»Nein, natürlich nicht,« antwortete Frau Schmid, »sie war ja aus

Bosnien; aber sie war eine sehr schöne Frau und übrigens auch gebildet,

nur nicht in den Wissenschaften.«

»Und Ihre Eltern?« fragte der Vorsitzende.

»Ja, meine Eltern waren auch von dorther,« sagte die Frau Hauptmann ein

wenig errötend; »aber sie waren zu früh gestorben, als daß ich mich

ihrer hätte erinnern können, und ich sah eigentlich den Großvater und

die Großmutter als meine Eltern an. Also, um in meiner Erzählung

fortzufahren, als der Großvater das sagte, geriet die Großmutter in eine

Furie und sagte, das Lusthaus hätte der Kaiser Joseph oder Ferdinand

oder Maximilian, das weiß ich nicht mehr, für seine Geliebte gebaut, da

in dieser Gegend noch lauter Wald und Heide gewesen wäre, und es wäre

noch etwas Malerei an der Decke und eine steinerne Vase, wenn auch

zerbrochen, an der Treppe. Außerdem wolle sie es den Leuten gar nicht

aufschwatzen, nur zeigen; sie könnten ja die Augen auftun und mit Gott

wieder heimgehen, wenn es ihnen nicht paßte. Wenn die Großmutter in der

Furie war, sah sie sehr majestätisch aus; sie hatte eine gebogene Nase,

wie ein Papagei, aber schöner, Augen wie Diamanten und dickes weißes

Haar, das wie ein Schneeberg über ihrem Kopfe stand. Um sie zu

begütigen, half der Großvater doch mit bei der Anzeige, und sie lautete

schließlich so: 'Hier ist ein fesches Sommerhaus zu vermieten, auch

winters brauchbar, wenn es beliebt. Es liegt im Grünen und hat einige

Möbel. Besonders geeignet für ein junges Ehepaar.' Die Großmutter wollte

nämlich zuerst schreiben: 'für ein Liebespaar.' Da wurde aber der

Großvater beinahe böse und sagte, die Großmutter würde ihn noch um Ehre

und guten Namen bringen, und sie wäre ärger als eine Zigeunerin. Da gab

die Großmutter nach, denn sie hatte eine große Hochachtung für des

Großvaters Vornehmheit und Weltkenntnis, und es wurde statt dessen das

'junge Ehepaar' gesetzt.«

»Und auf diese Anzeige hin kamen Herr =Dr.= Deruga und seine Frau?«

fragte der Vorsitzende. »Wann war das?«

»Vor zweiundzwanzig Jahren, wie ich schon sagte,« antwortete Frau

Schmid; »es mag im Mai gewesen sein.«

»Juli war es,« sagte Deruga, »denn die Linde, unter der wir abends

saßen, duftete, und der Rosentriumphbogen über der Gartenpforte blühte,

als wir das erstemal hindurchgingen.«

Alle blickten erstaunt nach dem Angeklagten, dessen wohllautende Stimme

und melodischer Tonfall jetzt erst auffielen; was er sagte, hatte fast

wie ein kleines Lied geklungen.

Die farbenprächtige Frau zeigte wieder eine Neigung auf ihn zuzulaufen,

unterdrückte sie aber und sagte nur: »Recht haben Sie, es war Juli! Sie

wissen es am besten und könnten überhaupt alles viel besser und schöner

erzählen als ich.«

»Schräg über unserem Pavillon stand das Sternbild des Wagens,« sagte

Deruga, »und wenn wir nachts Hand in Hand nach Hause kamen, Mingo und

ich, sah ich ihn an und dachte: Wie bald, fliegender Wagen der Zeit,

wirst du uns von diesen schnellen, törichten Augenblicken fortführen in

das namenlose Dunkel.«

»Ja, etwas Ähnliches muß ich wohl mal von Ihnen gehört haben,« fiel Frau

Schmid lebhaft ein; »denn im folgenden Sommer, wenn der Wagen am Himmel

stand, sah er mir immer so leer aus, und doch hatte ich sonst auch

niemand darin sitzen sehen, natürlich.«

»Sie haben also noch zuweilen an uns gedacht, Brutta?« fragte Deruga.

Frau Hauptmann Schmid zog ihr Taschentuch und brach in Tränen aus.

»Ach,« schluchzte sie, »das greift mir ans Herz, wenn Sie mich bei dem

Namen anreden. Es nennt mich ja seit Jahren niemand mehr so, denn der

Großvater und die Großmutter sind lange tot, und ich möchte gar nicht

wieder hin nach dem alten Hause. Wer weiß, ob der Wagen noch

darübersteht!«

Der Vorsitzende nahm jetzt den Faden des Verhörs wieder auf, indem er

Frau Schmid bat, sich zu beruhigen, und sie fragte, ob die Eheleute

Deruga den Eindruck eines glücklichen Paares gemacht und ob sie ihren

Großeltern gefallen hätten.

»Und wie!« sagte Frau Schmid, »besonders der Doktor. Das heißt, dem

Großvater gefiel die Frau besser, aber er hielt sich zurück. Dagegen,

wenn die Großmutter einen leiden mochte, dann merkte man's. Und vom

ersten Augenblick an sagte sie, das wäre ein Mann für mich gewesen.«

»Wie kam sie darauf?« fragte =Dr.= Zeunemann. »Erwies er Ihnen

Aufmerksamkeiten?«

»Keine Spur!« sagte Frau Schmid. »Er spaßte nur mit mir, wie das so

seine Art war. Zum Beispiel sagte er mir immer, ich wäre so häßlich, daß

man mich nur mit einem Auge ansehen könnte, sonst hielte man es nicht

aus; und wenn ich ihm in den Weg kam, kniff er ein Auge zu, bald das

eine, bald das andere. Um sie zu schonen, wie er sagte. Die Grimassen,

die er dabei schnitt, waren zu komisch, daß ich nicht aufhören konnte zu

lachen, und die Großmutter lachte auch; aber sie ärgerte sich doch ein

bißchen. Das ließ sie übrigens nie an ihm aus, sondern an mir, wie ich

denn überhaupt, um die Wahrheit zu sagen, viel von ihr ausgestanden

habe; denn sie war rasch und zornig, obwohl sonst eine herrliche Frau,

die ich bis an mein Lebensende lieben und verehren werde.«

»Empfanden Sie das Benehmen des Angeklagten nicht als unzart?«

erkundigte sich der Vorsitzende.

»Bewahre!« sagte Frau Schmid. »Wenn einem auf solche Weise gesagt wird,

daß man häßlich ist, glaubt man hübsch zu sein. An Heiraten habe ich nie

gedacht, er hatte ja eine Frau, und noch dazu eine, die ich

schwärmerisch verehrte. Die Großmutter gewann sie erst allmählich lieb,

dann aber war sie fast mehr in sie als in den Doktor verliebt. Anfangs

hatte sie allerlei an ihr auszusetzen: sie wäre zu alt für den

Doktor -- tatsächlich zählte sie ein paar Jahre mehr --, und namentlich

wäre sie nicht feurig genug für einen so hübschen und reizenden Mann.

Ihr Gesicht wäre nicht übel, wenn man genau zusähe, aber ihre Augen

wären zu sanft und dadurch langweilig. Immer gleiche Freundlichkeit wäre

wie Milchbrei; müßte man den täglich essen, würde einem übel. Dagegen

ein gut gepfeffertes und gezwiebeltes Gulasch würde einem nie zuwider.

Nur eins ließ meine Großmutter an ihr gelten; das war ihr Nacken. Die

arme Frau trug nämlich immer den Hals frei, obschon das damals nicht so

in der Mode war wie heutzutage, und wenn sie durch den Garten ging,

leicht, wie wenn sie Flügel an den Füßen hätte, sagte meine Großmutter:

'Übrigens gefällt sie mir nicht, aber ich möchte sie einmal auf den

Nacken küssen.'

Eines Tages, es muß im Oktober gewesen sein, weil wir die Trauben

abgenommen hatten, war die Großmutter besonders schlechter Laune wie

jedes Jahr bei der Traubenernte. In der Zwischenzeit bildete sie sich

nämlich ein, daß sie süß wären, und kam die Zeit heran, waren sie doch

wieder sauer. Morgens beim Frühstück gab sie mir eine Ohrfeige, weil ich

die Kaffeetasse umgeworfen hatte. Das heißt, sie hatte mir einen Stoß

gegeben, aber sie sagte, das wäre keine Entschuldigung, denn ich hätte

sie dumm angeglotzt. Bei der Gelegenheit sagte sie mir auch, wenn ich

wenigstens gescheit wäre, so möchte es hingehen, aber häßlich und dumm,

da könne es einen nicht wundern, daß der Doktor mich nicht genommen

habe; daß er mich als unverheirateter Mann gar nicht gekannt hatte und

mich aus dem Grunde gar nicht hätte heiraten können, leuchtete ihr

niemals ein. In der Küche stellte ich mich auch an wie ein Tölpel, sagte

sie, und doch hinge vom Kochen das Glück der Ehe ab, und daß sie große

Stücke darauf hielt, danke ich ihr noch tagtäglich, wenn mein Mann sagt,

in den feinsten Hotels von Wien und Prag schmecke es ihm nicht so gut

wie zu Hause, und doch ist er weit herumgekommen und versteht sich

darauf.

An dem Tage nun wollte ich einen Risotto machen, und weil ich schon

einmal einen unter der Aufsicht der Großmutter gemacht hatte, dachte

ich, dabei würde es mir gewiß nicht fehlen. Ich schnitt also meine

Zwiebeln und Leber und alles und richtete das Zeug an, und plötzlich

fiel mir ein, daß ich Hunger hätte, und daß gewiß noch eine Traube

hängen geblieben wäre, die ich mir holen könnte, ohne daß die Großmutter

es merkte. Ich schüttete noch ein wenig Fleischbrühe nach und dachte,

auf die Art könnte ich es ruhig eine Weile gehen lassen. Eigentlich

nämlich muß der Risotto fortwährend gerührt werden, und das wußte ich

gut genug; aber ein bißchen keck und leichtsinnig war ich schon. Jetzt

kann ich das nicht mehr begreifen, aber in der Jugend kommt man

unversehens von einem aufs andere, wenn man sich die Zukunft ausmalt:

Verehrer, Körbe, Hochzeit und so weiter, und ich vergaß über solchen

Träumereien wahrhaftig das Mittagessen. Auf einmal steht die Großmutter

vor mir, in der Nachtjacke, das Gesicht rot wie ein glühender Ofen, und

schreit: 'Da steht sie und maust, die Dirne, die mir den ganzen Risotto

verbrannt hat!' Wahrhaftig, ich roch es selbst durch das offene

Küchenfenster, unter dem wir standen, und unbegreiflich ist es, daß ich

es nicht vorher bemerkt hatte. Und dann fiel sie über mich her, griff

mit der einen Hand in meine Haare und schlug mit der anderen so auf mich

los, daß mir zumute war, als hätte mich ein Wirbelwind gefaßt, und

drehte sich mit mir im Kreise herum. Weh tat es mir nicht, dazu war ich

zu erstaunt. Aber noch viel mehr erstaunte ich, als plötzlich die

Großmutter ihrerseits von einem Sturmwind erfaßt und zurückgerissen

wurde, und Frau =Dr.= Deruga zwischen uns stand, wie der Engel mit

dem feurigen Schwerte, der Adam und Eva aus dem Paradiese trieb, mit

Augen, die nicht blau wie sonst, sondern schwarz waren und knisterten,

so kam es mir nämlich vor in meiner Erregung.

'Lassen Sie das Kind los, Sie abscheuliche, gottlose Hyäne!' rief sie so

laut und hart, wie sie mit ihrer weichen Stimme konnte; und nach einer

kleinen Pause sagte sie ein wenig weicher und gelinder: 'Megäre, wollte

ich sagen.' Wie sie das gesagt hatte, kam es ihr wohl selbst ein wenig

komisch vor, daß sie in den Mundwinkeln zu lachen anfing, und dann

lachte die Großmutter geradeheraus, und wie ich das hörte, lachte ich

dermaßen, daß ich ordentlich kreischte, und fiel der Frau Doktor um den

Hals, der die Tränen aus den Augen sprangen vor Lachen.«

Während dieser Erzählung beobachteten sowohl die Richter wie =Dr.=

Bernburger in unauffälliger Weise den Angeklagten, in dessen Mienen sich

deutlich ausprägte, wie er die wiedererstehende Vergangenheit

miterlebte, seine länglichen, schöngeschnittenen Augen erglänzten wie

die Schuppen eines silbernen Fisches. Er schien seine Lage und Umgebung

vollständig vergessen zu haben und sagte unbefangen zu der alten

Freundin: »Arme Marmotte,« (so nannte er seine Frau) »arme, gute, feige

Person! So hatte sie später ihr Junges gegen mich verteidigt, das

natürlich seine Prügel ebenso verdiente, wie Sie damals, Brutta. Aber

erzählen Sie weiter, erzählen Sie: was tat die Großmutter?«

»Der Großmutter,« fuhr die Frau Hauptmann fort, »waren die Augen auch

feucht, aber nicht nur vom Lachen, sondern gerührt war sie, gerührt über

die Frau Doktor, und machte kein Hehl daraus; denn obwohl sie, wie schon

gesagt, eher scharf und zornig war, so war sie doch ohne Falsch und

zögerte nicht, ein Unrecht zuzugestehen, wenn sie es nämlich eingesehen

hatte. Sie stemmte die Arme in die Seite und sagte: 'Also so sieht das

stille Wasser aus! Eine richtige Feuerflamme kann herausschlagen! Da bin

ich freilich so dumm wie alt gewesen. Und wenn ich heute unser Herr

Doktor wäre, würde ich Sie morgen vom Fleck weg heiraten, so gut haben

Sie mir eben gefallen. Und nun muß ich Sie auf den Nacken küssen!' Damit

umarmte sie die Frau Doktor und küßte sie nicht nur auf den Nacken,

sondern auch auf beide Backen, und dann sagte sie, der Risotto solle nun

vergeben und vergessen sein, und sie wolle für das Mittagessen sorgen,

denn kochen könne sie besser, als man es von einer gottlosen Hyäne

erwarten würde. In der Tat brachte sie in einer Stunde das feinste Essen

zusammen, nämlich Fleischpastete und Marillenknödel, und ich begreife

heute noch nicht, wie sie es machte, denn das sind Gerichte, zu denen

man seine Zeit braucht. Helfen mußte ich allerdings doch und bekam Püffe

und Kniffe, aber das schadete nicht, weil sie ein vergnügtes Gesicht

dazu machte. Nachher beim Mittagessen, an dem die arme Marmotte, ich

meine die Frau Doktor, auch teilnehmen mußte, sprach die Großmutter viel

über Erziehung, und daß namentlich die Mädchen lernen müßten, nicht so

heikel und empfindlich zu sein, denn bei den Männern wären sie nicht auf

Daunen gebettet, und wenn eine nicht einen Puff vertrüge und sich ihrer

Haut wehren könnte, ginge es ihr schlecht; die Wehleidigen und

Nachgiebigen würden nur verachtet. Eine Frau, die ihnen keinen Vorteil

brächte, sähen die Männer nur als eine Last an, deshalb müßte ein

Mädchen entweder Geld haben oder kochen können. Die arme Marmotte rühmte

ihren Mann, daß er nicht so wäre, aber die Großmutter, die doch bisher

so viel Wesens von ihm gemacht hatte, sagte, da gäbe es keine Ausnahmen.

In diesem Punkte wäre einer wie der andere, und wenn die Liebe einmal

einen uneigennützig machte, haßte er die Frau nachher doppelt, die ihn

so verblendet hätte.«

»Warum sagen Sie immer 'arme Marmotte'?« fragte der Vorsitzende, der mit

außerordentlicher Geduld zugehört hatte.

»Nun, weil sie tot ist,« antwortete die Frau Hauptmann nach einer Pause

etwas verblüfft.

»Ach so,« sagte =Dr.= Zeunemann, »bei ihren Lebzeiten haben Sie

nicht so von ihr gesprochen?«

»Bewahre,« sagte Frau Schmid, »sie kam mir im Gegenteil beneidenswert

vor. Nun ja, etwas Hilfloses hatte sie an sich, und zuweilen war sie

auch traurig und sah ängstlich aus, und da mag ich sie wohl einmal 'arme

Marmotte' genannt haben.«

»Wissen Sie, warum sie zuweilen traurig war?« fragte der Vorsitzende.

»Warum?« fiel Deruga höhnisch ein. »Das kann ich Ihnen sagen. Weil sie

ihren Mann nicht so liebte, wie sie sollte, weil sie an einen anderen

dachte, der besser zu ihr passen würde, und weil sie Angst vor meiner

Eifersucht hatte. Denn wir Italiener haben nicht Milch oder Wasser in

den Adern, sondern Blut, und dann werden unsere Augen blutrot, wenn wir

zornig werden.«

Frau Hauptmann warf einen erschrockenen und tadelnden Blick auf Deruga

und sagte, zu den Richtern gewendet:

»Er macht nur Spaß! Er war immer ein Spaßmacher und liebte es, die Leute

zu foppen und zu erschrecken.« Dann wieder zu ihm herüber: »Warum hätte

die arme Marmotte Sie denn geheiratet? Ein Kind konnte ja sehen, wie

lieb sie Sie hatte.«

Deruga hatte bereits den Kopf wieder auf die Hand gestützt, so daß man

sein Gesicht nicht sah, und gab kein Zeichen des Anteils mehr.

»Wenn sie sich vor ihm fürchtete,« fuhr Frau Schmid, zu den Richtern

gewendet, fort, »so war das sicherlich nicht seine Schuld, sondern es

kam von ihrer außerordentlichen Furchtsamkeit. Einmal in der Nacht fiel

etwas mit einem Betrunkenen vor. Ich erinnere mich nicht mehr genau

daran, aber ich weiß, wie sie von uns allen damit geneckt wurde.«

Der Vorsitzende ermunterte Frau Schmid, sich zu besinnen oder zu

erzählen, was sie noch davon wisse. Dann, da ihr nichts einfiel, fragte

er Deruga, ob er sich vielleicht noch daran erinnere.

Deruga hob den Kopf und sah aus, als habe er keine Ahnung, wovon die

Rede sei.

»Ach, Sie wissen doch, Doktorchen,« redete ihm Frau Schmid zu. »Es kam

nachts ein Betrunkener am Pavillon vorbei und grölte so laut, daß Ihre

Frau davon aufwachte und dachte, es wäre unter dem Fenster. Es wird im

November gewesen sein, denn es war eine stürmische und regnerische

Nacht, und Sie hatten keine Lust aufzustehen und stellten sich

schlafend, während Ihre Frau fast verging vor Angst. So ungefähr war es,

erinnern Sie sich denn nicht mehr daran?«

»O ja,« sagte Deruga, »es stellte sich eine ungewöhnliche Zärtlichkeit

bei meiner Frau ein. Ich wachte auf, weil sie sich an mich schmiegte und

ihren Kopf dicht an meinen Hals drückte, und als ich mich noch in dem

Traum wiegte, es habe sie plötzlich eine Leidenschaft für mich

überkommen, flehte sie mich an, ich solle sie vor dem Betrunkenen

schützen. 'Er ist unter dem Fenster,' sagte sie, 'im nächsten Augenblick

wird er hereinkommen. Was fangen wir an, o, was fangen wir an! Schließe

wenigstens das Fenster.' Ich rief: 'Ich werde mich hüten, das zu tun; so

bist du doch einmal zärtlich gegen mich' -- und ich habe es ausdrücklich

ziemlich bösartig gesagt, denn sie ließ mich los und drehte ihr Gesicht

nach der anderen Seite und weinte. Ich sagte noch viel beißender als

vorher, sie solle nicht so dumm sein zu weinen, und übrigens, wenn sie

sich so unglücklich fühle, brauchte sie nicht für das Leben zu zittern.

Und wenn sie zum Sterben unglücklich sei, sagte sie, sie möchte doch

nicht, daß ein ekelhafter, betrunkener Mensch sie anfaßte und erwürgte.

Daß sie gar nicht unglücklich wäre, sagte sie nicht. 'Der Kerl liegt

draußen im Straßengraben und wird singen, bis er einschläft,' sagte ich,

und dann stellte ich mich schlafend, um sie durch die Furcht zu quälen.

Nach einer halben Stunde verstummte das Geheul, und gleich darauf

schlief sie fest und ruhig, während ich wachend neben ihr lag und ihren

hübschen weißen Hals betrachtete und darüber nachdachte, wie leicht ich

ihre Kehle zudrücken könnte, fast ohne daß sie es merkte.«

Der Staatsanwalt zuckte triumphierend seine geschwänzten Augenbrauen und

streckte, den Mund schon zum Reden geöffnet, den Zeigefinger aus, als

der Justizrat die Hand gegen ihn erhob und gleichgültig, wie man einen

nichtigen Einwand beseitigt, sagte: »Er hat es ja nicht getan. Hunde,

die bellen, beißen nicht, wie unsere Zeugin schon sagte.«

Ehe noch der Staatsanwalt einen Laut hervorbringen konnte, erklärte

=Dr.= Zeunemann, nachdem er durch einen verbindlichen Blick nach

rechts und links die Zustimmung erbeten, aber nicht abgewartet hatte,

die Sitzung der Mittagspause wegen für geschlossen. Er wollte um drei

Uhr noch einige Fragen an Frau Hauptmann Schmid richten, und wenn seine

Kollegen einverstanden wären, könne sie dann abreisen. Der Nachtzug nach

Wien gehe um acht Uhr.

=III.=

=Dr.= Bernburger hatte der Sitzung in Gesellschaft eines ihm

befreundeten jungen Nervenarztes, des =Dr.= von Wydenbruck,

beigewohnt und verließ mit ihm zusammen das Justizgebäude.

Die beiden Herren waren außerordentlich verschieden, aber durch das

gemeinsame Interesse für Psychologie, und was damit zusammenhängt,

ziemlich vertraut geworden, besonders seit Bernburger, als er infolge

von Überarbeitung an nervösen Depressionen litt, sich von =Dr.= von

Wydenbruck nach einer eignen Methode hatte behandeln lassen. Während

Bernburger klein war, von verkümmertem Wuchs, mit schwächlichen

Gliedmaßen, dabei aber ein ausdrucksvolles Gesicht und unermüdlich

kluge, aufmerksame Augen hatte, war =Dr.= von Wydenbruck von

großer, schmaler und eleganter Figur und hatte so verfeinerte Züge, daß

sie sich bei scharfer Beobachtung ganz zu verflüchtigen schienen. Sein

Gang hatte etwas Elastisches und Biegsames, als sei er stets bereit,

auszuweichen oder sich anzupassen, aber in Wirklichkeit streckte er nur

höchst bewegliche Fühler aus und blieb auf dem Grunde seines Wesens von

schwerer, glatter Unveränderlichkeit.

»Da sind wieder einmal ein paar Hysterische zusammengekommen,« sagte er,

als sie die breite, zum Mittelpunkt der Stadt führende Straße

hinuntergingen.

»Sie halten Deruga doch nicht für hysterisch?« sagte =Dr.=

Bernburger eifrig, an seinem Begleiter hinaufsehend. »Ich beurteile ihn

ganz anders. Daß er den Mord begangen hat, steht mir fest, und zwar hat

er ihn ohne Erregung, mit einer Ruhe ohnegleichen, ja mit einer

Selbstverständlichkeit begangen, die es ihm ermöglicht hat, keinen

Schnitzer zu begehen, der ihn verraten könnte. Die Verbrecher, die mit

sorgfältiger Überlegung zu Werke gehen, machen bekanntlich immer

irgendeinen Fehler, der ihnen zum Verhängnis wird. Deruga hat gemordet,

wie ein anderer seine Suppe auslöffelt, beiläufig, beinah mechanisch,

und darum hat er keine Spur hinterlassen.«

»Sehr fein bemerkt,« lobte =Dr.= von Wydenbruck. »Nur die

unbewußten Handlungen sind lebendig und fruchtbar und in ihrer Art

fehlerlos und unfehlbar. Ich möchte hinzusetzen, auch tadellos.«

»An sich meinetwegen, in bezug auf die Zweckmäßigkeit,« entgegnete

Bernburger; »aber das ist jetzt nicht unser Standpunkt. Sonst wäre ja

jeder unmoralische Mensch in seinen unmoralischen Handlungen tadellos.«

»Ist er denn das nicht?« fragte Wydenbruck. »Aber Deruga,« fuhr er fort,

»gehört nach meinem Dafürhalten nicht dahin. Ich halte ihn und nicht

minder seine Frau für moralisch zurechnungsfähig, aber für hysterisch.

Mord ist in unserer Zeit ein nur den untersten Schichten des Volkes

angemessenes Verbrechen; tritt er in gebildeten Kreisen auf, so deutet

er auf Hysterie oder Perversität.«

»Das stimmt für uns,« sagte Bernburger, »aber nicht für die Italiener.

Übrigens gibt es auch bei uns Umstände und Leidenschaften, die einen

Gebildeten auf natürlicher Grundlage zum Mörder machen können, zum

Beispiel Eifersucht.«

»Ich möchte die Eifersucht selbst für das Dämonische erklären,« sagte

der andere. »Jedenfalls glaube ich, daß wir es hier mit einer

hysterischen Mordlust zu tun haben, die nichts als verdrängter

Liebestrieb ist. Obwohl Derugas Frau ihn nach Aussage dieser guten,

komischen Brutta liebte, findet er keine Befriedigung. Um mehr

herauszupressen, erregt er Furcht, ihre Angst verdoppelt seinen Genuß,

aber seine Gier bleibt ungesättigt und wird auch über ihrem Leichnam

nicht erlöschen. Diese Unglücklichen sind die eigentlichen Vampire der

Sage.«

»Daß es das gibt, bezweifle ich nicht,« sagte =Dr.= Bernburger,

»vielleicht hat sogar jeder Mensch etwas vom Vampir in sich; doch kann

ich Ihre Methode, die äußeren Beweggründe gar nicht in Betracht zu

ziehen, nicht billigen. Sie sind vorhanden und üben ihre Wirkung aus,

so oder so.«

»Auf Gesunde, ja,« antwortete Wydenbruck, »auf Kranke kaum oder nur, um

willkürlich verwertet zu werden. Auf Hysterie deutet bei Deruga schon

seine höchst merkwürdige Fähigkeit, sich auszuschalten, wann es ihm

paßt. Er ist überaus reizbar, leicht bis zu Tränen ergriffen, und im

nächsten Augenblick ist er wie von Stein. Er ist dann gewissermaßen

nicht mehr da. Wenn er sich darauf legte, könnte er es vielleicht dahin

bringen, sich tatsächlich zu spalten, und wir hätten dann die

Erscheinung der Doppelgängerei.«

»Und die Frau?« forschte Bernburger; »warum halten Sie die Frau für

hysterisch?«

»Ihre Furchtsamkeit ist ein hinreichendes Smyptom,« sagte =Dr.= von

Wydenbruck. »Beachten Sie doch, wie Mordlust und Furchtsamkeit

aufeinander eingestellt sind. Es ist höchst merkwürdig, wie solche

Naturen magnetisch zueinander hingezogen werden, um ihre

Wesenseigentümlichkeiten durcheinander aufs höchste zu steigern und ihr

Los zu erfüllen. Alle Schranken durchbrechend offenbart sich der

Selbstvernichtungstrieb als rätselhafte Leidenschaft.«

* * * * *

Es war, als hätten sich diese Gedanken dem Justizrat Fein mitgeteilt.

Denn als er seinen Klienten nach beendigter Sitzung traf, sagte er zu

ihm:

»Hören Sie, Doktor, wenn wir Sie als geisteskrank hinzustellen

versuchten, hätten wir, glaube ich, Aussicht.«

»Machen Sie das, wie Sie wollen,« sagte Deruga, »ich überlasse ja

ohnehin alles Ihnen. Da ich ein sehr guter Mensch bin und die Dinge sehe

und benenne, wie sie sind, ist es leicht möglich, daß man mich für

verrückt hält.«

Der Justizrat sprach seine Absicht aus, Deruga zum Mittagessen zu

begleiten. Meister Reichardt werde schon etwas Eßbares haben, soviel er

wisse, führe der Alte sogar einen ganz guten Wein. Ohne einen Schluck

Wein, eine gute Zigarre und eine Tasse guten Kaffee könne er allerdings

um drei Uhr nicht weiterarbeiten.

»Das ist recht, daß Sie mitkommen,« sagte Deruga, »so können wir noch

ein bißchen miteinander tratschen. Aber hören Sie,« unterbrach er sich

plötzlich, »kommen Sie wirklich aus Teilnahme für mich, oder wollen Sie

mich aushorchen?«

Der Fall Deruga · 第 3 / 16 段