Stunde mit ihr zusammen wären und sie womöglich etwas grob behandelten,
würde sie sich auch in Sie verlieben.«
»Nun, wir werden sehen,« sagte der Justizrat. »Sie will nämlich
herkommen.«
Deruga lachte auf und zeigte sich dann geärgert. Was die dumme Person
wolle? Der Justizrat solle ihr schreiben, daß er, Deruga, in
Untersuchungshaft sei und nichts mit ihr zu tun haben könne und wolle.
»Das käme wohl zu spät,« sagte der Justizrat. »Sie will durchaus
bezeugen, daß Sie vom Abend des 1. Oktober bis zum Nachmittag des
dritten bei ihr gewesen seien. Da hätten wir denn ein Alibi.«
»Im Ernst?« sagte Deruga aufhorchend. »Das will die dumme Person? Nun,
das ist ja eigentlich sehr angenehm. Besser könnte der Knoten gar nicht
gelöst werden.«
»Das will ich denn doch nicht gerade sagen,« meinte der Justizrat
bedächtig. »Es ist doch keine Kleinigkeit, wenn einer einen Meineid auf
sich nimmt.«
»Das ist ihre Sache,« sagte Deruga heftig. »Herrgott, dieser kleinliche
Wortkram! Es gibt Lügen, die einen anständigeren Ursprung haben als
manche Wahrheit. Überhaupt ist das ihre Sache. Ich habe so viele
Belästigungen von ihr ertragen, warum sollte ich nicht auch den Vorteil
annehmen?«
»Natürlich,« sagte der Justizrat, »wenn es ohne ernstlichen Schaden
ihrerseits geschehen kann.«
»Es ist merkwürdig, daß Sie auf einmal so bedenklich geworden sind,«
sagte Deruga scharf. »Durch Sie bin ich in diese Lage gekommen. Wäre ich
meiner Regung gefolgt, so wäre es längst so oder so zu Ende. Nun sich
ein Mittel findet, mir den Prozeß in Ihrem Sinne vom Halse zu schaffen,
machen Sie moralische Ausflüchte.« Er war vor Erregung rot geworden und
warf einen wütenden Blick auf den Justizrat, der ihn nachdenklich
betrachtete.
»Ich mußte mir doch erst Klarheit verschaffen,« sagte dieser, »und
wissen, wie Sie zu der neuen Wendung stehen. Schließlich, wenn Sie
einverstanden sind! Hatten Sie denn wirklich etwas mit der Dame?«
»Ich mit ihr?« sagte Deruga. »Sie hatte etwas mit mir. Sie quälte mich
mit ihrer Verliebtheit. Übrigens irren Sie sich, wenn Sie sie als
opfermütige Heldin auffassen. Sie ist zu dumm, um die Folgen ihrer
Handlungen zu übersehen, und so verliebt, daß ihr jedes Mittel recht
ist, um mich zu gewinnen.«
»Worin sie sich aber verrechnet?« setzte der Justizrat hinzu.
»Natürlich,« sagte Deruga scharf, »dachten Sie, ich solle sie aus
Dankbarkeit heiraten?«
»O nein,« entgegnete der Justizrat, »Sie wollen jetzt viel höher
hinaus.«
»Jetzt?« wiederholte Deruga auffahrend, »was meinen Sie damit? Was
erlauben Sie sich? Meinen Sie, Sie können mich als dummen Jungen
behandeln, weil ich angeklagt und vogelfrei bin? Ich halte mich
allerdings für zu gut, mich an eine solche dumme und ungebildete Person
wegzuwerfen. Die Weiber sind mir überhaupt widerlich.«
»Mit Ausnahmen,« sagte der Justizrat kühl.
»Das stimmt,« fuhr Deruga in hitzigem Tone fort. »Zum Beispiel mit
Ausnahme der Baronin Truschkowitz. Sie ist habgierig, eitel,
selbstsüchtig; aber dafür klug, elegant und ganz und gar unmoralisch. So
müssen Frauenzimmer sein, damit man sich gut mit ihnen unterhalten
kann.«
»Geschmackssache,« sagte der Justizrat. »Einen Meineid würde sie
jedenfalls nicht für Sie schwören.«
»Nein, sie ist weder einfältig noch hündisch,« sagte Deruga, »und ich
mag die Hunde nicht. Was kümmert Sie die Valeska? Lassen Sie sie
zugrunde gehen, wenn sie will! Sie haben für mich zu sorgen.«
»Das tue ich,« sagte der Justizrat, »und ich zweifle eben, ob es
ehrenhaft von Ihnen wäre, wenn Sie ein solches Opfer annähmen.«
Deruga lachte höhnisch. »Eins von diesen pompösen Worten,« sagte er,
»die in eurer Gesellschaft üblich sind. Ehre, Moral, Ideal, Gott,
Unsterblichkeit, lauter gemalte Säulen auf Sackleinewand. Man braucht
euch keine dreißig Silberlinge zu bieten, damit ihr Gott verratet.
Übrigens, wer sagt denn, daß die Valeska einen Meineid schwört? Woher
wissen Sie, daß ich nicht vom 1. bis 3. Oktober bei ihr war?«
Der Justizrat stand auf, um zu gehen. »Genug für heute,« sagte er; »aber
ich nehme an, daß das nicht Ihr letztes Wort ist.«
»Und ich bitte Sie,« sagte Deruga, »fangen Sie nicht wieder davon an,
wenn Sie wollen, daß wir gute Freunde bleiben! Weder Sie noch ich sind
Valeskas Hüter. Sie tun am besten, sich an die Tatsache zu gewöhnen, daß
sie leichtsinnig genug war, mich vom 1. bis zum 3. Oktober vorigen
Jahres bei sich zu beherbergen.«
=XII.=
Die Baronin hatte Peter Hase zum Mittagessen eingeladen, damit er ihre
Tochter kennenlerne. Das Diner fand in einem kleinen, behaglichen Salon
ihres Hotels statt, dessen in Weiß, Schwarz und Gold gehaltene Wände mit
Blumenbüschen von ausschweifender Pracht geflammt waren.
Die Baronin teilte ihrem Gaste lächelnd mit, daß er ihrer Tochter noch
in jeder Beziehung unbekannt sei.
»Meine Tochter,« sagte sie, »hat von ihrem Vater eine gewisse
Gleichgültigkeit gegen die Literatur geerbt; vielleicht darf ich
gleichbedeutend sagen, einen gewissen Mangel an Phantasie.«
»Ich möchte es guten Geschmack nennen,« sagte Peter Hase, »denn Jugend
und Bücher gehören nicht zusammen. Auch steht Herr Baron vielleicht auf
dem Standpunkt der Alten, welche die Dichter als Lügner verachteten.«
»Ich bin zu wenig belesen, um darüber urteilen zu können,« sagte der
Baron, »aber so viel ist richtig, daß ich Zeitungen gerne lese, weil sie
Wahres berichten.«
»Ach Papa, Zeitungen,« lachte Mingo, »die sollen ja gerade am meisten
lügen.«
»Die Zeitungen sind vielleicht das interessanteste moderne Epos,« sagte
Peter Hase, »und jedenfalls ist das Leben die schönste Dichtung.«
Die Baronin wiegte zweifelnd den Kopf. »Ich glaube,« sagte sie, »auch in
bezug auf das Leben sind die großen Talente unter den Menschen selten.
Wenige leben ein großes, schön geschwungenes Leben. Bei den meisten
fällt es zerfahren, kleinlich, alltäglich und sehr langweilig aus.«
»Für flüchtige Leser,« sagte Peter Hase, »man muß sich hinein
vertiefen.«
»Ach, es lohnt nicht,« sagte die Baronin, »und wo es vielleicht lohnte,
ekelt es einen. Die Erfahrung haben Sie vielleicht auch bei der
geheimnisvollen Dame gemacht, die unserem Prozeß plötzlich eine neue
Wendung zu geben scheint.«
»Die Dame stellte sich allerdings zunächst mehr alltäglich als
geheimnisvoll dar,« sagte Peter Hase. »Ein vegetatives Wesen, gutmütig,
schwach, träge, aber mit einer Anlage zum Heroismus, wie primitive
Frauen sie manchmal haben.«
Mingo, die bis dahin mit fast unhöflicher Teilnahmlosigkeit dagesessen
hatte, blickte tief errötend auf und sagte hastig: »Wer ist die Dame,
warum war sie da?«
»Es ist eine Dame, die aussagte, daß Herr Deruga während der
verhängnisvollen Oktobertage bei ihr gewesen sei, also die Tat, der man
ihn verdächtigt, nicht begangen haben könnte,« erklärte Peter Hase. Er
sprach mit Zurückhaltung, da er den Gegenstand für gesellige
Unterhaltung nicht geeignet, ganz besonders aber für eine junge Dame
nicht für passend hielt.
»Siehst du, Mama,« rief Mingo triumphierend. »Aber wer ist die Dame, daß
er so lange bei ihr war? Ist er mit ihr befreundet?«
»Nun, unverheiratete Männer haben eben Beziehungen zu gewissen Frauen,
Frauen der unteren Stände,« erklärte die Baronin. »Das ersetzt ihnen das
Familienleben. Und sie bevorzugen ungebildete, anspruchslose Frauen,
weil sie sich ihnen gegenüber gehen lassen können. Sich gehen zu lassen,
ist Männern ein wesentliches Bedürfnis.«
»Ich möchte es eine Schutzvorrichtung der Natur nennen,« sagte Peter
Hase, »die gerade dem Kulturmenschen als eine Entspannung seiner stets
gespannten Kräfte notwendig ist. Aber es ist eine tragische Verkettung,
daß gerade der Kulturmensch es mehr und mehr verlernt, sich gehen zu
lassen, bis die unterdrückten Triebe sich zuletzt im Wahnsinn Luft
machen.«
In Mingos Gesicht war zu lesen, daß sie diese Untersuchung weder
verstand noch Interesse dafür hatte. »Wie war die Frau?« fragte sie,
angelegentlich zu Peter Hase hingewendet. »War sie ganz ungebildet? War
sie eine arme Frau?«
»Nein, das doch nicht,« sagte Peter Hase ernst und schonend. »Sie ist
die Tochter eines Hausmeisters an einem Knabengymnasium, und es
scheint, daß sie dadurch früh bedenklichen Einflüssen ausgesetzt war.
Offenbar sucht sie in rührender Art an dem, was sie für Bildung ansieht,
festzuhalten; sie betonte, wenn immer es möglich war, die Liebe zur
Natur, zu allem Guten, Schönen und Wahren, wie man zu sagen pflegt, und
sie sprach geflissentlich von der Freundschaft, die sie mit Deruga
verbände. Das Wort Liebe oder Liebesverhältnis ließ sie nicht gern
gelten. Ich hatte den Eindruck, daß sie das Bedürfnis hatte, ihrem Leben
einen Hintergrund von Schönheit und Besonderheit zu geben, soweit sie es
versteht.«
Die Baronin zuckte ungeduldig die Schultern, und der Baron suchte das
Gespräch in eine andere Bahn zu lenken, indem er sagte, ähnliche Züge
fänden sich viel bei den leichtfertigen Frauen der meisten Völker, und
allerlei aus Japan, China, Indien und anderen Ländern erzählte, die er
bereist hatte. Er sei in seiner Jugend weit herumgekommen, sagte er,
aber schließlich habe er gefunden, daß sich in Paris am besten leben
lasse.
»O, ja, Paris ist stets das mehr oder weniger Gegebene,« sagte die
Baronin mit einem unterdrückten Seufzer und einem verschmitzten
Ausdruck, der sie allerliebst kleidete.
Er liebe auch Paris, sagte Peter Hase, und sei im Begriff gewesen, zu
einem mehrwöchigen Aufenthalt hinzureisen, als Derugas Prozeß ihn
abgehalten hätte.
»Dieser Mensch scheint eine ungemeine Anziehungskraft zu besitzen,«
sagte die Baronin.
Peter Hase warf einen unauffälligen Blick zu Mingo herüber, um zu sehen,
wie das Besprochene sie berührte. Ihre großen Augen hingen mit Spannung
und Anteil an seinem Gesicht. »Man begegnet so selten,« sagte er,
»innerhalb der Kultur einem ganz natürlichen Menschen, wie Deruga ist;
ein Kind, von der Beschaffenheit und in den Verhältnissen eines Mannes.«
»Sie wollen ihn vielleicht in einem Roman verwerten,« spottete die
Baronin.
»Kaum,« erwiderte Peter Hase ernsthaft. »Er ist doch wohl
zusammenhanglos für den Bau der Dichtung, wo alles Zweck sein muß und
nirgends eine Fuge klaffen darf.«
»Unschuldig verurteilt,« fuhr die Baronin fort. »Das wäre doch ein
Titel, der ziehen würde.«
»Es wird nicht dahin kommen,« sagte Peter Hase, ruhig feststellend. »Die
Sache wird irgendwie im Sande verlaufen. Ich schließe aus Derugas
Charakter, daß er bunte Erlebnisse, aber keine großen, tragischen,
erschütternden haben wird.«
»Hörst du, Mama?« rief Mingo. »Auch Herr Hase ist von seiner Unschuld
überzeugt. Jeder ist es. Du bist es dir selbst schuldig, nichts mehr
gegen ihn zu unternehmen.«
»Ich sagte dir schon,« fiel die Baronin ein, »daß ich mit dem Anwalt
sprechen werde. Seine Sache ist eigentlich nicht meine. In der Tat
bedaure ich jetzt, daß ich so schwach war, mich von ihm in diese Sache
hineinziehen zu lassen. Ich kam nicht auf den Gedanken, daß es ihm in
erster Linie daran lag, sich durch einen aufsehenerregenden Prozeß
bekannt zu machen. Er spiegelte mir vor, daß ich berufen sei, ein
Verbrechen ans Licht zu ziehen, und benützte mich als Mittel, um
berühmt zu werden.«
Die Baronin hatte kaum ausgesprochen, als der Kellner den =Dr.=
Bernburger anmeldete, den sie zu einer Besprechung ins Hotel gebeten
hatte.
»Das ist ungeschickt,« sagte die Baronin zögernd, und Peter Hase erhob
sich, um nicht zu stören. Nein, sagte sie, er dürfe auf keinen Fall
schon gehen, sie hätten ja noch nicht einmal den Kaffee genommen. Im
Grunde sei es ihr lieb, wenn sie die Unterhaltung nicht allein zu führen
brauche, Geschäftliches sei ihr ohnehin zuwider, diese Angelegenheit
aber vollends verhaßt.
Den nun eintretenden Anwalt begrüßte sie mit einem hochmütigen
Kopfneigen, dem sie nachträglich eine etwas höflichere Wendung gab, als
sie bemerkte, daß er sie durchschaute und belächelte. Sie erklärte ihm,
daß die Anwesenden von allem unterrichtet wären, und daß ihre Gegenwart
nicht störe, und sagte dann mit einem kalten Blick:
»Die Sache entwickelt sich anders, Herr Doktor, als Sie mir anfänglich
einredeten.«
»Ich schätze den selbständigen Charakter der Frau Baronin zu hoch,«
entgegnete =Dr.= Bernburger, »als daß ich wagen möchte, ihr etwas
einzureden.«
»Nun gut,« sagte die Baronin unwillig, »Sie schilderten mir die Vorgänge
jedenfalls so überzeugend, wie ...«
»Wie Sie sich nur wünschen konnten,« fiel =Dr.= Bernburger lächelnd
ein. »Ich bin von der Wahrscheinlichkeit der Vorgänge, wie ich sie
damals darstellte, heute noch ebenso überzeugt wie damals.«
»Und die neue Zeugin?« fragte die Baronin.
»Eine verliebte Person,« sagte =Dr.= Bernburger wegwerfend, »die
sich ein Verdienst um ihren Angebeteten erwerben möchte. Sie ist
durchaus nicht wichtig und wurde nicht einmal vereidigt, weil der
Gerichtshof sie wegen ihrer Beziehungen zum Angeklagten von vornherein
nicht für glaubwürdig hielt. Übrigens würden sich wohl Zeugen auftreiben
lassen, um die Unwahrheit ihrer Aussage darzutun.«
»Nein, Mama,« rief Mingo, in lichter Entrüstung aufspringend, »damit
sollst du nichts zu tun haben. Dies Spionieren und Hetzen ist unwürdig.
Ich leide es nicht, daß du dich dazu hergibst.«
=Dr.= Bernburger betrachtete das junge Mädchen lächelnd durch seine
Brille. »Ginge der Verbrecher nicht dunkle Wege,« sagte er, »brauchte
man ihm nicht auf dunklen Wegen nachzuschleichen. Die Methode des
Verbrechers bestimmt die Methode dessen, der ihn entlarven soll. Wenn
ein Dieb mit Ihrer Börse davonläuft, und Sie wollen ihn wieder haben,
müssen Sie ihm nachspringen; oder einen anderen für sich springen
lassen.«
»Ich verlange von niemandem, wozu ich mir selbst zu gut bin,« sagte
Mingo feindlich. »Übrigens hat uns niemand unsere Börse genommen.«
»Mische dich nicht in Dinge, Kind,« sagte die Baronin verweisend, »die
du zu wenig kennst, um sie beurteilen zu können. Ich habe indessen doch
das Gefühl,« wandte sie sich an =Dr.= Bernburger, »daß wir keine
glückliche Rolle in dieser Angelegenheit spielen.«
»Es kommt auf den schließlichen Erfolg an,« sagte =Dr.= Bernburger,
»und wie ich Ihnen schon sagte, hat sich meine Überzeugung bisher nur
gefestigt. Mir ist es, als hätte ich den Vorgang mit erlebt. Ich könnte
ihn in einem Drama vorführen.«
»Und warum tun Sie es nicht?« rief die Baronin gereizt aus. »Ich glaube,
die Stimmung wendet sich allgemein dem Angeklagten zu.«
»Herr =Dr.= Deruga hat augenscheinlich viel Glück bei Frauen,«
sagte =Dr.= Bernburger, »in deren Augen ein Mann überhaupt durch
den Verdacht eines Verbrechens zu gewinnen pflegt. Ferner begehen viele
Menschen den Fehler, zu glauben, ein Verbrecher müsse von der Natur mit
einem besonderen Stempel gezeichnet sein. Müsse roh, brutal, gemein,
entstellt aussehen. Man bedenkt nicht, daß der Grund der meisten
Verbrechen die Schwäche des Täters ist, indem er einem Antriebe nicht
genug Widerstand entgegenzusetzen vermochte, und was für eine große
Rolle der Zufall dabei spielt. Es ist nicht ohne Ursache, daß in
früheren Zeiten viele Verbrecher selbst glaubten, der Teufel habe es
ihnen eingeblasen.«
Der Baron meinte, solche Vorstellungen wären gefährlich, indem sie
einem fast den Mut raubten, den Verbrecher zu verfolgen und zu
bestrafen.
Der Anwalt zuckte die Schultern. »Hörte man damit auf,« sagte er, »so
gäbe es ja nur noch Antriebe zum Bösen beziehungsweise Verbotenen, und
alle Hemmungen fielen fort. Es ist wohl das beste, daß jeder schlechtweg
das tut, was ihm sein Amt vorschreibt, ohne sich Skrupel über die Folgen
und innersten Gründe zu machen. Justizrat Fein bringt unentwegt neue
Entlastungszeugen vor; er hat jetzt wieder einen Professor ausgespielt,
der eine Zeitlang mit Deruga und seiner Frau dasselbe Haus bewohnte, und
der, wie es scheint, bestätigen soll, was wir längst wissen, daß Deruga
ein sogenannter guter Kerl ist, dem man zwar Übereilungen, aber nicht
überlegte Schlechtigkeiten zutraut. Ich würde meine Pflicht nicht tun,
wenn ich mich nicht bemühte, Beweise für unsere Überzeugung
aufzutreiben, und ich hoffe noch immer, daß es mir gelingen wird, etwas
Abschließendes zu finden. Ich verfolge eine Spur, von der ich aber
schweigen möchte, bis ich selbst vollkommene Klarheit gewonnen habe.«
Mingo betrachtete =Dr.= Bernburger mit unverhohlenem Abscheu. »Das
geschieht aber nicht für dich, Mama,« sagte sie in flehend befehlendem
Tone, »nicht in deinem Auftrage.«
»Bitte, mische dich nicht ein,« sagte die Baronin gereizt, »verlasse uns
lieber, wenn du dich nicht beherrschen kannst! Weder du noch ich haben
ein persönliches Interesse an der Angelegenheit, sondern einzig ein
sachliches. Es kann uns nur angenehm sein, wenn die Wahrheit
festgestellt wird.«
»Ja, ich habe ein persönliches Interesse,« rief Mingo leidenschaftlich
aus. »Ich weiß, daß er schuldlos ist. Allen Beweisen zum Trotz, die etwa
ausspioniert werden, ist er schuldlos und besser als wir alle.« Ihre
Stimme zitterte, die Tränen waren ihr nahe.
Der Baron und Peter Hase waren gleichzeitig aufgestanden, wie um die
Kleine zu beschützen. Der Baron stellte sich neben sie und schlug einen
Spaziergang vor: man müsse bei den immer noch kurzen Tagen die
Helligkeit benützen. =Dr.= Bernburger hatte das Gefühl, in Ungnade
und mit Verachtung beladen entlassen zu sein. Die Bitterkeit, die in
seinem Innern kochte, verdichtete sich mehr und mehr zum rachsüchtigen
Haß gegen Deruga, während er der Baronin gegenüber nur den inständigen
Wunsch hatte, ihr zu beweisen, daß er recht gehabt habe.
=XIII.=
»Wir wurden mit Deruga dadurch bekannt,« erzählte Professor Vondermühl,
»daß wir im gleichen Hause wohnten. Kurze Zeit nachdem sie eingezogen
waren, bekam meine Frau in der Nacht einen Magenkrampf, und um ihr
möglichst schnell Hilfe zu schaffen, ging ich hinauf und bat Deruga zu
kommen. Er zeigte die liebenswürdigste Bereitwilligkeit, und auch seine
Frau bot ihren Beistand an. Seit der Zeit sahen wir uns häufig und haben
in enger Freundschaft verkehrt, bis Derugas ihr Kind verloren und sich
bald hernach scheiden ließen.«
»Haben Sie jemals etwas von Mißhelligkeiten zwischen den Ehegatten
bemerkt?« fragte der Vorsitzende.
»Meine Frau hatte den Eindruck,« sagte der Professor, »daß sie sich zwar
liebhatten, aber nicht zueinander paßten. Deruga hatte trotz seiner
Verträglichkeit ein unstetes, unberechenbares Temperament und hätte
straffer Leitung bedurft; seine Frau vermochte solche nicht auszuüben,
sondern war zärtlich, anschmiegsam, gleichsam eine Pflanze, die im
Schutze einer Mauer hätte wachsen sollen. Die Verschiedenheit trat wohl
nach dem Tode des Kindes, das ein Band zwischen ihnen bildete, schärfer
zutage.«
»Kam es zuweilen zwischen ihnen zu heftigen Ausbrüchen?« fragte der
Vorsitzende.
»Eines Abends,« erzählte der Professor, »saßen meine Frau und ich nach
dem Abendessen auf unserem kleinen Balkon, der vom Wohnzimmer nach dem
Garten hinausging. In Derugas Wohnzimmer, das über dem unsrigen lag,
mußte die Tür offenstehen, denn wir konnten ihre Stimmen hören, und wie
ihr Gespräch allmählich in einen Wortwechsel ausartete. Wir lachten
darüber, und meine Frau sagte: 'Der schreckliche Mensch, sein Teufel ist
wieder los' -- was ein Ausdruck von ihr war, um gewisse Launen, denen
Deruga unterworfen war, zu bezeichnen. Sie schlug vor, wir wollten
hineingehen, um der Frau willen den Auftritt zu unterbrechen. Ich
jedoch war dagegen, da mir eine Einmischung in solchem Augenblick
zudringlich erschien, vielleicht auch aus Bequemlichkeit oder sonst
einer egoistischen Regung. Wir waren noch in der Auseinandersetzung
darüber begriffen, als wir Frau Deruga einen unterdrückten Schrei
ausstoßen hörten, einen Schrei des Schreckens, des Schmerzes, der Angst,
wie es schien. Da sprang meine Frau auf und lief, ohne meine Zustimmung
abzuwarten, in das obere Stockwerk hinauf, so daß ich Mühe hatte, mit
ihr Schritt zu halten. Als ich atemlos oben ankam, hatte Ursula, das
Mädchen, meiner Frau schon die Tür geöffnet und begrüßte uns mit
strahlenden Augen. Sie mochte froh sein, daß ihre Herrschaft in diesem
Augenblick nicht allein blieb.
Deruga empfing uns mit gewohnter Herzlichkeit, von Verlegenheit oder
Mißstimmung war ihm nichts anzumerken, außer daß er ein paar Redensarten
wiederholte wie: 'Ach, die Ehe!' 'Man sollte sich das Heiraten
gründlicher überlegen als das Aufhängen!' und dergleichen. Meine Frau,
die sehr temperamentvoll war und keine Menschenfurcht kannte, sagte
scheltend, indem sie sich vor ihn hinstellte: 'Wir Frauen sollten
allerdings vorsichtiger sein, und zumal die Ihrige hat unüberlegt
gehandelt, als sie sich einem solchen Wüterich anvertraute. Weil Ihre
Frau allzu gut ist, darum machen Sie Radau! Sie haben einen kleinen
Teufel in sich, der Glück und Frieden nicht verträgt, sondern immer
Schwefelgestank und Höllenspektakel um sich haben muß.' Deruga nahm
solche Strafpredigten von meiner Frau gern an, weil er fühlte, daß sie
wahrer Freundschaft entsprangen, und sie ihrerseits lieh auch seinen
Rechtfertigungen Gehör, in welcher Form immer sie gegeben wurden.
Diesmal schien er seine Heftigkeit zu bereuen und sagte in
verhältnismäßig ruhigem Tone: 'Ich gebe zu, daß meine Frau lieb und
sanft ist, aber ich verwünsche, verfluche und hasse dieses Sanftsein.
Wenn sie mich liebte, wie sie sollte und könnte, würde sie mich einmal
anzischen wie eine Schlange und mir sagen, daß ich ein Scheusal wäre,
mich in Haß oder Liebe umschlingen und erwürgen. Wenn ich eine
aussätzige alte Frau oder ein verendender Hund wäre, würde sie mich mit
derselben Liebe und Sanftheit behandeln, die mich zur Wut reizt.' Die
arme Frau sah ihn, wie ich mich gut erinnere, mit großen Augen an und
sagte in ihrer Art zornig: 'Ich sagte dir doch eben, daß du ein Scheusal
wärest,' worüber wir alle lachen mußten. Er umarmte sie und behielt ihre
Hand in der seinen, während er ihr erklärte, daß das doch nicht das
Richtige gewesen sei.«
»Sie erwähnten vorhin,« unterbrach der Vorsitzende, »daß Frau Deruga
einen Schrei ausgestoßen habe. Erfuhren Sie, ob sie nur aus Angst
geschrien oder ob ihr Mann sie tätlich angegriffen hatte?«
»Das kam nicht zur Sprache,« sagte der Professor. »Vermutlich hatte er
sie unsanft angepackt. Sie sah bleich und verstört aus. Als wir nach
einer Stunde aufbrechen wollten, fragte meine Frau sie, ob wir sie nun
auch mit dem Unhold allein lassen könnten. Worauf sie lachend erwiderte:
'Für heute hat der Vulkan ausgespien.' Das sagte sie laut und
unbefangen, und auch Deruga lachte. Meine Frau konnte lange nicht
einschlafen, weil es ihr unheimlich war, doch gelang es mir, sie zu
beruhigen, indem ich ihr sagte, sie nähme die Sache zu ernst, Derugas
Liebe zu seiner Frau habe sich gerade eben deutlich gezeigt.«
»Haben Sie jemals,« fragte der Vorsitzende, »klaren Aufschluß erhalten
über den Grund der Aufwallungen des Angeklagten gegen seine Frau? Oder
lag derselbe nach Ihrer Meinung nur in seinem Temperament und in der
Verschiedenheit der Gatten?«
»Deruga deutete gelegentlich an,« sagte der Professor, »daß er Ursache
zur Eifersucht habe, und zwar bezog sich dieselbe auf einen Mann, zu dem
seine Frau, bevor sie Deruga heiratete, eine Zuneigung gehabt hatte, den
sie aber, weil er gebunden war, nicht hatte heiraten können. Der
Umstand, daß die alte Frau dieses Mannes starb, scheint seine Eifersucht
und seinen Argwohn so sehr gesteigert zu haben, daß ihr Leben an seiner
Seite unbehaglich wurde. Man war vielfach der Ansicht, sie habe die
Scheidung betrieben, um jenen anderen zu heiraten, was aber die
folgenden Ereignisse nicht bestätigten, denn sie ist bekanntlich ledig
geblieben.«
»Halten Sie für möglich,« fragte der Vorsitzende, »daß die Furcht vor
dem Angeklagten dabei den Ausschlag gab? Er könnte Drohungen gegen sie
und den Mann ausgestoßen haben, falls sie ihn heiratete?«