die Ethik und für die Religion.
66. Man wird doch nicht etwa den schalen Gedanken einwenden, daß diese
Gleichartigkeit nur eine Illusion bleibe, während der sittliche Mensch
dieses Durchgangs durch das Bewußtsein der Sünde =gar nicht bedürfte=.
Es ist ein schwerer Fehler der modernen Kultur, daß sie die Argumente
der Religion als veraltet und als geschichtliches Material der
Mythologie ansieht. Die Reaktion auf diese Vorurteile einseitiger
Bildung zeigt sich alsbald sogar im engeren Betriebe der Philosophie.
Der =Pessimismus=, dieses Hemmnis wahrhafter Ethik, hätte nicht so um
sich greifen und in Schwärmerei und Obskurantismus ausarten können, wenn
die religiöse Spekulation innerhalb ihrer ethischen Grenzen nach ihrer
wissenschaftlichen Bedeutung anerkannt würde. =Die Sünde ist ein Ferment
der Sittlichkeit=, und das Sündenstadium des =Individuums= daher ein
unentsetzbares Glied in der Begriffskette des sittlichen Menschen. Und
ebenso ist der =Gott der Vergebung=, der =Erlösung= und der =Versöhnung=
nicht etwa ein Mythos, sondern, wie er eine notwendige Ergänzung zum
Gotte der Ethik bildet, so ermöglicht er auch jene befreiende Arbeit des
Individuums, die ohne das Ziel der Gnade den =Sinn ihres Weges= verlöre.
67. Die =Gnade= ist schlechthin der Sinn der Bußarbeit des Gewissens. Die
Korrelation tritt in Wirksamkeit. Die Sündigkeit des Individuums wäre
ein Hirngespinnst, wenn nicht in Gott als ihr Ziel die Vergebung
aufleuchtete. Die Korrelation von Gott und Mensch, wie sie sich hier
fortsetzt, vollzieht diese logische Konsequenz der Begriffe. =Ohne die
Vergebung hätte die Buße keinen Sinn; und ohne die Buße könnte Gott
nicht zum Gotte des Individuums werden.=
Überlegen wir es noch einmal: ohne die Vergebung hätte die Buße keinen
Sinn. Könnte der Ethiker etwa diesem Satze seine Zustimmung versagen?
Wenn anders er den Gang des Individuums in das Labyrinth des Gewissens
mitgeht, muß er den Ariadnefaden festhalten; der Mensch darf nicht im
Labyrinthe bleiben. Kann er sich aber etwa dem Gange ins Labyrinth
versagen? Sofern die =Tugendwege= dem Gebiete der Ethik angehören, muß
diese Nachsicht mit den Schwächen und mit der Schwachheit des
Individuums eine Rücksicht der =Ethik= sein. =Hier aber steht sie an ihrer
Grenze, an der sie in die Religion übergeht.= Und hier erfordert es die
genaue Grenzbestimmung, daß die Religion mit ihrer =Eigenart= eintritt;
mit ihrer Eigenart, aber in ihrer =Gleichartigkeit= mit der sittlichen
Arbeit und mit den sittlichen Zielen.
68. =Hier scheidet sich nun aber im Begriffe der Religion das Judentum
vom Christentum.=
Denn im reinen Monotheismus des Judentums hat der Gott der Gnade und der
Vergebung =nur= diese Bedeutung: das =Ziel=, den =Erfolg=, den =Sieg= der
sittlichen Selbstarbeit des Menschen zu verbürgen. So steht die
Korrelation hier in klarer Gliederung: hier der Mensch, das Individuum
in seiner Isoliertheit, und dort Gott in seiner Einzigkeit. =Die
Transzendenz Gottes bedeutet die Suffizienz des Menschen für die
Behauptung seines Menschentums.= In der selbständigen Sittlichkeit des
Menschen beruht diese Suffizienz: die nur erfüllt, nicht eingeschränkt
wird durch das Ziel, auf das, wie jede menschliche Tätigkeit, so auch
diese, hingerichtet sein muß.
Das Christentum dagegen nimmt an der Zweideutigkeit des Pantheismus teil
und =läßt schon an der sittlichen Arbeit selbst den Gott im Menschen
teilnehmen=. Die getrennten Kompetenzen fließen dadurch ineinander, und
die Begriffe schränken einander ein. Nicht allein der Begriff Gottes
verliert dadurch seine Transzendenz und Eindeutigkeit, sondern auch der
ethische Begriff des Menschen wird an diesem Grenzpunkte von Ethik und
Religion ungenau, insofern die Kompetenz seiner sittlichen Arbeit
beeinträchtigt wird.
Sie wird auch beeinträchtigt, wenn ihr selbst in irgendeiner
=Vermenschlichung Gottes= zugleich die Kompetenz der Erlösung zuerteilt
wird, während sie eben nur als Kompetenz der Arbeit und zwar der
Suffizienz zu derselben sich darstellt. Der Mensch in der Idee seiner
Individualität hat nur das Schweben auf der Stufenleiter von Sünde und
Befreiung als seine Würde zu erkennen. In ihm selbst darf keine Kraft
liegen, die ihn über dieses Schweben hinweghebt.
=Erlösung und Befreiung müssen unterschieden werden.= Die Arbeit der
Befreiung allein liegt dem Menschen ob; seinem Wesen, seinem Berufe,
seinem Begriffe fern jedoch liegt das Resultat der Befreiung: die
Erlösung. =Sie allein steht bei Gott. Und nur bei Gott allein steht die
Erlösung.= Für sie ist die Befreiung nur die notwendige Voraussetzung,
nicht aber eine homogene Mitwirkung. =Mensch und Gott bleiben geschieden,
wie Streben und Gelingen=, wie Kampf und Siegespreis. Wie der reine
Monotheismus die wahre Befreiung lehrt, so auch die wahre Erlösung. Die
Religion verbindet beide Momente, aber sie erhält aufrecht ihren
Unterschied.
69. Indessen nähert sich der moderne =Protestantismus= offenbar diesem
reinen Monotheismus. Der pantheistische Doppelsinn, der die =zweite=
Person der Gottheit umschleiert, wird allmählich abgestreift, und die
menschliche Person =Christi= wird für die lebendige Arbeit der Religion in
den Mittelpunkt gestellt. Daher auf der einen Seite das Bestreben, die
=Geschichtlichkeit Jesu= zu retten, andererseits aber seine =ideale=
Bedeutung für das religiöse Leben des =Individuums= von jener Frage der
Geschichtlichkeit =unabhängig= zu machen. =Wenn die sittliche Arbeit= mit
Ernst und Wahrhaftigkeit durchgedacht wird, =so kann das Vorbild Christi
gar nicht bestehen bleiben=. Man muß auf die =Mystik= zurückkommen, die
=Luther= in dem Satze ausgesprochen hat: Christus ist dir Gott, =wie du
deinem Nächsten ein Christus sein sollst=.
Und für das religiöse Selbstbewußtsein, sein Kämpfen und sein Ringen
bleibt Christus nicht als geschichtlicher Christus ein sachliches
Vorbild, sondern vielmehr nur das =Vorbild des eigenen Selbst=. Dieses
Vorbild des menschlichen Individuums darf kein Schattenbild sein; aber
es verliert den Wert des sittlichen Ideals, wenn es ein empirisches
Geschichtsbild würde. Es darf schlechterdings =nur das Ideal des Menschen=
sein, und zwar nicht das der Menschheit in seiner geschichtlichen
Universalität, sondern das des Individuums in dem Bewußtsein seiner
Isoliertheit, seiner Bedürftigkeit, seiner Gebrechlichkeit; zugleich
aber auch seiner Würdigkeit zur Erlösung.
Dieses Idealbild des menschlichen Individuums ist nicht das
Schreckgespenst seiner Verzweiflung, sondern das Heldenbild seines
Ringens über seine menschlichen Grenzen hinaus, aber verklärt durch die
=Zuversicht= der Erlösung, die ihm von jenseits dieser Grenzen der
Menschheit entgegenleuchtet: die Zuversicht von einem Gotte der Gnade
und der Erlösung; von einem Gotte, der kein Mensch ist, der aber dem
sündigen Menschen die Hand reicht: der die Korrelation mit dem
menschlichen Individuum eingeht.
Jetzt ist das Tor zur Religion weit geöffnet, und doch werden wir sehen,
daß die =Homogeneität= mit der Ethik bestehen bleibt und wachsam erhalten
werden muß: da es immerfort wieder fraglich werden kann, ob nunmehr nur
Religion, oder doch vielmehr nur die alte Ethik den neuen Anbau bildet.
70. Wenn nun der Mensch in seiner Bußarbeit sich selbst als den Urheber
seiner Sünde erkennen muß, so erschöpft sich diese Bußarbeit nicht in
der Zergliederung seiner Sünden und in der Zerknirschung darüber, so daß
dieser entgegen nur noch die Gnade zu winken hätte, sondern es gehört zu
dem sittlichen Charakter dieser Buße, daß der Mensch über diesen seinen
Charakter als Urheber seiner Handlungen in tiefes Nachdenken eintritt.
Seines eigenen Charakters wegen muß der Mensch daher die Frage an sich
stellen, =wie er dazu kommen kann, der Urheber einer unsittlichen
Handlung zu werden=. Wird ihm dieses Dunkel nicht entschleiert, so bleibt
ihm für sein eigenes Wesen nur das Schreckbild eines radikalen Bösen
übrig. Dann würde aber die Korrelation hinfällig. Das würde sie, wenn
die Gnade einem Unwürdigen von Gott zuerteilt würde und nicht einem
kraft der Menschenwürde auch des Gottes und seiner Gabe Würdigen.