Am 31. Oktober fiel das Thermometer bis zum Gefrierpunkt, und die

Morgen und Abende waren schon empfindlich kalt. Bisher hatten wir

Lachse in Menge gefangen. Nunmehr aber fingen die Fische an, sich

aus den kleinen Flüssen fortzuziehen. Wir taten jetzt mit dem großen

Netze zwei Züge in einem Teiche zwischen den benachbarten Bergen und

fingen so viele Fische, als wir auf den Winter einsalzen konnten. Um

etwas für den täglichen Bedarf zu erhalten, schickten wir jeden Morgen

zwei Mann aus, die nach zwei Stunden mit so vielen Fischen, als sie

tragen konnten, wiederkamen. Die Art, wie wir hier die Fische fingen,

hatte etwas Lächerliches. Man stellte sich an den Abfluß des vorhin

erwähnten Teiches, wo er sich in das Meer ergießt und kaum über einen

Meter tief ist. Sowie nun die Fische hindurchschwammen, schlug man sie

mit einer Keule auf den Kopf. Man kann sich leicht denken, daß sich

unsere Matrosen den Zeitvertreib gefallen ließen, der unserem Tisch so

üppige Mahlzeiten brachte. Doch die Tage des Überflusses waren bald zu

Ende. Die Gänse und Enten, mit denen wir uns ohne Unterlaß versehen

hatten, sammelten sich jetzt in großen Zügen und flogen südwärts. Die

Eingeborenen hatten uns zuweilen wilde Ziegen gebracht, die einzigen

Landtiere, die wir bei ihnen wahrnahmen. Wir verließen uns auch darauf,

daß sie uns den Winter hindurch wenigstens mit einigen Arten von

Lebensmitteln aushelfen würden. Allein, statt dessen war am 5. November

kein Vogel mehr zu sehen, und in den Wäldern, wo der trockene Schnee

jetzt mindestens anderthalb Meter hoch lag, konnte man unmöglich noch

fortkommen. Die Fische hatten alle Buchten und kleinen Häfen verlassen,

und das Eis sperrte uns auf allen Seiten ein. Die fürchterlichen

Gebirge, die wir überall sahen, waren jetzt bis an den Rand des Wassers

mit Schnee ganz weiß bekleidet, und den Eingeborenen blieben nun keine

anderen Nahrungsmittel übrig als Walfleisch und -speck, den sie für

den Winter bereitet hatten. Vom 2. November an hielt das Eis um das

Schiff schon recht gut. Unsere Leute liefen daher zum Zeitvertreibe

Schlittschuh und ergötzten sich auch sonst auf dem Eise, so daß

Munterkeit und Bewegung nicht wenig zu ihrer Gesundheit beitrugen, bis

endlich der Schnee auf dem Eise ebenso hoch lag als auf dem Lande.

Den November und Dezember hindurch erfreuten wir uns einer

vortrefflichen Gesundheit. Die Eingeborenen setzten ihr

freundschaftliches Betragen gegen uns fort, bis auf das Stehlen,

wovon sie sich durch nichts entwöhnen ließen, und dem sie bei jeder

Gelegenheit und trotz äußerster Wachsamkeit frönten.

Das Thermometer stand im November zwischen 3-4° Kälte, aber im Dezember

fiel es auf 12° unter Null und blieb da fast den ganzen Monat stehen.

Wir hatten zu gleicher Zeit nur einen schwachen Schimmer von Licht;

denn die Mittagssonne stand nur sehr wenig über dem Horizont, und die

hohen, südlich gelegenen Gebirge raubten uns ihren Anblick. Hier, wo

wir gleichsam eingekerkert und von dem erheiternden Lichte, von der

belebenden Wärme der Sonnenstrahlen abgeschieden waren, hatten wir

überdies auch keine andere Art von Genuß, die der Einöde um uns her zum

Ersatz hätte dienen können. Die furchtbar hohen Gebirge raubten uns

beinahe den Anblick des Himmels und warfen ihre nächtlichen Schatten

mitten am Tage über uns her. Aber auch das Land war wegen des tiefen

Schnees unzugänglich; wir hatten also keine Hoffnung, solange der

Winter währte, außerhalb des Schiffes und unserer eigenen Gesellschaft

Erholung, Hilfe oder Erleichterung zu finden. Dies war indes nur der

Anfang unserer Mühseligkeiten.

Das neue Jahr setzte mit einem verstärkten Grade von Kälte ein, und

darauf folgten sehr schwere Schneefälle, die bis zur Mitte des Januars

anhielten. Unser Verdeck konnte jetzt dem harten Frost der Nächte

nicht länger widerstehen, und seine untere Decke war zolldick mit

einem schneeähnlichen Reif besetzt, ungeachtet täglich zwanzig Stunden

lang drei Feuer brannten, die, wenn sie angezündet wurden, durch

das Auftauen eine kleine Überschwemmung verursachten. Eine Zeitlang

unterhielten wir das Feuer Tag und Nacht. Der Ofen jedoch, den wir uns

aus der Schmiedeesse verfertigt hatten, rauchte so unleidlich, daß die

Matrosen, von denen jetzt einige kränkelten, fest überzeugt waren, ihr

Übelbefinden sei ihm allein zuzuschreiben. Nach dem großen Schneefall

legten sich zwölf Mann, die an Skorbut litten. Gegen das Ende des

Monats starben vier von ihnen, und die Zahl der bettlägerigen Kranken,

unter denen auch der Wundarzt sehr gefährlich daniederlag, stieg auf

23. Unser erster Offizier empfand einen leichten Schmerz auf der

Brust, ein Symptom, das gewöhnlich einen schlimmen Ausgang in wenigen

Tagen andeutete. Er vertrieb ihn indes dadurch, daß er unaufhörlich

junge Tannenzweige kaute und den Saft hinunterschluckte. Der widrige

Geschmack dieser Arznei jedoch war schuld, daß sich die wenigsten

Kranken bereden ließen, mit dem Gebrauche fortzufahren.

Gegen Ende Februar hatte die Krankheit so weit um sich gegriffen,

daß nicht weniger als dreißig von unseren Leuten gänzlich entkräftet

waren und sich nicht mehr aus ihren Hängematten erheben konnten.

Vier von ihnen starben während dieses Monats. Unsere Vorräte waren

jetzt schon so erschöpft, daß wir, wenn auch die heftigsten Anzeichen

allmählich nachließen, doch keine geeigneten Speisen hatten, mit denen

der Krankheit beizukommen war. Zu dieser traurigen Lage kam noch die

Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit unserer Leute, die schon das

geringste Zeichen der Krankheit für einen Vorboten des Todes hielten.

Während der Monate Januar und Februar blieb das Thermometer öfters auf

10° unter dem Gefrierpunkt. Dieser großen Kälte ungeachtet besuchten

uns die Eingeborenen wie gewöhnlich und stets nur in ihren Jacken aus

Robben- oder Seeotterfellen, und zwar meistens aus letzteren, wobei

sie den Pelz auswärtsgekehrt trugen. Dieser Anzug schützte nur den

Körper und ließ die Füße bloß; aber sie schienen deshalb kein Ungemach

zu spüren. An Mundvorrat mochte es ihnen ebensosehr wie uns fehlen.

Wir hatten einige Tonnen Tran stehen, den wir als Öl gebrauchten. Auf

diese Leckerei pflegten sie sich, sooft sie an Bord kamen, unter dem

Vorwande, daß sie wegen des stürmischen Wetters nicht auf die Waljagd

gehen könnten, bei uns zu Gaste zu bitten. Zu ihrer größten Freude und

Zufriedenheit schlugen wir ihnen diesen Leckerbissen nie ab. Ihrer

Meinung nach wütete die schreckliche Krankheit nur deshalb unter uns,

weil wir uns nicht von dieser leckern und gesunden Speise nähren

wollten.

Es nahm uns wunder, daß sie nicht nur um den Tod unsrer Leute wußten,

sondern auch die Stellen kannten, wo sie begraben lagen. Sie zeigten

besonders an den Rand des Ufers zwischen die Spalten des Eises hin,

wo wir mit großer Mühe ein nicht gar tiefes Grab für unsern Bootsmann

zustande gebracht hatten, der, als er noch lebte, anfangs ihre

Aufmerksamkeit erregte und hernach ihre Achtung erlangte, weil er mit

seiner Pfeife die Mannschaft zusammenrief. Schon besorgten wir, daß

sie diese traurigen Feierlichkeiten nur darum belauscht haben möchten,

damit sie die Leichname wieder ausgraben und ein Kannibalenfest damit

abhalten könnten; denn wir zweifelten gar nicht, daß wir es mit

Menschenfressern zu tun hätten. Indessen entdeckten wir bald, daß sie

zwar beständig lauerten, aber nur in der Absicht, andere Haufen von

Eingeborenen abzuhalten, daß sie nicht mit uns handeln sollten, ohne

ihnen etwas von dem Gewinne abzugeben. Nach ihren täglichen Besuchen zu

urteilen, hätte man glauben sollen, ihre Wohnungen, obgleich wir noch

nie eine entdeckt hatten, müßten in der Nähe sein. Jetzt aber erfuhren

wir, daß sie ein streifendes Volk ohne feste Wohnplätze wären und da

schliefen, wo sie könnten oder Lust hätten. Ja, daß sie sogar zwischen

Tag und Nacht keinen Unterschied machten, sondern bald zu dieser, bald

zu jener Zeit umherwanderten. Des Nachts zündeten sie nie ein Feuer

an, aus Furcht, von anderen Stämmen, mit denen sie in unaufhörlicher

Feindschaft zu leben schienen, überfallen zu werden. Diese Feinde

hätten aber über das Eis zu ihnen kommen müssen; denn von Schneeschuhen

wußten sie nichts, und ohne diese konnte man unmöglich durch die Wälder

dringen.

Der Monat März erleichterte unsere Leiden nicht; er war ebenso kalt

wie die beiden vorhergehenden. Im Anfang fiel noch eine Menge Schnee,

wobei die Anzahl unsrer Kranken sich wieder vergrößerte und der Skorbut

an denen, die ihn schon hatten, noch heftiger wütete. Während dieses

Monats hatten wir die traurige Pflicht, den Leichen unseres Wundarztes

und Lotsen die letzte Ehre zu erweisen. Diese Unfälle trafen uns sehr

schwer; und der Verlust des Wundarztes zu einem Zeitpunkt, da ärztliche

Hilfe uns so notwendig war, wird erkennen lassen, daß unser Elend den

höchsten Grad erreicht hatte.

Unser erster Offizier fühlte wieder eine Anwandlung seiner

Unpäßlichkeit und nahm seine Zuflucht abermals zu dem Mittel, das

ihm bereits so heilsame Dienste geleistet hatte. Er machte sich

Bewegung und nahm den Saft des Tannenbaums ein. Eine Abkochung von

Tannensprossen, die er sich hergestellt hatte, schmeckte sehr ekelhaft

und blieb, auch sehr verdünnt, nicht leicht im Magen. Sie wirkte

vielmehr zu wiederholten Malen als ein Brechmittel, ehe man davon

Fortschritte in der Kur bemerkte. Aber vielleicht kam gerade das

Erbrechen, indem dadurch die ersten Wege gereinigt wurden, den ferneren

heilsamen Wirkungen dieses antiskorbutischen Mittels zustatten. Der

zweite Offizier und einer oder ein paar von den Matrosen beharrten

bei ebender Methode, hatten denselben guten Erfolg und erholten sich

aus einem sehr entkräfteten Zustande. Unglücklicherweise ist eines

der schlimmsten Symptome dieser traurigen Krankheit eine gänzliche

Abneigung gegen alle Bewegung und ein Schmerz, der an die heftigsten

Qualen grenzt, sooft man es nur versucht, sich Bewegung zu machen, die

doch das wesentlichste Heilmittel zu sein scheint.

Nachdem wir unsern Wundarzt verloren hatten, fehlte es uns nun gänzlich

an allem ärztlichen Beistande. Soweit die zärtlichste und wachsamste

Sorge den Kranken Erleichterung schaffen konnte, erhielten sie diese

von mir, von dem ersten Offizier und einem Matrosen, den einzigen

Personen, die noch imstande waren, ihnen diesen Dienst zu leisten.

Wir mußten aber noch mit Jammer sehen, daß die schreckliche Krankheit

allmählich einen nach dem andern von unserer Mannschaft hinwegriß. Nur

zu oft ward ich zu der schauerlichen Arbeit gerufen, die Leichname über

das Eis zu schleppen und sie in ein nicht tiefes Grab zu legen, das

wir mit unseren eigenen Händen ausgehauen hatten. Der Schlitten, auf

dem wir unser Holz holten, war ihre Bahre, die Spalten im Eis wurden

ihre Gruft. Doch diese unvollkommene Totenfeier ward von einer so

wahren und aufrichtigen Betrübnis begleitet, wie sie nicht einmal den

Stolzen bei ihren prunkenden Leichenbegängnissen in die Totengewölbe

folgt. Fürwahr, das einzige Glück, die einzige Erleichterung in unserem

Elend bestand darin, daß wir uns zuweilen von dem Schiffe entfernten,

um in der Einsamkeit das Geächze der Leidenden nicht zu hören und

unsere rettungslose Lage zu vergessen. Alle herzstärkenden Mittel

waren längst aufgebraucht, und es blieb uns zur Speise für die Kranken

nichts anderes als Zwieback, Reis und ein geringer Vorrat an Mehl.

Wir hatten weder Wein noch Zucker mehr für sie. An gesalzenem Rind-

und Schweinefleisch fehlte es uns zwar nicht; allein, wäre das jetzt

auch eine geeignete Kost für uns gewesen, so hätte doch der Abscheu,

den unsere Leute vor ihrem bloßen Anblicke zeigten, alle heilsamen

Wirkungen vereitelt. Fische und Geflügel konnten wir jetzt im Winter

nicht mehr bekommen. Zu den seltensten Leckerbissen gehörte zuweilen

eine Krähe oder eine Seemöwe, und ein wahrer Schmaus waren die Adler,

von denen wir einige erlegten, da sie um uns herschwebten, als ob sie

vielmehr uns zum Raube ausersehen hätten, anstatt uns zur Speise dienen

zu sollen. Endlich mußten wir uns wider Willen entschließen, unsere

Ziege und den Ziegenbock, die auf der ganzen Reise unsere Gefährten

gewesen waren, abzuschlachten, um die Kranken vierzehn Tage lang mit

der Brühe und anderen Zubereitungen von ihrem Fleische zu erquicken.

Ende März kam heran, ohne daß die Witterung sich änderte. Die Kälte

dauerte mit unerbittlicher Strenge fort. Doch flößte uns der Anblick

der Sonne, wenn sie am Mittag nur eben über die Gipfel der Gebirge

hervorkam, einige Hoffnung ein. Das Thermometer hatte diese Zeit über

meistenteils auf 10° unter Null gestanden.

In den ersten Tagen des Aprils hatten wir harten Frost und heftige

Stürme, und auch noch gegen die Mitte des Monats stürmte es einige

Male fürchterlich von Süden her. Diese Winde jedoch bringen hier den

Sommer mit, so wie die Nordwinde gewöhnlich im Sommer herrschen.

Der veränderte Wind verursachte, wie man sich vorstellen kann, eine

merkliche Änderung in der Lufttemperatur. Allein, er brachte daneben

Schnee in großer Menge, und da er nicht anhielt, sondern bald wieder

der Nordwind an seine Stelle trat, so ward die Kälte wieder so streng

wie zuvor. Gegen Ende des Aprils kämpften diese entgegengesetzten

Winde unaufhörlich gegeneinander; und dies war um so lästiger, als

es trübes Nebelwetter verursachte. Während des Südwindes wurden die

Kranken elender. Wir hatten in diesem Monat vier Europäer und drei

Laskaren zu begraben. Der zweite Offizier und der Matrose, die sich

zum Gebrauche des Tannensaftes entschlossen hatten, fühlten sich jetzt

soweit wiederhergestellt, daß sie auf das Verdeck kamen und den kurzen,

aber willkommenen Sonnenschein genossen. Dieser Umstand bewog manchen

von unseren Kranken, sich an den Tannensprossensaft zu halten, und

einige ließen sich auch bereden, damit fortzufahren. Die meisten aber

bekümmerten sich nicht darum und blieben fest entschlossen, nach ihrem

derben Ausdruck, lieber allmählich zu verrecken, als die Qual eines so

ekelhaften und peinlichen Heilmittels zu erdulden.

Gegen Ende des Monats stieg das Thermometer in der Mittagssonne bis

zum Gefrierpunkt. Aber in der Nacht fiel es wieder ziemlich tief.

Während der letzten drei Tage im April brachten uns die Eingeborenen

einige Seevögel und Heringe. Die Fische verteilte ich selbst unter

die Kranken; und keine Worte können die Freude schildern, die beim

Anblick dieser wohltätigen und erquickenden Speise aus ihren hageren

Gesichtern hervorleuchtete. Ich versäumte es nicht, die Eingeborenen

auf alle Art und Weise aufzumuntern, daß sie fortfahren möchten, uns

mit diesem stärkenden Nahrungsmittel ununterbrochen zu versorgen.

Jetzt fingen sie auch an, uns mit der Versicherung zu trösten, daß

die Kälte bald ein Ende haben würde. Sie hatten uns durch Herrechnen

der Monde jederzeit zu verstehen gegeben, daß der Sommer Mitte Mai

anfinge. Jetzt beschrieb die Sonne schon einen großen Kreis über die

Berge, und in der Mitte des Tages war sie uns sehr erquickend. Wir

erhielten auch öfters Fische und wagten es wieder, uns mit der Hoffnung

zu schmeicheln, daß wir Übriggebliebenen noch diesem öden, unwirtlichen

Lande entrinnen und wieder in unser Vaterland zurückkehren könnten.

Diese Gedanken belebten unsere Kranken so sehr, daß sie sich auf das

Verdeck bringen ließen, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Viele von

ihnen wurden indes ohnmächtig, sobald sie an die frische Luft kamen.

Seltsam war es auch, daß viele dem Anschein nach noch eine erstaunliche

Lebhaftigkeit des Geistes behalten hatten und, solange sie im Bette

lagen, wie gesunde Leute von allem sprechen und alles vernehmen

konnten, hingegen bei der geringsten Bewegung, ja, wenn man nur die

Seiten der Hängematten berührte, die heftigsten Schmerzen bekamen und

von einer Ohnmacht in die andere fielen, so daß man jeden Augenblick

ihr Ende erwarten mußte. In diesem Zustande blieben sie dann länger als

eine halbe Stunde, ehe sie sich wieder erholten.

Bis zum 6. Mai veränderte sich alles um uns her auf eine erstaunliche

Art. Diejenigen Matrosen, die nicht gar zu sehr entkräftet waren,

erholten sich nach Gebrauch des Saftes mit einer ans Wunderbare

grenzenden Geschwindigkeit. Wir hatten Fische, soviel wir nur

verlangten, und wurden von den Eingeborenen mit vielen Seevögeln

versorgt. Auch hatten wir schon manchen Zug wilder Enten und Gänse über

unsere Köpfe wegfliegen sehen, leider aber war uns noch keiner der

Vögel nahe genug vor die Flinte gekommen.

Am 17. Mai kam eine Gesellschaft von Indianern, die den Häuptling

dieses Sundes namens Schenowäh an ihrer Spitze hatte, mit großer

Feierlichkeit an Bord, um uns wegen der Rückkehr des Sommers zu

beglückwünschen. Sie berichteten uns zugleich, daß sie zwei Schiffe

in See erblickt hätten. Diese Nachricht ward uns verschiedentlich von

andern Wilden bestätigt. Wir wagten es aber kaum, sie zu glauben, bis

am 19. die Ankunft zweier Kanus, die ein europäisches Boot geleiteten,

sie bewahrheitete. In diesem Boote besuchte uns Kapitän Dixon,

Kommandant der »Königin Charlotte«, die zugleich mit dem »König Georg«

unter Kapitän Portlock von London auf der Montague-Insel angelangt

war, wo Dixon auf die ihm von den Indianern übermittelte Nachricht die

Schiffe verlassen hatte, um uns zu besuchen.

Wenn man alle Umstände berücksichtigt, wird man nicht umhin können,

diese Zusammenkunft für etwas Außerordentliches zu halten. Und erwägt

man die schauderhafte Lage unserer Mannschaft, ihre Krankheit, ihre

Betrübnis, ihre lange Abgeschiedenheit und die tötende Furcht, daß

selbst, wenn nun die günstigere Jahreszeit einsetzte, ihre Entkräftung

und der Zustand des Schiffes ihnen dennoch die Abreise unmöglich machen

würden, so wird man sich nicht wundern, daß Kapitän Dixon von uns wie

ein Rettungsengel mit Freudentränen bewillkommnet ward.

Gegen den 12. Mai wirkte die Mittagssonne bereits sehr kräftig, und der

anhaltende Südwind machte die Luft mild und angenehm. Das Thermometer

stand den Tag über im Schatten auf 5° Wärme. Aber in der Nacht fiel

es wieder zum Gefrierpunkt, und alsdann überzog sich das, was bei

Tage aufgetaut war, mit einer dünnen Eiskruste. Die große Eismasse,

die uns umgab, fing nun an, sich vom Ufer zu trennen. Die Flut, die

hier 18 Meter steigt und fällt, zerbröckelte sie unaufhaltsam, und

zugleich führte das vom Auftauen im Lande abfließende Wasser ganze

Stücke Eis mit sich in See. Bald nachher taute alles um das Schiff her

auf, und wir sahen mit Vergnügen, daß es sich wieder um seinen Anker

bewegte. Unsere Kranken näherten sich zusehends ihrer Genesung, wiewohl

ihrer zwei, ungeachtet der rückkehrenden Sonne und unserer äußersten

Sorgfalt, die Zahl der Opfer vermehrten, denen das Schicksal ihren

letzten Schlaf an diesen grauenvollen Ufern bestimmt hatte. Das Land

blieb noch immer mit Schnee bedeckt, und außer Tannensprossen zeigte

sich uns keine erreichbare Spur von Pflanzenwachstum. Wir mußten uns

übrigens glücklich preisen, daß der strenge Winter uns noch diese

gelassen hatte, und daß sie jedem, der anhaltenden Gebrauch davon

machte, ein wirksames Heilmittel wurden.

Am 17. Mai löste sich in der ganzen Bucht alles Eis, und da wir

uns wieder in offenem Wasser befanden, so erquickte die Hoffnung,

jetzt bald diese Szenen des Grauens und Leidens zu verlassen, unsere

erschöpften Gemüter mit unaussprechlichem Troste.

Die Zahl der von uns hier festgestellten Indianer betrug nicht über

fünf- bis sechshundert. Sie sind eine starke, grobknochige Rasse und

wohl etwas größer als der Durchschnittseuropäer. Sie haben weder

Städte noch Dörfer oder sonst einen beständigen Wohnort, sondern

wandern unaufhörlich im Sunde auf- und abwärts, wie Laune und Not

sie dazu treiben. Diesen ganzen Bezirk halten sie für ihr Eigentum

und dulden darin keinen anderen Stamm, den sie mit ihrer Übermacht

abhalten können, außer wenn er ihnen einen Tribut dafür entrichtet.

Dringt aber, wie es zuweilen geschieht, ein stärkerer Stamm in das

Gebiet, so ziehen sie sich auf gewisse Felsengipfel zurück, die nur

vermittels einer Leiter, die man nach sich hinaufnimmt, zugänglich

sind. Dahin schleppen sie sogar ihre leichtgebauten Kanus. Sie haben

einen Häuptling. Schenowäh, der jetzige, war ein ganz alter Mann

und fast gänzlich wieder zum Kinde geworden. Als er im verflossenen

Herbste den ersten Besuch bei uns machte, brachte er drei Frauen mit,

die er uns als seine Gattinnen bezeichnete. Wir erwiesen ihnen daher

gebührende Aufmerksamkeit und beschenkten sie mit allerlei Sachen, von

denen wir vermuten konnten, daß sie ihnen Freude machen würden. Außer

diesen haben wir nur noch drei oder vier andere von den Frauen der

Eingeborenen gesehen. Wir hätten sehr gewünscht, einen von ihren Knaben

bei uns zu behalten, um von ihren Sitten und ihrer Sprache einiges zu

erlernen. Allein, sie weigerten sich beständig, unser Verlangen zu

erfüllen, wenn nicht auch wir einen von unseren Leuten bei ihnen lassen

wollten. Der Häuptling selbst traute sich nicht, an Bord zu kommen,

wenn nicht während des Besuchs einer von unseren Matrosen in seinem

Kanu blieb.

Im Oktober 1786 brachte uns der Häuptling eine junge Frauensperson und

bot sie uns zum Kaufe an. Wir erhandelten sie für eine kleine Axt und

eine geringe Menge Glasperlen. Anfänglich glaubten wir, sie sei eine

von seinen eigenen Frauen; allein, sie gab uns bald zu verstehen, daß

sie eine Kriegsgefangene und nebst einer Anzahl von Landsleuten ihren

Feinden in die Hände gefallen sei. Die anderen wären alle getötet und

verzehrt worden, was das allgemeine Los der Kriegsgefangenen sei. Sie

allein hätte man leben lassen, damit sie den Frauen des Häuptlings

aufwarten solle, die jetzt vermutlich ihrer Dienste überdrüssig oder

vielleicht gar eifersüchtig auf sie geworden waren. Sie blieb beinahe

vier Monate lang bei uns und schien sehr zufrieden mit ihrer Lage. Wir

erfuhren von ihr, daß sie zu einem weiter südwärts wohnenden Stamme

gehöre. Wir hatten uns vorgenommen, im folgenden Sommer längs der Küste

hinzufahren, Pelzwerk einzuhandeln und sie ihren Verwandten wieder

zurückzugeben, wenn nicht die Unglücksfälle, die uns hier trafen, diese

Absicht gänzlich vereitelt hätten. Die Einwohner des Sundes schilderte

sie uns jederzeit, wir wissen freilich nicht mit welchem Rechte, als

die wildesten Leute an der ganzen Küste, wobei sie immer wiederholte,

daß nichts als die Furcht vor unseren Kanonen sie abhielte, uns

totzuschlagen und zu verspeisen.

Während des harten Frostes im Januar und Februar besuchten uns einige

fremde, weiter südwärts wohnende Stämme aus der Nachbarschaft ihres

Volkes. Durch diese Stämme schickte unser Mädchen eine Einladung

an ihre Verwandten, uns zu besuchen. Wir fügten ein Geschenk von

Glasperlen hinzu, um jene zu diesem Besuch aufzumuntern. Das Mädchen

bestimmte uns die Zeit, da wir ihre Ankunft erwarten könnten, und

wirklich erschienen sie ziemlich genau zu dem angegebenen Termin in

drei einzelnen Kanus und brachten einen geringen Vorrat an Pelzwerk

mit. Das Mädchen bat uns dringend um die Erlaubnis, mit ihnen zu

reisen. Da wir uns aber von den Nachrichten, die sie uns geben konnte,

einigen Vorteil für den Sommer versprachen, so erhielt sie eine

abschlägige Antwort. Während indes einmal unsere Leute zum Frühstück

gegangen waren, benutzte sie die Zeit, um in die Kanus zu entkommen,

und wir haben sie nie wiedergesehen. Damals, als das Mädchen uns

verließ, hatte der Skorbut noch nicht mit der Bösartigkeit wie später

um sich gegriffen. Doch gab sie uns zu erkennen, daß auch ihr Volk

an dieser Krankheit litte, daß man aber, sobald sich die Anzeichen

bemerkbar machten, südwärts in ein besseres Klima zöge, wo Fische in

Menge zu haben wären, die die Heilung stets bewirkten.

Die Einwohner des Sundes halten ihr Haar ziemlich kurz und hinten und

vorn in gleicher Länge. Daher hängt es ihnen gewöhnlich so ins Gesicht,

daß sie, Männer wie Frauen, es unaufhörlich wegstreichen müssen, um

nur vor sich hinsehen zu können. Die Männer haben durchgehends einen

Schnitt in der Unterlippe, zwischen dem vorstehenden Teil der Lippe

und dem Kinn, und zwar in gleicher Richtung mit dem Munde, so daß

der Einschnitt einem zweiten Munde ähnlich sieht. Die Knaben haben

an derselben Stelle zwei, drei oder vier Löcher. Vielleicht ist also

dieser Einschnitt ein Zeichen der Mannbarkeit. Die Frauen haben

ebensolche Öffnungen wie die Knaben und stecken kleine Stückchen von

Muscheln hinein, die wie Zähne aussehen. Männer und Frauen durchbohren

den Nasenknorpel und tragen gewöhnlich einen großen Federkiel oder

ein Stück Baumrinde darin. Bärte, die man freilich gewöhnlich nur

an bejahrten Personen sieht, haben sie auf der Oberlippe und am

Kinn; im Winter hängen oft Eiszapfen daran. Die Jüngeren reißen

sich scheinbar die Haare aus, sobald sie zum Vorschein kommen. Ihre

Backenknochen sind hoch hervorstehend, ihre Gesichter rund und

platt, die Augen schwarz und klein, das Haar pechschwarz. Ihr ganzer

Anblick ist wild und gräßlich. Die Ohren werden mit vielen Löchern

durchbohrt, in denen Gehänge von Knochen oder Muschelwerk befestigt

werden. Sie bedienen sich einer Art von roter Farbe, um sich Hals

und Gesicht zu beschmieren. Wenn ihnen aber ein Verwandter stirbt,

so brauchen sie dafür schwarze Farbe. Ihr Haar ist beinahe ganz mit

Vogeldaunen bedeckt. Ihre Kleidung besteht in einem einfachen Rock

von Seeotterfell, der bis auf die Knie herunterhängt und ihre Füße

unverhüllt läßt. In ihren Kanus bedienen sie sich einer anderen

Kleidung, die sie aus den Därmen des Wals verfertigen. Sie bedecken den

Kopf damit und binden die herabhängenden Schöße um das Loch fest, in

dem sie sitzen. Auf diese Weise kann kein Wasser in das Boot dringen,

und sie sitzen trocken und warm. Eigentlich ist dieses ihr Hauptanzug,

da sie bei weitem den größten Teil ihres Lebens in ihren Kanus

zubringen. Man findet in den hiesigen Waldungen alle die verschiedenen

Arten des Tannengeschlechts, die an der jenseitigen Küste von Amerika

gedeihen. Ferner Schlangenwurz und Ginseng, wovon die Eingeborenen

immer etwas als Arznei bei sich führen, obwohl wir es nie in Mengen

auffinden konnten.

Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer · 第 15 / 20 段