32. Und an der =Grenze der Naturerkenntnis= entsteht daher für die

Möglichkeit der =Geisteswissenschaften= und für die Möglichkeit der

=Ethik=, die gleichsam deren Logik ist, die Frage: =Welches Verhältnis

besteht zwischen dem Sein Gottes und dem Dasein der Natur?= Wenn die

Frage lautet: Welches Verhältnis besteht zwischen dem Sein Gottes und

dem =Sein= der Natur, so vollzieht sich in ihr nur die allgemeine Frage

des =Begriffs= in bezug auf seine =Gliederung= bei Gott und bei der

Natur. Wenn dagegen die Frage lautet: Welches Verhältnis besteht

zwischen dem Sein Gottes und dem =Dasein= der Natur, so handelt es sich

nicht mehr allgemein um die Logik des Begriffs, sondern es vollzieht

sich dann eine Zwecksetzung. Der Sinn der Frage ist alsdann: =Welchen

Zweck hat Gott für das Dasein der Natur?= Oder auch: =Welchen Zweck hat

das Dasein der Natur für Gott?= In beiden Fällen vollzieht der Zweck

eine =Idee=; die Idee Gottes, die Idee des Menschen; oder genauer: =der

Zweck vollzieht sich in einer Idee=. In der logischen Tätigkeit besteht

die Identität zwischen Zweck und Idee.

So sehen wir, wie sich die =Abhängigkeit= der Religion von der Logik im

Problem der =Erhaltung= zugleich auch nach der umgekehrten Seite in die

=Selbständigkeit= verwandelt, welche durch die Leitung der Frage die

Religion gewinnt. Hier aber bewegen wir uns schon an der Grenze zwischen

Logik und Ethik, wie denn das ganze Gebiet der =Idee= ein solches

Grenzgebiet ist. Damit aber erkennen wir, daß der eigentliche Gehalt

dieser Frage die =Ethik= voraussetzt.

33. Für die Abhängigkeit der Religion von der Ethik hatten wir

vornehmlich auf den Begriff, oder wie wir jetzt sagen können, auf die

Idee des Menschen Bezug genommen. =Aller Inhalt der Ethik ist der Mensch

und sein Zubehör.= Es entsteht aber die Frage nach den Grenzen dieses

Zubehörs: Gehört vielleicht =Gott= auch zu diesem Zubehör des Menschen?

In dem Grundbegriffe der =Transzendenz= bei =Platon=, aus dem von

=Aristoteles= ab der Begriff des =Absoluten= entstanden ist, erkannten wir

schon die =Entstehung der Gottesidee in der Ethik=. Und wir betrachteten

schon, wie es gekommen sein mag, daß die Eingliederung Gottes in den

Begriffsgehalt der Ethik nicht festgehalten wurde; wir betrachteten

hierbei die Komplikation mit der =Metaphysik=.

34. In der neueren Zeit aber empfahl sich diese Eingliederung aus dem

Grundgedanken der =kritischen= Philosophie nicht, sofern diese schon

zwischen Ethik und Logik eine Grenzscheide aufrichtete, und andererseits

auch zwischen Ethik und Metaphysik, indem sie dieser den wichtigsten,

den ethischen Wert ihrer Grundbegriffe abnahm. Es wäre die Gefahr einer

Verdunkelung entstanden, wenn die Gottesidee in den Lehrgehalt der

Ethik aufgenommen worden wäre.

Dennoch aber ist hier eine Unklarheit bei =Kant= unverkennbar. Sie geht

schon zurück auf die Kritik der =reinen= Vernunft, sofern schon in dieser

=die Zweckidee als die Gottesidee= gewürdigt wird; und sie setzt sich fort

in der Kritik der =praktischen= Vernunft, insofern in dieser Gott neben

Freiheit und Unsterblichkeit aufgenommen wird, während andererseits eine

=Religion innerhalb der bloßen Vernunft= selbständig gemacht wird.

Schon die =Koordination= von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, als der

=drei Postulate=, läßt die Unklarheit erkennen, da ja die =Freiheit= kein

Postulat ist, sondern vielmehr das =Grundgesetz= der Ethik. Es blieben

dann nur Gott und Unsterblichkeit übrig, welche entweder beide zusammen

der Ethik zugehören, wodurch aber wiederum das Verhältnis zwischen

Freiheit und Unsterblichkeit unklar wird, oder die Unsterblichkeit

bedeutet nichts anderes als die Freiheit, nämlich =die Idee, als die

Seele des Menschen=. Und dann würden nur Gott und Mensch, als der Inhalt

der Ethik, übrigbleiben. Es bliebe dann aber die Frage, welcher Inhalt

für die »=Religion= innerhalb der bloßen Vernunft« alsdann übrigbleibe?

35. Wir waren bei dem Gedanken stehengeblieben, der die Korrelation, als

=Erhaltung Gottes für die Natur und für den Menschen=, in der Form betraf,

daß wir für die Erhaltung der Natur und des Menschen die Gottesidee, die

=Zweckidee Gottes= forderten. Also nicht allein als das =Absolute= muß Gott

in die Ethik eingegliedert werden, sondern die Grundbedingung der

Korrelation schon fordert den Ausweis: was man mit der Schöpfung will

oder mit der Erhaltung, es wird erst in dieser Zwecksetzung die

Korrelation zwischen Gott und Natur zur Bestimmtheit gebracht.

Aus diesem Gesichtspunkte haben wir die Gottesidee zum =Schlußstein=

unserer Ethik des reinen Willens gemacht. Man fragt nach dem Dasein

Gottes. Bei Gott sollte man nur nach seinem Sein fragen. Aber man darf

nicht aufhören, bei der Natur nach ihrem Dasein zu fragen und ihren

Grund zu verlangen. Nicht ihrer selbst wegen ist die Natur der

Gegenstand meiner ethischen Sorge, sondern um des =Guten= willen: daß es

nicht zu einem frommen Wunsch verwelke, sondern in steter Jugendkraft

blühende Wirklichkeit darstelle. Was würde aus dem Guten werden, wenn

die Natur vernichtet würde, wenn sie nicht =in ihrem fortdauernden=

Bestande den =Daseinsgrund= bildete, auf dem das Gute ewiglich wachsen und

gedeihen kann. Die Korrelation zwischen Gott und Natur bedeutet mithin

=schon in der Ethik die Erhaltung der Natur durch Gott=, die Erhaltung des

=Daseins= der Natur und ihrer unaufhörlichen Wirklichkeit in aller Zukunft

für das =Sein= Gottes.

36. =Gott wird daher in der Idee der Erhaltung der Welt zum Urheber ihrer

unaufhörlichen Wirklichkeit.= Die Idee Gottes bedeutet die =Gewähr=, daß

immerdar Dasein sein werde für die unendliche Fortführung der

Sittlichkeit. Ohne diese Gewähr bliebe die Ethik eine Theorie ohne deren

notwendigen Abschluß, den der Hinweis auf ihre unendliche Praxis bilden

muß. Mit der Gottesidee hört die Ethik also keineswegs auf, Theorie zu

sein; sie gewinnt vielmehr erst ihren Abschluß, ihren Gipfel. Es wäre

verkehrt, wenn man meinte, Gott werde hier nur zu einem praktischen

Hilfsmittel, zu einem Hilfsbegriff für die Praxis. Er bleibt vielmehr

ein Grundbegriff, allerdings nicht für den Beginn der Fundamentierung,

sondern allein für ihre Vollendung; aber diese Vollendung könnte ohne

ihn nicht erfolgen. =So bringt der Gott der Religion eine Bereicherung in

die Ethik, ohne die sie ein Torso bliebe.=

37. Es ist gewiß bedeutsam, wie die =jahvistische= Bearbeitung an dem

allgemeinen Mythos der =Sintflut= sich bewährt hat. Durch die Arche

Noahs werden Menschen und Tiere vor dem Untergange gerettet. Zwar die

Natur wird dadurch noch nicht direkt gegen den Untergang gesichert. Aber

die =Natur= gibt ein =Zeichen=, daß die Sintflut =niemals wiederkomme=.

Und auch für den Zusammenhang zwischen den Lebewesen und der Natur wird

die Sicherung vorgesehen: die =Taube= wird ausgesandt, ob sie Ruhe

findet für ihren Fußball. Übrigens sagt Gott es auch »zu seinem Herzen«,

daß er die Erde, also die Natur nicht wieder verfluchen wolle; Sommer

und Winter sollen unaufhörlich abwechseln, wie Tag und Nacht. Und diese

Gesinnung Gottes bestätigt sich alsdann in dem =Bunde=, den er mit

=Noah=, seinen Söhnen und seinen Nachkommen errichtet: »es soll nicht

alles Fleisch ferner vernichtet werden, und nicht ferner eine Sintflut

sein, zu verderben die Erde«. Der Bund wird sodann erweitert auf »jede

lebendige Seele«. Und der =Regenbogen= wird »zum Zeichen des Bundes

zwischen mir und der Erde«. So begründet der ursprüngliche Monotheismus

die Gottesidee mit dem =ewigen Dasein der Welt= für das Leben, =für die

Seele der Lebewesen=.

38. Wenn nun die Ethik schon für den Abschluß ihres Fundamentes der

Gottesidee bedarf, so kündigt sich darin ein entsprechender =Mangel der

Ethik in ihrem Menschenbegriffe= an, insofern dieser außer Zusammenhang

mit Gott in der Ethik durchgeführt wird. =Was ist der Sinn des

Menschenbegriffs in der Ethik?=

Der =Idealismus= der Ethik beruht auf der =Grundlegung des Menschen=.

Welcher Menschenbegriff eignet sich aber zu solcher Grundlegung? Wir

sahen schon, daß =Platon= das =Individuum= verschmähte, und als =Staat= den

ethischen Menschen konstruierte. Der biologische Mensch, der

soziologische, der empirische überhaupt, sie alle werden der Idee des

Menschen nicht gerecht. Sie sind ihr nicht gewachsen: Ein anderes

Wachstum des Menschen muß die =Grundlegung der ethischen Menschenidee=

bilden. Wir haben sie gefunden, indem wir bereits in der Logik der

reinen Erkenntnis die =Allheit nach ihrem Unterschiede von der Mehrheit

erkannten=.

Das =Individuum= ist im günstigsten Falle ein Exemplar der =Mehrheit=, der

es in =Familie=, =Stand= und =Volk= angehört. Der Mensch aber kann auch nur

ein =echtes= Individuum werden kraft der =Allheit=, die ihm im =Staate=

zuwächst. Er soll sein isoliertes Individuum abstreifen lernen und sein

wahres Selbst in der Allheit finden, die der Staat ihm erschließt. Sein

empirisches Ich, gleichviel, ob es Hemmnis, oder doch etwa Sporn und

Vehikel seines ethischen Berufes ist, er soll es überwinden und sich

emporheben zu der Allheit, die ihm nicht eine leere Abstraktion bleibt,

sondern deren Dasein ihm selbst in den Schritten seiner eigenen

Erhebung, seiner durch ihn sich vollziehenden Verwirklichung der Allheit

lebendig wird. Schon im Pfahldorf beginnt dieses wichtigste Mittel der

Zivilisation. Und alle Kultur bleibt an die Entwicklung des Pfahlbürgers

zum Staatsbürger der Menschheit gebunden.

39. An der Grenze dieses Reichtums aber nagt die Sorge, und läßt den

Mangel offenbar werden. =Was ist der Mensch und was fehlt dem Menschen,

wenn er nur Menschheit ist?= Alle Hoheit, alle Wahrhaftigkeit verleiht

nur die Menschheit dem Menschen, der ohne sie in aller seiner sinnlichen

Realität nur ein Schattenbild wäre. Der Menschheit in seiner Person

unterwirft sich der Mensch, indem er in sich, durch sich, für sich, als

sich das =Sittengesetz= erdenkt. =Die Menschheit gibt seiner Person,

die nur eine Maske ist, den geschichtlichen Grund der Persönlichkeit.=

Die Menschheit offenbart ihm auch im =Nebenmenschen= erst den

=Mitmenschen=. Die Menschheit befreit sein Selbst vom =Egoismus= des

Individuums und von allen Gefahren der Selbstsucht, der Eigenliebe und

des Eigendünkels. Nehmt die Menschheit auf in euren Willen, und ihr

errichtet ihren, euren Weltenthron.

40. So hoch kann und soll der Mensch steigen, und nur in dieser Höhe

steht er auf der sittlich wohlgegründeten Erde. Indessen steht er auch

auf der Erde, ohne daß sie diesen sittlichen Grund ihm immer darböte. Er

ist ein von den Drangsalen der Erde heimgesuchtes Lebewesen, und

sittliche Nöte und Krankheiten bedrohen sein Leben und sein Schicksal.

Die Menschheit bleibt nicht sein eindeutiges Feuerzeichen. Freilich nur

in der Mehrheit der Völker scheint sie sein geschichtliches Verhängnis

zu werden. Die Menschheit in ihrer soziologischen Zweideutigkeit wird

zum =Schicksal=, welches den Menschen erhebt, indem es den Menschen

zermalmt. Und sollte das etwa der Höhepunkt der Ethik werden, daß das

Individuum vergehen muß vor und in der Allheit der Menschheit?

So hat man oft die =reine= Ethik mißverstanden, und dies dürfte im letzten

Grunde der Anstoß sein, den man an der Bekämpfung des =Eudämonismus=

nimmt: daß man die =Vernichtung des Individuums= als die notwendige

Konsequenz dieses Gegensatzes ansieht, =so daß die Ethik der Menschheit

mit der Selbstvernichtungslehre identisch würde=.

41. Diese Konsequenz muß ein Irrtum sein; =sie beruht schlechthin auf dem

Mißverständnis der Idee=. Jede Idee erfordert das =Korrelat ihrer

Erscheinung=. So fordert die Menschheit den Menschen, damit in der

Ewigkeit der Selbstentwicklung der Mensch zur Menschheit sich

emporläutere. So kann es daher gar nicht zu verstehen sein, daß der

Mensch durch die Menschheit zunichte werden könnte; vielmehr soll er

durch sie erst das wahrhafte Leben des ewigen sittlichen Strebens, das

=Leben der Ewigkeit= erlangen und immerdar behaupten.

42. Indessen wenngleich nicht die Vernichtung, die Selbstvernichtung des

Menschen der Sinn der Menschheit ist, so rückt die Menschheit den

Menschen doch in das Licht einer =Vereinsamung= und Isoliertheit, einer

Bedürftigkeit und Gebrechlichkeit, die ihm entgehen würde, wenigstens

seinem Bewußtsein, wenn die Menschheit nicht diese Mängel grell

beleuchtete. Man darf nicht sagen, daß die Einsicht in seine Defekte

dem Menschen gar nichts schade, sondern nur nützlich sei. Das gilt nur,

wenn die Einsicht ihn zur Verbesserung befähigt, und somit ihm zum

Beistand und zum Troste wird. Ohne die Möglichkeit solcher Hilfe würde

die Lage des Menschen vielleicht trostlos werden.

43. Man darf auch nicht sagen, daß der Mensch gar nicht =Mitleid= mit sich

selbst empfinden solle. Er gehe seinen Weg, und sehe, daß er nicht

falle. Das ist alles, was er tun kann. Aber er bleibt am Ende, was er

ist. Und an der Erde Brust sind wir zum Leide da. So darf man den

Menschen zurechtweisen, wenn er über Leiden seines Leibes Klage führt,

die ihn auf der Leiter zur Menschheit hemmen. In allen empirischen

Lebenslagen, den =individuell= biologischen, wie den =geschichtlichen=, ist

das =Mitleid= nur ein Schritt der Entgleisung von der sittlichen Bahn,

während der =Pessimismus= eine solche Verirrung, =Verkehrung des

Zielpunktes= der Menschheit bildet. Es ist nicht nur tragische Poesie,

sondern es liegt schon eine positive Aufklärung über den =Sinn des

individuellen Menschenlebens= in dem Satze: an der Erde Brust sind wir

zum Leide da. =Die Träne fließt, die Erde hat mich wieder. So ist das

Mitleid die Bürgschaft des Erdendaseins.=

44. Dahingegen wird es zu einer statthaften Frage, ob der Mensch etwa

auch durch das Mitleid über seine =sittlichen= Fehler und Mängel sich

=trösten= darf: sie gehörten allesamt zu der =Vielseitigkeit= seines

Wesens, an dem nichts zu ändern wäre, und daher auch nicht an diesen

sittlichen Schwächen; oder aber ob er diese mit dem ganzen Schmerze

seiner Seele empfinden muß, so daß er sich nicht nur zeitweise befleckt,

sondern durchweg verkehrt und von Grund aus =verdorben= erscheinen muß.

=Diese Selbsterkenntnis seiner Schwächen ist die Geburtsstätte der

Religion.=

Schon alles Heidentum hat diesen Urtypus der Religion. Der =Opferkultus=

ist der Ausdruck dieser Unglücksstimmung. Der Mensch ist nicht nur ein

Held, sondern die Sünde lagert =vor= seiner Tür. Das Gleichnis hat

Urkraft. Die Sünde wohnt nicht im Hause des Menschen, wie es der Satz

ausdrückt: der Herzenstrieb des Menschen sei böse von seiner Jugend her.

Nur vor der Tür, vor seinem Labyrinth lagert sie, als ob sie zum

Eintritt in das Menschenhaus einladen und verlocken wollte. So ist es

tatsächlich. Die Sünde ist das größte Reizmittel des Menschen; die

positiven Reize der Tugenden verblassen dagegen. Und die Sünde übermannt

den Menschen, und er verliert durch sie seine Menschenwürde, er wird

von der Menschheit Bahn abgelenkt, und schrumpft zu einem Individuum

zusammen. Sollte man mit diesem Menschenlose kein Mitleid empfinden

dürfen? Sollte das Individuum selbst es sich versagen müssen? Man

bedenke doch: das Individuum klagt nicht darüber, daß es sich auflöst,

sondern darüber, daß es Individuum bleibt, als solches verharrt und des

Aufstiegs zur Menschheit verlustig geht. Das Individuum verlautbart die

Klage des Individuums: sein Bleiben, nicht sein Verschwinden.

45. Wollte man hier nun sagen, daß dem Menschen ja in seinem =Streben zur

Allheit= ein Trost gegeben sei gegen diesen Schmerz des Individuums und

gegen seine Furcht, Individuum bleiben zu müssen, so wäre dies ein

Trost, der einer Wirkung in die Ferne gleichkäme; jetzt aber gilt es die

Wirkung in die Nähe. Betrachten wir diesen Aufstieg vom jetzigen Punkte

aus genauer. Das Individuum fühlt sich von seiner Sünde beschwert. Da

soll ihm nun die Ethik helfen mit ihrem Aufruf zur Allheit. Ist denn

aber das Individuum in diesem Stadium seiner Selbsterkenntnis von seiner

Sünde dieses Aufblicks fähig und zu diesem Aufstieg vorbereitet? Wir

wollen hier einmal durch eine aktuelle Anmerkung die Schwierigkeit zu

beleuchten suchen.

46. In der =Politik= meint man oft, die Selbstsucht des =Individualismus=

überwinden zu können durch die Einhebung des Individuums in die =Allheit

des Staates=. Man erfährt aber alsbald, daß man das Kind mit dem Bade

ausgeschüttet, die Überwindung des Individualismus durch den Verlust des

Individuums gewonnen hat. =Das Individuum überhaupt darf nicht

aufgegeben, nur seine Sündhaftigkeit soll abgestreift werden.= Der =Ethik=

aber ist kein anderes Mittel gegen das Individuum gegeben als die

Allheit, die Erhebung des Individuums zu ihr und seine =Auflösung in sie=.

Die Ethik könnte daher dem Sündenbewußtsein nur dadurch Trost bringen,

daß sie das Individuum zum Verschwinden bringt -- wonach die

Selbsterkenntnis der Sünde auch zu verlangen scheint.

Wenn wir aber bedenken, daß der Übergang zur Allheit einer =Zurüstung=

bedarf, =deren das Individuum in seiner Sündhaftigkeit noch ermangelt=, so

darf ja das Individuum nicht schlechthin verschwinden, sondern es muß

dieser =Vorbereitung= auf die Allheit wegen erhalten bleiben. =Das eben ist

es, was der Antinomie zwischen Individuum und Allheit fehlt, wenn sie

nur durch die politische Allheit zur Auflösung gebracht wird=: es fehlt

alsdann jener =Rest des Individuums=, der als Sauerteig für die Allheit,

für ihre Entwicklung und Durchführung in ihr selbst immer erhalten

bleiben muß. So erweist es sich denn nur als eine oberflächliche

Beschwichtigung, wenn das Individuum in dem Momente seiner

Sündigkeitserkenntnis auf seine =Selbstverwandlung in die Allheit=

hingewiesen wird.

47. Es eröffnet sich hier daher die wichtige Einsicht: =daß der Begriff

des Menschen keineswegs allseitig durch die Ethik bestimmt wird dadurch,

daß das Individuum in die Allheit des Staates und des Staatenbundes der

Menschheit aufgehoben wird=. Dieser Übergang erweist sich als ein Sprung,

als eine Durchbrechung der sittlichen =Stetigkeit=. Die Ethik selbst kann

diesen Übergang nur zum Schlußakkord machen; sie selbst bedarf des

Stillstands an der Station der Sünde. Und die Ethik hat von der =Religion=

gelernt, daß die =Propheten=, besonders =Jeremia= und =Ezechiel=, an der

=Selbsterkenntnis der Sünde das Individuum erst zur Entdeckung brachten=.

Und wenn auch das Individuum schließlich in die Allheit sich aufheben

muß, =so muß es doch auch in der Allheit Individuum bleiben=; zwar ein

solches der Allheit, nicht des Egoismus. Und vollends muß das Individuum

selbst erst zur =Erzeugung= gekommen sein, auf dessen =Entwicklung= es

immerfort ankommt.

Bis dahin also bedarf die Ethik selbst dieses Begriffes und seiner

=Erzeugung=. Aber von der Sünde spannt sie eine =direkte Brücke= zur

staatlichen Allheit. Und jetzt kommt es uns darauf an einzusehen, daß

diese Brücke in der Luft schwebt, daß =sie nicht in der Entwicklung des

Individuums ihre Spannung vollzieht=.

48. Die Einwände, welche besonders von =Wilhelm Herrmann= gegen diesen

Stand in der ethischen Frage erhoben wurden, finden sonach hier in

gewisser Begrenzung ihre Billigung. Stände es wirklich ausnahmslos so,

daß das Individuum seinen Halt nur in der Allheit finden kann, so wäre

es, da es diese Allheit niemals vollständig erreicht, sondern immer nur

im Aufschwung zu ihr sich bewegen und bestehen kann, in der Tat nur ein

Auftakt, keine selbständige Note, der ein höherer Wert des Verweilens

beigelegt werden könnte. Das ist es, worauf jene Einwände hinzielen: daß

der =Wert= des Individuums nur in der Allheit Bestand haben soll, während

diese doch immer nur einen ewigen Übergang zu bedeuten hat. Wiederum

zeige es sich, daß mit dem Individualismus auch der unverlierbare Rest

des Individuums preisgegeben wird. Freilich darf das Individuum keine

isolierte Selbständigkeit im sinnlichen, konkreten Sinne werden.

Freilich darf ihm das Anrecht der =Persönlichkeit= in letzter Instanz nur

immer seine höchste =Aufgabe= bedeuten. Andererseits aber darf die

menschliche Person doch nicht schlechthin in die Menschheit sich

auflösen.

49. Schon die =relativen Gemeinschaften=, welche die Ethik des reinen

Willens ausgezeichnet hat, nehmen den Menschen von der Allheit zurück

und verteilen ihn wieder an die =Mehrheiten=, denen er keineswegs allein

von seinem =biologischen= Ich her angehört. Um das Streben zur Allheit

aufrechtzuerhalten, bedarf das Individuum auch seines =Durchgangs= durch

die vielerlei Mehrheiten, welche die =Kultur= hervorbringt. Und in diesen

relativen Mehrheiten selbst pulsiert, als eine derselben, das

Individuum. Wäre dieses ausschließlich das biologische, und nicht

zugleich das =ethische= Selbst, so wäre der Übergang abgebrochen; denn vom

natürlichen Ich gibt es keine Entwicklung zur ethischen Allheit. Wenn

jedoch es sich herausbringen ließ, daß in dem Individuum der Mehrheit

selbst ein solches ethisches Ringen sich offenbarte, so wäre damit die

=Gleichartigkeit des Übergangs= gewonnen; so wäre es ein =sittliches=

Individuum: das =einerseits von der Allheit ermahnt, zugleich= aber von

den =Mehrheiten=, denen es angehört, =zum Verharren in der Individualität

angespornt= wird.

Denn die Sünde bedarf erst der Vertilgung, das Sündenbewußtsein der

=Versöhnung= mit sich selbst, wenn aus der Mehrheit die Allheit sich soll

entwickeln können. Das Individuum will nicht voreilig über sich selbst

hinausgehoben sein; es will auf seinem Stande aushalten, bis es

gerettet, in der Rettung allein getilgt wird. =Die Bedürftigkeit dieser

Rettung ist es, welche den Standpunkt der Sündenerkenntnis auszeichnet.=

50. So entsteht aus der Erkenntnis des =Mangels, als eines mit dem

Begriffe des Menschen zusammenhängenden, an sich zwar noch nicht der

neue Begriff des Menschen=, wohl aber entsteht er durch die =Fortführung=

des Gedankens von dem Mangel zu seiner Deckung, von der Bedürftigkeit

zum Beistand, von der Sündhaftigkeit zur Erlösung und =Versöhnung=. =In

diesen positiven Momenten vollzieht sich der neue Begriff des Menschen=,

den die Erkenntnis vom sittlichen Mangel und von der Sünde herbeigeführt

hat. =So entsteht dieser neue Begriff des Menschen als eine homogene

Ergänzung des Menschenbegriffes der Ethik: eine Ergänzung als

Fortsetzung.=

51. =Wir stehen hier am begrifflichen Ursprung der Religion.= Daher ist

es wichtig, die =Homogeneität= zu wahren, welche diese Fortführung

erfordert. Die Religion darf =nicht im Abbruch ihrer Beziehungen mit der

Ethik= entstehen, sondern vielmehr in der =Festhaltung= derselben in

aller Bestimmtheit und Genauigkeit. Wenn das Individuum auf seiner

Sündhaftigkeit bestehen und daraufhin als =religiöses Selbst= sich

begründen will, so muß das =ethische Problem des Selbst= in

ungeschwächter Kraft bleiben. Die ethische Kraft des Selbst beruht aber

auf der =Autonomie=. =Daher muß die ethische Selbstbestimmung auch auf

das religiöse Selbst übertragbar werden=, wenn anders es nur in der

homogenen Fortbildung des ethischen Selbst entstehen kann.

Diese Folgerung erstreckt sich auch auf die Lösung des religiösen

Problems am Individuum. Wenn seine Bedürftigkeit besser als durch den

Aufschwung in die Allheit, nur durch den Übergang von der Ethik zur

Religion lösbar werden soll, so darf ebensowenig die Befreiung von dem

Schuldbewußtsein gegen die Grundkraft der Ethik verstoßen, wie der

religiöse Aufschrei des =Gewissens= einen solchen Verstoß bilden darf.

=Die Gebrechlichkeit verletzt die Autonomie nicht, sofern diese den

Aufschwung zur Allheit zum Inhalt der Aufgabe des Menschen hat.=

Ebenso darf auch die =Lösung=, welche von der =Religion= erwartet werden

kann, keine geringste Verletzung des Prinzips der Autonomie in sich

bergen. Diese Forderung wird versichert durch die Forderung des

=gleichartigen= Übergangs der Ethik zur Religion. Und dieser Übergang

selbst wird durch die =Gleichartigkeit= noch genauer bestimmbar werden.

Der Begriff der Religion im System der Philosophie · 第 5 / 17 段