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Der Fall Deruga
Roman
von
Ricarda Huch
1917
Verlag Ullstein & Co, Berlin/Wien
* * * * *
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin.
=I.=
»Wer ist der Anwalt, der mit Justizrat Fein hereingekommen ist?« fragte
eine Dame im Zuschauerraum ihren Mann, »und warum hat der Angeklagte
zwei Anwälte? Fein ist allerdings wohl nur ein Schaustück.«
»Wenn der Betreffende ein Anwalt wäre, liebes Kind, würde er einen Talar
tragen,« antwortete der Gefragte vorwurfsvoll. »Aber wer es ist, kann
ich dir auch nicht sagen.« Ein vor dem Ehepaar sitzender Herr drehte
sich um und erklärte, der fragliche Herr sei der Angeklagte =Dr.=
Deruga.
»Ist das möglich?« rief die Dame lebhaft, »wissen Sie das bestimmt?«
Der alte Herr lachte vergnügt. »So bestimmt wie ich weiß, daß ich der
Musikinstrumentenmacher Reichardt vom Katzentritt bin; der Herr Doktor
wohnt nämlich bei mir.«
Die Dame machte große Augen. »Läßt man denn einen Mörder frei
herumlaufen?« fragte sie. »Ich dachte, er wäre im Gefängnis. Ist es
Ihnen nicht unheimlich, einen solchen Menschen in Ihrer Wohnung zu
haben?«
»Ja, sehen Sie, gnädige Frau,« sagte der alte Mann, »der Herr Justizrat
Fein hat ihn bei mir eingeführt, weil er mich schon lange kennt und
seinen Klienten gut versorgt wissen wollte, und wenn der Herr Justizrat
so viel Vertrauen in mich setzt, daß er seine Geigen und Flöten von mir
reparieren und sein Töchterchen Unterricht im Zitherspielen bei mir
nehmen läßt, so schickt es sich, daß ich auch wieder Vertrauen zu ihm
habe. Und er hat mir seinen Klienten wärmstens empfohlen, der sich bis
jetzt als ein lieber, gutartiger Mensch gezeigt hat, wenn auch etwas
wunderlich.«
»Du darfst nicht vergessen, liebes Kind,« sagte der Ehemann, »daß ein
Angeklagter noch kein Verurteilter ist.«
»Sehr richtig, sehr richtig,« sagte der Musikinstrumentenmacher und
wollte eben allerlei merkwürdige Fälle von Justizirrtümern erzählen,
als das Erscheinen der Geschworenen seine Aufmerksamkeit ablenkte.
Sie finde es doch ungehörig, flüsterte die junge Dame ihrem Manne zu,
daß ein des Mordes Verdächtiger sich so frei bewegen dürfe, noch dazu
einer, der so aussehe, als ob er zu jedem Verbrechen fähig wäre.
»Man soll sich hüten, nach dem Äußeren zu urteilen, liebes Kind,« sagte
der Ehemann. »Aber abgesehen davon würde ich auch diesem Menschen nicht
über den Weg trauen. Es ist merkwürdig, wie leichtgläubig und wie
ungeschickt im Auslegen von Physiognomien das Volk ist.«
Die meisten Zuschauer hatten denselben ungünstigen Eindruck von
=Dr.= Deruga empfangen, der durch Nachlässigkeit in Kleidung und
Haltung und mit seinen neugierig belustigten Blicken, die den Saal
durchwanderten, der Majestät und Furchtbarkeit des Ortes zu spotten
schien.
»Ich dachte, er hätte schwarzes, krauses Haar und Feueraugen,« bemerkte
die junge Frau tadelnd gegen ihren Mann.
»Aber, Kindchen,« entgegnete dieser, »wir haben doch auch nicht alle
blaue Augen und blondes Haar.«
»Er stammt aus Oberitalien,« mischte sich ein Herr ein, »wo der
germanische Einschlag sich bemerkbar macht.«
Ein anderer fügte hinzu, er vertrete doch einen durchaus italienischen
Typus, nämlich den der verschlagenen, heimtückischen, rachsüchtigen
Welschen, wie er seit dem frühen Mittelalter in der Vorstellung der
Deutschen gelebt habe.
Unterdessen war ein Gerichtsdiener an den Angeklagten herangetreten und
hatte ihn aufgefordert, sich auf der Anklagebank niederzulassen, was er
folgsam tat, um sein Gespräch mit dem Justizrat Fein von dort aus
fortzusetzen.
»Sehen Sie, da kommt der Jäger vor dem Herrn, =Dr.= Bernburger,«
sagte der Justizrat, auf einen jungen Anwalt blickend, der eben den
Zuschauerraum betrat. »Den hat die Baronin Truschkowitz auf Ihre Spuren
geheftet, und eine gute Spürnase hat er, wie Sie sehen. Er ist Ihr
gefährlichster Feind, der Staatsanwalt ist nur ein Popanz.«
Deruga betrachtete =Dr.= Bernburger, der angelegentlichst in seine
Papiere vertieft schien.
»Ich glaube, er ist Ihnen ebenso gefährlich wie mir,« sagte er dann mit
freundlichem Spott, die große, bequeme Gestalt des Justizrats
betrachtend. »Eigentlich gefiele mir der Bernburger ganz gut, wenn er
nicht ein so gemeiner Charakter wäre.«
Der Justizrat wendete sich um und sagte, den Arm auf das Geländer
stützend, das die Anklagebank abschloß: »Bringen Sie mich jetzt nicht
zum Lachen, Sie verzweifelter Italiener! Wir haben alle Ursache, uns ein
Beispiel an seinen Geiermanieren zu nehmen.«
»Er hat wirklich etwas von einem Raubvogel,« sagte Deruga, »ein feiner
Kopf, so möchte ich aussehen. Sehe ich ihm nicht ähnlich?«
»Benehmen Sie sich ähnlich,« sagte der Justizrat, »und halten Sie Ihre
Gedanken zusammen! Mensch, Ihre Sache ist nicht so sicher, wie Sie
glauben. Der Bernburger hat zweifellos Material im Hinterhalt, mit dem
er uns überrumpeln will; also passen Sie auf!«
»Aber ja,« sagte Deruga ein wenig ungeduldig. »Ihren Kopf behalten Sie
auf alle Fälle, und an meinem braucht Ihnen nicht mehr zu liegen als
mir.«
Jetzt flogen die Türen im Hintergrunde des Saales auf, und der
Vorsitzende des Gerichts, Oberlandesgerichtsrat =Dr.= Zeunemann,
trat ein, dem die beiden Beisitzer und der Staatsanwalt folgten. Der
Luftzug hob den Talar des rasch Vorwärtsschreitenden, so daß seine
stramme und stattliche Gestalt sichtbar wurde. Er grüßte mit einer
Gebärde, die weder herablassend noch vertraulich war und eine
angemessene Mischung von Ehrerbietung und Zuversicht einflößte. Seine
Persönlichkeit erfüllte den bänglich feierlichen Raum mit einer gewissen
Heiterkeit, insofern man die Empfindung bekam, es werde sich hier nichts
ereignen, was nicht durchaus in der Ordnung wäre. Er rieb, nachdem er
sich gesetzt hatte, seine schönen, breiten, weißen Hände leicht
aneinander und ging dann an das Geschäft, indem er die Auswahl der
Geschworenen besorgte. Es ging glatt und flott voran, jeder fühlte sich
von einer wohltätigen Macht an seinen Platz geschoben.
»Meine Herren Geschworenen,« begann er, »es handelt sich heute um einen
etwas verwickelten Fall, dessen Vorgeschichte ich Ihnen kurz
zusammenfassend vorführen will.
Am 2. Oktober starb hier in München, infolge eines Krebsleidens, wie man
annahm, Frau Mingo Swieter, geschiedene Frau Deruga. Sie hatte nach
ihrer vor siebzehn Jahren erfolgten Scheidung von Deruga ihren
Mädchennamen wiederangenommen. In ihrem Testament, das Anfang November
eröffnet wurde, hatte sie ihren geschiedenen Gatten, =Dr.= Deruga,
zum alleinigen Erben ihres auf etwa vierhunderttausend Mark sich
belaufenden Vermögens ernannt, mit Beiseitesetzung ihrer Verwandten, von
denen die Gutsbesitzersgattin Baronin Truschkowitz, eine Kusine, die
nächste war. Auf das Betreiben der Baronin Truschkowitz und auf gewisse
zureichende Verdachtsgründe hin, die Ihnen bekannt sind, veranlaßte das
Gericht die Exhumierung der Leiche, und es wurde festgestellt, daß die
verstorbene Frau Swieter nicht infolge ihrer Krankheit, sondern eines
furchtbaren Giftes, des Curare, gestorben war.
Als dem seit siebzehn Jahren in Prag ansässigen =Dr.= Deruga das
Gerücht von einem gegen ihn im Umlauf befindlichen Verdacht zu Ohren
kam, reiste er hierher, um zu erfahren, wer seine Verleumder, wie er sie
nannte, wären, und sie zu verklagen. Es wurde ihm mitgeteilt, daß das
Gericht bereits den Beschluß gefaßt habe, die Anklage auf Mord gegen ihn
zu erheben, und daß er seine Anklage bis zur Beendigung des Prozesses
verschieben müsse. Unter diesen besonderen Umständen, da der Angeklagte
sich gewissermaßen selbst gestellt hatte, wurde angenommen, daß
Fluchtverdacht nicht vorliege, und von einer Verhaftung einstweilen
abgesehen. Verdächtig machte den Angeklagten von vornherein, daß er sich
in bedeutenden finanziellen Schwierigkeiten befand. Ferner belastete ihn
die Tatsache, daß er am Abend des 1. Oktober vergangenen Jahres eine
Fahrkarte nach München löste und erst am Nachmittag des 3. Oktober nach
Prag in seine Wohnung zurückkehrte. Einen genügenden Alibibeweis
vermochte der Angeklagte nicht zu erbringen.
Dies sind also die Hauptgründe, die das Gericht bewogen haben, die
Anklage auf Totschlag zu erheben. Es wird angenommen, daß Deruga seine
geschiedene Frau aufsuchte, um Geld von ihr zu erbitten, beziehungsweise
zu erpressen, und daß er sie bei dieser Gelegenheit, irgendwie gereizt,
vielleicht durch eine Weigerung, tötete. Allerdings scheint der Umstand,
daß Deruga Gift bei sich gehabt haben muß, für einen überlegten Plan zu
sprechen. Allein das Gericht hat der Möglichkeit Raum gegeben, der
verzweifelte Spieler habe damit sich selbst vernichten wollen, wenn sein
letzter Versuch mißlänge, und nur in einem unvorgesehenen Augenblick der
Erregung davon Gebrauch gemacht.«
Während des letzten Satzes hatte der Staatsanwalt vergebens versucht,
durch Verdrehungen seines hageren Körpers und Deutungen seines knotigen
Zeigefingers die Aufmerksamkeit des Vorsitzenden auf sich zu lenken.
»Verzeihung,« sagte er, indem er seinem langen, weißen Gesicht einen
süßlichen Ausdruck zu geben suchte, »ich möchte gleich an dieser Stelle
betonen, daß ich persönlich dieser Möglichkeit nicht Raum gebe. Warum
hätte der Mann es denn so eilig mit dem Selbstmorde gehabt? Er amüsierte
sich viel zu gut im Leben, um es so Hals über Kopf wegzuwerfen.
Ferner möchte ich darauf hinweisen, daß der Angeklagte auf das
erstmalige Befragen des Untersuchungsrichters die abscheuliche Untat
eingestand, oder, besser gesagt, sich ihrer rühmte, um sie mit ebenso
großer Dreistigkeit hernach zu leugnen.«
»Jawohl, jawohl, wir kommen darauf zurück,« sagte der Vorsitzende mit
einer Handbewegung gegen den Staatsanwalt, wie wenn ein Kapellmeister
etwa einen vorlauten Bläser beschwichtigt. »Ich will zunächst den
Angeklagten vernehmen.«
»Sie müssen aufstehen,« flüsterte der Justizrat seinem Klienten zu, der
mit schläfriger Miene den Saal und das Publikum betrachtete.
»Aufstehen, ich?« entgegnete dieser erstaunt und beinahe entrüstet.
»Nun also auch das. Stehen wir auf,« fuhr er fort, erhob sich langsam
und heftete einen scharf durchdringenden Blick auf den Präsidenten; man
hätte meinen können, er sei ein Examinator und =Dr.= Zeunemann ein
zu prüfender Kandidat.
»Sie heißen Sigismondo Enea Deruga,« begann der Vorsitzende das Verhör,
die beiden klangvollen Vornamen durch eine ganz geringe Dosis von Pathos
hervorhebend, die genügte, die Zuhörer zum Lachen zu bringen. Deruga
warf einen stechenden Blick in die Runde. »Ist es hier etwa ein
Verbrechen, nicht Johann Schulze oder Karl Müller zu heißen?« sagte er.
»Beantworten Sie bitte schlechtweg meine Fragen,« sagte =Dr.=
Zeunemann kühl. »Sie heißen Sigismondo Enea Deruga, sind in Bologna
geboren und sechsundvierzig Jahre alt. Stimmt das?«
»Jawohl.«
»Sie haben in Bologna, Padua und Wien Medizin studiert und sich erst in
Linz, dann in Wien niedergelassen, nachdem Sie dort das Heimatrecht
erworben hatten. Stimmt das?«
»Es wäre wirklich eine Schande,« sagte Deruga, »wenn Sie nach vier
Monaten nicht einmal das richtig herausgebracht hätten.«
»Ich erinnere Sie nochmals, Angeklagter,« sagte der Vorsitzende, den das
sich erhebende Gelächter ein wenig ärgerte, »daß Sie sich an die kurze
und klare Beantwortung der an Sie gerichteten Fragen zu halten haben. Es
ist Ihre Schuld, daß sich die Voruntersuchung so lange hingezogen hat.
Ich ergreife die Gelegenheit, Ihnen einen ernstlichen Vorhalt zu machen.
Sie befolgen augenscheinlich den Grundsatz, das Gericht durch
Ungehörigkeiten und Wunderlichkeiten hinzuhalten und irrezuführen. Sie
verschlimmern dadurch Ihre Lage, ohne Ihren Zweck zu erreichen. Die
Untersuchung nimmt ihren sicheren Gang trotz aller Steine, die Sie auf
ihren Weg werfen. Sie stehen unter einer schweren Anklage und täten
besser, anstatt die gegen Sie zeugenden Momente durch ungebärdiges und
zügelloses Betragen zu verstärken, den Gerichtshof und die Herren
Geschworenen durch Aufrichtigkeit in ihrer dornigen Arbeit zu
unterstützen und für sich einzunehmen. Sie befinden sich in einem Lande,
wo die Justiz ihres verantwortungsvollen Amtes mit unerschütterlicher
Unbestechlichkeit und Unparteilichkeit waltet. Der Höchste und der
Niedrigste findet bei uns nicht mehr und nicht weniger als
Gerechtigkeit. Wir erwarten dagegen vom Höchsten wie vom Niedrigsten
diejenige Ehrfurcht, die einer so heiligen und würdigen Institution
zukommt. Der Gebildete sollte sie uns freiwillig darbringen; aber im
Notfall wissen wir sie zu erzwingen.«
»Ja, ja,« sagte Deruga gutmütig, »nur zu, ich werde schon antworten.«
=Dr.= Zeunemann hielt es für besser, es dabei bewenden zu lassen,
und fuhr fort: »Sie verheirateten sich im Jahre 18.. mit Mingo Swieter
aus Lübeck, erzielten aus dieser Ehe ein Kind, eine Tochter, die
vierjährig starb, und kurz darauf, vor jetzt siebzehn Jahren, wurde die
Ehe geschieden. Als Grund ist böswillige Verlassung von seiten der Frau
angegeben, und zwar hat Frau Swieter das Wiener Klima vorgeschützt,
welches sie nicht vertragen könne. In Wirklichkeit sollen Ihr
unverträglicher Charakter und Ihr unberechenbares Temperament, das zu
Gewalttaten neigt, Ihre Frau zu diesem Schritt veranlaßt haben.«
Da =Dr.= Zeunemann bei diesen Worten fragend zu =Dr.= Deruga
hinübersah, sagte dieser: »Es wird das beste sein, wenn Sie sich
schlechtweg an die in den Akten befindlichen Angaben halten.«
Der Vorsitzende unterdrückte eine Anwandlung zu lachen und fuhr gelassen
fort: »Bald nach erfolgter Scheidung zogen Sie von Wien nach Prag und
übten dort Ihre Praxis aus, während Frau Swieter sich in München
niederließ, wo sie einen Teil ihrer Jugendjahre verlebt hatte. Auf
weitere Daten werden wir gelegentlich zurückkommen. Erzählen Sie uns
jetzt, was Sie am 1. Oktober des vorigen Jahres getan haben.«
»Da ich kein Tagebuch führe,« sagte =Dr.= Deruga laut, »noch meine
täglichen Verrichtungen durch einen Kinematographen oder ein Grammophon
aufnehmen lasse, ist es mir leider unmöglich, Ihnen den Verlauf des
Tages mit mathematischer Genauigkeit wiederzugeben. Ich werde eben
gefrühstückt, einige Patienten besucht, zu Mittag gegessen und hernach
eine Stunde im Café gesessen haben. Dann werde ich in der Sprechstunde
mehrere Exemplare der mir sehr unsympathischen Gattung Mensch untersucht
haben. Gegen Abend ging ich aus, um eine mir befreundete, hochanständige
Dame zu besuchen. In der Nähe des Bahnhofs begegnete ich einem Kollegen,
der mich fragte, ob ich auch in den ärztlichen Verein ginge. Ich sagte,
ich könne leider nicht, da ich verreisen müsse. Worauf er mich bis zum
Bahnhof begleitete. Ich nahm aufs Geratewohl eine Karte nach München,
weil ich ja sonst meine Lüge hätte zugestehen müssen, und auch weil mir
eingefallen war, daß auf diese Weise die mir befreundete Dame sicher
wäre, nicht kompromittiert zu werden.«
»Weigern Sie sich nach wie vor,« fragte =Dr.= Zeunemann, »den Namen
dieser hochanständigen Dame zu nennen?«
»Ich habe ja schon gesagt, daß mir daran liegt, sie nicht zu
kompromittieren,« antwortete Deruga.
»Ich gebe Ihnen zu bedenken, Herr Deruga,« sagte =Dr.= Zeunemann
warnend, »daß Ihre Ritterlichkeit auf sehr wackeligen Füßen steht.
Sollte eine Dame zulassen, daß sich ein Freund um ihretwillen in solche
Gefahr begibt? Da möchte man schon lieber annehmen, daß diese Dame gar
nicht existiert. Die ganze Geschichte, die Sie vorbringen, entbehrt der
Wahrscheinlichkeit. Daß Sie eine Dame besuchten und Tage und Nächte bei
ihr zubrachten, wäre an sich bei Ihrer Lebensführung nicht unglaublich.
Auch das mag hingehen, daß Sie den Wunsch hatten, sie nicht zu
kompromittieren, aber das Mittel, das Sie zu diesem Zweck gewählt haben
wollen, kann man nur als ungeeignet und lächerlich bezeichnen. Jemand,
der sich in so schlechter finanzieller Lage befindet wie Sie, gibt nicht
zweiunddreißig Mark für eine Fahrkarte aus, die er nicht braucht.«
»Einunddreißig Mark fünfundsiebzig Pfennig,« verbesserte Deruga.
»Die Karte von Prag nach München kostet zweiunddreißig Mark,« sagte
=Dr.= Zeunemann scharf.
»Der umgekehrte Weg ist fünfundzwanzig Pfennige billiger,« beharrte
Deruga.
»Lassen wir den Wortstreit,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Man wirft auch
einunddreißig Mark und fünfundsiebzig Pfennige nicht fort, wenn man in
Geldverlegenheiten ist.«
»Ein verständiger Deutscher wohl nicht,« entgegnete Deruga, »aber ich
habe größere Dummheiten in meinem Leben gemacht als diese. Übrigens war
ich nicht in Geldverlegenheit, ich hatte nur Schulden.«
Der Staatsanwalt rang die Hände und wendete die Blicke nach oben, wie
wenn er den Himmel zum Zeugen einer solchen Verwilderung anrufen wollte.
Dann bat er um das Wort und fragte, wie es zugehe, daß der Angeklagte
genug Geld für eine so unvorhergesehene Reise bei sich gehabt hätte.
Statt der Antwort griff Deruga in seine Westentasche, zog eine Handvoll
Geld hervor und zählte: »Sechzig, dreiundsechzig, siebzig,
vierundsiebzig Mark. Sie sehen, ich könnte auf der Stelle nach Prag
reisen, wenn ich es nicht vorzöge, in Ihrer angenehmen Vaterstadt zu
bleiben.«
»Warum bezahlten Sie Ihre Schulden nicht, wenn Sie Geld hatten?« rief
der Staatsanwalt, dessen Stimme, wenn er sich aufregte, einen
kreischenden Ton annahm.
»O, dazu reichte es bei weitem nicht,« lachte Deruga. »Ich hatte nur so
viel, um meine täglichen Bedürfnisse zu befriedigen.«
Der Vorsitzende erklärte diese Zwischenfragen durch eine Handbewegung
für beendet. »Sie bleiben also dabei, Angeklagter,« fragte er, »daß Sie
zum Schein eine Fahrkarte nach München lösten. Was brachte Sie gerade
auf München?«
»Das ist eine schwierige Frage,« sagte Deruga. »Hätte ich eine Karte
nach Frankfurt oder Wien genommen, könnten Sie sie ebensogut stellen.
Vielleicht ist ein Psychoanalytiker anwesend und könnte uns interessante
Aufschlüsse über die Gedankenassoziation geben, und ob sie
gefühlsbetont war oder nicht. Meine Spezialität sind Nasen-, Hals- und
Rachenkrankheiten.«
»Was taten Sie, nachdem Sie die Karte gelöst hatten?« fragte der
Vorsitzende weiter.
»Ich stellte mich an die Barriere,« erzählte Deruga, »ging, als sie
geöffnet wurde, an den Zug, stieg aber nicht ein, sondern ging mittels
einer vorher gelösten Perronkarte zurück. Dann suchte ich die schon
öfters genannte Dame auf, bei der ich bis zum Nachmittag des 3. Oktober
blieb.«
»Die Unwahrscheinlichkeiten häufen sich,« sagte =Dr.= Zeunemann.
»Welcher Arzt wird ohne zwingende Gründe anderthalb Tage von seiner
Praxis wegbleiben?«
»Ich bin der Ansicht,« sagte Deruga, »daß nicht ich für die Praxis da
bin, sondern daß die Praxis für mich da ist.«
»Ein bedenklicher Grundsatz für einen Arzt,« meinte =Dr.=
Zeunemann.
»Warum?« antwortete Deruga leichthin. »Die meisten Patienten können sehr
gut ein paar Tage warten, die übrigen brauchten überhaupt nicht zu
kommen. Wichtige Fälle hatte ich damals nicht.«
»Ihre Patienten waren allerdings nicht verwöhnt,« sagte =Dr.=
Zeunemann. »In den letzten Jahren hatten Sie sogar eine Anzahl verloren,
weil sie nachlässig und unaufmerksam in der Führung Ihrer Praxis waren.
Immerhin war es selbst an Ihnen auffallend, daß Sie außer der Zeit, ohne
Abmeldung, zwei Tage abwesend waren. Sie kamen nach Ihrer eigenen
Aussage, die von Ihrer Haushälterin bestätigt wurde, am 3. Oktober kurz
vor vier Uhr wieder in Ihrer Wohnung an. Beiläufig sei bemerkt, daß der
von hier kommende Schnellzug um drei Uhr zwanzig Minuten in Prag
eintrifft. Ihre Sprechstunde war noch nicht vorüber, und es warteten
zwei geduldige Patienten, die sich von Ihrer Hausdame mit der Aussicht
auf Ihr baldiges Erscheinen hatten vertrösten lassen. Sie weigerten sich
aber, diese gutmütigen Herrschaften, die einiger Rücksicht wohl wert
gewesen wären, anzunehmen, weil Sie, so sagten Sie zu Ihrer
Haushälterin, müde wären und sich zu Bett legen wollten. Ihr Aufenthalt
bei der in ihrer Tugend so heiklen Dame muß also sehr anstrengend
gewesen sein.«
»Ich finde Frauen immer anstrengend,« sagte Deruga, »besonders wenn sie
dumm sind.«
»Nehmen wir also an,« sagte der Vorsitzende, während der Staatsanwalt
die Hände rang und seine unter diabolisch geschwänzten Brauen fast
verschwindenden Augen zum Himmel richtete, »daß die Ihnen befreundete
Dame ebenso dumm wie tugendhaft ist! Gehen wir nun zu einem anderen
wichtigen Punkt über! Wollen Sie erzählen, wann und wie Sie von dem
Inhalt des Testamentes in Kenntnis gesetzt wurden, durch welches die
verstorbene Frau Swieter Sie zum Erben ihres Vermögens einsetzte!«
»Anfang November,« sagte Deruga, »das Datum habe ich mir nicht gemerkt,
durch die zuständige Behörde.«
»Sie sollen«, sagte =Dr.= Zeunemann, »Ihr Erstaunen und Ihre Freude
lebhaft geäußert haben. Ich bemerke,« wiederholte er mit Nachdruck
gegen die Geschworenen, »daß andere Personen dies bezeugen: Erstaunen
und Freude.«
»O, edler Richter, wack'rer Mann,« sagte Deruga lächelnd.
»Bitte Zwischenbemerkungen zu unterlassen,« sagte der Vorsitzende. »Es
ist bereits halb zwölf Uhr, und ich möchte bis zur Mittagspause mit
Ihrem Verhör zu einem vorläufigen Ende kommen. Erzählen Sie uns bitte,
wann und wie Ihnen zuerst etwas von dem gegen Sie erhobenen Verdacht zu
Ohren kam!«
»Durch einen sehr anständigen Menschen,« begann Deruga, »sehr anständig
und achtungswert, obgleich er nur ein roher italienischer Weinhändler
ist. Der Mann heißt Tommaso Verzielli und kam vor fünfzehn Jahren als
ein armer Teufel zu mir, nachdem er eine fünfjährige Gefängnisstrafe
verbüßt hatte. Er hatte nämlich einen Polizisten niedergestochen, der
eine arme alte Frau verhaften wollte, weil sie in einem Bäckerladen ein
Brot genommen hatte. Er war sehr verzagt und wollte nach Italien zurück,
denn unter Deutschen, sagte er, würde er doch nicht aus dem Gefängnis
herauskommen, weil er fortwährend Dinge mit ansehen müßte, wobei ihm das
Blut zu Kopfe stiege. Ich sagte, das würde in Italien nicht anders sein,
und redete ihm zu, er sollte die Menschen sich untereinander zerreißen
lassen, sie wären einander wert, und es wäre um keinen schade. Er solle
heiraten und nur noch für Frau und Kinder arbeiten und sorgen, und
außerdem gab ich ihm den Rat, einen Handel mit italienischen Weinen und
anderen Lebensmitteln anzufangen, und schoß ihm ein kleines Kapital dazu
vor. Das hat er mir längst zurückgestellt, denn durch Fleiß und
Intelligenz brachte er sich schnell in die Höhe, aber er widmet mir
immer noch eine Dankbarkeit, als ob ich ihm täglich neu das Leben
schenkte.
Dieser Verzielli also kam Mitte November am späten Abend in voller
Aufregung zu mir gelaufen und erzählte mir, der italienische Konsul,
Cavaliere Faramengo, ein guter alter Herr, aber etwas schwachsinnig, sei
bei ihm gewesen -- Verzielli hat nämlich jetzt ein sehr feines
Restaurant -- und habe sich unter der Hand nach mir erkundigt und als
tiefstes Geheimnis verraten, daß ich als Mörder meiner geschiedenen Frau
verhaftet werden sollte. Der gute Mensch war außer sich und bot mir sein
ganzes Vermögen an, wenn ich nach Amerika fliehen wollte. 'Deruga und
fliehen? Da kennst du Deruga schlecht, guter Freund,' sagte ich und lief
sofort, trotz Verziellis Flehen, zum italienischen Konsul. Der arme alte
Herr hat fast einen Schlaganfall bekommen, so heftig stellte ich ihn zur
Rede, und da ich von ihm keine genügende Auskunft bekam, reiste ich
hierher, um den Ursprung des infamen Gerüchtes kennenzulernen.«
»Es mußte Ihnen mitgeteilt werden,« fiel =Dr.= Zeunemann ein, »daß
das Gericht bereits beschlossen hätte, die Anklage auf Mord gegen Sie zu
erheben, und daß Sie eine etwaige Beleidigungsklage bis zur Beendigung
des Prozesses zu verschieben hätten. Wenn Ihr erstes Auftreten, wie ich
nicht unterlassen will zu bemerken, den Schein der Schuldlosigkeit
erwecken konnte, so belastete Sie hingegen Ihr Verhalten dem
Untersuchungsrichter gegenüber in bedenklicher Weise. So haben Sie
zuerst auf die Frage, wo Sie vom 1. bis 3. Oktober gewesen wären, die
Antwort verweigert. Dann haben Sie erzählt, Sie wären in der Absicht,
sich das Leben zu nehmen, fortgefahren, an einem beliebigen Haltepunkt
ausgestiegen und dann aufs Geratewohl querfeldein gegangen, bis Sie in
eine ganz einsame Gegend gekommen wären. An einem Flusse hätten Sie
lange gelegen und mit sich gekämpft, bis Sie darüber eingeschlafen
wären. Nach vielen Stunden festen Schlafes wären Sie ernüchtert
aufgewacht, hätten sich noch eine Weile herumgetrieben und wären dann
heimgefahren. Schließlich tauchte die Geschichte von der geheimnisvollen
Dame auf. Der Born der Phantasie sprudelt sehr ergiebig bei Ihnen.«
»Nicht so wie Sie meinen,« sagte Deruga. »Ich wollte nur den
Untersuchungsrichter ärgern und kann wohl sagen, daß mir das gelungen
ist. Er hat beinah Nervenkrämpfe bekommen.«
=Dr.= Zeunemann ließ eine Pause verstreichen, bis das Gelächter im
Publikum verstummt war, und sagte dann: »Es wundert mich, daß ein Mann
in Ihrer Lage, in Ihrem Alter und von Ihrem Verstande sich so kindisch
benehmen mag -- oder so töricht, denn vielleicht waren Ihre verschiedenen
Angaben auch nur ein Verfahren, darauf zugeschnitten, unsicher zu machen
und irrezuführen.«
»Sind Sie schon einmal von einem täppischen Untersuchungsrichter
ausgefragt worden?« fragte Deruga. »Nein, wahrscheinlich nicht. Also
können Sie nicht wissen, wie Sie sich in solcher Lage benehmen würden.
Allerdings vermutlich vernünftiger als ich. Sie haben eine
beneidenswerte Konstitution. Sie sind so recht ein Musterbeispiel, wie
der gesunde Mensch sein soll. Alle Erschütterungen durch häßliche
Eindrücke, Fragen, Zweifel und Leidenschaften werden bei Ihnen durch
eine tadellose Verdauung geregelt, so daß Sie sich immer im stabilen
Gleichgewicht befinden; _ich_ dagegen bin unendlich reizbar.«
=Dr.= Zeunemann hatte versucht, den Angeklagten zu unterbrechen,
aber ohne genügenden Nachdruck. »Sie haben wohl auch mehr Ursache
unruhig zu sein als ich,« sagte er jetzt mit leichter Ironie.
»Vielleicht würden Sie sich wohler fühlen, wenn Sie es einmal mit
vollkommener Offenheit versuchten, anstatt sich und uns durch Ihre
Winkelzüge zu reizen.«
»Sie, Herr Präsident, will ich nicht ärgern, darauf können Sie sich
verlassen,« sagte Deruga mit einem freundlich beschwichtigenden Tone,
wie man ihn etwa einem Kinde gegenüber anschlägt.
* * * * *
»Warten Sie im Vorsaal des ersten Stockes auf mich,« flüsterte Justizrat
Fein seinem Klienten zu, als gleich darauf die Sitzung aufgehoben wurde.
Von dort aus gingen sie zusammen durch ein rückwärtiges Portal in die
Anlagen, die auf eine stille Straße ohne Geschäftsverkehr führten. Vor
einem mit Gesträuch bewachsenen Hange blieb der Justizrat stehen,
stocherte mit der Spitze seines Regenschirmes in der alten,
feucht-verklebten Blätterdecke und sagte: »Da muß es bald
Schneeglöckchen und Krokus geben; ich will ihnen den Weg ein wenig frei
machen.«
»Kommen Sie, kommen Sie,« sagte Deruga, den Justizrat am Arm ziehend.
»Die finden ihren Weg ohne Sie. Sagen Sie, kann ich heute nachmittag
während der Sitzung nicht lesen oder noch lieber schlafen? Das Zeug
langweilt mich unbeschreiblich, Sie könnten mir ja einen Stoß geben,
wenn ich mich betätigen muß.«
»Machen Sie keine Dummheiten,« sagte der Justizrat; »heute nachmittag
wird wahrscheinlich der Hofrat von Mäulchen vernommen, der sehr schlecht
für Sie aussagen wird. Sie müssen also aufpassen, ob Sie ihm nicht
Ihrerseits etwas am Zeuge flicken können.«
»Am Zeuge flicken!« rief Deruga aus. »Umbringen möchte ich ihn. Ich
hasse diesen Menschen, vielmehr diesen rosa Wachsguß über einer Kloake.«
»Hören Sie, Deruga,« sagte der Justizrat. »Ich verstehe Sie öfters
nicht, doch das am wenigsten, wie Sie einem Menschen Geld schuldig
bleiben mochten, den Sie haßten. Sie hätten doch das Geld auch von
anderer Seite haben können, zum Beispiel von dem guten Verzielli.«
»Wahrscheinlich hätte es Ihr Ehrgefühl verletzt, einem verhaßten
Menschen Geld zu schulden,« sagte Deruga. »Sehen Sie, bei mir ist das
anders. Mir machte es Vergnügen zu sehen, was für Angst er um seine
Taler hatte, und wie er sich quälte, die Angst nicht merken zu lassen,
sondern den Anschein zu wahren, als wäre es ihm ganz gleichgültig. Denn
er will erstens für unermeßlich reich und zweitens für sehr weitherzig
in Geldsachen gelten. Hätte ich Geld im Überfluß gehabt, würde ich ihn
wahrscheinlich doch nicht ausbezahlt haben, um ihn zappeln zu sehen.«
»Ich glaube, Sie können fürchterlich hassen,« sagte der Justizrat
nachdenklich, indem er den Doktor nicht ohne Bewunderung von der Seite
betrachtete.
Dieser lachte herzhaft und ausgiebig wie ein Kind. »Das kann ich
allerdings,« sagte er. »Ich möchte manchmal einem ein Messer im Herzen
herumdrehen, nur weil mir seine Mundwinkel nicht gefallen. Ich will mich
aber heute nachmittag Ihnen zuliebe zusammennehmen, so gut ich kann.«
»Ja, darum bitte ich,« sagte der Justizrat, »ich fühle mich doch etwas
verantwortlich für Sie.«
* * * * *
Hofrat von Mäulchen erschien in gewählter Kleidung, in einen
angenehmen, mondänen Duft getaucht, mit dem leichten und sicheren Gang
dessen, den allgemeine Beliebtheit trägt, im Schwurgerichtssaale. Die
Eidesformel, die der Präsident ihm vorsprach, wiederholte er mit
liebenswürdiger Gefälligkeit und einem leicht fragenden Ausklang, so,
als wolle er sich bei jedem Satz vergewissern, ob es dem Vorsitzenden
und dem lieben Gott so auch recht wäre.
»Der Angeklagte,« begann =Dr.= Zeunemann das Verhör, als alle
Förmlichkeiten abgetan waren, »ist Ihnen seit Mai 19.., also seit fünf
Jahren, sechstausend Mark schuldig. Wollen Sie, bitte, erzählen, wie Sie
den Angeklagten kennenlernten, und wie es kam, daß er das Geld von Ihnen
borgte!«
»Beides ist schnell getan,« sagte der Hofrat. »Ich lernte Deruga im
ärztlichen Verein kennen, außerdem hat er mich gelegentlich einer
kleinen Wucherung in der Nase behandelt. Kollegen empfahlen ihn mir,
weil er eine besonders leichte Hand habe, was meine eigene Erfahrung
bestätigt hat. Es handelte sich bei mir allerdings um einen sehr
einfachen Fall, aber auch darin kann man ja seine Fähigkeiten beweisen.
Gewisse kleine Originalitäten und Wunderlichkeiten hatte er an sich, zum
Beispiel erinnere ich mich, daß er mich immer in der Erwartung hielt,
als käme etwas außerordentlich Schmerzhaftes, was doch gar nicht der
Fall war. Ich habe sagen hören, daß er nach Belieben, sagen wir nach
Laune, die Patienten ganz schmerzlos oder sehr grob behandelte. Aber das
gehört eigentlich nicht hierher, und so weit meine persönliche Erfahrung
reicht, kann ich ihn als Arzt nur loben. Als ich nun gelegentlich eine
Bemerkung über die schäbige Ausstattung seines Wartezimmers machte,
sagte er mir, er habe kein Geld, um sich so einzurichten, wie er möchte,
worauf ich ihm, einem augenblicklichen Gefühl folgend, so viel anbot,
wie er brauchte. Ich bin vielleicht kein sehr besonnener Rechner,«
schaltete der Hofrat mit einem Lächeln ein, »aber in diesem Falle, einem
Kollegen und tüchtigen Arzt gegenüber, glaubte ich gar nichts zu
riskieren.«
»Hat der Angeklagte das Geld für eine neue Einrichtung verwendet?«
fragte der Vorsitzende.
»Darüber kann ich aus eigener Anschauung nichts sagen,« antwortete der
Hofrat. »Es wurde mir später einmal zugetragen, geschwatzt wird ja viel,
die Sessel seines Wartezimmers würden immer schäbiger;
begreiflicherweise habe ich es aber vermieden, ihn aufzusuchen und mich
darüber zu unterrichten.«
»Wollen Sie sich dazu äußern?« wendete sich der Vorsitzende gegen
Deruga. »Haben Sie sich für das geliehene Geld Ihr Wartezimmer neu
eingerichtet?«
»Gehört das hierher?« fragte Deruga. »Ich glaubte immer, man könne sein
Geld verwenden, wie man wolle, einerlei, ob es geliehen oder gestohlen
ist.«
»Sie verweigern also die Antwort?«
»Soviel ich mich erinnere,« sagte Deruga mürrisch, »habe ich
Instrumente, moderne Apparate, einen Operationsstuhl und dergleichen
dafür gekauft.«
»Sie haben,« setzte der Präsident die Zeugenvernehmung fort, »im Laufe
der nächsten Jahre den Angeklagten niemals gemahnt?«
»Bewahre,« erwiderte der Hofrat. »Einen Kollegen! Überhaupt würde ich
das ohne genügende Gründe niemals tun. Ich hatte das Geld eigentlich
schon verloren gegeben, denn das Gerede ging, als betriebe Deruga seine
Praxis nur nachlässig und führe ein sehr ungeregeltes Leben. Ich habe
übrigens, wie ich gleich vorausschicken will, der Wahrheit dieses
Geredes nicht nachgeforscht und bitte, keine Schlüsse daraus zu ziehen.«
»So gehen wir ohne weiteres zu dem Anlaß über,« sagte =Dr.=
Zeunemann, »der Sie bewog, das Geld zurückzufordern. Wollen Sie den
Vorgang im Zusammenhang erzählen!«
»Im September vorigen Jahres,« berichtete der Hofrat, »traf ich mit
Deruga in dem schon erwähnten ärztlichen Verein zusammen, nachdem ich
ihn fast ein Jahr lang nicht gesehen und das Geld sozusagen vergessen
hatte. Er rief mir über den Tisch hinüber in ziemlich formloser Weise
zu, er wolle eine Patientin, von der er glaube, daß sie ein
Unterleibsleiden habe, zu mir schicken, ich solle sie untersuchen und
nötigenfalls behandeln, aber umsonst, zahlen könne sie nicht. Mehr über
seine Art und Weise als über die Sache selbst verstimmt, erwiderte ich,
wie ich gern glauben will, ein wenig kühl, ich sei mit Arbeit sehr
überhäuft, die Kranke könne ja zu dem in Betracht kommenden Kassenarzt
gehen. Darauf wurde Deruga kreideweiß im Gesicht und überhäufte mich mit
einem Schwall von Beleidigungen, wie, daß ich es nur auf Geldmacherei
abgesehen hätte, der Arzt für Kommerzienrätinnen und fürstliche Kokotten
wäre und dergleichen mehr, was ich nicht wiederholen will. Ich möchte
bemerken, daß ich glaube, wie ungerecht seine Beschuldigungen auch waren
und wie unpassend auch die Form war, wie er sie erhob, er machte sie
=bona fide=. Er hatte die Meinung, ich sei gemütlos und strebte nur
nach klingendem Erfolg und äußerem Glanz, vielleicht weil ihm infolge
einer gewissen volkstümlichen oder zigeunerhaften Veranlagung der Sinn
für geregeltes bürgerliches Leben mit seinen traditionellen Begriffen
von Anstand und Ehre überhaupt abgeht. In jenem Augenblick vermochte ich
mich zu dieser objektiven Ansicht nicht zu erheben, sondern, ich gestehe
es, ich fühlte mich verletzt und im Innersten empört.«
»Beinah wäre der rosa Wachsguß geschmolzen,« flüsterte Deruga dem
Justizrat zu.
»Ohne mein entrüstetes Gefühl zu zügeln oder es nur zu wollen,
antwortete ich heftig, er habe am wenigsten Ursache, mir derartige
Vorwürfe zu machen, da ich ihm bereitwillig ausgeholfen und den Verlust
nicht nachgetragen hätte. Ich hätte ihn damals für zahlungsfähig
gehalten, sagte er boshaft, sonst würde ich ihm nichts geborgt haben.
Allerdings, sagte ich, hätte ich einen Kollegen für so ehrenhaft
gehalten, daß er seine Schulden bezahlte, und da er mich nun selbst
herausfordere, solle er es auch tun. Der Streit wurde dann durch mehrere
Kollegen, die sich ins Mittel legten, geschlichtet. Bevor wir uns
trennten, sagte ich zu Deruga, er solle das, was ich vorhin in heftiger
Aufwallung gesagt hätte, nicht so auffassen, als wolle ich ihn drängen.
Erlauben Sie mir bitte, festzustellen, daß ich der ganzen Sache aus
freien Stücken niemals in der Öffentlichkeit Erwähnung getan haben
würde!«
»Darf ich bitten,« sagte Justizrat Fein, sich an den Zeugen wendend,
»Sie sind nachher mit keinem Wort und mit keiner Andeutung auf die
Geldangelegenheit zurückgekommen?«
»Nein, durchaus nicht,« antwortete der Hofrat. »Es tat mir im Gegenteil
leid, daß ich mir in der Erregung die Mahnung hatte entschlüpfen
lassen.«
»Also«, sagte der Justizrat, »war die Lage für =Dr.= Deruga nicht
im mindesten verändert, und es liegt kein Grund zu der Behauptung vor,
er habe sich durchaus Geld verschaffen müssen, um die fällige Schuld zu
bezahlen.«
»Ich bitte sehr,« rief der Staatsanwalt, »durch den Vorfall im
ärztlichen Verein war das Schuldverhältnis einer ganzen Reihe von
Kollegen bekannt geworden; das ist denn doch eine erhebliche Veränderung
der Lage. So viel Ehrgefühl dürfen wir doch bei einem jeden gebildeten
Manne voraussetzen, daß ihm das nicht gleichgültig war.«
»Nehmen wir, bitte, =Dr.= Deruga wie er ist, und nicht, wie er nach
der Meinung anderer sein sollte. Da es ihm nichts ausmachte, dem Hofrat
von Mäulchen Geld schuldig zu bleiben, für den er augenscheinlich keine
besondere Vorliebe hatte, lag ihm wahrscheinlich sehr wenig daran, daß
ein paar andere Kollegen, mit denen er, wie es scheint, ganz gut stand,
davon wußten. Jedenfalls, wenn er früher so dickfellig in diesem Punkt
war, wird er nicht plötzlich so empfindlich geworden sein, daß er ein
Verbrechen beging, um sich aus der Klemme zu ziehen.«
Die gemächliche Grandezza, mit der der Justizrat dastand, die Wucht
seiner massigen Gestalt und seines großgeformten, ruhigen Gesichtes
überzeugten noch wirksamer als seine Worte und brachten seinen
zappeligen Gegner außer Fassung.
»Ja, wenn der Mensch immer so folgerichtig wäre!« sagte er heftig.
»Dafür, daß Männer lieber Verbrechen begehen, als einen Fleck auf ihrer
sogenannten bürgerlichen Ehre dulden, finden sich viele Beispiele.«
=Dr.= Zeunemann hob Ruhe gebietend seine Hand.
»Eine verbrecherische Handlung wird dem Angeklagten zunächst noch gar
nicht zugemutet,« sagte er. »Wenn er seine geschiedene Frau um Geld
anging, so war das höchstens taktlos, und es ist um so weniger
auffallend, als wir aus vielen Zeugnissen wissen, daß er diese
Hilfsquelle öfters in Betracht zog. Halten Sie,« wendete er sich an den
Hofrat, »die Schuld für ein Motiv, das stark genug gewesen wäre, den
Angeklagten zu veranlassen, sich auf irgendeine ungewöhnliche oder
bedenkliche, etwa sogar verbrecherische Weise in den Besitz von Geld zu
setzen?«
»Ich muß sehr bitten,« wehrte der Hofrat ab, »mir die Antwort zu
erlassen. Ich schrecke um so mehr davor zurück, ein Urteil darüber zu
äußern, als ich nicht in der Lage war, mir eines zu bilden. Ich bin mit
der Psyche Derugas nicht vertraut, könnte mich nur in Phantasien
ergehen, aber selbstverständlich bin ich eher geneigt, Gutes als
Schlechtes von einem Kollegen zu denken.«
»Sie waren,« fuhr der Vorsitzende fort, »derjenige Kollege, dem der
Angeklagte am 1. Oktober zwischen sechs und sieben Uhr in der Nähe des
Bahnhofs begegnete, und der ihn fragte, ob er in den ärztlichen Verein
wolle?«
»Jawohl,« sagte der Hofrat. »Ich stellte die Frage, weil ich mich nach
dem, was kürzlich vorgefallen war, kollegial zu ihm verhalten wollte.
Seine Antwort, er wolle verreisen, erregte mir keinerlei Zweifel, da wir
ja in der Nähe des Bahnhofs waren und Deruga ein Paket trug. Dasselbe
fiel mir auf, weil es größer war, als Herren unserer Gesellschaftskreise
solche zu tragen pflegen.«
Der Vorsitzende wandte sich an Deruga mit der Frage, ob er zugebe, ein
Paket getragen zu haben, und was darin gewesen sei.
»Ich erlaubte mir allerdings,« sagte Deruga, »als ein armer Teufel, der
sich nicht erdreistet, zu den Gesellschaftskreisen des Herrn von
Mäulchen gehören zu wollen, ein Paket zu tragen. Darin wird Wäsche und
dergleichen gewesen sein, was man für die Nacht braucht.«
Der Staatsanwalt schnellte von seinem Sitz auf und bat, daß festgestellt
werde, ob Deruga, als er am 3. Oktober in seine Wohnung zurückkehrte,
ein Paket bei sich gehabt habe.
»Die Haushälterin wird gleich vernommen werden,« sagte der Vorsitzende.
»Der Angeklagte antwortete Ihnen, Herr Hofrat, er wolle verreisen, und
Sie begleiteten ihn bis zum Bahnhof. Können Sie sonst etwas
Sachdienliches mitteilen?«
»Nein, durchaus nicht,« beteuerte der Hofrat. »Gerüchte und
Schwätzereien zu wiederholen werden Sie mir erlassen, da dergleichen ja
mehr oder weniger über jeden Menschen in Umlauf ist und in ernsten
Fällen nicht in Betracht gezogen werden sollte.«
»Vielleicht könnten Sie doch sagen,« fragte der Vorsitzende, »was für
einen Ruf =Dr.= Deruga im allgemeinen unter seinen Kollegen genoß?«
»Ich glaube nicht, daß meine diesbezüglichen Mitteilungen einen
namhaften Wert für Sie hätten,« entschuldigte sich der Hofrat. »Aus
dem, was ich erzählt habe, läßt sich ja schon mancherlei schließen. Den
sicheren Boden der Tatsachen möchte ich nicht verlassen.«
* * * * *
Weinhändler Verzielli, der nächste Zeuge, war ein untersetzter,
dunkelfarbiger Mann, der den Eid in strammer Haltung, die Augen fest auf
den Präsidenten gerichtet, die linke Hand auf das Herz gelegt, mit
lauter Stimme und leidenschaftlichem Ausdruck leistete.
»Sie sind mit dem Angeklagten bekannt, aber nicht verwandt?« fragte
=Dr.= Zeunemann.
»Befreundet, sehr befreundet,« sagte Verzielli eifrig.
»Aber nicht verwandt?« wiederholte =Dr.= Zeunemann.
»Leider nicht,« sagte Verzielli, »aber sehr befreundet. Ich liebe und
bewundere ihn.«
»Sie fühlten sich ihm zu Dank verpflichtet,« sagte der Vorsitzende
freundlich, »weil er durch einen guten Rat und auch durch eine
Geldsumme, die er Ihnen vorschoß, Ihr Glück begründet hatte?«
»Ach, Rat und Kapital, das ist nicht die Hauptsache,« rief Verzielli
aus. »Er hat mir den Glauben an die Menschheit wiedergegeben. Er ist
edel und hilfsbereit.«
»Sie konnten ihm das Geliehene bald zurückgeben,« fuhr der Vorsitzende
fort, »und haben ihm seitdem Ihrerseits zuweilen Geld geborgt?«
»Das ist ja gar nicht der Rede wert,« sagte Verzielli, Kopf und Hand
schüttelnd, »wo ich ihm meine ganze Existenz verdanke. Übrigens hat er
mich nie um Geld gebeten, ich habe es ihm aufgedrängt. Er verstand ja
nicht mit Geld umzugehen, er war zu gut und zu edel dazu.«
»Hat er Ihnen jemals Geld zurückgezahlt?«
»O ja,« rief Verzielli stolz, »auch in bezug auf das Rückständige fragte
er mich öfters, ob ich es brauche. Aber wozu hätte ich es brauchen
sollen? Es war ja ebenso sicher bei ihm wie auf der Bank. Ich sagte ihm
immer, es sei noch Zeit, wenn er es einmal meinen Kindern wiedergäbe.
Meine Frau war auch der Meinung, man dürfe ihn nicht drängen.«
»Hat der Angeklagte Sie zuweilen mit Hinblick auf etwaige Schenkungen
oder eine etwaige Erbschaft von seiten seiner geschiedenen Frau
vertröstet?«
»Zu vertrösten brauchte er mich nicht,« sagte Verzielli ein wenig
gereizt. »Aber natürlich hat er zuweilen von seiner geschiedenen Frau
und seinem verstorbenen Kinde gesprochen. Er hat das arme Kind sehr
geliebt. Meine Frau und ich haben oft geweint, wenn er davon sprach.«
Er zog bei diesen Worten ein großes, buntes Taschentuch hervor und fuhr
sich damit über Stirn und Augen, sei es um sich Tränen oder Schweiß
damit zu trocknen.
»Ich bitte Sie,« sagte =Dr.= Zeunemann freundlich, »genau auf meine
Fragen zu achten und sie kurz und deutlich zu beantworten. Hat der
Angeklagte Ihnen zuweilen von einer Aussicht gesprochen, Geld von seiner
geschiedenen Frau zu erhalten, sei es bei ihren Lebzeiten oder nach
ihrem Tode?«
»Ich glaube,« sagte Verzielli, sein Taschentuch quetschend, »er sagte
gelegentlich einmal, seine geschiedene Frau sei reich, und er sei
überzeugt, sie würde ihm geben, was er brauchte, wenn er sie darum
bäte.«
»Erinnern Sie sich, wann er Ihnen das gesagt hat?«
»Ich glaube,« sagte Verzielli, »daß es in der letzten Zeit nicht gewesen
ist.«
»Wir kommen jetzt,« sagte der Vorsitzende, nach einem leichten Räuspern
die Stimme hebend, »zu einem sehr wichtigen Punkt, und ich fordere Sie
auf, Herr Verzielli, Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Gedächtnis energisch
zusammenzufassen. Denken Sie vor allen Dingen nicht daran, welche Folgen
Ihre Aussagen für den Angeklagten haben könnten, sondern nur daran, daß
Sie einen Eid geschworen haben, die Wahrheit zu sagen!«
Verzielli richtete sich stramm auf, blickte dem Vorsitzenden fest ins
Auge und umfaßte krampfhaft sein Taschentuch.
»Erzählen Sie uns genau mit allen Einzelheiten, wie es sich begab, daß
Sie von dem Gerücht, =Dr.= Deruga habe seine Frau ermordet,
erfuhren, und daß Sie ihn davon in Kenntnis setzten!«
Verzielli schwieg und starrte angelegentlich in einen Winkel,
augenscheinlich bemüht, seine Gedanken zu sammeln.
»Ich will Ihnen zu Hilfe kommen,« sagte =Dr.= Zeunemann
nachsichtig. »Am Abend des 25. November kam Cavaliere Faramengo, der
italienische Konsul, in Ihr Restaurant, um ein Glas Wein zu trinken, wie
er zuweilen tat. Er fragte Sie nach dem Angeklagten aus, und Sie
erfuhren von ihm, daß von München aus Erkundigungen über ihn eingezogen
wären, und daß er im Verdacht stehe, seine geschiedene Frau, die Anfang
Oktober gestorben war und ihn zum Erben ihres Vermögens eingesetzt
hatte, ermordet zu haben. Außer sich vor Entrüstung liefen Sie sofort zu
dem Angeklagten, erzählten ihm alles und sagten, wenn Sie nur wüßten,
wer der Verleumder wäre, Sie würden ihn töten. Der Angeklagte sagte
lachend: 'Dummkopf, ich habe es ja getan.' Das ist, was der
Untersuchungsrichter nicht ohne Mühe aus Ihnen herausgebracht hat.
Bestätigen Sie es jetzt vor dem versammelten Gericht und vor den
Geschworenen?«
»Es ist wahr, daß =Dr.= Deruga sagte: 'Dummkopf, ich habe es ja
getan,' aber er hatte nur insofern recht, als er mich einen Dummkopf
nannte, denn er meinte ...«
»Bleiben Sie bei der Sache!« sagte =Dr.= Zeunemann. »Was
antworteten Sie darauf?«
»Ich sagte, das wäre nicht möglich, und davon war ich auch überzeugt,
daß es unmöglich wäre; aber in dem Zustand von Aufgeregtheit, in dem ich
mich befand, bat ich ihn, augenblicklich nach Amerika zu fliehen, und
bot ihm mein ganzes Vermögen an, damit er sich dort weiter helfen
könnte.«
»Guter Mann,« sagte plötzlich Deruga laut.
Verzielli, der es bisher vermieden hatte, nach der Anklagebank
hinüberzusehen, wandte jetzt den Kopf herum und warf Deruga einen
verzweifelten Blick zu.
Auch =Dr.= Zeunemann sah ihn an. »Wie erklären Sie es,« sagte er,
»daß Sie im ersten Augenblick der Überraschung Verzielli gegenüber die
Tat zugaben?«
»Ich wollte sehen, was für ein Gesicht er machte,« sagte Deruga
leichthin, »das ist alles.«
»Ja, natürlich,« fiel Verzielli rasch ein. »So war er. Das ist ganz er.
O Gott, er hatte recht, mich einen Dummkopf zu nennen. Ja, ein Esel, ein
verwünschter Tölpel war ich, es nicht sofort klar zu durchschauen.«
»Bei der Sache bleiben,« unterbrach =Dr.= Zeunemann. »Die Stimmung
des Angeklagten schlug unvermittelt um, er geriet in Wut und wollte
sofort zum italienischen Konsul laufen, um zu erfahren, wer ihn
verleumdet hätte. 'Sie haben es also nicht getan,' riefen Sie und
beschworen den Angeklagten, keinen übereilten Schritt zu tun und mit dem
Besuch beim Konsul bis zum folgenden Morgen zu warten. Fürchteten Sie
vielleicht, er würde sich in seiner Wut am Konsul vergreifen?«
»Gott bewahre!« rief Verzielli entrüstet. »Der Konsul sollte nur nicht
erfahren, daß ich Deruga alles ausgeplaudert hatte. Auch fürchtete ich,
daß =Dr.= Deruga in seinem gerechten Zorne sich allzu heftig äußern
und dadurch den Konsul gegen sich einnehmen würde. Kurz, ich war ein
Dummkopf und war maßlos aufgeregt. Ich wußte nicht, was ich sagte und
was ich tat.«
Der Staatsanwalt war im Laufe des Verhörs aufgestanden und begleitete
die Antworten des Italieners mit unwillkürlichen Gebärden und hier und
da mit einem höhnischen Lachen oder entrüsteten Ausruf.
»In Ihrer Aufgeregtheit,« sagte er jetzt, sich vorbeugend, »hatten Sie
jedenfalls den Eindruck, daß der Angeklagte im Ernst sprach, als er
sagte: 'Ich habe es ja getan.' Sonst hätten Sie hernach nicht
ausgerufen: 'Sie haben es also nicht getan!'«