Wir fanden auf einem ebenen Platze unweit unserer Zelte eine ungeheure

Menge Menschen versammelt. In der Mitte zwischen diesen blieb für

die Kämpfer ein langer Raum frei, an dessen Ende die Richter unter

drei Standarten saßen, die oben mit einigen buntfarbenen Zeugfetzen

nebst den Häuten von ein paar wilden Gänsen und anderen Vögeln, sowie

Büscheln und Federn behangen waren. Sobald alles in Bereitschaft war,

gaben die Richter das Zeichen zum Angriff, und sogleich erschienen

die beiden Kämpfer. Sie kamen langsam hervor, hoben die Füße hinten

stark in die Höhe und strichen dabei die Fußsohlen mit der Hand. Indem

sie sich einander näherten, warf jeder einen verächtlichen Blick auf

seinen Gegner, maß ihn mit seinen Augen gleichsam von Kopf bis zu Fuß,

blickte dann bedeutungsvoll auf die Zuschauer, strengte die Muskeln an

und machte -- mit einem Wort -- allerlei affektierte Grimassen. Sowie

sie einander erreichen konnten, streckten sie beide Arme gerade vor

ihr Gesicht hin, auf das alle Schläge gerichtet waren. Diese teilten

sie nach unserer Meinung auf eine sehr ungeschickte Art aus: denn sie

schleuderten den ganzen Arm dabei. Sie versuchten nie, den Streich

des Gegners abzuwehren, sondern entgingen ihm durch eine Beugung des

Körpers oder dadurch, daß sie zurücktraten. Der Kampf ward übrigens

sehr schnell entschieden: denn sobald einer zu Boden geschlagen wurde

oder auch nur unversehens fiel, ward er für besiegt angesehen, und der

Überwinder triumphierte dann in allerlei verzerrten Gebärden, die ihrer

Absicht gemäß unter den Zuschauern gewöhnlich ein großes Gelächter

hervorriefen. Der Sieger wartete nunmehr auf einen zweiten Gegner und,

falls er diesen auch überwand, auf einen dritten, bis eben die Reihe an

ihn kam, einem stärkeren unterliegen zu müssen. Bei diesem Kämpfen wird

eine sonderbare Regel beobachtet: wenn nämlich ihrer zwei zum Angriff

in Bereitschaft stehen, kann ein dritter zwischen ihnen auftreten und

sich, wen er will, zum Gegner wählen, und dann muß sich der andere

zurückziehen. Manchmal folgten einander drei oder vier auf diese Art,

ehe es zum Angriff kam. Wenn der Kampf ungewöhnlich lange dauerte

oder gar zu ungleich schien, kam ein Befehlshaber und endigte ihn

dadurch, daß er einen Stock zwischen die beiden hielt. Die gutmütige

Art, womit alles vor sich ging, erfreute uns hier in gleicher Weise

wie auf den Freundschaftsinseln. Da wir aber diese Spiele veranlaßt

hatten, erwarteten die Zuschauer durchgehends, daß wir auch selbst

daran teilnehmen würden, und forderten unsere Leute beständig dazu

auf. Diese aber erinnerten sich weislich der Stöße, die sie dabei

auf den Freundschaftsinseln bekommen hatten, und blieben gegen alle

Herausforderungen taub.

Ein Hauptbedürfnis unserer Schiffe war das Brennholz, woran es uns

jetzt sehr gebrach. Kapitän Cook trug mir deshalb auf, mit den

Priestern in Verhandlung zu treten und ihnen den Zaun oder die

Einfassung oben auf dem Marai abzukaufen. Ich gestehe, anfänglich

zweifelte ich sehr, ob dieser Antrag schicklich wäre; denn es stand

zu befürchten, daß man die bloße Erwähnung für Gottlosigkeit halten

möchte. Ich hatte mich jedoch sehr geirrt. Mein Ansuchen verursachte

nicht die allergeringste Verwunderung, vielmehr erhielt ich das

verlangte Holz ohne allen Anstand, und man forderte nicht die geringste

Bezahlung von uns. Als die Matrosen es wegtrugen, sah ich, daß einer

auch eines von den geschnitzten Standbildern aufgeladen hatte, und bei

näherem Zusehen fand ich schon die ganze Zahl der am Marai in einem

Kreise aufgestellten Bildsäulen in unserem Boote. Die Matrosen hatten

sie im Beisein der Eingeborenen dorthin geschafft, und diese hatten

sich darüber nicht im mindesten entrüstet, sondern vielmehr hilfreiche

Hand dabei geleistet. Ich hielt es indes doch für ratsam, mit Ka-u

deshalb zu sprechen. Er hörte sich alles sehr gleichgültig an und bat

sich nur das mittelste Bildwerk wieder aus, auf das man, wie ich oben

schon bemerkte, etwas mehr zu halten schien. Dies trug er dann in eine

von den Priesterwohnungen.

Schon seit einigen Tagen hatte sich Terriobu mit seinen

Unterbefehlshabern sehr fleißig nach der Zeit unserer Abreise

erkundigt. Ich ward durch diese wiederholte Nachfrage sehr neugierig,

von ihnen zu erfahren, was die hiesigen Eingeborenen eigentlich von uns

dächten, und was für Vorstellungen sie sich von dem Beweggrunde und den

Absichten unserer Reise machten. Um über diesen Punkt einiges zu hören,

sparte ich keine Mühe, konnte aber weiter auch nichts herausbringen,

als daß sie sich einbildeten, wir kämen von einem Lande her, wo

Mißwachs geherrscht habe, und bei unserem Besuch bei ihnen hätten wir

weiter keine Absicht, als uns recht satt zu essen. Freilich konnte

sie die hagere Gestalt einiger von unseren Leuten, der gute Appetit,

womit wir alle von ihren frischen Lebensmitteln aßen, und unsere

große Begierde, so viel Mundvorrat, als wir nur immer habhaft werden

konnten, einzutauschen und mitzunehmen, zu einer solchen Vermutung

bringen. Dazu kam noch der für ihre Begriffe unnatürliche Umstand, daß

wir keine Frauen mitgebracht hatten, ferner unser friedliches Betragen

und unser unwehrhaftes Aussehen. Man mußte lachen, wenn man sah, wie

sie unsere Matrosen mit der Hand auf den Bauch klopften, an den Seiten

hinunterfuhren und ihnen teils durch Zeichen, teils mit Worten zu

verstehen gaben, es sei jetzt Zeit, daß sie sich wieder auf den Weg

machten; wenn sie aber in der nächsten Brotfruchtzeit wiederkommen

wollten, würde man besser imstande sein, ihren Bedürfnissen abzuhelfen.

Wir konnten nicht umhin, ihnen vollständig recht zu geben. Denn einmal

hatte sich das Aussehen unserer Leute selbst während dieses kurzen

Aufenthaltes sehr merklich gebessert, so daß ihre wohlgestopften Wänste

den Landesprodukten alle Ehre machten. Andrerseits hatten wir in der

Zeit von nunmehr sechzehn Tagen eine so unerhörte Menge von Schweinen

und Früchten verzehrt, daß die Hawaiier wohl wünschen konnten, uns

wieder abfahren zu sehen. Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, daß

Terriobu bei seiner Nachfrage weiter keine Absicht hatte, als sich

auf den Abschied gehörig vorzubereiten, um uns mit Geschenken zu

entlassen, die seiner gewohnten Ehrerbietung und Freigebigkeit gegen

uns angemessen wären. Sobald wir ihm daher Nachricht gaben, wir würden

nach zwei Nächten abreisen, bemerkten wir, daß unverzüglich eine Art

von Botschaft durch die Dörfer erging, vermittels deren man das Volk

aufforderte, dem König Schweine und Früchte zu liefern, damit er sie

dem »Orono« bei seiner Abreise darbringen könnte.

[Illustration: Er zeigte beim Tanze die seltsamsten Verrenkungen.]

An diesem Tage gab uns einer der Eingeborenen ganz für sich am

Strande ein unterhaltendes Schauspiel. Er hatte eine Rassel in der

Hand und um den Hals eine Schnur, woran einige Büschel Seegras

hingen; um die Beine trug er ein etwa handbreites, gut geflochtenes,

manschettenartiges Netzwerk, an das reihenweise eine große Menge von

Hundszähnen befestigt war. Nunmehr ließ er sich im Tanze sehen und

zeigte uns dabei die seltsamsten Verrenkungen. Diese Pantomime hatte

zuweilen etwas unwiderstehlich Lächerliches, im großen und ganzen

konnte ich aber ihren Sinn nicht recht verstehen. Gegen Abend ging das

Schauspiel der Faustkämpfe von neuem an, und am Schlusse brannten wir

den unbedeutenden Rest unseres Vorrates von Feuerwerk ab; nichts in der

Welt schien mehr die Bewunderung der Hawaiier zu erregen, nichts schien

ihnen einen deutlicheren Begriff von unserer Überlegenheit zu geben als

ebendiese Kleinigkeit.

Die Schiffszimmerleute waren nun schon 3 Tage abwesend und hatten

nichts von sich hören lassen. Wir fingen daher an, um ihren Verbleib

besorgt zu sein. Der alte Ka-u, dem wir unser Bedenken äußerten, ward

darüber nicht weniger unruhig. Und schon trafen wir gemeinsam mit ihm

Maßnahmen, sie aufzusuchen, als sie alle wohlbehalten zurückkamen. Sie

hatten nämlich weiter, als wir anfänglich geglaubt, landeinwärts gehen

müssen, um die zu ihrem Vorhaben tauglichen Bäume zu finden. Teils

dieser Umstand, teils die schlimmen Wege und die Beschwerlichkeiten des

Transports hatten sie so lange aufgehalten. Ihre Führer konnten sie

nicht genug rühmen: diese guten Leute hatten immer für Lebensmittel

gesorgt und zugleich sorgfältig ihre Gerätschaften bewacht.

Der folgende Tag war endlich zu unserer Abreise bestimmt. Terriobu

ließ nunmehr Kapitän Cook und mich in die Gegend von Ka-us Hütte

zu sich laden. Bei unserer Ankunft fanden wir den Boden ringsherum

mit Zeugbündeln bedeckt; ferner lag eine erstaunliche Menge roter

und gelber Federn da, die an Kokosfasern gebunden waren, und eine

beträchtliche Anzahl Beile und anderes Eisengerät, das die Eingeborenen

durch den Tauschhandel mit uns an sich gebracht hatten. Nicht weit

davon bemerkten wir einen ungeheuren Haufen Früchte, Wurzeln und

Pflanzen aller Art nebst einer beträchtlichen Herde Schweine. Wir

wußten anfänglich nicht, ob wir dies alles als Geschenk annehmen

sollten, bis uns Kärikia belehrte, daß es eine Gabe, ein Tribut der

Eingeborenen an den König sei. Sobald wir uns niedergelassen hatten,

kamen auch die Hawaiier und legten ein Bündel nach dem andern dem

König zu Füßen, breiteten die Zeuglappen vor ihm aus und legten Federn

und Eisengerät zur Schau. Der König schien an diesem Beweise ihrer

Ergebenheit Wohlgefallen zu haben, suchte ungefähr ein Drittel von dem

Eisengeräte, ebensoviel von den Federn und einige wenige Stücke Zeug

aus, ließ sie beiseite legen und schenkte dann Kapitän Cook und mir

alles übrige Zeug nebst allen Früchten und Schweinen. Wir erstaunten

über Wert und Größe des Geschenks, das alles, was wir je auf den

Freundschaftsinseln bekommen hatten, bei weitem übertraf. Unsere

Boote mußten es sogleich an Bord führen, wo die größten Schweine zum

Einsalzen ausgesucht, die Früchte hingegen nebst etwa 30 kleineren

Schweinen unter die Mannschaft verteilt wurde.

An demselben Tage verließen wir das Marai und brachten unsere Zelte

nebst der Sternwarte an Bord. Der Talisman, der in dem Worte »Tabu«

steckte, war kaum hinweggenommen, so stürzten die Eingeborenen in den

freigegebenen Bezirk und suchten emsig umher in der Hoffnung, irgend

etwas Wertvolles zu finden, das wir etwa zurückgelassen haben könnten.

Ich war als letzter am Lande geblieben und wartete auf die Rückkehr

des Bootes, das mich abholen sollte. Bald versammelte sich eine Menge

Leute um mich her, und ich mußte mich niedersetzen. Sie stimmten dann

über unsere Trennung eine Wehklage an, und mir selbst ging es nahe,

mich von ihnen loszureißen. Bei dieser Gelegenheit wird man es mir

nicht verdenken, wenn ich einen geringfügigen Umstand erzähle, der

hauptsächlich mich selbst betrifft. Während unseres ganzen Aufenthaltes

in der Bucht hatte ich über unsere Leute das Kommando gehabt und

war ebendadurch genauer mit den Eingeborenen bekannt geworden als

manche andere, die ihrer Berufsgeschäfte wegen hatten an Bord bleiben

müssen. Die Eingeborenen ihrerseits kannten auch mich besser und

gaben mir durch ihr Betragen ihre Zuneigung zu erkennen. Vor allem

aber zeichneten sich ihre Priester aus, deren grenzenlose Güte und

unerschütterliche Freundschaft ich nicht genugsam anerkennen und nicht

zu oft rühmen kann. Da ich keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, mir ihre

Liebe zu sichern, war ich auch so glücklich gewesen, mir diese in dem

Maße zu erwerben, daß sie mir die allerschmeichelhaftesten Anerbieten

machten: ich solle doch ihren dringenden Bitten Gehör geben und bei

ihnen bleiben. Ich entschuldigte mich damit, daß Kapitän Cook seine

Einwilligung nicht geben würde. Allein, dieser Einwendung suchten

sie durch den Vorschlag zu begegnen, ich solle mich in das Gebirge

flüchten, wo sie mich bis nach Abreise unserer Schiffe verbergen

könnten. Hiergegen versicherte ich, daß der Kapitän auf keinen Fall die

Bucht ohne mich verlassen würde. Demzufolge begaben sich Terriobu und

Ka-u zu Kapitän Cook, für dessen Sohn sie mich hielten, und brachten

ihr Gesuch, daß ich bei ihnen zurückbleiben sollte, förmlich bei ihm

an. Um ein Anerbieten, das so viel teilnehmendes Gefühl verriet, nicht

geradezu von sich zu weisen, erwiderte er, daß er mich zwar diesmal

nicht entbehren könne, allein nächstes Jahr, wenn er die Insel

nochmals zu besuchen gedächte, würde er sich bemühen, alles nach ihrem

Wunsche einzurichten.

Frühmorgens am 4. Februar lichteten wir Anker und segelten in

Begleitung der »Discovery« und im Gefolge einer großen Anzahl von Kanus

aus der Bucht. Kapitän Cook hatte sich vorgenommen, die noch unbekannte

Küste von Hawaii völlig zu untersuchen, wobei er noch einige Hoffnung

hatte, irgendwo eine etwas mehr geschützte Reede als die, wo wir bisher

gelegen, anzutreffen. Schlug diese Erwartung fehl, so wollte er die

Südostseite von Mauwi in Augenschein nehmen, wo laut den Nachrichten

einiger Insulaner ein vortrefflicher Hafen vorhanden sein sollte.

Das Wetter war sowohl an diesem als am folgenden Tage sehr still,

und wir machten nur sehr langsame Fortschritte nordwärts. Noch immer

begleitete uns eine Menge von Kanus, und Terriobu gab dem Kapitän

dadurch einen neuen Beweis seiner Freundschaft, daß er ihm ein

ansehnliches Geschenk von Schweinen und Früchten nachschickte.

In der folgenden Nacht suchten wir mit Hilfe einer leichten Brise,

die vom Lande her wehte, nordwärts weiterzukommen und befanden uns am

6. Februar früh, nachdem wir die westliche Spitze der Insel umschifft

hatten, einer tiefen Bucht gegenüber, die die Eingeborenen Tu-ja-ja

nennen. Es schien so, als ob wir hier einen sicheren und bequemen

Hafen antreffen würden, da im ganzen die Lage gut gedeckt war und sich

nordostwärts einige schöne Wasserbäche zeigten. Hiermit stimmte auch

Koahs Aussage völlig überein, der bis jetzt den Kapitän Cook noch

immer begleitete und uns zu Ehren den Namen »Britanni« angenommen

hatte. Wir setzten daher ein Boot aus und schickten den Lotsen mit

unserem Britanni als Geleitsmann ab, um die Bucht zu untersuchen,

während sich die Schiffe durch Lavieren ebenfalls langsam in die

Bucht hineinarbeiteten. Nachmittags überzog sich der Himmel, und die

Windstöße vom Lande her wurden so heftig, daß wir alle Segel einziehen

und unter dem einzigen Kreuzstagsegel beilegen mußten. Zu Anfang des

Sturms verließen uns alle Kanus. Auch rettete der Lotse bei seiner

Rückkehr eine alte Frau und zwei Männer, deren Kanu der Wind umgeworfen

hatte. Außer diesen Verunglückten befanden sich eine große Anzahl

Frauen an Bord, die die Männer in ihrer Hast, sich selber zu retten,

zurückgelassen hatten.

Gegen Abend ließ der Sturm etwas nach und gestattete uns, unsere Segel

fallen zu lassen. Gegen Mitternacht jedoch setzte er mit solchem

Ungestüm wieder ein, daß wir unsere beiden Marssegel dabei einbüßten.

Gegen Morgen am 7. Februar heiterte sich der Himmel auf. Wir banden

frische Segel an die Stengen und schifften mit gelindem Winde weiter.

Indes hatte sich gegen Mittag das Wetter immer noch nicht entschieden,

und da wir bis auf 5 Seemeilen von der Küste abgekommen waren, getraute

sich keiner von den Eingeborenen, in seinem Kanu zu uns zu kommen.

Unsere weiblichen Gäste mußten also, größtenteils wider ihren Willen,

noch länger bei uns vorliebnehmen, obgleich sie alle von der Seereise

krank waren und viele von ihnen ihre Säuglinge am Ufer zurückgelassen

hatten.

Nachmittags näherten wir uns dem Lande, wennschon der Wind noch immer

in heftigen Stößen kam. Ungefähr in einer Entfernung von 3 Seemeilen

erblickten wir ein Kanu mit 2 Männern, die vermutlich im letzten Sturm

verschlagen worden waren. Sie ruderten auf uns zu, und wir legten bei,

um sie an Bord zu nehmen. Allein, die Unglücklichen waren von ihrer

Anstrengung so erschöpft, daß sie, wofern nicht einer unserer Hawaiier

ihnen zu Hilfe in ihr Kanu gesprungen wäre, dieses allein schwerlich

an dem Strick, den wir ihnen zuwarfen, hätten befestigen können. Wir

hatten Mühe, ihnen an den Seiten des Schiffs hinaufzuhelfen und sie an

Bord zu bringen. Auch fanden wir jetzt in demselben Kanu ein Kind von

etwa 4 Jahren, das sie unter einem Quersitz festgebunden hatten, wo es

nur mit dem Kopf über das Wasser hervorragte. Nunmehr erfuhren wir, daß

sie bereits am vorletzten Morgen das Ufer verlassen und seit der Zeit

weder Speise noch Trank zu sich genommen hatten. Wir reichten ihnen

beides mit der gewohnten Vorsicht und übergaben das Kind der Pflege

eines Weibes. Am folgenden Morgen hatten sie sich sämtlich erholt.

Um Mitternacht hatte es indessen einen neuen Sturm gesetzt, in dem

unser Fockmast so stark beschädigt worden war, daß wir ihn gründlich

ausbessern und zu dem Zwecke nochmals an Land gehen mußten. Jetzt war

nur noch die Frage, ob wir nach der Karakakuabucht zurückkehren oder

es darauf ankommen lassen sollten, auf einer der benachbarten Inseln

einen andern guten Hafen anzutreffen. Jene Bucht war freilich nicht

allzu bequem. Zudem hatten wir die dortige Gegend an Lebensmitteln

schon ziemlich erschöpft. Andrerseits war es aber nicht rätlich, einer

ungewissen Hoffnung zu vertrauen, die fehlschlagen konnte.

Wir näherten uns inzwischen wieder dem Lande, um den Eingeborenen

Gelegenheit zu geben, ihre Landsleute von unseren Schiffen abzuholen.

Obgleich wir um Mittag nur noch eine Meile vom Ufer entfernt waren,

kamen jedoch nur wenige Kanus zu uns, die noch dazu vollgepfropft mit

Leuten waren. Es blieb also kein anderer Rat, als ein Boot auszusetzen

und unsere Gäste darin an Land zu schicken. Der Lotse begleitete sie

und bediente sich dieser Gelegenheit, um die Südseite der Bucht zu

untersuchen; er fand aber daselbst gar kein frisches Wasser.

Bei veränderlichem Winde und einer stark nach Norden flutenden Strömung

kamen wir nur langsam vorwärts. Am 9. Februar abends um 8 Uhr überfiel

uns abermals ein heftiger Sturm aus Südost, und um 2 Uhr des Morgens

entdeckten wir mitten in einem der ungestümsten Windstöße Brandungen

dicht bei uns, und zwar diejenigen, die wir bereits ehemals etwas

nordwärts an der Westspitze der Insel Hawaii wahrgenommen hatten. Es

blieb uns gerade noch Raum genug übrig, um sie vermeiden zu können,

und hierauf lösten wir einige Kanonen, um der »Discovery« die Gefahr

anzuzeigen.

Vormittags ward es ruhig, und wir erhielten Besuch von verschiedenen

Eingeborenen. Sie erzählten uns, daß die Stürme großen Schaden

angerichtet hätten, und daß mehrere große Kanus zugrunde gegangen

wären. Den ganzen Tag hindurch lavierten wir gegen den Wind und waren

gegen Abend eine englische Meile von der Karakakuabucht entfernt. Weil

es indessen nicht ratsam war, im Dunkeln weiterzufahren, kreuzten wir

die Nacht hindurch auf und ab und ließen endlich am folgenden Morgen

bei Tagesanbruch die Anker an unserem vorigen Hafenplatze fallen.

Der 11. und 12. Februar gingen damit hin, den Fockmast auszuheben und

ans Land zu schaffen. Es stellte sich jetzt heraus, daß der Mastbaum

schon ziemlich angefault war und in der Mitte ein so großes Loch

hatte, daß vier bis fünf kleine Kohlköpfe darin Platz gehabt hätten.

Zum Glück hatten wir noch große Blöcke von rotem Toa- oder Keulenholze

an Bord, die wir anfänglich zu Ankerstöcken bestimmt hatten. Diese

konnten so bequem zur Ausbesserung des Mastes gebraucht werden, daß

wir ihn nicht zu verkürzen brauchten. Um die Zeit nicht ungenützt

verstreichen zu lassen, brachten wir die astronomischen Instrumente

wieder an Land und errichteten unsre Zelte auf dem Marai. Unsre Wache

bestand aus 1 Korporal und 6 Seesoldaten. Die Priester, mit denen wir

wieder im besten Einvernehmen lebten, schützten die Stelle, wo wir

den Mast hingelegt hatten, alsbald durch das Tabu und pflanzten rund

um den Ort ihre Stäbe auf, wodurch sie den Eingeborenen den Zutritt

untersagten. Die Zimmerleute und anderen Arbeiter konnten also ihre

Geschäfte ungestört und in völliger Sicherheit betreiben. Unter diese

Arbeiter gehörten auch die Segelmacher, die den Schaden, den der Sturm

an unseren Segeln verursacht hatte, in einem Hause neben dem Marai, das

uns zu diesem Zwecke von den Priestern zur Verfügung gestellt wurde,

ausbessern mußten.

Ich komme nunmehr auf die Begebenheiten mit den Eingeborenen zu

sprechen, durch die das traurige Schicksal des 14. Februar langsam

vorbereitet wurde. Wir erstaunten schon, da wir geankert hatten,

nicht wenig über den großen Unterschied zwischen unserer jetzigen und

der ehemaligen Aufnahme. Dieses Mal vernahmen wir kein fröhliches

Geschrei, kein Gewirr und Getümmel unter den Insulanern. Die ganze

Bucht war leer und einsam; kaum schlichen sich hier und dort einzelne

Kanus am Ufer entlang. Die Neugier, die einen so großen Anteil an der

ehemaligen Bewegung unter den Eingeborenen gehabt hatte, konnte jetzt

allerdings befriedigt sein. Allein, von den Leuten, die uns bisher

mit soviel Gastfreundschaft bewirtet hatten, erwarteten wir doch, daß

sie uns, wenngleich nicht aus Neugier, so aus freudiger Teilnahme an

unserem Wohlbefinden, mit Frohlocken über unsere Wiederkehr hätten

entgegeneilen sollen.

Wir überließen uns allerlei Mutmaßungen über diese sonderbare Stille,

bis unser Boot, das auf Kundschaft an Land gegangen war, wieder

zurückkehrte. Der größte Teil unserer Besorgnis verschwand, als wir

erfuhren, daß Terriobu abwesend sei und die Bucht unter dem Tabu

oder Bann zurückgelassen habe. Die meisten von uns beruhigten sich

bei dieser Nachricht; andere waren indes der Meinung -- oder waren

es vielleicht die nachfolgenden Ereignisse, die ihnen erst hinterher

die Vermutung einflößten? --, in dem Betragen der Eingeborenen sei

etwas Verdächtiges. Der abgeschnittene Verkehr mit uns in Abwesenheit

des Königs sei nur eine Täuschung, damit der König sich desto besser

mit seinen Vornehmen in der Zwischenzeit beraten könne. Es werde

wahrscheinlich die Frage entschieden, wie man sich gegen uns zu

benehmen habe. Ob dieser Verdacht begründet war, oder ob jene Aussage

der Eingeborenen der Wahrheit näher kam, konnten wir nie mit Sicherheit

entscheiden. Es war freilich möglich, daß unsere schleunige Wiederkehr

ohne sichtbare Ursache den Eingeborenen auffallen und sie beunruhigen

konnte. Es gelang uns auch nur schwer, ihnen die Notwendigkeit, die uns

zurückgetrieben hatte, begreiflich zu machen. Allein, Terriobu erschien

am folgenden Morgen und besuchte Kapitän Cook. In seinem Betragen war

nichts Zweideutiges, und mit ihm kehrte auch die Menge der Eingeborenen

zurück. Sie setzten ihren friedlichen Verkehr mit uns wie bisher fort.

Dies sind immerhin starke Beweise dafür, daß sie ebensowenig ein

verändertes Betragen beabsichtigten, wie sie dergleichen von unserer

Seite erwarten mochten.

Zur Bestätigung der letzten Meinung dient ein Umstand, der sich schon

bei unserer ersten Landung ereignet hatte, und zwar einen Tag, bevor

uns der König seinen Besuch machte. Ein Insulaner hatte an Bord der

»Resolution« ein Schwein verkauft und den Kaufpreis bereits empfangen,

als Paria hinzukam und ihm riet, das Schwein nicht so wohlfeil zu

lassen. Diese Unart ward Paria sehr scharf verwiesen, und man stieß

ihn hinweg. Bald darauf ward das Tabu über die Bucht ausgesprochen,

und schon glaubte jedermann, den Eingeborenen sei der Verkehr mit uns

aus keinem andern Grunde verboten worden als wegen der einem ihrer

Befehlshaber angetanen Schmach. Man sieht, wie mißlich es ist, aus den

Handlungen eines Volkes, dessen Sprache und Sitten man nicht kennt,

Folgerungen zu ziehen; und nicht weniger, wie große Schwierigkeiten es

hat, bei so vieler Ungewißheit, wo der kleinste Irrtum die übelsten

Folgen haben kann, im Verkehr mit diesen Leuten jeden Verstoß zu

vermeiden.

Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer · 第 10 / 20 段