Herr Hase bedauerte, darüber keine Auskunft geben zu können. Auf der

vordersten Reihe der Geschworenensitze erhob sich Kommerzienrat Winkler

und sagte: »Die gewünschte Auskunft gibt uns vielleicht die Nadel in der

Krawatte des Angeklagten. Es dürfte die verpfändete sein, die er also

augenscheinlich ausgelöst hat!«

Deruga bestätigte, daß es die Nadel sei, die er gegen Bezahlung der

genannten Summe zurückerhalten habe, zog sie heraus und bot sie zur

Besichtigung an.

»Haben Sie denn wirklich die dreihundert Mark gegeben?« fragte der

Justizrat Fein. »Wie hatten Sie denn gleich soviel Geld übrig?« Deruga

zuckte etwas ungeduldig die Schultern. »Glauben Sie denn,« sagte er,

»ich hätte mir nicht jeden Augenblick dreihundert Mark verschaffen

können? Ich brauchte mir zum Beispiel nur einen Vorschuß vom

italienischen Konsulat geben zu lassen für Übersetzungen, Untersuchungen

oder dergleichen. Deruga hat Gehirn im Schädel und keine Kartoffeln.«

Inzwischen hatte der Vorsitzende die Nadel betrachtet und fragte Herrn

Hase, ob es dieselbe sei, die der Angeklagte an jenem Abend als Pfand

gegeben habe, was Peter Hase, nachdem er einen diskreten Blick darauf

geworfen hatte, bejahte.

»Es ist ein auffallend schönes Stück,« sagte =Dr.= Zeunemann, in

den Anblick der Nadel versunken, die einen Mohrenkopf mit Turban

darstellte; der Kopf bestand aus einer schwarzen, der Turban aus einer

weißen Perle, und der letztere war reich mit Rubinen und Smaragden

besetzt.

»Ein Geschenk meiner verstorbenen Frau,« sagte Deruga, indem er die

Nadel wieder in Empfang nahm. »Sie meinte, sie sei wie gemacht für einen

Othello wie mich.«

Nach diesem Zwischenfall fragte der Vorsitzende den Zeugen, ob er noch

irgend etwas hinzuzufügen habe. Über Herrn Hases unbewegliches Gesicht

ging zum ersten Male ein schwaches Erröten; seine Aufmerksamkeit war

nämlich durch die Baronin Truschkowitz abgelenkt worden, die, in der

ersten Reihe der Zuschauer sitzend, sich weit vorgebeugt und die von dem

Präsidenten gehaltene Nadel mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit

betrachtet hatte. Angeredet, drehte er sich erschreckt um und sagte,

daß er nichts mehr zur Sache mitzuteilen wisse, aber bereit sei, auf

fernere Fragen zu antworten.

Peter Hase verließ nach Schluß der Sitzung das Gerichtsgebäude nicht,

sondern wartete auf =Dr.= Zeunemann, stellte sich ihm vor und bat, ein

paar Fragen an ihn richten zu dürfen, worauf der Oberlandesgerichtsrat

ihn in sein Zimmer mitnahm. Hauptsächlich wünschte Herr Hase zu wissen,

welche Strafe den Angeklagten etwa treffen könnte, falls er wider

Erwarten verurteilt würde.

»Ja, sehen Sie, Verehrtester,« antwortete =Dr.= Zeunemann, während

er seinen Talar mit dem Gehrock vertauschte, »bis jetzt geht die Anklage

nur auf Totschlag, und dabei würde er mit ein paar Jahren Zuchthaus

davonkommen. Aber unser Staatsanwalt sieht es eigentlich als Mord an,

und wenn noch irgendein dahinzielendes Indizium auftaucht, kann die

Geschichte bedenklich werden. Wenn zum Beispiel festgestellt würde, daß

der Mann mit dem Inhalt des Testaments bekannt war, ja, dann würde die

Meinung des Staatsanwalts wahrscheinlich durchdringen, und in dem Falle

würden wir auch sofort, so leid es mir tut, zur Verhaftung schreiten

müssen.«

»Darf ich fragen,« erkundigte sich Herr Hase, »wie Sie persönlich die

Sache beurteilen?«

»Ich bin zu sehr Psychologe,« sagte =Dr.= Zeunemann, »um nicht

einen gewissen Anteil an problematischen Charakteren zu nehmen. Was für

eine Grundfarbe dieses Chamäleon eigentlich hat, darüber bin ich, um die

Wahrheit zu sagen, noch nicht ins klare gekommen.«

»Warum sollte er überhaupt eine Grundfarbe haben?« sagte Herr Hase

verhältnismäßig lebhaft. »Der schimmernde Wechsel ist die Natur dieses

fabelhaften Geschöpfes. Ich habe eine große Sympathie für Chamäleons,«

fügte er nach einer Pause hinzu.

»Ich verstehe, ich verstehe,« erwiderte =Dr.= Zeunemann, »schön,

aber schlüpfrig. Die ästhetische Betrachtungsweise ist sehr verschieden

von der moralischen und diese nicht immer identisch mit der

juristischen.«

Er war im Begriff, einen breitrandigen Filzhut vom Gestell zu nehmen,

als es klopfte und auf sein unwirsches Herein die Baronin Truschkowitz

auf der Schwelle erschien, der der Staatsanwalt die Tür öffnete.

»Lieber Präsident,« sagte sie rasch, indem sie ihm ihre in einem weißen,

festanliegenden Lederhandschuh steckende Hand reichte, »ich weiß, daß es

im höchsten Grade zudringlich ist, Sie in Ihrem Heiligtum und noch dazu

um diese Zeit zu überfallen, aber Sie sind zu ritterlich, um mich

hinauszuwerfen, und ich bin zu unedel, um Ihre Höflichkeit nicht

auszunutzen.«

=Dr.= Zeunemann stieß einen komischen Seufzer aus. »Machen Sie es

wenigstens kurz, Frau Baronin,« sagte er.

Sie lachte ein helles, jugendliches Lachen, in dem ein girrender Ton

war, der etwas Verführerisches hatte. »Ich mache es schon kurz,« sagte

sie, »wenn nur Sie, Herr Präsident, es nicht in die Länge ziehen. Es

betrifft die Nadel, die Sie heute in der Hand hatten und jenem Menschen

zurückgaben. Ich erkannte sie sofort wieder als ein Erbstück meiner

Urgroßmutter, das heißt, meiner und meiner verstorbenen Kusine

Urgroßmutter. Es ist mir unleidlich, dies kostbare Andenken in den

Händen jenes Menschen zu wissen, und ich möchte Sie bitten zu bewirken,

daß sie mir eingehändigt wird.«

»Ihnen, Frau Baronin,« sagte =Dr.= Zeunemann erstaunt, »ja, gehört

sie denn Ihnen?«

»Natürlich,« sagte die Baronin, »ich bin bekanntlich die nächste

Verwandte der Verstorbenen.«

=Dr.= Zeunemann war so betroffen, daß er sich unwillkürlich setzte,

nicht ohne auch der Baronin durch eine Gebärde einen Stuhl anzubieten.

»Aber die Nadel gehörte ja gar nicht Ihrer Kusine,« sagte er, »sie hatte

für gut befunden, sie zu verschenken.«

»Leider,« sagte die Baronin, »aber hernach hat sie sich scheiden lassen,

und in solcher Lage geben sich anständige Menschen ihre Geschenke

zurück. Außerdem hat er sie doch umgebracht! Da kann man ihn doch nicht

ihre Nadel tragen lassen.«

Die ratlosen Blicke, die der Oberlandesgerichtsrat mit dem Staatsanwalt

wechselte, brachten sie durchaus nicht aus der Fassung. »Nun?« fragte

sie mit einem energisch aufmunternden Nicken. »Sie sehen, daß Sie es

sind, der die Sache in die Länge zieht.«

»Da Sie mir befehlen kurz zu sein,« sagte =Dr.= Zeunemann, der sich

inzwischen gesammelt hatte, »so sage ich Ihnen rund heraus, daß Ihr

Wunsch unerfüllbar ist. Selbst wenn =Dr.= Deruga verurteilt würde,

könnten wir ihm nicht nehmen, was ihm gehört; aber noch ist er nicht

verurteilt und hat einstweilen Ihre verstorbene Frau Kusine so wenig

umgebracht wie -- verzeihen Sie -- wie Sie und ich.«

»Herr Präsident,« rief die Dame mit einem vorwurfsvollen Blick ihrer

graublauen Augen aus, »verlieren denn wirklich gerade die

Rechtsgelehrten allen Sinn für das natürliche und menschliche Recht?«

»Ihr Recht wird Ihnen werden, Frau Baronin,« beeilte sich jetzt der

Staatsanwalt zu versichern. »Ich bin überzeugt, daß, wenn es unserer

Einsicht und Arbeit nicht gelingen sollte, die Vorsehung selbst die

Wahrheit ans Licht bringen wird.«

»Und die Nadel?« fragte die Baronin. »Ich sammle solche Sachen, und das

schönste Stück, auf das ich Erbansprüche habe, soll in den Händen eines

solchen Menschen bleiben?«

»Dafür machen Sie Ihre Urgroßmutter, aber nicht uns verantwortlich,«

sagte =Dr.= Zeunemann lachend, indem er aufstand und wieder nach

seinem Hute griff.

»Sie sind ein steinharter, gepanzerter, undurchdringlicher Jurist,«

schmollte die Baronin.

»Aber ein weicher, für die Reize schöner Damen sehr empfänglicher

Mensch,« fügte =Dr.= Zeunemann versöhnlich hinzu.

Als sie alle zusammen aufbrachen, bat die Baronin, mit Peter Hase

bekannt gemacht zu werden. »Sie sind mir kein Fremder,« sagte sie

liebenswürdig zu ihm, »da ich Ihre Bücher kenne und bewundere. Es

tröstet mich über den abscheulichen Prozeß, daß ich ihm eine so

wertvolle Begegnung verdanke.«

Sie forderte ihn auf, sie und ihren Mann im Hotel zu besuchen, falls er

noch einige Zeit hierbleibe, und als sie ihren Wagen warten sah,

verabschiedete sie sich von den beiden anderen Herren, indem sie

lächelnd sagte: »Ich bekomme die Nadel doch noch, das weissagt mir mein

Gefühl.«

Die Herren gingen noch ein paar Schritte miteinander. »Wie reizend und

anziehend,« sagte =Dr.= Zeunemann, »ist doch der gänzliche Mangel

an Logik und Objektivität an Frauen. Wenigstens für uns Männer.«

»Und ihre Grausamkeit!« setzte Herr Hase anerkennend hinzu.

»Ich halte sie mehr für gedankenlos,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Wie

alt schätzen Sie übrigens diese Frau? Sie hat eine erwachsene Tochter,

da muß sie doch schon zweiundvierzig Jahre alt sein.«

»Eher älter,« sagte Peter Hase, »sie ist sehr gepflegt und sehr

geschickt angezogen.«

»Natürlich, natürlich,« sagte =Dr.= Zeunemann, »keine Arbeit, keine

Sorgen, das erhält jung.«

Auch den Kommerzienrat Winkler beschäftigte die Baronin Truschkowitz,

und er suchte eine Gelegenheit, =Dr.= Bernburger ein wenig nach ihr

auszufragen. »Sie hat Charme, Schick, Grazie,« sagte er zu ihm, »aber

gefährlich viel Temperament.«

»Dazu bin ich ja da, um das zu kontrollieren,« sagte =Dr.=

Bernburger.

»Ich habe beobachtet,« fuhr der Kommerzienrat fort, »daß sie es

vermeidet, Deruga anzusehen, obschon sie sonst scharf aufpaßt. Sie setzt

sich so, daß er nicht in ihr Gesichtsfeld kommt. Haben früher

irgendwelche Beziehungen zwischen ihnen stattgefunden?«

»Sie kennt ihn gar nicht,« sagte =Dr.= Bernburger, »aber sie hat

ihn von jeher gehaßt.«

»Also blinde Voreingenommenheit?« meinte Herr Winkler.

»Nun ja,« sagte =Dr.= Bernburger, »aber das macht ihn nicht

besser.«

Der Kommerzienrat lachte. »Wie verhält sich denn ihr Mann dazu?« fragte

er.

»O, er gibt ihr den Arm und ist neben ihr,« sagte =Dr.= Bernburger.

Ȇbrigens ist er ein feiner Mensch. Selbst seine Dummheit hat etwas an

sich, daß man unwillkürlich den Hut vor ihr abnimmt.«

»Dumm sein, mit der Frau!« sagte der Kommerzienrat, »na, ich

gratuliere!«

»Da können Sie sich täuschen,« entgegnete der Anwalt. »Ob sie Respekt

vor ihm oder Grundsätze hat, weiß ich nicht. Vielleicht ist sie eine

kalte Kokette.«

Der Kommerzienrat schüttelte sich. »Das wäre nichts für mich,« sagte er.

»Ich glaube, da möchte ich noch lieber betrogen werden.«

=V.=

Der Präsident eröffnete die Sitzung mit den Worten, daß die nächsten

Zeugenverhöre sich mit der letzten Lebenszeit der verstorbenen Frau

Swieter beschäftigen würden, und daß er hoffe, es würde von dieser Seite

aus mehr Licht auf die noch nicht völlig aufgeklärten Vorgänge fallen.

Man sei bis jetzt davon ausgegangen, daß der Angeklagte von dem Inhalt

des Testaments keine Kenntnis gehabt habe. Die einzige Person, die darum

gewußt habe, sei die nächste Freundin der Verstorbenen, Fräulein

Kunigunde Schwertfeger. Es sei nicht unmöglich, daß durch deren Aussage,

falls sie nämlich die bisher beobachtete Zurückhaltung aufgäbe, das Bild

erheblich verändert würde.

Es war für jedermann sichtbar, daß es Fräulein Schwertfeger

Selbstüberwindung kostete, den Saal zu betreten. Sie war einfach und

nicht nach der Mode gekleidet, eine unauffällige Erscheinung, die nur,

wenn man sie eingehend betrachtete, Besonderheit und Reiz verriet.

Beides fand man dann reichlich in den fast zu großen, offenen, grauen

Augen, in der zu kurzen Nase, in dem kleinen, stets etwas geöffneten

Munde und in dem Mienenspiel, das das ohnehin unregelmäßige Gesicht

beständig bewegte. Wahrscheinlich, weil sie sich einer kindlichen

Unfähigkeit zur Verstellung und einer Neigung unbedacht herauszuplaudern

bewußt war, wappnete sie sich unter Fremden gern mit Vorsicht und

Verschwiegenheit, was ihr, verbunden mit der Scheu vor der

Öffentlichkeit, den Ausdruck eines kleinen Tieres im Käfig gab, das

gewohnt ist, geneckt zu werden und sich zur Wehr setzen zu müssen.

Nachdem =Dr.= Zeunemann ihr den Eid abgenommen hatte, forderte er

sie auf, das zur Aufklärung des Falles Dienliche ohne Vorbehalt zu

sagen. Es gebe Leute, fügte er hinzu, die sich für wahrheitsliebend

hielten und doch unter Umständen ein Verschweigen, eine Lüge für

erlaubt, ja sogar für verdienstlich ansähen. »Gehören Sie zu denen?«

fragte er.

Sie zögerte einen Augenblick und sagte dann, indem sie die großen Augen

fest auf ihn richtete: »Ja, das tue ich.«

Ihre kleinen, verarbeiteten und nicht schön geformten Hände schlangen

sich dabei fest ineinander.

»Das sind ja gute Aussichten,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Haben Sie,

wenn ich fragen darf, von vornherein die Absicht, uns die Wahrheit nur

in Auszügen und Bearbeitungen zuzuteilen?«

Sie schüttelte den Kopf und lächelte, ein lustiges Lächeln, das im Nu

ihr ganzes Gesicht überrieselte. »Nein, nein,« sagte sie treuherzig,

»ich habe die Absicht, die Fragen, die Sie an mich richten werden, nach

bestem Wissen und Vermögen wahrheitsgemäß zu beantworten. Es ist ja

nicht gesagt, daß die vorhin erwähnten Umstände hier vorliegen.«

»Nun das ist brav,« sagte der Vorsitzende. »An die schweren Folgen eines

Meineides brauche ich Sie wohl nicht zu erinnern. Nur das will ich

sagen, daß wir kurzsichtigen Menschen allemal am besten tun, jede Lüge

schlechthin für Lüge, im häßlichsten und abscheulichsten Sinne,

anzusehen und uns an die Wahrheit zu halten. Die Folgen liegen in Gottes

Hand. Jene Sophismen oder Trugschlüsse, die uns eine Lüge für geboten

erscheinen lassen wollen, können gefährliche Irrlichter sein.«

Fräulein Schwertfeger nickte ernsthaft.

»Wollen Sie uns und den Herren Geschworenen zunächst ausführlich

erzählen, was Sie von der Entstehung des Testamentes der verstorbenen

Frau Swieter wissen! Da Sie von früher Jugend an miteinander befreundet

waren, wird sie vor der Aufsetzung des Testamentes mit Ihnen davon

gesprochen, vielleicht Sie um Ihren Rat gefragt haben?«

»O nein,« antwortete Fräulein Schwertfeger schnell, »sie sagte wohl

immer: 'Was meinst du dazu, Gundel? Soll ich das tun, Gundel?' Aber das

war nur eine Form der Höflichkeit oder Herzlichkeit. In wichtigen Dingen

beanspruchte sie nie Rat und hätte ihn nie angenommen.«

»Um Rat also hat sie nicht gefragt?« sagte =Dr.= Zeunemann. »Aber

die Beweggründe ihres Willens wird sie doch angegeben haben?«

»Ja, das hat sie getan,« antwortete Fräulein Schwertfeger.

»Die Verstorbene war schon seit acht Jahren krebsleidend,« sagte

=Dr.= Zeunemann. »Hat ihr das nicht schon früher, bevor sie das

Testament aufsetzte, Anlaß gegeben, über ihre letztwilligen Verfügungen

zu sprechen?«

»Mit mir nie,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Und ich glaube, überhaupt

nicht. Die Ärzte suchten sie doch immer über den wahren Charakter ihres

Leidens zu täuschen, und sie kam ihnen darin entgegen, erstens, weil ihr

überhaupt leicht etwas weiszumachen war, und dann, weil sie in diesem

Falle das Bedürfnis hatte, getäuscht zu werden. Sie wollte leben und

hoffen. Dazu kommt, daß sie sich nach einer Operation immer wieder

vollkommen gesund fühlte.«

»Wie kam es denn,« sagte =Dr.= Zeunemann, »daß sie doch zuletzt an

das Testament dachte?«

»Nun, das ist klar,« sagte Fräulein Schwertfeger, »weil es damals

wirklich dem Ende zuging und sie das fühlte. Als ihr vor einem Jahre der

schreckliche Anfall kam, nach welchem sie nicht wieder aufgestanden ist,

war sie sehr betroffen und wußte, daß sie nicht wieder gesund werden

würde. Sie sprach es nicht aus, aber ich fühlte oft, daß sie es dachte.«

Aufgefordert, den Vorgang ausführlich zu schildern, erzählte Fräulein

Schwertfeger:

»Eines Nachmittags, da ich sie wie gewöhnlich besuchte, empfing sie mich

mit den Worten, ich käme im rechten Augenblick. Sie habe eben

beschlossen, ihr Testament zu machen, und ich müsse ihr dabei behilflich

sein. Wenn sie wieder gesund würde, so mache es ja nichts, aber sie

müsse doch auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß sie diesmal

nicht davonkäme, und ohnehin sei es leichtfertig von ihr, so alt wie sie

sei, es noch nicht getan zu haben. Es wäre doch zu sinnlos, wenn die

Verwandten ihr Geld bekämen, die ihr fast ganz fremd und die außerdem

reich wären. Ich sagte, sterben würde sie noch lange nicht. Ich sähe sie

schon im Geiste vor mir, frisch und stark und leichtfüßig wie früher.

Darauf antwortete sie nichts, aber in ihren Augen sah ich, was sie

dachte, und sie las wohl dasselbe in meinen.«

»War sie aufgeregt?« fragte =Dr.= Zeunemann.

»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger, indem sie mit einer heldenmütigen

Anstrengung die bei der Erinnerung aufsteigenden Tränen verschluckte,

»nicht besonders, nur im Anfang zitterte die Stimme ein wenig. Dann

sagte ich, daß ich nicht gern mit Testamenten und solchen Sachen zu tun

hätte, besonders wenn es sie anginge. Aber sie hätte ganz recht. Wenn

man Vermögen besäße, müsse man ein Testament machen, und sie hätte es

schon längst tun sollen. Was sie denn mit ihrem Gelde vorhätte, wenn

ihre Verwandten es nicht bekommen sollten? Sie wurde darauf sehr

verlegen und machte eine lange Vorrede, ich würde gewiß erstaunt sein

und sie auslachen und sie schelten, bis sie mir endlich sagte, daß sie

=Dr.= Deruga zu ihrem Erben einsetzen wollte.«

»Bitte, einen Augenblick,« unterbrach =Dr.= Zeunemann. »Ihre

Freundin setzte voraus, daß der Entschluß Sie überraschen würde. Hatte

sie früher einmal andere Pläne geäußert? Wenn man Sie vorher nach den

Absichten Ihrer Freundin gefragt hätte, hätten Sie gar keine Ahnung oder

Meinung gehabt?«

»Doch, das hätte ich,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Ich hatte immer

geglaubt, sie würde eine Stiftung für arme Kinder machen, zum Andenken

an ihr eigenes verstorbenes Kind, und weil sie überhaupt Kinder so sehr

liebte. Sie pflegte zu sagen, schlecht ernährte, traurige Kinder wären

ein Schandfleck der Gesellschaft. Sie ging darin so weit, daß sie jedes

Kind, das sie zufällig schreien hörte, für ein mißhandeltes hielt. Ich

sagte oft zu ihr, um sie zu trösten: 'Weißt du, das ist wirklich ein

eigensinniger Balg.' Aber im Grunde glaubte sie mir nicht. Wir hatten

auch von Einrichtungen gesprochen, die man zugunsten armer Kinder machen

könnte.«

»Erinnerten Sie sie denn nicht daran?« fragte =Dr.= Zeunemann,

»oder hielt sie es nicht von selbst für nötig, ihre Sinnesänderung zu

erklären?«

»Sie sagte, sie hätte bei Stiftungen immer den Verdacht, das Geld käme

gar nicht denen zugute, für die man es bestimmt hätte.«

Fräulein Schwertfeger stockte, nachdem sie dies erklärt hatte, und war

augenscheinlich ungewiß, ob sie noch was hinzufügen müsse oder

fortfahren dürfe.

»Und irgendeinen Weg, diese Gefahr zu vermeiden, hatte ihre Freundin nie

ins Auge gefaßt?« ermunterte der Vorsitzende.

Das Fräulein faßte nach kurzem Kampfe augenscheinlich Mut und sagte:

»Sie hatte die Absicht gehabt, ihr Vermögen mir zu vermachen, sowohl,

damit ich mein Leben bequemer einrichten könnte -- meine Freundin stellte

sich das Leben einer Zeichenlehrerin nämlich sehr mühsam vor -- und dann,

weil sie wußte, ich würde in ihrem Sinne damit für arme Kinder wirken.«

»Ja so!« sagte =Dr.= Zeunemann, »Ihnen hatte sie ihr Vermögen

vermachen wollen. Das ist doch aber keine Kleinigkeit, wenn man in einer

solchen Sache plötzlich umschwenkt. Das muß sie Ihnen doch erklärt und

entschuldigt haben?«

Fräulein Schwertfeger machte ein stolz abwehrendes Gesicht. »Das mußte

sie gar nicht,« sagte sie, »wir waren doch befreundet. Allerdings

bedrückte es sie, und sie wollte mir weitläufig auseinandersetzen, warum

sie so handelte. Sie hätte einmal gehört, daß es =Dr.= Deruga

schlecht ginge, und daß er sehr heruntergekommen wäre, und daran müsse

sie fortwährend denken. Er sei der Vater ihres geliebten Kindes und

hätte sie liebgehabt, und sie könne sich noch immer nicht von dem

Gedanken entwöhnen, daß, was ihr gehöre, eigentlich auch sein sei. Kurz,

sie würde nicht ruhig sterben können, wenn sie ihn nicht durch ihr

Vermögen vor Not geschützt wisse. Natürlich ließ ich sie gar nicht

ausreden, sondern tröstete sie und versicherte sie, daß das Geld mich

nur in Verlegenheit setzen würde, weil ich denken würde, ich müsse es

irgendwie ausgeben und wisse nicht wie, und daß ich mein Leben nicht

anders einrichten möchte, weil ich es einmal so gewöhnt wäre und ich

mich wohl dabei fühlte. Das Geld würde mich nur an ihren Verlust

erinnern und mir dadurch verhaßt werden.«

»Es ist doch aber sonderbar,« sagte der Vorsitzende, »daß Ihre Freundin

Ihnen nicht wenigstens ein Legat ausgesetzt hat wie ihrem

Dienstmädchen.«

»Das unterließ sie auf meinen Wunsch,« sagte Fräulein Schwertfeger kurz.

»Ich bitte einen Augenblick ums Wort,« schaltete plötzlich der

Staatsanwalt ein. »Nach der Darstellung der Zeugin hatte ich den

Eindruck, als habe die von ihr mitgeteilte Unterredung, der sich die

Abfassung des Testamentes anschloß, gleich nach der letzten, schweren

Erkrankung ihrer Freundin, also im März oder April, stattgefunden.

Dagegen ist das vorliegende Testament vom 19. September, also vierzehn

Tage vor dem Tode derselben, datiert.«

Fräulein Schwertfeger entgegnete nichts, sondern warf nur einen langen,

feindseligen Blick auf den Fragesteller, wie auf einen unberufenerweise

sich Einmischenden, und sah dann wieder den Vorsitzenden an.

»Wollen Sie uns darüber aufklären, mein Fräulein,« bat dieser

freundlich.

»Meine Freundin schrieb das Testament zuerst im Frühling,« sagte

Fräulein Schwertfeger, »und am 19. September schrieb sie es noch einmal

ab.«

»Es blieb also unverändert?« fragte der Vorsitzende.

»Meine Freundin erhöhte die Summe, die sie der Ursula, ihrem

Dienstmädchen, ausgesetzt hatte,« sagte Fräulein Schwertfeger.

»Vermutlich,« sagte =Dr.= Zeunemann, »hatte das Mädchen sie während

ihrer schweren Krankheit so gut verpflegt, daß sie ihre Dankbarkeit mehr

zum Ausdruck bringen wollte.«

Fräulein Schwertfeger nickte und sah den Vorsitzenden herzlich an.

»Dafür,« setzte sie hinzu, »fiel jetzt auf meinen Wunsch das Legat fort,

das in der ersten Fassung mir ausgesetzt war.«

»Wenn es so weiter geht, wird unvermerkt noch ein ganz neues Testament

aus der unveränderten Abschrift,« bemerkte der Staatsanwalt mit

diabolischem Kichern.

»Sie hatten also anfänglich nichts gegen das Legat einzuwenden gehabt,«

sagte der Vorsitzende. »Aus welchem Grunde lehnten Sie es jetzt ab? Es

war doch nichts zwischen Sie und Ihre Freundin getreten?«

»O nein, nein,« beteuerte Fräulein Schwertfeger lebhaft. »Ich gab nur

damals nach, um sie nicht aufzuregen; aber ich beschloß von Anfang an,

das Legat gelegentlich rückgängig zu machen, weil es mir nicht paßte.«

Da sie das spöttisch-ungläubige Lächeln des Staatsanwalts bemerkte, warf

sie mit einer kleinen, trotzigen Gebärde den Kopf zurück und preßte die

Lippen zusammen.

Nach einer Pause nahm der Vorsitzende das Verhör wieder auf, indem er

fragte: »Ist die Verstorbene in der Folge, ich meine nach der ersten

Abfassung, noch öfters auf das Testament zurückgekommen?«

»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger entschieden. »Es war kein

angenehmer Gesprächsgegenstand für uns beide.«

Der Staatsanwalt lachte hörbar, als wolle er sagen, es scheine auch

jetzt keiner für sie zu sein, worauf sie einen vernichtenden Blick nach

der Richtung seines Platzes warf.

»Hat Frau Swieter Ihnen nie erzählt oder Andeutungen gemacht,« fragte

der Vorsitzende mit freundlicher Dringlichkeit, »ob irgendein besonderer

Anlaß vorlag, der sie bewog, ihr Testament zugunsten des Angeklagten zu

machen? Sie sprach, wie Sie erzählten, davon, daß es ihm schlecht ginge,

daß er heruntergekommen sei. Wie war ihr das zu Ohren gekommen? Hatten

sich vielleicht Gläubiger von ihm an sie gewendet? Oder sollte er selbst

sie um Geld angegangen haben?«

»Das weiß ich nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger, »aber ich glaube es

nicht, weil sie es mir gewiß erzählt haben würde. Sie hätte mir dadurch

ihr Testament ja viel leichter erklären können. Daß es Herrn =Dr.=

Deruga nicht gut ging, wußte sie schon lange; es gibt unzählige Wege,

auf denen einem solche Gerüchte zu Ohren kommen.«

Der Fall Deruga · 第 5 / 16 段