»Sprach Ihre Freundin zuweilen mit Ihnen über den Angeklagten?« fragte

=Dr.= Zeunemann.

»Nein, fast nie,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Sie glaubte, daß ich

kein Verständnis für ihn hätte.«

»Also,« fiel der Staatsanwalt ein, »konnten sehr wohl Beziehungen

zwischen Ihrer Freundin und ihrem geschiedenen Gatten bestehen, ohne daß

Sie Kenntnis davon hatten.«

Fräulein Schwertfeger warf den Kopf zurück und kräuselte verächtlich

ihre kurze Oberlippe.

»Es soll selbstverständlich nichts Nachteiliges über Ihre Freundin

geäußert werden,« sagte der Vorsitzende vermittelnd. »Immerhin könnte

sie Ihnen etwas verschwiegen haben, um nicht ein tadelndes Urteil von

Ihnen hören zu müssen.«

»Möglich wäre das,« sagte Fräulein Schwertfeger, »aber sehr

unwahrscheinlich. Es liegt jedenfalls kein Grund vor, so etwas

anzunehmen. Ihr Vermögen vermachte sie ihm einfach, weil er der Vater

ihres Kindes war und sie, ihrer Meinung nach, geliebt hatte. Ich

erinnere mich, daß sie früher einmal sagte, die Ehe wäre ihrem Wesen

nach unauflöslich, wenn sie durch Kinder befestigt wäre, und als jemand

widersprach, sagte sie, vielleicht wäre das nicht allgemein gültig, aber

sie hätte die Erfahrung an sich gemacht. Meine Freundin war ihrer

anschmiegenden Natur nach nicht geeignet, alleinzustehen, und vielleicht

hatte sie sich unbewußt diese Theorie gebildet, um sich wenigstens

seelisch noch gebunden zu fühlen.«

»Wenn ich Sie nicht schon über Gebühr angestrengt habe,« sagte

=Dr.= Zeunemann höflich, »möchte ich Sie bitten, uns zu erklären,

wie es kommt, daß Sie und Frau Swieter, so vertraut sie miteinander

waren, in der Beurteilung des Angeklagten so sehr voneinander abwichen.«

Fräulein Schwertfeger lachte ein wenig. »Warum ein Mensch einen anderen

liebt, versteht der Dritte selten. Außerdem kann man wohl selbst einem

Menschen das Unrecht verzeihen, das er einem getan hat; die Freunde

aber werden am wenigsten dazu geneigt sein.«

»Danach sind Sie der Meinung,« sagte der Vorsitzende, »daß der

Angeklagte an dem ehelichen Zerwürfnis schuld war?«

»Er quälte sie durch sein launisches, maßloses Wesen,« sagte Fräulein

Schwertfeger mit Zurückhaltung.

»Trotzdem, und da Frau Swieter seinerzeit selbst auf der Scheidung

bestand,« sagte der Vorsitzende, »scheint es, daß sie fortfuhr, an ihrem

geschiedenen Manne zu hängen. Können Sie, als ihre Freundin, uns

vielleicht zum Verstehen dieses Widerspruches helfen?«

Fräulein Schwertfeger dachte eine Weile nach und sagte dann:

»Widersprüche gibt es in jedem einzelnen Menschen und um so mehr in den

Beziehungen zwischen zweien. Als meine Freundin noch verheiratet war,

schenkte sie ihrem Manne einmal ein Buch zum Geburtstage; und als er

eine Widmung darin haben wollte, schrieb sie auf das erste Blatt:

'Deruga, du bist eben

So schön als wunderlich.

Man kann nicht ohne dich

Und auch nicht mit dir leben.'

Es ist ein Epigramm, das Lessing auf eine gewisse Klothilde gemacht

hat.«

Die Zuhörer lachten, aber =Dr.= Zeunemann blieb ganz ernst. »Noch

mit einer Frage möchte ich Sie belästigen,« sagte er. »Frau Swieter soll

außerordentlich furchtsam gewesen sein. Die Furcht vor dem hitzigen

Temperament ihres Gatten soll sie mit zur Scheidung bewogen haben.

Glauben Sie, daß sie sich auch nach der Scheidung noch vor ihm

gefürchtet hat?«

»O nein, vor Deruga nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger mit Überzeugung.

»Vor ein paar Jahren las sie einmal in der Zeitung, daß ein Mann seiner

von ihm geschiedenen Frau aufgelauert und sie erstochen habe. Mit Bezug

darauf sagte sie, das käme häufig vor, und Frauen, die sich von ihren

Männern trennen wollten oder getrennt hätten, müßten eigentlich

irgendwie geschützt werden. Ich sagte, sie solle doch die dummen

Zeitungen nicht lesen, die Hälfte von allem, was darin stünde, wäre

erlogen. Da lachte sie und sagte, ich meinte wohl, sie fürchtete sich?

Und dann erklärte sie mir, Deruga sei zwar bei den kleinen Reibungen,

die im Zusammenleben unvermeidlich wären, maßlos heftig gewesen und auch

nicht frei von Rachsucht, aber von langer Dauer sei das nie gewesen, und

sie sei gewiß, daß er gegen sie keinen Groll hege. Daher weiß ich

bestimmt, daß sie keinerlei Furcht vor ihm hatte. Im allgemeinen

allerdings war sie sehr furchtsam und bevorzugte zum Beispiel zum Wohnen

den dritten Stock, weil sie da vor Einbrechern am geschütztesten zu sein

glaubte. Sie fürchtete sich auch sehr vor dem Tode, obwohl sie ihn

andererseits als eine Wiedervereinigung mit ihrem Kinde ersehnte.«

»Vermutlich fürchtete sie nicht den Tod, sondern das Sterben,« sagte der

Vorsitzende, »das sie sich als qualvoll vorstellte.«

»Ja,« stimmte Fräulein Schwertfeger zu, »sie hatte große Angst vor

Schmerzen und mußte doch so schrecklich aushalten.«

Der Staatsanwalt fragte, ob die Kranke infolge der Schmerzen jemals

Störungen oder Trübungen des Bewußtseins gehabt hätte.

»O nein,« sagte Fräulein Schwertfeger mit einem Lächeln, den Blick auf

=Dr.= Zeunemann gerichtet, »sie klagte im Gegenteil zuweilen

darüber, daß ihr Kopf bei den größten Qualen stets klar bleibe. Einmal

fragte sie mich, ob ich sie lieb genug hätte, um ihr ein Gift zu geben,

das sie von ihrem Leiden erlöste. Ich war sehr erschrocken und sagte,

ich hätte sie zu lieb dazu, ich könnte so etwas nicht denken, geschweige

denn es tun. Dann erinnerte ich sie daran, wie sie sich doch des Lebens

wieder freuen könne, sobald ihr besser sei, und daß sie vielleicht

wieder ganz gesund würde, und wie bald dann die Schmerzen vergessen sein

würden, so wie ich sie kennte. Da lachte sie und tröstete mich und

sagte, ich hätte ganz recht, sie hoffe noch einmal zu prahlen mit dem,

was sie so tapfer ausgehalten hätte. Es gab jedenfalls keinen

Augenblick, in dem sie nicht genau gewußt hätte, was sie tat.«

»Es erübrigt nun noch eine Frage, deren Antwort im verneinenden Sinne

mir zwar schon in Ihren übrigen Aussagen inbegriffen scheint, die ich

aber doch ausdrücklich stellen muß: Hat Frau Swieter ihren geschiedenen

Mann von dem Inhalt ihres Testamentes in Kenntnis gesetzt?«

»Das weiß ich nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Ich glaube es auch

nicht. Wozu sollte sie es getan haben?«

»Das wollen wir zunächst dahingestellt sein lassen,« sagte der

Vorsitzende. »Gesetzt den Fall, sie hätte es ihm mitteilen wollen, so

hätte sie ihm schreiben müssen. Da sie in jener Zeit nicht mehr

aufstand, geschweige denn ausging, mußte sie den Brief irgend jemandem

zur Besorgung geben. Durch Sie hat sie es also nicht getan?«

»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger.

»Hat sie Ihnen überhaupt nie Briefe zur Besorgung mitgegeben?«

»Vielleicht,« sagte Fräulein Schwertfeger, »ich erinnere mich nicht;

aber keinen an =Dr.= Deruga.«

»Er konnte vielleicht anders adressiert sein, um Sie irrezuführen?«

»O nein,« sagte Fräulein Schwertfeger, die Stirn faltend, »das hätte

sie vorher mit ihm verabreden müssen. Solche Schleichwege hätte sie

nicht gewählt, dafür stehe ich ein.«

»Ich glaube Ihnen, Fräulein Schwertfeger,« sagte der Vorsitzende nach

einer kleinen Pause. »Ich verlasse mich auf Ihre Wahrheitsliebe. Sie

sind Lehrerin, die Jugend ist Ihrem Einfluß anvertraut, Sie genießen die

Liebe und Verehrung Ihrer Schülerinnen sowohl wie der Eltern derselben

und werden das nicht um eines Hirngespinstes willen verschweigen wollen.

Sie haben also weder dem Angeklagten im Auftrage Ihrer Freundin von dem

Inhalte ihres Testamentes Mitteilung gemacht, noch haben Sie einen Brief

Ihrer Freundin besorgt, in welchem diese Mitteilung enthalten war oder

allenfalls hätte enthalten sein können?«

»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger.

»Sie sind also überzeugt, daß der Angeklagte von dem Testamente keine

Kenntnis hatte?«

»Ich bin überzeugt davon,« antwortete sie.

=Dr.= Zeunemann bedachte sich und sagte, er wolle das Verhör damit

abschließen, sie würde ohnehin ermüdet sein. In der Tat sah sie sehr

blaß aus, so daß ihre großen Augen beinah schwarz schienen.

»O ja, ich bin sehr müde,« sagte sie, »darf ich gehen?«

=Dr.= Zeunemann erklärte ihr, daß sie zwar jetzt, da Mittagspause

sei, wie alle anderen gehen dürfe, daß er aber für die Dauer des

Prozesses um ihre Anwesenheit bitten müsse, worauf sie sich durch eine

kurze Neigung des Kopfes verabschiedete.

»Ein wackeres Altjüngferchen,« sagte Justizrat Fein zu Deruga, »obwohl

sie nicht die beste Meinung von Ihnen hat.«

»Gute, dumme Gans,« antwortete dieser kurz. Er hatte mit aufgestütztem

Kopf und verdecktem Gesicht dagesessen und richtete sich jetzt auf wie

jemand, der in dem Labyrinth einer dunklen Musik versunken war, wenn sie

plötzlich abreißt. Der stechende Blick, den er durch den Saal gleiten

ließ, blieb zufällig an der Baronin Truschkowitz hängen, die, eben im

Aufstehen begriffen, ihrem einige Plätze von ihr entfernt sitzenden

Anwalt ein Zeichen mit den Augen gab, und er sagte: »Unausstehliche

Person; paßt ganz zu der schmutzigen Sache, die sie vertritt.«

»Na, wissen Sie,« entgegnete der Justizrat. »Daß die Baronin sich ungern

ein Vermögen entwinden läßt, auf das sie gerechnet hatte, ist

menschlich, und daß sie Ihnen allerhand Böses zutraut, um so eher zu

entschuldigen, als sie Sie nicht kennt.«

»Halten Sie das für eine Entschuldigung?« sagte Deruga scharf. »Weil sie

selbst gierig ist, kann sie sich auch bei anderen kein anderes Motiv

vorstellen; das ist ihre Menschenkenntnis. Ekelhaft!«

Die Besprochene war unterdessen auf die Freitreppe des Gerichtsgebäudes

gelangt und blickte durch die Lorgnette ungeduldig um sich. »Ich bin

ganz erregt«, sagte sie zu =Dr.= Bernburger, »über die Art und

Weise, wie man mit diesem Fräulein umgeht. Sie mag ja übrigens ein

anständiges Mädchen sein. Aber es ist klar, daß sie nicht die Wahrheit

sagt, und ich begreife nicht, daß man das so gehen läßt.«

»Ja, das ist eine heikle Sache, Gnädigste,« sagte =Dr.=

Bernburger, »die Folter ist längst abgeschafft.«

»Das war eben sehr voreilig,« sagte die Baronin. »Die Alten waren in

vieler Hinsicht klüger als wir und wußten recht gut, warum sie sie

anwendeten. Aber wir müssen doch auch Mittel haben, um die Wahrheit aus

den Leuten herauszubringen. Ich würde ganz anders vorgehen, wenn ich der

Präsident wäre. Aber Sie kommen mir zerstreut vor, Herr Doktor.«

»Im Gegenteil,« sagte =Dr.= Bernburger, »ich bin vertieft in unser

Problem.«

»Und haben Sie bemerkt,« fuhr die Baronin fort, »daß sie gerade das

zugab, was sie bestreiten wollte, nämlich daß meine Kusine sich vor

ihrem geschiedenen Mann fürchtete? Und wie interessant, daß die Männer

eine Neigung haben, ihre geschiedene Frau umzubringen! Man muß es sich

doch sehr überlegen, ehe man den Schritt tut.«

»Ich hoffe, Kind,« sagte der neben ihr stehende Baron gutmütig, »das ist

nicht der einzige Grund, der dich abhält, dich scheiden zu lassen.«

Sie sah ihn mit einem Lächeln an, in dem ein leichter Spott lag, und

sagte: »Nein, mein Teurer, du bist viel zu ritterlich, als daß ich mich

vor dir fürchten könnte.«

Gleichzeitig winkte sie dem wartenden Schofför, das Auto näher

heranzulenken, und entließ ihren Anwalt mit flüchtigem Gruß.

Der Staatsanwalt hatte sich beim Verlassen des Saales an =Dr.=

Zeunemann gehängt und begleitete ihn unter vorwurfsvollen Reden in sein

Zimmer. Es sei klar, sonnenklar, sagte er, daß dies Muster -- er meinte

Fräulein Schwertfeger -- den Brief besorgt habe. Das Muster habe keine

Übung im Lügen. Er wolle gerecht sein, aber gelogen habe sie. Da müsse

eingeschritten werden! Oder ob wieder einmal durch die Gunst der Frauen

ein Elender der verdienten Strafe entzogen werden solle? Dieser Mensch

besitze die Gunst der Frauen, und im Leben wie im Salon hänge ja

heutzutage der Mann von der Gunst der Frauen ab. Ob es denn aber nicht

zum Himmel schreie, wenn auch das Recht durch Weiberlaunen gemacht

würde!

Der Staatsanwalt rang während dieser Reden die Hände und fuhr sich

durch die langen, dünnen Haare, die verwildert nach allen Seiten hingen.

»Beruhigen Sie sich, Herr Kollege,« sagte =Dr.= Zeunemann

mißbilligend, »bei Fräulein Schwertfeger trifft Ihre Zwangsvorstellung

von der Gunst der Frauen nicht zu, sie hat offenbar eine Abneigung gegen

ihn.«

»Worte!« rief der Staatsanwalt verzweifelt. »Worte, Worte! In der Tat

begünstigt sie ihn. Wahrscheinlich hat sie selbst an ihn geschrieben.

Ist es nicht sonnenklar?« wendete er sich an die beiden Beisitzer.

Diese bestätigten, daß ihnen das Verhalten von Fräulein Schwertfeger

auffallend vorgekommen sei; aber es ließe sich auch anders, zum Beispiel

durch die den Frauen eigentümliche Scheu vor der Öffentlichkeit,

erklären.

»Ach Gott,« jammerte der Staatsanwalt, »wohin soll das führen, wenn ein

so schäbiges altes Muster schon den Scharfblick bewährter Juristen

trüben kann!«

»Lieber Herr Kollege,« sagte =Dr.= Zeunemann, nach der Uhr sehend,

»Sie bedürfen ebenso wie wir des Mittagessens und der Mittagsruhe.

Schlafen Sie ein Viertelstündchen! Und künftig bitte ich Sie die Fragen

zu stellen, die Sie für zweckmäßig halten.«

»Was hilft es, Fragen zu stellen, wenn man mit Lügen abgespeist wird?«

sagte der Staatsanwalt bitter. »Ich weiß jetzt, was ich wissen wollte,

nämlich daß es sich so verhält, wie ich von Anfang sagte: es war kein

Totschlag, sondern vorbedachter Mord. Als er erfuhr, daß sie ihm ihr

Vermögen vermacht hatte, beschloß er sie zu töten, ehe sie etwa, durch

ihre Verwandten beeinflußt, anderen Sinnes werden und das Testament

umstoßen könnte.«

»Soll ich Ihnen Ihre Insinuationen zurückgeben,« sagte =Dr.=

Zeunemann, »und den Argwohn äußern, daß Sie die Dinge durch eine von der

Baronin Truschkowitz aufgesetzte Brille ansehen? Vergleicht man ihre

Reize mit denen des Fräuleins Schwertfeger, so erscheint dieser Verdacht

beinahe begründet.«

Der Staatsanwalt, dem die Neckerei augenscheinlich schmeichelte, mußte

lachen. Indessen, fügte er brummend hinzu, ein Prozeß, bei dem Weiber

beteiligt wären, arte immer in Tratsch aus, es müßten ihm aber alle

bezeugen, daß er von Anfang an der Überzeugung gewesen sei, es handele

sich um Mord.

Ja, sagte =Dr.= Zeunemann, und er bezeuge freiwillig noch dazu, daß

der Staatsanwalt in seine ersten Überzeugungen verliebt zu sein pflege,

wie eine Mutter in ihr Kind, bis das zweite käme und jenes verdrängte.

=VI.=

»Ursula Züger, achtunddreißig Jahre alt, seit neunzehn Jahren im Dienst

der verstorbenen Frau Swieter,« begann der Präsident.

Ursula Züger blickte mit überlegenem Lächeln in die Runde. Ihr dampft

vor Gier nach den Tatsachen, die nur ich berichten kann, schien ihre

Miene zu sagen; fallt nur her über die Beute und sättigt euch, ich

denke, sie soll euch schmecken.

»Sie müssen bei so langem Zusammenleben mit allen Verhältnissen der Frau

Swieter sehr vertraut gewesen sein.«

»Das will ich meinen,« sagte Ursula, »was meine Gnädige angeht, das weiß

ich von Anfang bis zu Ende, das gibt es nicht anders.«

»Hat die Verstorbene zuweilen von der Vergangenheit, ich meine, von der

Zeit ihrer Ehe mit dem Angeklagten, mit Ihnen gesprochen?«

»Hui!« Ursula stieß einen pfeifenden Ton aus, welcher sagen zu wollen

schien, daß dies unzählige Male der Fall gewesen sei. »Namentlich seit

der Zeit, wo sie krank lag, das arme Wurm. Wenn ich dann abends bei ihr

saß, ging das immer: 'Wissen Sie noch dies und das, Urschel? Wissen Sie

noch die Geschichte mit dem Bettler?' Nämlich in der ersten Zeit, als

unser Herr Doktor noch keine Patienten hatte, da kamen ausgerechnet alle

Bettler, die es in der Stadt gab, und einmal ging der Herr Doktor selbst

an die Tür und sagte: 'Sie, guter Freund, ich soll Ihnen was geben?

Also, was haben Sie heute verdient? Na, sagen Sie die Wahrheit:

mindestens eine Mark, mindestens! Sie gehen an der Krücke, haben nur ein

Auge -- schön, sagen wir eine Mark. Ich dagegen nichts. In vier Wochen

habe ich nicht zehn Mark verdient! Aber wenn Sie eine Zigarette wollen

und mir ein bißchen Gesellschaft leisten' -- und da hat er wahrhaftig

einmal einem mit eigener Hand eine Zigarette gedreht, der sah aus, als

ob er geradeswegs aus dem Kehrichtkübel käme, aber sonst ein

verschmitzter, lustiger Kerl, der kam dann alle paar Tage und sagte

gleich, wenn ich die Tür aufmachte, er wolle nichts haben, wolle nur dem

Herrn Doktor ein bißchen Gesellschaft leisten.«

»So,« sagte der Vorsitzende, »Sie tischten der Kranken also lustige

Erinnerungen auf, um sie zu erheitern.«

»Versteht sich,« sagte Ursula. »Schmerzen und Kummer hatte sie ohnehin

genug.«

»Wenn Frau Swieter dem Herrn Doktor nichts nachtrug,« fuhr der

Vorsitzende fort, »sich seiner sogar gern erinnerte, wechselte sie wohl

auch zuweilen Briefe mit ihm?«

»Das dachte ich doch, daß Sie wieder davon anfingen,« sagte Ursula

triumphierend. »Damit ist es aber ein für allemal nichts. Wo wird sie

denn mit ihrem geschiedenen Mann Briefe gewechselt haben? Da hätten sie

ja ebenso gut zusammenbleiben können.«

»Das ist doch ein Unterschied,« setzte der Präsident auseinander. »Es

kann vorkommen, daß man sich entfernt sehr gut verträgt, während man

sich unter einem Dach beständig in den Haaren liegt.«

»Dazu war meine Gnädige eine viel zu feine Dame,« sagte Ursula streng.

»Von In-den-Haaren-liegen war da gar keine Rede und auch nicht von

heimlichen Tuscheleien, nachdem sie einmal auseinander waren. Wenn ich

früher wohl einmal sagte, der Herr Doktor sei doch im Grunde gar kein

schlechter Mensch gewesen, und es sei doch eigentlich schade, wenn er

nun auf eine schiefe Bahn geriete, und auch für uns, weil immer etwas

ging, solange er da war, dann schüttelte meine Gnädige den Kopf und

sagte: 'Wenn wir uns auch heute versöhnten, würden wir doch übers Jahr

wieder auseinandergehen.' Und recht hatte sie, so ein Mann wie der

konnte einmal keine Ruhe geben.«

»Sie sind also der Meinung,« fragte der Vorsitzende, »daß Frau Swieter

weder an den Angeklagten geschrieben, noch von ihm Briefe empfangen

hat?«

»Der Meinung!« wiederholte Ursula mit blitzenden Augen. »Von Meinung

brauchen Sie da gar nicht zu reden, Herr Präsident, denn das weiß ich.

Deswegen bilde ich mir nicht zu viel ein, wenn ich sage, daß der liebe

Gott es nicht besser wissen kann. Erstens kenne ich die Handschrift vom

Herrn Doktor, und weil sie vor einem Jahre krank wurde, hat sie keinen

Brief mehr bekommen, der nicht durch meine Hand ging, und geschrieben

hat sie auch nicht mehr, außer was sie mir oder Fräulein Schwertfeger,

aber meistens Fräulein Schwertfeger, diktierte. Wir haben auch ihre

Briefe auf die Post gebracht.«

»Nun, mein liebes Kind,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Ihre Gnädige war

doch nicht lahm! Wenn sie durchaus wollte, konnte sie auch aufstehen und

sich Schreibzeug holen und schreiben, ohne daß Sie es wußten, und sie

konnte auch zum Beispiel Herrn =Dr.= Kirchner, ihren Arzt, um die

Besorgung eines Briefes bitten.«

»Ja, das scheint Ihnen so, Herr Präsident,« sagte Ursula nachsichtig,

»weil Sie es nicht besser wissen. Aber daß meine Gnädige hinter meinem

Rücken Briefe schrieb und abschickte, das ist ausgeschlossen. Wenn Sie

die Verhältnisse kennten, würde Ihnen so etwas gar nicht in den Sinn

kommen. Nein, und wenn sie auch nicht lahm war, und das war sie

allerdings nicht, so hätte sie doch solche Zeremonien nicht mit mir

gemacht, wo gar keine Veranlassung dazu da war; denn sie hätte ja nur zu

sagen brauchen: 'Ursula, von dem Brief soll niemand etwas wissen, und

Sie sollen es auch nicht wissen.' Und dem Herrn =Dr.= Kirchner

einen Brief mitgeben, darüber muß man wirklich lachen, wenn man die

Verhältnisse kennt. Da hätte sie ja nicht gewußt, ob er ihn nicht ein

halbes Jahr in der Tasche behielte oder auf der Treppe schon verloren

hätte. Und warum hätte sie denn ihre Geheimnisse fremden Leuten

anvertrauen sollen, wo sie doch Fräulein Schwertfeger und mich hatte,

auf die sie sich verlassen konnte? Also das schlagen Sie sich nur aus

dem Kopfe, Herr Präsident, mit den heimlichen Briefen! Was in unserem

Hause vorgegangen ist, das weiß ich, und da konnte nichts vorgehen, was

ich nicht wußte.«

»Sie werden doch zuweilen Besorgungen gemacht haben, liebes Fräulein,«

sagte der Präsident, der sich noch nicht für geschlagen erklären

mochte. »Wissen Sie auch, was in der Wohnung vorfiel, wenn Sie nicht da

waren?«

»Wenn Sie mich damit hereinzulegen denken, wie man so sagt, Herr

Präsident,« antwortete Ursula unerschüttert, »dann sind Sie

ausgerutscht, mit Erlaubnis zu sagen. Wenn ich fort war, konnte am

allerwenigsten etwas vorfallen, weil ich dann nämlich die Wohnungstür

hinter mir abschloß. Meine Gnädige hatte das selbst angeordnet und

gesagt: 'Wissen Sie, Ursula, weil ich doch nicht aufstehen soll, nach

dem, was der Herr Doktor sagt, so ist es am einfachsten, Sie schließen

die Tür ab, damit ich sicher bin, daß niemand hinein kann. Kommt jemand,

so mag er läuten und wiederkommen. Brennen wird es ja nicht gerade,

während Sie fort sind.' Na, was das betrifft, darüber war ich ganz

ruhig, denn wo sollte es brennen, wo ich immer nur in der Frühe oder

nachmittags ausging, wenn kein Feuer im Hause war. Fräulein Schwertfeger

hatte eigens den Wohnungsschlüssel, damit sie zu jeder Zeit hinein

konnte. Also, Herr Präsident, das müssen Sie nun doch einsehen, daß in

meiner Abwesenheit nichts vorfallen konnte.«

»Nur ist in Ihrer Abwesenheit Ihre Herrschaft ermordet worden,« erhob

sich die kreischende Stimme des Staatsanwalts.

Ursula verstummte; aber, wie es schien, mehr erstarrt über die

Dreistigkeit, diese Tatsache anzuführen, als von ihrer Beweiskraft

überwunden. »So weit sind wir noch nicht,« sagte sie endlich, sich

aufraffend. »Ich glaube überhaupt nicht an den Mord, weil es unmöglich

ist, daß etwas in der Wohnung vorfiel, solange ich fort war.«

»Außer wenn Frau Swieter selbst wollte,« warf der Vorsitzende ein.

»Ja, das werden Sie doch aber selbst nicht glauben, Herr Präsident,«

sagte Ursula, wieder in den früheren Gedankengang einlenkend, »daß die

todkranke Frau aufstand und womöglich drei Treppen herunter auf die

Straße lief, nur um unserem Herrn Doktor einen Brief zu schicken, den

ich ihr jeden Augenblick mit dem größten Vergnügen besorgt hätte.«

=Dr.= Zeunemann seufzte. »Verreist sind Sie niemals,« begann er

von neuem, »seit Frau Swieter im vorigen Jahre krank wurde und zu Bette

lag?«

»Nein,« sagte Ursula, »obwohl sie es mir oft angeboten hat und ich ja

auch wußte, daß Fräulein Schwertfeger gerne solange bei ihr gewohnt

hätte, und daß sie ja auch eine Krankenschwester hätte nehmen können.

Aber die hätte doch die Verhältnisse nicht so gekannt wie ich, und wenn

es mir auch leid tat, meine Mutter so lange nicht zu sehen, so habe ich

mir doch gesagt: die Frau hat dich seit neunzehn Jahren nicht verlassen,

so verlasse ich sie auch nicht. Ruhe hätte ich zu Hause auch nicht

gehabt, und ich glaube, ich fände im Grabe keine Ruhe, wenn ich das

arme, kranke Wurm allein gelassen hätte.«

Ursulas laute Stimme wurde unsicher, und sie fuhr sich mit dem

Taschentuch über das Gesicht.

Der Vorsitzende wartete ein wenig und forderte sie dann auf, den

Todestag der Frau Swieter, soweit sie sich erinnern könne, vom Anfang

bis zum Ende zu schildern.

»Gerade an dem Tage,« begann Ursula, »hatte ich gar nichts Böses

vermutet. Die Nacht war nämlich sehr schlecht gewesen, ich hörte sie

stöhnen, lief wohl fünfmal hin und fragte, ob ich den Doktor holen

sollte, aber sie sagte: 'Nein, der hilft mir doch nicht,' und mich

schickte sie auch fort, weil ich es ihr nur schwerer machte. Denn wenn

ich da wäre, sagte sie, müßte sie sich beherrschen.

Der Fall Deruga · 第 6 / 16 段