Unbefangenheit zu sagen: »Nun ja, das tägliche Sich-an-einander-Reiben,
das die Ehe mit sich bringt, das würde ich freilich wohl nicht wieder
auf mich nehmen, und ich halte es auch für verderblich und gemein. Aber
nun,« setzte sie hinzu, indem sie aufstand, »geben Sie mir zum Abschied
einen Versöhnungshändedruck!«
»Gern, Baronin,« sagte er, indem er ihr die Hand reichte. »Ihre Strafe
haben Sie ja ohnehin, indem das Geld Ihnen entgangen ist.«
»Ja, das Geld,« sagte sie wehmütig, »das mir den Käfig öffnen sollte.
Wir waren vorhin davon abgekommen: Einzig der Umstand, daß ich kein
eigenes Vermögen habe und nicht wußte, wovon ich leben sollte, wenn ich
meinen Mann verließe, stand vor der Erfüllung meines Wunsches. Das Erbe
meiner armen, kranken Kusine sollte mir das neue Leben geben! Nun aber
genug von mir! Erlauben Sie mir, Ihnen dies Zimmer, für die Zeit, wo Sie
es noch bewohnen werden, ein wenig zu erheitern? Mit Blumen?«
»Wenn es Ihnen Freude macht,« sagte er.
Während sie zögernd auf der Schwelle stand, ruhten ihre Augen auf seiner
wohlgeformten braunen Hand, die sie immer noch hielt, und dann ging sie
mit einem Lächeln.
Ihr war zumute, wie sie die etwas abgelegene, düstere Straße entlang
ging, als habe sie sich noch nie, in ihrem ganzen Leben nie, in einer
solchen das ganze Leben durchglühenden Aufregung befunden. Es war eine
prickelnde, zugleich ängstigende und wohltuende Empfindung, in der sich,
so schien es ihr, alle ihre Kräfte steigerten und veredelten. Freilich,
noch ein wenig mehr, so könnte es unbehaglich werden, ja, schon jetzt
lief ein leises Angstgefühl mit unter, das jedoch die Wonne des
allgemeinen Aufruhrs noch übertönte.
Die Baronin beschloß, einen Spaziergang zu machen. Es war noch nicht
spät, die Lichter auf den Straßen und in den Schaufenstern wurden
allmählich entzündet und loderten wie feuergelbe Tupfen in das
Durcheinander der dämmerblassen Farben. Langsam und lächelnd ging sie
ziellos weiter. Wie reizend war es, sich so jung zu fühlen und wie ein
verliebtes Mädchen verbotene Wege zu gehen! Ja, es war fast, als ginge
sie zu einem Stelldichein. Als sie an einem Blumengeschäft vorbeikam,
das das Aussehen eines pompösen Urwaldes hatte, fiel es ihr ein, etwas
für Derugas Zimmer auszusuchen. Sie wählte lange und fragte kaum nach
den Preisen, die sie sonst, besonders wenn es sich um Geschenke
handelte, durchaus nicht unberücksichtigt ließ. Zufällig erblickte sie
in einem Spiegel ihre Gestalt: schlank, tadellos, voll natürlicher
Eleganz. Ein frohes Gefühl von Glück und Stolz durchzuckte sie. War sie
auch keine frische, im Morgentau glitzernde Blume, so ersetzte den
fehlenden Schmelz und das Farbenprangen die sichtbar gewordene Form und
ein Parfüm, das erst die Dämmerung entwickelt. Sie fühlte, daß sie noch
anziehen, noch bezaubern konnte; und hätte sie selbst nicht lieben
können sollen? Sie hatte ja noch nie geliebt.
Sie kämpfte mit sich, ob sie am folgenden Morgen zur Sitzung gehen
sollte, denn es war ihr, als könne es Deruga mißfallen, und als liege
überhaupt etwas Geschmackloses und Gefühlswidriges darin, wenn sie sich
jetzt auf dem Platze zeigte, den sie früher aus Neugier und dem
ungeduldigen Wunsche eingenommen hatte, ihre Sache triumphieren zu
sehen. Doch war es ihr unmöglich, dem Drange zu widerstehen, der sie in
Derugas Nähe trieb, sei es auch nur, um sich Gewißheit über sein
Befinden zu verschaffen.
»Hat man unrecht gehabt,« sagte sie beim Frühstück zu ihrem Mann und
ihrer Tochter, »so muß man es dadurch wieder gutmachen, daß man es
eingesteht. Ich möchte nicht nach Paris reisen, ehe ich weiß, was aus
Deruga wird, und was wir etwa für ihn tun können.«
Der Baron war derselben Meinung, und Mingo errötete vor Freude.
»Liebe Mama,« sagte sie, »ich bin froh, daß du doch ein guter Mensch
bist.«
»Aber Mingo,« sagte die Baronin verweisend, indem sie sich doch nicht
enthalten konnte, zu lachen.
»Darf ich mitgehen, Mama?« bat sie, die aufgesprungen war und ihre
Mutter umarmt hatte. »Du weißt, wie ich darunter gelitten habe, nun
möchte ich auch dabei sein, nachdem es sich so schön gewendet hat. Er
wird doch sicher freigesprochen?«
»Daran ist wohl nicht zu zweifeln,« sagte der Baron, indes die Baronin
sich von Mingos Umarmung freimachte und ein peinliches Gefühl von
Eifersucht, das plötzlich in ihr aufstieg, zu unterdrücken suchte. Ihr
Blick glitt schnell prüfend über Mingo hin, deren Dasein sie plötzlich
als Einengung und Hemmung empfand. Aber sie wollte ja studieren, sagte
sie sich, und das war ja ein gutes, richtiges Gefühl von ihr, daß sie
noch an sich arbeiten und sich entwickeln wollte. Die Berührung der
frischen Lippen war doch unsäglich lieblich. Die Baronin legte ihre Hand
liebkosend unter das noch kinderrunde Gesicht ihrer Tochter und sagte:
»Ich werde Deruga gelegentlich erzählen, daß du von Anfang an sein
tapferer, kleiner Ritter gewesen bist.«
Mingo leuchtete vor Stolz. »Und ich stecke mein Schwert nicht ein, bis
er frei ist,« sagte sie.
=XVIII.=
Die Ungeduld des auf die Aussage Derugas gespannten Publikums wurde
nicht sofort befriedigt, da als erste Zeugin Fräulein Gundel
Schwertfeger vernommen wurde. Der Vorsitzende legte ihr den Brief der
verstorbenen Frau Swieter an Deruga vor und fragte sie, ob er ihr
bekannt sei.
»Ja,« sagte Fräulein Schwertfeger, kaum einen flüchtigen Blick darauf
werfend, »es ist derselbe, den ich einige Tage vor Mingos Tode zur Post
gegeben habe.«
=Dr.= Zeunemann räusperte sich ein wenig und sah vor sich auf den
Tisch. »Sie haben uns das im Beginn des Prozesses verschwiegen,« sagte
er.
»Nein, ich habe gelogen,« sagte Fräulein Schwertfeger mit trotziger
Tapferkeit, während ihre großen, grauen Augen sich verdunkelten. »Es war
das erstemal in meinem Leben, und ich mußte es tun, weil ich sonst
meiner verstorbenen Freundin das Wort gebrochen hätte. Dazu konnte ich
mich nicht entschließen, gerade weil sie tot ist.«
»Wollen Sie uns jetzt vielleicht,« sagte =Dr.= Zeunemann sanft,
»kurz erzählen, was sich wegen des Briefes zwischen Ihnen begab?«
»Meine Freundin fragte mich, ob ich ihr etwas zuliebe tun wolle. Ich
sagte, ich würde alles tun, was in meinen Kräften stände, die leider
gering wären. Sie küßte mich und sagte, es wäre nicht viel an sich, aber
für mich bedeutete es vielleicht viel: ich sollte nämlich einen Brief an
Deruga besorgen, ohne daß es jetzt oder später jemand erführe. Ich
versprach zu tun, was sie wünschte, und fragte, ob sie mir sagen könnte,
was sie ihm schriebe, und warum es niemand erfahren dürfte. Sie sagte,
sie habe das Bedürfnis, ihm für den Fall, daß sie nicht lange mehr leben
sollte, Lebewohl zu sagen, und daß sie das heimlich halten wolle,
entspringe nur der vielleicht törichten Furcht, man würde sie nicht
verstehen und lächerlich finden.«
»Haben Sie sich damals,« fragte der Vorsitzende, »gar keine Gedanken
gemacht, ob es sich wirklich so verhalte?«
»Damals dachte ich,« sagte Fräulein Schwertfeger, »sie habe ihm
vielleicht geschrieben, sie wünsche ihn noch einmal zu sehen, bevor sie
stürbe, und habe sich gescheut, mir das zu sagen. Als dann die Anklage
gegen Deruga erhoben wurde, sah ich ein, wie gefährlich der Brief für
ihn werden könne, sei es, daß sie ihn gebeten hatte zu kommen, oder daß
sie ihn von dem Inhalt des Testamentes in Kenntnis gesetzt hatte; und
ich nahm mir vor, lieber zu lügen, als ihn ins Unglück zu bringen, da
ich wußte, welchen Schmerz das meiner Freundin bereitet hätte.«
»Steht vielleicht damit im Zusammenhang,« sagte =Dr.= Zeunemann,
»daß Sie das Vermächtnis Ihrer Freundin ausschlugen und später sogar die
Ihnen vermachten Wertsachen verschenkten?«
Fräulein Schwertfeger wurde dunkelrot.
»Es schien mir allerdings nun so auszusehen,« sagte sie, »als wolle
meine Freundin mich für mein Stillschweigen belohnen. Später vollends,
als der Verdacht gegen Deruga aufkam, den ich teilte, wäre ich mir
selbst vorgekommen wie eine Bestochene und wie eine Helfershelferin bei
der abscheulichen Tat, wenn ich das Geringste von den Kostbarkeiten
meiner Freundin behalten hätte.«
»Es ist Ihnen also niemals,« fragte der Vorsitzende, »die Möglichkeit
des Zusammenhangs aufgetaucht, so wie sie sich jetzt dargestellt hat?
Ihre Freundin hat Ihnen doch selbst einmal gesagt, wie Sie gelegentlich
erwähnten, daß sie demjenigen dankbar sein würde, der ihrem Leiden ein
Ende bereitete, indem er sie tötete?«
»Ich hielt das nur für eine augenblickliche Regung,« sagte Fräulein
Schwertfeger. »Jetzt erst habe ich eingesehen, wie sehr sich meine
Freundin im allgemeinen beherrschte, wenn ich bei ihr war. Dazu kommt,
daß ich Deruga nichts Gutes, aber wohl Schlechtes zutraute. Ich habe ihm
sehr unrecht getan.«
»Aber das bedachten Sie nie,« sagte =Dr.= Zeunemann mit mildem
Vorwurf, »daß der Gerechtigkeit dadurch Abbruch geschähe, wenn Deruga
seine geschiedene Frau gemordet hätte und unbestraft bliebe?«
»Ich dachte,« sagte Fräulein Schwertfeger trotzig, »ich wollte tun, was
mein Gewissen mich hieße, und das übrige Gott überlassen.«
»Als Mensch,« sagte =Dr.= Zeunemann nach einer Pause, »kann ich
Ihre Handlungsweise nicht tadeln, obwohl sie nicht als Muster für andere
Fälle gelten dürfte.«
Nachdem Fräulein Schwertfeger entlassen war, kam Derugas Vernehmung. Um
von den Geschworenen besser verstanden zu werden, wurde er aufgefordert,
die Anklagebank zu verlassen und sich auf den für die Zeugen bestimmten
Platz zu begeben.
Er sah blaß, gleichgültig, verdrossen und verschlossen aus, fast als
habe er es auf eine abstoßende Wirkung abgesehen und empfinde Genugtuung
darüber.
»Sie haben zugestanden,« begann der Vorsitzende ernst, »Ihre geschiedene
Gattin getötet zu haben, was Sie bis jetzt leugneten. Sie reisten zu
diesem Zwecke und mit dahinzielender Absicht von Prag ab?«
»Ich weiß nicht,« sagte Deruga unmutig, »warum Sie mich noch einmal mit
Fragen behelligen. Sie wissen, daß meine Frau sich sehnte, von
unerträglichen Leiden befreit zu werden, und daß sie sich an mich
wendete, weil sie das Zutrauen zu mir hatte. Ich fühlte menschlich
genug, um ihre Bitte zu erhören. Die Ärzte im allgemeinen haben den Mut
zu einer so vernünftigen Tat nicht. Ich reiste sofort hin und tat es.
Das sollte genügen.«
»Es kommt uns nicht nur darauf an, die Tat zu wissen,« sagte =Dr.=
Zeunemann, »sondern auch die Absichten kennenzulernen, die den Täter
leiteten.«
»Was wollen Sie damit sagen?« fuhr Deruga heftig auf. »Was für Absichten
könnte ich gehabt haben, außer der armen Person zu helfen? Daß ich von
der Erbschaft nichts wußte, geht aus ihrem Briefe hervor.«
»Aus dem Brief geht allerdings hervor,« sagte der Vorsitzende mit
gelassener Würde, »daß Sie mit Ihrer geschiedenen Frau seit Ihrer
Scheidung in keiner Verbindung standen, daß Sie also damals von der
Erbschaft nichts wußten.«
»Damals!« rief Deruga. »Wollen Sie damit sagen, daß ich hingereist wäre,
um meiner Frau anzubieten, ich wolle ihr den Gefallen tun, wenn sie mir
soundso viel Geld dafür gäbe? Und um den Preis ihres Vermögens hätte ich
mich kaufen lassen? Ich weiß nicht, nach was für einem Maßstab Sie die
Menschen beurteilen. Ekelhafte Welt, wo Menschen richten, die nur
gemeine Triebe zu kennen scheinen!«
»Ich muß Sie bitten,« sagte der Vorsitzende, »Ihre Ausdrücke zu mäßigen.
Die gefallenen Worte lasse ich deshalb hingehen, weil ich eine
krankhafte Erregung bei Ihnen voraussetze. Nachdem ich Sie aber gewarnt
habe, würde ich mich im Wiederholungsfalle zu ernsten Maßregeln
gezwungen sehen.«
Inzwischen war Justizrat Fein aufgestanden und bat, ein paar Worte mit
seinem Klienten reden zu dürfen.
»Aber, liebster Doktor,« sagte er halblaut, indem er ihn am Rock faßte,
»was für Geschichten machen Sie? Es hängt jetzt alles davon ab, daß Sie
einen guten Eindruck machen. Nachher ist alles vorüber. Nehmen Sie sich
doch zusammen, tun Sie es mir zuliebe! Bilden Sie sich ein, Sie
erzählten die ganze Begebenheit mir! Der arme Teufel tut am Ende nur
seine Pflicht, wenn er alle Möglichkeiten ins Auge faßt. Sie könnten ja
auch ein Schweinehund sein, wie es viele gibt.«
»Ich weiß nicht, warum sich mein Blut empört,« entgegnete Deruga, »wenn
ich diesen Areopag von Stallhammeln sehe, die über hungrige Wölfe zu
Gericht sitzen. Wäre ich doch ein Raubmörder oder Brandstifter! Hier
schäme ich mich, ein anständiger Mensch zu sein.«
»Das sind Sie ja gar nicht,« sagte der Justizrat beruhigend, »das heißt,
nicht in dem Sinne, wie Sie es eben meinten. Und haben Sie denn gar kein
Gefühl für das wackere alte Jüngferchen auf der Zeugenbank? Erzählen Sie
der die Geschichte! Denken Sie, wie froh sie sein wird, wenn sie Sie
für keinen Bösewicht mehr zu halten braucht.«
»Dumme, eigensinnige Gans,« brummte Deruga, aber sein Blick war
freundlicher geworden, und er erklärte sich bereit, die Fragen, die man
an ihn richten würde, zu beantworten.
»Als Sie den Brief Ihrer geschiedenen Frau erhielten,« begann =Dr.=
Zeunemann von neuem, »faßten Sie da sofort den Beschluß, ihren Wunsch zu
erfüllen?«
»Als ich ihre Handschrift sah,« sagte Deruga in ruhig erzählendem Tone,
»die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, und die ganz unverändert
war, so daß ich sie sofort erkannte, da erfaßte mich sofort das Gefühl
von Unruhe, Wut und Haß, das mich immer überkommen hatte, wenn ich
zufällig einmal an sie erinnert wurde, was aber in den letzten Jahren
nur sehr selten geschehen war. Was kann sie von mir wollen? dachte ich.
Will sie mir sagen, es tue ihr leid, daß sie mein Leben zerstört habe?
Bildet sie sich ein, es bestehe noch irgendein Band zwischen uns? Bildet
sie sich ein, ich könne je vergessen, was ich durch sie gelitten habe?
So ungefähr. Als ich den Brief gelesen hatte, war das alles
verschwunden, und ich empfand nur Mitleid und Liebe. Ich empfand, was
ich noch nie zuvor empfunden hatte: reine, große, ungetrübte Liebe für
das leidende Geschöpf, das ich soviel gequält hatte, eine Liebe, die nur
in dem Wunsche bestand, sie zu trösten und ihr zu helfen. Ich erinnerte
mich an ihre Angst vor Schmerzen, und wie oft sie mich gefragt hatte, ob
ich sie lieb genug haben würde, sie zu töten, wenn sie einmal von einer
sehr schmerzhaften Krankheit befallen werden sollte, wie dankbar sie mir
war, wenn ich es versprach, und wie dann ihre Sicherheit und
Überlegenheit verschwand und sie wie ein Kind sich an mich schmiegte. Es
war alles ausgelöscht, was mich einst an Eifersucht, Empfindlichkeit und
Rachsucht gegen sie verbittert hatte, vor dem einen Gefühl, daß sie mich
nicht vergeblich angerufen haben sollte, und daß ich sie von ihren
Leiden befreien wollte, wenn ich sie nicht etwa heilen könnte.«
Die Pause, die Deruga machte, benützte der Staatsanwalt, um durch
weitausholende Gestikulationen und im Flüsterton gezischte Anweisungen
einen Diener zu beauftragen, daß er dem Angeklagten, der angegriffen zu
sein scheine, einen Sessel brächte.
Nachdem er sich bedankt hatte, fuhr Deruga fort:
»Meine Regung war, sofort abzureisen, aber ich überlegte mir, was für
höchst bedenkliche Folgen die Tat für mich haben könnte, und ich
beschloß, dieselben, wenn möglich, abzuwenden. Die Art und Weise
betreffend, wie ich Mingo töten wollte, beschloß ich, es durch Curare zu
tun, wovon ich zufällig eine genügende Dosis besaß. Chloroform, das in
gewisser Beziehung vorzuziehen gewesen wäre, schloß ich deshalb aus,
weil der Geruch es sofort verraten hätte. Allerdings hätte man gerade
dabei am ersten auf Selbstmord geschlossen, außer wenn sich feststellen
ließ, daß kein Chloroform im Hause gewesen war; sicherer erschien es
mir, auf alle Fälle ein Gift zu wählen, das im Augenblick keine Spur
hinterließ, damit der Verdacht eines gewaltsamen Endes überhaupt nicht
aufkam.
Da meine Frau nicht geschrieben hatte, wie ich zu ihr gelangen könnte,
dachte ich, zuerst deswegen bei ihr anzufragen, unterließ es jedoch,
weil ich mir sagte, der Brief würde vielleicht einer Dienerin oder
Pflegerin in die Hände fallen, die voraussichtlich nicht in das
Geheimnis gezogen werden durfte. Nachdem ich vielerlei geplant und
verworfen hatte, entschloß ich mich, als Vagabund oder Hausierer
verkleidet in ihrer Wohnung vorzusprechen und die Gelegenheit
auszukundschaften; ich traute mir zu, daß ich auf diese Art irgendeinen
Weg ausfindig machen würde, und rechnete auf die glücklichen Einfälle,
die dem Unternehmenden gewöhnlich zu Hilfe kommen. Darauf brachte mich
auch der Umstand, daß ich vor Jahren einmal auf einem Maskenballe als
Mausefallenverkäufer aufgetreten und nicht nur von niemandem erkannt,
sondern von verschiedenen sogar für einen echten, zum Spaß
eingeschmuggelten Slowaken gehalten worden war. Ich wickelte den Anzug,
den ich aufgehoben hatte, in ein Papier ein und nahm ihn als einziges
Gepäck mit, um mich entweder in der Eisenbahn oder im Bahnhof
umzukleiden.
Unterwegs überlegte ich mir, daß der Kleiderwechsel im Zuge bemerkt
werden und Verdacht erregen könnte, wodurch ich vielleicht aufgehalten
würde, und im Bahnhof fand ich keine Gelegenheit. Da es noch sehr früh,
etwa halb sechs Uhr war, nahm ich an, daß ich in den Bahnhofsanlagen
vollkommen unbeobachtet sein würde. In der Tat war es rings öde und
still, und als ich die halbrunde, steinerne Bank sah, die uns Herr
=Dr.= Bernburger beschrieben hat, schien mir das der geeignete Ort
zu sein, wo ich mich umkleiden und meinen bürgerlichen Anzug, den ich ja
zur Heimreise brauchte, verbergen könnte. Nachdem ich den
Vagabundenkittel angezogen hatte, wickelte ich den anderen Anzug ein und
verbarg ihn unter der Bank. Zum Überfluß häufte ich noch welkes Laub
darüber, das überall verstreut war.
Zunächst ging ich in ein kleines Café in der äußeren Stadt und
frühstückte, weniger um mich zu erfrischen, als um den Eindruck zu
prüfen, den ich machte, und ich stellte fest, daß ich durchaus für das
genommen wurde, was ich vorstellen wollte. Bis zum Mittag trieb ich mich
herum, dann begab ich mich in die Gartenstraße. Ich war durchaus nicht
aufgeregt, außer daß ich mich sehnte, die Marmotte wiederzusehen. An den
Zweck, der mich hergeführt hatte, dachte ich kaum noch, nur daran,
wieviel wir uns zu erzählen haben würden.
Als Ursula mir die Tür öffnete, wurde es mir schwer, mich nicht zu
verraten, denn ich freute mich, sie wiederzusehen; ich hätte sie gern
begrüßt und gefragt, ob sie mich denn nicht erkennte. Als Mingo läutete
und Ursula im Weglaufen die Tür zuschlug, steckte ich rasch einen der
hölzernen Löffel, die ich als Verkaufsgegenstände bei mir hatte,
dazwischen. Es war eine Eingebung des Augenblicks, der ich vielleicht
nicht gefolgt wäre, wenn ich Zeit zur Überlegung gehabt hätte, denn das
Wagnis konnte leicht mißglücken. Immerhin traute ich mir zu, mich mit
Ursula, wenn sie mir auf die Spur käme, auf irgendeine Weise zu
verständigen. Ich stellte den Teller Suppe, den Ursula mir gebracht
hatte, auf die Treppe und ging aufs Geratewohl in die nächste Zimmertür;
sie führte in das Fremdenzimmer, das unbenutzt war. Von dort aus hörte
ich, wie Ursula wiederkam, die Wohnungstür öffnete und brummte, als sie
draußen den vollen Teller fand. Nachdem sie in der Küche verschwunden
war, ging ich vorsichtig weiter und erblickte durch die offenstehende
Tür des Nebenzimmers Mingos Bett. Ich sagte leise: 'Marmotte, da ist
Dodo!' und sie antwortete ebenso: 'Dodo! Warte, bis Ursula fort ist.'
Während ich allein in dem Fremdenzimmer saß und wartete, habe ich die
Seligkeit des Himmels genossen. Mehrere Stunden lang fühlte ich die mit
nichts auf Erden vergleichbare Wonne, die vielleicht gemarterte Heilige
empfunden haben, wenn der Schmerz aufhörte und Engel mit der Krone des
ewigen Lebens sich aus den Wolken auf sie niederließen. Mein Herz war
ganz und gar voll von der göttlichen Liebe, die nichts will als das
Glück des Geliebten. Ich hatte sie nun wiedergesehen, die Frau, deren
bloßer Name früher einen Ausbruch von Leidenschaften, Liebe, Haß,
Rachsucht in mir entfesselt hatte. Was ist noch an uns von dem Kinde,
das wir vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren einmal waren? Unser ganzer
Körper hat sich seitdem erneuert, wir haben vielleicht keinen Gedanken
und keine Empfindung mehr von denen, die wir damals hatten, und doch,
daß wir es sind, ist das Sicherste, was wir wissen. Ach, von der
Marmotte, die ich einmal mein genannt hatte, war nichts mehr da, und
doch hatte ich in dem einzigen Augenblick in ihrem von den Jahren und
der Krankheit zerstörten Gesicht dasselbe Gesicht gesehen, das ihr als
Kind schon eigen gewesen sein mochte: aus Unschuld, Liebe und Güte
zusammengezaubert. Es war nur als eine geistige Erscheinung da, und ich
weiß nicht, mit was für Augen ich es gesehen habe. Das Körperliche war
das einer alternden, todkranken Frau, einer Pflanze ähnlich, die, vom
Nachtfrost überrascht, mumienhaft im Sonnenschein steht. Es war nichts
mehr an meiner armen Marmotte, was die Leidenschaft irgendeines Mannes
hätte erregen können, aber sie war mir so teuer, so kostbar und heilig,
daß ich nicht gezögert hätte, mein Leben hinzugeben, wenn ich ihr Glück
damit hätte erkaufen können. Armes, ohnmächtiges Geschöpf, dachte ich,
du sollst nicht mehr leiden! Was es mich auch kosten mag, wie hart die
Folgen für mich sein mögen, ich will dir Frieden bringen. Und wenn alle
deine Qualen auf mich übergingen, so wollte ich sie annehmen und mich
freuen, daß du statt dessen ruhen könntest.
Vorher hatte ich gedacht, ich müsse mir erst Gewißheit über den
Charakter und Grad ihrer Krankheit verschaffen, aber ihr Anblick zeigte
mir überflüssig, wie fortgeschritten sie war. Sowie ich Ursula die Tür
hinter sich schließen und die Treppe hinuntergehen hörte, erhob ich
mich, und gleichzeitig rief mich auch die Marmotte. Ich setzte mich auf
den Rand ihres Bettes und sagte, wie ich mich gefreut hätte, daß Ursula
noch bei ihr wäre, und wie ich kaum hätte unterlassen können, sie
auszulachen, weil sie mich nicht erkannt hätte. 'Ich hätte dich gleich
erkannt,' sagte sie, und dann schwatzten wir von der Vergangenheit und
tauschten kleine Erinnerungen aus. Auch von ihrer Krankheit, ihren
Operationen, und wie sie behandelt wurde, erzählte sie mir auf mein
Befragen. Ihre Stimme war unverändert, nur fast süßer als früher. Sie
klang so, wie man wohl des Abends im Gebirge ein entferntes Alphorn
hört, in dem die rosigen, grünen und grauen Farben des dämmernden
Horizontes mitzutönen scheinen. Während wir sprachen, hielt sie eine
meiner Hände fest zwischen den ihren, und einmal küßte sie sie und
sagte: 'Du liebe, gute, schöne Hand, ich habe oft an dich gedacht, und
daß du mich erlösen würdest!'
Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, da sah ich in ihrem Gesicht,
daß ein Anfall von Schmerzen im Anzuge war, Und ich dachte, nun sei der
Augenblick gekommen. Ich hätte etwas mitgebracht, um ihr die Schmerzen
zu vertreiben, sagte ich, und wolle es jetzt in der Küche
zurechtmachen, damit wir ungestört weiterplaudern könnten. 'Wird es weh
tun?' fragte sie, indem sie mich ängstlich ansah, und ihre Mundwinkel
zitterten. Arme, kleine, furchtsame Marmotte! Trotzdem sie den Tod
herbeiwünschte, fürchtete sie sich vor ihm. Ich lachte und sagte: 'Was
denkst du, so schnell geht es nicht. Erst will ich dich ein wenig
beobachten, denn vielleicht kannst du durch verständige Behandlung noch
einmal gesund gemacht werden.' Mit den Worten ging ich in die Küche,
suchte mir ein Glas und mischte das Gift so mit Limonade und Zucker, daß
man seine Bitterkeit nicht schmeckte. Als ich zurückkam, hatte sie
starke Schmerzen, und während ich sie aufrichtete, um sie trinken zu
lassen, erzählte sie mir, daß sie in der letzten Nacht von unserm Mingo
geträumt hatte. 'Wie sehne ich mich danach, sie wiederzusehen,' sagte
sie, 'und später, wenn du auch kommst, stehen wir Hand in Hand und
warten auf dich.' Ich nickte, stützte sie mit meinem Arm und setzte das
Glas an die Lippen. Sie sah mich dankbar an und trank begierig.