6. Die Schwierigkeit, die zwischen Religion und Kunstgefühl sich gezeigt

hat, leitet uns zu einer allgemeineren Erwägung der Schwierigkeiten

hinüber, die für die systematische Begründung der Religion überwunden

werden müssen. Es bestehen nämlich nicht nur =mit allen Richtungen des

reinen Bewußtseins Berührungen= der Religion, sondern diese Berührungen

sind genauer so zu verstehen, daß sie einen Teil des Inhalts zur Deckung

bringen. Daher scheint kein eigenes Problem für die Religion

übrigzubleiben. Sie ist ja in allen Richtungen schon enthalten, sofern

sie sich mit ihnen berührt. Man nimmt keine Latenz an, und es scheint

daher, daß sie in allen schon sich =entfaltet= habe, und daß sie somit als

eigene Richtung erledigt sei.

Diese Inhaltsgleichheit zeigt sich schon an dem allgemeinen Problem der

=Wahrheit=, diesem gemeinsamen Zielpunkt aller systematischen Richtungen.

Wir sagten schon, daß sich ohne dieses Ziel kein Zusammenhang zwischen

Religion und Philosophie herstellen lasse. Das =Apriori= der Religion muß

das Fundament auch dieser philosophischen Methodik bilden. Und durch

dieses Apriori ist die Religion mit der Erkenntnis verbunden. Alle

Bedenken dagegen müssen auf Mißverständnissen beruhen. Die Religion

würde allen echten =Kulturwert= einbüßen, wenn sie der Gemeinschaft mit

der Erkenntnis entrissen würde. Wenn aber ihr Zusammenhang mit der

Erkenntnis unlösbar ist, so ist damit ihr Zusammenhang mit der Logik in

aller Strenge befestigt.

7. Welche Bedenken könnten denn dagegen sich erheben, daß die =gemeinsame

Grundlage des wissenschaftlichen Denkens= auch für die Religion als

=Vorbedingung= gelten müsse? Es ist doch wohl gar nicht anders zu

verstehen, als daß die Einwände gegen diese Grundforderung von

Zielpunkten herkommen, welche der gesamten Richtung der

=wissenschaftlichen Philosophie= zuwiderlaufen.

Wenn die =Intuition= dem Denken der Erkenntnis entgegengestellt wird, so

hat darauf schon Mephisto geantwortet: verachte nur Vernunft und

Wissenschaft. Die =Vernunft= ist die Vernunft der Wissenschaft. Und wenn

anders die Religion auf Vernunft beruhen soll, so kann es für sie keine

andere Unterlage geben als die Wissenschaft, und kein anderes Instrument

und Organ als die Erkenntnis. Die Prediger der Intuition braucht man

nicht erst an ihren Früchten zu erkennen; sie enthüllen sich genugsam in

ihrer Aussaat, bei der sie die Pflugschar der Erkenntnis nicht sowohl

verschmähen, als vielmehr mißbrauchen. Die Verächter der Wissenschaft

sind die schlimmsten Feinde der Religion.

8. Gehen wir nunmehr zur Betrachtung des =Inhalts= über, den die Religion

zur Erzeugung haben kann, und der ihr dennoch mit den =drei= Gliedern des

Systems gemeinsam sein soll, so muß dieser Inhalt samt und sonders an

den Begriffen =Gott= und =Mensch= zur Gestaltung kommen. Vielleicht zwar

ist es nicht durchaus notwendig, daß der Inhalt der Religion schlechthin

=identisch= werde mit den Begriffen von Gott und Mensch. Vielleicht ist es

daher schon nicht richtig, mit der Ausschließung =Gottes= die Religion

aufzuheben. Und vielleicht könnte man diese Konsequenz noch dahin

steigern, daß es sogar nicht durchaus notwendig sei, mit der

Ausschließung des =Menschen= die Religion aufzuheben. Aber man müßte dann

eben für Gott, sowie für den Menschen, Begriffe einsetzen können, welche

den =homogenen= Inhalt der Religion bilden würden. Und dann würde die

Frage entstehen, in welchem Sinne und Grade der =Gleichartigkeit= diese

eingesetzten Grundbegriffe zu denen von Gott und Mensch schließlich in

Relation ständen.

9. Als solche Grundbegriffe der Religion von weiterem Umfang könnten

gedacht werden für Gott das =Universum=, und für den Menschen die =Seele=.

Wenn man aber mit diesen Begriffen die Religion entwickeln wollte, so

würden wir sehen, daß auch von hier aus zu Gott und Mensch der Weg

hinausführt. Und wir wollen zunächst sehen, daß bei dem Anfang mit dem

Universum und der Seele von vornherein und prinzipiell der Weg der

=Erkenntnis= beschritten wird.

10. Um uns für diesen Leitgedanken auf die richtige Fährte zu bringen,

bleiben wir nicht bei den Verallgemeinerungen stehen, die Universum und

Seele bilden, sondern halten uns an den noch allgemeineren Begriff, der

der Grundbegriff aller Philosophie für alle ihre Grundrichtungen ist,

und der daher auch am besten beweisen kann, daß die Religion zur

Philosophie gehört, wenn sie auch zu diesem Grundbegriffe gehörig ist,

wenn sie zum mindesten an dem Problem jenes Grundbegriffes einen

natürlichen und unbestreitbaren Anteil hat.

=Ein solcher Grundbegriff ist der des Seins.=

Für die Religion gehört es sicherlich zu den einleuchtendsten Wegweisern

ihres Rationalismus, daß die =mosaische= Urkunde, und zwar in der =ersten

Offenbarung an Mose=, Gott als den Seienden offenbart. »Ich werde sein,

der ich sein werde«. Und wenn es selbst grammatisch richtiger heißen

sollte: »Ich bin, der ich bin«, so bleibt doch die Verbindung mit dem

Sein bestehen, die in der Tempusform der Zukunft nur noch kräftiger wird

in der Abstraktion, in der Abkehr von allem =Wirklichen= der Gegenwart.

Aber wenn selbst diese Abstraktion nicht im ausdrücklichen Gedanken

vollzogen wäre, so bleibt durch die Verbindung mit dem Sein überhaupt

auch die mit der Zukunft gewahrt, und es ist keinesfalls dabei die

Bindung an die sinnliche Gegenwart bewiesen; vielmehr ist die =Berufung

auf das Sein= in dieser Form der Offenbarung, der ersten

Selbstdarstellung Gottes, ein hinlängliches Merkmal für die Grundtendenz

dieser Gotteslehre: =daß dieser Gott als das Sein sich geltend macht=.

Es ist wie wenn er der Philosophie zurufen wollte: das Sein ist nicht

ausschließlich das Problem der Philosophie, sondern nicht minder auch

das der Religion. Denn ob die Philosophie das Sein zu erkennen vermag,

das sei außer Frage gestellt, hier aber wird die Forderung erhoben: =Gott

ist das Sein=. Und was diese These zu bedeuten habe, das wird zum =Inhalte

der Religion= gemacht. Dabei muß es ganz außer Frage bleiben, welche

Beziehung, welche Gefahr der Beziehung sich aus dieser These für die

Religion und für ihr Verhältnis zur =Wissenschaft= ergeben könne. Diese

Fragen können selbst erst durch die Verbindung der Philosophie mit der

Religion so gestellt, wie gelöst werden.

11. Es ist aber nicht allein für die Religion von grundlegender

Bedeutung, daß sie in Gott das Sein sich zum Problem setzt, sondern,

allen Bedenken der Kulturkonflikte entgegen, ist es von grundlegendem

Werte für den Kulturgeist der Religion, daß sie sich mit diesem Problem

in fundamentale Gemeinschaft versetzt mit der Logik, deren Grundproblem

das Sein der Wissenschaft ist. Es ist verfehlt, hier einzuwenden, daß

der Begriff des Seins in einem =Doppelsinne= von der Religion aufgenommen

werde, und daß dadurch in den Begriff des erkennenden Geistes ein

Doppelsinn, eine Zweideutigkeit eingepflanzt würde. Dieses Bedenken

entspringt einem methodischen Irrtum; denn es wird sich fragen, ob

dieser Doppelsinn nicht vielmehr ein notwendiger, nicht bloß ein

unvermeidlicher ist, sondern daß er den Gedanken einer =zweiten Art des

Seins= in sich enthält. Und gerade dieser Punkt wird zu einer wichtigen

Erörterung führen.

12. Es ist ja freilich bei dem Rekurs auf literarische Nachweise in

einer solchen Grundfrage von nebensächlicher Bedeutung, wie die

=biblische Urkunde= zu dieser philosophischen Grundfrage sich stellt; denn

sie selbst haben wir als ein primitives Literaturprodukt mit aller der

einem solchen eigenen Naivetät wissenschaftlich aufzufassen. Es kommt

aber auf die =Entwicklung= an, welche in der =Geschichte der Religionen=

ein solcher naiver Satz genommen hat. Und wenn nun gar der fragliche

Gedanke an sich die Naivetät des Mythos übersteigt, so kann es nicht

hoch genug geschätzt werden, daß der primitive Gedanke in einer strengen

=Abstraktion= des Ausdrucks zur =Grundformel für den Gottesbegriff= an

jener urkundlichen Stelle gemacht und für alle Zeiten und für alle

Entwicklung in dieser abstrakten Formulierung festgehalten wird.

13. Betrachten wir den Zusammenhang, in dem diese =erste= Offenbarung

Gottes, als des Seins, hervortritt. Mose wird am =Dornbusch= zur Befreiung

seines Volkes aufgerufen. Es ist nun charakteristisch, wie der neue Gott

von dem alten Gotte der Väter sich unterscheidet. Mose sagt: »Siehe, ich

komme zu den Kindern Israels und spreche zu ihnen: der Gott eurer Väter

hat mich gesandt zu euch, da werden sie mir sagen: was ist sein Name?

was soll ich sagen zu ihnen?« Da sprach Gott zu Mose: »Ich bin, der ich

bin .. =ich bin= hat mich gesandt zu euch« (2. M. 3, 13). Hier wird also

deutlich der Gott mit dem neuen Namen unterschieden von dem »Gotte eurer

Väter«. Aber nur der Name ist neu; er ist nur eine neue Bezeichnung für

den Gott der Väter. Dies besagt der folgende Vers, der offenbar für den

neuen Namen in dem Schlußsatze gipfelt: »Dies ist mein Name für immer,

und dies mein Gedächtnis von Geschlecht zu Geschlecht«. Mit solchem

Nachdruck wird der neue Name eingeführt als der für alle Zeiten

geltende.

Es sollte daher nicht mehr vorkommen, daß von dieser Hervorhebung

Gottes, als des Seienden, unterschieden wird »der wahrhaft Seiende im

philosophischen Sinn«. Diese Unterscheidung gehört nicht zur

Bibelexegese. Nicht nur die Bibel, sondern auch die Bibelexegese braucht

nichts von Philosophie zu wissen. Es genügt, daß =Kautzsch= trotz dieser

seiner nicht sachgemäßen Bemerkung dennoch erklärt: »Die Stelle macht

Mose zum =Stifter des israelitischen Monotheismus=«. Es ist nun durchaus

lediglich Sache der Philosophie, das =Verhältnis= klarzustellen, welches

zwischen dem =Monotheismus= und dem Begriffe des =Seins= besteht. Und wenn

auch der Zusammenhang der philosophischen Probleme für das Problem des

Seins eine Unterscheidung von dem Begriffe Gottes fordert, so folgt

daraus keineswegs, daß nicht dennoch der religiöse Gottesbegriff zu dem

philosophischen Seinsbegriff in eine innerliche Beziehung treten kann.

14. Es ist übrigens auch die Bedeutung der =grammatischen= Einsicht nicht

zu überspannen. Wenn dem Futurum die Bedeutung des Präsens zuerteilt

wird, so wird dadurch eben auch die =Differenz zwischen Gegenwart und

Zukunft= verringert. Das Sein wird nicht in der Gegenwart festgelegt,

sondern es schwebt über sie hinaus. =Gegenwart und Zukunft werden in

diesem Sein Gottes verbunden.=

Und es bedarf nur eines Vorblicks auf den Grundgedanken des

prophetischen =Messianismus=, um die Tragweite dieses Seins für den =Gott

der Geschichte= zu erkennen. Aber diese Konsequenz des Urgedankens haben

wir jetzt noch nicht weiter zu betrachten; an diesem Punkte genügt es

uns, die hohe, steile =Abstraktion= zu würdigen, in welcher hier bei der

ersten Offenbarung der monotheistische Gott sich darzustellen wagt. Denn

was hat der Redaktor sich gedacht? Wie soll der schlichte Mensch in

aller bisherigen Zeit, geschweige der Israelit der Vorzeit diese

Abstraktion sich zu Verstande bringen? Dennoch heißt es: »Dies ist mein

Name und dies mein Gedächtnis für alle Zeiten.« Der Text macht es

unbestreitbar, daß das =Wesen des Einzigen Gottes in diesen Begriff des

Seins gelegt wird=. Und so ist es nicht zu verwundern, daß die religiöse

Spekulation über Gott und seine =Einheit= gebunden bleiben mußte an das

Problem des Seins.

15. Damit aber ist festgestellt, =daß die Religion, als Theologie, der

Verbindung mit der Logik sich von vornherein und für alle Folgezeit

nicht entziehen kann=. Denn mochte immerhin innerhalb der reinen

Philosophie der Begriff des Seins nicht ausschließlich, nicht

vornehmlich sich auf Gott beziehen, so fordert dennoch die Gemeinschaft

dieses Begriffes eine Art von Gemeinschaft ihrer anderen, ihrer

untergeordneten Beziehungen; schon die Differenz ist durch diese

Gemeinschaft bedingt.

Aber außerdem wird sich die Frage erheben, ob die Gemeinschaft nicht

auch positiv Unterscheidungen hervorruft, die nicht nur der Religion

zugute kommen dürften. Damit blicken wir schon auf die =Ethik= hinüber.

16. Bleiben wir indessen noch bei dem Verhältnis zur Logik stehen, so

gilt es zunächst, ein =Vorurteil= darin zu erkennen, =daß man für die

Bedeutung des Monotheismus den Schwerpunkt in die Einheit legt: er liegt

im Sein, und zwar in der Einzigkeit des Seins, welches das Sein Gottes

ausmacht=. In diesem Sein werden allerdings die Unterschiede der Zeiten

hinfällig; daher vermag noch am besten die =Zukunft= dieses einzigartige

Sein, das wahrhaft geistige, das göttliche Sein zu beschreiben. Und so

erkennen wir von hier aus, aus der Differenz zwischen der Einheit und

dem Sein, aus der Verwandlung der Einheit in die =Einzigkeit= noch genauer

den uranfänglichen Anteil des =Monotheismus= am Sein, mithin an der Logik,

die der philosophische Mutterboden des Seins ist.

17. Auch der Zusammenhang des Seins mit der =Einheit= ist von historischer

Urbedeutung für den Zusammenhang des Gottesgedankens mit der Logik.

Bevor =Parmenides= Sein und Einheit verknüpfte, hatte =Xenophanes durch die

Einheit Gott und Welt verknüpft=. So war noch vor der Verbindung der

Einheit mit dem =Sein der Natur= die Verbindung mit dem =Sein Gottes=

erdacht worden. Und die =Eleaten= wurden so die Begründer des

=Pantheismus=.

Nicht für Gott wurde die Einheit zuerst erdacht, und auch nicht, wie

durch Parmenides, für die Natur, für den Kosmos, sondern ausdrücklich

wurde =diese Verbindung= als der Sinn der Einheit des Kosmos bezeichnet:

»Diese Einheit sei der Gott.« Die Einheit des Kosmos wurde gleichsam

vorweggenommen, ihr wurde keine genauere Spekulation gewidmet; sie wurde

aber vom Kosmos abgelöst und auf Gott bezogen, in dem diese Einheit des

Kosmos erst zur Realisierung gelange. Am Kosmos hat die Einheit nur die

Bedeutung der Ganzheit, der Gesamtheit ἓν καὶ πᾶν. Erst durch

die Beziehung auf Gott und seine Einheit wird die Einheit des Kosmos

vollzogen: in seiner Einheit mit Gott. Eigentlich also ist es die

=Identität=, der die Bedeutung der Einheit zukommt. Aber auch von dieser

Seite bleibt das Verhältnis unverrückt zwischen den Begriffen =Einheit=,

=Sein= und =Gott=.

18. Parmenides läßt zwar die Identität des Seins mit Gott fallen; die

Einheit wird durch ihn zu anderen Bedeutungen am Sein entwickelt, vorab

zur =Beharrung=; aber die Einheit selbst bleibt in Wirksamkeit, kommt zu

neuer Wirksamkeit am Sein: =die Identität von Denken und Sein= wird

aufgestellt. =Was bedeutet diese Identität, als eine Form der Einheit?=

Eine Epoche des Geistes bezeichnet diese Wendung. Jetzt erst fängt das

Leben und Wirken des Geistes an, das =Selbstbewußtsein des Geistes=. Der

Geist beginnt da selbständig zu werden, wo er von der Natur sich

unterscheidet, um sie sich unterzuordnen. Die Unterscheidung von der

Natur vollzieht sich aber durch die Unterscheidung des Geistes von der

sinnlichen =Empfindung= und Wahrnehmung, und die Unterordnung durch die

Hervorhebung der Spontaneität und Reinheit des =Denkens=, wodurch der

Unterschied von der Empfindung erst vollendet wird.

Das ist der Sinn der Eleatischen =Einheitslehre von Sein und Denken=. Auch

hier bedeutet die Einheit die =Identität= von Denken und Sein, aber sie

beruht auf der =Einheit=, die vorher an dem göttlichen Sein der =Natur=

vollzogen worden war. Jetzt erst vollzieht sich die wahrhafte Begründung

dieser Einheit: =durch das Denken=. Im Denken erst entsteht und setzt sich

die Einheit ins Werk. Vom Denken geht diese Einheit, die das Denken

ausmacht, auf das Sein hinüber, und begründet im Sein die dort schon

pantheistisch vorbereitete Einheit. Jetzt erst wird sie durchgeführt,

und bei dieser Durchführung, nämlich vom Denken auf das Sein und vom

Sein auf das Denken, geht die Einheit wieder in die Identität über.

Aber die Einheit, im Denken, nicht in der Wahrnehmung entstanden, wirkt

sich hier auch am Sein des Kosmos zur =Einzigkeit= durch, und das ist sehr

lehrreich. Die Einheit des Kosmos bedeutet jetzt, den früheren Himmeln

und Welten gegenüber, die Einzigkeit des =Universums= mit dem Einen

=Schwerpunkte= der Kugel und seiner =Beharrung=. =So wird auch hier die

Einheit des Seins zur Einzigkeit der Natur gesteigert.=

19. Diesen Begriff des Seins bringt der Begriff des Denkens zustande,

und in diesem Begriffe des Denkens entsteht der Begriff des =Geistes=. Es

hängen demgemäß auch in der reinen Philosophie der Natur die Einheit und

die Einzigkeit des =Seins= mit der Einheit des =Denkens= und der Einzigkeit

des =Geistes= zusammen. Denn wenn schon das Sein einzig ist, so um so mehr

der Geist, der der bunten Welt der Sinne gegenübersteht. =Nur das im

Denken gegründete Sein bildet keinen Widerspruch gegen den Geist=; denn

die Welt des Denkens ist die Welt des Geistes; die Einheit verbindet

Sein und Denken.

20. Es ist auch zu beachten, wie die Einheit ebenso auch =Denken= und

=Gott= verbindet, was ja schon bei =Xenophanes= sich gezeigt hat. Und

wie die Eleaten durch die Einheit Denken und Sein verbinden, so verbinden

die =Israeliten= durch die Einheit Denken und Gott.

21. Es wird daher auch erklärlich, was man gemeinhin nicht auffällig

genug findet, daß durchgängig in der alten Bibel, vom Pentateuch zu den

Propheten und den Psalmen das Verhältnis zu Gott als =Erkenntnis=

gefordert wird. Es ist nicht genug, daß der =Dienst=, die =Verehrung=, der

=Gehorsam= gegen Gott gefordert wird: mit dem eigentümlichsten Nachdruck

wird alles Gewicht auf die Erkenntnis Gottes gelegt. Und diese Aufgabe

bleibt der Leitgedanke für alle Entwicklung des =Monotheismus=.

22. Aber noch ein =anderes= Motiv wird hieraus verständlich. Nicht nur die

Erkenntnis Gottes wird gefordert, sondern ebenso auch die =Liebe=. Sie

scheint ein ganz neues, ganz anderes Bewußtseinsmotiv zu sein. Und oft

genug tritt daher Kollision und Konflikt zwischen diesen beiden Motiven,

dem intellektuellen und dem emotionalen, ein. Der =Rationalismus= bemüht

sich aber immer, die Einheit dieser beiden durchzusetzen. Und er tut

dies völlig mit Recht. Denn es wird auch gemeinhin nicht als auffällig

empfunden, wie die Liebe zu einem Wesen gedacht werden kann, das jeder

=unmittelbaren= Beziehung mit dem Menschen entrückt ist.

Erkennen wird im =Hebräischen= durchgängig gebraucht für den

=geschlechtlichen Verkehr=, und zwar für den =legitimen=. Es bedeutet

mithin die =innigste Vereinigung=, und daher als Symbol die =wahrhafte=

Erkenntnis, als Vereinigung des Geistes mit seinem Inhalt. =Durch diese

Identität zwischen Erkenntnis und Liebe ist vielleicht die Liebe erklärt=,

die zunächst wenigstens nichts anderes zu bedeuten habe als die Erkenntnis.

Später treten noch andere Motive aus dem Gottesgedanken zu dieser

Grundbedeutung der Liebe hinzu. Aber um so auffälliger wird durch diese

Identität mit der Liebe das Gebot, der Gedanke der Erkenntnis. Wie kann

es verstanden werden, daß der Mensch =eine dieser Innigkeit entsprechende

Erkenntnis von Gott= gewinnen oder auch nur anstreben soll?

23. Darauf gibt es nur eine Antwort, welche wiederum in einer Frage

besteht: wie kann es verständlich werden, daß das Denken mit dem Sein in

Identität kommen soll? Das ist eben der Sinn des Denkens, und das ebenso

der Sinn des Seins, darin besteht die Neuheit, =der neue Wert dieser

beiden Begriffe=, daß sie dieses Wunder als solches einführen. Denn auch

hier muß man fragen: wie kann ein Denken so gedacht werden, daß es

Identität mit dem Sein eingeht? Und wie kann ein Sein so gedacht werden,

daß es mit dem Denken Identität eingehen kann? Das aber ist eben der

eigentliche Sinn dieser beiden neuen Begriffe, bei deren Entdeckung der

dritte neue Begriff, der der Einheit mitgewirkt hat. Wir =schließen= also

von der Bedeutung der Einheit für das =Denken und das Sein der Natur= auf

die Bedeutung der Einheit für die Erkenntnis Gottes. =Dem Eleatischen

Sein entspricht in der Religion der Begriff des Einzigen Gottes, als des

einzigen Seins=.

24. Das ist die neue Folgerung: die =Einzigkeit Gottes= bedeutet von

vornherein nicht seine =Ungeteiltheit=, auch nicht nur seine

=Unvergleichbarkeit= mit anderem Sein, sondern schlechthin seine

=Identität= mit dem Sein, =so daß dieser gegenüber kein anderes Sein in

Geltung bleibt=. Würde die Religion sich in Philosophie entfalten und

ausbreiten, so würde sie danach =Kohelet= zu ihrem Kanon machen, und die

=Skepsis=, den Schein, die Nichtigkeit über alles angebliche Sein

verhängen. Der Monotheismus hat jedoch positive Aufgaben, die ihn von

dieser Negative abrufen.

25. Indessen sahen wir bereits bei =Xenophanes=, daß nicht nur der

Skeptizismus die Konsequenz von der Einheit Gottes ist. Allerdings war

diese Einheit, wenn nicht eine Übertragung, so wenigstens eine Analogie

mit der Einheit des Kosmos, und in dieser Analogie selbst erst

entstanden. Die Welt hat Einheit und Gott hat Einheit. Dieses letztere

bedeutet aber: Gott hat Einheit mit der Welt. Die Einheit wird hier zur

=Identität=, die erst bei =Parmenides= zwischen dem Denken und dem Sein

vollzogen wurde. Bei Xenophanes ist nicht nur Konsequenz, sondern

Mitgedanke: der =Pantheismus=.

26. So treten vom ersten philosophischen Anfang an =Monotheismus und

Pantheismus in Gegensatz= zueinander. So unversöhnlich, so unausbleibbar

erkennen wir hier diesen Widerspruch aus dem Grundgedanken des

Monotheismus heraus. Gott allein, daher der Einzige Gott, ist das Sein.

Die Natur darf sich nicht der Identität mit ihm anmaßen. Er allein ist

das Sein. Seine Einzigkeit bedeutet seine einzige Identität mit dem

Sein, der gegenüber alles andere vermeintliche Sein zur Schattenwelt des

Scheins und der Nichtigkeit herabsinkt.

=Es gibt keinen Ausgleich zwischen Monotheismus und Pantheismus.= Das =Pan=

der Natur ist der absolute Widerspruch zur Einzigkeit Gottes.

Und auch hieran ändert sich nichts dadurch, daß dieses =Pan= für das

Denken der Natur ein wertvoller und notwendiger Begriff ist. Denn man

darf ja niemals vergessen, daß der Monotheismus nur ein Standpunkt des

Geistes zur Welt ist, der durch andere Standpunkte der Ergänzung bedarf.

Der Monotheismus ist ja nicht das Prinzip der Naturwissenschaft.

Freilich ist aber auch die Naturwissenschaft nicht der einzige

Standpunkt des Geistes zur Welt, insofern diese auch die =sittliche Welt=

ist.

Wenn der Pantheismus eine Berechtigung haben sollte, so könnte er sie

nur für die =Ethik= haben; hier aber stehen wir bei dem Verhältnis des

Gottesgedankens zur =Logik=. Und für dieses Verhältnis bildet der

Pantheismus einen Hemmschuh; denn er bringt einen Widerspruch nicht nur

in den Begriff Gottes, sondern auch in den der Natur, indem er beide in

Identität setzt.

27. =Identität= kann bestehen zwischen Denken und Sein und zwischen Gott

und Sein; =aber im letzteren Falle kann es kein anderes Sein geben=. Der

Pantheismus schafft selbst diesen =Doppelsinn= für das Sein, den er aber

wieder aufhebt, indem er das Sein der Natur mit Gott gleichsetzt. Daher

jedoch hebt er den Doppelsinn im Begriffe des Seins nicht auf, sondern

er =befestigt= ihn.

Das ist, von aller Beziehung auf die Ethik, von aller monotheistischen

Bedeutung Gottes abgesehen, der logische Grundfehler im Pantheismus: daß

er den Begriff des Seins =zweideutig= macht. =Deus sive natura=, sagt

=Spinoza=. In diesem Einen Worte liegt sein logischer Grundfehler. =Und

alle Philosophie muß falsch und verkehrt sein, wenn ihr Verhältnis zur

Logik nicht einwandfrei ist.= Diese Einwandfreiheit muß auch bei den

=Definitionen= und den =Axiomen= sich ausweisen. Es darf keine

=Adäquatheit= der Erkenntnis angenommen werden, wenn das =Prinzip=, an

welchem und für welches die Adäquatheit angestrebt werden soll, nicht

als =erstes= Erfordernis der Axiome und der Definitionen befolgt und

klargestellt ist.

28. Der Pantheismus muß daher einen Widerspruch zum =Rationalismus= und

=Idealismus= bilden: er kann immer nur aus Mystik erschlichen sein, und

mit Mystik in Verschleierung bleiben. Mystik aber verträgt sich auch mit

=Materialismus=.

Der Begriff der Religion im System der Philosophie · 第 2 / 17 段