Am 14. und 15. bekamen wir eine neue Bestätigung dessen, was wir schon

mehrere Male bemerkt hatten, nämlich, daß die Bewohner dieser Insel

durchgängig von jedem unter ihren Landsleuten gegen uns ersonnenen

Anschlage sogleich genaue Kenntnis bekamen. In der Nacht zwischen

dem 13. und 14. wurde an der äußeren Seite des Forts eines der dort

stehenden Wasserfässer gestohlen. Bereits am Morgen aber wußte jeder

Eingeborene um den Diebstahl. Und dennoch schien es, als ob der Dieb

die Sache niemand anvertraut habe; denn unserm Eindruck nach waren

sie alle bereit, uns Nachricht zu geben, wo das Faß aufzufinden wäre,

wenn sie es nur gewußt hätten. Indessen spürte doch Banks dem Fasse

nach, freilich ohne es auffinden zu können. Als er zurückkam, sagte ihm

Tuburai Tamaide, daß vor morgen noch ein anderes Faß würde gestohlen

werden. Es ist nicht leicht zu begreifen, wie der Häuptling dieses

Vorhaben erfahren haben mochte. Daß er selber keinen Anteil daran

hatte, ist deswegen gewiß, weil er mit seiner Frau und Familie an dem

Orte, wo die Wasserfässer standen, sein Bett aufschlug und sagte,

er wolle selbst dem Diebe zum Trotze für die Sicherheit der Fässer

haften. Wir wollten das aber nicht zugeben und teilten ihm mit, daß

wir zur Sicherheit eine Schildwache dort aufstellen würden, die bis

zum Morgengrauen wachen solle. Er schaffte hierauf sein Bett wieder

in Banks' Zelt und blieb da die Nacht über mit seiner Familie; beim

Weggehen von der gefährdeten Stelle hatte er die Schildwache ermahnt,

ja die Augen offen zu halten.

In der Nacht kam es denn auch, wie er vorausgesagt hatte. Um 12 Uhr

stellte sich der Dieb richtig ein; da er aber bemerkte, daß eine

Schildwache dastand, zog er diesmal ohne Beute wieder ab.

Banks' Vertrauen in Tuburai Tamaide war seit dem Vorfall mit dem Messer

weit größer geworden, als es vorher je gewesen war. Man entfernte daher

die verlockenden Gegenstände vor dem Häuptlinge nicht mehr. So geriet

er eines Tages in eine Versuchung, der weder seine Ehre, noch seine

Ehrlichkeit widerstehen konnte. Die bezaubernden Reize eines Korbes mit

Nägeln taten es ihm an. Diese Nägel waren weit größer als diejenigen,

die man bisher zu Markte gebracht hatte, und der Korb war vielleicht

aus strafbarer Nachlässigkeit in einen Zeltwinkel hingestellt worden.

Tuburai hatte jederzeit freien Zutritt. Banks' Bedienter sah zufällig

einen von diesen Nägeln bei Tuburai, als der Häuptling unbedachterweise

den Teil seines Kleides, worunter er ihn versteckt hatte, zurückschlug.

Er meldete es seinem Herrn. Banks wußte, daß weder er, noch sonst

jemand Tuburai einen solchen Nagel geschenkt hatte, sah also gleich

im Korbe nach und fand, daß von sieben nur noch zwei übrig waren.

Hierauf sagte er, wenn auch ungern, dem Häuptling auf den Kopf zu,

daß er die Nägel genommen haben müsse, und Tuburai gestand es auch

sofort ein. Die Sache mußte ihn freilich sehr kränken, doch war sie

auch Banks nicht weniger leid. Man verlangte nun, daß Tuburai die

Nägel zurückgäbe; er redete sich aber damit aus, daß er vorgab, die

Nägel seien zu Eparre. Allein, als er sah, daß es Banks ernst darum

war, hielt er es für ratsam, einen unter seinem Kleide hervorzuziehen.

Hierauf wurde er nach dem Fort gebracht, wo man durch Abstimmung das

Urteil über ihn sprechen lassen wollte. Nach einer kurzen Beratung

fanden wir es jedoch zweckmäßig, ihn mit der Strafe zu verschonen;

damit es aber nicht scheinen möchte, als ob wir sein Vergehen für

unbedeutend ansähen, wurde ihm verkündet, daß wir die Angelegenheit nur

dann auf sich beruhen lassen wollten, wenn er die anderen vier Nägel

zum Fort zurückbrächte. Er willigte in diese Bedingung, ich muß aber,

so leid es mir tut, gestehen, daß er sein Wort nicht hielt. Anstatt die

Nägel zurückzubringen, zog er lieber noch desselben Abends mit seiner

Familie aus der Gegend weg und nahm seinen ganzen Besitz mit sich.

Da mir Tutaha zu wiederholten Malen hatte melden lassen, daß er geneigt

sei, wenn wir ihm einen Besuch abstatten wollten, diese Gunstbezeigung

mit einem Geschenk von vier Schweinen zu erwidern, so schickte ich

meinen ersten Leutnant zu ihm, um zu versuchen, ob wir die Schweine

nicht wohlfeiler bekommen könnten, und ich befahl ihm, dem Häuptling

alle nur erdenklichen Höflichkeiten zu erweisen. Der Offizier erfuhr,

daß er von Eparre nach einem 5 Kilometer weiter westwärts gelegenen

Orte Tehatta gezogen sei. Er verfügte sich also dahin und wurde sehr

gut aufgenommen. Man brachte ihm sogleich ein Schwein herbei und sagte

ihm, daß die anderen, die im Augenblick nicht bei der Hand wären, den

folgenden Morgen geliefert werden sollten. Mein Abgesandter ließ es

sich gern gefallen, die Nacht über dortzubleiben. Der Morgen kam, die

Schweine aber blieben aus. Da es nun nicht ratsam war, daß der Offizier

sich noch länger hier aufgehalten hätte, kehrte er mit dem einen, das

er bekommen hatte, gegen Abend zu uns zurück.

Am 25. ließen sich Tuburai Tamaide und seine Frau Tomio zum ersten

Male wieder in unserem Zelte sehen. Er schien etwas mißvergnügt

und furchtsam zu sein, hielt es aber doch nicht für nötig, unsere

Freundschaft und Gunst durch Wiedererstattung der vier Nägel zu

erkaufen. Banks und die anderen Herren behandelten ihn deshalb sehr

kalt. So hielt er sich nicht lange bei uns auf und ging bald wieder

weg. Der Schiffsarzt machte ihm am nächsten Morgen einen Besuch, in der

Hoffnung, ihn zur Wiedererstattung der Nägel zu bewegen und so mit uns

aussöhnen zu können, allein vergebens.

Am 27. beschlossen wir, Tutaha unseren Besuch abzustatten, obgleich

wir uns nicht sicher darauf verlassen durften, zur Vergeltung unserer

Höflichkeit die versprochenen Schweine zu bekommen. Ich ruderte also

des Morgens früh mit Banks, Dr. Solander und noch drei anderen in

der Pinasse fort. Tutaha war inzwischen nach einem Ort gezogen, der

ziemlich fern lag und Atahuru hieß, und da wir kaum die Hälfte des

Weges dahin im Boote zurücklegen konnten, wurde es fast Abend, ehe

wir ankamen. Wir fanden ihn in seinem gewöhnlichen Staate unter einem

großen Baum sitzend und von einer großen Menschenmenge umgeben, wo wir

ihm alsbald die Geschenke, diesmal einen Frauenunterrock von gelbem,

wollenem Zeuge und andere Kleinigkeiten überreichten. Er befahl,

sogleich ein Schwein zu schlachten und für unsere Abendmahlzeit

zuzubereiten, und versprach, daß wir am folgenden Morgen noch mehrere

bekommen sollten. Weil es uns aber nicht so sehr darum zu tun war,

eine reiche Mahlzeit zu halten, als vielmehr Lebensmittel, die uns im

Fort fehlten, heimzubringen, bewogen wir ihn, dem Schweine heute noch

das Leben zu schenken, und wir nahmen bei der Abendmahlzeit mit den

Früchten des Landes vorlieb.

Es wimmelte da von Leuten, unter die sich viele Reisende, die hier

nicht zu Hause waren, gemischt hatten. So war zum Beispiel Oberea mit

ihrem Gefolge und noch anderen unserer Bekannten hierhergekommen, und

die Menge der Anwesenden war so groß, daß die Häuser und Kanus sie

nicht aufnehmen konnten. Da die Nacht jetzt hereinbrach, sahen wir

uns eiligst nach Nachtquartieren um, damit es uns nicht zuguterletzt

daran fehlen möchte; denn unsere Abteilung bestand aus sechs Personen.

Oberea bot Banks sehr höflich einen Platz in ihrem Kanu an. Er pries

sich glücklich, so gut versorgt zu sein, wünschte seinen Freunden

eiligst gute Nacht und ging fort. Dem Landesbrauche gemäß legte er

sich frühzeitig schlafen, und weil die Nacht sehr heiß war, zog er

wie gewöhnlich seine Kleider aus. Oberea bestand darauf, diese in

Verwahrung zu nehmen; denn sonst, sagte sie, würden sie ihm sicher

gestohlen werden. Unter so gutem Schutze schlief Banks ohne alle Sorge

ein. Als er aber um 11 Uhr erwachte und aufstehen wollte, suchte

er seine Kleider vergeblich an dem Orte, wo er sie Oberea vor dem

Schlafengehen hatte hinlegen sehen; sie waren verschwunden. Er weckte

also seine Beschützerin. Diese stand augenblicklich auf und ließ,

sobald er ihr seine Not geklagt hatte, Licht anzünden, traf auch in

aller Eile die nötigen Vorkehrungen, um ihm wieder zu seinem Eigentum

zu verhelfen. Tutaha selbst schlief dicht neben ihm in einem anderen

Kanu. Der Lärm weckte ihn bald; er kam hervor und machte sich mit

Oberea daran, den Dieb zu suchen. Banks selbst aber konnte nicht mit

auf die Suche gehen; denn von seinem ganzen Anzug hatte man ihm fast

nichts als die Beinkleider gelassen. Sein Rock, seine Pistolen, seine

Weste, sein Pulverhorn und viele andere Kleinigkeiten hatte man ihm

gestohlen; alles, was in den Taschen gewesen, war fort. Nach einer

halben Stunde kamen seine beiden vornehmen Freunde zurück, hatten

aber weder über den Verbleib seiner Kleider, noch über den Dieb das

geringste erfahren können. Anfangs war ihm daher nicht wohl zumute.

Seine Büchse war zwar glücklicherweise nicht gestohlen worden, aber er

hatte vergessen, sie zu laden. Er wußte nicht, wo ich und Dr. Solander

uns einquartiert hatten, und konnte also nötigenfalls sich nicht einmal

zu uns flüchten. Er hielt es deshalb für das beste, die Leute, die um

ihn herum waren, gar nicht seine Besorgnis und seinen Verdacht merken

zu lassen. Vielmehr übergab er seine Flinte dem Tupia, der gleich

andern von dem Lärm erwacht war und neben ihm stand, und trug ihm

ernstlich auf, sich diese nicht auch noch stehlen zu lassen. Hierauf

legte er sich wieder zur Ruhe nieder und bezeugte dadurch, daß er mit

der Mühe, die Tutaha und Oberea angewandt hatten, um seine Sachen

wiederzuerlangen, vollkommen zufrieden wäre, obgleich die Bemühungen

fruchtlos geblieben waren. Man kann sich indessen ohne weiteres

vorstellen, daß er unter diesen Umständen nicht gerade gut geschlafen

habe.

Bald nachher hörte er Musik und sah nicht weit vom Boote Lichter auf

dem Lande. Es war ein Konzert, das in Tahiti wie jede öffentliche

Lustbarkeit »Heiwa« heißt. Er überlegte sich, daß bei einer solchen

Aufführung viele Leute zusammenkämen und es nicht unwahrscheinlich

wäre, daß wir anderen uns auch dazu einstellten. Also stand er auf

und eilte hin. Die Lichter und die Musik führten ihn bald zu der

Hütte, worin ich mit drei anderen unserer Abteilung lag. Als er uns

sein klägliches Abenteuer erzählt hatte, trösteten wir ihn, wie sich

Unglückliche gewöhnlich zu trösten pflegen, indem wir ihm im geheimen

anvertrauten, daß es uns nicht viel besser ergangen sei. Ich zeigte

ihm, daß ich selber keine Strümpfe hatte, weil sie mir unter dem

Kopfe weggestohlen worden, obwohl ich überhaupt nicht geschlafen

hatte, und jeder der anderen bewies ihm durch den Augenschein, daß

er seinen Rock eingebüßt hatte. So unvollständig unsere Kleidung

auch war, wollten wir doch das Konzert nicht versäumen. Es wurde von

3 Trommlern, 4 Flötenbläsern und verschiedenen Sängern veranstaltet.

Als es nach ungefähr einstündiger Dauer vorüber war, begaben wir uns

zu unseren Ruheplätzen zurück, da sich vor Tagesanbruch kaum etwas

hätte unternehmen lassen, um unsere Sachen wiederzuerlangen. Nach

Landesbrauch standen wir mit Tagesanbruch auf. Der erste Mensch, den

Banks erblickte, war Tupia, der mit der Flinte getreulich auf ihn

wartete, und kurz darauf brachte ihm Oberea einige Rindenzeugkleider,

um dem nötigsten Bedürfnis etwas abzuhelfen. In diesem seltsamen, halb

englischen, halb wilden Aufzuge kam Banks zu uns.

Unsere Gesellschaft war bald beieinander bis auf Dr. Solander, dessen

Nachtlager uns unbekannt war, und der sich auch bei dem nächtlichen

Konzerte nicht hatte sehen lassen. Bald darauf kam Tutaha zum

Vorschein. Wir drangen ernstlich in ihn, daß er uns wieder zu unseren

Kleidern verhelfen solle. Doch weder er, noch Oberea ließen sich zu den

geringsten Maßnahmen bewegen. Wir gerieten daher auf den Argwohn, daß

sie an dem Diebstahle teilhaben mochten. Um 8 Uhr kam Dr. Solander zu

uns. In einem ungefähr ein Kilometer weiter entfernt gelegenen Hause

hatte ihn sein Glück zu ehrlicheren Leuten geführt, bei denen er nichts

eingebüßt hatte.

Als wir alle Hoffnung aufgegeben hatten, unsere Kleider

wiederzuerlangen -- und wir haben sie tatsächlich nicht mehr

wiedergesehen --, brachten wir den ganzen Morgen damit zu, uns um die

versprochenen Schweine zu bemühen. Es ging uns damit aber nicht besser

als mit unserem Eigentum: wir bekamen nichts. Um 12 Uhr traten wir

endlich, nicht gerade in der besten Laune, mit dem einzigen Schweine,

das wir am vorhergehenden Abend vor dem Fleischer und Koch hatten

retten können, unsern Rückweg zu dem Boote an.

Auf unserem Wege dahin bot sich uns ein Anblick, der uns für die

Beschwerlichkeiten und Verdrießlichkeiten dieser Reise einigermaßen

schadlos hielt. Wir gerieten unterwegs an eine der wenigen Stellen

der Insel, wo der Zugang zur Küste nicht wie anderwärts durch eine

Reihe von Felsklippen versperrt war, und wo infolgedessen eine hohe

Brandung an den Strand schlug. Sie war hier so heftig, wie ich sie

fürchterlicher nie gesehen hatte. Kein europäisches Boot hätte darin

aushalten können, und ich bin überzeugt, daß der beste europäische

Schwimmer, wenn er durch einen oder den andern Zufall ihr ausgesetzt

gewesen wäre, sich vor dem Ertrinken nicht hätte retten können, zumal

der Strand mit Kieseln und großen Steinen bedeckt war. Dessenungeachtet

schwammen mitten zwischen diesen Klippen 10 oder 12 Eingeborene zum

Zeitvertreibe herum. Sooft eine Brandungswelle sich in ihrer Nähe

brach, tauchten sie unter und kamen mit wunderbarer Leichtigkeit

wieder jenseits der Woge empor. Das Hinterteil eines alten Kanus, das

sie auf dem Strande fanden, gab ihnen Gelegenheit, diese Lustbarkeit

noch weiter zu treiben und ihre Geschicklichkeit noch besser sehen zu

lassen. Sie stießen es nämlich vor sich her und schwammen damit bis zur

äußeren Klippenreihe hinaus. Hier sprangen zwei oder drei in das Wrack

hinein, drehten das viereckige Ende der sich brechenden Woge entgegen

und ließen sich mit unglaublicher Geschwindigkeit gegen die Küste und

zuweilen oft bis an den Strand treiben; gewöhnlich aber brach sich die

Woge über ihnen, noch ehe sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten.

In solchem Falle tauchten sie unter und kamen auf der anderen Seite mit

dem Kanu in den Händen wieder zum Vorschein. Dies bewundernswürdige

Schauspiel betrachteten wir über eine halbe Stunde lang. Die Schwimmer

schienen so vertieft in ihr Spiel zu sein und so viel Vergnügen daran

zu finden, daß die ganze Zeit unseres Verweilens über keiner von ihnen

Lust bekam, an Land zu gehen. Hierauf setzten wir unsere Reise fort und

langten erst spät abends im Fort wieder an.

Eines Tages beschwerten sich einige Eingeborene, daß zwei von

unseren Matrosen ihnen einige Pfeile und Bogen, sowie einige Schnüre

geflochtenen Haares fortgenommen hätten. Ich untersuchte die Sache, und

da ich die Anklage begründet fand, ließ ich jeden der Verbrecher mit

24 Stockstreichen bestrafen.

Von den Pfeilen und Bogen der Tahitier ist bisher noch nicht die

Rede gewesen. Sie brachten diese Waffen auch nur selten ins Fort

mit. Heute aber stellte sich Tuburai Tamaide mit den Seinigen ein,

weil ihn Leutnant Gore zu einem Wettschießen aufgefordert hatte. Der

Häuptling vermutete, es käme darauf an, den Pfeil am weitesten zu

schießen. Gore jedoch wettete eigentlich um den besten Treffer. Da

nun Gore ebensowenig einen Ruhm darin suchte, weit zu schießen, als

sich Tuburai aus der Kunst machte, ein Ziel zu treffen, kam es nicht

zur Probe ihrer gegenseitigen Geschicklichkeit. Um uns jedoch seine

Fähigkeit zu zeigen, schoß er einen unbefiederten Pfeil -- denn nur

solche kennt man hier -- etwa 250 Meter weit. Die Art zu schießen ist

auf Tahiti befremdend: der Schütze kniet nämlich nieder und läßt in dem

Augenblick, da er den Pfeil abgeschossen hat, den Bogen fallen.

[Illustration: Sooft eine Welle sich in ihrer Nähe brach, tauchten sie

unter.]

Banks begegnete einmal auf seinem Morgenspaziergang einer Gruppe von

Eingeborenen, die auf sein Befragen zur Antwort gaben, sie seien

herumziehende Musikanten, die zur Nacht da und da einkehrten. Wir

begaben uns also zu dem bezeichneten Nachtquartier. Die Bande bestand

aus 2 Flötenspielern und 3 Trommelschlägern, die von einer Menge Volks

umgeben waren. Die Trommelschläger begleiteten die Musik auch mit ihren

Stimmen, und zu unserm größten Erstaunen bemerkten wir, daß _wir_ den

Stoff für ihre Lieder abgaben. Wir hatten nicht vermutet, daß wir

unter den wilden Bewohnern dieser entlegenen Südsee-Insel einen Stand

antreffen würden, der in jenen Ländern, wo Kunst und Wissenschaft am

schönsten geblüht haben, ehemals so berühmt und geehrt war -- nämlich

Barden oder Minnesänger. Diese Musikanten waren tahitische Barden. Ihr

Lied war unstudiert und wurde aus dem Stegreif mit Musik begleitet. Sie

wanderten beständig von einem Ort zum andern, und die Hausherren und

andere Zuhörer beschenkten sie für ihren Vortrag mit allerhand Dingen,

deren sie bedurften.

Es fehlte nicht viel, so hätte uns in den nächsten Tagen ein besonderer

Vorfall trotz unsrer größten Vorsicht in einen neuen Streit mit den

Insulanern verwickelt. Ich hatte das Boot mit einem Offizier an Land

geschickt, um von dort Ballast für das Schiff zu holen. Weil nun der

Offizier nicht sogleich Steine fand, die dazu taugten, fing er an

eine Mauer niederzureißen, die um einen Beerdigungsplatz gezogen war.

Die Eingeborenen widersetzten sich jedoch mit Gewalt, und ein Bote

kam zu den Zelten, mir dies zu melden. Banks eilte augenblicklich zum

Tatort und legte die Streitigkeit gütlich bei, indem er das Bootsvolk

zum Flusse schickte wo es Steine genug gab, die man auflesen konnte,

ohne die Eingeborenen im geringsten zu beleidigen. Es ist sehr

merkwürdig, daß die Südsee-Insulaner viel empfindlicher waren für eine

Beleidigung der Toten, als wenn man ihnen selbst, den Lebenden, ein

Unrecht tat. Das war die einzige Veranlassung, die sie ihre Furcht

vor uns überwinden und zu den Waffen greifen ließ; und das einzige

Mal, da sie sich wirklich unterstanden, Hand an einen unserer Leute

anzulegen, hatte eine ähnliche Ursache. Monkhouse, der Schiffsarzt,

pflückte nämlich eines Tages eine Blüte von einem Baume, der in einem

ihrer Friedhöfe stand. Ein Eingeborener, der ihn vermutlich mit

Unwillen und sehr genau beobachtet hatte, lief plötzlich von hinten

auf ihn zu und schlug ihn. Monkhouse erwischte den Täter; weil diesem

aber augenblicklich zwei andere Eingeborene zu Hilfe eilten und den

Schiffsarzt bei den Haaren packten, war er genötigt, seinen Mann fahren

zu lassen. Sobald die anderen diesen wieder in Freiheit sahen, liefen

auch sie davon, ohne weitere Gewalttätigkeiten zu verüben.

Am Abend des 19. bekam ich Besuch von Oberea. Es befremdete uns aber

nicht wenig, daß sie uns die gestohlenen Sachen nicht mitbrachte,

obgleich sie doch wohl wußte, daß wir sie für die Hehlerin hielten. Als

sie nun für sich und ihre Begleiter um ein Nachtlager in Banks' Zelt

bat, wurde ihr das abgeschlagen. Da auch sonst niemand von uns Miene

machte, sie zu beherbergen, ging sie mit offensichtlichem Verdrusse weg

und übernachtete in ihrem Kanu.

In der Frühe des folgenden Morgens kehrte sie mit ihrem Kanu und

allem, was darinnen war, zum Fort zurück und gab sich so mit einer

gewissen zuversichtlichen Größe des Geistes, die unsere Bewunderung

und Erstaunen erregte, völlig in unsere Gewalt. Um uns noch geneigter

zur Aussöhnung zu machen, schenkte sie uns ein Schwein und mancherlei

andere Sachen, worunter auch ein Hund war. Wir hatten kurz vorher

erfahren, daß die Insulaner Hundefleisch für einen großen Leckerbissen

hielten und dem Schweinefleisch vorzogen. Es kam uns daher die Lust

an, dieses Fleisch zu kosten, und das Geschenk Obereas verschaffte

uns gute Gelegenheit dazu. Wir übergaben also den Hund, der sehr fett

war, Tupia, und er übernahm das doppelte Amt eines Fleischers und

Kochs. Um das Tier zu töten, hielt er ihm mit beiden Händen Maul und

Nase fest zu; es dauerte aber über eine Viertelstunde, ehe der Hund

tot war. Währenddessen war ein Loch in die Erde gegraben worden, das

ungefähr einen Fuß tief sein mochte; man zündete ein Feuer darin an

und legte einige kleine Steine schichtweise zwischen das Holz, um sie

recht durchzuheizen. Hierauf wurde der Hund über das Feuer gehalten und

so das Haar abgesengt. Jetzt schabte ihn einer der Wilden mit einer

Muschel so rein ab, daß man hätte glauben können, er sei in heißem

Wasser gebrüht worden. Man zerschnitt ihn dann mit derselben Muschel,

nahm die Eingeweide heraus, spülte sie in der See und tat sie nachher

nebst dem aufgefangenen Blut des Tieres in Kokosnußschalen. Sobald

das Erdloch heiß genug war, wurden die Feuerbrände daraus entfernt,

und man machte von den durchwärmten Steinen, die jedoch nicht so heiß

waren, daß sie etwas versengten, eine Unterlage und bestreute diese mit

frischem Laube. Alsdann legte man den Hund und die Eingeweide auf die

Blätter, bedeckte ihn mit anderem Laube und dem Rest der heißen Steine

und schüttete endlich das Loch mit Erde zu. In weniger als vier Stunden

wurde die Grube wieder geöffnet und der Hund herausgenommen. Er war auf

diese Art vortrefflich gebraten und nach unserem einstimmigen Urteil

ein sehr leckeres Gericht. Die Hunde, die man hier zum Schlachten

aufzieht, bekommen kein Fleisch, sondern nur Brotfrucht, Kokosnüsse,

Yamswurzeln und ähnliche Pflanzennahrung zu fressen. Alles Fleisch und

alle Fische, die die Eingeborenen essen, werden auf die beschriebene

Art gebacken.

Am 26. Juni reiste ich in Begleitung Banks in der Pinasse ab, um die

Insel zu umschiffen, und wir kamen am nächsten Tage zu der schmalen

Landenge, die beide Teile der Insel miteinander verbindet. Auf Anraten

unseres tahitischen Führers, der uns sagte, daß hier das Land gut und

fruchtbar sei, landeten wir. Der Häuptling des Gebietes, Matiabo, kam

bald an den Strand zu uns herab, schien aber nicht das geringste von

uns, noch vom Handel zu wissen, den wir trieben. Seine Untertanen

hingegen brachten uns einen reichlichen Vorrat an Kokosnüssen und

ungefähr 20 Brotfrüchte. Die Brotfrucht mußten wir teuer bezahlen; ein

junges Schwein aber, das uns der Häuptling selbst verkaufte, bekamen

wir um so billiger, nämlich für eine Glasflasche, die dem gnädigen

Herrn besser gefiel als alle anderen Angebote. Er hatte übrigens eine

Gans und einen Truthahn im Besitz, die vom »Delphin« auf der Insel

zurückgelassen worden waren. Die Insulaner hatten ihre besondere Freude

an diesen Tieren; beide waren erstaunlich feist und so zahm geworden,

daß sie den Eingeborenen allenthalben nachliefen.

In einem langen Hause hier sahen wir etwas uns ganz Neues. Fünfzehn

menschliche Unterkiefer waren nämlich an einem Ende des Gebäudes auf

einem halbrunden Brett befestigt und schienen ganz frisch zu sein. Was

das erstaunlichste war: es fehlte kein einziger Zahn. Ein so seltsamer

Anblick machte uns sehr neugierig; wir erkundigten uns also da und

dort nach der Bedeutung dieser Kiefer, konnten aber keine Erklärung

erhalten, weil das Volk uns nicht verstehen konnte oder verstehen

wollte.

Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer · 第 7 / 20 段