aufgetragen, den Maßkrug wieder in die Wirtschaft zu tragen, und sah ihm
nach, wie er über die Straße ging, da rief mich einer von rückwärts an
und fragte nach der nächsten Haltestelle für Autodroschken. Der war so
in Eile, daß er kaum abwartete, bis ich ihm ordentlich Bescheid gegeben
hatte, und gab mir einen Puff in die Seite, als er an mir vorbeilief.
Gleich darauf rief mich meine Frau, weil das Leitungsrohr in der Pension
im zweiten Hause wieder einmal verstopft war -- da stecken sie nämlich
immer ihre Knochen und ausgekämmten Haare hinein, als ob der Ausguß die
Drecktonne wäre -- na, und als ich da nachgesehen hatte und wieder in den
Garten kam, sah ich gerade den Doktor ins dritte Haus hineingehen wegen
der Frau Swieter, die unterdessen gestorben war.«
»Was für einen Eindruck machte der Herr auf Sie?« fragte der
Vorsitzende, »der in so großer Eile war?«
»Das weiß ich noch,« sagte der Hausmeister, »daß er einen langen,
breiten Mantel trug. Denn ich dachte bei mir, in der jetzigen Mode
tragen die Weiber Männerröcke und die Männer Weiberzeug. Von hinten hat
er wie ein eingemummtes Frauenzimmer ausgesehen. Sonst ist es aber ein
feiner Herr gewesen.«
Der Staatsanwalt bat, noch einmal auf den Mann mit der Zigarette
zurückkommen zu dürfen. Er wünsche zu wissen, ob er reines Deutsch oder
wie ein Ausländer gesprochen habe.
»Ja, wissen Sie«, sagte der Hausmeister, »geradeso wie unsereiner reden
ja die wenigsten. Ich habe schon oft gedacht, was redet der für ein
Kauderwelsch daher? und nachher war es doch ein Deutscher und nichts
weiter. 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?'« Er wiederholte sich den Satz,
wie um durch die Worte an Klang und Tonfall erinnert zu werden. »Eigen
hat es ja geklungen, aber ganz lieb, ganz spaßig, und gutes Deutsch ist
es doch auch gewesen. Der mit dem Auto dagegen, der hat so geschnauft,
daß ich ihn kaum verstehen konnte, und mich hat er, glaub' ich, auch
nicht gut verstanden, wenigstens lief er zuerst nach der falschen Seite,
obwohl ich es ihm klar auseinandergesetzt hatte. Es kann aber natürlich
auch wegen der großen Eile gewesen sein.«
»Dieser Herr,« sagte der Vorsitzende, »ist wahrscheinlich derselbe, der
in der Pension nach Zimmern fragte und abschlägig beschieden werden
mußte. Es ist keine Spur von ihm aufzutreiben gewesen, und wir nehmen
an, daß er sich nur vorübergehend hier aufgehalten hat.«
* * * * *
Beim Schluß dieser Sitzung waren alle Beteiligten mit Ausnahme von
Deruga abgespannt, gereizt und aufgeregt. Herrn von Wydenbrucks Gedanken
weilten bei dem Traume der verstorbenen Frau, den Ursula geschildert
hatte, und er sprach sich darüber gegen =Dr.= Bernburger aus, als
er neben ihm durch die breiten Gänge des Justizgebäudes ging.
»Das Kind,« sagte er, »das sie besuchte, war natürlich ein Bild für den
Vater, das Schaukeln deutet auf sinnliche Regungen. Es ist zweifellos,
daß sie ihn erwartete.«
=Dr.= Bernburger, der sehr blaß aussah, hatte sich eben eine
Zigarre angezündet und begann sich etwas zu erholen.
»Das ist wahr,« sagte er hastig. »Die Schlüsse von zwei
entgegengesetzten Richtungen treffen sich wie die Bohrer in einem
Tunnel. Er hatte sie um Geld gebeten, das hatte ihre Erinnerungen
belebt. Sie erwartete ihn in einer verliebten oder sentimentalen
Stimmung. Er kam in der Verkleidung eines Hausierers, der hölzerne
Löffel verkauft. Entweder ließ ihn die ins Geheimnis gezogene Ursula
ein, oder er wußte ihre Aufmerksamkeit zu hintergehen, oder Frau Swieter
selbst öffnete ihm. Wäre mir das Ergebnis der Voruntersuchung bekannt
und hätte ich Fragen stellen können, so hätte ich den Tatbestand auf
der Stelle herausgebracht. Ich lag auf der Folter, während dieser
schwerfällige Apparat arbeitete.« =Dr.= Bernburger trocknete seine
Hand mit dem Taschentuch ab, wobei seine dünnen Finger zitterten.
»Sie glauben also,« fragte =Dr.= von Wydenbruck, »daß der Wunsch
des Wiedersehens von Deruga ausging und seinen Grund in der Geldsorge
hatte?«
»Das halte ich für wahrscheinlich,« sagte =Dr.= Bernburger.
»Jedenfalls hat der Slowak sie getötet, und der Slowak war Deruga.«
»Meiner Ansicht nach,« sagte =Dr.= von Wydenbruck, »lag die
magnetische Anziehung zugrunde, die Hysterische verhängnisvoll
zueinander zieht. Wie sich auch der Wunsch eingekleidet haben mag, dies
muß der Kern gewesen sein.«
»Ob es möglich wäre, daß die weggeworfene Zigarette noch in dem Gebüsche
läge?« sagte Bernburger, seine Gedanken verfolgend. »Aber wieviel Schnee
und Regen ist schon darauf gefallen.«
»Warum könnte es nicht auch der mit dem Auto gewesen sein?« wandte
=Dr.= von Wydenbruck ein.
»Er zeigte unbefangen, daß er es eilig hatte. Der andere verlangte
Feuer, um unbefangen zu erscheinen, und warf die Zigarette gleich darauf
fort, weil er gar nicht rauchen wollte. Übrigens haben Raucher meistens
auch Zündhölzer bei sich. Außerdem fühlte ich es, sowie das Mädchen den
Slowaken anführte. Ich sah es wie mit dem zweiten Gesicht.«
Herr von Wydenbruck betrachtete seinen Freund mit einem neuen Interesse
von der Seite. »Das wäre allerdings ausschlaggebend,« sagte er und
erkundigte sich, ob sein Freund schon öfter solche Erscheinungen an sich
beobachtet hätte.
In demselben Gange, den die beiden eben durchschritten, stand Deruga mit
dem Justizrat Fein in einer Fensternische im Gespräch, beiläufig die
Vorübergehenden beobachtend.
»Wenn ich der Präsident wäre,« sagte Deruga, »würde ich einen geladenen
Revolver mit in die Sitzung nehmen und den Zeugen vors Gesicht halten,
und wenn sie sich dann noch nicht entschlössen, vernünftig zu antworten,
schösse ich sie nieder. Der Mann hat eine unbegreifliche Geduld.«
In diesem Augenblick sah er =Dr.= Bernburger mit seinem Begleiter
herankommen, nahm rasch eine Zigarette aus seinem Etui, trat ein paar
Schritte vor und sagte zu =Dr.= Bernburger: »Haben Sie Feuer, Euer
Gnaden?« Dann, nachdem er seine Zigarette angezündet hatte, stellte er
sich wieder neben den Justizrat, indem er ihm aus ernstem Gesicht
zublinzelte.
=Dr.= Bernburger war vor Erregung bleich geworden, während er
Deruga schweigend die brennende Zigarre hinhielt. Es ist klar, dachte
er, daß er sich über mich lustig macht. Über wieviel Scharfblick,
Geistesgegenwart, Frechheit und Kaltblütigkeit verfügt dieser Mensch; es
ist ihm alles zuzutrauen. Allerdings, wenn er nicht schuldig wäre,
zeugte sein Benehmen nur von der Sicherheit des Unbeteiligten. Aber die
seine war die Sicherheit des gewiegten zynischen Täters; es war die
Herausforderung eines geistvollen Verbrechers, der sich für
unüberführbar hält.
=Dr.= Bernburger war zu erregt und zu vertieft, um seine Gedanken
laut zu äußern, er ging hastig, seinem Freund um einige Schritte voraus.
»Er hat Ihre Gedanken erraten,« sagte dieser. »Das ist wieder ein
Symptom von Hysterie, ebenso wie die Kaltblütigkeit. Man wird doch
zuletzt einsehen müssen, daß es sich um etwas Krankhaftes, um eine Art
Lustmord handelt.«
»Aber die Frau, die er tötete, war zweiundfünfzig Jahre alt,« sagte
=Dr.= Bernburger ärgerlich.
»Das ist eben die Perversität,« sagte =Dr.= von Wydenbruck.
»Vielleicht verschmolz sie ihm auch dadurch mit dem Erinnerungsbild
seiner Mutter, wodurch der aus Leidenschaft und Vernichtungslust
zusammengesetzte Hang verhängnisvoll verstärkt wurde.«
Unterdessen machte der Justizrat seinem Klienten Vorwürfe. »Sie sind
wirklich ein Topf voll Mäuse,« sagte er. »Ich müßte Ihnen ein Schloß
vor den Mund hängen. Was war nun das wieder für eine Eruption?«
»Ach,« sagte Deruga, »warum sollte ich den beiden jungen Haifischen
nicht einen Knochen zwischen die schiefen Zähne werfen? Sahen Sie nicht,
wie ihm die Augen aus dem Kopfe quollen vor Gier? Es tut mir nur leid,
daß ich nicht zusehen kann, wie sie ihn abnagen.«
»Mit Haifischen ist nicht zu spaßen,« sagte der Justizrat, »und obwohl
Sie ein nichtsnutziger Italiener sind, möchte ich doch nicht gerade, daß
er Sie zwischen die Zähne bekäme.«
=VII.=
Die Baronin hatte kaum am Arme ihres Mannes den Saal verlassen, als ein
Gerichtsdiener ihr in den Weg trat und sie im Namen des
Oberlandesgerichtsrats Zeunemann bat, ihn zu einer kurzen Unterredung in
seinem Zimmer aufzusuchen. Er sei bereit, setzte der Gerichtsdiener
hinzu, sie sofort hinzuführen.
»Du begleitest mich doch,« sagte sie, zu ihrem Manne hingewendet, der
sich willig anschloß. Er müsse zwar gestehen, sagte er, daß er Hunger
habe; aber die Herren vom Gericht wären sicher im gleichen Fall, und so
würde es nicht lange dauern.
Der Oberlandesgerichtsrat, sagte sie in französischer Sprache, wäre ein
ganz angenehmer Mann, etwas kleinbürgerlich eitel, aber gefällig und im
Grunde, glaubte sie, ganz auf ihrer Seite.
=Dr.= Zeunemann hatte sich bereits umgekleidet und knabberte an
einem Stückchen Schokolade zur Stärkung. »Ich würde die Herrschaften
nicht in diesem Augenblick zurückgehalten haben,« sagte er, ihnen Stühle
anbietend, »wenn es nicht in ihrem eigenen Interesse wäre; mein Wunsch
ist, Ihnen einen Schreck oder eine unangenehme Überraschung, wenn nicht
ganz zu ersparen, so doch zu mildern.«
»Einen Schreck, Herr Oberlandesgerichtsrat,« rief die Baronin aus,
»jetzt, wo meine Nerven durch den gräßlichen Prozeß ohnehin erregt sind!
Nein, so grausam können Sie nicht sein!«
»Ich hoffe, das Unangenehme dadurch abzuschwächen,« sagte =Dr.=
Zeunemann, »daß ich Sie persönlich vorbereite. Ich erhielt heute früh
einen Brief Ihres Fräuleins Tochter, in dem sie schreibt, sie habe aus
der Zeitung von dem Prozeß erfahren. Sie sei außer sich, protestiere
dagegen und verlange, daß ihr Protest veröffentlicht werde.«
»Aber das werden Sie doch nicht tun, Herr Oberlandesgerichtsrat,« rief
die Baronin, der das Blut ins Gesicht stieg. »Sie mag unter der Hand
protestieren, so viel sie will, aber das geht doch die Öffentlichkeit
nichts an. Als ob der Prozeß nicht schon Skandal genug wäre!«
»Vielleicht ist Ihr Fräulein Tochter aus dem Grunde dagegen gewesen,«
meinte =Dr.= Zeunemann, »daß Sie sich damit befassen?«
»Aber, lieber Oberlandesgerichtsrat,« sagte die Baronin, »Sie werden
nicht erwarten, daß ich auf die törichten Einwände eines jungen
Mädchens, eines Kindes, achte, wenn es sich um so wichtige Entschlüsse
handelt. Würden Sie das tun?«
»Jedenfalls,« sagte =Dr.= Zeunemann, »würde ich an Ihrer Stelle
jetzt zu verhindern suchen, daß Ihr Fräulein Tochter irgend etwas in
Szene setzt. Sie scheint in großer Entrüstung und Erregung zu sein, und
zwar zum Teil deshalb, weil Sie, gnädige Frau, den Prozeß in ihrem
Interesse angeregt zu haben behaupten.«
»O, die Undankbarkeit der Kinder,« seufzte die Baronin. »Hätte ich all
dies Entsetzliche und Skandalöse auf mich genommen, wenn ich es nicht
für meine Pflicht gehalten hätte, meiner Tochter die materiellen
Vorteile zu erkämpfen, die ihr gebühren? Warum sagst du gar nichts,
Botho?« wendete sie sich an ihren Mann. »Ich hoffe, du wirst deine
Autorität gegen Mingo in Anwendung bringen.«
»Ich werde versuchen, sie von auffallenden Schritten zurückzuhalten,«
sagte der Baron. »Übrigens weißt du ja, liebes Kind, daß Mingo nicht
leicht zu beeinflussen ist.«
»Sehr leicht sogar,« entgegnete die Baronin, ihre Nasenflügel dehnend,
»man muß nur verstehen, ihr zu imponieren.«
»Dazu ist sie wohl zu sehr an uns gewöhnt,« entgegnete der Baron ruhig,
»und zu sehr von uns verwöhnt.«
»Von dir!« berichtigte seine Frau. »Gottlob, daß sie zu weit entfernt
ist, um uns wesentliche Unannehmlichkeiten zu bereiten.«
»Der Brief, den ich heute erhielt,« sagte =Dr.= Zeunemann, »trägt
den Poststempel Ostende.«
»Ostende!« rief die Baronin, indem sie von ihrem Stuhl aufstand. »Sie
ist aus England abgereist, ohne uns um Erlaubnis zu fragen! Das darfst
du nicht hingehen lassen, Botho!«
»Sie hat die Absicht hierherzukommen,« fuhr =Dr.= Zeunemann fort.
»Ich danke Ihnen, Herr Oberlandesgerichtsrat,« sagte der Baron, sich
gleichfalls erhebend, »daß Sie uns in so rücksichtsvoller Weise gewarnt
haben. Wir wollen Ihre kostbare Zeit nicht eine Minute länger in
Anspruch nehmen!«
Auch die Baronin bedankte sich mit liebenswürdigen Worten und knüpfte
die Bitte daran, von den barocken Einfällen ihrer Tochter nichts bekannt
werden zu lassen.
In dem großen Vorsaal zu ebener Erde drängte sich das Publikum noch, so
daß das Ehepaar nicht so schnell vorwärts kommen konnte, wie es
wünschte.
Halb ärgerlich auf ihren Mann, der ihr nicht so oder so die Bahn frei
machte, halb beleidigt durch die Menschen, die nicht von selbst vor ihr
zurückwichen, stand die Baronin still, als plötzlich etwas sie bewog,
den Blick zur Seite zu wenden, und sie ganz in ihrer Nähe das Gesicht
eines Mannes sah, der sie, wie es ihr schien, mit zudringlichem Spott
betrachtete. Indem sie sich zornig abwendete,[TN1] sah sie eine
auffallende Nadel in seiner Krawatte, und es wurde ihr mit einem Male
klar, daß der Mann Deruga war.
Ein Gefühl von Schwäche und Übelkeit überkam sie. »Warum gehen wir nicht
weiter?« sagte sie heftig zu ihrem Manne, ihn am Arm vorwärts drängend.
Er bemerkte ihre Gereiztheit, verdoppelte seine Anstrengungen, sich
einen Weg durch die Menge zu bahnen, und brachte sie in wenigen Minuten
an das wartende Auto. Mit dem Ausdruck äußerster Erschöpfung warf sie
sich in die Ecke des Rücksitzes.
»Hast du Deruga gesehen,« sagte sie zu ihrem Manne, der besorgt nach
ihrem Befinden fragte, »und wie frech er mich anstarrte? Es ist
unbegreiflich, daß man diesen Menschen frei herumgehen läßt. So
schrecklich hatte ich ihn mir nicht vorgestellt.«
»Du hast ihn doch heute nicht zum erstenmal gesehen!« sagte der Baron
verwundert.
»Ich erkenne niemand ohne Glas,« sagte sie gereizt, »das weißt du doch.
Ich weiß nicht, wie ich mich von diesem Eindruck erholen soll. Ist es
nicht unerhört, daß ich schutzlos der Rache dieses Mannes ausgesetzt
bin? Ich werde mich keinen Augenblick mehr meines Lebens sicher fühlen.«
Was das anbelangt, meinte der Baron, könne sie ruhig sein; ein
Angeklagter oder Verdächtiger sei immer vorsichtig.
»Und gewisse Menschen glauben immer das, was am bequemsten ist,« setzte
sie hinzu.
Sie werde selbst ruhiger denken, wenn sie gegessen hätte, prophezeite
der Baron gutmütig. Sie sei überhungrig, übermüde und durch die
schlechte Luft angegriffen. Dazu sei noch der durch Mingo verursachte
Schreck gekommen. Sie solle sich am Nachmittag ausruhen, anstatt sich
wieder stundenlang in den dumpfen Gerichtssaal einzusperren und sich
widerwärtigen aufregenden Eindrücken auszusetzen. Er sei bereit,
hinzugehen und ihr ausführlichen Bericht zu erstatten; ohnehin würden
die nächsten Vernehmungen nichts Neues bringen.
Dies verhielt sich in der Tat so. Frau von Liebenburg, die Inhaberin der
Pension im zweiten Hause, erklärte vornehm ablehnend, daß sie nur feines
Publikum habe, daß noch nie etwas mit ihren Pensionären vorgekommen sei,
daß sie nichts den Prozeß Betreffendes aussagen könne. Sie könne
natürlich nicht für jeden einstehen, der bei ihr nach Zimmern frage, und
Buch führen könne sie auch nicht über jeden, der käme, aber sie weigere
sich entschieden, irgend etwas über die bei ihr verkehrenden
Herrschaften zu sagen. Sie bäte dringend, daß die bei ihr wohnenden
feinen Herrschaften nicht mit Fragen und Nachforschungen inkommodiert
würden, die zu keinem Ergebnis führen könnten.
Nach dieser empfindlichen Dame erschien Frau Rübsamen, die Frau des
Komponisten und Musikschriftstellers im zweiten Stock des dritten
Hauses, und entschuldigte ihren Mann, der leidend sei und überhaupt viel
zu nervös, um als Zeuge auftreten zu können, da schon die Vorstellung,
in einen solchen Prozeß verflochten zu sein, ihn in krankhafte Erregung
versetzt habe. Er habe nun einmal ein künstlerisches Temperament, man
könne mit ihm nicht umgehen wie mit gewöhnlichen Menschen. Er hätte doch
auch nichts nützen können, denn sein Gedächtnis sei schwach, und wenn er
Anstrengungen mache, um sich zu besinnen, bekäme er nervöse Zustände.
Sie selbst hingegen besänne sich noch wohl auf den 2. Oktober, weil die
Ursula sie am Morgen gebeten habe, wenn möglich, ein wenig Rücksicht zu
nehmen; Frau Swieter habe eine so schlechte Nacht gehabt und könne
vielleicht am Tage ein wenig schlafen. Natürlich nähmen ihr Mann und sie
gern Rücksicht. Frau Swieter wäre ja auch eine angenehme Partei gewesen,
und ihr Mann habe immer gesagt, er könne sie nicht genug schätzen, weil
sie nicht Klavier spielte und auch sonst kein Instrument ausübte; nur
die Krankheit sei ihm peinlich gewesen. Die Vorstellung, einen
Sterbenden oder Toten im Hause zu haben, sei nämlich ganz unerträglich
für ihren Mann. Jetzt wohne eine Familie über ihnen, die turnten alle
miteinander morgens und abends, und ihr Mann sage fast täglich, er würde
noch so gern auf die arme Frau Swieter Rücksicht nehmen, wenn er nur die
Turner nicht über dem Kopfe hätte. Sie hätten also das ihrige getan und
den Klavierstimmer fortgeschickt. Es sei ohnehin die Zeit gewesen, wo
ihr Mann Mittagsruhe zu halten pflegte.
Eine Stunde später sei dann ein Herr dagewesen, sie hätte ihn aber
eigentlich nicht für einen feinen Herrn angesehen. Der hätte gebeten,
Herr Rübsamen möchte doch seine Stimme prüfen, ob es der Mühe wert sei,
sie ausbilden zu lassen. Sie hätte den Herrn in den Salon geführt und es
ihrem Manne gesagt; der hätte gefragt, was für ein Mann es wäre, worauf
sie gesagt hätte, ihr käme er vor wie ein Kutscher oder höchstens ein
Tapezierer. Solche Leute hörten nämlich oft, daß irgendein armer Teufel
durch seine schöne Stimme sein Glück gemacht hätte, und wenn sie dann so
recht brüllen könnten, daß die Wände zitterten, bildeten sie sich ein,
sie wären für die Kunst geboren. Nun, daraufhin hätte ihr Mann gar
keine Lust dazu gehabt, das Prüfen von Stimmen wäre ohnehin ein
undankbares Geschäft. Wenn man es den Leuten ausreden wollte, würden sie
oft recht grob, und für einen nervösen Mann wie Herrn Rübsamen sei das
Gift.
Ihre Aufgabe wäre es denn in solchen Fällen, so einen Menschen mit guter
Manier herauszureden, und das hätte sie auch diesmal getan, indem sie
gesagt hätte, ihr Mann sei nicht zu Hause, er möchte ein andermal
wiederkommen. Sie müsse aber sagen, er hätte sich nie wieder blicken
lassen.
Ob sie den Herrn nach seinem Namen gefragt habe, erkundigte sich
=Dr.= Zeunemann.
»Nein, nein,« sagte Frau Rübsamen, »ich wollte mich möglichst wenig
einlassen. Nun, nach ein paar Jahren heißt er vielleicht schon Mirabilio
oder Birbanti.«
»Das führt zu nichts,« sagte =Dr.= Zeunemann leise zu seinem
Nachbarn, der hinter der Hand gähnte. »Ich wußte es vorher.«
»Schluß, Schluß,« antwortete der Beisitzer ebenso.
Ob um die Mittagszeit ein Bettler oder Hausierer bei ihr angeläutet
habe, fragte =Dr.= Zeunemann noch, unterbrach aber die Zeugin, da
sie eine Reihe von Möglichkeiten zu erörtern begann, mit der
Aufforderung, nur das mitzuteilen, was sie bestimmt wisse. Etwas
Bestimmtes in bezug darauf zu wissen, wies jedoch Frau Rübsamen mit
Entschiedenheit von der Hand, worauf die Untersuchung über verdächtige
Besucher des Hauses an dem verhängnisvollen Tage einstweilen
abgeschlossen wurde.
=VIII.=
»Das war schön von Ihnen, daß Sie die Kaution für mich hinterlegt
haben,« sagte Deruga zu Peter Hase, indem er ihm die Hand reichte. »Ganz
wie Sie, Gentleman durch und durch. Ich bin Ihr ergebener Diener.«
Ein Anflug von Röte färbte das blasse Gesicht des Schriftstellers.
»Man hatte mir fest versprochen, daß mein Name nicht genannt werden
sollte,« sagte er, die Augenbrauen zusammenziehend. »Ich verstehe nicht,
wie man davon abgehen konnte.«
Deruga lachte.
»Ich habe Ihnen nur eine Falle gestellt, und Sie sind hineingegangen,«
sagte er. »Also Sie sind es wirklich. Geben Sie zu, daß ich ein
Menschenkenner bin! Wenn ich stillsitzen könnte wie ihr Deutschen, wäre
ich vielleicht auch ein Dichter.«
»Ein besserer als ich,« sagte Peter Hase ernsthaft. »Sie verstehen es
jedenfalls besser, Ihr Leben zu dichten.«
»Das fällt bei Ihnen wohl eher trocken aus,« meinte Deruga.
»Gesellschaftslöwe, reiche Frau, Liebling des Publikums, Geheimrat, etwa
noch der persönliche Adel. Etwas schematisch, aber doch ganz behaglich.
Wie? Immer in einer so leicht parfümierten Atmosphäre.«
»Ich möchte den Abend mit Ihnen zubringen,« sagte Peter Hase ablenkend.
»Wenn Sie nichts Besseres vorhaben?«
»Das wäre Bett und Schlaf,« sagte Deruga. »Beides wundervoll, aber ich
kann es immer haben, Sie dagegen vielleicht nur heute. Machen Sie mit,
Justizrat?« wendete er sich an seinen Anwalt.
Dieser sagte, er müsse sich nach seiner Familie umsehen, ein halbes
Stündchen habe er aber noch Zeit. Er freue sich, sagte er, als sie in
dem abgeseilten Raum einer Restauration beim Essen saßen, Peter Hase
kennenzulernen. Er sei zwar nur ein einfältiger Fachmensch, habe keine
Zeit für die schöne Literatur übrig, doch sei der Ruf von Hases Namen
zu ihm gedrungen. In seiner Jugend habe er sich für einen Kenner und
Feinschmecker in den Künsten gehalten, das sei aber wohl jugendliche
Selbstüberhebung gewesen.
»Das glaube ich auch,« sagte Deruga. »Ein feines Beefsteak, etwas
blutig, am Rost gebraten, darauf verstehen Sie sich besser.«
Der Justizrat lächelte gutmütig. »Nun ja,« sagte er, »das zu studieren
hat man auch täglich Gelegenheit, ein gutes Buch ist selten. Und wissen
Sie, wahre Geschichten, die würde ich lesen. Dabei kann man etwas
lernen. Aber mich von fremder Leute Phantasien an der Nase führen zu
lassen, dazu ist mir meine Zeit zu kostbar.«
»Das Leben ist leider im allgemeinen alltäglich und fade,« sagte Peter
Hase, »und die Dichtung soll ein schöner, bunter Teppich sein.«
»Ja,« sagte Deruga, »ein purpurnes Meer voller Ungeheuer, Wunder,
Kostbarkeiten und Seltenheiten. Grün wie Glas, süß wie Opal, schwarz wie
Sturm, unerschöpflich, unergründlich, immer von zauberhaften Geburten
gärend und gefräßig nach allem Lebendigen. Aber gerade so ist doch das
Leben.«
Peter Hase betrachtete Deruga aufmerksam, in dessen schmalen Augen sich
die Vorstellungen zu spiegeln schienen. »Sie sind eben ein Dichter dem
Gefühle nach,« sagte er. »Ihr Gefühl macht es so.«
»Und im Grunde ist es alles derselbe gemeine Straßendreck,« sagte Deruga
in verändertem Ton.
»Nun, da gehen Sie wieder zu weit,« sagte der Justizrat. »Betrachten wir
einmal unseren Prozeß! Sie sind mir gerade originell genug, und die
Baronin Truschkowitz ist jedenfalls auch keine gewöhnliche Nummer.«
»Ich hasse diese Art Weiber,« fiel Deruga schnell ein. »Selbstsüchtig,
habsüchtig, beschränkt, kalt und ewig nach neuen Sensationen lüstern.
Ohne Geld wäre sie eine Dirne.«
»Aber, aber, Verehrtester,« sagte der Justizrat, gelinde scheltend, »da
scheinen Sie mir doch ein bißchen parteiisch zu sein.«
»So,« sagte Deruga, sich erhitzend, »finden Sie es anständig, aus
Geldgier einen Unbekannten des Mordes zu verdächtigen? Einen Menschen,
der ihr nichts zuleide getan hat? Was für eine Gesinnung! Ich sollte
eine alternde Frau, die mein Weib war, die Mutter meines einzigen,
meines teuren, heiligen Kindes, töten, weil sie mir kein Geld, oder
nicht genug Geld geben wollte, womöglich, um ein paar Monate früher in
den Besitz ihres Vermögens zu kommen? Ich, das schwöre ich Ihnen, wäre
nie auf einen solchen Gedanken gekommen.«
»Herrgott,« sagte der Justizrat, »solche Sachen kommen doch aber vor.
Man kann das Leben nicht immer in rosa Beleuchtung sehen. Es sind schon
Menschen um ein paar Taler umgebracht worden. Außerdem vergessen Sie
oder wollen Sie vergessen, daß die Baronin Ihnen dies Motiv nicht
ausdrücklich untergelegt hat, und wenn man Sie für rachsüchtig, hitzig
und tollköpfig hält, tut man Ihnen eigentlich nicht so unrecht.«
Deruga stützte den Kopf in die Hand und antwortete nicht.
»Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen zu sagen,« hub Peter Hase nach einer
Pause an, »daß ich der Baronin auf ihre Aufforderung hin einen Besuch
gemacht habe. Sie machte mir den Eindruck einer Dame.«