Ein ironisches Lächeln verzerrte das Gesicht des Staatsanwalts. »Das ist

Philosophie,« sagte er, »und mit Philosophie läßt man sich auch die

Notwendigkeit von Massenmördern und Giftmischern beweisen. Wir dagegen

haben es ganz schlechtweg und einfältig mit strafbaren Handlungen zu

tun. Christus durfte sich erlauben, die Zöllner und Sünder zu lieben,

wir müssen uns bescheiden, sie zu strafen.«

Der Vorsitzende machte die Handbewegung, mit der man Kreidestriche von

einer Tafel löscht. »Das führt zu weit,« sagte er, und dann zum Zeugen

gewendet: »Haben Sie selbst jemals Auftritte mit Ihrem Freunde gehabt?«

»Ich? Niemals, niemals!« sagte Gabussi lebhaft, »und doch ist gewiß

nicht leicht mit mir auszukommen. Mein phlegmatisches Temperament, das

mir die Natur nun einmal gegeben hat, muß eine feurige Natur, wie mein

Freund ist, schon an sich reizen. Meine Langsamkeit im Auffassen hätte

ihn oft ungeduldig machen können. Anstatt dessen war er stets

opferwillig und hilfsbereit.«

»Ein Engel,« setzte der Staatsanwalt grinsend hinzu.

»Hatte der Angeklagte noch viele Freunde außer Ihnen?« fragte =Dr.=

Zeunemann.

»Er stand mit fast allen gut,« sagte Gabussi, »aber befreundet war er

nur mit mir. Ich bin überzeugt, daß kein einziger sein Inneres so gut

kannte wie ich.«

»Das ist eigentlich sonderbar,« meinte der Vorsitzende, »bei einem

Menschen, dessen feuriges, geselliges Temperament Sie selbst

hervorheben.«

»Ja, so möchte man denken,« sagte Gabussi, »und wenn man ihn unter

seinen Schulgefährten und später unter seinen Studiengenossen sah, so

mußte man meinen, er sei mit allen verbrüdert. Ich erinnere mich, daß

ich mich zuerst nicht an ihn heranwagte, weil ich dachte, ich mit meiner

Schwerfälligkeit könne ihm nichts sein, der von so vielen wie von einer

Familie umringt war. Aber diese Umgänglichkeit, die er an sich hatte,

und die jeden anzog, war nur der Schleier, in den er seine Seele hüllte,

um sie unzugänglich zu machen. Niemand ist schwerer zu kennen, als er,

der das Herz auf der Zunge zu haben scheint. Es gibt zurückhaltende

Menschen, die durch Schweigsamkeit oder unnahbares Wesen die anderen von

sich abwehren. Das war seine Art nicht. Er richtete durch Gesprächigkeit

und Vertraulichkeit eine Mauer um sich auf.«

In dem Maße, wie Gabussi eifriger wurde, um dem Präsidenten seines

Freundes Eigenart zu erklären, wuchs das verständnisvolle Interesse des

Vorsitzenden. »Ich begreife Sie, ich begreife Sie,« sagte er, »das kommt

bei leidenschaftlichen, übermäßig reizbaren Naturen vor. Sie müssen

immer auf der Hut sein, daß sie nicht zu viel von sich verausgaben, und

schaffen doch ihrer Lebhaftigkeit einen gewissen Ausweg.«

»Ja, ja, so ist es,« bestätigte Gabussi. »Er war im Grunde weich und

leicht verletzlich, schämte sich, das den anderen zu zeigen, die so viel

gleichgültiger und härter waren, und verhüllte sich auf seine Art. Er

war kein Tier, das zu seinem Schutze Stacheln oder Schuppen

hervorbringt, er konnte nur bunte Fäden spinnen und mit solchem

Blendwerk sich unkenntlich machen. Das bewahrte ihn wohl vor der

allzunahen Berührung wesensfremder Menschen, nicht aber vor allen

schmerzhaften Zusammenstößen mit der Außenwelt, die sein Herz bluten

machten. Ach, was für eine Tragik, daß er so oft beschuldigt wurde,

anderen Leid zugefügt zu haben, der immerfort durch andere litt!«

»Sehr interessant,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Aber worunter litt er

denn so sehr? Nun ja, unter seinem Vater. Dafür hatte er doch aber eine

gute, liebevolle Mutter, er hatte Sie und den Verkehr mit Ihrer

Familie.«

»Seine Mutter liebte er allerdings unendlich,« erklärte Gabussi, »und

durch sie litt er gewiß nicht, wohl aber durch die Lage, in der er sie

sah. Seine Seele fühlte sich nie heimisch in der Umgebung, in die sie

gepflanzt war. Er hatte einen lebhaften Schönheitssinn, und alles

Geschmacklose, sowohl an den Gegenständen wie an den Menschen, stieß ihn

ab. Da er in ärmlichen oder wenigstens sehr beschränkten Verhältnissen

geboren war und aufwuchs, kam es mir immer wunderbar vor, daß er gegen

alles Kleinliche und Häßliche, und was sie mitbringen, so überaus

empfindlich war. Ich selbst habe das erst allmählich verstehen lernen,

anfangs klangen mir seine darauf bezüglichen Klagen wie Dichtungen in

arabischer oder persischer Sprache. Es bildete oft den Gegenstand

unseres Gesprächs und war ein Punkt, wo wir nie zusammenkamen. Da ich

ihn nicht begriff, war ich oft ungerecht gegen ihn, wenn er zum Beispiel

Reichtum als das Allererstrebenswerteste hinstellte. Ich predigte dann

wie ein rechter Moralphilosoph auf ihn ein, vielmehr an ihm vorüber.

Denn von den Bedürfnissen, die ihn Reichtum ersehnen ließen, hatte ich

keine Ahnung. Meine einfachere, derbere Seele fand sich in jeder

Umgebung zurecht, sie ist gewissermaßen ein Naturlaut, und wenn man sie

nur nicht in einen glänzenden Salon versetzt, so kann sie harmonisch

einstimmen. Mit einer reichen Symphonie ist es anders. Mein Freund

brauchte Schönheit um sich herum, in der sich die unendlich vielen,

daher oft einander widerstrebenden Töne auflösten.«

»Hier ist also doch ein Punkt, wo Sie voneinander abwichen,« sagte

=Dr.= Zeunemann.

»Allerdings,« gab Gabussi zu, »aber über freundschaftliche

Meinungsverschiedenheit ging das nie hinaus. Wir ließen uns beide

gelten, und er beneidete mich wohl sogar manchmal, weil ich so viel

leichter zufriedenzustellen bin.«

»Es wundert mich,« fuhr =Dr.= Zeunemann gemütlich fort, »daß Ihr

Freund bei seinem leichtverletzlichen Schönheitssinn das Studium der

Medizin ergriff, bei dem es so viel Abstoßendes zu überwinden gibt.«

»O,« sagte Gabussi, »da kam ihm wieder seine Hilfsbereitschaft und

Liebe für alle Kranken und Leidenden zugute. Er hatte insofern eine

geradezu geniale Begabung für seinen Beruf. Dazu kam, daß er auf diesem

Wege am ehesten zu Gelde zu kommen dachte, was sowohl wegen seiner

Familie wünschenswert war, wie er es auch aus den erwähnten Rücksichten

für sich erstrebte.«

»Und woran liegt es denn Ihrer Ansicht nach,« fragte der Vorsitzende,

»daß es ihm damit doch nicht geglückt ist?«

»Jedenfalls nicht daran,« sagte Gabussi, »daß er untüchtig gewesen wäre.

Aber ich sagte schon, daß seine Seele reich und vielstimmig war. Er

sehnte sich nach Geld und verachtete es andererseits; er warf zwei Hände

voll weg für eine Handvoll, die er eingenommen hatte. Er arbeitete flink

und gut; aber er träumte noch besser. Er war geboren mit allen Tugenden,

Reichtum auf edle Art zu genießen, mit keiner von denen, die Reichtum

machen. Beim Reichwerden kommt es ebensosehr wie auf die Fähigkeit des

Erwerbens auf die des Festhaltens an, und die hatte er nicht. Es war

jener tragische Zwiespalt in ihm, der meiner Ansicht nach nur dadurch

auszugleichen ist, daß man die Nichtigkeit des Reichtums einsieht und

alles dessen, was der Reichtum verschafft. Auch der Ärmste kann

Schönheit im Überfluß genießen, wenn er sich in die Natur zurückzieht.

Es war der einzige Fehler, den Deruga beging, daß er das nicht von

Anfang an getan hat. In der großen Welt konnten die Konflikte seiner

Seele keine Lösung finden.«

»Wir haben Ihnen ein sehr feines Bild Ihres Freundes zu verdanken,«

sagte =Dr.= Zeunemann freundlich. »Nicht minder brauchbar, weil von

Freundeshand entworfen.« Dann schloß er das Verhör ab, nachdem er noch

einige belanglose Fragen gestellt hatte.

* * * * *

Als der Justizrat mit den beiden Freunden das Haus verließ, war die Zeit

des Feierabends. Die Straßen füllten sich mit Menschen, aber in den

Anlagen hinter dem Gerichtsgebäude war es still wie immer. Mit dem

Lichte schienen die Gegenstände ihr buntes Kleid abgeworfen zu haben

und in sanft schimmernder Nacktheit am Ufer der unendlichen Nacht zu

feiern, bevor sie in das tiefe Bad hinuntertauchten. Gabussi erklärte

sich mit dem Ergebnis seiner Aussagen nicht ganz zufrieden. Es sei alles

anders herausgekommen, sagte er, als er beabsichtigt hatte. Man werde

da, ohne zu wissen wie, von einer Strömung ergriffen, die einen von der

eingeschlagenen Richtung abbrächte.

»Was du sagtest, war alles schön und gut,« tröstete Deruga. »Es kam mir

nur überflüssig vor, wie wenn man einem Deutschen einen feinen Mailänder

Risotto vorsetzt, der doch nur die Nase dazu rümpft und nach seinen

Kartoffeln verlangt. Was macht das aber? Für mich war es schön, mit dir

von der Vergangenheit zu träumen.«

»Ja,« sagte der Justizrat, »das vergangene Leiden dient, wie Shakespeare

sagt, zu desto süßerem Geschwätz.«

»Während umgekehrt nichts weher tut, wie unser Dante sagt, als sich im

Unglück vergangenen Glückes zu erinnern,« fügte Gabussi hinzu.

Bei dem Abhange, wo jetzt ein erstes Schneeglöckchen die gelbliche

Spitze herausstreckte, blieb Deruga stehen.

»Da ist eins von den kleinen Geschöpfen,« sagte er, »es guckt wie eine

Maus aus ihrem Loch hervor.«

»Sehen Sie,« triumphierte der Justizrat. »Sie lachten mich damals aus,

als ich ihm die trockenen Blätter vom Kopf wegstocherte.«

»Sie hatten auch unrecht,« entgegnete Deruga, »denn nun holt es

wahrscheinlich die Katze.«

»Meinen Sie den Nachtfrost?« fragte der Justizrat. »Diese frühen

Pflanzen können viel vertragen, sie sind darauf eingerichtet. Hören Sie,

mein Lieber,« setzte er hinzu, indem er seinen Klienten fortzuziehen

suchte, »Sie werden sentimental, das gefällt mir nicht.«

Deruga rührte sich nicht von der Stelle und starrte versunken auf die

feuchte Erde. Eine Zeile aus einem alten Gedicht lag ihm im Sinn, und er

führte sie an, als er sich darauf besonnen hatte:

»=La doglia mia cresoe coll' ombra.=«

»Das klingt wie ein Ton von einer Amati,« sagte der Justizrat, die

Musik des Verses mit sichtlichem Genusse schlürfend. »Was heißt das?«

»Mein Weh wächst mit den Schatten,« übersetzte Deruga. »Das will also

sagen, mit der wiederaufgehenden Sonne verschwindet es und bedeutet

nicht mehr als eine Abendstimmung.« Er schüttelte sich, als werfe er die

trübe Laune von sich, und wandte sich rasch dem Ausgange zu.

»Wenn du erst bei mir in meinem Bergdorfe bist,« sagte Gabussi, »werden

dich solche Stimmungen bald ganz verlassen. Das ist der Kohlenstaub der

großen Stadt, den der reine Himmel der Höhen verzehrt.«

»Ob mir diese Luft wirklich so gut anschlagen würde, wie du meinst?«

sagte Deruga. »Ich bin nun einmal kein Bauer.«

»Du wirst einer werden,« rief Gabussi lebhaft aus. »Wenn du erst gelernt

hast, dich für nichts als unsere paar Kühe und Ziegen zu interessieren,

dann wirst du gesund sein.« Er forderte den Justizrat zur Bestätigung

seiner Meinung auf.

»Ein bißchen zu verbauern, täte Ihnen gewiß gut,« sagte dieser

vorsichtig.

»Sie meinen,« sagte Deruga, »wenn man den verzwickten Kerl in seine

Bestandteile auflösen und einen ganz neuen daraus machen könnte, dann

wäre ihm allenfalls geholfen.«

Der Justizrat lachte.

»Aber wenn man den alten Deruga gar nicht mehr herauskennte,« meinte er,

»das wäre doch schade.«

Als Gabussi mit Deruga allein auf seinem Zimmer war, fuhr er fort, ihm

das Leben auf seinem Dorfe auszumalen. Deruga könne ihn auf seinen

Gängen begleiten, er verstehe ja mit einfachen Leuten umzugehen und

werde bald der Gott der ganzen Gegend sein. Übrigens würden seine Frauen

genug mit ihm zu schwatzen haben, und wenn er außerdem noch eine

Beschäftigung haben müsse, so könne er ja diese oder jene medizinische

Frage bearbeiten. Auch zu handwerklicher Beschäftigung gebe es

Gelegenheit. Die Leute dort oben wären um mehr als hundert Jahre zurück,

hätten Werkzeuge aus der Urwelt. Da wäre ein Feld für seine

Erfindungsgabe und Geschicklichkeit.

»Ach,« sagte Deruga, »wie wenig du mich kennst! Begreifst du nicht, daß

ich mich nach acht Tagen langweilen und nach vierzehn Tagen dich oder

mich umbringen würde?«

»Langweilen?« wiederholte Gabussi erstaunt, seine großen Augen noch

weiter öffnend. »Langweilst du dich denn in der Stadt?«

»Nein, hier geht es an,« sagte Deruga, »dies Gewimmel von Würmern auf

der Fäulnis unterhält mich. Ich verabscheue es, aber ich gebrauche es.

Es ist die Form des Lebens, die ich aufnehmen kann. Deine Berge wirken

wie nasse Knödel auf meinen Magen.«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte Gabussi, sich ereifernd, »das kann dein

Ernst nicht sein. Einem guten Menschen muß das Große und Einfache wohl

tun.«

»Ach, Gabussi,« erwiderte Deruga ungeduldig, »der Mensch ist kein

Dreieck, worauf man den Pythagoräischen Lehrsatz anwenden kann. Glaube

mir, daß ich schließlich deine gute, alte Schwester verführen würde,

nur um die klare Atmosphäre ein bißchen zu trüben!«

»Dodo, wenn deine arme Mutter dich so reden hörte!« klagte Gabussi. »Es

sind nur Reden, nur Worte; doch die Worte schon zerreißen mir das Herz.«

Die Unterredung setzte sich bis tief in die Nacht fort, ohne daß die

Freunde zu einem Verständnis gekommen wären. Gabussi bestand darauf, in

München zu bleiben, bis der Prozeß beendigt wäre, und dann, falls er

nach Wunsch erledigt wäre, Deruga sofort mitzunehmen, wogegen dieser

eine stets wachsende Abneigung ausdrückte. Vielmehr redete er Gabussi

zu, ohne Zeitverlust abzureisen, da er zu Hause von Mutter und Schwester

und von seinen Kranken ungeduldig erwartet würde, hier aber jetzt nichts

nützen könne. Gabussi gab endlich nach, aber er war traurig und

enttäuscht.

Im Augenblick der Trennung umarmte Deruga ihn mit der alten Herzlichkeit

und mit Tränen in den Augen. »Vergiß das verzweifelte Zeug, das ich

geredet habe,« sagte er, »und glaube nur das eine, daß mein Herz immer

dasselbe ist. Und wenn dich morgen der Schlag trifft und zu einem

schlottrigen Idioten machte, der seinen Mund nicht mehr finden kann, so

würde ich dich zu mir nehmen und dich eigenhändig füttern, solange du

lebtest. Dasselbe laß mich von dir glauben! Was für ein Strudel von

Dreck wäre das Leben, wenn es nicht unwandelbare Herzen gäbe!«

»Gott sei Dank,« sagte Gabussi, dessen große braune Augen glänzten, »ich

glaube, ich hätte dem Himmel über meinem Kopfe mißtraut, wenn ich den

Glauben an dich verlieren müßte!«

=X.=

Die Baronin saß mit ihrer Tochter vor dem mit Gas geheizten Kamin und

betrachtete ihre auf das Gitter gestützten schmalen Füße, während sie

sagte:

»Was meinst du, Mingo, wenn ich dir die Erlaubnis zum Studieren gäbe?«

Mingo stand im Rücken ihrer Mutter am Fensterrand und starrte auf das

nach einem raschen, starken Frühlingsregen schwarzblanke Pflaster, in

dem die eben angezündeten Lichter sich spiegelten. Ihre Stimme klang

schwach und müde zu der Fragenden hinüber, wie sie die Gegenfrage

stellte: »Hast du denn die Absicht, es mir zu erlauben?«

»Ich habe gedacht,« antwortete die Baronin, »daß ich es doch nie übers

Herz bringen werde, dich zu einer dir unsympathischen Heirat zu zwingen,

und daß also daran gedacht werden muß, was aus dir werden soll, wenn du

spät oder gar nicht heiratest. Glaubst du denn, daß das Studium dich

glücklich machen wird?«

»Glücklich?« sagte die schwache Stimme vom Fenster her. »Ach, Mama! Aber

es wird mich doch auf eine interessante und nützliche Art beschäftigen.«

»Früher,« sagte die Baronin erstaunt und fast ein wenig unwillig, »als

du mich mit diesem Wunsche so sehr quältest, tatest du, als ob deine

Seligkeit davon abhinge.«

Mingo trat vom Fenster weg und kauerte sich in einen Sessel, den sie

neben den ihrer Mutter gerückt hatte.

»Ob wohl alle Wünsche verblassen?« sagte sie, »wenn sie ihrer

Verwirklichung nahekommen? Aber, Mama, vielleicht kann ich mich nur

heute abend nicht so recht freuen, weil ich müde bin. Wenn du mir jetzt

die Erlaubnis mit ins Bett gibst, werde ich morgen früh ganz glücklich

damit erwachen.«

Die Baronin warf einen nachdenklichen, freundlichen Blick auf ihre

Tochter.

»Nein, geh' noch nicht zu Bett, Kleines,« sagte sie. »Ich finde es so

hübsch, mit dir allein zu plaudern. Weißt du, das Heiraten steht dir ja

immer noch frei, aber es ist lange nicht so unterhaltend, wie du es dir

jetzt wohl vorstellst, besonders wenn man nur um des Geldes willen

heiratet.«

»Hast du Papa um des Geldes willen geheiratet?« fragte Mingo.

»Nun, nicht in dem Sinne, daß er mir ohne Geld unannehmbar gewesen

wäre,« sagte die Baronin, »im Gegenteil, er gefiel mir gut und zog mich

an. Nur hätte das vielleicht nicht zu einer Heirat geführt, wenn er

nicht so vermögend gewesen wäre.«

»Gefiel er dir später nicht mehr so gut?« fragte Mingo zaghaft.

»O, gefallen,« sagte die Baronin, »muß er einem doch. Er ist so

außerordentlich vornehm, nie aufdringlich, nie geschmacklos. Nur

langweilig ist er, kannst du dir das denken?«

»Ja,« nickte Mingo, »ich kann es mir vorstellen. Aber ich dachte, wenn

man sich liebt!«

»Ach, kleine Torheit,« lachte die Baronin. »Liebe allein füllt nicht

einen einzigen Abend aus, wenn man einmal verheiratet ist.«

»Ach,« sagte Mingo und träumte mit ihren großen, dunklen Augen auf die

rotwogende Kupferplatte des Kamins. »Aber man hat doch Kinder,« fuhr sie

nach einer Weile fort.

Die Baronin lachte ihr junges, anmutiges Lachen. »Du Kind bist mir bald

genug davongelaufen.«

Mingo fühlte plötzlich eine große Welle von Liebe und Mitleid für die

Mutter in sich aufsteigen, setzte sich mit einem Sprung auf ihren Schoß,

schlang die Arme um sie und küßte sie. »Du, meine Frisur und meine

Spitzen,« rief die Baronin erschreckt; doch war ihr anzumerken, daß sie

sich der Erschütterung dieses Zärtlichkeitsausbruchs nicht ungern

hingab.

»Siehst du,« sagte Mingo fröhlicher als vorher, »daß es doch besser ist

zu studieren! Das ist nicht langweilig und läuft nicht fort.«

»Für mich ist es zu spät,« meinte die Baronin; »aber für dich mag es das

Richtige sein!«

Mingo tröstete, ihre Mutter sei so klug; wenn sie wolle, könne sie es

auch.

Die Baronin schüttelte den Kopf. »Mein Verstand hat nie geturnt,« sagte

sie, »er kann mit Grazie über einen Bach hüpfen und eine Blume pflücken

und dergleichen, aber nichts, wozu man Muskeln braucht. Anstrengen kann

ich mich in gar keiner Weise mehr. Vielleicht hätte ich es früher

gekonnt, wenn die Notwendigkeit oder sonst ein starker Antrieb dagewesen

wäre.«

»Mama,« sagte Mingo, die noch immer auf dem Schoße ihrer Mutter saß,

»warst du nie verliebt? Vor deiner Heirat oder nachher?«

»Nein, so eigentlich verliebt nie,« antwortete die Baronin. »Weißt du,

früher, als ich in deinem Alter war, hielt ich für Liebe das

schmeichlerische Gefühl, das man hat, wenn man angebetet wird. Je besser

einem der gefiel, der einen anbetete, desto angenehmer war es; selbst zu

lieben, hatte ich gar kein Talent oder Bedürfnis. Und als ich

verheiratet war, hatte ich mir vorgenommen, mir nichts Ernstliches

zuschulden kommen zu lassen, und das stand mir immer im Wege.«

Mingo hatte sich inzwischen zu Füßen ihrer Mutter auf den Boden gekauert

und starrte wieder in den geheimnisvoll wogenden, kupfernen Feuerkessel.

»Dann weißt du gar nicht, wie es ist, von einer Leidenschaft hingerissen

zu sein?« fragte sie.

»Du scheinst es mir fast vorzuwerfen,« sagte die Baronin mit einem

Anflug von Schärfe im Ton, aber nach einer Weile fuhr sie milder fort:

»Es mag sein, daß ich deswegen nicht schlechter wäre. Übrigens nahm ich

mich nicht eigentlich um deines Vaters willen zusammen, sondern es war

ein Ausfluß meiner Natur. Große Aufregungen und Umwälzungen lagen mir

nicht, und das, was ich einmal gewählt hatte, wollte ich durchführen.

Ich halte das für ein Erfordernis des guten Geschmacks.«

»Ja, Mama,« sagte Mingo, indem sie auf die gepflegte, mit vielen

kostbaren Ringen allzu belastete Hand ihrer Mutter einen Kuß drückte,

»und Papa und ich haben Ursache, dir dankbar zu sein. Nur für dich

macht es mich fast traurig.«

»Mach' dir darüber keine Gedanken, mein Kleines,« sagte die Baronin.

»Was einem nicht ansteht, das würde einen auch nicht glücklich machen.

Ich habe mir einen anderen Weg zu meinem Glücke ausgedacht.«

»Was meinst du, Mama?« fragte Mingo erschreckt.

Die Baronin errötete, ohne daß es im roten Widerschein der Kaminglut

sichtbar geworden wäre. »Das erzähle ich dir ein andermal, Liebling,«

sagte sie. »Ich höre eben ein Auto vorfahren. Das wird dein Vater sein.«

»Mama,« sagte Mingo rasch. »Du hast mir noch nicht versprochen, daß du

von dem Prozeß zurücktreten willst. Ohne das kann mich nichts, nichts

glücklich machen. Ich will gern auf das Studium verzichten und immer, so

lange ich lebe, bei dir bleiben, damit du dich nicht langweilst, wenn du

mir nur das zuliebe tust.«

»Rege dich nicht auf, Mingo,« sagte die Baronin abwehrend, »du weißt,

daß ich das nicht liebe. Nichts in der Welt ist wert, daß man sich

darüber aufregt. Ich habe dir gesagt, daß ich es mit dem Anwalt

besprechen will!«

»Ach, dein Anwalt,« sagte Mingo, »der hat dich ja gerade hineingehetzt.

Er ist ein widerwärtiger Mensch! Er hat etwas Kriechendes, Schleimiges,

Saugendes, als ob er zum Spion geboren wäre. Ich begreife nicht, daß du

mit einem solchen Menschen verkehren magst.«

»Das ist doch kein Verkehr,« entgegnete die Baronin. »Ich bediene mich

seiner Gaben, die ihn für diese Arbeit geeignet machen. Wenn er ein

Edelmann wäre, würde er mir vermutlich weniger nützen können. Es mag

sein, daß er auch mich ausnützt, aber er könnte das ja gar nicht, wenn

er nicht meinte, daß ich recht habe, und daß meine Sache Erfolg haben

kann. Du tust, als handle es sich um eine Privatangelegenheit, aber es

handelt sich um ein Verbrechen, an dem die Öffentlichkeit Interesse

hat.«

»Du sollst die Hand nicht darin haben,« drängte Mingo. »Du hast mir

selbst zugegeben, daß du an deiner Überzeugung von seiner Schuld irre

geworden bist.«

»Meine Überzeugung ist nicht maßgebend,« sagte die Baronin. »Die

Geschworenen sind dazu da, das Recht zu finden. Es handelt sich einfach

um das Recht. Ich will nichts für mich erzwingen, was nicht dem Rechte

gemäß ist.«

»O Mama, Mama,« rief Mingo. »Der Schein ist aber auf dir, als wolltest

du dir das Vermögen erzwingen, das dir nun einmal nicht bestimmt war.«

Die Baronin war sichtlich verletzt. »Ein Kind, das im Überfluß

aufgewachsen ist, pflegt nicht nachzudenken, woher er fließt,« sagte

sie. »Du hast es leicht, das Geld gering zu schätzen. Habe ich ein Recht

darauf, so wäre es lächerlich von mir, darauf zu verzichten. Ob ich das

Recht darauf habe, das heißt, ob Deruga es nicht hat und ich meine

Ansprüche mit einiger Aussicht auf Erfolg werde geltend machen können,

das wird dieser Prozeß ergeben. Dann ist es immer noch Zeit, zu erwägen,

ob ich es mit einer Klage wegen des Vermögens versuchen soll.«

»Einstweilen könntest du aber doch deinem Anwalt sagen, daß er seine

Nachforschungen aufgibt,« bat Mingo.

»Ich werde mich mit ihm besprechen,« sagte die Baronin ausweichend, »und

seine Auffassung hören. Hält er Deruga jetzt für unschuldig, so bin ich

die erste, mich darüber zu freuen. Persönliche Wünsche in diesen

Angelegenheiten kommen weder dir noch mir zu.«

=XI.=

Einen Tag nach der Abreise Gabussis besuchte der Justizrat seinen

Klienten, der allein im kalten Zimmer saß. Er hatte das Fenster

geöffnet, weil der kleine eiserne Ofen zu stark heizte, und hatte

vergessen, es wieder zu schließen, nachdem es längst kalt geworden war.

Zuweilen trieb der Wind einen Regenguß hinein, ohne daß der Einsame, der

verdrossen vor sich hinstarrte, es bemerkte.

»Ihr Freund ist also abgereist,« sagte der Justizrat. »Das ist schade,

da werden Sie sehr niedergeschlagen sein!«

»Ich bin froh, daß er fort ist,« entgegnete Deruga. »Gabussi ist mir der

liebste Mensch auf Erden, aber es gibt Zeiten, wo er mir im Wege ist. Er

kann sein Leben lang nüchtern sein, aber ich muß mich zuweilen

betrinken.«

»So,« sagte der Justizrat, der inzwischen das Fenster geschlossen und

sich gesetzt hatte, »und jetzt ist der Zeitpunkt für Ihre Saturnalien?

Passend gewählt.«

Deruga zuckte die Achseln. »Ich richte mich dabei nach dem Kalender,

dessen System jeder in seinem Körper trägt.«

»Wie Sie wollen,« sagte der Justizrat. »Mich hat etwas ganz anderes

hergeführt. Kennen Sie eine Frau Valeska Durich aus Prag?«

»Ja,« sagte dieser, »ein aus Dummheit und Verliebtheit zusammengesetztes

Wesen. Formel =D_{2} V.=«

»Sie müssen es wissen,« sagte der Justizrat, »denn sie scheint eben in

Sie verliebt zu sein.«

Der Fall Deruga · 第 10 / 16 段