da? Ich vertrete ja Ihre Interessen, und wenn Sie vernünftig wären,
erzählten Sie von vornherein alles mir, anstatt zur Unzeit und zu Ihrem
Schaden damit herauszuplatzen. Mensch, Sie machen einem, weiß Gott, das
Handwerk schwer.«
»Wenn ich eine alte Freundin nach zwanzig Jahren unverhofft wiedersehe,«
entschuldigte sich Deruga, »komme ich natürlich ins Schwatzen. Sie
hätten mich warnen sollen. Übrigens ist es mir ja gleichgültig.«
In Derugas kleinem, altmodisch eingerichtetem Stübchen war der Tisch
schon bereit, und es brauchte nur ein zweites Gedeck aufgelegt zu
werden. Nachdem der Justizrat seinen ersten Hunger gestillt hatte,
lehnte er sich behaglich zurück und sagte: »Sie scheinen Ihre Frau aber
doch mordsmäßig geliebt zu haben?«
»Wieso?« fragte Deruga kühl. »In den Flitterwochen ist das doch
selbstverständlich. Seitdem habe ich Gott weiß wie viele andere
geliebt.«
»Nun ja,« meinte der Justizrat, »aber man muß doch jedenfalls eine Frau
sehr lieben, um sich ihretwegen in eine solche Klemme zu bringen.«
»Erstens konnte ich das nicht voraussehen,« sagte Deruga, »und zweitens
täte ich das für jeden Menschen, und es ist schlimm genug, daß das nicht
alle tun. Wenn ein Jäger ein angeschossenes Tier nicht möglichst schnell
vollends tötete, würde man ihn mit Recht einen rohen Kerl nennen.
Menschen dagegen sieht man wochenlang, monatelang Qualen leiden, bevor
sie sterben können, und hilft ihnen nicht. Schöne Nächstenliebe! Als ob
man einem überhaupt ein kostbareres Geschenk machen könnte als den Tod!
Ich wäre dem, der mir das Leben abkürzt, wenn ich nicht mehr dazu tauge,
bedeutend dankbarer als denen, die es mir gegeben.«
»Das hat denn doch seine zwei Seiten, mein Lieber,« sagte der
Justizrat. »Da könnte schließlich jeder Neffe seinen reichen Erbonkel
umbringen und behaupten, er habe es aus Nächstenliebe getan.«
Deruga schoß das Blut ins Gesicht. »Was meinen Sie damit?« sagte er.
»Das ist eine gemeine Anspielung, die ich mir verbitte.«
»Erlauben Sie,« sagte der Justizrat besänftigend, »das war ganz sachlich
geredet, und wenn Sie empfindlich sind, kommen wir nicht weiter. Der
Mensch ist einmal ein Kentaur, und außer guten Antrieben gibt es auch
schlechte. Und wenn einer eine Person tötet, deren Tod ihm Vorteil
bringt, so muß man wenigstens mit der Möglichkeit rechnen, er habe es
mindestens zum Teil des Vorteils wegen getan.«
»Sie wissen,« sagte Deruga, »daß ich von dem Testament meiner Frau keine
Ahnung hatte.«
»Das heißt, Sie haben es mir gesagt!« berichtigte der Justizrat
gelassen.
»Wenn Sie meinen Worten nicht glauben,« rief Deruga außer sich, »so
spreche ich überhaupt nicht mehr mit Ihnen. Was fällt Ihnen ein, meine
Verteidigung zu übernehmen, wenn Sie mich für einen gemeinen Raubmörder
halten? Das ist unanständig gehandelt, ebenso unanständig, wie wenn ich
meine Frau umgebracht hätte, um sie zu beerben. Und unanständig ist es,
unter der Maske des Wohlwollens und der Zuneigung mit mir zu verkehren.«
Er war graubleich im Gesicht geworden und hatte unwillkürlich mit der
schlanken, braunen Hand den Griff seines Messers erfaßt.
»Ja, hören Sie mal,« sagte der Justizrat gutmütig, »wollen Sie mir
eigentlich zwischen Käse und Kaffee die Kehle durchschneiden? Sie sind
ein rabiater Italiener, und ich sollte mir jedesmal einen Blechpanzer
unterschnallen, bevor ich zu Ihnen gehe.«
»Bevor Sie mich beleidigen, allerdings,« gab Deruga zurück; »nur würde
Ihnen das wenig nützen.«
»Ist das eine Beleidigung,« fuhr der Justizrat fort, »wenn ich sage, ich
halte es für möglich, daß Sie von dem Testament Ihrer Frau Bescheid
wußten? Sage ich denn, daß dieser Umstand Sie zur Tat bewog? Ich sage
nur, man muß die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß dieser Umstand
mitwirkte.«
Deruga ließ das Messer auf den Tisch fallen und lehnte sich müde in
seinen Stuhl zurück. »Die Möglichkeit ist deshalb ausgeschlossen,« sagte
er, »weil die Voraussetzung fehlt. Sie wissen, daß das Testament mich
nicht beeinflussen konnte, weil ich keine Ahnung davon hatte. Sie wissen
das, weil ich es Ihnen sagte und Sie mir glauben müssen. Das sogenannte
Publikum, das dumm ist und mich nicht kennt, braucht mir nicht zu
glauben, aber von Ihnen verlange ich es.«
Der Justizrat schwieg eine Weile und sagte dann: »Versuchen Sie, mein
Bester, einmal einen Teil der Gerechtigkeit selbst zu üben, die Sie von
anderen in so reichem Maße verlangen! Ich habe erst seit kurzem das
Vergnügen, Sie zu kennen, und zwar lernte ich Sie unter sehr
zweideutigen Umständen kennen. Viel Gutes hört man nicht von Ihnen. Sie
führen ein Lotterleben, arbeiten nur, wenn Sie keinen Pfennig mehr in
der Tasche haben, obwohl Sie einen einträglichen Beruf und viel Verstand
haben. Sie haben sich absichtlich verkommen lassen, sind sozusagen ein
mutwilliger Vagabund. Wäre es nicht leichtfertig oder dumm von mir, wenn
ich Ihnen durch dick und dünn glaubte, auch wo etwa Tatsachen oder
berechtigte Mutmaßungen dagegen sprechen? Wären Sie nicht der erste,
mich allenfalls auszulachen und zu sagen: Der Fein ist ein echter
Deutscher, dumm wie eine Kartoffel?«
Deruga wandte dem Justizrat mit einem liebenswürdigen Lächeln das
Gesicht wieder zu. »Für einen Deutschen sind Sie wirklich ziemlich
gescheit,« sagte er, »und dabei ein ganz guter Kerl. Aber ich sehe nicht
ein, warum Sie mich nicht die Wahrheit sagen ließen. Dann wäre diese
langweilige und ekelhafte Geschichte schon zu Ende.«
Der Justizrat sah gedankenvoll in den Rauch seiner Zigarre und
schüttelte den Kopf. »Ich habe Ihnen nach bester Überzeugung geraten,«
sagte er. »Daß Sie die Tat aus reinen, edlen Motiven begangen haben,
hätten Sie nicht beweisen können; umgekehrt kann man Ihnen nicht
beweisen, daß Sie sie überhaupt begangen haben, es müßten sonst noch
ganz unvorhergesehene Indizien herauskommen. Ich denke also, wenn Sie
konsequent leugnen, bringe ich Sie durch. Und das ist doch besser als
ein paar Jahre Gefängnis, wenn Sie vielleicht auch einen ganz
gemütlichen Diogenes darin vorgestellt hätten. So wagen wir einen hohen
Einsatz, können aber auch einen hohen Gewinn davontragen; im anderen
Falle bekämen wir auch im besten Falle nur Stückwerk!«
»Und Sie sind kein Flickschneider, sondern ein Kleiderkünstler,« sagte
Deruga. »Ich gehöre aber eigentlich in die Bude des Flickschneiders.«
»Ein echter Italiener kann ebensogut den Lazzarone wie den Edelmann
spielen,« sagte der Justizrat. »Wenn Sie erst frei und im Besitze Ihres
Vermögens sind, werden Sie diesen kurzen Schmerz vergessen und womöglich
ein neues Leben anfangen.«
»Ein neues Leben anfangen?« lachte Deruga. »Mit sechsundvierzig Jahren!
Als ob ich nicht längst genug und übergenug davon hätte!«
»Na, da will ich Ihnen weiter nicht hineinreden,« sagte der Justizrat.
»Sie können ja auch weiter lumpen. Jedenfalls leuchtete Ihnen mein Rat
damals ein, und Sie haben ihn aus freien Stücken angenommen.«
»Ich tue alles, was Sie wollen, damit die Baronin Truschkowitz, diese
niederträchtige Person, das Vermögen nicht bekommt,« sagte Deruga. »Wäre
das nicht, ich ließe mich ruhig köpfen oder ins Zuchthaus sperren. Das
Leben ist einen solchen Kampf nicht wert.«
=IV.=
Auf der von unsicheren Frühlingssonnenstrahlen durchflackerten, breiten
Straße, die auf die Front des Justizgebäudes führte, stieß =Dr.= von
Wydenbruck auf den Oberlandesgerichtsrat Zeunemann, stellte sich vor und
sprach seine Bewunderung über die Art aus, wie der Oberlandesgerichtsrat
die Verhandlung führte. Er sei für den Einblick in eine komplizierte
Psyche, der ihm da gewährt würde, sehr erkenntlich, und er sei
überzeugt, =Dr.= Zeunemann werde noch immer mehr in ihre Tiefen und
Untiefen hineinleuchten.
»Ich pflege meine Fragen so zu stellen,« sagte der
Oberlandesgerichtsrat, »daß alles auf den Fall Bezügliche an äußeren und
inneren Tatsachen von selbst hervorkommt. Nicht mit Hebeln und
Schrauben, wissen Sie, sondern unwillkürlich, wie sich ein Blatt
entrollt.«
»Ja, ich habe das bemerkt,« sagte =Dr.= von Wydenbruck entzückt,
»es ist wundervoll. Sie schaffen gewissermaßen nur die geeignete
Atmosphäre, und das Spiel des Lebens entfaltet sich. Bisher haben Sie
die Bestrahlung des Tages vorwalten lassen, vielleicht lassen Sie es
auch einmal Nacht werden, lassen die Schatten aus dem Hades der Seele
aufsteigen.«
»Sie sind Psycholog und wollen Ihre Studien machen?« sagte =Dr.=
Zeunemann.
»Von Ihrer reichbesetzten Tafel fällt vieles ab,« erwiderte =Dr.=
von Wydenbruck verbindlich.
Sie blieben auf der breiten Freitreppe stehen, um das Gespräch zu
beenden, während es drei Uhr schlug. »Ich kann dazu nicht so viel tun,
wie Sie glauben,« erklärte der Oberlandesgerichtsrat. »Ohne Seelenkunde
kann allerdings heutzutage kein Kriminalist auskommen, aber ich sage mit
Absicht 'Seelenkunde', um auszudrücken, daß es sich nach meiner Meinung
um keine eigentliche Wissenschaft handelt, sondern um ein angeborenes
Gefühl, man könnte es Genialität nennen. Ich lasse mich weit mehr von
meinem Gefühl als von Berechnung leiten; Sie werden sich wundern, eine
solche Ansicht von einem Juristen zu hören.«
Während Herr =Dr.= von Wydenbruck Verwunderung und Bewunderung
ausdrückte, hatte sich der Schwurgerichtssaal gefüllt, und einer von den
Geschworenen, Geflügelzüchter Köcherle, fragte den Obmann der
Geschworenen, Kommerzienrat Winkler, neben dem er saß, wer die feine
Dame mit der langgestielten, goldenen Lorgnette in der ersten Reihe des
Zuschauerraums sei.
»Das ist doch die Baronin Truschkowitz, die die ganze Geschichte in Gang
gebracht hat,« sagte der Kommerzienrat. »Kennen Sie denn die nicht?«
»So sieht die aus?« rief der andere erstaunt aus. »Die hätte ich mir
sehr schäbig und unterernährt vorgestellt, weil sie von der dürftigen
Lage ihrer Kinder redet, und wie sie sich durchs Leben kämpfen müßten.«
»Der Adel,« sagte der Kommerzienrat, die Achsel zuckend, »hat eben
andere Begriffe von dem, was man braucht und beanspruchen darf.
Übrigens, wenn einer, der viel hat, noch mehr haben kann, sagt er nie
Nein.«
Der Geflügelhändler gab das zu, aber er fand es doch geschmacklos, sich
so kostbar zu tragen, wenn man so redete, als wimmerten seine Kinder
nach dem täglichen Brot.
»Ihre Toilette ist aber geschmackvoll,« bemerkte ein anderer.
»Und teuer,« setzte der Kommerzienrat hinzu, indem er einen schätzenden
Blick über die Dame gleiten ließ.
»Der Reiherbusch auf dem Hut etwa hundert Mark, die Brillanten im Stiel
der Lorgnette vielleicht tausend Mark.«
»Sind es echte Brillanten?« fragte der Geflügelzüchter mit großen Augen.
»Ja, das Feuer haben nachgeahmte Steine nicht,« sagte der Kommerzienrat
beinahe hitzig. »Wenn man auch dahin kommt, Brillanten künstlich
herzustellen, so stimmt es meinetwegen nach der chemischen Formel, aber
das Feuer der natürlichen Steine ist anders. Das lasse ich mir nicht
abstreiten. Die Natur ist eben doch unerreichbar.«
»Sind das denn auch Brillanten, die sie auf dem Hut hat?« fragte der
Geflügelzüchter.
»Bewahre,« antwortete der Kommerzienrat mißbilligend, »dazu weiß eine
solche Dame zu gut Bescheid in Geschmacksfragen. Das ist eine moderne
Phantasieagraffe, die etwa fünfzig Mark gekostet hat. Aber Sie sind ja
das reine Kind in solchen Sachen!«
»Stimmt,« gab der Geflügelzüchter zu, »wenn meine Frau nicht ein bißchen
nach mir schaute, wäre ich von einem Bauernknecht nicht zu
unterscheiden. Und ich will Ihnen ganz offen sagen, was man so eine
elegante Frau von Welt nennt und eine sogenannte Demimonde-Dame, kenne
ich nicht auseinander.«
»Was Sie sagen,« rief der Kommerzienrat. »Aber das gibt es ja gar nicht!
Da muß man sich doch auskennen.«
»Was ist denn zum Beispiel die Truschkowitz für ein Typus?« fragte der
Geflügelzüchter. »Steht das nicht ungefähr auf der Grenze?«
»Ich bitte Sie,« sagte der Kommerzienrat, vor Schreck und Ärger
errötend, »das ist eine ganz feine Frau von Welt! Der Anzug ist der gute
Ton und die Diskretion selbst.«
»Na, wissen Sie,« wandte der andere ein, »eine gescheite Demimonde-Dame
sollte das doch nachmachen können. So etwas lernt sich doch bald.«
»Nein,« beharrte der Kommerzienrat, noch immer rot und erregt. »Ein
gewisses Etwas lernt sich eben nicht. Es läßt sich nicht lernen, weil es
sich nur fühlen läßt. Da gibt ein Atom den Ausschlag.«
Der eintretende Gerichtshof unterbrach das Zwiegespräch, Frau Hauptmann
Schmid wurde wieder vorgeführt, und nachdem der Vorsitzende sie nochmals
ermahnt hatte, die Wahrheit zu sagen und nichts zurückzuhalten, faßte er
das Ergebnis ihrer bisherigen Aussage zusammen:
»Bald nach seiner Verheiratung mit seiner um einige Jahre älteren Frau
bezog der Angeklagte eine Sommerwohnung bei Ihren Großeltern in Laibach.
Die Derugas machten den Eindruck eines glücklichen Paares, dessen Glück
immerhin getrübt wurde durch gewisse Eigenheiten des Mannes, namentlich
seine an Jähzorn streifende Heftigkeit und seine Neigung zur Eifersucht.
Soweit Sie wissen, war eine Eifersucht unbegründet. Nicht wahr, ich habe
Sie recht verstanden.«
»Darüber kann ich doch unmöglich etwas wissen,« sagte Frau Schmid. »Denn
es handelte sich ja um Vergangenes. Daß die arme Marmotte einen anderen
gern gehabt hat, kann ja leicht sein, sie war ja gewiß schon dreißig
Jahre alt, und ich glaube es sogar; denn der Doktor wäre doch närrisch
gewesen, wenn er die Geschichte erfunden hätte, um sie und sich damit zu
plagen.«
»Sie sagten doch aber heute morgen einmal,« hielt ihr =Dr.=
Zeunemann vor, »Sie hielten es für ausgeschlossen, daß Frau =Dr.=
Deruga sich jemals hätte etwas zuschulden kommen lassen.«
»Zuschulden kommen lassen,« wiederholte Frau Schmid, »davon ist doch
keine Rede. Mein Gott, man wird doch einmal einen gern haben dürfen,
ohne daß einem gleich daraus der Strick gedreht wird. Ich habe doch
auch unser Doktorchen gern gehabt -- nun, das Gefühl ist im Keime
steckengeblieben --, aber wenn es auch einmal einen Kuß gegeben hätte,
was wäre dabei? Den Allzuzimperlichen traue ich am wenigsten.«
»Sie haben aber keinen Anhaltspunkt dafür,« sagte =Dr.= Zeunemann,
»daß die damalige Frau Deruga etwaige frühere Beziehungen derzeit noch
fortgesetzt hätte?«
»Bewahre!« rief Frau Hauptmann Schmid fast schreiend, »was meinen Sie
denn, dann wäre sie ja eine ganz infame Kröte gewesen! Da brauchen Sie
nur Herrn Doktor selbst zu fragen, der wird es Ihnen schon sagen. Ich
glaube, er spränge Ihnen gleich an die Kehle, wenn Sie ihn so etwas
fragten!«
=Dr.= Zeunemann konnte nicht umhin zu lächeln. »Darum halte ich
mich lieber an Sie,« sagte er. »Sie halten also für möglich, daß Frau
Deruga vor ihrer Verheiratung einmal eine Neigung hatte, sind aber
überzeugt, daß derzeit jede etwaige Beziehung gelöst war. In Anbetracht
des Umstandes, daß der Angeklagte sich als Arzt zuerst in Linz
niederließ, gab er im Dezember die Sommerwohnung bei Ihren Großeltern
auf. Haben Sie später noch im Verkehr mit ihm und seiner Frau
gestanden?«
»Sie schickten eine Anzeige von der Geburt des kleinen Mädchens,« sagte
Frau Schmid, »das nachher starb. Die Anzeige ließ ich mir von der
Großmutter schenken und habe sie noch. Ich hatte immer das Gefühl, daß
es besondere Menschen wären, und wartete lange darauf, daß sich etwas
Besonderes mit ihnen begeben würde. Daß es so käme, dachte ich freilich
nicht.«
Nachdem noch einige Fragen über die Besuche, die Derugas empfingen, und
über ihren Geldverbrauch gestellt waren, wurde Frau Hauptmann Schmid
entlassen, und ein eleganter Herr von etwa sechsunddreißig Jahren folgte
ihr. Er sah so überaus tadellos aus, daß er an eine Figur aus dem
Modeblatt erinnerte, und auch sein Gesicht hatte einen dementsprechenden
regelmäßigen Zuschnitt; nur war es nicht glatt und rosig, sondern
blaßgrau, müde und etwas eingefallen.
Er machte eine Verbeugung, durch welche er dem Gerichtshof den Respekt
zuteilte, den er jeder staatlichen Einrichtung, wie weit er persönlich
auch darüber stehen mochte, zugestand, und ließ unter anderen
Personalien feststellen, daß er Peter Hase heiße und in München wohnhaft
sei. Dann wurde er aufgefordert mitzuteilen, wie er die Bekanntschaft
des Angeklagten gemacht habe.
»Wir wurden einander im Kavalier-Café, wo er verkehrte, vorgestellt. Es
ist kein Café ersten Ranges, aber ein sehr behagliches Lokal und
ziemlich viel von Künstlern besucht, weil es eigentlich für
Nichtkünstler gegründet wurde. Deruga ist dort sehr bekannt, und ich
hatte öfters von ihm als von einer eigentümlichen Persönlichkeit und
einem guten Gesellschafter sprechen hören, so daß ich mich freute, ihn
kennenzulernen. Er hatte einen bestimmten Platz an einem bestimmten
Tisch, wo sich ein ziemlich gemischter Kreis um ihn zu versammeln
pflegte.«
»Waren Herren aus der Gesellschaft darunter?« fragte der Vorsitzende.
»Sowohl solche wie andere,« antwortete Peter Hase, »hauptsächlich aus
der Bohème.« Er sprach das Wort so unbetont aus, daß es unmöglich
gewesen wäre, herauszufühlen, ob er Verachtung oder Sympathie oder sonst
was für den Begriff empfand. Überhaupt hatte er etwas vollkommen
Beziehungsloses; er schien keine Umwelt als leere, weiße Mauern zu
haben.
»Traten Sie in ein intimeres Verhältnis zu Deruga?« sagte =Dr.=
Zeunemann.
»Das nicht,« sagte Herr Hase, ohne die Zumutung, er könne zu irgend
jemandem in intimere Verhältnisse treten, im allermindesten zu rügen,
»aber er interessierte mich immer, wenn ich ihn sah.«
»Darf ich Sie bitten,« sagte der Vorsitzende, »jetzt den Auftritt zu
schildern, der zwischen Ihnen und Deruga in dem erwähnten Café
stattfand?«
Herr Hase verbeugte sich zustimmend. »Erlauben Sie mir die
Richtigstellung,« begann er, »daß von einem Auftritt zwischen =Dr.=
Deruga und mir insofern nicht die Rede sein kann, als ich mich in keiner
Weise aktiv dabei beteiligt habe. Es hatte damals ein Grubenunglück
stattgefunden, bei welchem eine Anzahl Arbeiter verunglückt waren, und
es wurde für die Hinterbliebenen gesammelt. An jenem Nachmittag kam eine
Dame mit einer Liste für Unterschriften und Beiträge in das Café.«
»Eine Dame?« fragte der Vorsitzende.
»Eine Frau, wenn Sie lieber wollen,« sagte Herr Hase, »sie war sehr
dürftig gekleidet. Sie näherte sich unserem Tisch, und da ich zunächst
saß, gab ich ihr durch eine Handbewegung oder ein Kopfschütteln zu
verstehen, sie solle sich nicht bemühen; denn ich finde Sammlungen jeder
Art in Vergnügungslokalen unpassend. =Dr.= Deruga, der im Besitz
einer außerordentlichen Beobachtungsgabe ist, hatte den kleinen Vorgang
bemerkt und rief die Dame oder Frau, die im Begriffe war weiterzugehen,
zurück. 'Warum kommen Sie nicht zu uns, liebes Kind?' sagte er. 'Kommen
Sie, wir möchten auch etwas zeichnen.' Dann überhäufte er mich mit
Vorwürfen, daß ich die Dame eigenmächtig, ohne die Absicht der
Gesellschaft zu kennen, verscheucht hätte. Um der Sache ein Ende zu
machen, griff ich schnell nach der Liste, zeichnete einen Betrag und gab
sie weiter. Als sie an Deruga kam, überlas er die Einträge und ärgerte
sich, wie ich sofort an seinem Gesicht sehen konnte, über ihre
Geringfügigkeit. 'Sehen Sie, liebes Kind,' sagte er zu der Dame, 'diese
Herren hier sind reich und haben infolgedessen, da sie sich Häuser
bauen, Autos halten und Sekt trinken müssen, kein Geld für
Arbeiterfrauen und Arbeiterkinder übrig, deren es ohnehin zu viele gibt.
Ich dagegen bin arm, sollte mich eigentlich aufhängen und brauche
infolgedessen nur einen Strick, der wenig kostet; daher bin ich in der
Lage, dreihundert Mark zu zeichnen, die ich Sie in meiner hier
angegebenen Wohnung abzuholen bitte. Übrigens können Sie einstweilen als
Pfand diese Nadel hier mitnehmen.' Er zog dabei eine eigentümliche,
augenscheinlich sehr wertvolle Nadel aus seiner Krawatte und händigte
sie der Dame ein, die, ohnehin durch sein Benehmen in Verlegenheit
gesetzt, sich weigerte, sie anzunehmen, aber endlich nachgeben mußte.
Ein paar von den Herren, die =Dr.= Deruga besser kannten als ich,
sagten zu ihm, wenn jeder etwa fünf Mark zeichnete, käme genug zusammen;
es sei doch nicht die Absicht, die hinterbliebenen Arbeiterfrauen
reicher zu machen, als man selbst sei. Er solle Vernunft annehmen und
eine seinen Verhältnissen angemessene Summe geben. Dadurch reizten sie
=Dr.= Deruga noch mehr, er wurde wütend und sprudelte im Zorne
allerlei Äußerungen hervor, die ich natürlich nur ganz ungefähr
wiedergeben könnte.«
Der Vorsitzende bat dies zu tun, soweit es sein Gedächtnis erlaubte.
Herr Hase verbeugte sich zustimmend. »Er sagte also ungefähr so: 'Meine
Verhältnisse? Was wissen Sie von meinen Verhältnissen? In Ihren Augen
bin ich ein armer Teufel, und Sie glauben deshalb sich über mich zu
amüsieren und mich bevormunden zu können. Sie sehen eine Art Hofnarren
in mir, der dazu da ist, Sie zu unterhalten, übrigens aber keine
Ansprüche zu stellen hat. Ich könnte ebenso wie Sie eine reiche Frau
heiraten und wäre dann in denselben Verhältnissen wie Sie. Übrigens habe
ich das nicht einmal nötig, denn ich kann jederzeit über das Vermögen
meiner geschiedenen Frau verfügen. Nach ihrem Tode werde ich ein reicher
Mann und wahrscheinlich ebenso geizig und habgierig wie Sie jetzt; also
nehmen Sie mein Geld, solange ich noch arm bin, liebes Kind!' Ich bitte
übrigens nochmals zu bedenken,« setzte Herr Hase hinzu, »daß ich
erzähle, was die Erinnerung mir aufbewahrt hat oder mir vorspiegelt. Das
beste wird sein, wenn Sie =Dr.= Deruga selbst befragen, ob er die
von mir wiedergegebenen Worte als die seinigen anerkennt.«
Der Vorsitzende hatte kaum den Kopf nach Deruga gewendet, als dieser
vergnügt ausrief: »Vorzüglich war die ganze Schilderung und eines so
ausgezeichneten Schriftstellers würdig. Ich mache einen viel besseren
Eindruck darin, als ich für möglich gehalten hätte. Wahrscheinlich habe
ich alles das gesagt, nur hat Herr Hase, anständig wie er ist, alle die
Beschimpfungen weggelassen, die ich ihm persönlich an den Kopf geworfen
habe, über seine Herzlosigkeit, Verlogenheit, Nichtigkeit und so
weiter.«
»Ich habe weggelassen, was nicht unbedingt zur Sache gehört,« sagte
Herr Hase gegen den Präsidenten gewendet, »allerdings hätte ich seine
Ausfälle gegen mich vielleicht nicht ganz unterdrücken sollen, weil
daraus deutlich wird, wie sehr er im Augenblick der Erregung unter der
Herrschaft seines Temperaments steht, und man nur sehr bedingterweise
Schlüsse aus den Äußerungen ziehen darf, die er in solchen Augenblicken
tut.«
»Ich bitte um die Erlaubnis,« sagte Justizrat Fein, aufstehend, »dieser
sehr richtigen Bemerkung des Zeugen eine ähnliche hinzuzufügen. Das
Ergebnis der eben vernommenen Aussage ist hauptsächlich, daß man Deruga
überhaupt nicht zu ernst nehmen darf. Man muß in Italien gewesen sein
und die Italiener kennen, um ihn richtig zu beurteilen. Seine Reden
erinnern zuweilen an das Pathos, mit dem ein italienischer Quacksalber
auf dem Markte seine Hühneraugenpflaster anpreist: 'Meine Damen und
Herren, und wenn Ihr leiblicher Bruder hier stünde, er könnte Sie nicht
ehrlicher bedienen, als ich es tue. Nicht um meinetwillen, um
Ihretwillen stehe ich hier, denn was bedeuten die paar Pfennige, die
Sie mir geben, gegen das, was ich Ihnen verschaffe, ein schmerzloses
Dasein, einen sieghaften Gang, die Gunst der Frauen, die Bewunderung der
Männer!'«
Während im Publikum gelacht wurde, legte =Dr.= Zeunemann seine
Stirn in leichte Falten und sagte: »Man darf immerhin nicht vergessen,
daß die Italiener als schlaue Leute von ihren nationalen
Eigentümlichkeiten sehr guten Gebrauch zu machen wissen, und daß, wer
häufig Masken trägt, deshalb doch ein Gesicht hat, wenn auch mitunter
schwer zu entscheiden sein mag, welches das echte ist. Ich will aber
jetzt nicht Philosophie treiben, sondern Tatsachen feststellen, und da
möchte ich darauf hinweisen, daß uns von dem Angeklagten noch ähnliche
Aussprüche bekannt geworden sind, die er in vollständigem seelischem
Gleichgewicht machte. Ferner möchte ich wissen, ob der Angeklagte damals
die gezeichnete Summe gezahlt hat?«