und sagte entschlossen: »Was ich auch gesagt und gedacht habe, ich war
im Unrecht, und der Doktor war im Recht, und wenn er seine Frau getötet
hätte, was er aber nicht getan hat, so hätte er auch recht gehabt.«
Eine Bewegung, mit Gelächter vermischt, ging durch den Saal.
»Eigentümliche Auffassung,« sagte der Staatsanwalt, beide Arme in die
Seite stemmend.
»Ich denke,« nahm der Vorsitzende das Wort, als es wieder still
geworden war, »wir lassen die Auffassungen beiseite und halten uns an
Tatsachen. Wünscht einer der Herren Kollegen oder der Herren
Geschworenen noch eine Frage an den Zeugen zu stellen? Nein? So können
wir zu Fräulein Klinkhart, der Haushälterin oder Empfangsdame des
Angeklagten, übergehen.«
* * * * *
Ein Fräulein von etwa fünfunddreißig Jahren trat vor, einfach, aber gut
gekleidet, schwarzhaarig, mit gerader Nase und ruhigen, braunen Augen.
Sie kam mit raschen, sicheren Schritten und sah sich um, als suche sie,
wo es etwas für sie zu tun gäbe; als ihr Blick dabei auf Deruga fiel,
nickte sie ihm freundlich und ermunternd zu. Den Eid leistete sie frisch
und freudig; sie schien zu denken, nun habe sie den Faden in der Hand
und werde den Wust schon entwirren.
Das Verhör begann folgendermaßen:
»Wie lange sind Sie in Stellung bei dem Angeklagten?«
»Zehn Jahre.« Ich kenne ihn also etwas besser als Sie alle, meine
Herren, lag in diesen Worten.
»Worin besteht Ihre Beschäftigung?«
»Ich führe das Haus; koche das Essen, mache die Zimmer, empfange die
Patienten, schreibe die Rechnungen und so weiter.«
»Das ist sehr viel. Standen oder stehen Sie in freundschaftlichen, ich
wollte sagen, in mehr als freundschaftlichen Beziehungen zu dem
Angeklagten?« Sie runzelte die Brauen und schien eine rasche Antwort
geben zu wollen, besann sich aber und sagte kurz: »Nein.«
»Wieviel Lohn erhielten Sie?«
»Achtzig Kronen.«
»Hatten Sie Nebeneinkünfte?«
»Nein.«
»Die Stelle muß offenbar ideelle Annehmlichkeiten haben. Sie waren
vermutlich sehr selbständig? Der Doktor behandelte Sie gut?«
»Er mich und ich ihn. Wir passen gut zusammen. Übrigens ist es leicht,
mit =Dr.= Deruga gut auszukommen, wer es nicht tut, trägt selbst
die Schuld.«
»Gut. Erinnern Sie sich an den 1. Oktober des vorigen Jahres? Der
Angeklagte verließ die Wohnung etwa um sechs Uhr. Sagte er Ihnen, wohin
er ginge, und wann er wiederkomme?«
»=Dr.= Deruga sagte, er käme vielleicht nachts nicht nach Hause und
wisse auch noch nicht, ob er am folgenden Tage zur Sprechstunde wieder
da sein würde. Wenn Patienten kämen, sollte ich sie vertrösten.«
»Glaubten Sie, daß er verreise?«
»Ich glaubte gar nichts -- weil es mich nichts anging. Ich pflegte nie zu
fragen, wohin er ginge, nur neckte ich ihn zuweilen, weil ich wußte, daß
ihm die Frauenzimmer nachliefen. Vielleicht habe ich das auch an jenem
Abend getan.«
»Was hatte der Angeklagte bei sich, als er fortging?«
»Ein Paket.«
»Wissen Sie, was der Inhalt des Paketes war?«
»Nein.«
»Sie wissen es nicht, aber Sie ahnten es doch vielleicht. Haben Sie ihn
etwas einwickeln sehen? Hat er in Schränken oder Kommoden gekramt?«
»Ja, ich sah, daß er etwas suchte, und fragte ihn, was es sei. Da sagte
er ärgerlich: 'Wo, zum Teufel, haben Sie den alten Faschingströdel
versteckt?' Ich sagte, es sei alles in der Truhe auf dem Vorplatz, was
überhaupt noch vorhanden sei. Er hatte nämlich verschiedenes verliehen
oder verschenkt.«
»Was verstehen Sie unter altem Faschingströdel?«
»Kostüme, die er früher beim Fasching getragen hatte. In den letzten
Jahren hatte er nichts mehr mitgemacht.«
»Was für Kostüme waren das?«
»O, das kann ich so genau nicht sagen, was sie bedeuteten. Bauernkleider
und ein Bajazzo und ein Mönch, glaub' ich. Ich kenne mich nicht aus
damit.«
»Vermutlich boten Sie ihm Ihre Hilfe an?«
»Ja, aber er sagte: 'Gehen Sie zum Teufel!' Das war nicht böse gemeint,
es war so eine Redensart von ihm. Mir war es ganz recht, denn es war
nach Tisch und ich hatte in der Küche zu tun.«
Inzwischen war der Staatsanwalt aufgestanden, gestikulierte mit seinen
langen Armen und machte Grimassen. »Mein liebes Fräulein,« sagte er,
»hatte der Angeklagte keine Reisetasche?«
»Ja, wenn er verreiste, nahm er eine Reisetasche,« sagte Fräulein
Klinkhart.
»Nun, mein liebes Fräulein,« fuhr der Staatsanwalt mit süßlicher
Liebenswürdigkeit fort, »sollten Sie als Dame und als Haushälterin,
teils aus Neugier und teils aus Ordnungsliebe, nachdem Ihr Brotherr fort
war, nicht nachgesehen haben, was er mitgenommen hatte? Wenn ich mich in
Ihre Lage versetze, so scheint mir, Sie mußten sich Gewißheit zu
schaffen versuchen, wie lange Ihr Brotherr fortbleiben würde. Aus dem,
was er mitgenommen hatte, ließ sich doch manches schließen.«
Fräulein Klinkhart faltete finster die Brauen und warf einen Blick
unverhohlener Abneigung auf den Staatsanwalt. »Ich sah,« antwortete sie,
»daß in der Truhe alles durcheinandergeworfen war, und machte wieder
Ordnung. Ob etwas fehlte, weiß ich nicht, ich habe nicht darauf
geachtet. Ein Nachthemd hatte er, wie mir schien, nicht mitgenommen.«
»Sehen Sie, sehen Sie,« rief der Staatsanwalt triumphierend und mit dem
langen Zeigefinger auf sie deutend, »dahin wollte ich Sie bringen! Also
ein Nachthemd hatte er nicht mitgenommen?«
»Nun, und?« sagte Fräulein Klinkhart finster, »wenn er doch gar nicht
verreiste!«
»Sehr wohl, mein liebes Fräulein,« sagte der Staatsanwalt mit entzücktem
Lächeln, »wenn nun aber kein Nachtkleid in dem Paket war, was war Ihrer
Meinung nach dann darin?« Fräulein Klinkhart zuckte ärgerlich und
ungeduldig die Achseln und sagte: »Wahrscheinlich war irgendein
Kostümstück zum Verkleiden darin, das er jemandem leihen wollte.«
»Wollen Sie uns das Rätsel lösen?« wandte sich der Vorsitzende an
Deruga.
»Es war ein Kimono darin,« sagte Deruga, »den mir einmal ein Patient aus
China mitgebracht hatte, und den ich der Dame, die ich besuchte, leihen
wollte.«
»Sie sagten ja vorhin, es wäre Wäsche darin gewesen,« sagte =Dr.=
Zeunemann, den Arm auf die Lehne seines Sessels stemmend und sich nach
dem Angeklagten herumwendend.
»Ja, können Sie sich nicht denken, daß ich das Breittreten der albernen
Kleinigkeiten satt habe?« erwiderte dieser mit einem so wütenden
Ausdruck, daß der Fragende unwillkürlich zurückfuhr. »Ich habe gesagt,
was mir gerade einfiel, und nächstens werde ich überhaupt nichts mehr
sagen. Es war ein Kimono, ein Nachthemd, eine Zahnbürste, ein Revolver
und eine Flasche Gift darin. Das ganze Paket wächst mir zum Halse
heraus.«
=Dr.= Zeunemann wartete eine Weile und sagte dann ruhig: »Ich frage
Sie nicht aus, weil es mir Vergnügen macht, sondern weil es meine
Pflicht ist. Ich hoffe, Sie sehen das ein und entscheiden sich, was Sie
endgültig als den Inhalt des Pakets angeben wollen.«
Derugas Züge glätteten sich. »Wahrhaftig,« sagte er mit einem
liebenswürdigen Lächeln, »ich bin ein grober Kerl, entschuldigen Sie
mich. Es war also ein Kimono in dem verwünschten Paket.«
»Den Sie der bewußten Dame leihen wollten,« fügte =Dr.= Zeunemann
hinzu.
»Der Fasching beginnt meines Wissens erst im Januar,« bemerkte der
Staatsanwalt.
Deruga lachte. »Die Dame machte entweder ihre Vorbereitungen sehr früh
oder sie brauchte ihn für einen anderen Anlaß. Ich werde sie
gelegentlich fragen und es Ihnen dann mitteilen.«
Der Staatsanwalt bebte vor Ärger, um so mehr als er auf dem Gesicht des
Justizrats und auf dem des Vorsitzenden ein belustigtes Lächeln sah, das
der letztere aber schnell unterdrückte. »Gehen wir nun,« sagte er, »zu
der Rückkehr des Angeklagten am 3. Oktober über. Was ging dabei vor?
Besinnen Sie sich noch, Fräulein Klinkhart, was =Dr.= Deruga
sagte?«
»O ja,« antwortete sie. »Ich sagte: 'Gut, daß Sie kommen, Doktor. Es
warten einige Patienten über zwei Stunden auf Sie.' Der Doktor sagte:
'Desto schlimmer für sie, ich bin sehr müde und will mich sofort zu
Bett legen.' Ich fragte, ob er nicht wenigstens einen Augenblick selbst
mit ihnen sprechen und sie wieder bestellen wollte. Da machte er eine
abwehrende Bewegung mit der Hand und sagte: 'Ich kann nicht,' und da
wußte ich, daß ich nicht weiter in ihn dringen dürfte.«
»Fiel Ihnen denn dieses Benehmen nicht auf?« fragte der Vorsitzende.
»Durchaus nicht,« sagte Fräulein Klinkhart. »Er leidet an Migräne, und
wenn ein Anfall kommt, hat er solche Kopfschmerzen, daß ihm alles
einerlei ist. Er legt sich dann hin, und ich muß ihn in Ruhe lassen.
Gewöhnlich ist es am anderen Morgen vorbei. Er sah auch so fahl aus, wie
er immer tut, wenn er die Migräne hat.«
»Er ging also in sein Schlafzimmer, und Sie haben ihn bis zum folgenden
Morgen nicht gesehen? Hatte er das Paket bei sich, das er mitgenommen
hatte?«
»Darauf habe ich nicht geachtet.«
»Ich erinnere Sie, Fräulein Klinkhart,« sagte =Dr.= Zeunemann
streng, »daß Sie unter Eid aussagen. Es ist glaublich, daß Sie im
ersten Augenblick nicht an das Paket dachten; aber da Sie am anderen
Tage das Zimmer aufräumten, wird es Ihnen doch eingefallen sein?«
»Das denken Sie, Herr Präsident,« sagte Fräulein Klinkhart mit einem
lebhafteren Feuer ihrer stillen, braunen Augen, »weil Sie einen Argwohn
haben und sich womöglich einbilden, es wäre irgendein Mordinstrument in
dem Paket gewesen. Ich war aber unbefangen, und deshalb fand ich das
Paket gar nicht wichtig, was es auch gewiß nicht war. Aber wenn ein
Kostüm darin gewesen war, das er jemandem geliehen hatte, so konnte er
es ja auch gar nicht wieder mitbringen.«
»Ja, wenn,« sagte =Dr.= Zeunemann, »das stimmt. Besaß denn der
Angeklagte einen chinesischen Kimono?«
»Chinesisches Zeug habe ich einmal gesehen,« sagte Fräulein Klinkhart.
»Nebenbei kenne ich aber nicht alles, was der Doktor besitzt. Ich bin
kein Spion.«
=Dr.= Zeunemann blätterte eine Weile in den Akten und fragte dann:
»Hat der Angeklagte Ihnen sofort Mitteilung davon gemacht, als er die
Nachricht von der Erbschaft bekam, die ihm zugefallen war?«
»Ja, er rief mich herein,« erzählte Fräulein Klinkhart, »denn ich war
gerade in der Küche, und er war sehr erregt und machte allerlei
Zukunftspläne und fragte mich, was ich mir wünschte, aber etwas Schönes
und Kostbares sollte es sein. Ich sagte, ich hätte nur einen einzigen
Wunsch, nämlich ein paar Brillantohrringe. Die versprach er mir, aber er
neckte mich damit, wie es so seine Art war. Wir haben sehr gelacht.«
»Er freute sich also sehr?«
»Gewiß,« sagte Fräulein Klinkhart ruhig, »er war geradezu toll vor
Freude. Er litt immer unter der Beschränktheit seiner Mittel und liebte
es, sich auszumalen, daß er reich wäre. Er war wie ein Kind, wenn er in
solchen Vorstellungen schwelgte. Aber oft sagte er schon eine Stunde
nachher, daß er den ganzen Bettel verachte.«
Zum Beschluß wurden noch ein Schneider und ein Friseur vernommen,
welchen Deruga größere Beträge schuldig war. Die Eleganz des Schneiders
war nicht einschmeichelnd wie die des Hofrats von Mäulchen, sondern
vernichtend, und zwar zermalmte sie weniger die ganz armen Teufel, für
welche sie überhaupt nicht in Betracht kam, als diejenigen, die zwar
Geld hatten, aber nicht genug, oder nicht Geschmack und Erziehung genug,
um sich ihm oder einem ihm ebenbürtigen Kleiderkünstler anzuvertrauen.
Er sagte aus, er habe sehr bald Mißtrauen geschöpft, weil er =Dr.=
Deruga nicht für einen wahrhaft feinen Gentleman hätte halten können.
Er, der Schneider, habe nur hochfeine Kundschaft und sei deshalb in
diesem Punkte nicht leicht zu täuschen. Deruga sei viel zu kordial im
Verkehr mit seinen Angestellten gewesen und habe zuweilen mit ihm, dem
Schneider, Späße gemacht, die er in Gegenwart seiner Angestellten, des
Respekts wegen, nicht gerne angehört hätte. Seine diesbezüglichen
Andeutungen habe Deruga nicht verstanden. Er habe Deruga daher auch
halbjährliche Rechnungen geschickt, während er den feinen Kunden nur
jährliche schickte. Deruga sei ihm seit zweieinhalb Jahren eintausend
Mark schuldig, das sei nicht viel, und er würde einem feinen Kunden
gegenüber kein Aufheben davon machen; es könne ihm aber natürlich nicht
gleichgültig sein, wenn es sich um einen Mann mit zweifelhaftem
Charakter handle.
Auf die Frage, ob Deruga ihm gegenüber von einer zu erwartenden
Erbschaft oder sonst von Geldquellen gesprochen hätte, die ihm zur
Verfügung ständen, sagte der Schneider mit vornehmer Zurückhaltung,
Deruga habe sehr viel geschwatzt, es könnten auch derartige Worte
gefallen sein; er befolge aber seit Jahren den Grundsatz, die privaten
Mitteilungen, die seine Kunden ihm machten, weder zu wiederholen noch zu
behalten, und sei deshalb gar nicht mehr imstande, sie sich zu merken.
Vollends wären ihm die Redereien Derugas viel zu belanglos vorgekommen,
als daß er sein Gedächtnis damit belastet hätte.
Der Friseur betonte mit Feuer, daß Deruga ohne Zweifel die ihm
ausstehende Schuld bezahlt haben würde, wenn er ihn jemals gemahnt
hätte. Deruga sei ihm aber viel zu teuer gewesen, ein Mann nach seinem
Herzen, genial und edel, den zu bedienen er sich immer zur Ehre
angerechnet habe. Sein Auge dringe den Menschen bis ins Innerste, er
lasse sich nie durch Scheingrößen blenden, und das Geringste mißachte er
nicht. »Und wenn er mir nie einen Pfennig bezahlte, meine Herren,« rief
der Friseur mit Schwung aus, »ich würde ihm stets meine ganze Kraft
weihen und nie aufhören zu sagen, das ist ein großer Mann.«
»War Deruga bei Ihnen,« fragte der Vorsitzende, »nachdem er von der
Erbschaft in Kenntnis gesetzt worden war?«
»Ich darf mir schmeicheln, der erste gewesen zu sein,« sagte der
Friseur, »dem der Herr Doktor sein Herz über dieses Ereignis
ausschüttete. 'Nun werde ich dich königlich belohnen,' sagte er zu mir,
'denn du verdienst es sowohl wegen deiner Kunst wie wegen deiner
anständigen Gesinnung.' Herr Doktor pflegte mir nämlich zuweilen, wenn
er stark in Stimmung war, das trauliche Du zu geben. Ich erwiderte, mit
der Bezahlung solle er es halten, wie er wolle, nur seine Kundschaft
solle er mir nicht entziehen. 'Da kennst du Deruga schlecht!' rief er
aus, 'meinst du, ich unterschätze dein Kabinett, weil es in einem
Seitengäßchen liegt und keine goldenen Spiegel und von denkenden
Künstlern entworfene Stühle darin sind? Und wenn ich Kaiser von China
würde, auf diesem schäbigen, aber bequemen Sessel, von deiner
Meisterhand würde ich mich rasieren lassen. Ich hasse und verabscheue
das Geld, und wenn ich es nicht brauchte, um das Ungeziefer, Menschen
genannt, mir vom Leibe zu halten, würfe ich die ganze Erbschaft in den
nächsten Straßengraben.'«
Der Staatsanwalt schüttelte mit verzweifeltem Hohnlachen den Kopf.
=Quousque tandem?= stand auf seinem Gesicht geschrieben; schreit
sein Lästern noch nicht genug zum Himmel?
»Kam der Angeklagte täglich zu Ihnen?« fragte der Vorsitzende.
»Ich darf wohl sagen, im allgemeinen täglich,« erwiderte der Friseur.
»Sowohl ich selbst wie meine Kunden vermißten ihn aufs schmerzlichste,
wenn er einmal ausblieb.«
»Erinnern Sie sich, ob er am 2. und 3. Oktober des vorigen Jahres
ausblieb?«
»Ich erinnere mich,« sagte der Friseur, »daß ich ihn im Spätsommer oder
Herbst einmal ein paar Tage lang nicht sah. Das Datum habe ich mir aber
nicht gemerkt.«
»Sie erinnern sich auch nicht, was er, als er wiederkam, als Grund
seines Ausbleibens angab? Wie Sie mit ihm standen,« setzte =Dr.=
Zeunemann in etwas strengerem Ton hinzu, »ist anzunehmen, daß Sie ihn
danach fragten?«
»Ich erinnere mich allerdings,« erwiderte der Gefragte, »daß ich es
unterließ ihn zu fragen, weil er schweigsam und in sich gekehrt war. Ich
bin nach meinem Beruf nur Friseur,« setzte er mit Hoheit hinzu, »aber
mir ist so viel Takt angeboren, daß das Vertrauen eines edlen Menschen
mich nicht zudringlich macht, und daß ich fühle, wann Heiterkeit und
wann Ernst am Platze ist. Gerade den Herrn Doktor habe ich nie
ausgehorcht und zum Reden anzustacheln versucht, wenn er in sich
versunken oder umwölkten Mutes zu sein schien.«
»Was für Vermutungen,« fragte der Vorsitzende weiter, »hatten Sie denn
bei sich über das Ausbleiben des Angeklagten und über seine ungewöhnlich
ernste Stimmung?«
»Gar keine,« sagte der Friseur, milde Mißbilligung und Belehrung im Ton,
»ich erlaubte mir gar keine.«
=Dr.= Zeunemann gab es auf und wollte den Zeugen eben entlassen,
als der Staatsanwalt noch eine Frage an ihn richten zu wollen erklärte.
»Hat der Angeklagte im Spätsommer des vorigen Jahres oder noch früher
eine Perücke oder einen falschen Bart oder beides bei Ihnen gekauft oder
geliehen?«
»Ich bedaure,« sagte der Friseur mit höflich schadenfrohem Lächeln,
»aber dergleichen Artikel führe ich nicht. In einem kleinen,
bescheidenen, abgelegenen Geschäft, wie das meinige ist, lohnt sich das
nicht aus.«
Es war schon eine vorgerückte Abendstunde, und der Vorsitzende hob die
Sitzung auf. Als der Justizrat die Hand auf die Schulter Derugas legte,
der mit aufgestütztem Kopfe dasaß, fuhr dieser herum und sah den anderen
mit blinzelnden Augen unsicher an.
»Ich glaube, weiß Gott, Sie haben geschlafen?« fragte der Justizrat
zwischen Staunen und Entrüstung. »Ich glaube auch,« sagte Deruga; »das
letzte, was ich sah, war der Kerl, der Schneider. Der ekelte und
langweilte mich so, daß ich die Augen zumachte, und da war ich sofort
weg. Ich habe mir das in meiner Universitätszeit angewöhnt, wo ich oft
sehr müde war. Ich konnte stundenlang während der Vorlesungen schlafen,
ohne daß es jemand merkte, ausgenommen mein Freund Carlo Gabussi, der
neben mir saß. O traurige Jugend und süße Erinnerung!«
=II.=
Die Sitzung des nächsten Tages eröffnete =Dr.= Zeunemann mit der
Erklärung, eine Zeugin, die aus Ragusa gekommen sei, habe gebeten,
sofort vernommen zu werden, damit sie möglichst bald zu ihrer Familie
zurückreisen könne. Er habe um so weniger Anstoß genommen, ihrer Bitte
zu willfahren, als er sie nicht für wichtig halte und sie nur auf
Ansuchen des Verteidigers zulasse. Immerhin werde man von ihr
Aufschlüsse über die Beziehungen des Angeklagten zu seiner geschiedenen
Frau während der ersten Zeit seiner Ehe erhalten.
Auf seinen Wink trat eine mittelgroße Dame ein, die mit einer
ziegelroten Schabracke behängt war und auf ihrem brandroten, in vielen
Tollen und Puffen aufgesteckten Haar einen großen, von einem Niagarafall
weißer und blauer Straußenfedern überstürzten Hut trug. Sie trat ein
paar Schritte vorwärts, blieb dann stehen und sah mit suchenden Blicken
um sich, ein erwartungsvolles Lächeln auf den Lippen. Augenscheinlich
hatte sie sich den Platz des Angeklagten beschreiben lassen, denn dort
blieb der Blick hängen, ohne zunächst durch das Ergebnis seiner
Forschung befriedigt zu werden.
Plötzlich indessen stieß sie einen Schrei aus, rief mit kreischender
Stimme: »Dodo!« und lief mit ausgestreckten Armen auf Deruga zu. Sie
hatte ihn jedoch nicht erreicht, als der Gerichtsdiener, der sie
hereingeführt hatte, ihrer habhaft wurde und sie vor den kleinen Tisch
im Angesicht der versammelten Richter stellte, wo sie den Eid zu leisten
hatte.
»Entschuldigen Sie,« sagte sie schluchzend, indem sie ihr Taschentuch
hervorzog, »aber das war zu viel für mich. Dies Wiedersehen nach so viel
Jahren! Die Veränderung! Und im Grunde doch dasselbe liebe, närrische
Gesicht! Wenn Sie mir eine Pfanne mit glühenden Kohlen herstellen, Herr
Präsident, so schwöre ich Ihnen, ich halte die Hand hinein, um seine
Unschuld zu beweisen!«
»Die Sache ist leider nicht so einfach,« sagte =Dr.= Zeunemann mit
wohlwollender Überlegenheit. »Hingegen können Sie uns unsere Arbeit sehr
erleichtern und dem Angeklagten nützen, wenn Sie, was Sie zu sagen
haben, kurz, klar und folgerichtig sagen. Sie heißen Rosine Schmid
geborene Vogelfrei, sind Hauptmannsgattin und vierundvierzig Jahre alt?«
»Jawohl,« sagte die Dame, »ich gehöre nicht zu denjenigen Frauen, die
sich ihres Alters schämen. Übrigens tun die Männer auch, was sie können,
um jung zu erscheinen, besonders beim Militär, und würden es noch mehr
tun, wenn so viel für sie davon abhinge wie für uns Frauen.«
»Frau Hauptmann,« sagte der Vorsitzende, »Sie kennen den Angeklagten
Sigismondo Enea Deruga, sind aber nicht mit ihm verwandt. Wollen Sie so
gut sein und mit Vermeidung alles Überflüssigen erzählen, wann und unter
welchen Umständen Sie ihn kennenlernten?«
»Mit Vergnügen will ich das,« sagte Frau Hauptmann Schmid lebhaft.
»Alles will ich sagen, was ich weiß, denn dazu bin ich ja hergekommen.
Und wenn ich ans Ende der Welt reisen müßte, sagte ich zu meinem Mann,
ich täte es, um dem Dodo aus der Patsche zu helfen. Das hat er um mich
verdient, so lieb und gut wie er immer war. Und getan hat er es auch
nicht, denn wenn er auch etwas toll und originell war, der Topf voll
Mäuse, gemordet hat er sicherlich keinen Christenmenschen und am
wenigsten die gute Seele, seine Frau.«
»Wie kommt es, daß Sie den Angeklagten einen Topf voll Mäuse nennen?«
fragte =Dr.= Zeunemann.
»So nennt man doch,« erklärte Frau Schmid, »die Figur, die bei den
Feuerwerken gewöhnlich zuletzt kommt, wo es so kracht und prasselt, daß
man glaubt, einen feuerspeienden Berg vor sich zu haben. Es war eine Art
Kosenamen, den seine Frau ihm gegeben hatte, weil er zuweilen Anfälle
von Wut bekam, wo er Rauch und Feuer spuckte, so daß sie sich vor ihm
fürchtete.«
»Sonderbarer Kosename,« meinte der Vorsitzende.
»Ach, Herr Präsident,« sagte die Frau Hauptmann lachend, »er meinte es
ja im Grunde nicht böse, so wenig wie ein Topf voll Mäuse gefährlich
ist. Darum paßte der Name gerade so gut, und wir nannten ihn alle so,
obgleich es sich für mich, so ein junges Mädchen wie ich war, kaum recht
schickte.«
»Ich bitte zu beachten,« sagte der Staatsanwalt, »daß nach Aussage der
Zeugin die damalige Frau Deruga sich vor ihrem Mann fürchtete.«
Frau Hauptmann Schmid drehte sich schnell nach dem Sprecher herum und
sagte, während ihr das Blut ins Gesicht stieg: »Wenn Sie glauben, Sie
hätten damit einen Vorteil über den Herrn Doktor gewonnen, daß ich
gesagt habe, er sei aufbrausend, so sind Sie gewaltig im Irrtum. Die
Aufbrausenden sind die Schlimmsten nicht, und das sagt ja auch das
Sprichwort: Hunde, die bellen, beißen nicht. Ich habe oft zu meinem
Manne gesagt: 'Meinetwegen möchtest du schimpfen und fluchen, ja, sogar
in Gottes Namen zuschlagen, nur das Maulen und Scheelblicken, das
Brummen und Nachtragen, das ist mir zuwider, und ich glaube, daß einer,
dem es nie überläuft, das Herz nicht auf dem rechten Flecke hat.'«
Der Vorsitzende machte eine abschließende Handbewegung und sagte: »Ihre
Mitteilungen, Frau Hauptmann, sind uns sehr wertvoll. Vielleicht
erzählen Sie uns zunächst, auf welche Weise Sie die Bekanntschaft des
Angeklagten machten!«
»Sehr gern, sehr gern,« sagte Frau Hauptmann, »ich habe auf der langen
Reise immer an jene Zeit gedacht, darum ist mir alles gegenwärtig,
obschon es jetzt zweiundzwanzig Jahre her sind. Ja, zweiundzwanzig Jahre
ist es her, und einundzwanzig Jahre war ich damals alt. Die Großmutter
hatte gerade viel Geld bei der Lotterie verloren. Denn, obwohl sie sich
einbildete, ein Muster von Vernunft zu sein, konnte sie doch nicht
leben, ohne zu spielen. Und wenn sie sich das Geld hätte zusammenbetteln
müssen, gespielt mußte werden. Weil nun der Großvater ärgerlich war, was
er zwar nicht aussprach, denn das traute er sich nicht, aber er machte
ein langes Gesicht und manchmal eine spöttische Bemerkung, wollte die
Großmutter es wieder einbringen und richtete das alte Lusthäuschen am
Gartenzaun zum Vermieten ein, und es wurde eine Anzeige für die Zeitung
gemacht. Ich weiß noch wie heute, wie wir abends spät um den Tisch unter
der Lampe saßen und uns abrackerten, um die Sache in richtiges Deutsch
zu bringen. Denn der Großmutter war das Schriftliche nicht geläufig, und
der Großvater wollte nichts damit zu tun haben. Erstens, sagte er,
schicke es sich für den Offiziersstand nicht, Zimmer zu vermieten -- er
war nämlich Hauptmann, aber schon lange nicht mehr im Dienst --, zweitens
möchte er keine Fremden im Hause leiden, und drittens sei es eine
Schande, arglosen Leuten die alte Baracke als Wohnung aufzuschwatzen.«
»Ihre Großmutter war offenbar keine Deutsche,« schaltete der Vorsitzende
ein, »da ihr das Deutsche nicht geläufig war?«