12. =Kant= hatte nämlich als =drittes= Glied des Systems an Logik und Ethik

die =Ästhetik= angefügt. Als ein Systemglied war diese bisher nicht

selbständig geworden, obschon ihre Probleme und ihre Grundbegriffe bei

=Platon= bereits mehr als auftauchten und fortan nicht verschwanden,

sondern bei =Plotin= schon eine bedeutsame Gruppierung erfuhren. Indem

nämlich Plotin =Gott= als den =Urquell des Schönen= annahm, setzte er das

ästhetische Problem in den innigsten Zusammenhang mit der Religion und

bei seiner Platonischen Methodik mit der Ethik und der Logik. Dennoch

war der Gedanke des Systems bei ihm noch nicht reif geworden, und alle

tiefe und sinnige Spekulation über das Schöne und über die Kunst konnte

weder im Altertum, noch selbst in der neueren Zeit, die Selbständigkeit

der Ästhetik hervorrufen, bis sie aus dem Probleme des Systems heraus

bei Kant als Konsequenz sich ergab.

13. Da nun aber für dieses dritte Glied, nachdem für die beiden ersteren

Erkenntnis und Wille, die Grundkräfte des Bewußtseins, aufgeboten waren,

keine andere übrigblieb als das =Gefühl=, so war es unvermeidlich, daß

der Zusammenhang der auf das Gefühl begründeten Ästhetik mit der

Religion noch lebendiger wurde, sogar als Kollision empfunden werden

mußte. Die Religion hat zu ihrem Angelpunkte Gott. Um Gott aber scheint

sich auch in der Kunst alles zu drehen, alle Gegenstände von ihm

durchdrungen, alle Probleme von ihm durchleuchtet zu werden. Welcher

Gott ist nun der echte und welcher der ursprüngliche? Man braucht nur an

das alte Wort =Herodots= zu denken, daß =Homer= den Griechen ihre Götter

gemacht habe, und wie sich dies auch für die Plastik bewährt, um die

Gefahr dieses intimen Zusammenhangs hier zu erkennen. Freilich zerbricht

das Bilderverbot des =Dekalogs= diese anscheinende Identität, und so hat

der =Monotheismus= durchgängig seine Selbständigkeit im Gottesbegriffe

gegenüber allem Mythos und aller Bildnerei behauptet.

14. Indessen hat es ja die Kunst doch nicht allein mit Gott zu tun,

sondern vornehmlich mit dem Menschen, mit der =Natur des Menschen in

Leib und Seele= und mit dem =Menschen der Natur=, in der =Landschaft=

und in seinem =geschichtlichen= Milieu. Und mehr noch als bei Gott in

dem Gefühle eines =Unendlichen=, tritt beim Menschen das Gefühl in der

unmittelbaren =Menschenliebe= zu seiner =Doppelnatur= in Kraft. Nicht

der =Zeichenbildens-= noch überhaupt der =Tätigkeitstrieb= bringt an

sich den =Kunsttrieb= hervor, sondern wenn er nicht durch technische

Mittel vorgebildet und ausgerüstet würde, so würde er zwar verdorren,

aber dennoch aufkeimen aus der Urkraft der Menschenliebe heraus. Der

Mensch sucht den Menschen, die Sehnsucht nach ihm kommt seiner

Auffindung entgegen, und beseelt und begeistet seine Betrachtung. Der

Mensch ist selbst das Geschöpf der Kunst, das gilt für alle Kunst. Wenn

es keine Religion gäbe, so wäre die Kunst die Offenbarung des Menschen,

und wenn es keine Ethik gäbe, so wäre die Kunst der Abdruck dieser

Offenbarung. So unmittelbar hängt im Menschen die Religion mit der

Ästhetik zusammen.

15. Es bedarf nur des kurzen Hinweises andererseits auf den =Kultus=, um

die Durchführung dieses Zusammenhangs bis in die Gefahr der

Verschmelzung hinein zu überschauen. Der Götterdienst schon erfindet

dieses Doppelleben des religiösen und des ästhetischen Menschen, und der

Monotheismus gestaltet das Verhältnis immer durchdringender, so daß der

moderne Mensch in Zweifel kommen konnte, ob seine Religiosität nicht

vielmehr ästhetische Gesinnung sei, und ob daher die Kunst nicht berufen

sei, die alte Religiosität zu entsetzen. In der Tat konnte ja niemals

der Kultus auf Poesie und Musik verzichten, auch wenn er schon dem

Bilderdienst entsagen wollte.

Und was den Menschen und das Menschliche betrifft, so blieben Religion

und Kunst miteinander in Wetteifer. Konnte doch =Schiller= die Losung für

die Kultur ausgeben, daß die =Erziehung der Menschheit zur Sittlichkeit=

der Ästhetik zu überantworten sei, und daß die ästhetische Erziehung

allein zum ethischen Ziel gelangen könne. So ist nicht allein die =Idee

der Humanität= zur Ausbildung gekommen, sondern durch die =Christologie=

nebst ihrem gesamten ästhetischen Apparate in der Geburt und dem Leiden

Christi ist mit dem Menschenbegriffe zugleich auch der =Gottesbegriff

ästhetisch geworden=; er hat nicht nur seine Ausschmückung, sondern auch

eine Art von Begründung im ästhetischen Problem erhalten.

16. Denn dieses ästhetische Problem war ja nicht nur objektiv bestimmt

und ausgezeichnet durch die =Liebe zum Menschen=, sondern auch subjektiv,

vielmehr methodisch durch diese Liebe, durch das =Gefühl=, das nunmehr zu

einer =eigenen Grundrichtung des Bewußtseins= ausgezeichnet wurde. Dieses

Gefühl aber schmiedete von neuem den Zusammenhang zwischen Religion und

Kunst. Denn wo anders im Bewußtsein ist das Strombett, in dem das

Urgefühl der Liebe sich ergießt als in der Schaffenskraft der Kunst?

Wenn nun auch die Religion durch die Liebe zu Gott und zum Menschen an

diesem Grundgefühl Anteil hat, so kommt sie in Gefahr, in Kunstgefühl

sich aufzulösen; so unentrinnbar ist ihr Zusammenhang mit der Ästhetik.

Und es ist ja nicht allein das Gefühl als Liebe, welches diesen Konflikt

herbeiführt, sondern alles Streben über das Endliche, Sinnliche der

Natur und der Menschenwelt hinaus, alle Sehnsucht nach dem Unendlichen

gehört diesem Gefühle an und regt sich unter seinen Schwingen: wie hätte

es da vermieden werden können, daß auch aus dem Gesichtspunkte des

Gefühls die Berührung von Religion und Ästhetik zur Kollision führte?

17. Indessen hier gerade muß der Umschwung der ganzen Betrachtungsweise

sich vollführen lassen. Wenn das Problem des Systems der vorherrschende

Leitgedanke bleibt, jedes Systemglied aber durch eine =reine Richtung des

erzeugenden Bewußtseins= bestimmt und vertreten wird, so kann das Gefühl

nicht zweimal auftreten, nicht für zwei Glieder einzustehen haben. Und

es müßte alsdann entweder die Kunst und demgemäß die Ästhetik in die

Religion aufgehen, oder umgekehrt die Religion in die Kunst. Die

methodische Leitung erweist sich hier in ihrer Differenz von einer

formalistischen Schablone, indem sie vor Verirrung schützt und die

Grenzpfähle ebenso zwischen den =Arten des Bewußtseins=, wie zwischen den

=Gliedern des Systems= aufrechterhält.

Wenn jedoch so als eine systematische die Selbständigkeit der Ästhetik

gewahrt bleibt, so bleibt andererseits der Raum offen für eine

Selbständigkeit der Religion, unabhängig von der Richtung des Gefühls.

Und so wird die =Methodik= des ästhetischen Gefühls positiv fruchtbar für

eine =neue= Selbständigkeit der Religion, und sie beseitigt die Gefahr

einer falschen nicht methodisch-systematisch begründeten

Selbständigkeit.

18. Indessen ist freilich auch noch eine andere Möglichkeit nicht

ausgeschlossen, und diese geht von der Ästhetik zum mindesten auf die

Ethik zurück. Wenn nämlich das Gefühl einmal vergeben ist und nicht

nochmal verteilt werden kann, so könnte daraus die Konsequenz gefolgert

werden, daß die Religion als eine eigene und selbständige Richtung des

Bewußtseins überhaupt nicht aufrechterhalten werden könne, dieweil ja

das Gefühl ihr nicht zuerteilt, eine andere Richtung des Bewußtseins

aber für sie nicht ausfindig gemacht werden kann. Dieser Konsequenz

konnte ich selbst in der in meiner =Ethik des reinen Willens= enthaltenen

Formulierung nicht ausweichen. Und es ist von =Wilhelm Herrmann= anerkannt

worden, daß ich damit nur die Konsequenz gezogen habe, die =Kant= selbst

aus seiner Grundbestimmung der Religion nach ihrem Verhältnis zur Ethik

hätte ziehen müssen. Ich habe die methodische Konsequenz nicht gescheut,

daß die Religion in Ethik sich auflösen müsse. Der Religion war damit

nur ein scheinbarer Schaden zugefügt, vielmehr ein Ruhmestitel

zugesprochen, und für ihre innerste Entwicklung die Losung

ausgesprochen. Denn wie könnte die Religion mehr verherrlicht werden,

als wenn ihre Auflösung in die Ethik ihr eigenes Ziel genannt wird?

Dieses Ziel wäre wahrlich nicht ihr Ende, sondern in ihm und seiner

Formulierung würde nur der Leitstern hell aufleuchten, der bisher nur

dämmerhaft ihren geschichtlichen Weg beschienen hat. Vielleicht wäre

dies sogar auch das wichtigste =Kriterium für den Wahrheitsgehalt= der

Religion: bis zu welchem Grade sie dieser ihrer =Selbstauflösung= in Ethik

fähig ist.

Und wenn noch eine historische Entschuldigung für diese Formulierung

zulässig ist, so könnte ich mich auf =Micha=, als meinen Vorgänger

berufen; denn auch er läßt seinen Gott von seinem Menschen nur Recht und

Gerechtigkeit und Demut fordern. Also löst auch er die Religion in

Sittlichkeit auf. Denn wenn bei ihm nicht das Sittengesetz, sondern Gott

dies fordert, und wenn er die Demut vor Gott fordert, so macht dies für

die Ethik des reinen Willens keinen Unterschied, sofern diese die

=Gottesidee in die Ethik aufgenommen hat=. So könnte ich denn getrost bei

meiner Formulierung verharren, weil sie das Verhältnis Gottes zur Ethik

nicht antastet, damit aber auch jeder weitere Grund für die

Aufrechthaltung der Selbständigkeit der Religion hinwegzufallen scheint.

19. Indessen blieben bei dieser Formulierung mancherlei Punkte in

Unklarheit. Vorab ist es die Bedeutung der =Selbständigkeit=, die =relativ=

bleibt. Was bedeutet sie bei der Religion überhaupt, wenn sie nicht

eingeschränkt wird auf die =systematische= Selbständigkeit? Wenn aber der

Begriff des Systems eintritt, so muß die Frage weiter dahin gehen: ob,

wenn mit der =Selbstauflösung= in die Ethik die systematische

Selbständigkeit aufhört, nicht eo ipso überhaupt der philosophische

Begriff der Religion hinfällig wird, so daß man alsdann bei dem

empirischen Begriffe stehenbleiben müßte, sofern er sich aus der

=Religionsgeschichte= ergibt. Damit müßte die eigentlich philosophische

Behandlung der Religion aufhören, während doch ihre Probleme durchgängig

nach dem Zusammenhange mit der Philosophie hintreiben. Die

=Religionsphilosophie= aber wäre alsdann abgetan.

Es wird beiläufig dabei auch ersichtlich, wie schwankend der Ausdruck

der =Religionsphilosophie= ist, und es wird verständlich, wie tiefere

Theologen gegen diesen hergebrachten Ausdruck ein unüberwindliches

Mißtrauen hegen. Aller Gebrauch der Philosophie ist zweideutig, wenn die

Philosophie nicht als systematische gedacht und gefordert wird. Für

unsere Zeit aber und ihre Verachtung der systematischen Philosophie, die

in ihrer Insuffizienz zu ihr ihren Grund hat, ist es charakteristisch,

daß man nicht genug Verbindungen mit der Philosophie eingehen kann,

wobei diese Verbindungen selbst für die zersplitterten Disziplinen das

geistige Band abgeben sollen. -- So stände es nun aber rechtmäßig um den

Begriff der Religion, wenn es bei unserer bisherigen Formulierung sein

Bewenden haben müßte.

20. Mit einem Schlage konnte diese Formulierung aufgegeben und

überwunden werden, indem anstatt des bloßen =Begriffs= der Philosophie,

die Philosophie in ihrem systematischen Begriffe gedacht, der Begriff

der Religion daher auch im =System= der Philosophie gefordert wurde.

Sobald der Begriff der Religion in dieser systematischen Bestimmtheit

zum Problem wurde, wurden die Bedenken gegen jene Formulierung

unausbleiblich und unabwendlich. Denn wenn die Religion, wie immer

geborgen, in die Ethik eingeht, so behält sie keinen eigenen Anteil am

System der Philosophie; so müssen daher auch alle ihre eigensten

Probleme in die Ethik übergehen und von dieser allein verwaltet und

gelöst werden. Zu dieser Positivität der Fragestellung verhalf die

Krücke der Systematik.

21. Nun müssen wir aber fragen, ob es sich in Wahrheit so verhält, ob in

der Tat die Ethik in der Verfassung ist, alle Probleme zu behandeln, die

hergebrachterweise in der Religion entstehen, und von denen angenommen

werden darf, daß ihr Fortbestand berechtigt und gesichert sei? Steht es

so in der Ethik mit dem Begriffe von Gott, mit dem Begriffe vom

Menschen, und demzufolge mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Gott,

wie zwischen Gott und Mensch, kurz mit der =Korrelation von Gott und

Mensch=? Befriedigt die Ethik, kann sie es ihrer Grundverfassung nach,

alle Anliegenheiten dieser Korrelation, so daß etwa nur ein praktischer

Unterschied zwischen Religion und Ethik bestehen bliebe? Oder aber läßt

sich die Forderung trotz alledem aufrechterhalten, daß der Religion

eigene =Kombinationen an dieser Korrelation= zustehen, die ihr

eigentümlich sind und bleiben, und die der Ethik methodisch fernliegen?

Wäre dies der Fall, so =wäre der Begriff der Religion im System der

Philosophie ein zulässiges Problem=; denn dann würde das System der

Philosophie durch die =Eigenart= der Religion bereichert. Und es brauchte

uns nicht irrezumachen, wie die Ethik ihrerseits gegen diesen Zuwachs

von seiten der Religion in der Fülle ihrer eigenen Selbständigkeit sich

behaupten kann.

22. Indessen tritt hier ein Bedenken auf, welches diese Möglichkeit zu

beseitigen droht. Alle Systemglieder werden durch entsprechende =Arten

des Bewußtseins= getragen: welche derselben könnte hier eintreten, da sie

ja alle vergeben sind? Sollte eine =neue= Bewußtseinsart zur Entdeckung

gebracht werden müssen, um die systematische Selbständigkeit der

Religion zu retten? Und wenn dies Beginnen aussichtslos ist, würde nicht

dadurch wieder das ganze Problem hinfällig?

23. Hier kann uns nun die schon gemachte =Unterscheidung zwischen der

Eigenart und der Selbständigkeit= aus der Schwierigkeit befreien. Und der

Begriff des Systems und des systematischen Gliedes wird hier immer mehr

den Schein der Schablone verlieren, indem die systematische Bereicherung

und Erfüllung =nicht= gebunden zu sein braucht an eine =neue

Bewußtseinsart=, sondern nur bedingt ist durch einen =neuen Inhalt=, durch

eine =neue Modifikation= desjenigen Inhalts, dessen Erzeugung durch eine

reine Bewußtseinsart bereits gesichert ist. Es liegt nicht im

methodischen Begriffe der Systematik, daß, wenn durch das religiöse

Problem am ethischen Problem Modifikationen vorgenommen werden, diese

letzteren selbst eine neue Bewußtseinsart zu fordern hätten. Es genügt,

daß der neu modifizierte Inhalt durch eine reine Bewußtseinsart gedeckt

wird. =Der neue Inhalt allein begründet die Eingliederung in das System.=

24. Dahingegen ist es eine falsche Forderung, für die Neuheit dieses

Inhalts auch eine neue Bewußtseinsart in Anspruch zu nehmen: =wenn dieser

Inhalt in systematischem Zusammenhange bleiben muß mit den bereits

erzeugten Inhalten, oder auch nur mit einem derselben=. Dann würde ja die

geforderte neue Bewußtseinsart diesen Zusammenhang zerreißen, während

die Eingliederung in die voraufgehenden Bewußtseinsarten, oder auch nur

in eine derselben, die =Neuheit= des Inhalts keineswegs aufhebt oder auch

nur beeinträchtigt; nur eingeschränkt wird der Inhalt auf diesen

Zusammenhang, ohne den er seine =Eigenart= nicht ausbilden könnte. Die

=Selbständigkeit wird mithin eingeschränkt auf die Eigenart=; und diese

wird =nicht= durch die Bewußtseinsart, sondern durch den =Inhalt= bestimmt.

25. So ist es vielmehr von methodischem Vorteil für die systematische

Gewinnung der Religion in das Gesamtgebiet der Philosophie, daß keine

neue Bewußtseinsart für sie stabiliert wird. Die Frage des =Gefühls= soll

später noch eingehend behandelt werden. Hier nur sei darauf hingewiesen,

daß der Gesichtspunkt des =Systems= sich deckt mit dem Gesichtspunkte der

=Kultur=. Und so betrachtet, wird die Frage keine ernstliche Schwierigkeit

bereiten, worin größerer =Kulturinhalt= liege für die Religion: ob in

ihrer Auszeichnung durch eine Bewußtseinsart, wenn dies möglich wäre,

oder durch ihre Einbeziehung, wie in das System der Philosophie, so in

den Universalismus der Kultur, und zwar unter dem Vorbehalt, daß ihr

=Inhalt= allen anderen Kulturinhalten gegenüber eine =Eigenart= dartut.

26. Jetzt dürfen wir wiederum rückwärts gehen und das Verhältnis der

Religion zu den Gliedern des Systems in Betracht ziehen.

Wir beginnen mit der =Logik=. Die Berührung mit ihr haben wir in der

Formulierung abgeschlossen, daß =Gott= in der Religion bedeute, was das

=Sein= in der Philosophie. Für das =Denken= erkannten wir die Analogie in

der =Liebe der Erkenntnis=. Und die =Einheit= wurde prägnant in der

=Einzigkeit=.

Nun liegt aber schon in diesem Rekurs auf die Einzigkeit ein großer

Widerspruch zur Logik, weil zu allem ihrem Sein. Wenn nur Gott das Sein

eignet, soll es dann bei dem Urteil sein Bewenden haben, daß alles

andere Sein eitel und nichtig sei? Dadurch würde die Natur vom

Seinswerte entblößt. Und wenn zunächst die Wissenschaft durch dieses

Urteil betroffen wird, so erstreckt es sich doch auch auf die Religion,

die doch mit dem Einzigen Gotte allein nichts anfangen kann, wenn seine

=Korrelation= mit dem Menschen, mithin zunächst mit der =Natur= nicht

gesichert würde. Obwohl also Gott allein das wahrhafte Sein vertritt,

muß ihm dennoch eine =Beziehung auf das Sein der Natur= wegen seiner

notwendigen Korrelation zum Menschen einwohnen. Die Religion wird daher

auch aus dem Gesichtspunkte des Seins zu dem wahrhaften Sein in Gott

das =Sein der Natur hinzufordern= müssen.

27. Damit aber wird die Abhängigkeit von der Logik unbedingt. Denn die

Logik wird zuerst darüber zu lehren haben, daß diese =Unterscheidung am

Sein= nicht die Religion allein befällt. Auch in der Logik besteht sie zu

Recht in der =Unterscheidung zwischen Sein und Dasein=. Und es ist die

Hauptschwierigkeit der reinen Logik, diesen Unterschied festzustellen

und klarzulegen. Das Sein des Planeten hat die Bedeutung eines reinen

Seins auf Grund des Planetensystems. Der =Nachweis des Planeten aber,

über seine Berechnung hinaus, als die Wirklichkeit= eines einzelnen

Gegenstandes, erfordert nicht allein die Bezugnahme auf das =Fernrohr=,

sofern es =im Apparate der mathematischen Erkenntnis= steht, sondern

zugleich auch die Bezugnahme auf die =Empfindung=, mit der auch das

mathematische Fernrohr in Kontakt gesetzt werden muß. Und so rollen sich

alle Schwierigkeiten des Problems der =Wirklichkeit= auch hier auf,

obschon der Ausgang vom reinen Sein genommen wird.

Wenn man nun zu fragen gewohnt ist vom Sein Gottes aus auf das =Dasein

Gottes=, so muß man von der Logik darüber belehrt sein, daß mit dem

Problem des Daseins das Problem der Empfindung eintritt. Wenn man also

=Dasein für Gott= fordert, so muß unumgänglich auch die =Beziehung zur

Empfindung= mitgedacht werden. Und wenngleich der Materialismus sich an

diesen Sensualismus anklammert, so hilft dagegen doch entweder die

=Mystik=, der die Wahrnehmbarkeit Gottes kein Widersinn ist, oder aber es

verbleibt bei der generellen Lösung, daß das Verhältnis des Geistes zu

Gott inkommensurabel sei, und =zwar ebenso im Denken=, wie in der

Empfindung. Die Empfindung bildet keine eigene Schwierigkeit, da sie ja

auch schon für das Denken besteht.

28. Im Grunde ist dies der eigentliche Sinn der sogenannten =negativen

Attribute= und der =docta ignorantia=, wie =Cusa= dies Problem benannte. Er

bezog sich nachdrücklich auf =Maimonides= und stimmt dessen Grundgedanken

zu. Maimonides aber schneidet die Verbindung zwischen Gott und Natur im

Sein entzwei; ihm graut vor dem =Pantheismus=, den Cusa nicht gescheut

hat, dem er aber auch nicht ganz entgangen ist. Maimonides aber

=unterscheidet daher das Sein Gottes vom Leben=. Dies aber bedeutet,

obwohl er diese Bedeutung nicht ausdrücklich ausspricht, die

Unterscheidung zwischen dem =Sein= Gottes und seinem =Dasein=. Nur das Sein

ist Gegenstand unserer Gotteserkenntnis; das Dasein gehört unter die

negativen Attribute, =deren Sinn übrigens eine andere Formulierung

fordert=. Wir dürfen nur denken: Gott hat nicht das Dasein. Damit ist

nach Maimonides gesagt: Gott ist der =Ursprung= des Daseins; ohne ihn gäbe

es kein Dasein. Es enthüllt sich hier eine geistige Gemeinschaft mit dem

Grundgedanken der Logik der reinen Erkenntnis.

Zu solcher Höhe der Einsicht hat sich in Maimonides die Religion

aufgeschwungen; und auch hier steht er selbst auf den Schultern seiner

Vorgänger. Die Gotteserkenntnis hat sich in Abhängigkeit versetzt von

der Logik, diese Abhängigkeit aber in Selbständigkeit verwandelt durch

die Ausbildung eines neuen und eigenen Inhaltes. Denn neue Inhalte

ergeben sich aus diesem Verhältnis des Seins Gottes zum Dasein.

29. Es fehlte bisher noch die Rücksicht auf andere Schätze der Logik.

Wie komme ich überhaupt auf den Gedanken der =Korrelation=, dem wir eine

grundlegende Bedeutung hier zuerkannt und zu beweisen versucht haben?

Die Korrelation ist eine wissenschaftliche Grundform des Denkens, in

unserer Terminologie des Urteils. Ihr allgemeiner Name ist der des

=Zwecks=. Wo eine =Begriffsbildung= angestellt wird, da wird eine

=Zwecksetzung= aufgestellt. Eine Zweckbeziehung ist es, die wir zwischen

Gott und Mensch, wie zwischen Gott und Natur ansetzen. Wenn wir fragten,

wie wir zu der Korrelation von Gott und Mensch kommen, so ist die

Antwort: =so verfährt das Urteil in der Zwecksetzung=, welche ihre

allgemeine Form in der =Begriffsbildung= überhaupt hat. Wenn ich demgemäß

den Begriff von =Gott= bilden will, muß ich zwischen Gott und Mensch eine

Zwecksetzung vornehmen, und so auch den Begriff des =Menschen= aus der

Gliederung im Inhalt des Gottesbegriffs gewinnen, und umgekehrt. =Diese

elementare Bedeutung hat der Zweck für den Begriff überhaupt.= Und schon

aus dieser Rücksicht erweist sich die Bestreitung des Zwecks als ein

Mangel der logischen Einsicht. Aber der Zweck verfolgt =eigene= Zwecke,

außer denen des Begriffs; oder wenigstens bildet er seinen

Begriffsapparat zu =neuen= Problemen und neuen logischen Lösungen aus.

30. Wir hatten soeben den Gedanken der =Schöpfung= gestreift, der ein

Spezialproblem innerhalb der Korrelation von =Gott und Welt= darstellt.

Aber über die Schöpfung hinaus steigert der Zweck die Korrelation von

Gott und Welt; er =steigert die Schöpfung zur Erhaltung=. Die Erhaltung

ist eine neue Schöpfung. Und die Schöpfung bedeutet daher vielleicht im

Grunde nichts anderes als die =Erneuerung der Erhaltung=. Sie bildet das

eigentliche Problem; nicht, wie man oft meint, vornehmlich oder gar

ausschließlich die Schöpfung =aus dem Nichts=.

Die Erhaltung aber erfordert weitere Voraussetzungen. Sie ist nicht nur

die Erhaltung der Gegenwart, als der eigentlichen Wirklichkeit, sondern

sie geht über die Gegenwart hinaus in alle =Zukunft=: geht sie damit nun

auch hinaus über alle =Wirklichkeit=? Dies kann der Sinn nicht sein, wenn

wir über das =Dasein= von der Logik richtig belehrt werden. Welchen Sinn

kann dann aber die Erhaltung haben, wenn er nicht auf die mit der

=Gegenwart= zusammenhängende, auf ihr beruhende Wirklichkeit

eingeschränkt, wenn er auf eine =unendliche Zukunft= bezogen wird?

Wir brauchen hier noch nicht zu sagen, daß wir das Problemgebiet der

Logik mit dieser gesuchten Zwecksetzung überschreiten. Und wir brauchen

auch noch nicht den =positiven= Sinn zu entwickeln, den diese =Zwecksetzung

Gottes für die Zukunft des Daseins= hat. Wir können bei der Logik noch

stehenbleiben, um einen wichtigen Gedanken ihr zu entnehmen.

31. Wir haben den Zweck unter der allgemeinen Bedeutung des =Begriffs=

betrachtet. Hier tritt nun aber die Unterscheidung in eine neue Geltung,

die =Platon= zwischen =Begriff= und =Idee= gemacht hat. =Dem logischen

Verfahren des Zwecks entspricht genauer die Idee.= Der Begriff geht in

das =Gesetz= über und ein. Wo aber mathematisch formulierbare Gesetze

aufhören, da hören nicht etwa auch Zwecke auf, sondern sie fangen da

erst eigentlich an. Wie der eigentliche Sinn des Begriffs in dem Gesetze

sich ausprägt, so der eigentliche Sinn der Idee in dem Zweckverfahren.

Und wenn der Zweck schon an der Grenze der mathematischen

Naturwissenschaft für die =Biologie= entsteht, so eröffnet er das ganze

große Gebiet der =Geisteswissenschaften=, das ohne ihn nicht entstehen,

geschweige bestehen könnte.

Der Begriff der Religion im System der Philosophie · 第 4 / 17 段