Der Rationalismus der Religion hat noch andere Bundesgenossen und

Leitgedanken empfangen, außer denen der =Einheit=, der =Einzigkeit= und der

innigen =Erkenntnis=. Die =Eleaten= erhalten ihre Fortsetzung in =Platon=.

Denn was an dem Eleatischen Begriffe des Denkens noch unklar blieb, das

wurde auch durch =Sokrates= noch nicht aufgehellt, indem dieser den

=Begriff= in das Denken einsetzte. Die Rätselhaftigkeit dieser Macht des

Denkens wurde dadurch noch nicht aufgeklärt und aufgehoben. Da kam

=Platon= und deckte den Zauber auf, der in dem Denken wirksam wird. Er

entschleierte =das= Geheimnis =und löste das Rätsel dadurch, daß er es als

Rätsel aufhob=. Ihr wundert euch, so könnte er in mündlicher Rede gesagt

haben, über die Zauberei, die ich in das Denken verlege, so daß es

Gebilde zu erzeugen vermag, die aller Wahrnehmung und aller Phantasie

entrückt sind. Wundert euch nicht, sondern lernet es einsehen, wie das

Denken methodisch vonstatten geht, und welcher =Vorbereitungen und

Voraussetzungen es bedarf, um vonstatten gehen zu können=. So kam Platon

zu seiner =Idee=.

29. Er kam zu seiner Idee von der strengen, reinen Wissenschaft aus, von

der =Mathematik=. Und im damaligen Schulgebrauche der Mathematik, der ja

noch in den allerersten Anfängen sich befand, nannte man eine

=Grundlage= und =Voraussetzung= für jede mathematische Arbeit, mochte

sie nun in =Grundsätzen= oder nur in =Grundbegriffen= bestehen, eine

=Hypothesis=. =Die Grundlegung ist mithin das Erste in allem Denken.=

Ohne dieses Erste, ohne diesen Anfang gibt es keinen Anfang, und ohne

den Anfang keinen Fortgang im Denken. Das verhält sich nicht nur so in

der Mathematik, sondern diese =Methode= -- Platon schon brauchte für

seine Idee den Ausdruck der Methode -- gilt für alles Denken des

menschlichen Geistes. Alles Denken besteht und beruht in diesem Setzen

seiner =Aufgabe=, seiner Probleme. =Alle Gedanken sind Vorsätze des

Denkens=, sind Voraussetzungen, Probleme, Vorwürfe, die es zu behandeln

und zu lösen gilt. =So bedarf jede These ihrer Hypothese=, die wiederum

ihre Hypothese =ins Unendliche= alles wissenschaftlichen Denkens hin

fordert.

Dieses =unendliche Denken=, unendlich rückwärts in der Reihe der

Hypothesen, unendlich vorwärts in der Reihe der Thesen, es ist das

echte, =reine=, seinen Inhalt selbst erzeugende Denken. Da aber für alle

Unendlichkeit seiner Gebilde in der Kraft der Hypothesis alles

wissenschaftliche Denken, alles Denken der Idee wurzelt, so ist alles

=Denken der Idee das Denken der Hypothesis=.

30. Der Terminus der =Idee= konnte beibehalten werden, obwohl er nur ein

scheinbar subjektives Moment, das =Schauen= (ἰδεῖν), zum Ausdruck

bringt. Denn ist es nicht auch ein Schauen, in dem die Hypothesis

erdacht wird, und verdient dieses Schauen nicht eine bleibende

Auszeichnung?

Wenn man bedenkt, daß der Stil der größten Geister sich in Antinomien

und Paradoxien an das Licht ringt, so begreift man den Zauber, den das

=Schauen= für Platon hatte: es ist Sehen und wiederum nicht Sehen. Beide

Bedeutungen liegen in der =Aoristform= des griechischen Wortes. Und

beide Bedeutungen bestehen nebeneinander. Von allen Wahrnehmungen ist

=Sehen= die schärfste und objektivste. Aber Denken ist nicht

Wahrnehmung, daher auch nicht Sehen. So vertieft sich im Denken das

Sehen zum Schauen. Und ein Schaugesicht ist die Idee, wie auch die

=Propheten= sich dieses Bildes bedienten, worauf schon =Fichte=

hingewiesen hat. =Eine Schau ist die Idee=, die sich als Hypothesis

allem wissenschaftlichen Denken vorsetzt, zugrunde legt, seinen Vorwurf,

den Inhalt seiner Aufgabe vorbildet.

31. Eine wichtige =Konsequenz= ergibt sich aus dem Nebeneinanderbestehen

dieser beiden Bedingungen des Denkens: =die Idee ist die Hypothesis und

die Hypothesis ist Idee=. Es kann nicht der legitime Sinn der Idee sein,

daß sie zu erschauen wäre anders als im Wege und in der Methodik des

wissenschaftlichen Denkens. Die Idee ist Hypothesis. Ebenso aber kann

die Idee nicht verflüchtigt und nivelliert werden zu irgendeinem Gebild,

sei es der Wahrnehmung, sei es der =Phantasie=, sei es allgemein der

=Vorstellung=, oder gar einer =Eingebung=. =Die Idee gehört schlechterdings

nur zum Apparat des wissenschaftlichen Denkens.= Dieses ist zwar nicht

eingeschränkt auf das mathematische, aber es müssen =Analogien= mit ihm

herstellbar werden, wenn in anderen wissenschaftlichen Problemen der

Begriff der Idee statthaft werden soll.

=Niemals darf die Idee mißbraucht werden zu dem Gebild eines

außerwissenschaftlichen Denkens. Der Rationalismus ist die Vorstufe des

Idealismus.= Wenn das Schauen soll Denken werden können, so kann dies nur

auf dem Grunde des wissenschaftlichen Denkens zustande kommen. Das

Schauen, das griechische Schauen ist im lateinischen Ausdruck zu neuer

Selbständigkeit gekommen, und die neueren Sprachen haben diesen Prozeß

fortgesetzt. So ist die =Intuition= in den Schein gekommen, das Erbgut des

Idealismus zu verwalten. Dieser Schein ist verhängnisvoll für die

Philosophie, für die Religion, für alle Kultur. Die Intuition, in sich

ein Blendwerk, ist der leibhaftige Widerspruch zum echten

wissenschaftlichen Denken. Nicht einmal zur materialistischen

Wahrnehmung bildet sie einen klaren Gegensatz, geschweige, daß sie sich

anmaßen dürfte, das Recht des Idealismus zu vertreten, den sie ja schon

in seinem Ursprung, dem Rationalismus, verleugnet.

Aber mit dem =Pantheismus= kann sich der =Intuitionismus= füglich

verbinden; aus den beiden Zweideutigkeiten entsteht das Monstrum einer

dritten.

32. Wenngleich auch gute und fruchtbare Ansätze der Mystik an dieser

Verbindung Anteil nehmen, so darf dies nur als ein neues Kennzeichen für

die beiden falschen Begriffe angesehen werden. Der =Gottesbegriff=

entsteht für die Religion im natürlichen, primitiven Zusammenhange mit

dem =Denken=. Und seine geschichtliche Entwicklung vollzieht sich in der

Lebendigkeit dieses Zusammenhanges, der sich immer genauer zu dem mit

der =Logik=, wie sie in der vereinigten inneren Geschichte von

Wissenschaft und Philosophie entsteht, entwickelt. =Ohne Zusammenhang mit

der wissenschaftlichen Logik gibt es keine Religion von geschichtlichem

Charakter.= Die Mystik bildet nur Seitenwege der Religion. Und ohne den

Idealismus der Hypothesis gibt es keine Wissenschaft und keine

wissenschaftliche Logik; =daher dürfte ohne sie auch keine Religion zu

erwarten sein! Die Intuition jedoch vermag keine Logik zu schaffen=. Sie

ist nicht nur ein Seitenweg, sie ist ein Abweg des wissenschaftlichen

Denkens. Die Heerstraße des Denkens, die im Lichte der =Geschichte= steht,

vollzieht der Platonische Idealismus kraft der Fruchtbarkeit seiner

Methodik der Hypothesis.

33. Wenn anders auch die =Ethik= von der Logik, mithin von dieser Logik

der Hypothesis-Idee abhängig sein muß, so wird die Frage entstehen, und

wir werden ihr nicht widerstehen, oder gar ihr ausweichen wollen: =wie

stehen die sittlichen Ideen zu dem methodischen Werte der Idee als

Hypothesis=? Und endlich, wenn anders die Religion im Zusammenhange mit

der Ethik steht: =wie steht es um das Verhältnis der Gottesidee zu dem

Platonischen Grundwerte der Idee als Hypothesis=?

III. Das Verhältnis der Religion zur Ethik.

1. Gehen wir nunmehr auf den =Zusammenhang der Religion mit der Ethik=

über, um von ihr aus den Anteil der systematischen Philosophie an der

Religion zu erweisen, so besteht hierin der =Begriff des Monotheismus= und

sein sachlicher =Unterschied vom Polytheismus=: =daß in ihm nicht sowohl

Gott den Hauptinhalt bildet als vielmehr der Mensch=, oder genauer

ausgedrückt: =nicht Gott allein und an sich, sondern immer nur in

Korrelation zum Menschen=, wie freilich daher auch gemäß der Korrelation:

=nicht der Mensch allein, sondern immer zugleich in Korrelation mit Gott=.

2. Schon hierdurch widerlegt sich, daß der =Kultus= ein Kriterium sei

für den Begriff der Religion, wie von der =Religionsgeschichte= dies

angenommen wird. Vielmehr ist der Kultus, der, in welchen Formen immer,

=Opferdienst= ist und bleibt, ein =Überbleibsel des Götterdienstes=, der

den =Zorn= und =Neid= der Götter beschwichtigen und der =Furcht= vor der

Gewalt und der Übeltat der Götter Milderung schaffen soll. Es ändert

sich nichts, wesentlich nichts, wenn allgemach auch =Freundlichkeit= an

den Göttern zutage tritt; denn das alles verbessert nur den

Opportunismus zwischen Gott und Mensch. Religion entsteht erst, =wenn

der Mensch=, soweit es sich um das Problem der Religion handelt,

=gleichsam ebenbürtig Gott zur Seite tritt=.

3. Dann bleibt das Problem nicht das =Wesen Gottes=, als eines =Dämon=,

noch das des =Menschen=, als eines dem =Schicksal= oder dem Götterwillen

=unterworfenen= Wesens, sondern =ein abstrakter Begriff= tritt alsdann

in der Religion auf und deckt sich mit den bisherigen beiden alleinigen

Begriffen der Religion: Gott und Mensch. Diesen Wendepunkt bildet das

bekannte Wort des Propheten =Micha=: »Er hat dir verkündet, =o Mensch,

was gut sei=«. Hier sind die =drei= Begriffe =vereinigt=. =Der Mensch

ist aufgetreten=, an die Stelle des =Israeliten= getreten. Und =Gott=

hat ihn =berufen, um ihm Kunde zu geben= -- wovon? Etwa von sich? Oder

vom Menschen? Von beiden nicht. Die Kunde bezieht sich auf etwas ganz

anderes, auf einen neuen Begriff, auf einen Begriff mit dem

Schwergewicht der Abstraktion: =das Gute=.

Gäbe es eine tiefere, kompliziertere Abstraktion in dem ganzen Schatz

der Begriffe? =Mit diesem Begriffe entsteht die Religion, und zwar als

Monotheismus.= Dieser Begriff läßt scheinbar sowohl Gott zurücktreten,

wie auch den Menschen: als ob beide erst durch den Begriff des Guten

entstünden und zu Recht bestünden.

Der Satz =Michas= ist nur die kurze Formel, in der sich =der ganze

Prophetismus= mit allen seinen Zielen zusammenfassen läßt. Nicht um Gott

dreht sich der Propheten Sinn, ihr Trachten und ihr Handeln, noch auch

um den Menschen in seinem empirischen Dasein, als =Volk= und =Staat=,

sondern ein =neuer= Mensch, =die Menschheit wird ihr Begriff vom Menschen=.

Und mit diesem neuen Menschenbegriffe =vernichten sie die Götterwelt= und

=entdecken= und offenbaren den =Einzigen Gott der Einen Menschheit=.

Was das Gute sei, soll der Gott verkünden. Dazu beruft er den Menschen.

Was ist denn das Gute? Ohne daß wir die Antwort Michas wörtlich

anführen, können wir sicher sein, in Übereinstimmung mit ihr zu kommen,

wenn wir antworten: =das Gute ist für den Menschen die Menschheit=, und um

es so auszuführen: =für Gott= wiederum =auch nur die Menschheit=: ihre

Gewährung und ihre =Gewährleistung= für den Menschen.

4. Das ist der =Inbegriff des Prophetismus=: =die Realisierung der Einen

Menschheit im messianischen Zeitalter=. Und das ist der =Inbegriff des

Messianismus=: die Hoffnung, die =Zuversicht auf diese Zukunft der

Menschheit=. Die ganze =bisherige= Weltgeschichte, und auch die

Jahrtausende, die seitdem verflossen sind, können gar nichts beweisen

gegen diese Zuversicht, welche den Inhalt der =neuen= Religion bildet.

Wie das =Denken= sich abkehrt von der =Wahrnehmung= und der in ihr sich

darstellenden =Wirklichkeit=, so wendet sich die Religion des Messianismus

ab von der =Vergangenheit= und der =Gegenwart=; ein neuer Zeitbegriff wird

von ihr für den Menschen in Korrelation zu Gott geschaffen: die

=Zukunft=. Sie allein erfüllt die Zeit; sie allein macht die Zeit lebend,

wahr und gehaltvoll. Was sonst als Zeitinhalt =erscheint=, ist nur

=Schattengebild=; es schleicht daher und hinkt blutleer nach, während die

Zukunft allein den Pulsschlag des Lebens hat -- des =wahrhaften Seins=,

wie es bei den =Eleaten= im Denken ersteht. Und wie dort der Eine Gott --

der dort jedoch mit dem Kosmos identisch ist -- das Eine Sein

hervorbringt, so bringt er hier die Eine wahrhafte Zeit für die Eine

Menschheit hervor.

5. Haben wir so im =Ursprung= der Religion ihre Blutsgemeinschaft mit der

Ethik erkannt, so ist auf dem Boden der Ethik selbst dieser Zusammenhang

ferner zu betrachten. Auch =Sokrates= geht von dem =Problem des Guten= aus.

Und auch er erfindet dabei den =Begriff des Menschen=; erfindet den

=Begriff überhaupt= am Begriffe des Menschen. Denn über die einzelnen

=Berufsarten= hinweg, in die sich das Leben und Treiben der Menschen

abspaltet, ruft er sie auf und erweckt sie zu der =einheitlichen Aufgabe=

des Menschen. Über alle =Nützlichkeiten= und =Opportunitäten= der

Lebensdienste, denen die Berufssklaven zustreben, fragt er ihnen das

Problem des Guten aus ihrer Seele heraus. So verbindet auch er mit dem

Begriffe des Menschen den Begriff des Guten.

6. Mit =Sokrates= aber ist erst in der reinen Philosophie der =Gedanke= des

Guten aufgekommen; aber seine Begründung konnte der Sokratische =Begriff=

überhaupt, mithin auch der des Guten, noch nicht zu Ende führen. Der

Gedanke tritt wie ein Wunder auf, oder wie ein Kunstgriff des

menschlichen Denkens. =Der Begriff mußte Idee werden.= Das gilt nicht nur

für die Logik und die Wissenschaft, sondern beinahe noch mehr für die

Ethik. Und =Platon= brachte diese Vollendung, in der er der Ethik ihre

=Begründung=, dem Begriffe des Menschen seine =Grundlegung= schuf.

=Denken= war es, was diese Menschen in der Ethik und für sie entdeckten.

Diese Souveränität des ethischen Denkens, entgegen der =Wahrnehmung= in

ihrer =Wirklichkeit=, entgegen den =Trieben= (des =Begehrens=) und

subjektiven =Motiven= offenbart sich in dem methodischen Grundgedanken

der =Republik=. =Die Seele des Menschen=, mithin sein Begriff, seine

=Idee=, lasse sich, sagt Platon, besser und genauer im Makrokosmos des

=Staates= als im Mikrokosmos des menschlichen =Individuums= erkennen.

Wiederum dieselbe Richtung der Grundkraft des Denkens: die Abkehr von

der Wahrnehmung und ihrem Gegenstande, den der empirische Mensch

bildet, und der Aufstieg zum Menschen, wie der =Prophet= sagt; zum

Staate, wie der =Hellene= sagt. Die Menschheit aber, zum Unterschiede

vom Menschen, wird hier, wie dort, der neue Mensch, hier der Ethik, wie

dort der Religion. Der Mensch, als Staat, das ist der Anfang vom

Menschen der Menschheit. Denn auch in der messianischen Zukunft werden

die Völker der Menschheit nicht anders zur ethischen Vereinigung kommen

als in dem =Staatenbunde der Völker= selbst.

7. Indessen erschöpft sich hiermit nicht die Analogie zwischen Ethik und

Religion. =Erstlich= werden wir fragen, =ob in der Ethik kein Platz sei für

Gott=? Ob, wenn =Platon= diesen Platz nicht bestimmt haben sollte, er in

der ganzen Folgezeit dort nicht Raum gewonnen habe? =Ferner= wird zu

fragen sein, wie die =Grenzbestimmungen= erfolgt sein werden unter den

Ideen =für die Idee des Guten=, und daher =zwischen der Ethik und der

Logik=.

Hier stehen wir an der echten =Pforte der Metaphysik=, die an dem

Kreuzungspunkte liegt, wo =Natur- und Geisteswissenschaft= sich scheiden,

wo die Logik zu Ende geht, und die Ethik beginnen wird. Diese Probe ward

auch der =Ideenlehre= gestellt, und =Platon= hat sie bestanden. Er fragte

sich, ob seine =Grundmethodik= dasselbe Gewicht an =Wahrheitsgeltung=

erlangen könne an dem Problem des Guten, wie an den mathematischen Ideen

und kraft ihrer an dem Problem der Natur. Diese Frage erhob sich in

neuer Schärfe. Denn den mathematischen Ideen und Lehrsätzen wird kein

Abbruch getan, wenn man ihre Abhängigkeit von den =Axiomen= anerkennt,

wenn man die Axiome als die =Grundlegungen= begreift, die voraufgehen

müssen, wenn auf ihrem Grunde die Lehrsätze aufgerichtet werden sollen.

Man sagt hierbei nicht, es sei sonach alles auf Flugsand gebaut; denn

das Schwergewicht dieser Grundlegungen wird richtig eingeschätzt. Man

geht auch über den oberflächlichen Einwand zur Tagesordnung der

Forschung über: daß diese Grundlegungen ja nur =relativ= und =provisorisch=

seien. Sei es drum; mögen immer neue Hypothesen zu erdenken sein. =Die=

Einsicht aber hebt die Grundlegung über jeden Verdacht der willkürlichen

Subjektivität hinweg: =daß anders die Forschung überhaupt nicht anfangen

kann=, daß anders die Forschung =ein wahrhaftes Fundament nicht gewinnen

kann=, es sei denn durch die Grundlegung. Die Grundlegung ist der Grund

alles wissenschaftlichen Denkens; es gibt keinen anderen, und dieser

ist der zulängliche.

8. Kann hingegen auch dem Problem des =Sittlichen= gegenüber diese

methodische Einsicht volle Beruhigung geben? =Sucht und fordert die

Realität des Sittlichen keine höhere Bürgschaft=, als welche die Idee,

als Hypothesis, zu gewähren vermag? Steht das Gute auf derselben =Stufe

der Geltung=, der Wissensforderung und des Geltungsanspruchs, auf der die

mathematischen Ideen stehen, insofern sie den Grund der =Natur= bilden?

Darf ich auch hier alle Ruhe zu finden glauben bei dieser Weisheit

letztem Schluß: daß eine bessere =Gewißheit= nur =Illusion= sei, daß die

=letzte Bürgschaft der Wahrheit= auch hier in dem Werte der Idee als

Grundlegung bestehe? Und wenn es richtig sein sollte, daß eine andere

Art der Gewißheit schlechterdings nicht möglich sei: sollte nicht

dennoch wenigstens die =Frage= ein notwendiges =Problem= bilden, damit an

dieser Frage die =Differenz der Probleme= zwischen dem Sittlichen und der

Natur der Wirklichkeit zu einer methodischen Formulierung gebracht

werden könne? Die Frage selbst hat methodische Bedeutung und daher wohl

auch Fruchtbarkeit, wenngleich auch nicht in jedem Sinne ihre positive

Lösung statthaft sein sollte.

=Platon= hat diese Kreuzfrage an seine Methode gestellt, und er hat auf

Grund derselben unter den Ideen die Idee des Guten =ausgezeichnet=. Er hat

sie als die wichtigste Idee (μέγιστον μάθημα) bezeichnet. An

dem =Gleichnis= mit der =Sonne= hat er sie über alle Sichtbarkeit und

=Erkennbarkeit= hinausgehoben, während er ihr, wie der Sonne, nicht nur

den Grund der =Sichtbarkeit=, sondern auch den =Grund des Seins= und des

Wachstums zusprach. Wie man jedoch nicht den =Helios= sehen kann, sondern

nur seinen =Sprößling=, das =Licht=, so könne auch er das Gute selbst nicht

bestimmen, sondern nur seinen Sprößling: der aber ist doch immer =die

Idee des Guten selbst=.

Wie hebt sich nun der Widerspruch, daß der Ideenlehrer das Gute selbst,

wie den Helios, nicht bestimmen könne, dennoch aber in der =Idee= des

Guten seinen Sprößling anerkennt? Die Idee des Guten bleibt also trotz

alledem das echte Ebenbild des Vaters; =die Idee darf auch beim Guten für

das Gute selbst ihr methodisches Zeugnis ablegen=.

9. Der Widerspruch entsteht und hebt sich =im Begriffe der Idee=. Die

Idee, als solche, kann nur methodische Grundlegung sein; aber für die

Idee des Guten entsteht das berechtigte Verlangen, daß sie mehr sein

möchte, mehr bedeuten sollte. Worin liegt die Berechtigung dieses

Verlangens, wenn doch seine methodische Befriedigung versagt bleiben

muß? Sie liegt in dem =Werte=, den der =Geist= dem Guten beilegt über

=alles Natürliche= und seine Wissenschaft hinweg. Dieses Verlangen darf

nicht gestillt, nicht befriedigt werden, weil dieser Wert nicht

geschmälert, nicht erschüttert, nicht verringert werden darf. Dennoch

aber darf diesem Problem kein anderer Grund gelegt werden, als der in

der =Grundlegung= liegt, weil =Ethik und Logik= zwar voneinander im

Inhalte des Problems =unterschieden=, aber im =einheitlichen Denken=

nicht voneinander abgetrennt werden dürfen; weil Natur und Sittlichkeit

als Probleme ihrem Inhalte nach unterschieden, aber als =methodische=

Probleme, als =Probleme der Erkenntnis= vereinigt bleiben müssen in =der

Einheit der Methode=. So dachte =Platon=; =so begründete er den

Idealismus= in seiner =doppelten= Gestalt: als Logik und als Ethik. Und

so zeichnete er die Bahn vor, die nach langen Jahrhunderten =Kant=

wieder einrichtete.

10. =Platon= hat den Unterschied im =Inhalt= und =Werte= zwischen Logik

und Ethik nicht nur durch das Gleichnis beschrieben; seine abstrakte

Dialektik hat an der =Grenzbestimmung dieses Inhalts der Erkenntnis=

denjenigen Begriff geschaffen, =in dem die Metaphysik ihren Ursprung

hat=, und immerfort ihren =Eigenwert= behauptet. Indem er die Idee des

Guten als die =höchste= Idee proklamiert, erhebt er sie auch =über das

Niveau des Seins=, auf dem alle anderen Ideen sich bewegen: die Idee des

Guten sei »jenseit des Seins« (ἐπέκεινα τῆς οὐσίας). Die folgenden

Worte erklären genugsam den Sinn dieses »wundersamen Übertreffens«: nur

die »Kraft der Würde« (δυνάμει καὶ πρεσβείᾳ) soll dieses Übertreffen

bedeuten. Dennoch läßt es sich verstehen, wie die unmittelbare und alle

spätere Folgezeit über diese Einschränkungen hinweggesehen, und nur auf

die Erfüllung geachtet hat, die hier so mächtig, so gewaltig dargereicht

wird für das Verlangen, das in aller Folgezeit an Mächtigkeit nicht

verloren hat.

Es ist aber so aus der =Jenseitigkeit des Seins=, die hier nur bedeutet

die =Jenseitigkeit zu dem durch die mathematischen Ideen begründeten

Sein=, jene =Jenseitigkeit zu allem Denken, zu aller Erkenntnis geworden,

welche das Problem der Metaphysik bildet=, und vermöge dessen ihr die

allgemeine Heimat der =Philosophie= nicht genügt, so daß sie zur =Religion=

hinüberwandert, oder die Religion bei sich aufnimmt.

=So ist aus der Selbstrechtfertigung der Ideenlehre die Transzendenz des

Guten entstanden.= Und so ist es erklärlich, daß man alsbald, da der

=Monotheismus= in das abblühende Griechentum eindrang, in ihm =Gott=

erkannte und mit ihm identifizierte. Dem Gipfel, den die Ideenlehre in

dieser Messung des Guten mit der Idee, als Grundlegung, bildet, wurde

dadurch zwar die Spitze abgebrochen, die ihn mit dem Fundamente seines

Erdreiches verbindet, aber der Gipfel blieb doch in seiner Isoliertheit

und Ferne am Horizonte des Denkens aufragend. Das Gute war nun als das

Problem des Sittlichen ausgezeichnet, und die Ethik war von der Logik

unterschieden, aber durch die Idee mit ihr in Zusammenhang erhalten,

wenngleich dieser wiederum in die Metaphysik gelegt wurde.

11. Es sei hier nur noch kurz daran erinnert, daß dieser Zusammenhang

auch noch durch andere Begriffe festgehalten wurde, methodisch durch den

Begriff des =Zwecks=, dessen Leugnung daher bei =Spinoza= charakteristisch

für seine Ethik und nicht minder auch für ihr Verhältnis zur Logik ist.

Unter den Inhaltsbegriffen aber mußte ja schon der Begriff des Menschen

für die Behauptung des Zusammenhanges mit der Logik sorgen, da der

Mensch =biologisch= und =anthropologisch= nicht von der Logik abgelöst

werden kann, seiner anderen Bedeutung nach aber gänzlich das Gebiet der

Ethik ausfüllt, so daß es bedenklich und daher gänzlich aufgegeben

wurde, =den Begriff Gott neben dem Hauptbegriffe des Menschen in die

Ethik aufzunehmen=. So sehr sollte sie ausschließlich die Lehre vom

Menschen sein. Wenn dadurch nun aber wiederum der Zusammenhang der Ethik

mit der =Religion= aufgehoben wurde, so trat hiergegen die =Metaphysik= in

die Bresche, um diese Lücke zu überbrücken. Vornehmlich hingegen sollte

das Gute, als das Problem des Menschen, den Gegenstand der Ethik bilden.

So ging es durch Altertum und Mittelalter auf die Neuzeit hinüber. Auch

=Kant= hielt den Zusammenhang der Religion mit der Ethik in der präzisen

Weise fest, daß er die =Theologie nur als Ethiko-Theologie= gelten ließ,

die Ethik mithin der Religion als ihre Voraussetzung vorbaute und

unterbaute, dennoch aber auch als ein =besonderes Verhalten des

Bewußtseins sie bestehen ließ=. Wir kommen hierauf zurück; jetzt aber

setzen wir zunächst die =vorläufige= Musterung unter den =Gliedern= des

philosophischen =Systems= fort.

Der Begriff der Religion im System der Philosophie · 第 3 / 17 段