»Was für einen Eindruck sollte sie auch sonst machen?« sagte Deruga

scharf. »Einer Straßenputzerin oder eines Stallknechtes? Übrigens ist es

ja einerlei. Sie will vermutlich mit dem berühmten Schriftsteller

kokettieren.«

»Sie kokettiert nicht mehr, als es jede Dame tut,« sagte Peter Hase.

»Sogar in einer besonders geschmackvollen, ihrem Alter angemessenen Art

und Weise. Es kommt mir eher so vor, als wäre der Wunsch in ihr

aufgetaucht, ich sollte ihre Tochter heiraten. Sie sprach mir immer

wieder von ihrer Tochter.«

»Nun ja,« sagte Deruga, höhnisch lachend, »Dirne und Kupplerin, das ist

ja fast dasselbe. Nur ist es besonders gemein, die eigene Tochter zu

verkuppeln. Eine Frau, die die Männer kennen muß. Sie werden mir doch

zugeben, meine Herren, wir haben uns alle gehörig im Schlamme gewälzt.«

»Wir sind allerdings nicht so rein wie ein Mädchen aus guter Familie,«

sagte Peter Hase unverändert ruhig und höflich, »aber ich weiß nicht, ob

das überhaupt zu wünschen wäre. Die Frauen selbst wünschen es

augenscheinlich nicht.«

»Nein, sie lieben augenscheinlich den Schmutz,« sagte Deruga. »Basta,

wie denken Sie über die kleine Baronesse?«

»Bevor ich sie gesehen und gesprochen habe,« sagte Peter Hase, »enthalte

ich mich jeder Entscheidung. Da ihr Vermögen nicht außerordentlich ist,

muß sie ungewöhnliche Qualitäten haben, um für eine Heirat in Betracht

zu kommen.«

»Auf mein Vermögen rechnen Sie also nicht,« sagte Deruga. »Das ist

anständig und auch sehr verständig. Die Deutschen sind zwar gute Hunde,

doch ein italienischer Hirsch, wenn er vielleicht auch nicht so schnell

läuft, ist gewandter und läßt sich nicht fangen.«

»Sie sind heute verdrießlich, Deruga,« sagte der Justizrat, indem er

aufstand, um sich zu empfehlen, »und in Ihrer Lage wäre ich es

vielleicht auch. Was die deutschen Hunde betrifft, so kann ich zwar

nicht besonders gut laufen, aber leidlich bellen und beißen, und stelle

mich Ihnen in dieser Hinsicht zur Verfügung. Auf Wiedersehen!«

»Gott sei Dank, erst übermorgen,« sagte Deruga, dem ein Versuch,

liebenswürdig zu lächeln, mißlang. »Morgen ist Sonntag.«

Er werde doch vielleicht zum Zweck einer kurzen Unterredung vorsprechen,

sagte Fein.

»Auch gut,« erwiderte Deruga, »ohnehin ist der Sonntag der

Selbstmörderwagen am Zuge des Lebens, Montag ist Totengräber.«

=IX.=

Der Sonntag zeigte sich indessen Deruga unverhofft wohltätig, indem ein

Freund seiner Kindheit und Jugend eintraf, =Dr.= Carlo Gabussi,

Landarzt in einem Dorfe oberhalb Belluno, den Zeitungsberichte über den

Prozeß veranlaßt hatten, nach München zu kommen, um Deruga allenfalls

beizustehen. Die Freunde umarmten und küßten sich wieder und wieder, und

es dauerte eine Weile, bis sie ein zusammenhängendes Gespräch zu führen

imstande waren.

»Kommst du wirklich meinetwegen, Carlo, lieber Junge?« sagte Deruga.

»Das ist doch der Mühe nicht wert, die Reise, die Kosten und alles das.«

»Unsinn,« sagte Gabussi, »ich war froh, Gelegenheit zu einer Reise zu

haben. Ich bin ja seit zehn Jahren nicht von meinem gesegneten Dorfe

heruntergekommen. Wenn ich aber etwas für dich tun könnte, wäre ich

allerdings glücklich. Denke dir von den vielen Opfern, die du mir

gebracht hast, einmal etwas wiederzugeben!«

»Ich dir?« lachte Deruga. »Meinst du, daß du monatelang Tag für Tag bei

mir saßest, als ich krank im Spital lag?«

»Nun ja,« sagte Gabussi, »du bist zwar nicht mir zuliebe krank geworden,

aber ich konnte doch zu dir kommen und brauchte nicht immer zu Hause zu

sein, wo es so wenig Unterhaltung für mich gab. Du hörtest mir zu, wenn

ich von meiner Angebeteten erzählte, und machtest mir Gedichte für sie.«

Deruga fragte, wie es ihr gehe, und ob sie noch immer nicht geheiratet

hätten.

»Nein,« sagte Gabussi mit einem Anflug von Wehmut. »Dadurch, daß meine

Mutter bei mir wohnt, und daß meine arme Schwester lahm ist, kann ich

nicht gut noch eine Frau unterbringen. Geld verdienen könnte sie auf

meinem Dorfe auch nicht, denn eine verheiratete Lehrerin wird nicht

angestellt. Aber ich bin ja so glücklich, daß ich meine Mutter noch

habe! Sie ist jetzt so leicht, daß ich sie auf einem Arme tragen kann,

und ich trage sie jeden Abend ins Bett, obwohl sie sich fürchtet; aber

ich kann es nicht lassen, und im Grunde hat sie es auch gern. Natürlich,

meine Lisa hat jetzt einige weiße Haare in ihren schönen schwarzen

Haaren. Sie sehen mir so aus wie eine Silberspur, die Gottes liebkosende

Hand zurückgelassen hat. Kannst du dir das denken? Und wenn ich sie so

gut und fröhlich zwischen ihren Schulkindern sehe, dann wird mir wohl

das Herz eng, und ich denke: Wenn ihr so unsere Kinder an der Hand

hingen! Aber das ist ja selbstsüchtig und unrecht, wenn ich bedenke, wie

gut es mir geht, zum Beispiel mit dir verglichen, mein Dodo, mein alter,

lieber Junge! Wie konntest du aber nur in solchen höllischen Wirrwarr

verwickelt werden! Nein, sprich jetzt nicht davon, wenn du nicht magst!

Wir haben Zeit, ich bleibe bei dir, solange du mich brauchst.«

»Die Schweinerei soll mir gesegnet sein,« sagte Deruga, »denn ohne sie

hätte ich dich so bald nicht gesehen, Gabussi! Ein bißchen magerer bist

du geworden, aber sonst ganz das liebe, alte, ehrbare, erschrockene

Gesicht!«

»Aber du bist mein bronzener David nicht mehr,« entgegnete Gabussi. »Du

siehst grau aus, das kommt vom Mangel an Luft und Bewegung. Laß uns

spazierengehen -- oder, noch besser, ich nehme einen Wagen, und du zeigst

mir die Stadt und die Umgegend.«

Der Tag war grau und weich, und der offene Wagen fuhr langsam durch die

tauenden Straßen, vom Geriesel der Tropfen wie von einem musikalischen

Geleit begleitet. Deruga saß behaglich zurückgelehnt und gab Antwort auf

die Fragen Gabussis, den die stattlichen Plätze und Gebäude entzückten.

In einer stillen Straße, in die der Kutscher, dessen Gutdünken sie die

Führung überließen, einlenkte, erkannte Deruga plötzlich ein

schmiedeeisernes Tor. Der gepflasterte Weg, der an den Häusern entlang

führte, lag verlassen, und das Fliedergebüsch war noch unbelaubt, nur

eine Weide spannte keimende Zweige in einem feinen Strahlenbogen

hinüber.

»Was ist dir?« fragte Gabussi, seinen Arm in den des Freundes schiebend,

der sich aufgerichtet hatte.

»Wir fuhren eben an dem Hause vorüber, wo die arme Marmotte wohnte,«

sagte Deruga.

Gabussi schwieg. Erst nach einer langen Pause sagte er: »Du warst doch

einmal glücklich, Dodo.«

»Nein, damals nicht,« erwiderte dieser. »Mein Gemüt war zu ruhelos, mein

Herz zu empfindlich und mein Verstand zu scharf. Ich glaube, ich müßte

ein Gott sein, um mit meinen Gaben glücklich zu sein.«

»Es ist doch aber auch schön, so begabt zu sein, wie du bist,« sagte

Gabussi. »Weißt du noch, wie oft unser Religionslehrer zu dir sagte:

'Sigismondo, Verstand hast du, Verstand genug. Aber der Verstand ist ein

höllisches Feuer, die Vernunft ist ein göttliches Licht. Und Vernunft

hat mancher alte Besenbinder mehr als du.'«

Deruga lachte. »Ja, auf den Verstand war er schlecht zu sprechen,« sagte

er. »Und weißt du, wie er dich vor mir warnte und prophezeite, es würde

ein Freimaurer und Atheist aus mir werden, wenn ich nicht etwa gar ein

Heiliger würde.«

Der Wagen hatte inzwischen die städtischen Anlagen erreicht, und sie

sahen einen schnellen, starken Fluß unter den dicken Stämmen alter

Weiden und Pappeln durch weite Wiesen fließen. Eine schwere Erinnerung

aus naher Vergangenheit vermischte sich in Deruga wunderbar mit den

Erinnerungen der Kindheit und stimmte ihn weich und träumerisch.

»Damals, als wir Buben waren,« sagte Gabussi, »da warst du doch

glücklich.«

»Wenn ich nicht tief unter dem Glück immer gefühlt hätte, wie häßlich,

armselig, falsch und ungerecht alles um mich her war,« sagte Deruga.

»Du, der einen solchen Engel zur Mutter hatte!« rief Gabussi aus. »Und

weißt du, wie gern du bei uns warst, und wie du stillhieltest, wenn

meine Mutter dich auf die Stirn küßte und 'kleiner Fremdling' nannte?

Und wie wir unter dem Dache saßen und unsere Aufgaben lernten und uns

vor jedem Schatten fürchteten?«

Als die Freunde von der Fahrt zurückkehrten, war eine wohlige

Zufriedenheit über Deruga gekommen.

»Wenn diese dumme Geschichte vorbei ist,« sagte er zu Gabussi, »werde

ich ein neues Leben anfangen. Was meinst du, wenn ich zu dir in die

Berge käme?«

»Aber, Dodo,« sagte Gabussi außer sich vor Freude, »das wäre ein

Paradies für mich. Und wie würden meine Mutter und meine Schwester sich

freuen! Und meine Lisa für mich! Das größte Glück für meine Lisa ist,

wenn mir etwas Glückliches begegnet. Zu denken, daß du mich zuzeiten auf

meinen Gängen begleitest und wir plaudern und schwatzen und Erinnerungen

austauschen wie heute!«

Sie wurden durch ein feines Klopfen unterbrochen, das schon einige Male

ungehört in das laute Gespräch geklungen hatte. Als Gabussi zur Tür ging

und öffnete, sah er ein kleines, zierliches, blondhaariges Mädchen mit

großen, dunkelbraunen Augen, die ihn ängstlich, doch mit Feuer, ansahen.

»Ich wünsche Herrn =Dr.= Deruga zu sprechen,« sagte eine helle, von

der Erregung etwas gedämpfte und zitternde Stimme. »Sind Sie es?«

Gabussi schüttelte den Kopf und wies auf seinen Freund, indem er ihn

zugleich mit den Augen fragte, ob er gehen solle.

»Nein, bleibe,« bat Deruga, die Hand auf seinen Arm legend; und er

fragte das Fräulein, mit wem er die Ehre habe zu sprechen.

»Ich bin Mingo von Truschkowitz,« sagte die kleine Dame, »und komme, um

Ihnen zu sagen, daß es mir sehr leid tut, daß meine Mutter den Prozeß

gegen Sie angefangen hat, und daß ich nichts, gar nichts damit zu tun

habe. Da meine Tante Ihnen das Vermögen vermacht hat, kommt es Ihnen zu.

Überhaupt hat meine Mutter nicht das mindeste Recht darauf, da sie sich

nie um Frau Swieter bekümmert hat.«

»Armes Kind,« sagte Deruga, »es muß Ihnen schwer geworden sein, so

allein zu mir zu kommen. So alt wie Sie würde meine kleine Mingo jetzt

auch sein,« setzte er nach einer Pause hinzu, während welcher seine

Augen liebevoll auf ihr geruht hatten.

»Dasselbe,« sagte Mingo und zögerte einen Augenblick, »sagte Ihre

verstorbene Frau, als sie mich sah.«

»Haben Sie meine Frau einmal besucht?« fragte Deruga. »Wann war es?

Erzählen Sie mir davon.«

»Es war vor acht Jahren,« berichtete Mingo. »Ich besuchte sie, weil ich

so vieles von ihr gehört hatte, was mich anzog. Bei uns fand ich alles

herkömmlich und alltäglich und unbedeutend. Ich liebte mir vorzustellen,

daß irgendein Zusammenhang zwischen mir und ihr bestünde, weil ich so

heiße wie sie. Sie gefiel mir so gut, sie war mir wie ein

geheimnisvolles Märchen; aber sie sagte, ich solle nicht wiederkommen,

wenn es ohne Wissen meiner Eltern geschehen mußte. Vielleicht hatte mein

Besuch sie auch traurig gemacht, weil ich sie an ihr verlorenes Kind

erinnerte.«

»So lebt doch wenigstens ein kleiner Mingo,« sagte Deruga warm. »Nach

Ihrer Meinung,« fragte er nach einer Pause, »bin ich also mit Unrecht

angeklagt?«

»Nach dem, was Ihre Frau mir damals von Ihnen erzählte,« sagte sie mit

Nachdruck, »bin ich überzeugt, daß Sie ihr absichtlich nie etwas zuleide

getan haben.«

»Ich habe ihr viel zuleide getan,« sagte Deruga, »aber aus Liebe.«

»Das zählt nicht,« sagte Mingo entschieden und fuhr zögernd fort: »Ihre

Frau zeigte mir auch ein Bild von Ihnen.«

»Es scheint aber nicht, daß es ähnlich war,« sagte Deruga lachend, »oder

ich habe mich seitdem sehr verändert.«

»Nicht so sehr, wie es mir zuerst schien,« sagte sie.

Gabussi beteuerte, daß sein Freund sich nur zu seinem Vorteil verändert

habe, und forderte das kleine Fräulein dringend auf, dies Urteil zu

bestätigen.

»Das weiß ich nicht,« sagte sie, tief errötend, »aber wie ein alter Mann

sieht Herr Deruga nicht aus.«

»Ihnen gegenüber bin ich sehr alt und weise,« sagte Deruga gütig, »und

vermöge dieser Weisheit gebe ich Ihnen den Rat: Entzweien Sie sich

meinetwegen nicht mit Ihrer Mutter, wenn sie mir auch unrecht tut! Ein

Kind schuldet seiner Mutter zu viel, um ihr jemals zum Gläubiger werden

zu können. Sprechen Sie es aus, wenn Sie anderer Meinung als sie sind,

aber nicht ohne den Ton zärtlicher Liebe! Versprechen Sie mir das?«

Er streckte ihr die Hand hin, in die Mingo völlig überwunden ihre kleine

legte.

Carlo Gabussi umarmte, als das Fräulein gegangen war, seinen Freund mit

Begeisterung, lobte die Kleine und erkundigte sich nach der Mutter, die

eine Teufelin sein müsse.

»Wenn sie das noch wäre,« sagte Deruga. »Sie ist nur eine glatte, hohle,

genußsüchtige Frau, zu oberflächlich selbst, um lasterhaft zu sein. Ein

Bild unserer Gesellschaft, wo die großen Räuber geehrt und die kleinen

gehangen werden. Äußerlich ist sie nicht unangenehm.«

»Und warum haßt sie dich so?« fragte Gabussi.

»Weil ich das Geld bekommen habe, worüber sie bereits zu ihren Gunsten

verfügt hatte,« sagte Deruga. »Übrigens scheine ich ihr gar nicht zu

mißfallen.«

»Wie meinst du das?« fragte Gabussi. »Hast du denn mit ihr gesprochen?«

»Bis jetzt nur durch die Augen,« sagte Deruga. »Aber ich verstehe mich

ja gut auf Weiber. Wenn ich darauf einginge, wäre sie sehr geneigt,

eine Liebelei mit mir anzufangen.«

»Aber, Dodo,« rief Gabussi entrüstet aus, »das ist ja eine abscheuliche

Entartung! Mit einem Manne kokettieren, den man ins Zuchthaus oder etwa

gar auf das Schafott zu bringen im Begriffe ist. Ich verstehe solche

Sachen nicht. Könnte ich dich nur aus den Weibergeschichten

herauswickeln, die die letzte Ursache deines Unglücks sind! Du solltest

wieder heiraten, eine einfache, brave, liebe Frau, und dann zu mir

hinauf in die Berge kommen. Was hast du von dieser heillosen

Schlamperei? Luft, Licht, Sauberkeit, das sind die wichtigsten

Verordnungen der modernen Gesundheitslehre.«

»Für gesunde Seelen ausgezeichnet,« sagte Deruga. »Aber Kranke brauchen

warmen Dreck und mollige Fäulnis.«

»Unsinn,« sagte Gabussi in großer Erregung, »der Satz ist Unsinn, und

die Voraussetzung, daß du krank bist, auch. Du bist nur bequem und zu

gutmütig. Versprich mir, daß du nichts Neues anzettelst! Auch nicht aus

Mitleid. Schließlich geraten die Frauen durch die Liebe nur noch tiefer

in den Sumpf. Und versprich mir, sollte diese Baronin wirklich mit dir

kokettieren wollen, daß du ihr die verdiente Abfertigung zuteil werden

läßt!«

Deruga wollte sich ausschütten vor Lachen über seinen Freund, der, mit

den langen Armen gestikulierend, wie ein Bußprediger vor ihm stand. »Ich

habe höchstens Lust,« sagte er endlich, als er wieder sprechen konnte,

»sie noch mehr zu reizen, um sie hernach desto empfindlicher kränken und

beschämen zu können. Ich verabscheue diese Person.«

»Ach, Dodo!« seufzte Gabussi, »das ist schlüpfrig und gefährlich. Laß

sie doch gehen, wenn du sie verabscheust! Tu es um der entzückenden

Kleinen willen, wenn du es nicht aus Selbstachtung tust!«

In Derugas Gesicht kam ein weicher Ausdruck. »Kleine Mingo,« sagte er.

»Ihr möchte ich wirklich nichts zuleide tun.«

»Siehst du,« sagte Gabussi eifrig. »Es war ein Unglück, daß du deine

Tochter verlieren mußtest. An ihrer Hand wärest du gewiß nur reine,

schöne Wege gegangen.«

»Oder ich hätte sie mit mir in den Schlamm gezogen,« sagte Deruga,

plötzlich verdüstert.

»Mensch, führe nicht so verzweifelte Reden!« schalt Gabussi, »sonst

könnte sogar ich an dir irre werden.«

Deruga umarmte und küßte seinen Freund. »Immer der alte,« lachte er.

»Hast du vergessen, daß man mich nicht so ernst nehmen muß? Ich bin kein

am Spalier gezogener Pfirsich. Man kann meine Worte nicht so ohne

weiteres genießen, es muß erst etwas Schmutz herausgekocht und

abgeschäumt werden. Hast du das vergessen?«

Auch Gabussi lachte nun. »Du hast recht, ich bin ein schwerfälliger

Dummkopf,« sagte er. »Es ist kein Wunder, wenn dich in deiner

unglücklichen Lage manchmal tolle Launen überkommen. Der muß vor allen

Dingen ein Ende gemacht werden.«

Der Justizrat, den er befragte, sprach sich ziemlich hoffnungsvoll aus.

Deruga habe zwar nicht durchaus einen guten Eindruck gemacht, und es

bleibe zu vieles im Dunkeln, als daß jeder Verdacht aufgehoben würde,

aber die vorhandenen Indizien genügten seiner Ansicht nach durchaus

nicht, daß gewissenhafte Geschworene daraufhin ein Schuldig aussprechen

könnten. Gabussis freundschaftliche Gefühle waren davon nicht

befriedigt; er bestand darauf, als Zeuge aufzutreten, damit die Menschen

Deruga mit seinen Augen, das heißt, wie er wirklich wäre, sähen und ihn

freisprächen, nicht, weil er nicht überführt werden könnte, sondern von

seiner Schuldlosigkeit überzeugt.

»Sie sind mit Vorurteilen an dich herangetreten,« sagte er. »Sie haben

nur einen Ausschnitt von dir kennengelernt. Könnte man ein Gemälde

richtig beurteilen, wenn man nur ein millimetergroßes Stückchen davon

betrachtet? Ich will ihnen von deiner Kindheit und deinen Jugendjahren

erzählen, so wie du bist, ohne Übertreibung und künstliche Beleuchtung.

Das ist eine induktive Methode, die den wissenschaftlichen Deutschen

zusagen muß.«

* * * * *

Gabussis Erscheinung machte einen günstigen Eindruck. Man fand, daß

seine ehrlichen braunen Augen, sein schlichtes Auftreten und freimütiges

Reden eines Deutschen würdig wären. Da er ein paar Semester in Wien

studiert hatte, sprach er ziemlich gut Deutsch, wenn er langsam und

vorsichtig vorging. Er sei, erzählte er, mit dem Angeklagten seit früher

Kindheit bekannt, sie hätten dieselbe Schule und später dasselbe

Gymnasium besucht. Dodo, wie er genannt wurde, sei in seinem, Gabussis,

elterlichen Hause gern gesehen worden. Man habe bewundert, wie viel er

geleistet, unter wie schwierigen Verhältnissen er sich durchgearbeitet

habe.

»Worin bestanden die schwierigen Verhältnisse?« fragte der Vorsitzende.

»Seine Familienverhältnisse waren ungünstig,« erklärte Gabussi. »Er

wurde zu Hause viel beschäftigt, so daß er oft die Nacht zu Hilfe nehmen

mußte, um mit den Schularbeiten fertig zu werden.«

»Wie kam das?« fragte der Vorsitzende, »was war sein Vater?«

»Sein Vater war damals Obstverkäufer,« antwortete Gabussi. »Er hatte

ein kleines Gewölbe hinter dem alten Rathause.«

»So,« sagte der Vorsitzende, in den Akten blätternd. »Nach Derugas

Angabe war sein Vater Kaufmann.«

»Nun ja,« sagte Gabussi, »ein Obstverkäufer ist doch ein Kaufmann.«

»Übrigens,« setzte er hinzu, indem er einen beunruhigten Blick auf

seinen Freund warf, »hat er nicht immer dieselbe Beschäftigung gehabt.

Er war ein guter, aber ruheloser Mann.«

Der Vorsitzende bat den Zeugen, Derugas Vater etwas ausführlicher zu

charakterisieren.

Er habe ihn zu wenig gesehen und gesprochen, um ein maßgebendes Urteil

fällen zu können, sagte Gabussi. Wenn er dagewesen wäre, habe er meist

schwermütig und ohne Anteil zu nehmen in einem Winkel gesessen, nur

selten einmal sei er mutwillig gewesen und habe dann laut gelacht und

gescherzt.

»Er war also nicht immer da?« sagte =Dr.= Zeunemann.

»Nein,« sagte Gabussi, »er bekam zuweilen einen Anfall, der ihn zwang,

die Familie zu verlassen und sich irgendwo herumzutreiben. Er blieb dann

oft wochenlang, ja monatelang aus.«

»Trank er?« fragte der Vorsitzende.

»O nicht besonders viel,« sagte Gabussi; »er war nur sehr eigentümlich.

Er bekam von Zeit zu Zeit eine unwiderstehliche Sehnsucht, etwas zu

erleben, einen Drang nach Abenteuern. Für das Familienleben war er nicht

geschaffen, und das war für seine Frau und seine Kinder ein Unglück.

Glücklicherweise war seine Frau ein Engel, einfach ein Engel, und Dodo,

der älteste Sohn, nicht weniger. Er war ihr Ebenbild innen und außen.«

»Es waren also noch mehr Geschwister da?« schaltete der Vorsitzende ein.

»Was ist aus ihnen geworden?«

»O nichts besonders Gutes,« sagte Gabussi zögernd. »Sie haben des Vaters

unglückliche Sucht nach Abenteuern geerbt.«

»Und der Älteste hatte nichts davon?« fragte =Dr.= Zeunemann.

»Im Gegenteil,« sagte Gabussi mit Feuer. »Er war schon als Kind die

Stütze seiner Mutter. Er pflegte die kleinen Geschwister, er half in der

Küche, im Hause und im Geschäft, und sang dazu wie eine Lerche. Auch

seine Mutter war stets heiter und von Dank gegen Gott erfüllt, daß er

ihr einen solchen Sohn gegeben hatte. 'Den holdseligsten seiner Engel

hat er mir geschickt,' pflegte sie zu sagen, 'so daß ich schon auf Erden

in der himmlischen Seligkeit bin.' Verursachte es ihr Kummer, daß er so

angestrengt arbeiten mußte, tröstete sie sich dadurch, daß Gott seinem

Liebling die Kraft geben werde. Während er nachts seine Schularbeiten

machte oder später den Studien oblag, saß sie neben ihm und nähte oder

flickte. So lebten sie in Wahrheit im Paradies, solange der Vater fort

war.«

»Mißhandelte er Frau und Kinder?« fragte der Vorsitzende.

»Darüber kann ich nicht viel sagen,« antwortete Gabussi, indem er wieder

einen beunruhigten Blick nach seinem Freunde warf, »denn weder Dodo noch

seine Mutter äußerten sich darüber. Nach ihrem Tode gab es allerdings

zuweilen Auftritte zwischen Vater und Sohn; denn die Arme hatte ihn

stets etwas in Schranken gehalten.«

»Geschäft und Haushalt kamen vermutlich herunter?« fragte der

Vorsitzende.

»Mein Freund tat, was möglich war,« erzählte Gabussi. »Er war Vater und

Mutter für seine unerwachsenen Geschwister, obwohl er damals selbst ein

zarter Jüngling war. Er fuhr sogar zuweilen abends, wenn es dunkelte,

Waren auf seinem Karren in die Häuser. Der Vater wurde allerdings mehr

und mehr unzurechnungsfähig. Namentlich reizte er selbst die jüngeren

Kinder zu Unarten und bösen Streichen. Er würde unermeßliches Unheil

angerichtet haben, wenn er sich nicht vor Dodo gefürchtet hätte.«

»War er hinfällig und gebrechlich geworden?« fragte der Vorsitzende.

»Durchaus nicht,« sagte Gabussi lebhaft, »er war ein großer, muskulöser

Mann, viel stärker als Dodo. Aber im Zorne schienen sich Dodos Kräfte

zu verhundertfachen. Seine arme Mutter würde gesagt haben, daß Gott ihn

mit seinem Atem erfüllte, um seinen Liebling zu schützen. Ich habe

seinen Vater vor ihm davonschleichen sehen wie einen Hund, der weiß, daß

er Prügel verdient.«

Langsam richtete sich der Justizrat zu seiner vollen Höhe auf. »Meine

Herren,« sagte er, »ich glaube zu wissen, was viele von Ihnen jetzt

denken: Da sehen wir wieder das unbezähmbare, gefährliche Temperament

dieses Menschen! Wer sich an seinem Vater vergreift, warum sollte der

sich nicht an seiner Frau vergreifen -- und so weiter. Ich, meine Herren,

habe im Gegenteil gedacht: Wieder bricht diese beinahe krankhafte

Heftigkeit hervor, wenn es sich darum handelt, Böses zu verhüten oder zu

bestrafen. Wir haben in Deruga einen ungewöhnlich reizbaren Menschen,

aber was ihn reizt, ist das Schlechte, Häßliche, Unharmonische. Daß er

sich aus selbstsüchtigen Gründen an jemandem vergriffen oder jemandem

unrecht getan habe, dafür liegt bis jetzt kein Beispiel vor.«

»Eifersucht ist denn doch wohl Selbstsucht,« entgegnete der

Staatsanwalt, »besonders wenn keine Ursache dazu gegeben wird. Auch geht

es nicht an, besonders bei Menschen, die krankhaft veranlagt sind, oder,

richtiger ausgedrückt, die sich nicht im Gleichgewicht befinden, das

reifere und höhere Alter der Kindheit und Jugend gleichzustellen. Wir

sehen bei dem Vater des Angeklagten, wie seine verhängnisvollen Anlagen

mit dem Alter mehr hervortreten, und wie verderblich ihm das Wegfallen

der Hemmung wurde, die die Gegenwart seiner frommen Frau für ihn

bedeutete. Etwas Ähnliches liegt bei dem Angeklagten vor: Mit der

Trennung von seiner durchaus anständigen, guten Frau beginnt sein Fall.«

»Sein Fall!« sagte der Justizrat gelassen, »da muß ich protestieren,

oder den Ausdruck dahin präzisieren, daß es sich um ein Abweichen von

der herkömmlichen, ausgetretenen Laufbahn handelt. Es ist allerdings bei

Deruga eine gewisse Vernachlässigung der äußeren Stellung, äußerer

Würden, äußerer Ehren eingetreten. Damit braucht aber der Verfall des

sittlichen Menschen nicht Hand in Hand zu gehen. Es kann sogar eine

größere Verinnerlichung damit zusammenhängen. Als Staatsangehöriger bin

ich allerdings für die bürgerliche Ordnung. Wir dürfen aber doch nicht

vergessen, daß auch der Staat und jede von Menschen geschaffene Form von

Kräften lebt, die ihm von außen, sagen wir meinetwegen aus dem Chaos,

zuströmen.«

Der Fall Deruga · 第 9 / 16 段