Am 5. August sahen wir um uns her eine Menge Kanus, die, nach Kleidung

und Sitte der darin befindlichen Leute zu urteilen, von einer oder der

anderen dieser Inseln gekommen sein mußten, obgleich wir eigentlich

nach unserer Rechnung viel zu weit gegen Süden sein mußten, als daß sie

sich hätten herauswagen dürfen. Diese kleine Flottille beschäftigte

sich mit dem Walfang. Nachdem die Leute eine kleine Weile innegehalten

hatten, um unser Schiff anzugaffen, wobei sie die äußerste Verwunderung

zu erkennen gaben, verließen sie uns und ruderten nordwärts. Wir

jedoch steuerten noch etwas südlicher, weil wir sowieso gegen unsere

Berechnung, wahrscheinlich durch die Strömung, etwas zu weit nördlich

geraten waren. Der Nebel blieb immer noch so dicht, daß man unmöglich

20 Schritt weit vom Schiff irgend etwas erkennen konnte. Die Menge

der Kanus, bei denen wir vorübergeschifft waren, schien indes aller

Wahrscheinlichkeit nach anzudeuten, daß Land, vermutlich kein anderes

als die Insel Amuchta, in der Nähe wäre. In der folgenden Nacht

erschreckte uns plötzlich das Geräusch von Wogen, die sich an der

Küste brachen. Wir legten das Schiff augenblicklich um; aber als wir

etwa zwei Stunden lang in der neuen Richtung gelaufen waren, hatten

wir von einem ähnlichen Geräusch einen neuen Schrecken. Nun legten

wir nochmals um, und bei Tagesanbruch erblickten wir in der Höhe des

Mastkorbes das Land auf einen Augenblick. Es schien mit Schnee bedeckt

zu sein. Bald verdichtete sich aber der Nebel wieder vor unseren

Augen und machte die ängstliche Ungewißheit unserer Lage nur noch

schrecklicher. Vier Tage lang suchten wir, aus der Finsternis der Luft

und ebenso unserer Gemüter einen Ausweg zu finden, überall schienen

wir eingesperrt zu sein. Das Rauschen des Wassers an dem Felsenstrande

vertrieb uns von der einen Seite, damit wir bald wieder derselben

furchtbaren Warnung auf der andern Seite gehorchten. Wir hatten alle

Ursache, zu vermuten, daß wir durch irgendeinen engen Eingang in einen

von gefahrvollen Ufern umringten Meerbusen geraten wären, aus dem nur

der einzige Kanal, durch den wir hineingekommen waren, uns zurückführen

könnte.

Am 9. August endlich hob sich des Morgens der Nebel, und wir hatten

den grausenvollen feierlichen Anblick der glücklich vermiedenen

Gefahren. Aber diese Wirklichkeit selbst schien kaum hinreichend,

uns die Möglichkeit begreiflich zu machen. Von allen Seiten umgab

uns fürchterliches, hohes Land, dessen Hänge bis auf zwei Drittel

ihrer Höhe hinunter mit Schnee bedeckt waren. Die Küste, die das

Seeufer bildete, bestand aus einer unzugänglichen, hohen, senkrechten

Felsenmauer, die keine andre Unterbrechung hatte als die Höhlungen,

an denen das Steigen und Fallen der gewaltigen Wogen jenes warnende

Geräusch, das uns rettete, verursachte. Jetzt entdeckten wir zwei

offene Kanäle oder Durchfahrten: den einen südwärts, durch den wir

hereingetrieben waren, den anderen gegen Nordosten. Hätten wir in

dieser Richtung gesteuert, so wären wir gleich aus der schrecklichen

Lage befreit gewesen. Allein, wir besorgten, immer nordwärts von den

Inseln zu kommen, und dann hätte es, da im Sommer die Strömungsrichtung

immer nördlich ist, schwergehalten, wieder zurückzufahren, um so mehr,

weil hierzu ein starker Nordwind erforderlich gewesen wäre und in

dieser Jahreszeit hier Südwestwinde zu herrschen pflegen. Die Strömung

war jetzt wirklich so stark, daß wir nicht wieder durch den südlichen

Kanal auslaufen konnten; wir schifften daher nordwärts und dann östlich

bis Unalaschka, wo wir mit Hilfe eines starken Nordwindes, der zu

unserem Glück einsetzte, durch die Enge zwischen Unimak und Unalaschka

hindurchsegelten. Die Strömung lief hier so schnell, daß sie mindestens

sieben Seemeilen in der Stunde betrug und auf diese Weise eine

fürchterliche, stürmische See erregte. Nachdem wir die Südseite der

Insel erreicht hatten, kam ein Russe als Lotse zu uns und führte uns

in einen Hafen neben demjenigen, in dem einst Kapitän Cook sein Schiff

ausgebessert hatte.

[Illustration: Wir hatten den grausenvollen Anblick glücklich

vermiedener Gefahren.]

Die hier befindlichen Russen waren von Ochotsk und Kamtschatka in

Galeoten hierhergekommen. Diese Fahrzeuge halten etwa fünfzig Tonnen

und können jedes sechzig bis achtzig Mann führen. Man legt sie für den

Zeitraum von acht Jahren, den die Russen hier zubringen, in bequemen

Plätzen an Land; nach Verlauf dieser Zeit kommt eine andere Anzahl

Russen und löst die ersteren ab, um Seeottern und andere Pelztiere

zu jagen. Die Eingeborenen verschiedener Bezirke müssen ebendiesem

Geschäfte nachgehen und die Früchte ihrer Arbeit als einen Tribut an

die Kaiserin von Rußland erlegen, der dieser Handel ausschließlich

gehört. Sie erhalten dagegen einen geringen Vorrat von Schnupftabak,

den sie unmäßig lieben, und sind, wenn sie nur dieser Lieblingsware

habhaft werden, zufrieden mit ihrer elenden Lage, aus der sie sich

auch, wenigstens sofern man es auf ihre eigene Anstrengung ankommen

läßt, nie herausarbeiten werden. Eisen und andere europäische

Handelsartikel sieht man bei ihnen so selten wie bei ihren Nachbarn auf

dem Festlande.

[Illustration: Beide Teile gerieten in Schrecken.]

Die Wohnungen der Russen sind nach dem Modell derer gebaut, die sie

im Lande üblich fanden. Nur ist der Maßstab ungleich größer. Es sind

Gruben, die man in die Erde gräbt, und die äußerlich so wenig das

Ansehen einer Wohnung haben, daß ein Fremder hineinfallen kann, ehe

er sich's träumen läßt, daß er sich an einem von Menschen bewohnten

Orte befindet. Der einzige Zugang zu diesen unterirdischen Behausungen

ist ein oben offen gelassenes, rundes Loch, durch das man auf einem

eingekerbten Pfosten hinuntersteigt. Ich sage nicht zuviel, wenn ich

von der Gefahr hineinzufallen spreche. Denn sowohl unserem ersten

Offizier, als dem Wundarzte widerfuhr schon am ersten Abend nach

unserer Landung dieses Unglück. Auf ihrem Rückwege von dem russischen

Dorf verschwanden sie plötzlich durch eines dieser Löcher und

erschienen der unten wohnenden Familie von Eingeborenen. Beide Teile

gerieten in Schrecken. Die Eingeborenen eilten so schnell, als ihre

Furcht es zuließ, zum Hause hinaus und ließen unsere Herren in der

bangen Erwartung, daß sie nun die Nachbarschaft wecken und ihre Freunde

herbeirufen würden, um diesen unschuldigen Überfall mit Mord und

Blutvergießen zu rächen. Als sie endlich wieder heraufgestiegen waren,

fanden sie, daß die Eingeborenen, deren sanftes und liebenswürdiges

Wesen sie damals noch nicht kannten, in ihrer Angst und Verwirrung

sich nach dem Dorfe geflüchtet hatten. Am folgenden Morgen erklärte

man diesen guten Leuten den Zufall und vergalt ihnen den Schrecken vom

vorigen Abend durch ein kleines Geschenk von Tabak.

An den Seiten sind diese Wohnungen durch Verschläge in Schlafstellen

abgeteilt, auf denen Tierfelle als Betten liegen. In der Mitte ist der

Feuerherd, an dem die Einwohner ihre Speisen bereiten und verzehren.

Bei sehr kaltem Wetter brauchen sie Lampen statt des Brennholzes, das

überhaupt auf diesen ganz von Bäumen entblößten Inseln äußerst selten

ist und nur zufällig vom festen Lande her angeschwemmt wird. Fische

mit einer Brühe von Fischöl sind ihre einzige Nahrung. Und selbst die

Russen nähren sich auf ebendie Art, nur mit dem Unterschiede, daß sie

ihre Speisen kochen, während die Eingeborenen sie roh verzehren. Wir

sahen sie oft den Kopf eines Stockfisches oder eines Heilbutts, den

sie soeben gefangen hatten, mit allen Zeichen gierigen Wohlbehagens

verschlingen. Wilde Sellerie ist das einzige Küchenkraut, das auf

diesen Inseln wächst, und die Eingeborenen essen es roh, wie es aus der

Erde gerissen wird.

Zwar wohnen seit geraumer Zeit Russen auf diesen Inseln. Allein, sie

haben hier noch keinerlei Art von Anbau versucht, und sie besitzen

weder zahmes Federvieh, noch irgendein Haustier, Hunde ausgenommen.

Ob aber dieser Mangel an Bequemlichkeiten des Lebens, die sich doch

sonst so leicht erlangen lassen, ihrer Trägheit und Gleichgültigkeit

oder der Unfruchtbarkeit des Landes zuzuschreiben ist, haben wir nicht

untersuchen können. Bezüglich ihrer Nahrung verlassen sie sich ganz auf

den Ertrag des Meeres und der Flüsse. Wirklich liefern diese auch die

vortrefflichsten Fische im Überfluß; und wenn wir nach dem starken,

gesunden Aussehen sowohl der Eingeborenen, als auch der neuen Ansiedler

urteilen dürfen, gibt ihnen diese Speise Kräfte und Gesundheit in

reichlichem Maße.

Die Eingeborenen der Inselreihe, die man unter der gemeinschaftlichen

Benennung der Fuchsinseln kennt, sind eine starke, untersetzte Rasse

mit rotwangigen runden Gesichtern, auf denen man keine Spur von

Wildheit sieht. Sie zerkratzen und entstellen ihr Gesicht nicht so wie

die Bewohner des festen Landes und sind allem Anschein nach von einer

harmlosen Gemütsart, die niemandem übelwill.

Die einzigen vierfüßigen Tiere dieser Insel sind Füchse, unter denen

es einige mit schwarzem Pelze gibt, der sehr hoch im Preise steht. Wir

bemühten uns während unseres hiesigen Aufenthaltes, die Russen zum

Handel mit uns zu bewegen. Allein, sie schätzen ihre Pelzwaren viel zu

hoch ein, um sie uns, wenigstens gegen das, was wir ihnen zum Tausch

boten, zu überlassen, und waren um soviel weniger dazu geneigt, da sie

im folgenden Jahre abgelöst zu werden hofften.

Am 20. August verließen wir Unalaschka, um längs dem festen Lande

jenseits der Schumagins-Inseln hinzuschiffen. Die Wahrheit zu

gestehen, wünschten wir uns von den russischen Inseln zu entfernen,

wo wir nichts zu hoffen hatten. Den 27. August erblickten wir die

Schumagins-Inseln, und vier Seemeilen weit von der Küste kam eine

Menge Kanus uns entgegen. Diese waren ganz von derselben Bauart wie

die auf den Fuchsinseln. Auch glichen die darin sitzenden Leute

den Eingeborenen jener Inseln in Kleidung und Sprache völlig. Die

Russen verbieten es, wie es scheint, an solchen Orten, wo sie sich

niederlassen, den Eingeborenen aus irgendeiner politischen Vorsicht,

größere Kanus zu führen als solche, die nur einen Mann fassen. Diese

Kanus sind insgesamt etwa dreieinhalb Meter lang, ein halbes Meter

breit und an beiden Enden scharf zugespitzt. In der Mitte, wo der

Ruderer sitzt, sind sie etwa ein halbes Meter tief. So gestaltete

Kanus findet man auf der ganzen Strecke von der Meerenge an, die die

beiden festen Länder trennt, bis an das Kap Edgecumbe. Einige können

drei Personen fassen, die meisten aber nur eine oder zwei. Ihr Gerippe

besteht aus sehr dünnen Latten oder Brettchen von Tannenholz, die

durch Walfischsehnen miteinander verbunden und mit einer Robben- oder

Walfischhaut, der zuvor das Haar abgeschabt wird, überzogen sind.

Der untere Rand des Rockes oder Hemdes von Leder -- der gewöhnlichen

Kleidung der hiesigen Insulaner -- verhindert, sobald er über das Loch

im Kanu des betreffenden Insassen gebunden wird, jegliches Eindringen

von Wasser. Diese Kanus werden durch Rudern äußerst schnell bewegt, und

die Eingeborenen wagen, damit bei jeder Witterung in See zu gehen.

Wir schrieben schon den 28. August, ohne von unserer Reise auch nur den

allermindesten Vorteil erzielt zu haben. Da wir indes glaubten, daß wir

alle russischen Handelsstationen jetzt hinter uns hätten, so hofften

wir, noch vor Eintritt des Winters, der schon mit starken Schritten

herannahte, Gelegenheit zu einem vorteilhaften Tausche zu bekommen.

In dieser Absicht beschlossen wir, westwärts vom Cookfluß einen Hafen

zu besuchen. Indem wir nun längs der Küste hinfuhren, sahen wir eine

weite Öffnung, die von einer Insel gebildet schien. Wir steuerten

also darauf zu. Als wir uns ihr genähert hatten, schien die Einfahrt

sich weit aufwärts in nordöstlicher Richtung zu erstrecken. Jetzt

erwarteten wir jeden Augenblick, daß die Eingeborenen zu uns kommen

würden. Wir waren zwanzig Seemeilen in der Meerenge vorwärts gekommen,

als sich das erste Kanu von der Landseite aus näherte. Es führte drei

Mann, von denen einer, ein russischer Matrose, zu uns an Bord kam.

Er war ein sehr verständiger Mensch und belehrte uns, daß dies die

Insel Kadjak sei, auf welcher die Mannschaften dreier Galeoten ihren

Posten hätten, und daß sich noch eine Insel gleichen Namens längs der

Küste befände. Diese Nachricht war nicht eben erfreulich; denn sie

vernichtete alle unsere Hoffnungen, diesseits des Cookflusses etwas

einhandeln zu können. Wir setzten also unsere Fahrt durch die Meerenge

fort, die wir, zu Ehren des Herrn William Petrie, »Petries Meerenge«

nannten, und kamen endlich bei der Landspitze, die auf Cooks Karte Kap

Douglas heißt, in den Cookfluß. Die Meerenge ist über 40 Kilometer

lang und etwa 10 Kilometer breit. Sie schneidet ein großes Stück vom

festen Lande ab, das die früheren Karten noch als zusammenhängend damit

darstellten.

Wir ankerten bei Kap Douglas, und bald darauf kamen Indianer des

Cookflusses in ein paar Kanus zu uns. Sie verkauften uns zwei oder

drei Seeotterfelle und erhielten für jedes etwa ein Pfund rohes Eisen.

Über unsere Ankunft bezeigten sie große Freude, so daß sie uns alles,

was sie in ihren Kähnen hatten, zum Geschenk anboten. Tabak wollten

sie nicht nehmen, woraus wir denn deutlich sahen, daß sie mit den

Russen noch nicht in Verbindung standen. Bei ihren wiederholten Rufen

»Englisch, Englisch« konnten wir auch nicht mehr glauben, daß wir

die ersten Engländer wären, die sie sahen. Und später zeigte sich

wirklich, daß die Schiffe »König Georg« und »Königin Charlotte« vor uns

da gewesen waren. Bald verließen uns diese Indianer mit den Kanus, um

flußaufwärts mehrere Felle zu holen.

Bereits am nächsten Tage sahen wir zwei andere große Boote mit ungefähr

18 Mann in jedem den Fluß hinunterschiffen. Es waren aber Russen, die

von einer kaufmännischen Reise in den Fluß zurückkamen. Jedes Boot

führte eine kleine Feldkanone mit sich, und jeder Mann war mit einem

kurzen Gewehr bewaffnet. Diese Russen hatten ihren Sommeraufenthalt,

nämlich die unterwärts gelegenen Inseln im Cookflusse, jetzt verlassen

und standen im Begriff, die Winterquartiere auf Kadjak zu beziehen.

Während der Zeit kam der 20. September heran und mit ihm sehr

stürmisches Wetter. Wir beschlossen daher, den Cookfluß, wo uns einige

sehr heftige Stürme so lange aufgehalten hatten, zu verlassen und uns

nach Prince-Williams-Sund zu begeben, um dort womöglich zu überwintern.

Als wir dort in der von Cook so benannten »Snug-Corner-Cove« oder

der »Bucht des sicheren Winkels« ankamen, stürmte es gewaltig. In

drei ganzen Tagen ließ sich keiner von den Eingeborenen sehen, und

wir glaubten daher schon, daß sie diese Küste verlassen und sich

südwärts begeben hätten, um den Winter bequemer hinzubringen. Auf einer

unserer Streifereien am Lande sahen wir jedoch etwas frisch mit einem

Schneidewerkzeuge abgehauenes Holz. Wir fanden auch ein Stück Bambus,

das uns überzeugte, daß ein Schiff kürzlich vor uns hier gewesen sein

mußte; und da dies der bestimmte Ort war, wo wir unsere Gefährten mit

der »Seeotter« wiederfinden sollten, so vermuteten wir, daß sie schon

wieder nach China abgesegelt wären.

Unsere jetzige Lage ließ uns also nichts als Ungemach erwarten. An

der Küste schienen gar keine Eingeborenen zu sein, die uns während

eines Winteraufenthaltes Waren zum Tausch oder Lebensmittel bringen

konnten. Andrerseits war die Witterung furchtbar geworden; es stürmte

unaufhörlich unter Schneegestöber und Schloßen. Verließen wir unsere

sichere Stätte, so war es sehr ungewiß, ob wir irgendwo einen

anderen Zufluchtsort finden und nicht genötigt sein würden, nach den

Sandwichinseln zu gehen. Dieser Schritt aber hätte wahrscheinlich der

ganzen Reise ein Ende gemacht, da unsere Leute schon anfingen, große

Unzufriedenheit an den Tag zu legen.

Wir beschlossen deshalb, den unwirtlichen Winter in

Prince-Williams-Sund allen Erquickungen der Sandwichinseln vorzuziehen,

da es uns schwerlich gelungen wäre, die Matrosen zur Rückkehr von

jenem angenehmen Aufenthalt an die amerikanischen Küsten zu bewegen.

Der Zweck der Reise und das Interesse der Eigentümer erforderten

dieses Opfer, dem wir uns auch so wie jedem anderen Ungemach willig

unterzogen. Bei einigem Nachdenken über die beschränkte Macht, die

der Befehlshaber eines Kauffahrteischiffes hat, und über den daraus

folgenden Mangel an Subordination wird man leicht begreifen können, daß

unser Entschluß, trotz aller Schwierigkeiten hierzubleiben, ein Beweis

von unserm Eifer für unsre Auftraggeber war.

Am vierten Tag besuchten uns einige Kanus, und die Eingeborenen

betrugen sich umgänglich und friedfertig gegen uns. Sie nannten uns

verschiedene englische Namen, die wir für die Namen der Leute an Bord

der »Seeotter« erkannten. Auch gaben sie uns zu verstehen, daß ein

Fahrzeug mit zwei Masten erst vor wenigen Tagen mit vielen Fellen

beladen von hier abgegangen sei; um die Menge der Felle anzudeuten,

zeigten sie uns die Haare auf ihrem Kopfe. Endlich versprachen sie

uns nach ihrer Art: wenn wir bleiben wollten, würden sie den Winter

hindurch eine Menge Seeottern für uns töten. Wir wußten nun, daß der

Sund bewohnt sei, und es fehlte uns nur noch an einem geeigneten

bequemen Winterhafen. Unsere Boote fanden einen solchen ungefähr

15 Kilometer ostnordostwärts von dem bisherigen Orte.

Dahin brachten wir am 7. Oktober unser Schiff, takelten es ab und

fingen an, uns am Lande mit der Errichtung eines Holzhauses zu

beschäftigen, das den Schmieden zur Werkstätte dienen und zugleich,

solange unser Schiff in dem jetzigen Zustand wäre, allerlei altes

Holzgerät aufnehmen sollte. Die Eingeborenen beehrten uns täglich

mit ihren Besuchen und übten sich dabei unausgesetzt in ihrem ganz

vorzüglichen Talent zum -- Stehlen. Man hatte Mühe, die Kunstgriffe zu

begreifen, mit denen sie sich eiserner Gerätschaften zu bemächtigen

suchten. Oft sah man sie den Kopf eines Nagels im Schiffe oder in den

Booten, wenn er nur ein wenig aus dem Holz herausragte, mit den Zähnen

herausziehen. Und wenn wir die verschiedenen Diebereien und die Art,

wie sie ausgeführt wurden, erzählten, so könnte mancher leicht auf den

Gedanken kommen, daß wir die diebische Geschicklichkeit dieses Volkes

auf Kosten der Wahrheit herausstreichen wollten.

Bis Mitte Oktober hatten wir noch immer erst eine geringe Anzahl von

Fellen erhandelt. Die Eingeborenen stellten sich aber in größerer

Anzahl ein und wurden so überlästig, daß wir in Verlegenheit gerieten,

wie wir uns gegen sie zu benehmen hätten. Klugheit sowohl als

Menschlichkeit geboten uns, womöglich alle gewalttätigen Züchtigungen

zu vermeiden. Indes kam es doch des öfteren vor, daß unsere Leute, die

am Lande Holz fällten oder mit dem Bau des Hauses beschäftigt waren,

sich genötigt sahen, an Bord zurückzukehren, weil die Eingeborenen aus

dem Walde hinter ihnen hervorkamen und ihnen ihr Gerät wegzunehmen

versuchten. Das Schiff lag dem Arbeitsplatz so nahe, daß wir mit unsern

Leuten am Lande sprechen konnten. Daher erhielten diese, außer wenn

ein bedachtsamer Offizier bei ihnen war, nie Erlaubnis, Schießgewehre

mitzunehmen, weil wir befürchteten, daß sie einen falschen Gebrauch

davon machen würden. Bisher hatten wir es auch überflüssig gefunden,

sie zu bewaffnen, da es uns noch jedesmal gelungen war, durch einen

einzigen Flintenschuß vom Schiffe aus die Eingeborenen zu verscheuchen.

Den 25. Oktober bemerkten wir, daß eine große Menge Indianer in die

Bucht kamen. Da wir ihrer so viele noch nicht beieinander gesehen

hatten, so riefen wir unseren Leuten zu, sie möchten sich an Bord

begeben. Als dies nicht augenblicklich geschah, gewannen die Indianer

Zeit, dem Schiffe gegenüber anzulegen und an dem Arbeitsplatze zu

landen. Zugleich stieß ein anderer Haufen aus dem Walde zu ihnen.

Vergebens wollten wir durch allerlei Zeichen den Indianern, die in

ihren Kanus gekommen waren, das Anlanden untersagen. Sie taten es zum

Trotze dennoch. Hierauf richteten wir zwei von unseren Kanonen auf

sie und erreichten dadurch unseren Zweck noch zu rechter Zeit, da sie

schon im Begriffe standen, unsern Leuten die Äxte aus der Hand zu

reißen. Sobald sie unsere Anstalten gewahr wurden, riefen sie auf ihre

gewöhnliche Art »Lali-lali«, das heißt »Freund, Freund« und breiteten

ihre Arme zum Zeichen der Freundschaft weit voneinander. Nachdem unsre

Leute sämtlich an Bord gekommen waren, glaubten wir, die Gelegenheit

benützen zu müssen, die Eingeborenen durch einen Beweis von der Wirkung

unsrer Kanonen zu erschrecken. Ein Zwölfpfünder ward mit Kartätschen

geladen und abgeschossen. Die Wirkung der Kugeln im Wasser setzte

sie in Erstaunen und in solchen Schrecken, daß die Hälfte ihre Kanus

umkippte. Hierauf lösten wir am Ufer eine dreipfündige Feldkanone,

deren Kugel auf eine ziemliche Strecke die Oberfläche des Wassers

streifte und ihnen keinen Zweifel übrigließ, daß wir unsere Kugeln

in jeder beliebigen Richtung so weit schießen könnten, wie wir Lust

hätten. Jetzt standen sie da und beratschlagten sich, wie es schien,

in nicht geringer Verlegenheit. Nun gaben wir ihnen zu verstehen,

wir hätten keineswegs die Absicht, ihnen Leids zu tun, solange sie es

friedlich und ehrlich mit uns meinten; wir wünschten weiter nichts,

als mit ihnen handeln und gegen unsere Waren Felle eintauschen zu

können. Diese Waren hielten wir ihnen vor; und nun zogen sich nach

einem wiederholten Freudengeschrei diejenigen unter ihnen, die in Felle

gekleidet waren, augenblicklich aus und verkauften uns gegen eine

mäßige Zahl großer eiserner Nägel sechzig schöne Seeotterfelle. Um uns

ihre Freundschaft zu erwerben, beschenkten wir die vornehmsten Männer

unter ihnen mit Glasperlen verschiedener Farbe. Dagegen versprachen

sie, daß sie uns Felle bringen würden, so geschwind sie dergleichen nur

herbeischaffen könnten.

[Illustration: »Lali-lali« riefen sie, das heißt »Freund, Freund«.]

Ihr Versuch, uns zu überfallen, war wohl ohne Zweifel vorher überlegt;

denn sie pflegen einander sonst nie in den erwähnten Booten zu

bekriegen und bedienen sich ihrer gewöhnlich nur, um die Greise, die

Frauen und Kinder bei Annäherung eines Feindes wegzuführen, weswegen

sie auch diese Fahrzeuge »Weiberboote« nennen. Jetzt aber hatten sie

sie dennoch gebraucht, um eine beträchtliche Menge Leute auf einmal

an Land setzen zu können, weil sie dadurch ihr Vorhaben, unsere Leute

abzuschneiden, desto sicherer bewerkstelligen konnten. Dieser Plan war

ihnen nun freilich mißlungen. Aber nichts leistete uns Bürgschaft,

daß sie in Zukunft der Gelegenheit widerstehen würden oder auch nur

widerstehen könnten, uns alles zu stehlen, was ihnen unter die Hände

käme, zumal wenn es Eisen enthielt, durch das sie immer in die äußerste

Versuchung gerieten.

In unseren jetzigen Umständen hielten wir es für ratsam, unsere

ferneren Arbeiten am Land einzustellen. Wir fingen daher an, das Schiff

mit Sparren zu bedecken und von allen Seiten einzufassen, wie wir es

schon zur Hälfte getan hatten. Unglücklicherweise fiel jetzt der Schnee

in solchen Mengen und lag auf dem Lande so tief, daß wir zu unserem

größten Mißvergnügen diese Arbeit nicht vollenden konnten. Soweit die

Bedeckung fertig war, diente sie uns, eine Stelle zum Auf- und Abgehen

trocken zu halten, und schützte das Verdeck gegen Kälte. Sie gab zu

gleicher Zeit für den Notfall eine hinlängliche Befestigung ab gegen

jeden Angriff, den etwa die Eingeborenen wagen konnten, da von einer

anderen Seite das Eis, das sich überall um uns her zu bilden anfing,

ihnen einen sehr beträchtlichen Vorteil gab. Allein, die Neigung

unserer wilden Nachbarn mochte noch so feindselig sein: der Schrecken

über die Wirkung unsrer Kanonen hatte sie zu größter Freundlichkeit und

Friedfertigkeit gebracht.

[Illustration]

Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer · 第 14 / 20 段