»Für möglich muß ich das halten,« sagte der Professor nach einigem

Besinnen, »aber etwas Bestimmtes kann ich nicht darüber sagen. Meine

Frau würde besser unterrichtet sein, da sie sehr mit Frau Deruga

befreundet und gerade damals viel mit ihr zusammen war. Zwar pflegte sie

mir alles genau zu erzählen; aber ich habe nicht alles genau genug

behalten, um es unter solchen Umständen wiedererzählen zu können. Das

weiß ich sicher, daß Frau Deruga, nachdem sie geschieden war, sich eine

Zeitlang mit der Absicht trug, jenen Mann zu heiraten, daß sie aber

davon abstand. Der Betreffende hat sich dann anderweitig verheiratet,

soll aber unglücklich geworden sein und ist vor einigen Jahren

gestorben.«

=Dr.= Zeunemann bemerkte, aus den Schilderungen des Professors

scheine hervorzugehen, daß seine Frau diesen Verkehr mehr als er

gepflegt habe; ob etwa zwischen ihm und Deruga keine Sympathie bestanden

habe.

»Nein, nein,« sagte der Professor, »das wäre kein zutreffender Ausdruck.

Er teilte meine wissenschaftlichen Interessen nicht, und mir ist das

Schweben und Gaukeln über den Tiefen, das Ausspielen von Hypothesen und

Paradoxen, das Phantasieren im Unmöglichen nicht gegeben. Ich war zu

schwerfällig für die oft grotesken Sprünge seines Geistes. Sie

belustigten mich wohl, aber im Grunde wußte ich nichts damit anzufangen.

So kam es, und auch weil ich sehr beschäftigt war, daß meine Frau die

Beziehungen mehr pflegte, wozu sie schon durch ihre Jugend besser paßte.

Sie war bedeutend jünger als ich und mußte doch vor mir sterben.«

Ob seine Frau nach dem Wegzuge von Frau Deruga mit dieser im

Briefwechsel gestanden habe, fragte der Vorsitzende.

Es wären allerdings Briefe der Frau Deruga vorhanden gewesen, sagte der

Professor, er hätte sie aber nach dem Tode seiner Frau verbrannt, damit

sie nicht später Unberufenen in die Hände fielen. Er habe darin

geblättert, bevor er sie zerstört hätte, und erinnere sich einer Stelle,

wo sie geschrieben hätte, der Frieden und die Freudigkeit, die sie sich

von der Auflösung ihrer Ehe erwartet hätte, ließe noch immer auf sich

warten.

»'Ich ertappe mich jetzt oft darauf,' so etwa schrieb sie, 'daß ich

anstatt wie sonst vorwärts, in die Zukunft zu blicken, stehenbleibe und

mich zurückwende. Sollte das die Besinnung des Alters sein? Ach nein,

wie konnte ich auch erwarten, daß ich jemals anderswohin sollte blicken

können als dahin, wo mein Kind war, in die Vergangenheit! Für mich gibt

es keine Zukunft auf Erden mehr.' Diese Stelle ergriff mich, weil ich

damals, nach dem Tode meiner Frau, selbst anfing, nach rückwärts, statt

nach vorwärts zu leben, und sie hat sich mir aus diesem Grunde

eingeprägt.«

Diese Briefstelle, sagte der Vorsitzende, deute nicht darauf, daß die

Verstorbene eine zweite Heirat ersehnt hätte und nur durch Furcht vor

dem Angeklagten davon zurückgehalten wäre.

»Dazu möchte ich folgendes bemerken,« sagte der Professor. »Aus anderen

mündlichen oder schriftlichen Äußerungen der Verstorbenen wäre

vielleicht auf jenen Wunsch und jene Furcht zu schließen. Hätte man aber

noch so viele Beweise von Derugas damaligem Geladensein, so scheint es

mir doch fraglich, ob das mit einem so viele Jahre später begangenen

Mord in Verbindung gebracht werden könne. Es ist wahr, daß die

menschlichen Handlungen Ketten sind, deren Glieder ein Götterauge ins

Unendliche muß verfolgen können; aber ob wir Menschen uns in den

labyrinthischen Verzweigungen nicht verirren müssen?«

Der Vorsitzende blickte schweigend vor sich nieder, während der

Staatsanwalt unter kritischen Grimassen den Kopf wiegte. Dann stellte

=Dr.= Zeunemann die Schlußfrage an den Professor, ob ihm noch

andere Gründe bekannt wären, mit denen die Scheidung der Derugas damals

erklärt worden wäre oder erklärt werden könnte.

»Meine Frau wußte,« sagte der Professor, »daß Frau Deruga ihren Mann bis

zu einem gewissen Grade für den Tod ihres Kindes verantwortlich machte

und deshalb einen krankhaften Haß auf ihn warf. Es ist das so zu

verstehen, daß Deruga für Abhärtung und Rücksichtslosigkeit in der

körperlichen Erziehung des Kindes war, während seine Frau es eher

verzärtelte. Dieser Gegensatz bildete öfters Anlaß zu Streitigkeiten.

Auf die Dauer konnte die verständige Frau sich aber doch nicht dagegen

verblenden, daß Deruga das Kind, auf seine Art, ebenso wie sie geliebt

hatte und den Verlust ebenso wie sie betrauerte, und sie suchte die

ungerechte Abneigung zu überwinden, worauf auch meine Frau mit der

ganzen Lebhaftigkeit ihres Temperamentes drang. Ich kann also nicht

glauben, daß diese durch den übermäßigen Schmerz zu erklärende

Gefühlsverkehrung den Entschluß zur Scheidung bewirkt habe, wenn auch

vielleicht das Verhältnis dadurch gelockert wurde.«

Es entspann sich nun zwischen den Juristen ein Wortwechsel über den vom

Staatsanwalt gestellten Antrag, Fräulein Schwertfeger noch einmal zu

vernehmen, ob sie etwas Aufklärendes über Frau Swieters geplante und

nicht vollzogene Ehe aussagen könne. Justizrat Fein verwarf es als

zeitraubend und überflüssig, welcher Meinung sich =Dr.= Zeunemann

anschloß, der sagte, noch mehr Einzelheiten, wie sie auch ausfielen,

würden den Prozeß nicht weiterbringen. Für die Eigenart Derugas, die

darin bestehe, daß er sich im labilen Gleichgewicht befinde, ließen sich

vermutlich noch zahlreiche Beispiele aufbringen. Es handle sich aber

nicht hier darum, die Geschichte seiner Seele zu erforschen, sondern die

Geschichte seines Lebens vom 1. bis zum 3. Oktober festzustellen. Darauf

bezüglich habe Fräulein Schwertfeger nichts mehr zu sagen.

»Ich bitte die Herren dringend,« sagte der Justizrat, »sich auf

Tatsachen zu beschränken, damit wir den Knoten nicht noch mehr

verwirren, anstatt ihn aufzulösen.«

»Was für Tatsachen?« fragte der Staatsanwalt, so plötzlich von seinem

Sitz aufschnellend, daß der Justizrat die Antwort nicht gleich bereit

hatte.

»Tatsachen, die sich auf den angeblichen Mord beziehen,« entgegnete er

nach einer Pause. »Aus Mangel an Tatsachen werden Alltäglichkeiten

hervorgezerrt und aufgebauscht. Verliebte pflegen den Gegenstand ihrer

Liebe im Falle der Untreue mit dem Tode zu bedrohen, ohne daß der

Gegenstand selbst oder jemand anders darauf Gewicht legt. Dergleichen

hat nicht mehr Bedeutung als die Schwüre der Liebe.«

»Es kommt darauf an, was nachfolgt,« sagte der Staatsanwalt. »Übrigens

wären uns allen Tatsachen auf der Handfläche lieber; da der Angeklagte,

der es könnte, sie uns aber nicht liefert, so bleibt uns nichts übrig,

als den Grund zu untersuchen, aus dem die Handlungen wachsen, nämlich

das menschliche Gemüt.«

»Der Angeklagte lieferte sie uns nicht?« begann der Justizrat. Allein

=Dr.= Zeunemann bat, den fruchtlosen Streit zu beenden, und

forderte Fräulein Schwertfeger auf, dem erhobenen Wunsche genug zu tun

und noch einige wenige Fragen zu beantworten.

Fräulein Schwertfeger, die blasser und elender aussah als am ersten

Tage, ließ das unsichtbare Visier über ihr Gesicht herab und fragte,

indem sie zögernd vortrat, ob sie dazu verpflichtet sei, durchaus

private Angelegenheiten hier an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie könne

sich das nicht denken.

»Im Staate ist das Private durchgehend mit dem Öffentlichen verknüpft,«

sagte =Dr.= Zeunemann sanft belehrend. »Nur soweit die Öffentlichkeit

Interesse daran hat, bitte ich Sie noch um einige Aufschlüsse über die

Verhältnisse Ihrer verstorbenen Freundin. Frau Swieter hatte vor ihrer

Heirat mit dem Angeklagten freundschaftliche Beziehungen zu einem Manne,

die sie abbrach, da sie zu einer Ehe nicht führen konnten, und die

vermutlich, solange die Ehe mit dem Angeklagten bestand, nicht wieder

angeknüpft wurden.«

»Natürlich nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger hochmütig. »Sie sahen

sich erst wieder, als Frau Swieter hierher übersiedelte.«

»Dabei lebte die beiderseitige Neigung auf, und die Wiedervereinigten

beschlossen, sich zu heiraten. Ist es nicht so?« fragte =Dr.=

Zeunemann.

»Ja,« antwortete das Fräulein trocken.

»Was war die Ursache, daß dieser Beschluß nicht ausgeführt wurde?«

fragte =Dr.= Zeunemann weiter. »Es ist unmöglich, daß Sie, als

nächste Freundin der Verstorbenen, nicht davon unterrichtet sein

sollten.«

»Es lag nicht in der Natur meiner Freundin, sich bis aufs letzte

auszusprechen,« sagte Fräulein Schwertfeger, »und es liegt nicht in

meiner, Verschwiegenes zu erpressen. Meine Freundin war damals sehr

aufgeregt und äußerte sich ungleich. Einmal sagte sie mir unter Tränen,

ihre alte Liebe sei so stark wie je, wolle sie sich aber an die Brust

des Geliebten werfen, so stehe ihr Mann, das Kind an der Hand

dazwischen, und dieser Schatten ihrer Einbildung sei undurchdringlicher

als eine Mauer.«

»Haben Sie das so aufgefaßt,« fragte =Dr.= Zeunemann, »als fürchte

sie sich vor ihres Mannes Rache, oder als dränge sich die Erinnerung

zwischen sie und ein neues Glück?«

»Ich habe es damals so aufgefaßt,« lautete die Antwort, »als sei

=Dr.= Deruga schuld daran, daß meine Freundin den Mann nicht

heiratete, den sie liebte. Es tat mir sehr, sehr leid, daß diese Heirat

nicht zustande kam. Ich kannte diesen Mann viel besser als =Dr.=

Deruga und hatte viel mehr Sympathie für ihn, schon deshalb, weil ich

glaubte, meine Freundin würde es gut bei ihm haben.«

»Wenn Sie jenen Herrn gut kannten,« sagte =Dr.= Zeunemann, »so

haben Sie vielleicht mit ihm darüber gesprochen und wissen, wie er es

auffaßte?«

»Er faßte es so auf,« sagte Fräulein Schwertfeger mit sehr bösem

Gesicht, »als fürchte Frau Swieter, Deruga würde ihn töten, wenn er sie

heiratete. Es ist unmöglich, daß sie ihm das gesagt hat, weil ihn das

weniger traurig machen mußte, als wenn er gewußt hätte, welchen Anteil

Deruga an ihrem Gemütsleben hatte. Es kann auch sein, daß er das glauben

wollte, weil es seinen Stolz am wenigsten verletzte. Er war stolz und

herrschsüchtig.«

»Wenn Ihre Freundin ihn so sehr liebte,« sagte =Dr.= Zeunemann, »so

muß ein starkes Motiv sie abgehalten haben, ihn zu heiraten.«

»Natürlich,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Sie hat damals auch sehr

gelitten. Sie überwand es aber verhältnismäßig bald und sagte später

stets, sie glaube, richtig gehandelt zu haben.«

=XIV.=

Es war Abend, als =Dr.= Bernburger müde in seine Wohnung kam. Er

warf sich auf den schäbigen Diwan, den er alt gekauft hatte, und sah

sich fröstelnd nach irgend etwas um, womit er sich zudecken könnte.

Drinnen war es kälter als draußen, aber abgesehen davon, daß er aus

Sparsamkeit am Abend womöglich nicht mehr einheizte, fühlte er sich auch

zu erschöpft und unlustig dazu. Mißvergnügt sah er sich in dem kahlen,

an ein Zimmer in einem Hotel zweiten Ranges erinnernden Raum um und

dachte darüber nach, woher und wozu er diesen Hang nach einer schönen,

behaglichen Umgebung habe, den er vielleicht nie würde befriedigen

können. Um seiner Verstimmung zu entrinnen und sich zu erwärmen,

beschloß er, in ein Café zu gehen. Da fand er vor der Glastür, die seine

Wohnung abschloß, eine kleine, verhutzelte Frau stehen, die schon eine

Weile nach der Klingel gesucht hatte und ihn fragte, ob hier ein Herr

Rechtsanwalt wohne. Der sei er, sagte =Dr.= Bernburger; aber jetzt

werde nicht mehr gearbeitet, sie solle am folgenden Tage in seine

Sprechstunde kommen. Die kleine Frau setzte auseinander, daß sie das

nicht könne, weil sie tagsüber bei den Herrschaften sei, um zu waschen;

ihr Mann habe sie ja verlassen, und sie müsse die Kinder allein

durchbringen. Sie komme auch jetzt von der Arbeit, und zwar komme sie,

weil der Herr Tönepöhl vom Vorderen Anger sie geschickt habe.

Bei der Nennung dieses Namens durchfuhr den Anwalt ein Gedanke, der ihm

das Blut ins Gesicht trieb und ihn bewog, mit der kleinen Frau in sein

Zimmer zurückzukehren. Während er Licht machte, bat er sie, sich zu

setzen und zu erzählen, was sie herführe, und da sie, als er damit

fertig war, noch immer bescheiden an der Tür stand, nötigte er sie

selbst auf einen Stuhl und nahm ihr den großen Deckelkorb ab, den sie in

der Hand trug. Sie lächelte verlegen und dankbar und begann ihre

Erzählung:

Vorgestern sei sie zu Herrn Tönepöhl, dem Tändler im Vorderen Anger,

gekommen, um ein Paar Schuhe für ihren Ältesten zu kaufen, und da habe

ihr ein Paar besonders gut gefallen, weil es ungefähr die rechte Größe

gehabt hätte; aber es sei zu teuer gewesen. Da habe sie zu Herrn

Tönepöhl gesagt, sie habe einen Arbeitskittel von ihrem seligen

Mann -- sie sage nämlich immer 'ihr seliger Mann', seit er auf und davon

gegangen sei -- der sähe wie neu aus, ob er den nicht dagegen annehmen

wolle. Herr Tönepöhl habe barsch gesagt, wie er überhaupt sehr

hochfahrend gegen die armen Leute sei, für solches Lumpenzeug habe er

keine Kunden. Da habe seine Frau, die in einem alten Koffer gekramt

habe, dazwischen geschrien, er solle nicht ein solcher Tölpel sein, der

Herr Rechtsanwalt habe ihm doch viel Geld für einen alten Kittel

versprochen, und er, der Mann, habe dem Herrn Rechtsanwalt fest

zugesagt, sich danach umzusehen, und nun sähe man, was für ein

Windbeutel er sei. Darauf habe Herr Tönepöhl seinerseits geschimpft, sie

sei dümmer als ein Hering. Der Herr Rechtsanwalt würde ihm den Kittel

an den Kopf werfen, denn er wolle einen, der auf der Straße gefunden

sei. Nun sei nämlich der alte Anzug, den sie gemeint habe, gar nicht von

ihrem seligen Manne gewesen, sondern sie habe ihn gefunden, aber wegen

der Grobheit des Herrn Tönepöhl habe sie sich nicht getraut, das zu

sagen, damit er nicht eine große Angelegenheit daraus mache und

behaupte, sie habe ihn gestohlen.

Sie sei also fortgegangen, habe aber an der Türe noch mit Frau Tönepöhl

geschwatzt und sie gefragt, was für ein Herr Rechtsanwalt das sei, und

sie habe ihr alles erzählt und auch, daß es sich um einen großen Prozeß

handle, und daß man ein gutes Stück Geld verdienen könnte, wenn man den

rechten Anzug brächte. Darauf habe sie gedacht, sie wolle den Kittel in

Gottes Namen dem Herrn Rechtsanwalt bringen, er werde ihr ja nichts

Böses antun und sie ins Unglück stürzen, wo sie ja nur komme, weil ihm

so viel daran gelegen sei.

Nun freilich, sagte =Dr.= Bernburger, er sei ihr sehr dankbar, und

ob er den Anzug brauchen könne oder nicht, er wolle sie für die Mühe

entschädigen. Sie sei eine brave, kleine Frau und solle recht gründlich

erzählen, wie sie zu diesem Kittel gekommen sei.

Es sei der 3. Oktober gewesen, erzählte die Frau. Sie erinnere sich

deswegen so gut daran, weil sie an dem Tage schon vor fünf Uhr aus dem

Hause gegangen sei. Die Frau Kommerzienrat Steinhäger habe sie nämlich

ersucht, eine Stunde früher zu kommen und eine oder zwei Stunden länger

zu bleiben, damit sie womöglich an einem Tage mit der Wäsche fertig

würde; es habe sich ein auswärtiger Besuch auf den folgenden Tag bei ihr

angemeldet, und das passe so schlecht, wenn Wäsche sei. Weil nun die

Frau Kommerzienrat sonst eine gute Frau wäre, habe sie es ihr zugesagt,

und so sei sie denn schon vor fünf Uhr durch die Bahnhofsanlagen

gekommen, als noch kein Mensch unterwegs gewesen sei. Ein starker Wind

habe geweht, so daß die hohen Bäume sich gebogen hätten, und die dürren

Blätter wären ihr wie Fledermäuse um den Kopf geflogen.

Auf der Brücke habe sie einen Augenblick stillstehen müssen, so habe

der Wind gegen sie angeblasen, und da habe sie etwa hundert Schritt

weiter am Ufer etwas Schwarzes gesehen. Zuerst habe sie gemeint, es sei

ein Kind oder ein Hund, weil es scheinbar Arme oder Beine ausgestreckt

hätte, und sie sei schnell hingelaufen, anstatt dessen sei es ein mit

Bindfaden umschnürter Anzug gewesen. Offenbar sei er in Papier

eingewickelt gewesen, das habe aber das Wasser größtenteils aufgelöst

und weggerissen. Sie habe den Anzug losgemacht und ausgerungen und

beschlossen, ihn mitzunehmen. Denn der, dem er gehört habe, müsse ihn

doch weggeworfen haben, also sei es kein Unrecht, und vielleicht könne

ihr seliger Mann ihn gebrauchen, wenn er etwa einmal wiederkäme, oder

sonst ihr Ältester, wenn er erwachsen sei. Ob der Herr Rechtsanwalt

meine, daß sie unrecht getan hätte?

Sie betrachtete ihn ängstlich gespannt aus ihren braunen Augen, die wie

zwei kleine, fleißige Nachtlämpchen aus dem verschrumpften Gesicht

herausleuchteten.

Aber nein, sagte =Dr.= Bernburger, da könne mancher reiche und

angesehene Mann froh sein, wenn er nicht mehr als das auf dem Gewissen

hätte. Das sei ja herrenloses Gut gewesen. Sie habe recht getan, sie sei

ein wackeres Frauchen. Gewiß habe sie den Kittel in ihrem Henkelkorbe?

Ja, sagte die kleine Frau erleichtert, sie habe ihn gleich mitgebracht,

um nicht noch einmal kommen zu müssen. Denn es sei ein großer Umweg für

sie, und ihre Kinder pflegten sie abends ungeduldig zu erwarten.

Sie nahm ein Paket aus dem Korb, und =Dr.= Bernburger faltete den

Anzug auseinander.

»Wissen Sie,« sagte er, »ich kaufe Ihnen den Anzug ab, ob es nun der

rechte ist oder nicht. Sind Sie zufrieden, wenn ich Ihnen vorderhand

zehn Mark gebe? Sie sollen aber noch mehr bekommen, wenn es sich

herausstellt, daß es der ist, den ich suche.«

Die kleine Frau wurde rot vor schreckhafter Freude. Nun könne sie ihrem

Ältesten die schönen Schuhe kaufen, sagte sie.

Aber sie solle Herrn Tönepöhl nichts von dem Geschäft sagen, das sie

miteinander gemacht hätten, rief =Dr.= Bernburger ihr die Treppe

herunter nach. Der brauche nichts davon zu wissen.

Heiß, fast blind vor Triumph trat =Dr.= Bernburger in das Zimmer

zurück, dessen Kälte und Leere er nicht mehr fühlte. Sein Gedankengang

war also richtig gewesen! Einmal kreuzte doch der Weg des Glückes den

seines Verstandes. Wie würden sie staunen, wenn er ihnen das Rätsel

löste und zugleich das Beweisstück vorlegte! Würde man angesichts dessen

noch zweifeln können? Vielleicht war irgendein Abzeichen an dem Anzuge,

welches die Ermittlung des Geschäftes, wo er gekauft war, erlaubte. Eine

genaue Untersuchung des Anzuges ergab nichts Derartiges, dagegen war

deutlich zu erkennen, daß ein neues gutes Stück vorlag, dem durch

absichtlich eingesetzte Flicken der Schein eines dürftigen, oft

getragenen Arbeitergewandes zu geben versucht worden war.

Indem =Dr.= Bernburger den Rock hin und her wendete, entdeckte er

eine zugeknöpfte Seitentasche, öffnete sie, griff hinein und zog einen

Briefumschlag heraus, der eine von der Nässe verwischte, aber lesbare

Aufschrift trug. Er las: »Herrn =Dr.= S.E. Deruga,« dann die Stadt

und die Straße.

Trotzdem dieser Brief ihm nur bestätigte, was er erwartet hatte, war er

nicht nur überrascht, sondern fast erschrocken. Versteinert starrte er

auf den Brief, der da lag wie die Gaukelei erregter Einbildungskraft und

doch Wirklichkeit war, der Zauberschlüssel, der ihm die Pforte zu

Ansehen und Reichtum öffnen würde. Daß der Umschlag einen Brief

enthielt, hatte er gefühlt, aber noch zögerte er ihn herauszunehmen und

zu lesen. Ihm selbst zum Ärger klopfte ihm das Herz. Wozu die Aufregung?

Er zwang sich, die peinliche Spannung zu beendigen, indem er las. Der

Brief lautete:

»Dodo, lieber Dodo, ich bin todkrank und muß sterben,

aber vorher muß ich schrecklich leiden und habe

niemand, der mir hilft. Du bist der einzige, der mich

lieb genug hat, um mich zu töten. Komm und befreie

Deine arme Marmotte, von der Du weißt, wie sie sich

vor Schmerzen fürchtet. Dies ist das erste Wort, das

ich nach siebzehn Jahren an Dich richte, und es ist

eine Bitte. Ach, Dodo, an kein anderes Herz als an

Deines würde ich eine solche Bitte zu richten wagen.

Komme bald, Du wirst wissen, wie es geschehen kann. Daß

ich Dir geschrieben habe, wird kein Mensch erfahren.

Deine Marmotte.«

=Dr.= Bernburger las und las wieder. Es war ihm ernüchtert und

ermüdet zumute. War dieser Brief vielleicht eine List, ein nachträglich

angefertigtes Machwerk, das Deruga oder seine Freunde ihm in die Hände

gespielt hatten? Nachdem er ihn sorgfältig untersucht und eingesehen

hatte, daß ein Betrug ausgeschlossen war, schob er ihn in den Umschlag

und steckte ihn in seine Brusttasche. Dann nahm er Hut und Mantel, um

ins Café zu gehen. Als er nur wenige Schritte von dem Restaurant

entfernt war, wo er zu Abend zu essen pflegte, kehrte er um und suchte

ein anderes Lokal auf, um nicht von Bekannten angesprochen zu werden;

er hatte das Bewußtsein zerstreut zu sein und wollte nicht auffallen.

Während er aß, mußte er denken, daß ihn nichts abhielte, den Brief in

den kleinen eisernen Ofen zu werfen, der ein paar Schritt von ihm

brannte. In einem Nu würden die hastigen Flammen das verhängnisvolle

Zeugnis vernichtet haben. Er hatte nicht die Absicht es zu tun, aber die

Vorstellung war so lebhaft in ihm, daß ihm angst wurde, er müsse es

dennoch, wie man unter dem Eindruck des Schwindels wohl fürchtet, man

würde sich wider Willen von einer Höhe in den Abgrund werfen.

Wie dumm, dachte er, daß er der alten Frau, durch die er in eine so

peinliche Lage versetzt war, zehn Mark gegeben hatte! Würde er es über

sich bringen, von dem Mantel Gebrauch zu machen und den Brief zu

verschweigen? Wenn er es tat, so war er der Bewunderung und Dankbarkeit

der Baronin sicher. Welche Genugtuung würde es ihm geben, sie von seinem

Scharfsinn, von der Richtigkeit seiner Auffassung, die er von Anfang an

gehabt hatte, zu überzeugen! Was würde sie dagegen sagen, wenn er ihr

den Brief zeigte: »Sie versprachen mir, Deruga als Verbrecher zu

entlarven, und sie verschaffen ihm einen Heiligenschein! Sie verstehen

es, Wort zu halten!« Wahrscheinlich würde sie ihm verbieten, von dem

Brief Gebrauch zu machen; und das war schließlich für ihn die

glücklichste Lösung, indem sie ihm zur Pflicht machte, was er aus

eigener Verantwortung ungern getan hätte. Und wie würde Deruga sich

verhalten? =Dr.= Bernburger begriff nicht, warum er den wahren

Hergang verschwiegen hatte. Sollte er auch seinem Anwalt nichts davon

gesagt haben?

Plötzlich überkam ihn der Wunsch, in die Anlagen zu gehen und die Stelle

aufzusuchen, wo die Waschfrau den Anzug gefunden haben wollte; in der

Restauration mochte er ohnehin nicht bleiben, und schlafen hätte er

ebensowenig können. Er hatte fast eine Stunde zu gehen, bis er an die

Brücke kam, die über den Kanal führte. Der Schnee, der in der letzten

Nacht gefallen war, hatte sich aufgelöst und in Schmutz verwandelt, und

er hörte in der Dunkelheit die Nässe unter seinen Füßen klatschen. Die

hölzerne Brücke war schlüpfrig, und das Wasser stand sehr hoch; schwarz

und heimlich-hastig floß es unter ihm fort. Nach einer Weile unterschied

er etwas weiter unten die wild sich bäumenden Wurzeln einer alten Ulme,

die das Ufer umklammerte; dort mochte das Bündel Kleider, das der Fluß

trieb, sich festgehängt haben.

Lange starrte der späte Wanderer auf die Stelle und ging dann weiter,

bis er nach einigen Schritten vor einer halbkreisförmigen Steinbank

stand, von der aus man in der schönen Jahreszeit einen angenehmen Blick

auf die Wiesen hatte, die sich weithin zwischen dunklen Gebüschen

erstreckten. Vielleicht, dachte er, hatte in der stürmischen

Oktobernacht Deruga dort gesessen und, nachdem er sich umgekleidet, die

Stunde erwartet, wo der Zug abging, mit dem er heimfahren wollte.

Vielleicht war er sehr bewegt und zugleich sehr erschöpft gewesen und

hatte hier ausgeruht, wo niemand ihn beobachtete. Unwillkürlich

durchwatete auch =Dr.= Bernburger die aufgeweichte Erde und setzte

sich auf die steinerne Bank, ohne zu beachten, wie naß sie war. Was

mochte Deruga gefühlt und gedacht haben, nachdem er die Frau, die er

einst geliebt und gehaßt hatte, wiedergesehen und für immer verlassen

hatte? Was für Erinnerungen mochten ihn zusammen mit den raschelnden

Blättern umschwirrt haben?

Indes er so sann, troff es kalt auf ihn herunter, und plötzlich überlief

ihn ein Schauer, und er stand auf und ging schnell, ohne sich umzusehen,

der Stadt zu.

=XV.=

Am anderen Morgen fühlte =Dr.= Bernburger sich so abgespannt, daß

es ihm erlaubt schien, sich als krank zu entschuldigen, und nachdem er

das telephonisch besorgt hatte, legte er sich wieder zu Bett in der

Hoffnung, noch einmal einschlafen zu können.

Der Fall Deruga · 第 12 / 16 段