14. Jede Differenz, die unter den Richtungen des Kulturbewuß

Anmerkungen zur Transkription:

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übernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler sowie innerhalb des

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DER BEGRIFF DER RELIGION

IM SYSTEM DER PHILOSOPHIE

VON

HERMANN COHEN

[Illustration]

VERLAG VON ALFRED TÖPELMANN

(VORMALS J. RICKER) GIESSEN 1915

PHILOSOPHISCHE ARBEITEN

HERAUSGEGEBEN VON

HERMANN COHEN UND PAUL NATORP

IN BERLIN IN MARBURG

X. BAND 1. HEFT

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung, vorbehalten.

Copyright 1915 by Alfred Töpelmann

(Vorgeschriebener Wortlaut für den Schutz des Urheberrechts in Amerika)

DER MARBURGER SCHULE

IN DANK UND ZUVERSICHT

GEWIDMET

Vorrede.

Die Widmung dieser Schrift ist zu allernächst die schuldige Antwort auf

die Sammlung der »Philosophischen Abhandlungen«, mit der die Freunde

meinen 70. Geburtstag ausgezeichnet haben. Wie ich nun in dieser Schrift

den systematischen Begriff der Religion in dem Begriffe des Individuums

zu begründen suche, so wende ich mich auch an die lieben Freunde, die

persönlichen Träger und Glieder dieser Schule, mit meinem innigen Danke,

mit meinen treuen Wünschen und Hoffnungen für die Erhaltung und

Hochhaltung unserer Arbeitsgemeinschaft, der immer neue Anhänger des

Geistes unserer Methode sich anschließen mögen.

Das Alter ist die Zeit des Gedenkens. Der Greis hängt sich an die

Vergangenheit, wenn er noch so sehr den Blick in die Zukunft sich zu

bewahren strebt. Es teilen sich dem Alter auch immer mehr

Lebensabschnitte ein, die das Gedenken fruchtbar machen sollen. Auch

diese Widmung fällt in die Zeit, in der ich vor funfzig Jahren die

philosophische Doktorwürde erlangte. Und obzwar ich von da ab den

damaligen Verhältnissen des philosophischen Studiums gemäß eine geraume

Wartezeit mir auferlegte, so lenkt sich zugleich jetzt die Erinnerung

unwillkürlich zurück an meine Aufnahme in Marburg, die ich nicht

überschätze, wenn ich sie als ein bedeutsames Beispiel, vielleicht darf

ich sagen, als ein Vorbild in der Geschichte der Habilitationen

bezeichne.

Hier muß ich nun wiederum des herrlichen Mannes zuallererst gedenken,

der, eine lebendige Personifikation des deutschen Idealismus, nicht nur

den Eintritt dort mir ermöglicht, sondern auch mit seinem Ansehen bei

dem gesamten Lehrkörper das allgemeine Vertrauen in mein Wollen und

Streben alsbald mir geworben und befestigt hat.

Mit =Friederich Albert Lange= muß mein Gedenken nun auch alle die Männer

verknüpfen, die durch ihr sachliches Zutrauen und ihre persönliche

Sympathie in diesen ersten Anfängen mein Wirken unterstützten. Alle

diese Männer hatten noch das historische Bewußtsein von der Bedeutung

der Philosophie überhaupt für das wahrhaftige Leben der Universität. Und

wenn sie auch nicht alle meine ersten Arbeiten in eigener Lektüre

begleiteten, so hatten sie doch alle die wissenschaftliche Überzeugung,

daß ein rechter Weg da angebahnt werde, daß der neue Weg zu Kant einen

Einschnitt und einen Aufstieg bedeute in der Laufbahn des deutschen

Geistes. Aus allen Wissenschaften und Fakultäten wurde ich durch

einsichtige Zustimmung zu der angestrebten Arbeitsweise ermutigt. Sie

sind fast alle inzwischen dahingegangen, und ihnen allen habe ich, wenn

auch in verschiedenem Grade, zu danken. Nur die Gruppen seien

bezeichnet. Mit den Philologen verbanden sich die Historiker und nicht

minder die Theologen, aber auch die Naturforscher und Mediziner

schenkten mir ihr Interesse für meine literarische, wie auch für meine

Lehrtätigkeit, sofern sie in dem Studium der wissenschaftlichen Fächer

Blüten hervortrieb.

Die ersten Jahre nach der Gründung des Reiches, der ideale Aufschwung

des Nationalbewußtseins im echten deutschen Geiste begünstigte meine

ersten Schritte. Als dann aber auch in die philosophische Klause, die in

geräuschloser Stille und nur in engen Kreisen arbeiten wollte, die

andere Zeitwendung mit ihrer Mißstimmung und Ungunst hereinbrach, da war

zuvor schon der Beistand erschienen und rastlos erstarkt, ohne den die

Schule nicht zu ihrer Gediegenheit hätte kommen können, der mir selbst

in den schweren Kämpfen, die ich für die Sache der Philosophie, wie wir

sie bekennen, in wachsender Schärfe zu bestehen hatte, ein starker und

zuverlässiger Helfer wurde, und von dessen unermüdlicher Schaffenskraft,

wie von seiner Hingebung an alle die großen und die kleineren Aufgaben

des philosophischen Lehrers die Zukunft der Schule zu allernächst

abhängt: =Paul Natorp= sei an diesem Lebensabschnitt mein Dank aus

tiefster Seele ausgesprochen.

Die Schule besteht von Anfang an nicht nur aus unmittelbaren Schülern,

und der Anschluß von außerhalb dürfte ihr höheres Recht bewähren. Einem

solchen Freunde habe ich hier noch zu danken für das Dokument einer

Gemeinschaft des Geistes und der Gesinnung, das er diesem Büchlein in

dem Kunstwerke des Index gestiftet hat. Möge diese Krönung meiner Arbeit

weithin nicht nur das Studium ihrer selbst erleichtern, sondern auch für

das gesamte System sich als Wegweiser und Führer nützlich erweisen.

So habe ich denn in dem Vorwort dieser Widmung den Weg beschritten, auf

den der Grundgedanke dieser Schrift hinweist. Auch hier ist der Begriff

der Schule kein Kollektivbegriff geblieben, sondern menschliche Personen

hat die Dankbarkeit hervorgehoben: ohne deren Vorarbeit die Schule nicht

hätte ins Leben treten können -- auf deren Erfolg wir nicht

hingearbeitet, nicht hingedacht hatten, deren Erscheinung wir schon

unter der Ungunst der allgemein herrschenden Verhältnisse nicht erwarten

konnten. Daher beirrt uns aber auch die Situation nicht, die inzwischen

eingetreten und der alsbald die große Zeit der Sorgen und der Hoffnungen

gefolgt ist. Der wissenschaftliche Charakter, den eine Universität

einmal, in einer engsten Richtung selbst, angenommen hat, behält seine

Tradition in der Geschichte -- zumal wenn er von einer verwandten

Geistesrichtung als genius loci bestätigt wird. Und solche Hilfe hat die

Theologie in die Annalen der alma mater Philippina für uns eingetragen.

Auch diesen Dank möchte diese Schrift über Religion endlich noch

andeuten dürfen.

Und so lasset uns unverzagt und unentwegt weiter arbeiten, im

unerschütterlichen Vertrauen auf die fortwirkende Gemeinschaft des

Geistes in allen Richtungen des deutschen Schaffens mit seiner

Philosophie.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

I. Das Problem des Begriffs der Religion im Verhältnis zur

Religionsgeschichte und zur Metaphysik 1

II. Das Verhältnis der Religion zur Logik 16

III. Das Verhältnis der Religion zur Ethik 32

IV. Das Verhältnis der Religion zur Ästhetik 85

V. Das Verhältnis der Religion zur Psychologie 108

Register 141

I. Das Problem des Begriffs der Religion im Verhältnis zur

Religionsgeschichte und zur Metaphysik.

1. Den =Begriff einer Wissenschaft= zu bestimmen, ist überall eine

schwierige Aufgabe. Und nicht leichter wahrlich ist die

Begriffsbestimmung bei einem Faktum der geistigen Kultur, dessen

Charakter als Wissenschaft zweifelhaft ist. Hier scheint die einzige

Möglichkeit, zu einem Begriffe zu gelangen, bei der =Induktion= gelegen.

Ihr schwebt der Begriff nur als ein =allgemeines Ziel= vor, dem Sammlung

und Sichtung zugehöriger Tatsachen, soweit das Material sich ausdehnt,

dennoch zustreben soll und kann.

Über die Zweideutigkeit, die in dem Symptom der =Zugehörigkeit= liegt,

setzt man sich hinweg. Sie bleibt in der Schwebe mit dem gesuchten

Begriffe. Aber wie anders sollte man diesen Begriff erfassen können,

erfassen wollen, denn als das =Allgemeine=, welches das zu suchende

Material der Tatsachen unter dem Gesichtspunkte der Zugehörigkeit zu

ordnen erdacht wird?

2. So ist in der neueren Zeit die =Religionsgeschichte= in Aufschwung

gekommen, nicht nur kraft des Gewichtes ihres neuen Materials nebst den

Einsichten, die dabei mit aufkamen, sondern auch in einem ernsthaften

Gegensatze zu aller bisherigen Art, das Faktum der Religion zu erhellen

und zu würdigen.

3. Die bisherige Art, die Religion zu beurteilen, war freilich

keineswegs eine einheitliche; sie war sogar von einem inneren

Widerspruch zentraler Kulturmotive beherrscht: sie war nämlich

einerseits =innerhalb der Religion selbst=, wie als eine Entwickelung und

Pflege derselben entstanden und fortgeführt, andererseits aber war sie

auf dem Acker der =Philosophie= gesät und dort gepflügt worden.

Und damit erschöpft sich der Gegensatz noch nicht; denn es ist noch

hinzuzunehmen, daß, was im Gebiete der Philosophie entstanden war, auf

das der Religion verpflanzt wurde. Man muß daher vielleicht von

vornherein ins Auge fassen, daß auch rein religiöses Arbeitsgut in die

Philosophie eingeschlichen war, oder gar mit Bewußtsein und Nachdruck

von ihr übernommen wurde. So durchschlingen sich hier die Probleme und

daher wohl auch die Methoden in Religion und Philosophie.

Schwierige Kreuzungen und Verwirrungen waren dabei unvermeidlich; sie

sind ja überall so schwer zu überwinden, wo immer die =Grenzfrage=

zwischen irgendeiner =Wissenschaft= und der =Philosophie= erhoben wird.

Überall scheint der eine Ausweg nur übrigzubleiben: =daß man allein von

der Philosophie aus den Begriff einer jeden Wissenschaft, als solcher,

zu bilden vermöge=. Es dürfte nicht anders stehen bei den Fragen um den

Begriff der =Mathematik=, wie auch um den der =Rechtswissenschaft=.

So wird es denn begreiflich, daß die =Religionsgeschichte= wie eine neue

Offenbarung erscheinen mochte. Denn die beiden Arten, sich mit der

Religion in Verhältnis zu setzen, haben beide Schiffbruch erlitten:

sowohl die Philosophie innerhalb der angeblich selbständigen

Glaubenslehre, wie die in der Religionsphilosophie, in welcher die

Religion selbst durch Philosophie gebunden war. Beide litten an dem

allgemeinen Fehler der =Deduktion=: an der dogmatischen Voraussetzung

eines =Begriffs= der Religion.

Und dabei hatte sich die Philosophie nicht weniger befangen gezeigt als

die Religion. Diese konnte sich in den neueren Zeiten noch den Schein

historischer =Entwicklung= beilegen, indem sie das Spätere als das Wahrere

erkennen ließ, während die Religionsphilosophie, von der anerkannten

Absolutheit ihrer Methode getragen, auch dem Begriffe der Religion an

dieser Absolutheit Anteil verlieh.

Die Falschheit der Deduktion schien auch hier ihren Gipfel zu erreichen.

Die Religion schien hier aller =Bestimmtheit ihres Inhalts= verlustig zu

gehen. Nur auf die Bergung der Religion im Gesamtgehalt der

=philosophischen Wahrheiten= schien es abgesehen zu sein, mochte darüber

immerhin der Sondergehalt der Religion verdunkelt werden und

verlorengehen. Wenn nur nach der allgemeinen Schablone das =Verhältnis

zwischen Subjekt und Objekt= auch hier zur Aufstellung kommen kann, so

ist mit dem durchherrschenden Grundbegriffe dem =Problem= der Religion

Genüge geschehen.

So standen die Dinge in der Blüte der Religionsphilosophie, die aus

=Hegels= System bei seinen Nachfolgern aufging.

4. Es war begreiflich, daß auf dem Boden der =Theologie= selbst ein

scharfes Mißtrauen und Unbehagen an dieser =Metaphysik der Religion=

entstehen konnte. Und der Grund dieser Abweisung war nicht dahin

mißzuverstehen, als ob er auf der Abneigung gegen Philosophie überhaupt

beruhte. =Albrecht Ritschl= hatte gegen die Metaphysik die =kritische=

Philosophie angerufen. Damit war gegen die Unklarheiten, die mit dem

Schicksal der =Metaphysik= verbunden sind, die Heerstraße der =Ethik=

freigemacht für den selbständigen Weg, den nunmehr die Religion geführt

werden sollte, den sie jetzt erst einschlagen konnte. Aber jetzt zeigte

es sich, daß die Notlage der Religion mehr in der Philosophie als in der

Theologie wurzelt.

Als Ritschl an die Ethik Kants sich anschloß, konnten nur diejenigen

seine wahrhaften Anhänger werden, die die philosophische Reife hatten,

die Ethik Kants in ihrer vollen Systematik zu begreifen und ihr

Begriffsspiel zu beherrschen. Für diese Wenigen war ein genau begrenzter

begrifflicher =Ausgangspunkt= gewonnen, von dem aus die Spekulation ihren

methodischen Weg nehmen konnte, um die =Eigenart= und die =Selbständigkeit=

der Religion sicherzustellen. Denn der Leitgedanke war sicherlich ein

richtiger, der die Selbständigkeit oder zum mindesten die Eigenart der

Religion zum Problem machte.

Über diese engere Frage war noch keine Entscheidung getroffen worden.

Die Hauptfrage mußte erst gestellt und durchberaten werden: =wie steht es

um das Verhältnis zwischen Religion und Ethik?= Nur auf Grund dieser

Verhältnisbestimmung konnte die Forderung aufrechterhalten werden, den

=Begriff= der Religion in ihrer =Eigenart= zu bestimmen.

5. Es braucht nur auf die leidige Tatsache hingewiesen zu werden, daß

die Weisheit =Kants= keineswegs zum Gemeingut unserer wissenschaftlichen

Kultur geworden ist; nicht einmal in der streng theoretischen,

geschweige auf den schweifenden Gebieten einer logischen Methodik. Und

doch muß man zum Ruhme der =protestantischen Theologie= es anerkennen, daß

sie vor allen =Geisteswissenschaften= sich ausgezeichnet hat durch das

Eindringen in den letzten =ethischen= Sinn der Kantischen Lehre, während

man gemeinhin den kategorischen Imperativ nicht um den =Erweis= seiner

Wahrheit befragte, ohne den er aber eine stumpfe, wenn auch blinkende

Waffe bleibt.

So konnte es denn kommen, daß die =Religionsgeschichte= in eine Aufnahme

kam, die sich beinahe mehr gegen die =Philosophie und ihre Ethik= als

gegen die =Theologie= richtete: die ohnehin dadurch nicht allein in ihrer

Dogmatik angegriffen wurde, sondern nicht minder auch in ihren beiden

Sektionen biblischer Exegese. Und wenn man hier einwenden wollte, daß

diese beiden Exegesen auf einen Religionsbegriff beschränkt seien, der

jenen =beiden= Urkunden entspricht, so kann auch dieser Einwand nicht der

Religionsgeschichte zustatten kommen. Denn dieses =Entsprechen= ist keine

einfache Sache, die sich nur dem Buchstaben nach aus jenen Urkunden

herauslesen und deuten ließe. Dem widerspricht schon die =Zweiheit= dieser

Urkunden, deren =Einheit= keineswegs gegeben ist, die vielmehr ebensosehr

ein =vorausgesetzter= Leitbegriff ist, wie der ihr entsprechende

Religionsbegriff, oder aber wie die beiden Religionsbegriffe selbst es

sind, die jenen beiden Urkunden entsprechen.

So ist bei der biblischen Exegese der Religionsbegriff immer ein

deduktives Problem, das als solches gedacht und formuliert werden muß,

wenn die biblische Exegese es gleichsam induktiv bestätigen soll. Schon

daß der Begriff Gottes oder gar des =einzigen= Gottes hier die

=Voraussetzung= bildet, bindet den Religionsbegriff an sie.

6. Die Religionsgeschichte hingegen geht nicht bloß nicht von Gott aus

und nicht von den Göttern, sondern =sie erweitert den Begriff des

Göttlichen durch eine Erweiterung des Seelischen über das gesamte Gebiet

der Natur- und Menschenwelt hinaus=. Man könnte die Religionsgeschichte

geradezu auch =Seelengeschichte= nennen; denn das ganze Gebiet des

Seelenglaubens und Aberglaubens wird hier zum Bereiche der Religion. Der

=Fetisch=, das =Tabu=, der =Totem=, sie alle werden mit dem allgemeinen

=Dämonenglauben= zusammengeführt; und ebenso auch das =Tier-= und das

=Menschenopfer= zugleich mit dem =Hymnus= und dem =Gebet=.

Auch der =Kultus= nämlich läßt sich nicht als ein unterscheidendes

=Kriterium= festhalten. Auch in ihm gehen die Völker in eine allgemeine

Harmonie zusammen, die Inder und die Chinesen, die Ägypter und die

Babylonier, die Griechen und die Israeliten, sie alle vereinigt auch im

Kultus derselbe =Religionsbegriff=, der für die Religionsgeschichte

überall ein ungelöstes Fragezeichen bleibt. Und es kann nicht anders

sein: wo alles Menschliche und alles Göttliche in dem Begriffe alles

Seelischen zusammengefaßt ist, da kann nichts Spezifisches übrigbleiben

für den Begriff der Religion: die in =Seelenkultus= über- und

untergegangen ist.

7. Der genauere Nachweis dieses Urteils kann hier nicht

angestrebt werden, nämlich nicht in einer eingehenden Kritik

der religionsgeschichtlichen Forschung und ihrer Probleme; er soll

positiv hier durch die Begründung des Religionsbegriffs erbracht

werden. Zur Orientierung nur sei auf die Analogie hingewiesen, welche

in dem =Verhältnis der Ethik zur Soziologie= besteht. Auch von dieser

darf die Ethik nicht abhängig, geschweige durch sie erledigt sein. Und

auch die Ethik kann nur durch ihre eigene Begründung die zentrale

Kritik der Soziologie, wie der Religion, durchführen. Auch der Begriff

der =Gesellschaft= bildet das zentrale Problem der Ethik, wie der

Begriff der Religion das der Soziologie.

8. Und auch darin besteht die Analogie: daß das Problem des

Religionsbegriffs ebensosehr das ganze weite =Material= der

Religionsgeschichte als seine Vorbedingung umfaßt, wie der ethische

Begriff der Gesellschaft das ganze weite Material der Soziologie. Aber

darin allein besteht hier, wie dort, der Unterschied: =das Material ist

die negative Vorbedingung; der Begriff aber ist das Problem der

positiven Schöpfung=, die nur der Deduktion, niemals der Induktion

gelingen kann. Die Tatsachen können niemals und nirgends den Begriff

hervorbringen, der selbst vielmehr ihr eigenes geistiges Band -- nein,

schlechthin ihre geistige Erschaffung ist.

Wo immer das Problem des Begriffs entsteht, da ist nichts anderes die

Frage als der Sinn und der Wert eines Ursprünglichen, eines Ewigen,

eines über alle Entwicklungsmöglichkeiten Hinausragenden, das nur

Prinzip sein kann und Prinzip sein muß, ebensosehr für alle Erforschung

der Erfahrung in ihren Tatsachen, wie für alles Erdenken ihrer Probleme.

Es ist überall dieselbe Frage: ob die Forderung des =a priori= ein leerer

Wahn ist, oder ob ohne sie alle Forschung ein blindes Suchen bleibt. Es

ist überall nur die eine Frage: ob der =Begriff= nur als =Idee= gefunden

werden kann, oder ob die Idee ein Trugbild ist und die Induktion allein

den Begriff zu entdecken vermag. Bei jeder philosophischen Frage ist es

das Recht des =Idealismus=, das in Frage steht.

9. So wird der Begriff der Religion zu einem Problem der Philosophie.

Wir fragen hiergegen nicht, ob die Religion selbst und die Theologie,

als Religionswissenschaft, mit dieser Verweisung ihres Begriffs an die

Philosophie einverstanden sein kann; wir setzen vielmehr voraus, daß sie

damit einverstanden sein muß: weil ihre eigene Geschichte, dieser

Überweisung zufolge, als ein =Grenzgebiet= der Philosophie sich vollzogen

hat. Und es war gar nicht einmal immer Überweisung, die dabei stattfand,

sondern in beiden Gebieten war gleichmäßig und urwüchsig dasselbe

Problem lebendig. Im =Mythos= schon, der Urform alles Geistes, war

Göttliches, mit allem Menschlichen verbunden und verwachsen, gleichsam

Religion mit Philosophie. Und als die Kultur sich lichtete und abteilte,

vermochte sich weder die Philosophie von allem Mythos, geschweige von

allem Wesenhaften der Religion abzuschließen, noch die Religion in ihren

=Mysterien= und nicht anders in ihrem offenbaren =Kultus= von den

Spekulationen der Philosophie. Und so ist es für alle Folgezeit

geblieben. Nicht nur die Philosophie hat den urwüchsigen Zusammenhang

mit den religiösen Urgedanken festgehalten und immer neu ausgestattet;

auch die Religion, sofern sie eine wissenschaftliche Gestaltung

anstrebte, mußte in der Philosophie ihren =Wahrheitsgrund= und damit ihren

Lebens- und =Seelengrund= immerdar erkennen und aufsuchen. Was wäre, was

würde die Religion, wenn sie von anderen Quellen sich wollte

entspringen, sich wollte auch nur speisen lassen als von denen, die den

Born der Wahrheit bilden? Was wäre, was würde die Religion, wenn sie

nicht mehr =Wahrheit= sein sollte, sein wollte? Und wie könnte sie anders

ihren Anteil an der Wahrheit gewinnen und behaupten als durch den Anteil

an der Philosophie? Soll es etwa wiederum eine =zwiefache= Wahrheit geben,

eine für das Göttliche und eine andere für das Menschliche? Ist die

Wahrheit nicht, wie unser philosophischer Dichter sagt, eine einzige,

ungeteilte?

10. Die Menschheit hat allezeit den Weg beschritten, den dieser

Wegweiser nicht als Fragezeichen stehen ließ. Die Religion hat sich in

allen ihren Höhepunkten mit echter Philosophie durchdrungen, und die

Philosophie selbst hat nicht nur, wie im Platonischen Altertum, mit der

Poesie der heimatlichen Götterwelt gespielt; und es ist auch nicht

richtig, daß sie ganze Zeitalter hindurch sich nur in stumpfe

Abhängigkeit von der theologischen Religion versetzt hätte; vielmehr ist

eigenes Leben und Fortbilden der Philosophie in allen jenen

Auseinandersetzungen mit der Religion zu erkennen; und es wäre

förderlich auch für die Philosophie, wenn diese Erkenntnis mehr als

bisher zum Problem der =mittelalterlichen= Forschung würde.

Und auch für die =Neuzeit= muß es klarer herausgestellt, genauer zum

eigentlichen Problem gemacht werden, welchen schöpferischen Anteil der

religiöse Gedanke an den Formulierungen hat, die das Aussehen

ursprünglich logischer Forderungen haben. Innerlichen Anteil hat die

Religion an der Philosophie der Neuzeit. Es sei nur an die Ethik

erinnert.

11. Wie könnte es danach auffallen, daß der Philosophie ein innerer

Anteil an der Religion zusteht? Man wird dies nicht so verstehen, daß

demgemäß in der neueren Zeit die =Religionsphilosophie= als ein besonderer

Zweig der Philosophie entstanden ist. Die vielen =Zweige=, die sich heute

an dem alten Stamm ausbreiten, beweisen nichts für das echte Leben des

Stammes, nichts für seine unvergängliche Wurzel; sie beweisen vielmehr

ebenso die =Abirrung der Geschichtsprobleme von der Ethik=, als der

Wurzel, aus der sie ihre Lebenssäfte ziehen, wie ehemals und jetzt

wiederum die =Naturphilosophie= aus dem Mißverhältnis zur reinen Logik

hervorgegangen ist.

12. Der Anteil der Philosophie an der Religion ist beinah so alt wie

beide selbst. Nur haben sich im Altertum schon die Relationen verändert,

welche die Religion zur Philosophie einnehmen wollte. Bei den alten

Klassikern waltet noch der Schleier der Naivetät über den zarten Fragen,

und solange das Heidentum als Volksreligion herrschte, brauchte dieser

Schleier nicht gelüftet zu werden; er kam ebensosehr der Philosophie,

wie der Religion, zugute. Erst als das =Judentum= in Berührung kam mit dem

=Griechentum=, mußte diese Diskretion aufhören; denn jetzt war die Einheit

gebrochen zwischen dem in den Mythen und dem in den Keimen der

Philosophie waltenden Volksgeiste.

13. =Philo= ist gewiß über alle Maßen bestrebt, die Einheit zwischen

=Platon= und =Mose= herzustellen, aber beide müssen ihm dennoch als

verschiedene Autoritäten gelten, während Platon selbst noch ganz naiv

mit den Mythen der Heimat seine Lehrgedanken durchzieht. Bei Philo schon

werden Religion und Philosophie zu =Grenzproblemen=, und wenn auch er

selbst noch die Religion von der Philosophie aufgesogen werden lassen

möchte, so erhebt sich dagegen im jüdischen =Monotheismus= eine heterogene

Potenz, die niemals ohne Rest in aller Idealisierung des Griechentums,

des Platonismus selbst aufgehen kann. Mose wird zum Träger der Religion

und Platon zu dem der Philosophie.

14. Jede Differenz, die unter den Richtungen des Kulturbewußtseins

auftritt, trägt =Konflikte= in sich. So ist es auch hier gekommen. Es ist

aber verkehrt, wenn man die Selbständigkeit der beiden Mächte durch

ihren Konflikt miteinander bedroht glaubt. Es ist falsch, daß durch die

innigere Berührung mit der Philosophie die Religion ihren

Auflösungsprozeß anträte. Es ist ebenso falsch, daß die Philosophie ihre

Methodik und damit ihren logischen Charakter aufgäbe oder auch nur

beeinträchtigte, wenn sie mit der Religion überhaupt ein Verhältnis

eingeht. Dieses Verhältnis ist ihr eingeboren; und es ist ihre dauernde

Aufgabe, stets von neuem dieses Verhältnis zu vollziehen, es zu

kontrollieren und zu berichtigen. Es ist ein verhängnisvolles Vorurteil,

wenn man der Klarstellung dieses Verhältnisses sich entziehen zu dürfen

glaubt. Dadurch würde die Philosophie nur mit =Mystik= belastet, und in

die Religion würde =Intuition= einschleichen.

15. =Die Philosophie muß als ein gleichartiger Faktor der Religion= immer

genauer und bestimmter zur Klarheit gebracht werden, wenn anders

wahrhafte Kulturreife in der Philosophie herrschen soll. Es darf hier

nicht anders vonstatten gehen, als es mit allen Grundmächten der Kultur

ergangen ist. Von ihrer Faktizität gehen wir aus und fragen daraufhin

nach ihrem Rechte. Dieser transzendentalen Inquisition haben sich

=Mathematik= und =Physik= unterwerfen müssen und nicht minder auch

=Recht= und =Staat=; und endlich das Kulturfaktum der =Kunst=: wie

sollte die Religion als ein solches Faktum zu umgehen sein, das sich

der Frage nach dem Rechtsgrunde ihres Bestehens und ihres Bestandes

entziehen könnte?

16. Die =Logik= ist immanent in aller =Wissenschaft=; in =vorbildlicher=

Methodik aber enthüllt sie sich in der =mathematischen Naturwissenschaft=.

In allen =Geisteswissenschaften= ist die Logik immanent; aber als eine

=neue= Logik steigt für sie aus dem Bewußtsein des reinen Denkens herauf

die =Ethik=, in der das reine Denken sich zum reinen =Wollen= entwickelt.

Auch eine neue Art von Mathematik haben wir versucht, der Ethik

zugrunde zu legen, indem wir in der =Rechtswissenschaft= ein Gerüst von

Begriffen auszeichnen können, die in ihrer logischen Struktur einer

ethischen Funktionierung fähig werden. Und in Analogie zur Natur ließe

sich eine Einheit der Rechtsbegriffe in dem großen Problembegriffe des

=Staates= aufstellen.

17. So ist nun auch das =Kulturfaktum der Religion= dieser

transzendentalen Frage zu unterstellen. Diese Fortführung der Frage wäre

nicht möglich, wenn der Anteil der Philosophie an der Religion nicht

vorauszusetzen wäre. Die =Immanenz der Philosophie in allen

Hauptrichtungen der Kultur= ist jedoch die allgemeine Voraussetzung des

philosophierenden Bewußtseins und glücklicherweise auch die jeder

reiferen Bildung. Und so wenig diese Immanenz ein täuschender Schein

ist, so wenig ist die philosophische Lebenskraft der Religion etwa gar

ihr Todeskeim oder auch nur der Keim einer Mißbildung. Schon das

griechische Heidentum hat =Religionsphilosophie= aus sich heraus

entwickelt, und diese Isolierung der philosophischen Motive, ihre

Herausarbeitung aus der Fülle des religiösen Urmaterials, ihre Musterung

und Würdigung nach beiden Seiten hin ist im =Monotheismus= überall

lebendig geblieben; und es sind überall die besten Zeiten religiöser

Kraft und Fruchtbarkeit, sowohl im Judentum, wie im Christentum, in

denen diese natürliche Scholastik in Blüte stand.

18. Dennoch aber kann es darin nicht sein Bewenden haben, daß die

=Immanenz der Philosophie in der Religion= festgestellt, und die

=Auszeichnung der philosophischen Motive in der Religion zum Gegenstande

der Religionsphilosophie= gemacht würde. Damit würde das transzendentale

Geschäft nur oberflächlich ins Werk gesetzt; die Rechnung würde dann

ohne den Wirt gemacht. Der Wirt aber ist überall =das einheitliche System

der Philosophie=.

19. Es muß daher die =neue Frage= werden: =Welche Stellung kommt der

Religion zu im System der Philosophie?= Oder kommt ihr überhaupt =keine

selbständige= Stellung im System zu? -- Steht es vielleicht so mit der

Religion, daß sie einen natürlichen und nicht minder einen methodischen

=Anhang zur Ethik= bildet?

Diese Frage ist von grundlegender Wichtigkeit: sie kann gar nicht

schlechterdings =verneint=, sondern nur in bestimmter Bedingtheit =bejaht=

werden. =Die Religion darf dem lebendigen Zusammenhange mit der Ethik

nicht entrissen werden=, selbst wenn sie deswegen keiner Selbständigkeit

fähig würde.

Die Selbständigkeit kann erst eine spätere Frage werden, wenn die

=Angliederung= der Religion an die Ethik gesichert und unverbrüchlich

festgelegt ist. Dann erst kann die Frage erwogen werden: ob aus diesem

Zusammenhange heraus eine =Eigenart=, und auf diese hin eine Art von

Selbständigkeit für die Religion zu ermitteln sein werde.

20. Das =Kulturfaktum= der Religion an sich bildet keine hinlängliche

Instanz für die transzendentale Anfrage, weil die =Ethik= die erste

Auskunft, die erste und die unumgängliche, zu erteilen hat. Und die

=Einheit des Systems= weist auch keine Lücke auf, welche die Religion

ausfüllen könnte, weder für die Glieder des Systems, die durch die Ethik

befriedigt sind, noch für die den Kulturinhalt erzeugenden =Richtungen

des Bewußtseins=, welche durch =Erkenntnis=, =Wille= und =Gefühl=, alle

drei in =Reinheit= begriffen, erschöpft zu sein scheinen.

Dennoch soll die transzendentale Frage hier einsetzen, weil es gilt, den

philosophischen Anteil der Religion zu entdecken und auf seine

systematische Reinheit zu bestimmen. Dieser systematisch-philosophische

Anteil bildet das Problem, das der transzendentalen Frage den Einlaß

verleiht. Worin besteht er? =Er muß entdeckt werden.= Wäre er selbst in

Anerkanntheit gegeben, so bliebe seine reine Erzeugung, seine

systematische Entdeckung, seine Auszeichnung unter den Grundbegriffen

und Grundrichtungen =des das System der Philosophie bildenden Bewußtseins=

eine berechtigte, eine notwendige Frage.

21. Damit aber tritt das Interesse an der =Selbständigkeit= der Religion

zurück gegen das an ihrer =Eigenart=. Wenn es gelingt, ihre Eigenart

reinzustellen im System der Philosophie und sie in dieses einzugliedern,

so würde die so begründete Eigenart reichlich ersetzen, was an

sogenannter Selbständigkeit verlorenginge. Es würde die Frage entstehen:

ob es überhaupt eine =Selbständigkeit= für eine Richtung des

Kulturbewußtseins geben kann, die nicht in der =Eingliederung= in das

System der Philosophie bestände. Und wenn diese, welche die =Eigenart= zur

Voraussetzung hat, gesichert ist, so kann die Selbständigkeit überhaupt

kein anderes Problem in einer zulässigen Bedeutung bilden. Auf die

Eigenart allein kommt es an. Und diese muß für die Religion, wie für

alle von der Ethik abstammenden Geisteswissenschaften, =durch diese ihre

Abstammung von der Ethik= bedingt sein. =Die Ethik ist für sie alle ihre

zweite Logik.= Dies muß für die =Religion= gelten, wie für =Staat= und

=Recht= und für alle =Philosophie der Geschichte=.

22. Indem wir die transzendentale Methodik hier zu einer neuen Anwendung

bringen wollen, dürfte es für das genaue Verständnis derselben

ersprießlich sein, ihre Differenz von der sogenannten =Metaphysik= und den

inneren Grund für die Ablehnung derselben eingehend zu erwägen; auch für

den rechten Zugang zu dem Begriffe der Religion dürfte dies zweckmäßig

sein. =Es handelt sich bei dieser Ablehnung der Metaphysik immer um die

Behauptung der systematischen Zentralität der Ethik.=

23. Die Ethik rückt seit =Sokrates= in den Mittelpunkt der Philosophie.

Dieses Verhältnis bleibt bei =Platon= ungeschwächt bestehen; der Vorrang

der =Logik= hat eine methodische Bedeutung, durch welche die Position der

Ethik nur bestärkt wird. Und bei der Komposition der Platonischen

Dialoge tut es der Ethik auch keinen Eintrag, daß sie immer durchflossen

und unterströmt wird von den rein logischen Problemen; denn ihre

Eigenart und ihre Prärogative werden überall dabei außer Zweifel

gestellt.

Anders aber stellt sich =Aristoteles= zu dieser Lebensfrage der

Philosophie. Hier ist er mit vollem Selbstbewußtsein ganz und nur

Empirist, der er sonst nur zur Hälfte sein will. Sein Argwohn gegen den

eigentlichen Sinn der =Idee= trifft ins Schwarze: =in der Idee bekämpft er

die Idee des Guten=. Daß es sonstwie Ideen mit Recht geben mag, würde er

gar nicht bestreiten können, aber daß es eine Idee des Guten gebe, das

will er bestreiten; denn die Ethik soll nur eine =Erfahrungslehre= sein,

deren Quintessenz sogar in die =Praxis= gelegt wird: »auf daß wir Gute

werden«. Nicht aber dürfe die Ethik eine Ideallehre sein wollen von dem,

was das Gute sei. In der Idee will Aristoteles hauptsächlich die Idee

des Guten niederschlagen.

24. Und danach kommt nun seine =Metaphysik=, wie die Nachfolger sie in der

Unterscheidung von Logik und von Ethik benannt haben. Denn es bleibt ja

bei dem =Dualismus= des Aristoteles auch für die Ethik nicht einseitig und

eindeutig beim =Empirismus=. Das letzte Wort, das letzte Kapitel dagegen

geht über diese praktische Ethik hinaus; es wird gar nicht mehr an den

Menschen angeschlossen.

Ebenso verhält es sich ja auch in dem Aristotelischen Buche der

=Metaphysik= mit den Problemen des Seins: sie bleiben nicht auf das Sein

der Natur beschränkt. Und wie die Metaphysik mit dem Buche über =Gott=

abschließt, so die =Nikomachische Ethik= mit dem Buche über die =Eudämonie

des Denkens=, die nur dem =göttlichen= Geiste zu eigen ist; die für den

menschlichen Geist in günstigster Deutung eine mystische Zweideutigkeit

bleibt. =Nur der Gegensatz zur systematischen Ethik ist auch hier

festgehalten.=

25. Dieser Gegensatz zu einer reinen, =apriorischen, idealen,

schöpferischen= Ethik dürfte einer der Hauptgründe sein für die

=Subordination der Scholastik= unter die Autorität des Aristoteles. Denn

weder =Gott=, noch das =Gute=, sollten die Eigenprobleme der Ethik bilden.

Schon die Unterscheidung des Guten von Gott wird hier anstößig. Gott ist

selbst das Gute, nicht nur das =höchste=, sondern das =einzige= Gute. Es

soll kein Unterschied gemacht werden zwischen dem Gute und dem Guten,

zwischen dem Guten in Gott und dem Guten für den Menschen.

Daher soll die =Metaphysik=, als eine =zweite Theologie=, den eigentlichen

Schwerpunkt der Philosophie bilden: damit dieser nur durchaus nicht in

die Ethik verlegt werde. Und weil der Ethik diese Präponderanz

bestritten werden soll, wird auch zwischen Logik und Metaphysik die

Differenz behauptet, die jedoch nur durch =Gott= und höchstens noch durch

die =Seele= begründet werden kann, wenn einmal diese beiden Begriffe der

Ethik fremd bleiben sollen. Ohne diese Tendenz gegen die Ethik hätte die

Differenz zwischen Logik und Metaphysik keinen verständlichen Sinn. Nur

eine Art von Theologie, welche der Selbständigkeit der Ethik mißtraut,

leitet überall den Feldzug für die Metaphysik, und der Logik gegenüber

das Feldgeschrei gegen den =Rationalismus= und für die =Intuition=. Die

Feindschaft gegen die Ethik ist und bleibt auch der Grund der

Metaphysik, wie sie =nach Kant= wieder geltend gemacht wird.

26. Im =Mittelalter= freilich mußte die =Metaphysik= auch abgesehen von der

Ethik, ihrer selbst wegen und ihres Verhältnisses zur Theologie wegen,

selbständig bleiben. Das Prinzip des =Christentums= selbst forderte dies.

Denn in ihm bilden =Gott und Mensch= nicht zwei Begriffe, die beide etwa

in die =Ethik=, mithin in den Schwerpunkt des Menschen verlegt werden

könnten, noch die beide, wie immer getrennt oder vereinbart, der

=Metaphysik= überantwortet blieben, sondern diese beiden Begriffe bilden

eine =Einheit im Gottesbegriffe= des Christentums. Daher kann die

Metaphysik nicht nur ohne Beeinträchtigung der =Theologie=

aufrechterhalten werden, sondern sie wird sogar ein wichtiges und

allgemeines =Rüstzeug= derselben. Die Probleme des =Seins= werden dem

=dualistischen Gottesbegriffe= angeschmiegt, dem sie daher auch außerhalb

des Dogmas zu einer =logischen= Begründung dienstbar gemacht werden. Es

ist auch hier =Logik=, was als Metaphysik gebraucht und benannt wird,

daher auch findet der Begriff des =Nichtseins= hier eine vielseitige

Verwendung.

27. Charakteristisch unterscheidet sich hierin die =jüdische= von der

=christlichen= Philosophie. Während die christliche die =Metaphysik=

selbständig bestehen läßt, zieht die jüdische sie gänzlich in ihren

Bereich herein. Schon bei =Philo= bahnt sich dieser Weg an. Es wird keine

Scheidung bei ihm angestrebt zwischen seinem Platonismus und seiner

Theologie; und vielleicht erleichtert ihm auch der Platonismus sein

Streben der Verschmelzung beider Kulturkräfte, während Aristoteles trotz

seiner =Teleologie=, wegen seines Dualismus, zur Ethik immer eine

formalistische Starrheit bewahrt: dem lebendigen Gedanken von Gott sich

entgegenstellt. Und ohnehin ist durch den =Logos=, zwar auch die

=Vermittlung= zwischen Gott und Mensch angebahnt, ebenso aber diese auch

vom =Wesen= Gottes selbst abgetrennt und nur auf die =Wirksamkeit= Gottes,

auf das Verhältnis zur Natur- und Menschenwelt eingeschränkt. Und wie

der Logos, bleibt auch die Philosophie überhaupt mit der Religion nicht

zwar mehr verschmolzen, aber verbunden, keines vom andern getrennt.

28. Und so bleibt es das ganze =jüdische Mittelalter= hindurch, wie es

wohl auch im =Islam=, der für das Judentum in seiner Philosophie die

geistige Führung hat, vorbildlich ist. Die Philosophie soll nicht =neben=

der Theologie, die Theologie nicht =neben= der Philosophie selbständigen

Bestand haben; der Religion wird die Lebenskraft abgegraben, wenn sie

der Philosophie entblößt wird. Diesen Idealismus bringt schon der =erste=

Jude in dieser Kulturgruppe, der =Gaon Saadja=, in dem Titel seines

philosophischen Hauptwerkes zu einem prägnanten Ausdruck. =Emunoth we

Deoth= dürfte als ein ἓν διὰ δυοῖν aufzufassen und zu

übersetzen sein: =die Erkenntnisse der Glaubenslehre=. So werden im Titel

schon beide Geistesrichtungen zueinander in Verhältnis gesetzt; und es

bleibt nur die Zweideutigkeit bestehen, nach welcher Seite das

Übergewicht fällt: ob der =Rationalismus= die =Offenbarung= einschränken,

oder aber schlechterdings decken soll. Immerhin bleibt das Verhältnis

ein =immanentes=; und es bedarf keiner aparten Metaphysik. Durch

=Maimonides= wird diese Immanenz im Judentum befestigt, und der

Rationalismus sucht sich selbst, aller scheinbaren Starrheit des

=Rabbinismus= entgegen, überragend zu behaupten.

29. Vielleicht war es gerade diese =Immanenz der Philosophie in der

Theologie=, welche der christlichen =Scholastik= die =Benutzung der

jüdischen Quellen= erleichtert hat: sie hat nicht sowohl Judentum als

vielmehr Philosophie aus dieser Theologie entlehnt. Und es hatten sich

ja die =beiden= Hauptquellen der antiken Philosophie in diesem Lager

ausgebreitet: der Aristotelismus auf der Platonischen Grundlage, und

andererseits der =Neuplatonismus= mit seiner Tendenz zum =Pantheismus=.

Diese beiden Richtungen durchziehen die gesamte jüdische Philosophie von

ihren Anfängen bis zu ihrem Abschluß in =Spinoza=.

Und von Spinoza geht wieder eine neue Beeinflussung der =deutschen=

Philosophie überhaupt aus, und insbesondere daher auf die =Philosophie

der Religion=, die in den neueren Zeiten unvermeidlicherweise sich aus

dem Gesamtgebiete der Philosophie abzweigen muß.

30. So stehen wir denn wieder da, wohin unsere Erwägung über den =Begriff

der Philosophie= uns bereits geführt hatte. Die =Immanenz= konnte nicht

aufrechterhalten bleiben; die bloße, unbestimmte, nicht systematisch

dirigierte =Abzweigung= aber bleibt haltlos und unmotiviert, wenn nicht

der =Mittelpunkt= bestimmt ist, von dem sie ausstrahlt. Dieser =Mittelpunkt

ist uns im System der Philosophie bestimmt=.

Wir sind daher auch der Frage enthoben, mit welcher =Eigenart des

Bewußtseins= wir der Religion uns versichern und bemächtigen können; denn

=nur aus dem System heraus= kann eine solche Bemächtigung erfolgen, eine

solche Eigenart des Bewußtseins sich begründen. Und diese Einschränkung

muß ergänzt werden durch die positive Bestimmung: =daß die gesuchte

religiöse Eigenart eine neue Erfüllung für den Systembegriff der

Philosophie zu erbringen hat=.

Nicht in einer =Psychologie= des Bewußtseins kann die Eigenart der

Religion begründet werden, sondern nur =innerhalb der Systematik= der

Philosophie.

31. Hier erheben sich nun aber gewichtige Bedenken. Das System der

Philosophie scheint in den =drei= Gliedern, welche =Kant= aufgestellt hat,

geschlossen, und der =vierte= Teil, den unser eigener Systemversuch in

Aussicht genommen hat, kann diese Bedenken nur verstärken. Alle

Richtungen des einen eigenen reinen Inhalt erzeugenden Bewußtseins

scheinen erschöpft zu sein. Was könnte es noch Anderes geben außer der

reinen =Erkenntnis=, dem reinen =Willen=, dem reinen =Gefühle= und der sie

alle zusammenfassenden =Einheit des Bewußtseins=?

Daher bildet die Wahl des =Gefühls= für die Religion ein lehrreiches

Symptom, welches zeigt, daß zum mindesten die =Ästhetik= in Gefahr kommt,

beseitigt oder verkürzt zu werden, wenn die Religion eine selbständige

Stellung im Gefühl antritt: und welche andere seelische Potenz könnte

sonst angesprochen werden? Es scheint daher durchaus aussichtslos, eine

Bewußtseinspotenz zu erdenken, welche die =Eigenart= der Religion

gewährleisten könnte.

32. Indessen schwebt hier eine Unklarheit vor. Ist es denn richtig, daß

man eine =Art des Bewußtseins= für die Religion zu erdenken haben soll?

Und ist es richtig, daß man eine methodische Grundfrage von dem Gelingen

dieser Aufgabe abhängig macht? Ist es denn überhaupt richtig, daß man

eine eigne Art des Bewußtseins auszeichnen müsse, um die =Eigenart= der

Religion zu ermöglichen? Verwechselt man hier nicht die Eigenart mit der

=Selbständigkeit=? Vielleicht aber ist die Eigenart nur mit dem Beding

festzustellen, daß die Selbständigkeit =keine unbedingte= sei, sondern

vielmehr von den drei oder vier systematischen Richtungen des

Bewußtseins getragen werde. Wenn es sich so verhalten sollte, so wäre es

ein verkehrtes Beginnen, für die so bestimmte Eigenart eine eigene und

selbständige Richtung des Bewußtseins zu erfinden.

Jetzt haben wir den Angelpunkt gewonnen, aus dem der =systematische

Begriff der Religion= ermittelt und gehoben werden kann. Und ehe wir die

Betrachtung über die Eigenart des gesuchten Bewußtseins wieder

aufnehmen, haben wir die Vorbedingungen durchzudenken, die in den

systematischen Richtungen des Bewußtseins für die religiöse Eigenart

vorliegen und dem Begriffe des Systems gemäß =verwendet= und aufgesogen

werden müssen.

II. Das Verhältnis der Religion zur Logik.

1. Wie in alter Zeit, wird auch heute noch darüber gestritten, ob der

Religion, weil =Wahrheitsgehalt=, darum auch der Anspruch auf =Erkenntnis=

zusteht. Von unserer Methodik aus kann darüber kein Zweifel aufkommen.

Wenn von der Religion Philosophie möglich werden soll, so kann dieses

Problem nur in dem genauen Sinne statthaft sein, daß =die Religion dem

System der Philosophie eingegliedert werde=. Es gibt nur =eine= Art von

Philosophie: die systematische. Damit aber ist die Frage nach der

Religion, als Erkenntnis, in voller Klarheit aufgelöst. Die Religion

könnte nicht der Philosophie zugehörig werden, wenn nicht auf Grund

ihres Eintrittes in die Philosophie durch die Pforte der Logik.

Wäre die =Logik= etwa nur für die mathematische Naturwissenschaft

vorhanden, oder wäre sie bei den Geisteswissenschaften nur die negative

Vorbedingung, die positiv durch die Ethik zu ersetzen wäre, oder hätte

diese selbst mit der Logik gar keinen positiven Zusammenhang?

Und andererseits, faßt die =Ethik= allein und ausschließlich alle Probleme

der sittlichen Erkenntnis, alle Aufgaben der Wahrheit in sich? Dann wäre

die Religion aus dem Gebiete der Philosophie ausgeschlossen, dem sie ja

nur auf Grund ihres Zusammenhangs mit den aus der Ethik abzweigenden

Geisteswissenschaften angehören kann. Ihr Zusammenhang mit der Ethik

mithin bedingt zugleich ihren Zusammenhang mit der Logik.

2. Aber auch der =Zusammenhang mit der Ethik= ist ja gar nicht über allen

Zweifel sichergestellt. An dem Problem der =Metaphysik= hat sich uns dies

schon aufgedeckt. =Die Frage der Selbständigkeit will hier über die der

Eigenart entscheiden.= Da aber die Selbständigkeit der Religion der Ethik

gegenüber keinen zulässigen Sinn mehr haben kann, so kann die =Eigenart=

nur in den Fragen Problem werden, welche den Begriff des =Sittlichen

scheinbar über die Ethik hinaus= zur Bestimmung bringen, sei es daß sie

den Umfang des Begriffs erweitern, sei es seinen Inhalt verengen. Immer

bildet das Sittliche der Ethik die Grundlage und die Voraussetzung des

Lehrstoffs und des eingeteilten Stoffgebietes. Wenn jedoch diese

Voraussetzung der Ethik uneingeschränkt für die Religion zu gelten hat,

so bleibt in aller Kraft die Frage bestehen: durch die Hinzufügung

welcher Begriffe und welcher Bestimmungen ihres Anwendungsgebietes nicht

zwar über das Sittliche hinaus, sondern =am Sittlichen selbst= die

Religion die =Eigenart eines einen eigenen Inhalt rein erzeugenden

Bewußtseins= zu gewinnen vermag.

3. Daß zwischen =Kunst= und Religion Beziehungen obwalten, und demgemäß

zwischen =Ästhetik= und Religion ein Verhältnis zu bestimmen sein werde,

das setzt die einfachste Überlegung außer Zweifel. Denn alle Gebiete der

Kunst berühren diese Grenze. Früher als =Herrensitze= errichtet die

=Baukunst Göttertempel=. Und dieselbe Priorität vollzieht sich in der

=Plastik=. Nicht allein =Homer= hat den Griechen ihre Götter gegeben,

sondern auch =Phidias= ist an ihrer Entwicklung beteiligt, wennschon das

=Epos= sie erschaffen haben mag. Aber auch das =Drama=, ja sogar auch die

=Lyrik= ist eine Mitschöpferin der Religion; dafür genügt der Gedanke an

die =Psalmen=.

4. Und was sich historisch so leicht überschauen läßt, das wird durch

die schlichteste Erwägung bestätigt. Wenn anders im Unterschiede von

Erkenntnis und Willen das =Gefühl= die Richtung bezeichnet, kraft deren

das Bewußtsein alle Kunstgebilde hervorruft, so kann man den Inhalt

dieses Gefühls noch so unbestimmt denken, ja dieses Gefühl selbst, als

eine Kraft des Bewußtseins, noch so allgemein fassen: man wird dennoch

in dem Gefühl und seinem unmittelbaren Inhalt die Beziehung zur Religion

als eine natürliche, unausweichliche, unersetzliche ansehen, wie

unbestimmt immer man den Begriff der Religion auch denken mag. Auch der

Anspruch der =Metaphysik= auf die Religion gründet sich nicht zuletzt auf

diese universelle Beziehung der Religion zur Kunst, durch die sie erst

ihre Universalität, die in alle Gebiete des Bewußtseins eingreift,

gewinnt und begründet.

5. Dieser Zusammenhang ist ein so intimer, daß daraus eine besondere

Schwierigkeit entstanden ist, nämlich eine =Kollision der Mittel=, die

für die systematische Begründung der Religion verfügbar sind. Wie die

Kunst auf das Gefühl begründet wird, so beruft sich auch die Religion

auf das Gefühl. =Dasselbe Gefühl kann jedoch nicht zwei Probleme der

Systematik vertreten.= Wenn aber dennoch die Religion das Gefühl in

Anspruch nimmt, so erweist sich in diesem Anspruch auf geradem Wege der

=innere Zusammenhang=, der zwischen Religion und Kunst besteht. =Aber es

entsteht daraus für die systematische Begründung der Religion eine

schwere Gefahr.= Bevor wir indessen mit dieser Frage uns befassen,

verfolgen wir zunächst weiter die =Aufgabe der systematischen Begründung=.

Der Begriff der Religion im System der Philosophie · 第 1 / 17 段