des Überdrusses beschloß er zu tun, als gehe es ihn nichts an. Aber als
es von neuem begann, stand er mit einem Seufzer auf, um zu hören, was es
gebe. Er erkannte sofort die Stimme der Baronin, der der Apparat eine
schrille Färbung gab.
»Sie sind krank?« sagte sie. Das sei allerdings im höchsten Grade
ungeschickt. Sie sei im Begriff abzureisen, und es sei darum gerade
jetzt notwendig, daß er persönlich am Platze sei.
Er sei nicht zum Vergnügen krank, antwortete Bernburger. Die Krankheit
sei wohl nicht so arg, sagte die Baronin, daß er nicht auf eine
Viertelstunde ins Hotel kommen könne. Sie müsse ihn durchaus vor der
Abreise sprechen.
Er bedauere, antwortete Bernburger, er läge zu Bett.
»Aber Herr Doktor, Sie sind ja am Telephon,« sagte die Baronin mit dem
Lachen, von dem er wußte, wie verführerisch es klang, wenn es ihr darauf
ankam.
»So komme ich in Gottes Namen,« rief er ärgerlich auf sich und sie.
»Das ist recht, Doktor,« antwortete ihre Stimme, »Sie können sich ja
einen Wagen nehmen.«
»Sie sehen gar nicht krank aus, Doktor,« so empfing ihn die Baronin.
»Mein Mann und ich haben uns plötzlich entschlossen nach Paris zu
reisen,« fuhr sie fort, »da mich der schreckliche Prozeß, wie ich Ihnen
schon sagte, so sehr angegriffen hat.«
»Die Stellungnahme Ihres Fräuleins Tochter,« sagte =Dr.=
Bernburger mit absichtlicher Dreistigkeit, »muß sehr erschwerend für Sie
sein.«
Die Baronin errötete. »Sie wissen,« sagte sie, »daß ich meine Handlungen
durch das Urteil der Jugend nicht beeinflussen lasse. Meine Tochter wird
uns begleiten.«
»Sie sind um den Aufenthaltswechsel sehr zu beneiden,« sagte =Dr.=
Bernburger.
»Ja, der Frühling ist in Deutschland unerträglich,« sagte die Baronin.
»Vielleicht wird er gerade deshalb von deutschen Dichtern so besonders
viel besungen; man rühmt ja das, was man nicht kennt.«
»Sich niemals kennenzulernen wäre also das Geheimnis der glücklichen
Ehe,« erwiderte =Dr.= Bernburger und setzte, sich selbst
verweisend, hinzu: »Aber ich sehe, meine Schwäche macht mich zerstreut
und geschwätzig. Was wünschen Frau Baronin mir zu sagen?«
»Ich wollte Ihnen den Prozeß auf Herz und Gewissen legen,« sagte sie.
»Als wir uns das letztemal sahen, war ich schwankend geworden; eine
Folge meiner Unklugheit, persönlich anwesend zu sein, wie ich jetzt
eingesehen habe. Die vielen Einzelheiten, die wechselnden Aussagen, alle
die starken Eindrücke machen einen nervös, wenn man nicht daran gewöhnt
ist. Ich will nun, ohne mich persönlich darum zu kümmern, dem Prozeß
seinen Lauf lassen und das Ergebnis erwarten. Daß es gerecht ausfällt,
dafür sind die Anwälte und Richter da.«
»Jawohl,« sagte =Dr.= Bernburger.
»Ich kann mich doch auf Sie verlassen?« fragte sie. »Ihre Krankheit wird
doch nicht lange dauern? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir
zuweilen Bericht erstatten wollten. Sie sagten das letztemal, daß Sie
eine entscheidende Entdeckung zu machen hofften.«
=Dr.= Bernburger hatte die Baronin starr angesehen und fuhr bei
ihren letzten Worten zusammen. »Leider,« stieß er etwas gewaltsam
hervor, »muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mich gezwungen sehe, die
Vertretung Ihrer Angelegenheit niederzulegen.«
Die erste Regung der Baronin bei diesen unerwarteten Worten war
gekränkte Entrüstung, die sie so stark erfüllte, daß sie kaum Fassung
gewinnen konnte, sich zu äußern.
»Das ist unerhört, das ist unmöglich,« rief sie endlich aus, während ein
kalter, stechender Ausdruck in ihre grauen Augen trat. »Sie wollen sich
aus der Verlegenheit zurückziehen, in die Sie mich verwickelt haben.
Aber ich entlasse Sie nicht. Und diese Krankheit haben Sie nur
vorgeschützt, ich durchschaue es gleich. Es ist der erste Schritt, uns,
mich ehrlos im Stiche zu lassen.«
=Dr.= Bernburger wurde bleich, aber er blieb bei wachsender
Entschlossenheit ruhig. »Ich fühle mich in der Tat krank,« sagte er,
»und der Aufgabe nicht mehr gewachsen. Es ist um Ihretwillen, daß ich
zurücktreten will.«
»Ich danke für Ihr rücksichtsvolles Opfer,« sagte die Baronin spöttisch.
»Aber ich nehme es nicht an. Ich vertraue Ihnen trotz Ihrer Krankheit.«
Inzwischen hatte die aufgeregte und scharfe Stimme ihrer Mutter Mingos
Aufmerksamkeit erregt, die sich im Nebenzimmer befand. Sie trat ein und
betrachtete die Streitenden mit verwundert fragenden Blicken. Ohne daß
er sich dessen bewußt wurde, flößte ihre Anwesenheit dem jungen
Rechtsanwalt Mut ein.
»Wenn ich Ihnen den Namen und die Art meiner Krankheit nenne, Frau
Baronin,« sagte er, »werden Sie mich besser begreifen. Sie besteht
darin, daß ich anderer Überzeugung geworden bin.«
»So plötzlich?« fragte die Baronin. »Noch vor zwei oder drei Tagen
sprachen Sie sich ganz anders aus.«
»Es kommt vor, daß einem die Augen ganz plötzlich geöffnet werden,«
sagte =Dr.= Bernburger.
Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Mingo seine heiße, feuchte Hand
ergriff, deren Berührung sie sonst vermieden hatte, und ausrief: »O,
Herr Doktor, sagen Sie uns alles! Ich danke Ihnen, Mama freut sich
ebenso wie ich, wenn Sie es auch nicht gleich zugibt! Wie gut von Ihnen,
daß Sie Ihren Irrtum eingestehen!«
Sie hielt seine Hand noch immer mit leidenschaftlichem Druck fest, und
ihre Augen standen voll Tränen, während ihre Lippen zitterten. Auch in
dem Gesicht der Baronin lösten sich die gespannten Mienen, obwohl sie
Zurückhaltung und Überlegenheit zu bewahren suchte.
»Seien Sie aufrichtig gegen mich, Herr Doktor,« sagte sie mit gemäßigter
Strenge. »Das wenigstens darf ich von Ihnen verlangen. Beruht Ihre
Sinnesänderung auf psychischen Eindrücken oder auf neuen Tatsachen, die
Sie erfahren haben?«
Erst jetzt forderte sie ihn durch eine Handbewegung auf, sich zu setzen,
und da er einen Stuhl nehmen wollte, bot sie ihm mit lächelnder
Anspielung auf seine Krankheit einen Sessel an. »Auch ein Glas Wein
müssen Sie trinken,« fügte sie hinzu, indem sie Mingo durch einen Blick
bedeutete zu klingeln. »Sie sehen wirklich angegriffen aus. Ich glaube,
ich war vorhin zu hart gegen Sie, aber Sie haben es selbst durch Ihre
Unaufrichtigkeit und vor allem durch Ihre Zweifel verschuldet. Ich
glaube, wenn Sie die schlechte Meinung in Rechnung ziehen, die Sie von
mir hatten, bin ich Ihnen nichts mehr schuldig.«
Als =Dr.= Bernburger seine Erzählung beendet hatte, war Mingos
blasses Gesicht von Tränen überströmt, die zu verbergen sie keinen
Versuch machte; zu sprechen war sie nicht imstande. Ihrer Mutter war es
nicht anzusehen, daß sie bewegt war.
»Erklären Sie mir nun, Herr Doktor, in welcher Weise sich durch Ihren
Fund die Lage verändert hat,« sagte sie. »Was werden die Folgen sein?«
»Die Lage hat sich nur verändert, wenn Sie wollen,« sagte =Dr.=
Bernburger. »Wenn Sie es verlangen, habe ich die Pflicht, meinen Fund zu
verschweigen.«
»Das kommt natürlich nicht in Frage,« rief die Baronin schnell aus. »Ich
habe nie etwas anderes gewollt, als daß ein Verbrechen gesühnt würde.
Was Herr Deruga getan hat, halte ich eher für eine großmütige Tat. Ich
weiß aber nicht, wie die Justiz sich dazu stellt.«
»Durch den Brief,« erklärte der Anwalt, »ist einwandfrei festgestellt,
daß =Dr.= Deruga seine geschiedene Frau auf ihre Bitte getötet hat,
und seine Tat fällt demnach unter eine Rubrik, die 'Tötung auf
Verlangen' betitelt ist. Vermutlich wird er zu einigen Jahren Gefängnis
verurteilt. Wird er aber auch freigesprochen, so haben Sie, Frau
Baronin, mit einem Versuch, ihm die Erbschaft streitig zu machen, doch
kaum noch Aussicht auf Erfolg.«
Ein schnelles, tiefes Rot flog über das Gesicht der Baronin. »Davon ist
nicht mehr die Rede,« sagte sie mit einer abwehrenden Handbewegung.
»Jetzt begreife ich die Verfügung meiner verstorbenen Kusine vollkommen.
Alles, was ich getan habe, ging aus vollkommener Verkennung der
Verhältnisse hervor. Ihrem Eifer, lieber Herr Doktor, habe ich es zu
verdanken, daß ich noch rechtzeitig meinen Irrtum einsehen konnte.« Sie
reichte ihm die Hand, die er an seine Lippen führte.
Mingo vermochte immer noch nicht zu sprechen. Erst als =Dr.=
Bernburger fortgegangen war, rief sie, indem sie ihrer Mutter um den
Hals fiel: »Was für ein guter Mensch, dieser unscheinbare Bernburger!
Wie unrecht habe ich ihm getan! Und was für schöne traurige Augen hat er
hinter der Brille!«
Die Baronin küßte Mingo auf die Stirn und sagte: »Süßliche Augen, gut,
daß die Brille davor ist.«
=XVI.=
=Dr.= Zeunemann eröffnete die nächste Sitzung durch eine
überraschende Mitteilung: =Dr.= Bernburger, der von der Baronin
Truschkowitz mit Nachforschungen über den Tod ihrer Kusine betraut
gewesen sei, habe einige Tatsachen gesammelt, die geeignet wären, dem
Prozeß eine andere Wendung zu geben. Nachdem er die Genehmigung der
Baronin erhalten habe, bitte er dieselben dem Gericht vorlegen zu
dürfen.
Das unvorhergesehene Ereignis schreckte selbst Deruga aus seiner bisher
beobachteten schläfrigen Haltung. Unwillkürlich spannten seine Muskeln
sich wie zu einem Kampfe, als =Dr.= Bernburger vortrat, von dem er
sich eines tückischen Angriffs aus dem Hinterhalt versah.
»Meine Herren Richter und Geschworenen,« begann =Dr.= Bernburger,
»ich habe einen wichtigen Fund gemacht, den ich Ihnen keine Stunde
vorenthalten zu sollen glaube, da er den dunklen Fall, der Sie
beschäftigt, mit einem Schlage ins klare Licht setzt. Meine Herren, ich
ging von der Überzeugung aus, daß Deruga den Mord an Frau Swieter
begangen haben müsse, weil er erstens der einzige war, der ein Interesse
an ihrem Tode hatte, und zweitens der einzige, dessen Schicksal mit dem
ihrigen eng und in tragischster Weise verflochten gewesen war; sodann,
weil es mir schien, daß ohne den Willen der Frau Swieter oder ihres
Dienstmädchens oder beider niemand ihre Wohnung hätte betreten können.
Diese meine Ansicht wurde durch die Zeugenaussagen bestärkt und darin
verändert, daß ich von Frau Swieters Dienstmädchen absah und sie allein
für diejenige ansah, die den Mörder eingelassen hatte.
Ich stellte mir den Vorgang so vor, daß entweder Frau Swieter ihren
geschiedenen Gatten zu sich gerufen habe, um von ihm Abschied zu nehmen,
oder aber, was ich für wahrscheinlicher hielt, daß er sie aufgesucht
habe, um Geld von ihr zu erbitten; und daß irgendeine unvorhergesehene
Wendung des Gesprächs ihn zum Mörder gemacht habe. In beiden Fällen ließ
sich das durch die besonderen Beziehungen, die zwischen ihnen bestanden
hatten, sowie durch Derugas unbezähmbares Temperament erklären. Ich nahm
an, daß er sich angemeldet oder sich durch irgendein ihnen beiden aus
früherer Zeit bekanntes Zeichen bemerkbar gemacht habe. Er brauchte ja
nur unter ihrem Fenster ihren Namen zu rufen, eine Melodie zu singen
oder zu pfeifen, um von ihr erkannt zu werden.
Als die wackere Ursula von dem Slowaken erzählte, der um die Mittagszeit
angeläutet hatte und nachher verschwunden war, stand es bei mir fest,
daß dies Deruga gewesen sei. Ich stellte mir vor, daß er irgendwo im
Hause, vermutlich im Keller, die Zeit erwartet hatte, wo Ursula ausging,
dann von Frau Swieter eingelassen wurde und das Haus verließ, kurz bevor
Ursula zurückzuerwarten war. Auf dem Wege zum Gartentor begegnete er dem
Hausmeister, der ihn neugierig betrachtete und dadurch, oder nur durch
seine Anwesenheit, das Bewußtsein des begangenen Frevels und die Gefahr
der Entdeckung in ihm rege machte. Er wollte sich unbefangen stellen,
und es fiel ihm nichts Besseres ein, als eine Zigarette aus der Tasche
zu ziehen und zu fragen: 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?' Da er aber
nicht in der Stimmung war, zu rauchen, und zu aufgeregt, um folgerichtig
zu handeln, beging er eine Unvorsichtigkeit und warf die eben
angezündete Zigarette in das Gebüsch am Gartentor.«
Die Zuhörer folgten der Erzählung mit einer Spannung, als ob sie die
angeführten Ereignisse zum ersten Male hörten. Die Aufmerksamkeit war
zwischen =Dr.= Bernburger und Deruga geteilt, der nicht daran
dachte, sein Gesicht wie sonst den Blicken zu entziehen, indem er es in
der Hand verbarg.
»Meine Überzeugung, daß der Slowak Deruga gewesen sein müsse,« fuhr
=Dr.= Bernburger fort, »war so stark, daß ich sagen kann, ich wußte
es. Ich verfolgte nun alle seine Schritte von dem Augenblick an, wo er
am Bahnhof in Prag die Fahrkarte, wie ja festgestellt war, löste. Er
trug damals einen gewöhnlichen Anzug, vermutlich einen Gehrock, denn
wenn er im Kittel seine Wohnung verlassen hätte, wäre es aufgefallen und
gemerkt worden; den Kittel hatte er im Paket bei sich. Die Frage war
nun, wo er sich umgekleidet hatte. Geschah es im Eisenbahnzuge? Irgendwo
in den Bahnhofsräumen? Oder etwa des Nachts im Freien? Er mußte einen
solchen Ort wählen, wo er sich nicht nur umkleiden, sondern auch den
gewöhnlichen Anzug zurücklassen, später wiederfinden und gegen den
Kittel vertauschen konnte. Den Kittel hatte er entweder im Paket mit
nach Hause genommen oder, wahrscheinlicher, unterwegs weggeworfen oder
versteckt. War das letztere der Fall, so konnte er gefunden und an einen
Trödler verkauft worden sein, und trotz der schwachen Aussicht auf
Erfolg, die eine darauf gerichtete Nachforschung haben konnte, machte
ich mir die Mühe, in einer großen Reihe derartiger Geschäfte
nachzufragen.
Ich erhielt keine irgendwie brauchbare Auskunft und hatte bereits die
Hoffnung, auf diesem Wege eine Spur zu finden, aufgegeben, als sich eine
alte Frau bei mir meldete, die zufällig in dem Laden eines Trödlers von
meinem Wunsche Kunde erhalten hatte. Diese Frau, eine Wäscherin, war am
Morgen des 3. Oktober bald nach fünf Uhr morgens durch die
Bahnhofsanlagen gegangen und hatte von der Brücke herunter, die über den
Kanal führt, etwas Dunkles im Wasser gesehen, das sie zuerst für etwas
Lebendiges hielt. Als sie es näher untersuchte, ergab sich, daß es ein
Anzug war, in der Art, wie Arbeiter ihn tragen, der sich an der Wurzel
eines Baumes festgehängt hatte, und nachdem sie ihn ausgerungen hatte,
nahm sie ihn als herrenloses Gut mit.«
Bei diesen Worten trat =Dr.= Bernburger an den Tisch, legte das
Paket, das er unter dem Arm gehalten hatte, auf den Tisch, wickelte es
auf und breitete den Anzug auseinander, über den die Richter und der
Rechtsanwalt, von ihren Sitzen aufstehend, sich beugten.
»Der Anzug,« fuhr =Dr.= Bernburger fort, »würde nur eben eine Spur
gewesen sein. Den Beweis, daß er dem Angeklagten gehörte, erbrachte mir
ein Brief, den ich in einer zugeknöpften Seitentasche des Kittels fand.
Er ist trotz der stellenweise verwischten Schrift vollkommen lesbar, und
ich bitte um die Erlaubnis, ihn vorlesen zu dürfen.«
Im Laufe seines Berichtes hatte sich die Erregung des Erzählers mehr und
mehr verraten. Beim Lesen des Briefes überschlug sich seine Stimme
mehrere Male, und als er ihn zum Schlusse auf den Tisch legte, zitterte
seine Hand.
»Donnerwetter!«
Mit diesem Ausdruck des Erstaunens unterbrach Justizrat Fein zuerst die
eingetretene Stille.
=Dr.= Zeunemann hatte inzwischen den Brief ergriffen, hielt ihn
dicht vor die Augen, prüfte sorgfältig die Schrift, den Poststempel und
das Papier und fragte: »Wie mag er denn befördert worden sein?«
»Darüber wird uns wohl Fräulein Schwertfeger Auskunft geben können,«
sagte =Dr.= Bernburger.
Nach einer neuen Pause wendete sich der Vorsitzende langsam zu Deruga
mit der Frage, ob er etwas zu der Mitteilung des =Dr.= Bernburger
zu bemerken habe.
Deruga schüttelte stumm den Kopf, ohne aufzublicken.
»Wir möchten gern eine Bestätigung von Ihnen hören,« begann =Dr.=
Zeunemann von neuem, »daß die Darstellung des =Dr.= Bernburger
zutreffend ist, oder eine Richtigstellung.«
Bevor er jedoch den Satz vollendet hatte, unterbrach ihn der
Staatsanwalt, mit seinen langen Armen gestikulierend und auf Deruga
deutend. »Sehen Sie denn nicht, Herr Kollege,« sagte er, »daß der Mann
krank geworden ist? Lassen Sie ihm doch jetzt Ruhe, das muß ja den
stärksten Magen angreifen! Ein Glas Wasser! Schnell!« winkte er dem
nächsten Gerichtsdiener, ihn mit drohenden Blicken zur Eile antreibend.
Justizrat Fein hatte inzwischen seinen Arm um Derugas Schulter gelegt
und auf ihn eingeredet. Dann wandte er sich gegen den Richtertisch und
sagte: »Mein Klient fühlt sich nicht wohl und bittet um die Erlaubnis,
sich zurückziehen zu dürfen. Er wird morgen alle wünschbaren Erklärungen
geben.«
Die beiden verließen zusammen den Saal, und als sie draußen waren, sagte
der Justizrat: »Hören Sie, Doktor, ich komme mir zum erstenmal in meinem
Leben wie ein gemeiner Kerl vor.«
»Da seien Sie froh,« erwiderte Deruga mit seinem gewinnenden Lächeln.
»In Ihrem Alter könnte es leicht das zehnte oder hundertste Mal sein.
Übrigens hatten Sie ganz recht, die Menschen sind dumme, schwache Tiere.
Warum hätten Sie mir glauben sollen?«
Der Justizrat schüttelte den Kopf. »Ein alter Praktiker wie ich«, sagte
er, »müßte unterscheiden können. Aber, daß ich Sie von Anfang an gern
leiden mochte, Deruga, das haben Sie hoffentlich bemerkt.«
»Ja, obwohl Sie mich nebenbei für einen Hundsfott hielten,« sagte
Deruga.
Der Justizrat musterte ihn mit liebevollen Blicken.
»Sie sehen schlecht aus. Trinken wir eine Flasche Wein zusammen!«
Deruga entschuldigte sich mit starken Kopfschmerzen.
»Ich weiß nicht, was mich so mitgenommen hat,« sagte er. »Ich glaube, es
war das Gefühl, wie dieser Herr mir Schritt für Schritt nachgeschlichen
ist.«
»Eigentlich,« sagte der Justizrat, sich besinnend, »habe ich der
Kanaille unrecht getan. Er hat sich wie ein anständiger Mensch
benommen.«
»Schade, nicht?« sagte Deruga, worauf sie sich trennten.
Im Gerichtsgebäude standen die am Prozeß beteiligten Juristen noch
zusammen, um =Dr.= Bernburger geschart, den sie nach verschiedenen
Einzelheiten ausfragten. Der Staatsanwalt schüttelte ihm zum dritten
Male beide Hände und lobte seinen Eifer. Seine dünnen Haare waren
zerzaust, und seine hellen Augen blinkten feucht unter den
fuchsschwänzigen Augenbrauen.
»Ich gelte für scharf,« sagte er, »und das bin ich auch und will es
bleiben. Aber diesem Italiener gegenüber mag man gern einmal Mensch
sein. Der ist durch und durch Mensch, ohne gemein zu sein, das gefällt
mir an ihm.«
»Sie sind durch und durch Staatsanwalt, ohne gemein zu sein,« sagte
=Dr.= Zeunemann. »Das ist vielleicht noch schwerer.«
»Was ist seltener, Schönheit im Kostüm oder Schönheit bei nacktem
Leibe?« sagte der Staatsanwalt gedankenvoll. »Nun, ich will jedenfalls
das Kostüm nicht ganz abreißen, sondern juristisch-menschlich sein,
indem ich alle die von =Dr.= Bernburger beigebrachten Tatsachen
ignoriere und, als wäre nichts geschehen, die Anklage auf Totschlag
aufrechterhalte.«
»Vorzüglich, vorzüglich,« sagte =Dr.= Bernburger. »Sonst hätte ich
ihm am Ende einen schlechten Dienst geleistet.«
»Auf die Art ginge Feins Plan durch,« sagte =Dr.= Zeunemann.
»Etwas willkürlich finde ich es aber bei der Lage der Dinge.«
»Wieso, mein Bester?« rief der Staatsanwalt lebhaft aus. »Wie ist denn
die Lage der Dinge eigentlich? Allerdings, wir wissen jetzt, daß die
gute Frau Swieter ihre Leiden durch den Tod abzukürzen wünschte, daß sie
ihren geschiedenen Mann bat, ihr diesen Dienst zu leisten, und daß
Deruga sie daraufhin tötete. Aber wissen wir denn, ob er es wirklich aus
Mitleid getan hat? Ob er nicht eigennützige Nebenabsichten hatte? Wissen
wir, ob er ihren Tod nicht längst herbeiwünschte? Ob er nicht über den
Brief frohlockte, der ihm die gewünschte Handhabe bot? Dergleichen wäre
nicht zum ersten Male vorgekommen. Vergegenwärtigen Sie sich nur die
Geschwindigkeit, mit der er den heiklen Auftrag übernahm! Das Gift hatte
er augenscheinlich schon bereit.«
»Hören Sie auf,« unterbrach =Dr.= Zeunemann lachend. »Wenn das so
weiter geht, erheben Sie die Anklage auf Mord.«
»Juristisch wäre es vielleicht richtiger,« meinte der Staatsanwalt
nachdenklich, »aber ich habe mir vorgenommen, menschlich zu urteilen,
und außerdem liefe ich, glaub' ich, Gefahr, von den Mänaden zerrissen zu
werden, wenn ich ihren Liebling angreife.«
»Im anderen Falle werden sie Sie aus Dankbarkeit zerreißen,« sagte
=Dr.= Zeunemann. »Ein Opfer der Frauen zu sein, ist nun einmal Ihr
Los!«
=XVII.=
Nachmittags ließ sich die Baronin bei Deruga melden. Er erhob sich aus
dem unbequemen Sofa, auf dem er gelegen und geschlafen hatte, und
blinzelte verdrossen gegen das Licht. »Lieber Doktor,« sagte sie, indem
sie ihm die Hand entgegenstreckte, »ich komme, mir Ihre Verzeihung zu
holen. Dem reuigen Sünder vergibt selbst Gott. Sie werden nicht
unerbittlicher sein.«
»Ich maße mir nicht an, mit Gott vergleichbar zu sein,« sagte Deruga,
»aber es kommt nichts darauf an, da ich Ihnen nichts zu verzeihen habe.
Sie verfolgten ja nicht mich, sondern traten für das vermeintliche Recht
ein.«
»Sie weichen einer Versöhnung aus,« sagte die Baronin. »Ich verstehe Sie
wohl; aber ich lasse mich nicht so leicht abweisen. Von einem Manne, der
so lieben kann wie Sie, erträgt man wohl auch Haß und noch Schlimmeres.
Welche Frau gäbe nicht alles hin, was sie hat, um einmal so geliebt zu
werden, wie Sie geliebt haben!«
»Wahrhaftig!« rief Deruga, »von Ihnen will das, glaub' ich, etwas
sagen.«
»Das klingt boshaft,« sagte die Baronin, »und doch kränkt es mich nicht,
weil ich fühle, daß Sie es nicht böse meinen. Es ist wahr, ich wüßte
nicht, wie ich ohne Geld und sogar ohne ziemlich viel Geld sollte leben
können. Mein Gott, jeder hat seine Gewohnheiten. Aber habsüchtig bin ich
nicht, am Gelde an und für sich liegt mir nichts. Und wissen Sie, warum
ich so außer mir war, daß die Erbschaft mir entging? Ich war sehr
erpicht auf das Geld gewesen, das leugne ich nicht, und Ihnen, nur Ihnen
will ich sagen, warum. Ich habe mich in meiner Ehe unbeschreiblich
gelangweilt.«
»Ja, die Langeweile ist das größte Problem und die größte Gefahr des
Lebens,« sagte Deruga. »Aber Ihr Mann scheint eine liebe, feine Person
zu sein.«
»Natürlich,« stimmte die Baronin zu, »man kann sich nichts Angenehmeres
denken. Er ist wie reine Luft, man spürt ihn gar nicht, und ich bildete
mir auch fast ein, ihn ein wenig zu lieben, als ich ihn heiratete. Aber
ich habe mich in seiner Gesellschaft so gelangweilt, daß ich ihm
wahrscheinlich untreu geworden wäre, wenn sich das mit meinen
Grundsätzen vertragen hätte. Da es sich aber um den einzigen Grundsatz
handelt, zu dem ich mich bekenne, habe ich daran festgehalten.«
»Sie hatten doch eine Tochter,« wandte Deruga ein.
»Sie fand es vermutlich bei uns ebenso langweilig wie ich,« sagte die
Baronin, »denn seit sie herangewachsen war und mir eine Gesellschafterin
hätte sein können, ergriff sie jede Gelegenheit, um von Hause fort zu
sein. Inzwischen verkürzte ich mir die Zeit mit einem Zukunftsplane:
dem, mich von meinem Manne freizumachen, sobald meine Tochter versorgt,
das heißt, verheiratet wäre.«
In Derugas Mienen malte sich aufrichtiges Erstaunen.
»Sie denken wirklich daran, sich jetzt noch scheiden zu lassen?« sagte
er.
Ein reizendes Lächeln, das sie jung machte, glitt über das Gesicht der
Baronin.
»In meinem Alter, wollen Sie sagen? Solange ich den Wunsch habe, bin ich
offenbar jung genug dazu,« entgegnete sie.
»Und dann wollen Sie einen amüsanteren Mann heiraten?« fragte Deruga.
»O, heiraten!« wiederholte sie. »Darauf kommt es mir nicht an, auch
nicht auf förmliche Scheidung, nur darauf, frei zu sein und die
Atmosphäre der Langenweile zu verlassen.«
Deruga zuckte die Schultern. »Im Grunde herrscht auf der ganzen Erde
dasselbe Klima,« sagte er.
»Nein, nein,« rief sie lebhaft, »ich kann mir zum Beispiel nicht denken,
wie man sich in Ihrer Gesellschaft je langweilen sollte!« Sie hatte so
eine freie Art, die Dinge naiv wie ein Kind herauszusagen, daß selbst
Deruga, der sich für einen Kenner der Frauen hielt, nicht unterscheiden
konnte, ob die Blüte echt oder künstlich war.
»Das hat auch seine Kehrseite,« antwortete er gutmütig. »Erinnern Sie
sich nicht an den Vers, den mir die arme Marmotte in ein Buch schrieb:
'Deruga, du bist eben
So schön als wunderlich;
Man kann nicht ohne dich
Und auch nicht mit dir leben.'«