ganzen Höhe der Gebirge, die oben in ungeheuren, nackten Felsenmassen
endigen. Die schwarze Kiefer, die hier in großer Menge wächst, liefert
sehr gute Segelstangen. Auch bemerkten wir bei unserer Ankunft im Sunde
im September einige schwarze Johannisbeersträucher, aber sonst keine
andere Art von Früchten oder Gemüsekräutern. Damals waren die Höhen
auch schon mit Schnee bedeckt und die niedrigen Gründe durch die Ströme
geschmolzenen Schnees von oben her gänzlich überschwemmt.
Die einzigen Tiere, die wir hier sahen, waren Bären, Füchse, Marder,
wilde oder Bergziegen und Hermeline. Von den letzteren töteten wir nur
zwei Paar, die von verschiedenen Gattungen waren.
Zur Zugzeit sahen wir Gänse in großer Menge nebst mancherlei anderen
Wasservögeln. Aber außer Krähen und Adlern kamen uns keine in den
hiesigen Wäldern einheimische Vögel zu Gesicht. Das Eisen hatte von
all unseren Waren den höchsten Wert für die Indianer, und sie wählten
vorzüglich solche Stücke, die an Gestalt der Spitze einer Lanze ähnlich
sahen. Grüne Glasperlen waren ebenfalls sehr begehrt, zu anderen Zeiten
aber wieder blaue und rote. Die Indianer bezeigten auch viel Vergnügen
an unseren wollenen Jacken und an allen alten Kleidungsstücken der
Matrosen.
Ihre Nahrung besteht gänzlich in Fischen; vorzugsweise aber essen sie
den Wal. Weil Öl und Tran ihnen als größte Leckerbissen gelten, sind
ihnen natürlicherweise die öligen Fische am liebsten. Sie pflegen
sie sehr selten zuzubereiten. Wenn es aber geschieht, so zünden sie
ein Feuer an, indem sie einige trockene Stücke Tannenholz aneinander
reiben. Sie verfertigen sich wasserdichte Körbe und legen heiße Steine
hinein, um das Wasser und die Fische zu kochen. Allein, selten geben
sie sich die ihres Erachtens entbehrliche Mühe, ihre Speisen auf
diese Art zu bereiten. In den kältesten Wintertagen sahen wir sie nie
von ihren Küchen Gebrauch machen; doch konnte das vielleicht auch
von Nebenumständen abhängen, die ihnen gerade damals die Kocherei
erschwerten.
Unstreitig sind diese Menschen eine sehr rohe, wilde Rasse und besitzen
einen ungewöhnlichen Grad von Unempfindlichkeit gegen körperlichen
Schmerz. Hiervon sahen wir ein auffallendes Beispiel bei folgender
Veranlassung: während des Winters hatte man unter allerlei anderem
Kehricht auch einige zerbrochene Flaschen aus dem Schiffe geworfen.
Einer von den Indianern, der den Haufen nach tauglichen Gegenständen
untersuchte, schnitt sich mit einer Glasscherbe sehr tief in den Fuß.
Sobald wir ihn bluten sahen, zeigten wir ihm, was ihn verwundet hatte,
verbanden ihn und gaben ihm zu verstehen, dies sei die Heilmethode,
deren wir uns in ähnlichen Fällen bedienten. Allein, jetzt machte er
mit seinen Gefährten unser ganzes Verfahren lächerlich. Sie ergriffen
auf der Stelle die Glasscherben und zerfetzten sich damit Arme und
Beine auf eine fürchterliche Art, wobei sie uns belehrten, daß ihnen
nichts Derartiges schaden könne.
Mit unbegrenzter Freude verließen wir am 21. Juni die Bucht, die Heimat
eines Volkes von solchem Charakter und von solchen Sitten, in der wir
den strengsten Winter überdauert hatten. Am folgenden Abend waren wir
in offener See. Unsere ganze Mannschaft bestand aus 24 Mann, mich, die
Offiziere und die beiden Matrosen mitgerechnet, die von dem Schiffe
»König Georg« zu uns gekommen waren. Dreiundzwanzig Menschen hatten wir
leider in dem unwirtlichen Sunde begraben. Die Übriggebliebenen waren
indes guten Mutes, wennschon es einigen noch an Kräften fehlte, selbst
an Bord zu gehen.
Kaum hatten wir uns vom Lande entfernt, so blieb der Wind südlich
und hüllte uns in einen dichten Nebel. Diese Witterung, die uns in
unserm erschöpften Zustande kaum erträglich war, brachte uns zu dem
Entschlusse, in der Nähe der Küste zu segeln.
Zehn Tage lang hatten wir die See gehalten, ohne weiter südwärts als
zum 57. Grad zu kommen. Unsere Leute, die auf dem Verdeck durchnäßt
wurden, klagten über Schmerzen in den Beinen. Und diese schwollen ihnen
dermaßen, daß einige das Bett hüten mußten. Hierauf beschlossen wir,
landwärts zu steuern, da die Küste nur 40 Seemeilen entfernt war. Wir
erblickten bald einen hohen Pik von sonderbarer Gestalt; und nicht
weniger sonderbar waren sowohl dem äußeren Ansehen nach wie in ihren
Sitten auch die Einwohner in dessen Nachbarschaft.
Sobald wir uns dem Lande genähert hatten, kamen uns eine große Menge
Kanus entgegen, die sich von denen im Prince-Williams-Sunde an Gestalt
sehr unterschieden. Sie bestanden aus einem einzigen Baumstamme, und
viele waren zwischen fünfzig und siebzig Fuß lang, aber sehr schmal,
nämlich nicht breiter als der Baum. Die Frauen waren die seltsamsten
und greulichsten Menschengestalten, die wir jemals gesehen hatten. Wie
die Männer im Prince-Williams-Sund hatten sie alle einen Einschnitt in
der Unterlippe. Doch mit dem Unterschied, daß er hier viel breiter war
und auf jeder Seite um einen guten Zoll mehr in die Wange hineinging.
In dieser Öffnung tragen sie ein eirundes Stück Holz, wenigstens von
sieben Zoll Umfang und einem halben Zoll Dicke, das rings um den Rand
eine Hohlkehle hat, damit es in der Lippenspalte festgehalten werden
kann. Vermittels dieser scheußlichen Erfindung ziehen sie die Lippe
von den Zähnen abwärts und entstellen so ihr Gesicht auf die denkbar
häßlichste Art. Dieses Volk schien die Einwohner des Sundes, die wir
ihnen als Doppelmäuler beschrieben, zu kennen. Auch schienen sie
jenen in der Sprache verwandt. Doch war der hiesige Stamm bei weitem
zahlreicher. Vor uns hatte noch kein anderer Seefahrer diese Leute
besucht. Hätte sich nicht in der Nacht ein günstiger Wind erhoben, so
wären wir einige Tage bei ihnen geblieben.
Jetzt hatten wir bei heiterem Wetter nördlichen Wind, der
ununterbrochen andauerte, bis wir die Insel Hawaii erblickten.
Glücklicherweise war unsere Überfahrt vom festen Lande hierher von
kurzer Dauer. Hätten wir nicht die Vorteile einer günstigen und schönen
Witterung genossen, so läßt es sich, nach dem Zustande unseres Schiffes
zu urteilen, sehr bezweifeln, ob wir je die Sandwichinseln erreicht
haben würden. Die schauderhafte Krankheit, an der unsere Mannschaft
so lange gelitten hatte, begleitete uns wirklich noch auf diesem Weg,
und wir büßten noch einen Mann daran ein, ehe wir das wohltätige Klima
erreichten, von dessen Zephiren man sagen kann, daß sie Gesundheit auf
ihren Fittichen tragen. Zehn Tage nach unserer Ankunft in Hawaii war
jede Spur von Krankheit unter uns geschwunden.
Wir verweilten hier einen Monat, und während dieser Zeit schienen
die Insulaner kein anderes Vergnügen zu kennen, als uns Wohltaten
zu erzeigen und ihre Gastfreundschaft an uns zu üben. Mit Freuden
empfingen sie uns, und mit Tränen sahen sie uns wieder abfahren.
Nach einer sehr glücklichen Fahrt, auf der wir immer Passatwinde
hatten, kamen wir am 20. Oktober 1787 in Typa, dem Hafen von Makao,
an. Doch kaum hatten wir hier Anker geworfen, als sich schon die
Vorboten eines Sturmes zeigten, mit dem es unser halbwrackes Schiff
keineswegs aufnehmen konnte. Zwei französische Fregatten, die ungefähr
ein Kilometer von uns vor Anker lagen, vermehrten unsere Besorgnisse.
Menschen, die wie wir so lange von Unglück und Widerwärtigkeiten aller
Art gemartert wurden, und die so lange keine politische Nachricht
erhalten hatten, sind eben dazu geneigt, bei einer so ungewöhnlichen
Erscheinung, wie es französische Kriegsschiffe in jenen Meeren sind,
auf die ungünstigste Vermutung zu verfallen. Als wir verschiedene Boote
mit Soldaten von diesen Schiffen abstoßen sahen, erwarteten wir das
Schlimmste. Und da uns hier der neutrale Hafen schwerlich geschützt
hätte, so fingen wir schon an, einer Gefangenschaft als der Schlußszene
unseres Unglücks entgegenzusehen. Die Boote fuhren indes an uns vorbei
und, wie wir später erfuhren, nach einem spanischen Kauffahrteischiff,
um daselbst einige entlaufene Matrosen aufzusuchen. Die französischen
Schiffe waren die Fregatte »Kalypso« von sechsunddreißig Kanonen
und ein Proviantschiff. Wir waren gleichsam dazu bestimmt, bis auf
den letzten Augenblick von Unfällen verfolgt zu werden. Die Elemente
verschworen sich gegen uns, sobald unsere Furcht vor dem Feinde in
menschlicher Gestalt verschwunden war. Es erhob sich nämlich jetzt ein
so fürchterlicher Sturm, daß die »Kalypso« sich nur mit Mühe und Not
auf ihrer Stelle hielt, indem sie fünf Anker auswarf. Man urteile nun,
in welcher Lage wir uns an Bord der »Nutka« befanden, da wir jetzt
nur einen Anker übrig hatten. Nach einigen glücklich überstandenen
gefährlichen Augenblicken sahen wir uns zuletzt genötigt, das Schiff
auf den Strand zu jagen, um das einzige Rettungsmittel, das uns noch
übrigblieb, nicht zu verscherzen. Das war das Ende unserer Reise.
[Illustration]
[Illustration]
Reise nach Guinea und Gründung von Groß-Friedrichsburg
Von Major _Otto Friedrich v. d. Groeben_
In neun Tagen sind wir vom Kap Verde bis zum Königreich Sierra Leone
gesegelt, das seinen Namen nach dem Flusse hat, in den wir eingelaufen.
Wir fanden daselbst ein dänisches Schiff vor Anker liegen, dem wir
drei Tage zuvor begegnet, als es dem Stranden nahe war, was uns damals
auch leicht hätte geschehen können, da uns der Wind so nahe an die
Küste getrieben hatte, daß wir bisweilen nur fünf Faden Wasser loteten.
Als wir Anker geworfen, haben wir in aller Eile den »Kurprinz« und
den »Morian« mit Holz und Wasser versehen; darauf bin ich mit einigen
jungen Edelleuten in das nah gelegene Negerdorf gegangen, wo wir den
Häuptling Jan Thomas ungefähr mit 40 Männern und 30 Frauen antrafen,
die wir mit Branntwein bewirteten. Dieser Häuptling sprach ein wenig
Deutsch, das hauptsächlich in folgenden Redensarten bestand: »Donner
Sakrament, für mich Kapitän Jan Thomassen, muß Holz und Wasser
bezahlen.« Die Frauen und Männer setzten sich um uns, hernach tanzten
sie mit ihrem Häuptling zum Klang unsrer Schalmeien.
Über ihr Leben, Handel und Wandel will ich folgendes bemerken: Von Kap
Verde bis nach Sierra Leone leben die Mohren unter der Herrschaft
ihrer Könige, die sie je nach dem Verbrechen hart oder gelinde strafen.
Wenn einer mißhandelt wurde und Gericht gehalten wird, sitzt der König
öffentlich. Um ihn stehen die Richter. Dann tritt der Kläger hervor,
fällt auf die Knie, stützt das Haupt mit den Ellbogen und spricht zum
König: »Donda«, worauf die Richter antworten: »Mo«. Darauf wird in
des Königs Gegenwart die Klage einem der Räte vorgetragen, der sie
öffentlich den andern Richtern erzählt. So geht's der Reihe nach herum
bis zum letzten Rat, der die Klage nebst dem Urteil, das die andern
gesprochen, dem König vorträgt. Dieser bestätigt das Urteil oder ändert
es nach seinem Gutdünken. Hat der Verklagte den Tod erwirkt, so werden
seine Güter bis auf Kindeskinder eingezogen, und er selbst wird in
den Krieg geschickt, um an der Spitze gegen den Feind wie ein Sklave
bis auf den Tod zu fechten. Die Hütten dieser Neger sind ganz klein,
oben und unten mit Palmzweigen bedeckt, in einer runden oder langen
Form, etwa 3½-4 m hoch und etwa 2½ m weit; ihre Türen sind nur
etwas über 1 m hoch, so daß man, ohne einen Bückling zu machen, nicht
hineingehen kann. Ihre Schlafstelle ist an einer Seite der Hütte aus
Lehm gemacht, ganz niedrig und nur etwa meterbreit, eine Matte aus
Rohr- oder Binsengeflecht liegt darauf. Der Herd besteht aus zwei
Feldsteinen, die mitten in diesem »Palaste« liegen, und worauf sie
Hirse, Fische oder Fleisch kochen. Roter Lehm oder der natürliche
Grund bilden den Estrich. Jedes Dorf hat einen besonderen Platz,
für Zusammenkünfte bestimmt, der etwas höher als die andern Hütten
liegt und einen etwa halbmeterhohen Lehm- oder Tonestrich zeigt. Hier
versammeln sie sich mit ihren Führern, rauchen Tabak, Männer, Frauen
und Kinder durcheinander, indem sie das Rauchen so lieben, daß sie
nicht allein stets bei Tage rauchen, sondern auch des Nachts den
Tabak als teures Kleinod in kleinen Säckchen am Halse hängen haben.
Ihren Leib, das Gesicht und die Hände pflegen sie mit mannigfachen
Figuren, die sie in die Haut schneiden, zu schmücken, und in die
Schnittwunden reiben sie Pulver oder Pflanzenasche ein, damit die
Figuren nie verschwinden. Je schwärzer sie sind, um so schöner dünken
sie sich: ja, sie halten so viel auf ihre schwarze Farbe, daß sie sich
alle Morgen von Haupt bis Fuß mit Fett oder Öl einschmieren. Wenn nun
die Sonne brennt, schmilzt das Fett, das sie in die Haut eingerieben,
und sie glänzen den ganzen Tag darnach wie ein Spiegel. Das tun sie
aus zwei Gründen. Einmal, weil sie schwarz davon werden. Sodann aber
verhindert das Fett, daß von der großen Hitze die Haut aufspringt, weil
sie nackend gehen. Solche unerträgliche Pein nimmt die Fettigkeit ganz
hinweg und macht ihnen die Haut geschmeidig, wie ich selbst gesehen.
Diese Gewohnheit ist allen Schwarzen gemein.
[Illustration: Wir bewirteten die Neger mit Branntwein.]
Was ihren Gottesdienst anlangt, so beten sie den Teufel an, dem sie
jährlich einen Teil ihrer Güter, alle fünf oder sieben Jahre aber einen
Menschen opfern, auch wohl zwei oder mehr, je nachdem sie vom Teufel
Schaden erlitten oder große Sünden begangen haben. Ihre Kirche ist ein
Zaun von Staketenpfählen, ohne Dach. Ehe sie hineintreten, legen sie
alles ab bis aufs Messer, alsdann gehen sie in den Betraum, fallen auf
die Knie, strecken die Hände von sich und schlagen sie über dem Haupt
zusammen, neigen das Antlitz zur Erde und bitten vom Teufel, was sie
nötig haben. Sobald solch Gebet drei- oder viermal verrichtet, gehen
sie wieder davon. Indem sie nun ihre fette Stirn auf die Erde stoßen
und der Staub und Unflat ihnen an der Stirn kleben bleibt, dürfen sie
ihn nicht abstreichen, sondern müssen ihn so lange daran lassen, bis
er von selber abfällt. Von ihrer Kleidung ist wenig zu sagen, da sie
ganz nackt gehen und nur ein schmales Lendentuch tragen. Die aber am
Meeresstrande wohnen und etwas Vornehmes sein wollen, tragen auf dem
Haupte einen alten Hut oder eine bunte Leinenmütze und ein Hemd von
gestreifter Leinwand mit großen Ärmeln.
Ebenso gehen die Weiber ganz barfuß. Hinter sich haben sie die Kinder
in einem Hüfttuche. Ihr Oberkörper ist ganz bunt mit Narben geschmückt,
die sie mit der Spitze eines Messers in die Haut schneiden und dann
mit Pulver blau färben, vor andern damit zu prunken. Sonst prunken sie
auch viel mit dem Haar, das seiner Art nach ganz kurz und schwarz wie
Lämmerwolle wächst. Dieses Haar, so kurz es auch ist, wissen sie sehr
niedlich zu Mustern zu flechten, etliche wie eine Krone, andre wie eine
Haube, etliche wieder auf noch andre Art. Hinterher beschmieren sie es
mit einem weißen Fett oder Palmöl und gehen darauf in die Sonne, die
das Fett über den ganzen Leib fließen macht. Das reiben sie dann stark
in die Haut ein, so daß sie wie Ziegenböcke »duften« und wie Spiegel
glänzen.
Ihre Tücher weben sie meist selbst auf einem Gestell, das in die Erde
geschlagen ist. Ebenso machen sie künstliche Matten und Säckchen aus
Binsen oder Baumbast und färben sie mit Blättern oder rotem Holz
unterschiedlich. Tabak rauchen sie so stark, daß sie die Pfeife nie
aus dem Munde lassen. Die Frauen bereiten die Speisen zu, nämlich
Rindfleisch, Hirse, eine Art von Korn, die man erst kocht, dann
trocknet und in hölzernen Mörsern so fein wie Sand zerstampft. Dann
wird die Hirse in einem Topf dick wie gequollener Reis gekocht, in eine
hölzerne Schüssel getan und mit den Händen zu Kügelchen geknetet und
gebacken. Dieses Gericht ist mir immer so vorgekommen, als wenn man bei
uns Kapaunen mit Teig mästet.
Wenn von andern Dörfern die Freunde einander besuchen, so umarmen sie
sich und umfaßt einer des andern mittelsten Finger, den sie geschickt
so stark auseinander ziehen, daß es laut knackt.
Die Toten werden in der Erde begraben. Dann kommen die nächsten Freunde
zum Grab, setzen darauf Früchte, Palmwein, eine Schüssel voll Hirse,
Tabak nebst einer Pfeife, und was sie sonst noch erdenken können. War
der Verstorbene ein Handwerksmann, so legen sie alles Werkzeug, was er
bei seinen Lebzeiten gebraucht hat, auf das Grab, bei einem Schmiede
z. B. die Zangen, Blasebälge, Ambos, Kohlen und Eisen, bei einem
Fischer Netz, Angel, Fische, Reusen, und was zum Fischen nötig ist.
Zudem schnitzen sie aus Holz eine kleine menschliche Figur, etwa ein
halb Meter hoch. Die setzen sie auf das Grab, und kein Schwarzer darf
sich unterstehen, etwas vom Grabe zu entfernen. Die Frauen, die keine
hölzernen Figuren machen können, nehmen einen Wisch Stroh, binden oben
anstatt des Kopfes einen Knopf und setzen das, dem Verstorbenen die
letzte Ehre zu erweisen, auf das Grab.
Bei einem Begräbnisse kommen alle des Verstorbenen Freunde zusammen,
300-400 Menschen oft, und bleiben bis zum dritten Tage gewöhnlich
beisammen und machen ein wunderliches Gerase: der eine springt, der
andre weint, der dritte lacht, der vierte spielt, und schreien alle
durcheinander. Dann stecken sie dem Toten alle seine goldnen Ringe auf
die Finger und begraben ihn mit all seinem Gold, Elfenbein, Töpfen,
ja, all seinem Gerät, damit er auch im Jenseits reich sei und bei dem
Himmelsherrscher in Ansehen stehe. Den Leichnam geleiten sie sämtlich
zu Grabe, indem sie glauben, der Verstorbene werde angesichts des
großen Gefolges sofort beim Himmelsfürsten eine Audienz erlangen und
ein vornehmer Mann werden.
Den dritten Tag nach unserer Ankunft kam der schon erwähnte
»Wasser-Kapitän« Jan Thomas an Bord, sein Wasser und Holz bezahlt zu
haben, wofür wir ein halb Viertel Branntwein und ein paar Flaschen Wein
gaben. Zu beweisen, was er für ein ehrlicher Mann sei, zeigte er uns
einige Empfehlungsschreiben von verschiedenen Schiffen, von denen ich
das »empfehlendste« hier mitteilen will: »Der Wind weht aus Osten und
Westen. Hütet euch vor den schwarzen Hunden; denn ihnen ist nicht zu
trauen, weil sie falsche Schelme sind. Zur Nachricht: habe gegeben für
Wasser und Brennholz eine Flinte, drei Pfund Pulver, drei Flaschen
Branntwein. Sierra Leone. Das Schiff N. N.«
Später bin ich etlichemal noch an Land gegangen. Wohin ich aber auch
kam, sind die Eingeborenen vor uns in den Busch geflohen, so daß ich
nichts als hie und da einen Krüppel, der nicht mitlaufen konnte,
daneben etwa noch eine Katze oder einen Hund angetroffen habe. Auch
in den Hütten fand ich nichts als z. B. ein Messer, einen hölzernen
Mörser, einen Topf und eine Matte.
Weil der englische Gouverneur, den wir bei unserer Ankunft bewirtet,
uns gebeten hatte, ihn auf seiner Insel zu besuchen, setzte ich
mich eines Tages mit dem Kapitän und den beiden Ingenieuren in eine
Schaluppe und fuhr nach der Insel Bens, die drei Meilen stromaufwärts
liegt. Unterwegs kamen wir an verschiedenen Negerdörfern vorbei, sahen
auch viel Fischreusen, in denen sich die herrlichsten Fische fangen.
Zahlreiche Inseln im Flusse sind sehr fruchtbar an Palmen, Limonen,
Zitronen, Bananen, Ananas, Bataten und andern mir noch unbekannten
Früchten mehr. Der Gouverneur kam uns entgegen und bewillkommnete
uns mit sieben Kanonenschüssen, tat uns alle erdenkliche Ehre an und
bewirtete uns mit köstlichen, kürzlich aus England gekommenen Weinen,
auch mit Hühnern, Schafen und einem Wildschwein, das ein Neger diesen
Abend zu unserm Glück geschossen hatte. Dieses Wildbrets gibt es viel
auf den Inseln.
Die englische Faktorei liegt auf einer Anhöhe und ist mit einer
zweiundeinhalb Meter hohen Mauer befestigt, auf der acht größere und
kleinere Kanonen stehen. Hinter der Mauer steht ein kleines, aus
Feldsteinen aufgeführtes Haus, darin der Gouverneur wohnt. Weiterhin
liegt ein Steinhaus, in das nachts die Sklaven eingesperrt werden, die
Tag und Nacht paarweise an den Füßen angekettet sind. Unterhalb des
Berges liegt ein Negerdorf, wo die Schar der Sklaven und Sklavinnen
wohnt, die auf der Insel allerlei Dienste verrichten müssen. Unten im
Tal ist ein Brunnen tief in den Felsen gehauen, der ein herrliches,
süßes Wasser gibt. Hier steht auch eine lange Hütte für die Matrosen
und sonstigen Europäer.
Als wir fast drei Tage lang uns von dem Engländer hatten bewirten
lassen und unser Geblüt mit frischen Speisen erfrischt hatten, versah
der Gouverneur auch unsere Schaluppe noch mit Limonen, wurde von uns zu
einem Gegenbesuch eingeladen und kam gleich mit uns mit, da er andern
Tags ein Schiff abfertigen mußte, das die andern Faktoreien anlaufen
sollte. Wie wir nun längs des »Kurprinzen« beilegten, bewillkommneten
wir den Gouverneur unsrerseits mit sieben Schüssen und ließen es uns
angelegen sein, alle uns erzeigte Höflichkeit zu erwidern. Den andern
Tag fuhren wir zu einer Landzunge, um hier Austern zu suchen. Des
Engländers Schwarze hieben so große von den Felsen, daß wir sie in vier
Teile schneiden mußten, ehe wir sie essen konnten. Die Neger zeigten
uns auch eine Austerschale, die noch fest an einem Felsen hing, und
worin ein Stöckchen steckte. Das, sagten sie, machten die Affen (deren
es hier viele Tausende gibt), wenn das Wasser mit der Ebbe abläuft,
damit die Austern ihnen die Pfoten nicht einklemmen. Hinterher langen
sie die Austern ganz appetitlich aus der Schale.
Soviel ich von dem englischen Gouverneur erfahren konnte und auch
selbst sah, sind die Eingeborenen von Sierra Leone falsche, diebische
Leute, die nicht nur heimlich, sondern auch öffentlich stehlen und
mit ihrem Raub buscheinwärts laufen und dazu die Weißen auslachen.
Zudem sind sie sehr faul und wollen nicht arbeiten. Sie ziehen weder
Kühe noch Pferde, sondern behelfen sich mit Elefantenfleisch, Ziegen,
Antilopen, Hühnern wie auch mit den Landesfrüchten, die sie in solchem
Übermaße haben, daß sie im November und Dezember ganze Schiffe umsonst
damit beladen können.
Das Land ist auch sehr reich an Geflügel, Meerkatzen und Papageien.
Besonders berichtete mir der Engländer von einer Art von Affen, die
Menschenverstand in ihrem Tun und Lassen hätten, nur daß ihnen die
Sprache fehle, weil sie nichts als »ho« sprechen. Sie rauchten Tabak,
fädelten eine Nadel ein, zapften Bier und täten alles, was man ihnen
befehle. Der König von Sierra Leone fängt viele Elefanten, die er mit
seinem Volk umbringt. Man treibt die Tiere mit großem Geschrei in einen
Sumpf, tötet sie mit Pfeilen und verteilt dann das Fleisch unter die
Jäger. Bei des Königs Residenz steht ein Baum von 30 Meter Umfang, in
dem viele Namen eingeschnitten zu lesen sind.
Den andern Tag kam das erwähnte englische Schiff an, und der Gouverneur
verfügte sich darauf. Wir lichteten währenddessen die Anker und liefen
in See nach Kap Monte zu, das wir am achten Tage erreichten. Unsere
Kranken, deren wir schon an die zwölf hatten, wurden von den frischen
Früchten alle gesund.
Etliche Meilen hinter Kap Monte fängt die Grein-Küste an. Dieser
»Grein«, den man auch »Malgette« nennt, ist eine Art von Pfeffer,
jedoch etwas schärfer. An dieser Küste wird nicht nur Pfeffer, sondern
auch gutes Elfenbein und Gold gehandelt, das die Schwarzen in den
Flüssen finden. Die Eingeborenen sind hier große Fischer, fahren mit
ihren kleinen Kanus 3-4 Meilen in die offene See hinaus den ankommenden
Schiffen entgegen. Sind sie bei diesen angelangt, so schöpfen sie mit
der rechten Hand Wasser, gießen es ins Auge und schreien »Guipo!« Auch
der Kapitän des Schiffs muß so tun. Das ist der Freundschaftsschwur.
Haben ihn beide Teile geleistet, so kommen die Schwarzen ins Schiff,
zu handeln. Sie sind im übrigen sehr böse, diebische und verräterische
Kerle, weshalb es keinem Europäer zu raten ist, aus ihren Kalebassen
Wasser zu trinken oder aus ihren Pfeifen Tabak zu rauchen. Denn sie
können so geschickt mit Gift umgehen, daß sie zwar als erste trinken
oder rauchen, dann aber das unter den Nägeln verborgene Gift unvermerkt
in die Kürbisschale oder die Tonpfeife fallen lassen, um ihrem Gegner
so den Garaus zu machen.