An vielen Orten ist das Land noch wüst, da die Eingeborenen so wild

sind, daß sie Menschen fressen, weswegen niemand der Schiffsmannschaft

sich ans Land zu gehen traut, um die köstlichen Früchte wie Bananen,

Ananas, Limonen, Pomeranzen und anderes schmackhafte Obst zu holen, das

hier im Überflusse wächst.

Sie beten den Teufel an und holen sich von ihm Orakel und Rat.

Desgleichen verehren sie die Toten. Alle Neumond feiern sie mit Singen

und Springen ein Fest. Dabei spielen sie auf einer etwa meterhohen

Trommel, die aus einem Palmbaum gehauen und ausgehöhlt und mit einer

Haut überspannt ist. Darauf schlagen sie mit einem Knüppel, in der

andern Hand halten sie eine Art von Kuhglocke, und auf den Armen haben

sie eiserne Ringe zum Rasseln, was ihnen zusammen die lieblichste

Harmonie dünkt. Die andern tanzen und jauchzen danach so lange, bis sie

vor Müdigkeit umfallen. Man kann diese »liebliche« Musik bei stillem

Wetter weithin auf See hören.

Als wir des Abends vor Kap Monte Anker geworfen, starb unser

Kajütenwächter an der Landseuche (Malaria). Er war ein starker,

gesunder Jüngling, in vier Tagen frisch, gesund, tot und begraben.

[Illustration: Die Mohren kamen mit einem Kanu an unser Boot gefahren.]

Am andern Tag kam ein Negerboot an unser Schiff mit drei Schwarzen,

die sich Wasser in die Augen gossen und von uns den Treueid forderten,

den wir auch in der gleichen Weise leisteten. Dennoch wollten sie uns

nicht trauen, sondern fuhren um unsern »Kurprinz« herum wie die Mäuse

um den Speck. Endlich kamen sie doch an Bord und versprachen, den

nächsten Tag mit Elfenbein wiederzukommen. Ihre Furcht rührt daher,

daß oft französische Schiffe kommen und unter dem Vorwande, handeln

zu wollen, die ins Schiff gelockten Neger gefangennehmen und nach

Westindien als Sklaven verkaufen. Erst am dritten Tage kam das Kanu

wieder mit ungefähr 1000 Pfund Zähnen. Die andern aber blieben aus.

Für das Elfenbein handelten sie Kupferkessel, Kleider und eine Flinte

ein. Nachmittags fuhr ich mit dem Kapitän an Land, um zu sehen, ob

sie so viel Elfenbein hätten, wie sie vorgaben. Da wir noch einen

Pistolenschuß vom Lande waren, kamen an die fünfzig Schwarzen ans Ufer

und schrien, wir sollten ans Land kommen. Doch trauten wir ihnen nicht;

denn sie sind so böse, daß sie Europäer oft lange gefangenhalten,

bis diese sich mit ein paar tausend Reichstalern an Waren ausgelöst

haben. Zudem konnten wir nicht landen, da die Brandung dermaßen hoch

ging, daß die Strandwellen unser Fahrzeug, wenn sie es gepackt, in

tausend Stücke zerschlagen hätten. Die Mohren versuchten immer wieder,

uns ans Land zu locken, kamen mit einem Kanu an unser Boot gefahren,

zeigten uns wohl an 1000 Pfund Zähne, die sie, wie sie riefen, gern an

unser Boot brächten, wenn es die Brandung erlaubte. Am vierten Tage

nahm der Kapitän de Voß einige Waren und fuhr wieder zur Küste. Die

Neger brachten einen Schwarzen in sein Boot und begehrten dafür einen

Matrosen als Geisel. Als das geschehen, begannen sie den Handel, hatten

aber doch den Schelm im Nacken, insofern sie dem Schwarzen befohlen

hatten, aus unserm Boot zu springen und ans Land zu schwimmen, worauf

wir dann unsern Matrosen teuer hätten auslösen müssen. Wir merkten aber

den Possen, zogen deshalb unserm Mohren einen Rock an und knöpften

diesen ihm von oben bis unten zu, daß wir ihn daran festhalten konnten.

Als er den Rock aufzuknöpfen und sich zur Flucht bereitzumachen begann,

nahmen wir, als wir es merkten, einen Strick und banden ihn so lange

fest, bis sie unsern Matrosen wieder ins Boot brachten. Das geschah

ihrerseits mit großem Bedenken und Unterhandeln, indem sie ihn schon

zu bereden angefangen hatten, er möchte bei ihnen bleiben. Zuletzt

brachten sie uns unsern Mann und nahmen den ihrigen wieder mit.

Wir lichteten die Anker und gingen südwärts nach Kap Miserada, wo

wir unsre Fregatte »Morian« wieder trafen, die uns drei Tage vorher

verlassen hatte. Auf unser Flaggensignal kam der Kapitän Blonck

alsbald an Bord des »Kurprinzen« und teilte mir mit, daß mein Fähnrich

v. Selbing in den letzten Zügen liege. Ich traf ihn am nächsten Morgen

besinnungslos an, er starb zwei Stunden später an der Landseuche, und

da ich nicht wagen konnte, ihn am Lande zu begraben, ließ ich ihn in

die See versenken.

Nachmittags fuhr ich mit beiden Kapitänen an Land, mit keinem Gewehr

versehen, weil mir Kapitän Blonck versichert hatte, die Neger wären

ruhige Leute, die man leicht durch die Schußwaffen erschrecken und vom

Handeltreiben fernhalten könnte. Wie wir nun an Land kamen, fanden wir

dort gegen fünfzig baumstarke Schwarze mit wenig Frauen und zweien

ihrer Häuptlinge. Anfänglich handelten sie ehrlich, zuletzt aber

begannen sie, miteinander heimlich zu reden und meines Erachtens

sich zu beraten, wie sie uns alle möchten gefangennehmen. Und es wäre

sicher zu Mißhelligkeiten gekommen, wenn sich nicht ein alter Häuptling

dazwischengelegt und die andern hart mit Worten gestraft hätte. Als

wir solches merkten, zogen wir uns in unser Boot zurück, nachdem

wir versprochen, am nächsten Tage mit vielen Waren wiederzukommen.

Inzwischen dankten wir Gott, daß wir mit heiler Haut unser Schiff

erreichten. Seitdem habe ich es mir zur steten Warnung dienen lassen,

nie unbewaffnet mehr an Land zu gehen. Denn die Neger hätten uns

nur alle gefangenzunehmen brauchen und hernach so viel Lösegeld zu

begehren, wie sie wollten, hätten uns auch wohl allen können die Köpfe

abschlagen (nach erhaltenem Lösegeld), und es hätte kein Hahn darnach

gekräht. Dabei wären wir nicht die ersten gewesen, denen es so ergangen.

Des andern Tags besetzte Kapitän de Voß die Schaluppe mit einigen

Bootsleuten und fuhr mit einem der Ingenieure an Land. Es wäre ihm aber

beinahe übel bekommen; denn der Schwarzen waren an die zweihundert,

unsere Leute aber an Zahl nur acht und nur mit Degen und Pistolen

bewaffnet, mit denen sie nicht viel ausrichten konnten. Sie mußten

deshalb ihre Waren weggeben, wie die Neger es wünschten. Nach Verkauf

aller Güter versprach der Kapitän, andere aus dem Schiffe zu holen,

stieg mit allen seinen Leuten in die Schaluppe und fuhr davon.

Den dritten Tag nahm ich 30 bewaffnete Soldaten und 15 Matrosen,

mit denen fuhr ich samt dem Kapitän und den beiden Ingenieuren an

Land, unser morsches Boot zu dichten. Wenn uns die Neger angreifen

würden, gedachte ich, mit ihnen den Tanz zu wagen, und hätte mich wohl

unterstanden, mit meinen 50 Mann gegen 500 zu fechten. Kaum waren

wir gelandet, so ließ ich meine Pfeifer blasen, indes die andern die

Fahrzeuge auf den Strand zogen, sie zu verpichen. Wie wir nun bei der

Arbeit waren, kamen vier Mohren zu uns als Spione, zu sehen, ob wir

bewaffnet wären. Als sie solches erkundet, blieben sie ohne Scheu

bei uns, riefen auch die andern herbei, bis ungefähr 35 Neger zu

uns kamen mit der Bitte, den Handel zu eröffnen. Da sie abschlägige

Antwort erhielten, verkauften sie uns nur Hühner, Reis und andere

Erfrischungsmittel. Einige von unseren Leuten wuschen Leinenzeug; denen

ward von den Mohren ein buntes Schnupftuch entwendet. Da ich etliche

Schwarze etwas ernsthaft darum befragte, fingen sie alle miteinander

an so schnell buschein zu laufen, daß man sie kaum mit einem Pferde

hätte einholen können. Zwei Häuptlinge aber blieben stehen, riefen

die andern zurück, und einer nach dem andern mußte in den Fluß gehen,

die Augen öffnen und Wasser dareingießen. Auf die ich einen Argwohn

hatte, die mußten ihr Hemd ausziehen. Das tat ich, nicht wegen des

gestohlenen Tuchs, sondern aus Begierde, zu wissen, was sie an ihrem

Halse hängen hätten, weil ich einige Schnüre daran gewahr geworden. Da

sah ich auf dem nackten Körper allerlei Fellstücke, in das sie Zähne,

Klauen, Schlangenköpfe und Ähnliches mehr als Amulett vernäht hatten.

Auf meinen Wunsch begannen sie, zu Ehren des Donnergottes, gegen den

diese Amulette schützen sollten, zu tanzen. Einige nahmen ihre Speere,

andre ihre Messer, ein Teil brummte durch die Nase. Darauf liefen sie

wie verzückt mit seltsamen Gebärden im Sande herum, schrien, verletzten

sich mit ihren Speeren und Messern, verdrehten die Augen, knirschten

mit den Zähnen, bis zuletzt einer ganz unsinnig aus eifriger Andacht

wurde. Da liefen die andern herzu, nahmen ihm mit Gewalt den Spieß aus

der Hand und klopften ihm so lange auf den Kopf, bis ihm der Eifer

verging und er sich besänftigen ließ. Später zeigten sie mir, wie

sie wider ihre Feinde fechten. Sie liefen schnell von mir fort und

wandten sich im Augenblick gegen mich, als wenn sie mich durchstoßen

wollten, sprangen dabei zugleich in die Höhe, als wollten sie über mich

hinwegspringen. Darauf gingen wir wieder an Bord.

Den vierten Tag lichteten wir die Anker und segelten südwärts zum Rio

Sester. Als wir angesichts der Küste lavierten, kamen zwei kleine Kanus

zu uns, und die Neger berichteten, der König von Sanguin ließe uns

bitten, in seinem Gebiet zu ankern; sie führten uns auch zur Reede.

Ich wunderte mich, daß die Schwarzen sich so weit in die See hinaus

auf ihren Kanus wagen, die nichts andres sind als ein ausgehöhlter

Baumstamm, ungefähr zweieinhalb Meter lang und etwas über einen halben

Meter breit, darin sie auf den Füßen hocken und mit kleinen Rudern

fahren. Wenn die See zu hoch geht und das Kanu umwirft, wissen sie das

Wasser behende auszuschütten und sich wieder hineinzuschwingen. Unser

Bootsmann wollte auch probieren, damit zu fahren; er war aber kaum auf

einer Seite hineingestiegen, so lag er schon auf der andern im Wasser.

Sobald wir Anker geworfen, fuhr ich mit dem Kapitän an Land. Hier

warteten viele Schwarze auf uns, die uns berichteten, daß morgen der

König, der 3 Meilen flußaufwärts im Lande wohnt, an den Strand kommen

werde. Statt seiner besuchte uns der königliche Prinz, der mich in dem

nahe am Strande gelegenen Dorfe herumführte und mir auf seine Art große

Höflichkeit erwies.

Des andern Tags kam der Prinz ins Schiff, uns die Ankunft des Königs zu

melden. Weil es Mittag war, nötigte ich ihn zur Tafel und ließ während

des Essens Pfeifer und Geiger spielen. Diese ihm fremde Musik schien

ihn sehr zu ergötzen. Er war ein wohlgestalteter junger Mann von etwa

25 Jahren und konnte sich in unser Essen und Trinken wohl schicken. Er

rührte keine Speise an, bevor er gesehen, wie ich es machte. Das merkte

ich und nahm darauf mit zwei Fingern etwas Butter aus der Schüssel.

Der gute Prinz fuhr alsbald mit der ganzen Hand in die Butterschüssel

und hinterdrein damit so appetitlich zum Munde, daß uns allen die Lust

weiterzuessen verging.

Folgenden Tags gingen wir mit der Schaluppe an Land und trafen den

König, der sich Peter nannte, am Flusse in einer Negerhütte sitzen. Er

empfing uns mit seinen zwei Brüdern und dem ganzen Rat sehr höflich,

nötigte uns, bei sich zu sitzen, und bewirtete uns mit Palmwein.

Gemäß ihrer Gewohnheit, alsbald nach dem Namen der Fremden zu fragen,

begehrte auch König Peter zu wissen, wie ich heiße. Ich gab ihm zur

Antwort »Peter« (denn ich wollte nicht weniger bedeuten als der König),

worüber er sich sehr freute und sprach: »Ich Peter, du Peter, sei mein

Freund.« Er war ein ehrbarer, alter Mann, aus dessen Augen man etwas

Großes lesen konnte. Sonst war er von den andern Schwarzen an nichts

zu unterscheiden als an dem Respekt, den ihm die Umsitzenden und die

Untertanen zollten. Seine Autorität war so groß, daß, als uns von den

Negern eine Flasche Branntwein aus dem Boot gestohlen worden war und

wir unter den Hunderten den Dieb nicht herausfinden konnten, ein Wort

von ihm genügte, sie uns wieder zuzustellen.

Als wir etwa eine Stunde bei dem Könige gesessen hatten, beschenkte

er uns mit einem Korbe voll Reis und einem Ziegenbock, ließ uns aber

eine halbe Stunde später durch den Dolmetscher um ein Gegengeschenk

ersuchen. Dieser brachte seine zierliche Rede folgendermaßen vor:

»König Piter mi segge, ick juw segge, König Piter segge mi, segge

König Piter, Dassie hebbe, mi segge, kike Dassie.« Soll heißen: König

Peter hat mir gesagt, ich soll euch sagen, er wolle gern auch sein

Geschenk sehen. Wir schickten ihm darauf eine Stange Eisen, einen

Kupferkessel und ein Kleid. Unterdessen kauften wir für unseren

Bedarf für wenige weiße Perlen zwei Fässer Reis und an die 30 Hühner.

Damit schieden wir von dannen. Die Neger hier an der Küste sprechen

etwas Englisch, Holländisch und Portugiesisch durcheinander, so daß

man zu tun hat, wenn man sie verstehen will, und sich meist wie bei

Taubstummen der Fingersprache bedienen muß, wenn man etwas von ihnen

kaufen will.

Nach neuntägiger Reise gelangten wir zum Kap Palmas und zur Zahn- oder

Quaquaküste. Sie führt diesen letzteren Namen von der Sprache der

Eingeborenen, darin alles auf »qua-qua« endet, und als ich sie reden

hörte, mußte ich an einen Haufen Enten denken, die in einem Pfuhl

schnattern. Zahnküste wird sie des Handels wegen genannt, weil es hier

zahlreiche Elefantenzähne gibt, die die Neger in ihren Kanus an Bord

bringen und gegen Eisen, Kessel oder Armringe eintauschen. Wir haben

uns nicht getraut, an Land zu gehen, weil die Küste sehr ungesund ist

und an vielen Orten noch wilde Schwarze wohnen, die Menschen fressen.

Wir fuhren weiter die Küste entlang, warfen hier und da Anker und

warteten, daß die Neger in ihren Kanus zu uns kommen sollten. Es kamen

aber keine. Einmal sahen wir sie Feuer anzünden, wodurch sie einander

die Anwesenheit fremder Schiffe signalisieren. Weil wir gerne wissen

wollten, warum die Schwarzen nicht zu uns an Bord kämen, wie sie doch

sonst zu tun pflegen, schickten wir die Schaluppe mit fünf Mann an

Land, mit dem Auftrag, keinesfalls das Boot zu verlassen, auch die

Neger nicht in das Boot kommen zu lassen. Als nun die Schaluppe einen

Pistolenschuß weit vom Ufer haltmachte, kamen die Neger in See. Ein

Kanu legte neben der Schaluppe bei, und sogleich sprangen drei Schwarze

in unser Boot, in der offenbaren Absicht, sich seiner zu bemächtigen.

Aber unsere Leute waren auf ihrer Hut, zumal sie bemerkt hatten, daß

etliche hundert Schwarze, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, am Ufer

standen. Folgenden Tags fuhren beide Kapitäne mit den Ingenieuren an

Land, die Ursache solchen Mißtrauens genauer zu erkunden. Die Schwarzen

wollten aber nicht recht mit der Sprache heraus, sondern gaben nur kurz

Bericht, daß vor einiger Zeit zwei Schiffe mit weißen Flaggen die Küste

passiert und alle Schwarzen, die an Bord gekommen, mit sich fortgeführt

hätten. Wir sahen nun wohl, daß hier nichts zu machen wäre, und

segelten deshalb weiter. Als wir einmal an Land gingen, Holz zu fällen

und Wasser einzunehmen, fanden wir viele Stücke eines zerschlagenen

Bootes und im Gestrüpp einen Totenschädel. Mein Bootsmann berichtete,

daß hier vor sechs Jahren die Neger 13 Mann, die in ihrem Boote Wasser

geholt, überfallen und erschlagen hätten. Wir sahen nur in der Ferne

Scharen von 30-40 Eingeborenen, die sich aber nicht getrauten, näher zu

kommen. Als wir hernach bei Kap Lahoe vor Anker gingen, kamen die Neger

haufenweise mit Zähnen an Bord; unsere beiden Schiffe konnten gegen

4000 Pfund für 30 Fässer mit Armringen einhandeln.

Sooft die Schwarzen an Bord kamen, schrien sie »Quaquaqua«, was so

viel als »Freunde« bedeuten sollte. Sie sind alle baumstarke Leute und

tragen an ihrem Körper keinen Faden von Wolle oder Leinwand, sondern

Lendenschurze aus Baumbast. Ihr Haar flechten sie auf verschiedene

Manier: die einen zu Strähnen so dick wie Bindfaden, und damit es

länger sei, knüpfen sie schwarzen Bast von Bäumen darein; die andern

drehen es zu Hörnern zusammen, binden auch kleine Ziegenhörner

daran, wieder andere flechten es zu Knöpfen. Ihren Körper färben sie

scharlachrot. Dabei kauen sie stets Kolanüsse nebst einer Wurzel, daß

der Mund rot wie Zinnober aussieht. Bisweilen halten sie die zerkaute

Nuß stundenlang zwischen den Lippen und wälzen sie dann mit der Zunge

so appetitlich im Munde herum, daß einem Hungrigen auf drei Tage die

Lust zu essen schwindet. Ihre Zähne feilen sie so scharf wie Nadeln,

daß sie wie Hundszähne voneinander stehen.

Weil wir unsere Armringe nicht so bald loswerden konnten, bekam der

»Morian« den Auftrag, hier noch liegenzubleiben. Am Rio Sueyro de Costa

brachten die Neger uns zum ersten Male Gold an Bord. Auch boten sie

uns zwei kleine, etwa fünfjährige Mädchen an, die die grausamen Eltern

für drei Musketen verkaufen wollten. Auch für das Gold verlangten sie

Musketen. Nach geschehenem Kauf begehrte ihr Häuptling ein Geschenk zum

Andenken daran, daß er auf unserm Schiffe gewesen sei. Ich antwortete

ihm, er solle mir auch ein Andenken geben, daß ich Afrika besucht.

Da sagte er: »Ich schwöre bei meinem Fetisch, komm ans Land, so will

ich dir nicht allein Palmwein, Hühner und Ochsen geben, sondern auch

meine Frau.« Gedachter schwarzer Herzensfreund kam dann allein zu

mir und dem Kapitän in die Kajüte, ließ die Tür schließen, um uns im

Vertrauen etwas Vorteilhaftes für unsern Handel zu offenbaren, falls

ihm der Kapitän dafür eine Flinte und ein Tuch verehren wollte. Als

ihm solches versprochen worden war, sagte er: »Lichte deine Anker und

fahre weiter nach Isseni; dort wirst du für deine Gewehre noch einmal

soviel Gold erhalten als hier, weil sie dort Krieg führen.« Der

Kapitän antwortete: »Ich glaube dir nicht, du willst mich betrügen.«

Darauf forderte er zum Zeugnis, daß er wahr gesprochen, man solle

ihm den Fetisch, den er anbete, zu essen geben. Wir mischten etwas

schwarzes Zahnpulver mit einem Löffel Wein, und das schlang er unter

entsprechenden Grimassen herunter. Das ist der größte Schwur, den sie

tun können; ja, sie glauben fest, daß, wenn sie im Namen ihres Fetischs

auch das ärgste Gift nähmen, es ihnen, sofern sie die Wahrheit gesagt,

doch keinen Schaden bringen könnte.

An der Goldküste haben vornehmlich die Holländer ihre Faktoreien. Stets

liegen hier ihre Kauffahrteischiffe, die Waren hin und Gold zurück

nach Holland führen. Vordem waren die Portugiesen Herren der ganzen

Goldküste. Die Europäer haben es ihrem Handelsneid selber zu danken,

wenn die Mohren nun so klug sind, daß sie manchen Kaufmann im Handel

beschämen. Sie sind so verschlagen, daß sie wohl 4-5 Stunden um einen

Reichstaler Wert handeln, diese und jene Ware zu schauen begehren, und

wenn sie ganz zu unterst im Schiffe verstaut wäre. Wenn an einem Platze

zwei oder drei Schiffe liegen, so rudern sie, um einen bessern Preis zu

erzielen, von einem zum andern, ehe sie den Kauf abschließen. Das Gold

haben sie vorher aufs allergenaueste abgewogen und in kleine leinene

Lappen getan, 2-6 Quentchen (= ein viertel Lot; 1,667 Gramm) in jeden.

Diese Bündelchen stecken sie in einen hölzernen Schrein und mit dem

zusammen in einen schmalen Sack von Bast, den sie an sechs bis sieben

Stellen verknüpfen und sich dann um den Hals oder Leib festbinden. Wenn

sie nun in das Schiff zu handeln kommen, dauert es wohl drei Stunden,

ehe man über den Preis eins wird, und dann disputieren sie noch über

das Gewicht. Ist der Kauf abgeschlossen, so zeigt sich, daß das Gold

mit Kupfer oder Staub vermengt ist. Der kluge Kaufmann schüttet deshalb

das Ganze in eine Schale und trennt durch Blasen das Gold vom Kupfer

und Sande. Ich habe oft dabei gesessen, wenn unser Kaufmann so über die

Hälfte Kupfer und Sand vom Golde trennte. Zuletzt, nach geschehenem

Handel, fordern sie ein Geschenk (»Dassie« genannt), das man ihnen

geben muß, sofern sie wieder an Bord kommen sollen. Alle, die mit Gold

zu den Schiffen fahren, sind gewöhnlich Makler, die von den im Lande

Wohnenden das Gold erhalten und, weil sie der portugiesischen Sprache

ein wenig kundig sind, an die Europäer zum Vorteil ihres Landsmannes

verkaufen sollen. Es sind meist üble und verschlagene Gesellen.

Mein Bootsmann erzählte mir davon ein charakteristisches Beispiel.

Als er zwei Jahre vorher an der Goldküste war, kam ein Makler nebst

seinem Auftraggeber an Bord. Als der Makler nun das Gold verkauft

hatte, sprach er zum Bootsmanne: »Jetzt habe ich Euch dieses Mannes

Gold verkauft; was wollt Ihr mir nun für den Kerl selbst geben? Für

15 Stangen Eisen kriegt Ihr ihn.« Der Bootsmann, den des einfältigen

Bauern jammerte, schickte aber den Schelm von Makler mit einem Verweise

von Bord.

Die Eingeborenen der Goldküste sind meist starke, hochgewachsene Leute,

die sehr kriegslustig sind und mit Schießgewehr sehr gut umgehen

können, wie ich selbst gesehen habe. Sie sind sehr böse und verkaufen

nicht allein die im Kriege erbeuteten Gefangenen, sondern auch Weiber,

Kinder und die nächsten Freunde. Ihre Frauen behandeln sie wie Hunde

und heiraten so viele, als sie bezahlen können. Weil nun der Preis

gering ist, nimmt ein Schwarzer viel Frauen; denn er kann von ihren

Eltern eine um einen Ochsen oder ein paar Ziegenböcke kaufen. Selbiger

Ochs wird öffentlich gebraten. Dazu lädt man die Freunde von beiden

Seiten ein, die sich hier und da ein Stück von dem halbrohen Braten

abschneiden und es mit den Zähnen zerreißen, daß das Blut nur so

herabrinnt. Dabei jauchzen, schreien und tanzen sie durcheinander wie

nicht gescheit.

Wenn ein Neger stirbt, der einigen Reichtum hinterläßt, so hat sein

nächster Freund das meiste Anrecht auf das Erbe. Wenn dieser nun

das Erbe antreten will, muß er sein Leben der ältesten Frau des

Verstorbenen anvertrauen, ihr ein großes Messer in die Hand geben, vor

ihr niederknien und den bloßen Hals darbieten. Begehrt das Weib, selbst

die Güter zu erben, so hat sie die Macht, dem Freunde den Kopf mit

drei Streichen abzuschlagen, aber sie wird vom Dorfe darauf mit aller

Verachtung gestraft. Zieht sie jedoch die Ehre vor, so schlägt sie den

Freund mit der flachen Seite des Messers auf den Nacken und läßt ihn

leben. Alsdann gibt ihr der Freund von dem Nachlasse einen kleinen

Teil, und das Weib bleibt ehrlich. Wenn der Mann gestorben und mit

großem Geschrei bestattet ist, beweinen ihn die Frauen fünf bis sechs

Tage lang. Während dieser Trauerzeit werden sie von den Verwandten

besucht; oft kommen an die hundert Frauen zusammen und vollführen ein

seltsames Klagegeheul. Nach den Trauertagen kommen die Freunde und

beschenken die Leidtragenden mit goldenen Ringen und bunten Tüchern.

Der Freund, dem, wie geschildert, das Leben geschenkt wurde, besucht

gleichfalls seine Wohltäterin, verehrt ihr einige Ringe, Kleider und

wohl gar einen Elefantenschwanz. Dieser Schwanz ist oben mit rotem oder

gelbem Zeug benäht, im übrigen Teil mit Öl bestrichen und so schwarz

poliert, daß er wie ein Spiegel glänzt. Solchen Schwanz hängt man sich

zum Schmuck an den Hals und wehrt damit die Fliegen ab. Diese Schwänze

kommen von der Zahnküste, und es gilt hier einer an die zehn Dukaten.

Manche tragen sie auch an ihrem Gewehr; denn sie sind sehr selten an

der Goldküste.

Während wir vor Abeni drei Tage vor Anker lagen, kamen täglich einige

Schwarze mit Gold an Bord. Den ersten Tag hatten wir ein grausames

Gewitter mit Blitz, Donner und Regen, dem keines in Europa zu

vergleichen war. Denn einmal regnete es so stark, als ob man mit Eimern

Wasser gösse. Zudem schlug der Blitz so erschrecklich an die 18 Schläge

rund um unsern »Kurprinzen«, daß uns allen die Haare zu Berge standen,

und jeder Schlag das Schiff zu zerschmettern drohte. Das Wetterleuchten

war so hell, daß man die Bäume am Lande auf eine halbe Meile weit vom

Schiffe aus sehen konnte.

Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer · 第 17 / 20 段