die übrigen Feierlichkeiten bei seinem Empfang auf dieser Insel
schildere, muß ich noch etwas von dem Marai sagen, das an der Südseite
des Strandes von Kakua lag. Dieses dem Gottesdienste geweihte
Gebäude bestand aus einem viereckigen dichten Steinhaufen, der etwa
40 Schritt lang, 20 breit und 14 Schritt hoch sein mochte. Oben war
es platt und eben, gut gepflastert und mit einem hölzernen Zaune
umgeben, auf dem die Schädel der beim Tode ihrer Vornehmen geopferten
Gefangenen steckten. Mitten in dem so eingeschlossenen Platze stand
ein verfallenes, altes, hölzernes Gebäude, das mit dem Zaun zu beiden
Seiten durch eine steinerne Mauer zusammenhing, so daß der ganze
Raum in zwei Teile geschieden war. Auf der landeinwärts gelegenen
Seite standen fünf, etwa 6 Meter lange Pfähle, die einem etwas
unregelmäßigen Gerüste zur Stütze dienten. Gegenüber, nach dem Meere
hin, waren zwei kleine Häuser erbaut, die durch einen bedeckten Gang
miteinander zusammenhingen.
Koah führte uns auf einem bequemen Steige, der von dem Strande nach
der nordwestlichen Ecke des gepflasterten Hofes hinaufging, auf die
Zinne dieses Gebäudes. Am Eingang in den Hof erblickten wir zwei
hölzerne Standbilder mit verzerrten Zügen, von denen jedes ein langes,
geschnitztes Stück Holz in Form eines umgekehrten Kegels auf dem Kopfe
hatte. Der übrige Körper war nicht ausgearbeitet, sondern in rotes
Zeug gehüllt. Hier trat uns ein junger Mann von hohem Wuchs mit einem
langen Barte entgegen und stellte Kapitän Cook den Bildsäulen vor. Dann
sang er eine Art von Hymnus, in den Koah miteinstimmte, und führte uns
nachher an das jenseitige Ende des Marai, wo die 5 Pfähle standen. An
dieser Stelle bildeten 12 Standbilder einen Kreis, und gerade vor der
mittelsten Figur stand ein hoher Tisch oder ein Gestell, das genau dem
»Uatta« oder Altar in Tahiti ähnlich war. Auf ihm lag ein bereits in
Fäulnis übergegangenes Schwein und unter ihm eine Menge Zuckerrohr,
Kokosnüsse, Brotfrucht, Bananen und süße Bataten. Koah stellte den
Kapitän unter diesen Altar, nahm das Schwein herunter und hielt es ihm
vor, wobei er zum zweitenmal mit vieler Heftigkeit und geläufiger Zunge
eine lange Rede hielt. Hierauf ließ er das Schwein zur Erde fallen und,
führte unsern Kapitän an das Gerüst. Beide kletterten unter Gefahr das
beschwerliche Stück hinan. Nunmehr sahen wir oben auf dem Marai eine
feierliche Prozession herankommen. Sie bestand aus 10 Männern, die
ein großes lebendiges Schwein und ein großes Stück rotes Zeug trugen.
Nachdem sie noch ein paar Schritte vorwärts getan hatten, hielten sie
still und warfen sich zur Erde nieder. Kärikia, der vorhin erwähnte
junge Mann, ging zu ihnen, nahm ihnen das Zeug ab und brachte es dem
Koah, der den Kapitän damit bekleidete. Hierauf brachte er ihm das
Schwein dar, das Kärikia währenddessen auf ebendie Art wie das Zeug
geholt hatte.
Als nun Kapitän Cook, so in rotes Zeug gewickelt, in einer etwas
unbequemen Stellung in der Höhe stand und sich nur mit Mühe an den
Stücken des morschen Gerüstes festhalten konnte, fingen Kärikia und
Koah ihren Gottesdienst an und sangen zuweilen gemeinsam, zuweilen
abwechselnd. Das dauerte eine geraume Zeit. Endlich ließ Koah das
Schwein fallen und stieg mit Kapitän Cook herunter. Nunmehr führte er
ihn an den zuletzt erwähnten Bildsäulen vorbei, sagte im Vorübergehen
jedem Bilde etwas in einem höhnenden Tonfall und schnippte mit den
Fingern gegen sie. Endlich brachte er ihn vor das mittelste Bild, das,
da es mit rotem Zeug bekleidet war, in höherem Ansehen stehen mochte.
Daher fiel er auch davor nieder, küßte es und verlangte ein gleiches
von Kapitän Cook, der sich bei dieser ganzen Feierlichkeit durchaus
nach Koahs Vorschrift verhielt.
Hierauf führte man uns zurück in die andere Abteilung des Marai, wo
sich eine Vertiefung im Pflaster befand, die 3-4 Meter im Quadrat und
1 Meter Tiefe haben mochte. Wir stiegen hinab, und Kapitän Cook mußte
sich zwischen zwei hölzerne Bildsäulen setzen, indes Koah den einen Arm
des Kapitäns unterstützte und mich den andern stützen hieß. Hierauf kam
eine zweite Prozession von Eingeborenen, die ein gebratenes Schwein,
einen Pudding nebst Kokosnüssen, Brotfrucht und anderen Pflanzenspeisen
trugen. Als sie sich näherten, trat Kärikia an ihre Spitze und hielt
das Schwein wie gewöhnlich dem Kapitän vor. Zugleich fing er wie
vorher einen Gesang an, auf den seine Gehilfen bei passenden Stellen
antworteten. Nach jeder Gegenstrophe schienen die Absätze kürzer zu
werden, bis zuletzt Kärikia nur zwei oder drei Worte sang, worauf
denn die übrigen zum Beschluß das Wort »Orono« ausriefen. Diese
Opferzeremonie dauerte ungefähr eine Viertelstunde. Als sie vorbei war,
setzte sich das Volk uns gegenüber nieder und fing an, das gebratene
Schwein zu zerlegen, die Pflanzenspeisen zu schälen und die Kokosnüsse
aufzubrechen. Andere waren mit Zubereitung des Kawatranks beschäftigt,
wozu, wie auf den Freundschaftsinseln, die Wurzel des Pfefferstrauchs
gekaut wird. Kärikia nahm ein Stück vom Kern einer Kokosnuß, kaute es,
wickelte es in ein Stück Zeug und rieb damit dem Kapitän Gesicht, Kopf,
Hände, Arme und Schultern ein. Hierauf ging der Kawatrank herum, und
nachdem wir davon gekostet hatten, machten sich Paria und Koah daran,
das Fleisch des Schweines in kleinere Stücke zu zerreißen und uns in
den Mund zu stopfen. Ich konnte es leicht ertragen, daß mich Paria
fütterte, da er sich in allen Stücken sehr reinlich hielt; allein,
Kapitän Cook, der von Koah bedient wurde, erinnerte sich an das erste,
halbverweste Schwein und konnte keinen Bissen hinunterschlucken. Dazu
kam noch, daß der Alte, um ihm eine besondere Ehre anzutun, den Bissen
erst selbst durchkäute, wodurch natürlicherweise des Kapitäns Ekel
nicht gerade vermindert wurde.
Als diese letzte Zeremonie, die Kapitän Cook, so gut er konnte,
beschleunigte, vorbei war, verteilten wir einige Stückchen Eisen nebst
anderen Kleinigkeiten unter das Volk, das damit äußerst zufrieden
schien, und verließen dann das Marai. Die Männer mit den Stäben
begleiteten uns wieder an unsere Boote und wiederholten dabei dieselben
Worte, die sie schon vorher, als wir das Land betraten, gesagt hatten.
Die Eingeborenen zogen sich zurück, und die wenigen, die in der Nähe
blieben, fielen, während wir längs dem Ufer vorübergingen, zur Erde
nieder. Wir eilten sogleich an Bord, hatten den Kopf voll von alldem,
was wir gesehen, und waren höchst vergnügt, daß unsere neuen Freunde
es so überaus gut mit uns zu meinen schienen. Schwerlich läßt sich die
Bedeutung der verschiedenen Feierlichkeiten, womit man uns empfangen
hatte, bestimmt angeben; selbst die Mutmaßungen darüber können nur
unsicher und einseitig sein: indes verdienten sie, wegen ihrer Neuheit
und Sonderbarkeit, ausführlich beschrieben zu werden. Ohne allen
Zweifel lag darin der Ausdruck einer tiefen Ehrfurcht, die sogar, was
Kapitän Cook persönlich betrifft, nahe an wirkliche Anbetung zu grenzen
schien.
Am folgenden Morgen ging ich mit einer Wache von 8 Seesoldaten,
Leutnant und Korporal mitinbegriffen, an Land, um die Sternwarte in
einer solchen Lage errichten zu lassen, daß ich zugleich auf die
mit Wasserfüllen und andern Arbeiten beschäftigten Leute achthaben
und sie erforderlichenfalls beschützen könnte. Indem wir in dieser
Absicht einen Platz mitten im Dorfe besichtigten, der uns sehr bequem
dünkte, erbot sich Paria mit immer gleicher Bereitwilligkeit, sowohl
um sein Ansehen geltend zu machen, als auch um uns eine Gefälligkeit
zu erweisen, er wolle einige Hütten niederreißen lassen, die uns am
Beobachten hinderlich sein könnten. Allein, wir hielten es für das
beste, dieses Anerbieten abzulehnen, und wählten ein Batatenfeld
dicht am Marai, das man uns auch ohne Widerrede einräumte. Um aller
Zudringlichkeit von seiten der Einwohner zuvorzukommen, heiligten die
Priester sogleich diesen Bezirk, und zwar dadurch, daß sie ihre Stäbe
rund umher an der Mauer, die ihn einschloß, befestigten.
Diese Art von religiösem Verbot heißt bei ihnen »Tabu«, ein Wort,
das wir während unseres Aufenthaltes bei den hiesigen Insulanern oft
aussprechen hörten, und dessen Wirkung sich sehr weit erstreckte. Nie
wagte es ein Kanu, in unserer Nähe anzulanden. Die Eingeborenen setzten
sich wohl auf die Mauer; allein, in den verbotenen oder tabuierten
Bezirk hineinzutreten, wagte keiner, bevor wir ihm nicht die Erlaubnis
dazu gaben. Auch waren es nur Männer, die auf unser Verlangen mit
Lebensmitteln über das Feld kamen; die Frauen hingegen hielten sich
fern.
Wir hatten noch nicht lange unsere Sternwarte eingerichtet, als
wir in unserer Nachbarschaft die Wohnungen einer Gesellschaft von
Priestern entdeckten, die unsere Aufmerksamkeit dadurch auf sich
zogen, daß sie sich zu bestimmten Zeiten am Marai einfanden, um ihre
Amtsgeschäfte zu verrichten. Ihre Hütten standen rings um einen Teich
mit Wasser in einem Haine von Kokospalmen, der sie von dem Strande
und von dem übrigen Dorfe abschloß und völlig ein klostermäßiges,
ja, einsiedlerisches Aussehen hatte. Ich gab Kapitän Cook von dieser
Entdeckung Nachricht, und er nahm sich deshalb einen Besuch dortselbst
vor.
Gleich nach seiner Ankunft am Strande führte man ihn zu einem
geheiligten Gebäude, das hier »Harre-no-Orono«, das »Haus des Orono«,
genannt wurde. Vor dem Eingange hieß man ihn, am Fuß eines hölzernen
Götzenbildes niedersitzen, das von ebender Art wie jene auf dem Marai
zu sein schien. Hier mußte ich wieder einen seiner Arme unterstützen,
indes Kärikia ihn mit rotem Zeuge bekleidete und in Begleitung von
zwölf Priestern ihm mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten ein Ferkel zum
Opfer brachte. Man schnürte hierauf dem Tiere den Hals zu und warf es
in ein dazu bereitetes Holzfeuer. Sobald die Haare abgesengt waren,
brachte man es wieder dar und wiederholte dabei den oben beschriebenen
Gesang. Dann hielt man das tote Ferkel dem Kapitän eine Zeitlang unter
die Nase und legte es hernach nebst einer Kokosnuß zu seinen Füßen.
Hierauf setzten sich die Priester, bereiteten Kawa und ließen die damit
gefüllte Kokosnußschale herumgeben. Zuletzt ward ein fettes, ganz
zubereitetes Schwein aufgetragen, womit man uns wie das vorige Mal
fütterte.
Sooft Kapitän Cook während unseres Aufenthaltes in der Bucht an Land
kam, ging einer von den Priestern vor ihm her, rief aus, daß der
»Orono« gelandet sei, und befahl dem Volke, sich niederzuwerfen.
Ebenderselbe Priester war auch sein immerwährender Begleiter,
sooft er sich ins Boot begab. Hier stand er mit einem Stabe in der
Hand gewöhnlich im Vorderteil und verkündigte den Eingeborenen in
ihren Kähnen Cooks Annäherung, worauf sie unverzüglich mit Rudern
innehielten, sich auf das Gesicht niederwarfen und so lange in dieser
Stellung blieben, bis er vorüber war. Sooft er sich bei der Sternwarte
aufhielt, kam Kärikia sogleich mit seinen Amtsbrüdern herbeigeeilt und
überreichte mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten Schweine, Kokosnüsse
und Brotfrucht. Bei dieser Gelegenheit baten oftmals geringere
Befehlshaber um Erlaubnis, dem »Orono« ein Geschenk bringen zu dürfen,
und wenn ihnen diese Bitte gewährt wurde, boten sie in eigener Person,
gewöhnlich mit deutlichem Ausdruck von Furcht in ihren Zügen, das
Schwein dar, indes Kärikia und die Priester den gewöhnlichen Hymnus
sangen.
Soweit war das meiste nur Höflichkeitsbezeigung, nur äußere Feier und
Parade. Dabei ließ es jedoch die Priestergesellschaft nicht bewenden.
Unsere am Lande sich aufhaltende Abteilung erhielt täglich einen
Vorrat von Schweinen und Pflanzenspeisen, der mehr als ausreichend
für unseren Unterhalt war. Und mit gleicher Sorgfalt und Genauigkeit
schickten sie täglich mehrere Kähne mit Lebensmitteln an Bord, ohne
je das geringste dafür zu verlangen, ohne auch nur einen entfernten
Wink deswegen zu geben. Ihre Geschenke schienen, da sie mit solcher
Regelmäßigkeit wiederholt wurden, in der Tat viel mehr Ausübungen
einer Religionspflicht, als bloße Wirkungen der Freigebigkeit zu sein.
Wir erkundigten uns zuweilen, auf wessen Kosten man uns so herrlich
bewirtete, und erhielten zur Antwort, es geschehe auf Kosten eines
vornehmen Mannes namens Ka-u, des Oberpriesters. Dieser Mann, von dem
man uns zugleich sagte, daß er Kärikias Großvater wäre, begleitete den
König und war daher abwesend.
Alles, was den Charakter und das Betragen dieses Volkes betrifft,
muß dem Leser wegen des nachher erfolgten traurigen Auftrittes
doppelt wichtig sein. Es gehört also auch die Bemerkung hierher, daß
wir nicht immer ebensoviel Ursache hatten, mit der Aufführung der
kriegerischen Befehlshaber oder »Erihs« so zufrieden zu sein wie mit
der der Priester. Im ganzen Verkehr mit jenen fanden wir sie sehr auf
ihren eigenen Vorteil bedacht. Und wollte man auch ihre Diebereien
entschuldigen, weil dieser Hang unter den Insulanern der Südsee
allgemein ist, so ließen sie sich doch noch außerdem allerlei Anschläge
zuschulden kommen, die nicht eben rühmlich waren. Hiervon nur ein
Beispiel, worin, zu meinem Leidwesen, hauptsächlich unser Freund Koah
mitverflochten war. Wenn uns irgendein Mann von Ansehen Schweine zum
Geschenke brachte, pflegten wir jederzeit beträchtliche Gegengeschenke
zu machen. Die Folge war unausbleiblich: es fehlte uns nicht nur
nie an Proviant, sondern wir hatten gewöhnlich weit mehr, als wir
brauchen konnten. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Koah, der unser
unermüdlicher Begleiter war, sich die Schweine auszubitten, die uns zur
Last waren, und er konnte allemal gewiß sein, sie sicher zu erhalten.
Einst brachte ein Befehlshaber, den Koah selbst uns vorgestellt hatte,
ein Schwein zum Geschenk, das wir als eines derer erkannten, die noch
eben zuvor an Koah verabfolgt worden waren. Wir hegten gleich den
Verdacht, daß man uns zu hintergehen suchte, und entdeckten auf weitere
Nachfrage bald, daß der angebliche Befehlshaber nur ein gewöhnlicher
Mann war. Jetzt erinnerten wir uns auch mancher anderer Einzelheiten,
die uns zu der Vermutung veranlaßten, daß man uns schon mehrmals auf
ähnliche Weise ausgebeutet hatte.
[Illustration]
Alles nahm seinen gewohnten Gang bis zum 24. Januar, da zu unserer
großen Verwunderung kein einziges Kanu vom Lande abstieß und keiner
von den Eingeborenen aus seinem Hause hervorkam. Nach Verlauf einiger
Stunden erfuhren wir endlich, daß die Bai tabuiert und der Verkehr mit
uns aufgehoben wäre, weil Terriobu nunmehr ankommen würde. Wir hatten
auf einen solchen Vorfall nicht gerechnet und für den heutigen Tag
noch kein Gemüse eingetauscht, mußten also diesmal darauf verzichten.
Unsere Leute waren indessen zu sehr an diese Erfrischungen gewöhnt, um
sie so plötzlich entbehren zu können; daher suchten sie am folgenden
Morgen die Einwohner durch Drohungen und Versprechungen herbeizulocken.
Schon war es ihnen so weit gelungen, daß einige sich fertigmachten,
mit ihren Kanus vom Lande abzustoßen, als ein Befehlshaber hinzukam
und die Eingeborenen auseinanderzujagen versuchte. Man schoß ihm
eine Flintenkugel über den Kopf hinweg, und dies hatte sogleich den
gewünschten Erfolg, daß er sein Vorhaben aufgab, und die Zufuhr von
nun an wieder offen blieb. Nachmittags kam Terriobu, doch gleichsam
nur inkognito, um seinen Besuch an Bord der Schiffe abzustatten. Ihn
begleitete nur ein Kanu, in dem seine Gemahlin und seine Kinder saßen.
Er blieb bis gegen 10 Uhr abends an Bord und kehrte dann nach dem Dorfe
Kauraua zurück.
Am folgenden Tage, gegen Mittag, fuhr der König in einem großen Kanu,
von zwei andern begleitet, von dem Dorfe ab und ließ sich langsam
und mit großer Pracht nach den Schiffen hinrudern. In dem ersten
Kanu saß er selbst nebst seinen Vornehmen, in kostbare, mit Federn
besetzte Mäntel und Helme gekleidet und mit langen Spießen und Dolchen
bewaffnet. Im zweiten kam der ehrwürdige Ka-u, der Oberpriester, und
seine Amtsbrüder, die ihre Götzenbilder auf rotem Zeug zur Schau gelegt
hatten. Diese Bilder waren riesenmäßige Büsten von Korbmacherarbeit,
die mit kleinen Federn von allerlei Schattierungen, ähnlich wie die
Mäntel der Vornehmen, überzogen waren. Die Augen bestanden aus großen
Perlmutterschalen, in deren Mittelpunkt eine schwarze Nuß befestigt
war. Im Rachen führten sie eine große Reihe von doppelten Hundszähnen,
und der Mund wie die übrigen Gesichtszüge waren sehr verzerrt. Indem
der Zug feierlich näher kam, sangen die Priester ihre Hymnen; nachdem
sie jedoch rund um die Schiffe gerudert waren, gingen sie nicht an
Bord, sondern begaben sich nach dem Strande, wo wir unsere Posten
hatten.
Sobald ich sie herankommen sah, ließ ich unsere kleine Wache aufziehen,
um den König zu empfangen. Kapitän Cook, der vom Schiffe aus ebenfalls
bemerkt hatte, wohin der Zug seinen Weg nahm, folgte ihm und kam fast
gleichzeitig mit ihm im Zelt an. Die Eingeborenen hatten sich hier kaum
niedergelassen, als der König sich schon wieder erhob und mit sehr
vielem Anstande den Mantel, den er selbst getragen, über des Kapitäns
Schultern warf, ihm einen kostbaren befiederten Helm aufsetzte und
einen zierlich gearbeiteten Fächer in die Hand gab. Hierauf breitete
er noch fünf oder sechs andere Mäntel von ausnehmender Schönheit und
hohem Werte vor des Kapitäns Füßen aus. Dann brachten seine Leute
vier große Schweine nebst Zuckerrohr, Kokosnüssen und Brotfrucht, und
die Zeremonie schloß damit, daß Kapitän Cook und der König ihre Namen
wechselten, was auf allen Südsee-Inseln Brauch ist und als stärkstes
Freundschaftsband betrachtet wird.
[Illustration: Der König warf Kapitän Cook einen Federmantel, den er
selbst getragen, über die Schultern.]
Nunmehr kam eine Prozession von Priestern zum Vorschein, die einen
ehrwürdigen alten Mann an ihrer Spitze hatte. Ihnen folgte eine lange
Reihe von Männern, die teils große Schweine herbeiführten, teils
Bataten, Bananen und dergleichen trugen. Ich merkte es unserm Freunde
Kärikia an den Augen an, daß dieser Alte der Oberpriester wäre, von
dessen Freigebigkeit wir schon so lange gelebt hatten. Er hielt ein
Stück roten Zeugs in Händen, wickelte es um Kapitän Cooks Schultern und
brachte ihm dann mit den gewöhnlichen Zeremonien ein kleines Ferkel
dar. Man bereitete ihm alsbald einen Sitz dicht neben dem Könige.
Hierauf fing Kärikia mit seinen Begleitern die Feierlichkeiten an und
Ka-u nebst den Befehlshabern stimmten bei den Antworten oder Chören
selber mit ein.
Mit Verwunderung erkannte ich in der Person des Königs denselben
schwachen, ausgemergelten alten Mann, der uns an Bord der »Resolution«
besucht hatte, als wir uns noch am Nordostende der Insel Mauwi
befanden. Es währte auch nicht lange, so hatten wir unter seinem
Gefolge zum großen Teil alle diejenigen Personen wiedererkannt, die
damals die Nacht an Bord zubrachten. Unter dieser Zahl befanden sich
des Königs beide jüngere Söhne, von denen der älteste ungefähr
sechzehn Jahre alt sein mochte. Außerdem sein Enkel Maiha-Maiha, den
wir aber kaum wiedererkennen konnten, weil er sein Haar mit einem
schmutzigbraunen Teig und Puder eingeschmiert und dadurch das wildeste
Gesicht, das ich jemals gesehen, noch scheußlicher gemacht hatte.
Nach den ersten Empfangszeremonien führte Kapitän Cook den König und so
viele Vornehme, als sein Boot tragen konnte, an Bord der »Resolution«,
wo man sie mit allen erdenklichen Ehrenbezeigungen aufzunehmen suchte.
Kapitän Cook zog dem Könige ein Hemd an und umgürtete ihn mit seinem
eigenen Hirschfänger. Der uralte Ka-u war mit etwa sechs anderen
Befehlshabern am Lande geblieben und hatte seinen Aufenthalt in den
Priesterwohnungen genommen. Die ganze Zeit über ließ sich kein einziges
Kanu in der Bucht blicken, und die Eingeborenen blieben entweder in
ihren Hütten oder lagen niedergekauert auf der Erde. Ehe der König das
Schiff verließ, erhielt Kapitän Cook noch die Erlaubnis, den Handel
mit den Eingeborenen wieder im gewöhnlichen Umfange aufzunehmen.
Dessenungeachtet jedoch blieb das Verbot für die Frauen in voller Kraft
bestehen, aus Ursachen, die wir nicht ergründen konnten, und keine
durfte aus ihrer Hütte hervorkommen.
Durch die stille, harmlose Aufführung der Eingeborenen war jetzt jede
Besorgnis der Gefahr bei uns gänzlich geschwunden, so daß wir nicht
einen Augenblick zögerten, uns ihnen ganz anzuvertrauen und mitten
unter sie zu gehen. Täglich spazierten Offiziere von beiden Schiffen
teils in kleinen Gesellschaften, teils auch ganz allein auf der Insel
umher und blieben oft über Nacht aus. Ich würde kein Ende finden,
wenn ich jeden Zug von Höflichkeit und Güte aufzeichnen wollte, womit
sie bei solchen Gelegenheiten aufgenommen wurden. Auf den Wegen
versammelten sich überall die Eingeborenen um sie her, bemühten
sich eifrig, ihnen auf allerlei Art gefällig zu sein, und waren nie
zufriedener, als wenn man ihre Hilfe in Anspruch nahm. Sie ersannen
sogar allerlei Kunstgriffe, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen
oder uns länger in ihrer Gesellschaft zurückzuhalten. Die Jungen und
Mädchen liefen, wenn wir durch ihre Dörfer gingen, vor uns her und
hielten uns auf jedem freien Platze zurück, wo Raum zum Tanzen war. Oft
luden sie uns ein, unter dem Schatten ihrer Hütten Erfrischungen zu
genießen; oft saßen wir mitten in einem Kreise von Frauen und Mädchen,
die ihre ganze Kunst und Geschicklichkeit aufboten, uns mit Liedern und
Tänzen zu unterhalten.
Der Genuß, den uns ihr sanftes Betragen und ihre Gastfreiheit
verschafften, ward gleichwohl durch ihren Hang zum Stehlen oft getrübt.
Es schmerzte uns, daß wir manchmal in die Verlegenheit kamen, ernstlich
strafen zu müssen, während wir doch gern alle Härte vermieden hätten,
wenn uns nicht die Not dazu gezwungen haben würde. Einst entdeckte
man einige der geschicktesten Schwimmer und Taucher, die sich unter
den Schiffen damit beschäftigten, die Nägel auszuziehen, mit denen
der Boden beschlagen war. Sie wußten dies vermittels eines kurzen
Stöckchens, an dessen einem Ende ein Kieselstein befestigt war, sehr
geschickt zu bewerkstelligen. Durch diesen Zeitvertreib kamen die
Schiffe zu sehr in Gefahr, als daß wir geduldig hätten zusehen können.
Man mußte endlich mit Schrot auf die Nageldiebe schießen. Allein, dies
genügte noch nicht, sie zu vertreiben. Sie tauchten unter und waren
dann vom Schiff selbst gedeckt. Also blieb kein anderes Mittel übrig,
als einen von ihnen an Bord der »Discovery« durchpeitschen zu lassen
und damit ein warnendes Beispiel zu geben.
Das Steuerruder der »Resolution« bedurfte einer vollständigen Reparatur
und ward deshalb an Land gebracht. Zu gleicher Zeit mußten die
Zimmerleute in Begleitung einiger Insulaner, die Ka-u mitschickte, sich
im Lande nach Planken umsehen, um einige andere notwendige und vor
Alter morsch gewordene Stücke zu ersetzen.
Am 28. Januar besuchte Kapitän Clerke, der bisher wegen seiner
Unpäßlichkeit fast beständig an Bord geblieben war, zum ersten Male
den König Terriobu in dessen Hütte. Man empfing ihn mit ebenden
Formalitäten wie den Kapitän Cook. Beim Weggehen erhielt er sogar,
obwohl sein Besuch ganz unerwartet gekommen war, ein Geschenk von
30 großen Schweinen und für einige Wochen ausreichende Vorräte an
Früchten und Wurzeln für seine ganze Mannschaft.
Noch hatten wir von ihren Lustbarkeiten und athletischen Übungen nichts
gesehen. Diesen Abend aber wurden wir auf Verlangen einiger unserer
Offiziere mit einem Boxkampf unterhalten. Zwar vermißten wir sowohl das
Feierliche und Prächtige, was diese Spiele auf den Freundschaftsinseln
so sehenswürdig macht, als auch die Geschicklichkeit und Kraft der
Kämpfer; indes war doch manches dabei bemerkenswert.