uns begleiten zu dürfen. Wir waren sehr erfreut darüber; denn der
Häuptling konnte uns sehr nützlich sein, indem er uns über verschiedene
Untiefen hinwegleitete. Wir ruderten längs der Küste hin. Als wir
aber ungefähr zwei Drittel der für diesen Tag vorbestimmten Strecke
zurückgelegt hatten, entschlossen wir uns, die Nacht am Lande
zuzubringen. Nicht weit vom Strande sahen wir ein großes Haus, und
Matiabo sagte uns, es gehöre einem seiner Freunde. Der Wirt empfing
uns sehr freundschaftlich und befahl seinen Leuten, uns unsere
Lebensmittel, mit denen wir gerade sehr gut versorgt waren, zubereiten
zu helfen. Als man damit fertig war, speisten wir sehr gesellig und
vertraut miteinander. Nach dem Essen erkundigten wir uns nach unserem
Nachtlager; es ward uns dazu ein besonderer Teil des Hauses angewiesen.
Wir ließen also unsere Überröcke holen, und Banks fing an, sich seiner
Gewohnheit nach auszukleiden. Da ihn aber der kürzliche Verlust seiner
Kleider vorsichtig gemacht hatte, so behielt er diese jetzt nicht mehr
bei sich, sondern schickte sie an Bord des Bootes und gedachte, sich
auf seinem Lager mit einheimischem Rindenzeug zu begnügen. Als Matiabo
sah, daß wir uns unsere Überröcke bringen ließen, gab er vor, daß
auch er einen nötig habe. Weil er sich nun sehr ordentlich aufgeführt
und uns wirklich gute Dienste geleistet hatte, ließ man auch für ihn
einen holen. Wir legten uns dann nieder, vermißten aber bald unsern
Gesellschafter Matiabo; doch argwöhnten wir noch nichts Übles, sondern
glaubten, er sei vielleicht zum Baden gegangen, wie es ja die Tahitier
vor dem Schlafengehen stets tun. Es währte indessen nicht lange,
so verriet uns ein anderer Eingeborener, Matiabo habe sich mit dem
Überrock davongemacht. Der Häuptling aber hatte unser Vertrauen schon
so sehr gewonnen, daß wir der Nachricht von seiner Flucht anfänglich
keinen Glauben beimaßen. Da uns sein Entweichen bald darauf aber auch
von unserem Führer Tuahan bestätigt wurde, sahen wir, daß wir betrogen
waren und keine Zeit zu verlieren hatten, wenn wir das Kleidungsstück
wiederbekommen wollten. Weil wir nun keine Aussicht hatten, den Dieb
ohne Beihilfe der Leute, die um uns waren, zu erreichen, sprang
Banks auf, erzählte den Vorfall und verlangte, daß sie uns den Rock
wiederbringen sollten. Er zeigte ihnen zur Bekräftigung seines
Verlangens eine seiner Pistolen, die er immer bei sich zu tragen
pflegte, worauf die ganze Gesellschaft erschrocken auseinanderstob und,
anstatt uns den Dieb suchen zu helfen, zum Haus hinausfloh. Wir konnten
aber noch einen der Leute erhaschen und nahmen ihm das Versprechen
ab, uns bei der Verfolgung zu unterstützen. Ich eilte daher mit Banks
fort. Obgleich wir beständig liefen, war der Schrecken doch noch mit
schnelleren Schritten uns vorausgeeilt; denn nach Verlauf von ungefähr
10 Minuten begegnete uns ein Mann, der den Überrock zurückbrachte und
dabei sagte, der Dieb habe ihn bestürzt von sich geworfen. Da wir die
Sache selbst wieder hatten, hielten wir es nicht der Mühe für wert, dem
Täter nachzusetzen, und so entkam er.
Bei unserer Rückkehr fanden wir keine Seele mehr im Hause, obgleich
vorher wohl 200-300 Eingeborene sich darin angesammelt hatten. Sobald
man indessen erfuhr, daß wir niemandem als nur Matiabo zürnten, kam
unser Wirt mit seiner Gattin und vielen anderen wieder zurück, um den
Rest der Nacht bei uns zu bleiben.
Allein, es sollten uns noch mehr Unruhe und Schrecken hier beschieden
sein: um 5 Uhr weckte uns nämlich die Schildwache mit der Meldung, das
Boot sei gestohlen. Sie hatte es ihrer Aussage nach noch ungefähr eine
halbe Stunde vorher vor Anker nicht über 50 Meter weit vom Strande
gesehen. Da sie aber nicht lange nachher Ruderschläge gehört hatte, sah
sie wieder nach und entdeckte, daß es weg war. Auf diesen Bericht hin
standen wir in höchster Besorgnis auf und liefen zum Strand hinab. Der
Morgen war heiter und sternenhell: wir konnten sehr weit sehen, aber
keine Spur vom Boote entdecken. Es stand daher sehr mißlich um uns, und
wir hatten Ursache genug zur äußersten Bestürzung und den schlimmsten
Ahnungen. Da es völlig windstill war, konnten wir nicht annehmen,
die Pinasse habe sich von ihrem Anker losgerissen, mußten vielmehr
mit Recht vermuten, daß die Wilden das Boot überfallen, das Bootsvolk
getötet und die Beute weggeführt hätten. Der Unsern waren nicht mehr
als vier. Wir hatten nur eine Flinte und ein paar Taschenpistolen,
zudem außer der Ladung keine Vorräte an Pulver und Blei. In dieser
Angst und Not mußten wir ziemlich lange zubringen und alle Augenblicke
erwarten, daß die Insulaner sich ihren Vorteil über uns zunutze
machen würden. Endlich sahen wir zu unserer großen Freude das Boot
zurückkehren. Es war durch die Ebbe von seinem Anker weggetrieben
worden, ein Umstand, an den wir in der Bestürzung und Verwirrung gar
nicht gedacht hatten.
Sobald das Boot wieder eingetroffen war, frühstückten wir und eilten,
diesen Ort zu verlassen, aus Furcht, es möchte uns hier noch Übleres
begegnen. Nach einiger Zeit bemerkten wir am Lande etwas Sonderbares:
die Gestalt eines Mannes, aus Ruten ziemlich unförmig geflochten,
sonst aber nicht übel geformt, über 7 Meter hoch, aber etwas zu dick
geraten. Das Flechtwerk bildete eigentlich nur das Skelett des Ganzen,
die äußere Seite war mit Federn bekleidet, die an den Stellen, wo sie
Haut darstellen sollten, weiß, an den Teilen aber, die die Eingeborenen
zu bemalen oder zu färben pflegen, ebenso wie auch auf dem Kopfe, wo
die Haare angedeutet sein sollten, schwarz waren. An dem Kopfe hatte
die Figur vier Buckel, hervorragende Beulen, drei vorne, eine hinten;
wir würden diese nicht treffender als mit Hörnern bezeichnet haben,
die Tahitier aber nannten sie »Tate Ete«, d. h. kleine Männchen. Das
Standbild selbst hießen sie »Manioe« und sagten, es sei das einzige
in seiner Art auf der ganzen Insel. Sie gaben sich auch Mühe, uns
zu erklären, welche Bedeutung und welchen Zweck es hätte. Wir hatten
aber damals noch nicht genug von ihrer Sprache gelernt, um ihre
Auslegung völlig zu verstehen. Jedoch erfuhren wir so viel, daß es eine
Darstellung des Manioe, eines ihrer Götter zweiten Ranges, sein solle.
Bald waren wir nicht mehr weit von dem Gebiete Paparra entfernt, das
unseren Freunden Oamo und Oberea gehörte, und wo wir unser Nachtlager
aufzuschlagen gedachten. In dieser Absicht gingen wir eine Stunde vor
Sonnenuntergang an Land, fanden aber, daß sie beide ihre Wohnungen
verlassen hatten, um uns ihrerseits in der Bucht von Matavai einen
Besuch abzustatten. Wir legten auf diese Abwesenheit kein Gewicht,
sondern nahmen unser Nachtquartier im Hause der Oberea, das zwar klein
war aber einen sehr behaglichen Eindruck machte. Ihr Vater wohnte zu
dieser Zeit allein darin und empfing uns sehr freundlich. Als wir uns
etwas eingerichtet hatten, wollten wir die Zeit vor Anbruch der Nacht
noch zu einem Spaziergang ausnützen. Wir schlugen den Weg zu einer
Landspitze ein, auf der wir von weitem eine Art von Bäumchen gesehen
hatten, die hier »Etoa« genannt und gewöhnlich nur an solchen Orten
gepflanzt werden, wo die Eingeborenen ihre Toten begraben. Dergleichen
Begräbnisplätze, an denen zugleich der Gottesdienst verrichtet wird,
heißen bei ihnen Marai.
Als wir dort ankamen, staunten wir über ein ungeheures Gebäude, das,
wie man uns sagte, das »Marai« (Mausoleum) des Oamo und der Oberea
und zugleich das größte Meisterstück tahitischer Baukunst sei. Es war
aus Stein in pyramidenförmiger Gestalt erbaut und ruhte auf einer
länglich-rechteckigen Basis von etwa 80 Meter Länge und 25 Meter
Breite. Die Bauart glich einigermaßen den kleinen pyramidenförmigen
Anhöhen, auf die wir in England bisweilen die Pfeiler für Sonnenuhren
aufstellen, und die wir an jeder Seite mit einer Anzahl von Stufen
versehen zu lassen pflegen. Bei diesen Gebäuden waren jedoch die
Seitenstufen breiter als jene an den Enden, so daß das Gebäude nach
oben zu sich wie zu einem Giebeldach verjüngte. Wir zählten elf solcher
Stufen, und jede war über einen Meter hoch, so daß also die Höhe
des Ganzen fast 13 Meter betrug. Jede Stufe bestand aus einer Reihe
weißer Korallensteine, die recht regelmäßig und viereckig behauen
und geglättet waren. Das Fundament war aus Felsenstücken gesetzt,
die gleichfalls viereckig zugehauen und zum Teil ganz ansehnlich
waren; denn eines davon war nicht weniger als über ein Meter lang
und fast ein halbes Meter breit. Ein solches Gebäude von einem Volke
ausgeführt zu sehen, das gar kein Eisenwerkzeug zum Behauen und keinen
Mörtel zur Verbindung der Steine kannte, setzte uns in nicht geringes
Erstaunen. Da wir in der ganzen Gegend keinen Steinbruch sahen, mußten
die Quadern aus großer Entfernung dahin geschafft worden sein, alles
mit der unsäglichsten Mühe. Denn sie kennen kein Mittel, etwas von
einer Stelle zur anderen zu bringen, als Menschenhände. Auch konnten
sie die Korallensteine nicht anders als aus dem Wasser heraufgeholt
haben, wo man sie in beträchtlicher Tiefe häufig finden kann. Sowohl
die Felsblöcke wie die Korallensteine konnten nur mit steinernen
Werkzeugen behauen, und das mußte eine unglaublich schwierige Arbeit
gewesen sein. Das Glätten hingegen konnten sie vermittels des scharfen
Korallensandes, den man am Strande findet, weit leichter bewerkstelligt
haben. Mitten auf der Spitze des Baues stand ein aus Holz geschnitzter
Vogel, und bei ihm lag eine aus Stein gehauene Fischfigur, die aber
zerbrochen war. Die ganze Pyramide nahm fast die eine Seite eines
geräumigen viereckigen Platzes ein, dessen Seiten einander beinahe
gleich waren. Dieser ganze Bezirk war mit einer steinernen Mauer
umgeben und überall mit breiten, flachen Steinen gepflastert; trotz der
Pflasterung wuchsen jedoch verschiedene Etoa-Bäume und Bananen darin.
Wonach man in Tahiti am emsigsten trachtet, ist der Besitz eines
schönen »Marai«, und dieses hier war so ein sehr deutlicher Beweis von
der Macht der Oberea. Es ist bereits erwähnt worden, daß sie zur Zeit
unserer Anwesenheit nicht mehr so viel Ansehen und Gewalt zu haben
schien, wie damals, als der »Delphin« hier lag. Wir erfuhren jetzt auch
die Ursache davon. Als wir nämlich längs des Seestrandes zu ihrem Marai
gingen, sahen wir den ganzen Weg mit Menschengebeinen, besonders Rippen
und Wirbeln, bedeckt. Auf unsre Frage, welche Bewandtnis es mit dieser
Menge unbestatteter Totengebeine habe, sagte man uns, daß im Dezember
1768 der Stamm der südöstlichen Halbinsel, die wir kurz zuvor besucht
hatten, einen Einfall in diese Gegend gewagt und eine Menge Menschen
getötet habe, deren Gebeine das eben wären. Nach diesem unglücklichen
Vorfall sei Oberea und Oamo, der damals die Regierung für seinen Sohn
verwaltete, ins Gebirge geflohen. Die Sieger hätten darauf die hier
gelegenen Häuser, die sehr groß gewesen, verbrannt und die Schweine und
andere Tiere, die sie gefunden, mit sich fortgenommen; unter anderen
wären auch die Gans und der Truthahn, die wir unlängst bei Matiabo, dem
Diebe unseres Überrockes, gesehen hatten, mitfortgeschleppt worden.
Das erklärte uns denn auch, daß wir die Tiere bei Leuten angetroffen
hatten, die nicht mit dem »Delphin« in Handelsbeziehungen gestanden
hatten, und als wir der Kieferknochen erwähnten, die wir auf einem
langen Brette befestigt in einem Hause dort gesehen hatten, berichtete
man uns, daß die Feinde solche als Siegeszeichen aufstellten.
Als wir unsere Wißbegierde so befriedigt hatten, kehrten wir zu unserer
Herberge zurück und übernachteten dort in vollkommener Sicherheit und
Ruhe.
Bei unserer Rückkehr nach dem Fort, zwei Tage darauf, drängten sich
unsere braunen Freunde um uns, und keiner von ihnen allen kam mit
leeren Händen. Ich hatte mir zwar schon längst vorgenommen, alle bisher
zurückgehaltenen Kanus ihren Eigentümern wieder zurückzugeben; allein,
es war bisher noch immer nicht geschehen. Jetzt aber gab ich eines nach
dem andern frei, sobald sich die Eigentümer meldeten.
Allmählich fingen wir an, uns zur Abreise zu rüsten; der Wasserbedarf
war bereits in das Schiff aufgenommen, und unsere Lebensmittelvorräte
waren untersucht worden. Während dieser Zeit bekamen wir Besuch
von Oamo und Oberea nebst ihren beiden Kindern, dem Sohne und der
Tochter. Die Eingeborenen bezeigten diesen Personen ihre Ehrfurcht
durch Entblößen des Oberleibes. Die Tochter namens Toimata war sehr
neugierig, das Fort von innen zu sehen. Ihr Vater wollte es jedoch
nicht zugeben. Teari, der Sohn des Beherrschers der südöstlichen
Halbinsel, befand sich zu dieser Zeit ebenfalls bei uns, und wir
bekamen Nachricht daß auch noch ein anderer Gast angekommen sei, dessen
Besuch wir weder vermuteten, noch wünschten. Es war kein anderer als
der verschlagene Bursche, der damals Mittel gefunden hatte, uns den
Quadranten zu stehlen. Man berichtete uns, er sei willens, in der Nacht
sein Glück noch einmal zu versuchen. Alle anwesenden Eingeborenen
erboten sich, uns gegen ihn beizustehen, und baten, wir möchten ihnen
aus diesem Grunde erlauben, im Fort zu übernachten. Das ward ihnen
gern bewilligt und tat eine so gute Wirkung, daß der Dieb von seinem
Versuche ohne weiteres Abstand nahm.
Am 7. Juli fingen die Zimmerleute an, das Tor und die Palisaden
einzureißen, weil wir diese als Brennholz an Bord des Schiffes
verwenden wollten. Einer von den Eingeborenen bewies bei dieser
Gelegenheit wieder seine Geschicklichkeit: er stahl nämlich die
Türangel mit dem dazugehörigen Haken. Man setzte ihm augenblicklich
nach. Als die zur Verfolgung nachgeschickte Patrouille etwa 6 Kilometer
weit gelaufen war, bemerkte sie, daß der Dieb seitwärts entschlüpft
sein und sich in einem Schilfdickicht versteckt haben mußte, so daß sie
nichtsahnend an ihm vorbeigelaufen war. Sie fing also an, das Schilf
abzusuchen; der Dieb aber war bereits entkommen. Doch fand man hier ein
Kratz- und Scharreisen, das einige Zeit vorher im Schiffe gestohlen
worden war. Bald darauf brachte auch unser alter Freund Tuburai Tamaide
die Türangel wieder zurück.
Am 8. und 9. fuhren wir fort, die Festung zu schleifen. Unsere
braunen Freunde versammelten sich noch immer bei uns. Einige taten es
vielleicht aus wirklicher Betrübnis über unsre nahe Abreise; andere
vielleicht in der Absicht, die Gelegenheit nicht zu versäumen, noch
etwas von unsren Sachen zu erhaschen.
Unter den Eingeborenen, die fast beständig um uns waren, befand sich
auch Tupia, von dem hier schon mehrmals die Rede gewesen ist. Er war,
wie ich bereits angedeutet habe, der vornehmste Minister Obereas
gewesen, zur Zeit, da ihre Gewalt am größten war. Er war zugleich
der oberste »Tahaua« oder Priester der Insel und kannte demnach die
Religion des Landes, ihre Grundsätze und Zeremonien am besten. Auch
besaß er große Erfahrung und Verständnis für die Schiffahrtskunde und
eine genaue Kenntnis der Lage und Anzahl der benachbarten Inseln.
Dieser Mann hatte oft das Verlangen geäußert, uns auf der Reise zu
begleiten. In dieser Absicht kam er am 12. morgens mit einem ungefähr
dreizehnjährigen Knaben, der sein Bedienter war, an Bord und bat uns
inständig, ihn auf unsrer Fahrt mitzunehmen. Einen solchen Mann bei
uns an Bord zu haben, war aus vielen Gründen wünschenswert. Wenn wir
seine Sprache lernten und ihn die unsrige lehrten, konnten wir uns
schmeicheln, eine ungleich bessere Kenntnis von den Gebräuchen, der
Staatsverfassung und Religion dieses Volkes zu erlangen, als wir
während unseres kurzen Aufenthalts erworben hatten. Ich willigte daher
mit Freuden ein. Tupia machte sich einen kurzen Aufschub zunutze, um
noch einmal an Land zu gehen, und sagte, er wolle uns am Abend ein
Zeichen geben, ihn abzuholen. Er verließ uns also und nahm ein kleines
Bild von Banks, um es seinen Freunden zu zeigen, und verschiedene
Kleinigkeiten mit, die er ihnen beim Abschied schenken wollte.
Nach dem Mittagessen wünschte Banks noch eine Zeichnung von dem Marai
zu bekommen, das dem Tutaha gehörte und zu Eparre lag. Ich begleitete
ihn nebst Dr. Solander in der Pinasse dahin. Sobald wir landeten, kamen
uns viele unsrer Freunde entgegen. Wir gingen sogleich zu Tutahas
Behausung, wo Oberea und verschiedene andere sich bei uns einfanden.
Sie versprachen, am folgenden Morgen früh noch einmal ans Schiff
zu kommen und zum letzten Male Abschied zu nehmen, weil wir ihnen
mitgeteilt hatten, daß wir am Nachmittag bestimmt absegeln würden.
Bei Tutaha trafen wir unter anderen auch den Tupia, der mit uns
zurückkehrte und diese Nacht zum ersten Male an Bord schlief.
[Illustration: Sie winkten den Kanus zu, solange man sie sehen konnte.]
Am folgenden Morgen, Donnerstag, den 13. Juli, füllte sich die
»Endeavour« schon früh mit unseren Freunden. Eine Menge von Kanus, die
von Eingeborenen niederen Standes wimmelten, umringten das Schiff.
Zwischen 11 und 12 Uhr lichteten wir die Anker, und sobald die
»Endeavour« unter Segel war, nahmen die an Bord befindlichen Insulaner
von uns Abschied und weinten in bescheidener und wohlanständiger
Betrübnis, die etwas ungemein Zärtliches und Rührendes an sich hatte.
Das Volk in den Kanus hingegen klagte laut ob unseres Scheidens, und
jeder schien seine Stimme um die Wette mit den andern zu erheben:
eben darum kam uns diese Betrübnis mehr gemacht als natürlich vor.
Tupia bewies bei diesem Auftritt eine wahrhaft bewunderungswürdige
Standhaftigkeit und Entschlossenheit. Er weinte zwar auch; allein
sowohl seine Tränen, als auch die Gewalt, die er sich antat, um sie
zurückzuhalten, machten ihm gleich viel Ehre. Er stieg schließlich mit
Banks auf den Mastkorb, wo sie beide den Kanus zuwinkten, solange man
sie sehen konnte.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln
Von Kapitän _James King_
An der Westküste der Insel Hawaii, im Bezirk Akona, liegt eine Bucht,
die bei den Einwohnern Karakakua (Kealakeakua) heißt. Sie geht ungefähr
ein Kilometer landeinwärts, und ihre Grenzpunkte sind zwei flache, ein
halbes Kilometer weit in der Richtung von Südsüdost und Nordnordwest
voneinander gelegene Landspitzen. Auf der nördlichen, die niedrig und
unfruchtbar ist, liegt ein Dorf, das die Eingeborenen Kauraua nennen.
Ein zweites, größeres, namens Kakua, liegt in der Vertiefung der Bucht,
an einem Hain von hohen Kokospalmen; zwischen beiden ragt ein steiles,
schroffes Felsenufer hervor, das von der Seeseite unzugänglich ist.
Südwärts hat das Land, etwa ein Kilometer einwärts, ein rauhes Ansehen.
Allein, jenseits dieser Strecke hebt es sich mit einer sanften Lehne
und zeigt überall umzäunte Pflanzungen mit Kokoswäldchen, zwischen
denen alles mit Wohnungen gleichsam besät ist. Das Seeufer rund um
die Bucht ist gänzlich mit schwarzem Korallenfelsen bedeckt; bei
stürmischem Wetter ist daher das Landen sehr gefährlich. Doch befindet
sich neben dem Dorfe Kakua ein schöner mit Sand bedeckter Strand,
an dessen einem Ende man einen Begräbnisort oder ein »Marai« und am
entgegengesetzten einen Bach mit Süßwasser antrifft. Kapitän Cook fand
diese Bucht für seinen Plan, die Schiffe auszubessern und zugleich
Wasser und Lebensmittel einzunehmen, sehr geeignet und ließ deshalb die
»Resolution« und »Discovery« hier vor Anker gehen.
Die Eingeborenen hatten kaum bemerkt, daß wir willens wären, in
der Bucht zu ankern, als sie schon in hellen Haufen zum Strande
herbeieilten und ihre Freude durch Singen, Jubelgeschrei und allerlei
wilde, überschwengliche Gebärden zu erkennen gaben. In kurzer Zeit
stiegen sie scharenweise an Bord, bald darauf saßen sie auch schon
überall an den Seiten und im Takelwerk der beiden Schiffe in unzähliger
Menge. Eine große Anzahl Frauen und kleiner Jungen, die keine Kanus
hatten bekommen können, schwammen um uns herum und blieben auch, da
sie an Bord keinen Platz mehr fanden, den ganzen Tag über im Wasser.
Unter anderen Vornehmen, die sich an Bord der »Resolution« begaben,
zeichnete sich bald ein junger Mann namens Paria durch sein würdevolles
Benehmen aus. Er stellte sich selbst dem Kapitän Cook vor und eröffnete
ihm, er sei ein Vertrauter des Königs. Letzterer war gegenwärtig auf
einer kriegerischen Unternehmung gegen die Insel Mauwi begriffen, von
wo man ihn in 3 bis 4 Tagen zurück erwartete. Kapitän Cook machte dem
Paria einige Geschenke und gewann ihn dadurch ganz und gar für uns.
Dies war kein geringer Vorteil; denn ohne ihn wären wir schwerlich
mit seinen Landsleuten fertig geworden. Schon sehr bald ereignete
sich ein Vorfall, bei dem wir seiner Hilfe bedurften. Wir hatten
noch nicht lange vor Anker gelegen, als wir bemerkten, daß sich die
»Discovery« stark auf eine Seite neigte, weil sich auf ebenderselben
eine ungeheure Menge Menschen angeklammert hatte. Zugleich wurden wir
auch gewahr, daß die Mannschaft die großen Scharen, die sich noch
immer in das Schiff drängten, nicht mehr zurückhalten konnte. Aus
Besorgnis zeigte Kapitän Cook unserm Paria diese Gefahr, und dieser
eilte augenblicklich der »Discovery« zu Hilfe, trieb die Leute hinaus
und nötigte sogar die Kanus, die sich in unzähliger Menge darumpostiert
hatten, sich zu entfernen.
Dieser Vorfall schien zu beweisen, daß die Gewalt der Vornehmen über
die niederen Volksmassen in höchstem Grade despotisch sein müsse. Noch
an ebendem Tage bestätigte uns das ein Vorfall auf der »Resolution«.
Der Schwarm der Eingeborenen hatte sich an Bord so vermehrt, daß wir
unsere Geschäfte nicht mehr verrichten konnten. Kapitän Cook wandte
sich daher an Kanina, einen Vornehmen, der ihm ebenfalls zugetan
war. Dieser befahl sogleich allen seinen Landsleuten, das Schiff zu
verlassen. Und zu unserem nicht geringen Erstaunen sprangen sie, ohne
sich einen Augenblick zu bedenken, alle über Bord. Ein einziger blieb
etwas zurück und hatte, wie es schien, keine rechte Lust, dem Befehl zu
gehorchen: sogleich hob ihn Kanina mit beiden Armen auf und schleuderte
ihn ins Meer.
Die beiden hier genannten Befehlshaber waren starke, schön gewachsene
Männer von ganz besonders angenehmer Gesichtsbildung. Kanina war einer
der schönsten Männer, die ich je gesehen habe: er hatte regelmäßige,
ausdrucksvolle Züge und funkelnde, dunkelfarbige Augen. Sein Gang war
ungezwungen, fest und voll Anstand.
Während des langen Zeitraums, den wir mit Kreuzen um die Insel
zugebracht hatten, war das Betragen der Eingeborenen, die von Zeit
zu Zeit in See zu uns kamen, untadelhaft, ehrlich und aufrichtig
gewesen und hatte nie eine Spur von diebischen Gelüsten verraten.
Wir waren darüber sehr erstaunt, zumal da wir es nur mit Personen
vom niedrigsten Stande, entweder Leibeigenen oder Fischern, zu tun
gehabt hatten. Nunmehr aber wandte sich das Blatt, und die unzähligen
Scharen, die in jedem Winkel des Schiffes ihr Wesen trieben, benutzten
fleißig jede Gelegenheit, unbemerkt stehlen und vielleicht sogar
entkommen zu können; denn unser waren wir nur wenige. Zum Teil glaubten
wir, diese Veränderung in ihrem Betragen der anfeuernden Gegenwart
ihrer Befehlshaber zuschreiben zu müssen: wenn wir nämlich einer
verschwundenen Sache nachspürten, fanden wir sie zuletzt gewöhnlich im
Besitze irgendeines Mannes von Ansehen, auf dessen Veranlassung der
Diebstahl also augenscheinlich begangen worden war.
Bald nachdem unser Schiff verankert war, führten unsere beiden Freunde
Paria und Kanina einen dritten Befehlshaber namens Koah an Bord. Man
gab uns zu verstehen, er sei ein Priester und habe sich in seiner
Jugend als Krieger ausgezeichnet. Er war ein hagerer, schwacher, alter
Mann von unansehnlicher Gestalt, mit triefenden, roten Augen, am ganzen
Leib mit einem weißen Aussatz oder Schorf bedeckt, was eine Folge des
unmäßigen Kawa-Trinkens war. Man führte ihn in die Kajüte, wo er sich
dem Kapitän Cook in großer Ehrfurcht nahte und ihm ein Stück roten
Zeugs, das er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, über die Schulter
warf. Dann trat er einige Schritte zurück, bot ein kleines Ferkel dar
und hielt es so lange, bis er eine ziemlich lange Rede beendet hatte.
Diese Feierlichkeit, die wir während unseres Aufenthalts in Hawaii noch
zu mehreren Malen sahen, sollte, soviel wir aus allerlei Nebenumständen
schließen konnten, eine Art von gottesdienstlicher Anbetung vorstellen;
denn die Götzenbilder der Einwohner waren sämtlich mit rotem Zeug
bekleidet, und ihren »Eatuas« (Göttern) brachten sie gewöhnlich kleine
Ferkel zum Opfer dar. Nach der Zeremonie aß Koah mit dem Kapitän Cook
und genoß reichlich von allem, was ihm vorgesetzt wurde, nur daß
er, wie überhaupt alle Bewohner dieser Inselgruppe, Wein und andere
geistige Getränke ungern zum zweiten Male kosten wollte.
Abends begleiteten Kapitän Cook und ich ihn an Land. Wir stiegen auf
dem sandigen Strande aus, wo uns vier Männer mit Stäben empfingen,
an deren Ende ein Büschel Hundshaare hing. Sie gingen vor uns her
und riefen dabei mit lauter Stimme eine kurze Formel aus, wovon wir
indes nur das Wort »Orono« (Gott) unterscheiden konnten. Die am Ufer
versammelte Menge entfernte sich bei unserem Herannahen, und es ließ
sich niemand sehen, einige wenige ausgenommen, die sich unweit der
Hütten des benachbarten Dorfes zur Erde niedergeworfen hatten.