Ich wartete, bis sie gestorben war, dann legte ich sie nieder, küßte

sie auf die Stirn und sagte: 'Adieu, liebe, süße Marmotte.' Dann stellte

ich in den beiden Zimmern alles so, wie es vorher gewesen war, ging in

die Küche, reinigte das Glas, vertilgte überhaupt jede Spur meiner

Anwesenheit und ging fort. Im Hause begegnete mir niemand, aber auf dem

gepflasterten Wege, der zum Gartentor führte, sah ich den Hausmeister

stehen. Bis dahin war ich vollkommen ruhig gewesen oder hatte geglaubt,

es zu sein. Aber als ich den Hausmeister sah, kam es mir vor, als müsse

ich ihm auffallen und müsse irgend etwas tun, um unbefangen zu

erscheinen. Unwillkürlich faßte ich in die Tasche und zog eine Zigarette

heraus, stellte mich vor ihn hin und sagte: 'Haben Sie Feuer, Euer

Gnaden?' Als ich einen Zug getan hatte, ekelte es mich, und ich warf die

Zigarette ins Gebüsch, ohne in dem Augenblick daran zu denken, daß das

auffallen könnte.

Der nächste Zug nach Prag ging in der Frühe, und es war erst halb sechs

Uhr nachmittags. Ich schlenderte wieder in die äußeren Stadtteile und

setzte mich dort in ein Café. Als es Nacht wurde, begab ich mich in die

Bahnhofsanlagen. Es schien mir noch zu früh zu sein, um mich

umzukleiden. Da ich jedoch nicht mehr gehen mochte, setzte ich mich auf

die steinerne Bank, unter der ich meinen Anzug verborgen hatte, um die

Dunkelheit zu erwarten. Die himmlischen Gefühle, die mich bei Marmotte

gehoben hatten, waren verschwunden, ich war schrecklich ernüchtert, und

mich fror. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu mir genommen als etwas

schwarzen Kaffee, und ich war so schwach und abgespannt, daß ich kaum

wußte, wozu ich eigentlich dasaß. Ich kam mir abgeschmackt und

lächerlich vor.

Gegen Mitternacht erhob sich ein starker Wind, der mich bis in die

Knochen schaudern machte und die trübe Erstarrung, in die ich versunken

war, durchbrach. Da weit und breit Totenstille herrschte, stand ich auf,

zog das Paket unter den welken Blättern hervor, mit denen ich es bedeckt

hatte, und kleidete mich um. Den Arbeitskittel wollte ich nicht

mitnehmen und dachte erst daran, ihn wieder unter die Bank zu legen. Da

fiel mir plötzlich ein, daß ich ihn, um ihn aus der Welt zu schaffen,

noch besser in den Kanal werfen könnte.

Ich stand schon auf der Brücke, als ich an mein Geld dachte, das noch in

dem Kittel war. Auf dem Wege zum Bahnhof malte ich mir aus, wie

verhängnisvoll es für mich hätte werden können, wenn ich ohne Geld

geblieben wäre, und dabei fiel mir endlich ein, daß ich auch Mingos

Brief bei mir gehabt hatte für den Fall, daß ich ihre Wohnung vergäße.

Es tat mir leid, den Brief verloren zu haben, aber ich war zu müde und

zu gleichgültig, um umzukehren und einen Versuch zu machen, ob ich das

Paket noch aus dem Wasser fischen könnte, was ohnehin unwahrscheinlich

war. Auch graute mir, obwohl ich solchen Stimmungen sonst nicht

unterworfen bin, vor der verlassenen Stelle, und es war mir zumute, als

würde ich mich selbst auf der weißen Bank vor dem schwarzen Wasser

sitzen sehen, wenn ich zurückkehrte. Im Eisenbahnwagen schlief ich

sofort ein und schlief fest, bis ich zu Hause ankam. Ich hatte den

Eindruck, daß niemand mich kommen sah und niemandem meine Abwesenheit

aufgefallen war.«

»Warum haben Sie den Sachverhalt nicht sofort der Wahrheit gemäß

dargestellt?« fragte der Vorsitzende, der während der langen Erzählung

mit seinem Bleistift gespielt hatte und in den Anblick desselben

versunken schien. »Das hätte Ihnen von vornherein eine andere Stellung

gesichert.«

»Ja, wenn man mir geglaubt hätte!« sagte Deruga. »Den einzigen Beweis,

den ich beibringen konnte, den Brief meiner Frau, hatte ich verloren,

und ich dachte nicht an die Möglichkeit, ihn wiederzufinden. Freilich

war ich überzeugt, selbst wenn sich der Kittel herbeischaffen ließe,

würde das Wasser den Brief zerstört haben.«

»Sonderbare Geschichte das!« sagte =Dr.= Zeunemann nach der Sitzung

zu den übrigen Herren. »Ich gestehe, der Mensch hat mich beinahe

gerührt. Ein derartiges gegenseitiges Wohlwollen findet man selten bei

Eheleuten.«

»Die waren ja auch geschieden,« sagte der Staatsanwalt listig.

Alle Herren lachten. »Übrigens,« sagte =Dr.= Zeunemann, »für ein

bißchen nervös und empfindsam halte ich unseren Italiener doch. Ich

hatte nicht unrecht, wenn ich ihn mit einem Chamäleon verglich.«

Das wurde zugegeben. Aber es sei schließlich kein Verbrechen, ein

Chamäleon zu sein. Viele fänden es sogar reizvoll.

»Ein Spielzeug für Damen,« sagte der Staatsanwalt vergnügt, »und um der

Damen willen muß er freigesprochen werden. Ich hoffe, unsere

Geschworenen vergessen nicht, daß es die Damen sind, die im öffentlichen

wie im privaten Leben den Ausschlag geben.«

»Besonders vergessen Sie hoffentlich nicht,« sagte =Dr.= Zeunemann,

»daß es Frauen gibt, die weder im öffentlichen noch im privaten Leben

hervortreten und doch tapferer sind als unser starkes Geschlecht.«

Man wollte allerseits an dem Vorsitzenden eine Vorliebe für Fräulein

Gundel Schwertfeger bemerkt haben und neckte ihn damit.

Ja, er sähe auf den Kern, rechtfertigte sich =Dr.= Zeunemann, lasse

sich nicht durch Schein und Schimmer verblenden wie der ewig junge

Staatsanwalt.

»Sie hat gelogen wie eine Heilige,« sagte dieser, »und mir ist es recht,

wenn das Gericht ihr eine Aureole statt der Strafe zuerkennt, denn das

Martyrium hat sie schon hinter sich. Hernach werde ich aber mit

verdoppelter Kraft den Buchstaben des Gesetzes schwingen.«

=XIX.=

Es dämmerte schon, als Mingo ins Hotel kam, wo ihre Mutter am Kamin saß

und in einem Buch blätterte.

»Wo warst du denn?« fragte sie mißbilligend, indem sie das Buch in den

Schoß legte. »Ich habe mich deinetwegen beunruhigt.«

»Aber Mama,« sagte Mingo erstaunt, »das habe ich nicht vorausgesetzt.

Wenn wir getrennt sind, hast du doch keine Ahnung, wann ich nach Hause

komme, und sorgst dich nie um mich.«

»Das ist etwas anderes, Mingo,« antwortete die Baronin gereizt. »Ich

wäre nicht mehr am Leben, wollte ich mir Gedanken um dich machen, wenn

du anderswo bist. Hier mußt du dich nach mir und den herrschenden Sitten

richten. Ein junges Mädchen aus guter Familie darf in der Dunkelheit

nicht allein durch die Straßen laufen.«

»Daran dachte ich nicht,« entschuldigte sich Mingo kleinlaut, »weil ich

es so gewöhnt bin. Ich war so glücklich, Mama.«

»Glücklich? Warum?« fragte die Baronin. »Weil wir nach Paris reisen,

oder weil Peter Hase uns begleitet? Oder weil du studieren darfst?«

»Ach nein, Mama,« antwortete Mingo, »weil der schreckliche Prozeß nun

bald zu Ende ist, und weil er freigesprochen wird. Er wird doch

freigesprochen?«

»Ich glaube bestimmt,« sagte die Baronin.

Mingo, die sich inzwischen auf ein Kissen zu Füßen ihrer Mutter gekauert

hatte, rief aus: »Aber seine Unschuld ist doch sonnenklar!«

»Nach dem Buchstaben des Gesetzes ist er doch nicht unschuldig,« sagte

die Baronin.

Mingos Gesicht drückte ängstlichen Zweifel aus, allmählich verzog es

sich, so daß es kläglich und hilflos wie das eines kleinen Kindes

aussah, und in Tränen ausbrechend umklammerte sie mit beiden Armen die

Knie ihrer Mutter. »O Mama, das ertrüg' ich nicht, das ertrüg' ich

nicht,« schluchzte sie.

Die Baronin schob sie sacht mit den Händen zurück und fragte befremdet,

fast tadelnd: »Was ist dir? Was hast du, Kind?« während sie sich eines

stechenden Schmerzes zu erwehren suchte, der ihr Herz zusammenzog.

»Stoß' mich doch nicht fort, Mama,« schluchzte Mingo, ihre Mutter fest

umklammernd, »ich kann ja nichts dafür, daß es so ist! Hilf mir doch,

ich habe ja nur dich! Ich kann nicht ohne ihn leben.«

Die Baronin beugte sich herab, zog die kleine Gestalt auf ihren Schoß

und preßte das tränenüberströmte Gesicht an ihres. »Meine kleine Mingo,«

sagte sie zärtlich, »so sehr liebst du ihn?«

Noch schluchzend drängte sich das Mädchen dicht an ihre Mutter. »Ich

wollte gern sterben, wenn ich ihn damit glücklich machen könnte,« sagte

sie leise.

Die Baronin streichelte sie und drückte sie fest an sich. »Meine liebe

Kleine,« sagte sie besänftigend, »es ist natürlich, daß er in dieser

Lage einen starken Eindruck auf dein liebevolles, phantastisches Gemüt

gemacht hat. Er übt einen großen Zauber aus, das ist wahr. Aber glaube

mir, das ist nicht der Mann, der dich beglücken könnte, ganz abgesehen

davon, daß sein Alter und seine Stellung im Leben den Gedanken an eine

Heirat mit dir von vornherein ausschließen.«

»Seine Stellung im Leben,« rief Mingo, sich entrüstet aufrichtend. »O

Mama, und wenn er ein Straßenkehrer wäre, er stände hoch, hoch über mir

und allen Männern, die ich kenne. O Mama, ich kann es nicht ertragen,

daß du so kleinlich denkst oder sprichst. Und was frage ich nach seinem

Alter? Will ich denn etwas von ihm? Wenn meine Jugend sein Herz einen

Augenblick erfreuen könnte, wie man sich an einer Blume erfreut, so wäre

ich glücklich, sie ihm hingeben zu dürfen.«

Plötzlich brach sie ab, da sie sah, daß die schönen grauen,

schwarzumsäumten Augen ihrer Mutter feucht und daß auf ihren blassen

Wangen Tränenspuren waren. Sie nahm das kleine, spitzenbesetzte

Taschentuch, das die Baronin in der Hand hielt, trocknete damit behutsam

ihr Gesicht und fragte nachdenklich: »Sind das meine Tränen?«

»Wessen wohl sonst?« fragte die Baronin lächelnd.

»Aber du hast ja auch Tränen in den Augen,« fuhr Mingo fort. »Ach Mama,

was für ein böses Kind bin ich, dir solchen Kummer zu machen! Aber ich

kann ja nichts dafür, es ist ganz gewiß stärker als ich! Alles, alles,

was ich habe, wollte ich geben, wenn er mich nur ein bißchen liebhaben

könnte! Wenn er mich wenigstens um sich leiden möchte! Ich weiß nicht,

was aus mir werden soll ohne ihn.«

»Meine süße, kleine Mingo,« begann die Baronin.

»Sage: mein süßer, kleiner Mingo,« bat Mingo.

»Mein süßer, kleiner Mingo,« wiederholte die Baronin, »kühle vor allen

Dingen dein Gesicht, denn du möchtest gewiß nicht gern, daß dein Vater,

der jeden Augenblick kommen kann, dich so überraschte. Ich fürchte, er

würde wenig Verständnis für deine Gefühle haben. Und dann laß uns

zunächst ruhig das Urteil erwarten! Sollte er nicht freigesprochen

werden, so kann er weitergehen; wir brauchen also selbst im schlimmsten

Falle die Hoffnung nicht aufzugeben. Was dann wird, hängt nicht von uns

ab. Dich zu lieben, können wir ihn nicht zwingen, aber ich glaube, daß

er schon um seiner verstorbenen Tochter willen Sympathie für dich hat.«

»Glaubst du?« fragte Mingo, während sie sich das erhitzte Gesicht mit

einem nassen Tuche betupfen ließ. Die ungewohnte mütterliche

Zärtlichkeit hatte etwas lieblich Einwiegendes, und sie hielt

unwillkürlich die Mutter fest umarmt, als wolle sie die wohltätige

Anwandlung verhindern, einem Traume gleich zu verschwinden.

»Du scheinst plötzlich wieder ein kleines Kind geworden zu sein,« sagte

die Baronin, »und zu denken, wie kleine Kinder tun: Mama wird mir Sonne

und Mond geben, wenn ich will.«

Mingo sah die Baronin mit großen, wundergläubigen Augen an und nickte.

»Das kommt, weil du so gut zu mir bist,« sagte sie.

Erst gegen Morgen schlief die Baronin ein und erwachte mit müdem,

unfrohem Herzen. Mingos zärtliche Begrüßung, kleine Aufmerksamkeiten

und verstohlene Blicke ermunterten sie doch allmählich.

»Nun, Mingo,« sagte sie, »ich nehme dich heute nur mit in die Sitzung,

wenn du brav sein willst. Auftritte sind mir verhaßt, besonders in der

Öffentlichkeit.« Mingo versprach es und wurde auf keine zu schwere Probe

gestellt. Denn die Reden waren kurz, und die Geschworenen lehnten nach

kaum halbstündiger Beratung die Schuldfrage ab.

* * * * *

In der allgemeinen Bewegung, die entstand, erschien nur Deruga

gleichgültig; einzig als er, nachdem die Baronin ihn beglückwünscht

hatte, Mingos Auge voll Sorge und Liebe auf sich gerichtet sah, wurden

seine Mienen weich.

»Kleiner Mingo,« sagte er, indem er ihr zunickte, »sind Sie nun

zufrieden? Sehen Sie, die Menschen sind gar nicht so böse!«

Im ersten Augenblick überwältigte sie das Glück dieser Anrede; aber als

sie neben ihrer Mutter im Wagen saß und alles Erlebte wieder

durchträumte, schien es, als habe der bewunderte Mann sie doch recht

karg abgespeist. Mit wem mochte er seinen Triumph jetzt so recht

ausgiebig feiern? War er überhaupt froh? Es hatte so viel Widerwillen

und Verachtung in dem Gesicht gelegen, das doch so innig lächeln konnte.

Ob er glücklicher sein würde, wenn er wüßte, wie ganz und gar sie ihm

ergeben war?

»Mingo,« sagte die Baronin am Nachmittag, als sie allein miteinander

waren, »ich werde jetzt Deruga aufsuchen, um zu erfahren, welches seine

Absichten für die nächste Zukunft sind, und ihn bitten, daß er mich als

seine Verwandte betrachtet. Dich nehme ich nicht mit, weil du sehr wenig

imstande bist, deine Empfindungen zu beherrschen, und es nicht

schicklich ist, wie du auch finden wirst, wenn ein Mädchen sich einem

Manne anträgt.«

Mingo war nicht der Meinung. Sich diesem einzigen Manne gegenüber hinter

Schicklichkeitsregeln zu verschanzen, schien ihr unwürdig, das einzig

Natürliche und Richtige vielmehr, ihm zu sagen: Ich bin dein, nimm mich

hin. Da sie aber wußte, daß sie ihre Mutter für diese Auffassung nicht

würde gewinnen können, und da sie sich außerdem vor einer Begegnung mit

Deruga ebensosehr fürchtete, wie sie sie herbeisehnte, erklärte sie sich

dankbar einverstanden.

»Aber ich darf ihn doch grüßen lassen,« fragte sie. Die Baronin lächelte

und küßte sie. »Geh' inzwischen mit deinem Vater spazieren,« sagte sie,

»daß dir die Zeit nicht lang wird.«

=XX.=

Als die Baronin bei Deruga eingetreten war, der an einem Tische saß und

schrieb, blieb sie einen Augenblick stehen und sagte dann: »Sie sehen

nicht aus wie ein Sieger. Mir entfällt der Mut, Ihnen Glück zu

wünschen.«

»Sie irren sich,« antwortete Deruga, »ich habe soeben einen Entschluß

gefaßt, um dessentwillen ich zu beglückwünschen bin: Ich will den

Schauplatz, der mir nicht gefällt, verlassen.«

»Das habe ich vorausgesetzt,« sagte die Baronin. »Hätten Sie nicht Lust,

uns nach Paris zu begleiten?«

»Nein, ich will weiter, viel weiter fort,« sagte Deruga.

»Nun, das ist auch gut,« meinte die Baronin. »In der Ferne werden Sie

die häßlichen Eindrücke, die Sie hier gehabt haben, vergessen, und wenn

Sie wissen, daß Sie in dem trüben Wust einen kostbaren Schatz gewonnen

haben, nämlich ein reines, warmes, treues Herz, so wird Sie das

allmählich zurückziehen.«

»Ich bin nicht so verwegen, mir einzubilden, ich hätte Ihr Herz

gewonnen, Frau Baronin,« sagte Deruga, gutmütig spottend, »auf das Ihre

Schilderung auch wohl so ganz nicht paßt.«

»Nein, nicht so ganz,« sagte die Baronin, indem sie mit wehmütiger

Koketterie den Kopf wiegte, »immerhin dachte ich an eines, das dem

meinigen nah, sehr nah verwandt ist.«

»Kleiner Mingo,« sagte Deruga träumerisch, und dann rascher, zu seinem

Gast gewendet: »Ach, glauben Sie denn, Baronin, ich könnte es ertragen,

ein Wesen an meiner Seite zu haben, das mich immer an meinen kleinen

Mingo erinnerte, den ich verloren habe? Wenn Sie das für möglich halten,

so wissen Sie nicht, was Elternliebe ist.«

»O doch, ich habe es erfahren,« sagte die Baronin, indem sie langsam den

verschleierten Blick auf ihn richtete.

»Ich glaube Ihnen,« sagte Deruga, »aber vielleicht können Sie sich

nicht in meine Lage denken.«

»Es ist natürlich,« sagte die Baronin, »daß ich zunächst die meine und

die meines Kindes empfinde. Daß eine Mutter ihre Tochter nicht gern

einem um so viel älteren Manne gibt, das versteht sich doch wohl von

selbst. Wenn ich trotzdem mich entschlossen habe, Ihnen von dieser

Neigung zu sprechen, so geschah es, weil ihre Stärke und unschuldige

Zuversicht mich rührten und mir den Glauben erweckten, es könne doch

vielleicht -- wie man so sagt -- Gottes Wille sein. Dazu kommt freilich,

daß ich mich davor fürchte, das Kind leiden zu sehen.«

»Wirkliches Leiden,« sagte Deruga, »würde ihr die Erfüllung ihres

Wunsches bringen. Sie kennt mich nicht. Und auch Sie, Baronin, kennen

mich offenbar nicht genügend.«

»Die Natur will nicht, daß wir Frauen die Männer ganz kennen,« sagte die

Baronin leicht errötend. »Hat sie uns nicht blind gemacht, so müssen wir

uns wohl oder übel die Augen verbinden. Aber von Ihnen, gerade von

Ihnen glaubte ich, daß es nur von Ihrem Willen abhinge, wenn nicht ein

großer, so doch ein sehr guter Mensch zu sein.«

»Wenn das wahr wäre,« sagte Deruga, »so wäre ich es ja. Mein Wille hängt

aber nicht von mir ab, sondern von meinem Blut, von meinen Nerven, von

den Eindrücken, die ich empfange, von tausenderlei Strömungen und

Stockungen, über die ich nicht Herr bin. Ich habe Augenblicke gehabt, wo

es mir vor mir selbst ekelte, und ich will verhindern, daß sie

wiederkommen, nachdem ich einmal hoch über allen irdischen Niedrigkeiten

war.«

»Und könnten Sie das nicht am besten dadurch verhindern,« sagte die

Baronin, liebevoll dringend, »daß Sie Ihr Leben mit einem jungen,

reinen, vertrauenden verbänden?«

»Wenn ich stark wäre, ja,« sagte Deruga. »Aber da ich schwach bin,

bleibt mir doch nur der andere Weg, daß ich fortgehe.«

Etwas in seinen Mienen oder im Ton seiner Worte machte, daß die Baronin

ihn plötzlich richtig verstand. Ihre Hand, die auf der Lehne seines

Stuhles lag, zitterte, und sie wurde bleich. Eine schreckliche Angst, er

könne jetzt gleich, ihr gegenüber Hand an sich legen, befiel sie, und

zugleich durchzitterte sie der Gedanke, daß dies die beste Lösung für

sie wäre.

»Es ist entsetzlich, mir das zu sagen,« stöhnte sie, die Augen

schließend und den Kopf zurücklehnend.

»Nicht so sehr,« sagte Deruga, »ich hätte es nicht gesagt, wenn ich

nicht wüßte, wie verständig Sie sind. Ich will Ihnen gestehen, als mich

Ihre Augen zum ersten Male mit einem Blick trafen, der aus Abneigung und

plötzlich erregter Zuneigung gemischt war, wurde eine starke Begierde zu

leben in mir wach, wie ich sie jahrelang nicht empfunden hatte. Denn

eigentlich lebte ich nur so hin, weil ich einmal da war, ohne daß etwas

mich sonderlich reizte. Der Trieb, den Sie in mir entzündeten, war

nichts Hohes oder Schönes, es war ein Durcheinander von Genußsucht,

Eitelkeit und Selbstliebe, was eben bei uns Männern der Leidenschaft

hauptsächlich zugrunde liegt. Der Reichtum, der mir in den Schoß

gefallen war, bekam plötzlich doppelten Wert für mich. Von ihm getragen,

wollte ich leben um jeden Preis, was für Opfer es auch kosten möchte,

leben, um ungeschränkt zu genießen. Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn

der gute =Dr.= Bernburger nicht den Brief von meiner armen Marmotte

gefunden hätte!«

»Da verblaßte die neue vor der alten Liebe,« sagte die Baronin leise.

»Sie mögen es immerhin so ausdrücken,« sagte Deruga. »Vom Finger der

Erinnerung berührt, stieg die göttliche Zeit vor mir auf, die mir einmal

geschenkt war. Ich sah, wie flach, zerbrechlich, alltäglich und ekelhaft

alles das war, was mich glänzend und genußreich umgaukelt hatte,

verglichen mit der Seligkeit, die ich empfand, als ich meiner armen,

kranken Marmotte den Tod gab. Ja, ich würde reicher und angesehener

sein, es würden mir feinere, höher gestellte Frauen zu Verfügung stehen

als früher, aber ich würde mit jedem Schritt tiefer in den Schlamm der

Alltäglichkeit versinken und mich weiter von jenem Götterglück

entfernen, bis ich meine Fähigkeit dazu endlich vergessen und verloren

hätte.«

»Man kann nicht immer auf den Höhen verweilen,« wandte die Baronin

zaghaft ein.

»Ich wenigstens kann es nicht,« sagte Deruga. »Aber ich war doch einmal

begnadet, in ätherischer Luft zu atmen. Mir schmeckt eure Zeit nicht

mehr nach jenen ewigen Augenblicken.«

»Vielleicht,« sagte die Baronin zögernd, »könnte Mingo Sie umstimmen,

wenn sie zu Ihnen käme.«

»Das wäre zum Unglück für uns beide,« sagte Deruga. »Lassen Sie dem

Kinde eine schöne, heilige Erinnerung, die vielleicht einmal dunkle

Stellen des Lebens verklären kann. Mich beglückt der Gedanke, daß sie

ein unbeflecktes Bild von mir in liebevollem Herzen festhält.

Versprechen Sie mir, es nicht zu zerstören, Baronin!«

»Es ist ja mir so teuer wie ihr,« sagte sie mit erstickter Stimme. Sie

drückte das Taschentuch an die Augen und saß ihm lange stumm gegenüber.

Plötzlich kam ihr inmitten verworrener Gefühle und Gedanken ein

Einfall, dem nachgebend sie sich schnell aufrichtete und fragte: »Und

die verhängnisvolle Erbschaft? Was wird aus der, wenn Sie -- fortgehen?«

Deruga lachte. »Wahrhaftig, Baronin,« sagte er, »wenn Gundel

Schwertfeger nicht wäre, würde ich sie Ihnen von Herzen gönnen. Aber,

sehen Sie, Gundel Schwertfeger kommt das Geld eigentlich zu, weil die

Marmotte es ihr zugedacht hatte, und weil sie es in ihrem Sinne anwenden

wird. Und um mich hat sie es verdient, das treue, tapfere Herz, obwohl

ich ihr einmal böse war, weil sie mich zu hart beurteilte. Im Grunde

galt mein Zorn nur ihrer Unbestechlichkeit.«

»Ach,« sagte die Baronin schmollend, »Sie und das Fräulein Schwertfeger

gehören zu den Leuten, die nur ein Herz für die Leiden der Armen haben.

Glauben Sie mir, verhältnismäßig bin ich ärmer als die ärmste

Taglöhnersfrau.«

»Ja, aber nur verhältnismäßig,« lachte Deruga.

»Nun, lassen wir das,« sagte die Baronin, »nur um eines bitte ich Sie:

Lassen Sie die Nadel, den Mohrenkopf, den Sie in der Krawatte tragen,

nicht in fremde Hände fallen!«

»Sie sollen ihn als Andenken erhalten,« sagte Deruga, »wenn ich meine

Reise antrete. Machen Sie sich aber niemals Gedanken, Baronin, als

hätten Sie den Aufbruch verschuldet! Schon oft, lange vor diesem Prozeß,

habe ich die Absicht gehabt, diese öde Station zu verlassen, wo ich mich

ebenso langweilte wie Sie in Ihrer Ehe. Vielleicht erinnern Sie sich,

daß ich einmal im Anfang der Verhandlungen erzählte, wie ich fortgereist

und aufs Geratewohl querfeldein gegangen sei, um irgendwo draußen in der

Einsamkeit wie ein Tier zu sterben. Das war keine Erfindung, wenn es

auch nicht gerade an dem Tag vorgefallen war.«

Die Baronin war aufgestanden und hielt ihm zögernd die Hand hin. »Lieber

Doktor,« sagte sie, »alles, was Sie nur eben sagten, war der Ausdruck

einer Stimmung, die nach den vorausgegangenen Eindrücken erklärlich ist,

die aber vorübergehen wird. Ihre zahlreichen Freunde werden darauf

hinzuwirken suchen, und ich bin überzeugt, schon morgen werden Sie

irdischer, menschlicher empfinden. Ich wäre nicht imstande Ihnen

Lebewohl zu sagen, wenn ich nicht fest darauf rechnete.«

»Küß die Hand, Baronin, und grüßen Sie Mingo!«

Auf der Treppe zog die Baronin einen Spitzenschleier aus der kleinen

Handtasche, die sie in der Hand trug, und band ihn vor ihr Gesicht, über

das unaufhaltsame Tränen flossen. Erst nachdem sie eine Zeitlang in den

entlegenen, einsamen Straßen dieser Gegend auf und ab gegangen war,

versiegten sie und vermochte sie sich zu fassen. Nach Hause zu gehen,

fühlte sie sich immerhin noch nicht fähig und beschloß, auf Umwegen in

die innere Stadt, wo die eleganten Geschäfte waren, zurückzukehren und

einige für die Abreise notwendige Einkäufe zu machen.

Der Gedanke an Paris hatte etwas Befreiendes für sie. Auf der neuen

Szene, dachte sie, würden neue Auftritte mit neuen Eindrücken kommen und

sie heilen; denn sie bedürfte es doch mehr als Mingo. Ja, für Mingo war

es gut so, das fühlte sie mit jedem Augenblick deutlicher. Eine kurze

Zeit leidenschaftlicher Wonne hätte sie vermutlich, wenn sie Deruga

geheiratet hätte, mit einem Leben voll Enttäuschungen und mannigfacher

Bitterkeit erkauft; denn was für Schätze sein Herz auch bergen mochte,

ihr gegenüber wäre er bald der alternde, launenhafte, überdrüssige,

erloschene Mann geworden. Der Schmerz hingegen, den sie jetzt erfuhr,

würde sich bald, wie Deruga vorausgesagt hatte, in eine heilig behütete

Erinnerung verwandeln, bei der man gern in Träumen verweilt. Vielleicht

war sie infolge der Erregungen, die sie durchgemacht hatte, gerade in

der rechten Verfassung, um für Peter Hases Werbung empfänglich zu sein,

der sie begleitete, oder es würde einem anderen gelingen, sie zu

interessieren. Dies Erlebnis hatte den Boden ihrer Seele erst lockern

müssen, der sich bisher vor der Liebe verschlossen hatte. Es lag jetzt

nur an ihr, sich eine reiche Ernte für die Zukunft zu sichern.

Der Fall Deruga · 第 15 / 16 段