Um 8 Uhr kam Banks mit Tuburai Tamaide zum Fort zurück, fand aber

zu seinem großen Bedauern den Tutaha hier in Haft und sah, daß

viele Eingeborene in äußerster Angst und Bestürzung sich um das Tor

drängten. Er ging also eiligst hinein und erlaubte auch einigen der

Eingeborenen, ihm zu folgen. Als sie hineinkamen, ereignete sich ein

rührender Auftritt. Tuburai Tamaide stürzte herein und warf sich

Tutaha in die Arme. In dieser zärtlichen Stellung brachen sie beide

in Tränen aus und weinten um einander, ohne ein Wort sagen zu können.

Die anderen Eingeborenen weinten nicht minder um ihr Oberhaupt Tutaha,

weil sie gleich ihm wähnten, er solle hingerichtet werden. In dieser

traurigen Verfassung blieben sie bis zu meiner Ankunft, die ungefähr

eine Viertelstunde nachher erfolgte. Der Anblick befremdete und

rührte mich ungemein. Tutaha war ohne meinen Befehl gefangengenommen

worden; ich setzte ihn daher sogleich in Freiheit. Als ich die Sache

genauer untersuchte, wurde mir berichtet, daß die Eingeborenen, als

sie mich mit bewaffneter Mannschaft in den Wald hätten marschieren

sehen, gefürchtet haben mußten, es geschähe in der Absicht, den soeben

vorgefallenen Diebstahl, den auch sie gleich erfahren hatten, so zu

ahnden, wie es die Wichtigkeit des Verlustes und die Strenge unserer

Vorkehrungen besorgen ließ. Dieser Gedanke habe sie derart erschreckt,

daß sie sofort angefangen hätten, die Gegend des Forts mit allen ihren

Habseligkeiten zu verlassen. Leutnant Gore, dem ich während meiner

Abwesenheit das Kommando an Bord der »Endeavour« übergeben und befohlen

hatte, kein Kanu wegrudern zu lassen, habe ein Doppelkanu vom Lande

abstoßen sehen und hierauf den Bootsmann mit einem Boote abgeschickt,

um es zurückzubringen. Sobald das Boot jedoch an das Kanu herangekommen

sei, wären die Insassen vor Schrecken ins Meer gesprungen, und da

zum Unglück Tutaha sich unter ihnen befand, habe der Oberbootsmann

diesen gefangengenommen, während er die anderen an Land schwimmen ließ.

Der Wahn, daß wir ihn hinrichten würden, hatte sich Tutahas so sehr

bemächtigt, daß er es sich nicht eher wollte ausreden lassen, als bis

man ihn auf meinen Befehl zum Fort hinausließ. Das Volk empfing ihn,

wie Kinder einen Vater unter diesen Umständen empfangen hätten; jeder

drängte sich heran, ihn zu umarmen. Plötzliche Freude ist gewöhnlich

freigebig, ohne daß sie sich ängstlich um das Verdienst kümmert.

Bei seiner unerwarteten Rettung aus der Gefangenschaft und vor dem

erwarteten Tode drang Tutaha in der ersten Freudenaufwallung darauf,

daß wir ein Geschenk von zwei Schweinen annehmen sollten. Da wir uns

aber bewußt waren, daß wir in dieser Sache nichts weniger als Geschenke

und Gunstbezeigungen verdient hatten, so verweigerten wir wiederholt

die Annahme des Geschenks.

Am folgenden Morgen versahen Banks und Dr. Solander ihr gewöhnliches

Amt als Marktbeauftragte. Es kamen aber fast keine Eingeborenen, und

die wenigen, die sich einstellten, brachten keine Lebensmittel mit.

Tutaha schickte einige von seinen Leuten, um das ihm abgenommene Kanu

abzuholen, das ihm auch sofort ausgeliefert wurde. Unter andern war

gestern ein der Oberea gehöriges Kanu ebenfalls angehalten worden; sie

schickte also Tupia, der schon zu Zeiten der Ankunft des »Delphin« ihre

Angelegenheiten zu besorgen hatte, zu uns, um festzustellen, ob irgend

etwas an Bord weggenommen worden sei. Er kam zu uns ins Fort, blieb

hier den ganzen Tag und schlief die folgende Nacht an Bord des Kanus.

Gegen Mittag kamen einige Fischerboote den Zelten gegenüber an den

Strand, wollten aber sehr wenig von ihren Erträgnissen verhandeln. An

Kokosnüssen und Brotfrucht litten wir bereits empfindlichen Mangel.

Banks begab sich deshalb in die Wälder und suchte durch seinen Umgang

mit dem Volke uns dessen Gunst und Vertrauen wieder zu erwerben. Sie

waren sehr höflich gegen ihn, beklagten sich aber über die Mißhandlung

ihres Anführers, der ihrer Aussage nach geschlagen und an den Haaren

gezogen worden war. Banks gab sich Mühe, sie zu überzeugen, daß man gar

nicht Hand an ihn gelegt habe, was sich auch unserem besten Wissen nach

so verhielt. Doch war es freilich nicht unmöglich, daß der Bootsmann

eine Grausamkeit begangen hatte, die er zu bekennen sich fürchtete und

schämte.

Tutaha war es inzwischen, als er sich die Sache noch einmal überlegt

haben mochte, selbst eingefallen, daß wir die Schweine, die er uns

endlich doch aufgedrungen hatte, eigentlich schlecht um ihn verdient

hätten, und er schickte deshalb einen Boten, der eine Axt und ein

Hemd dafür fordern sollte. Da mir der Bote dabei aber noch sagte, daß

der Häuptling nicht gesonnen sei, in den nächsten zehn Tagen sich im

Fort sehen zu lassen, entschuldigte ich mich und ließ ihm melden, daß

ich die Geschenke ihm nicht eher geben könne, als bis ich ihn selbst

sähe. Ich dachte mir, er würde aus Ungeduld dann wohl selbst sich

herbequemen, um sie abzuholen, und die erste Unterredung zwischen uns

würde der Gespanntheit der gegenseitigen Beziehungen gleich ein Ende

machen.

Des folgenden Tages fühlten wir die unangenehme Lage, in die wir

durch die Beleidigung des Volks in der Person seines Oberhauptes

geraten waren, noch stärker; denn die Eingeborenen brachten so wenig

zu Markt, daß es uns an den nötigen Lebensmitteln mangelte. Banks

ging daher sofort in den Wald zu Tuburai Tamaide, er solle uns aus

der Verlegenheit helfen; dieser ließ sich auch nach einigem Sträuben

bewegen, uns fünf Körbe voll Brotfrucht zu überlassen. Ein solcher

Vorrat kam uns sehr gelegen; denn es waren mehr als 120 Stück von

dieser Frucht. Des Nachmittags schickte Tutaha abermals einen Boten

und ließ sich Axt und Hemd ausbitten. Da wir jetzt zur Genüge erfahren

hatten, daß es schlechterdings notwendig wäre, uns die Freundschaft

des Oberhauptes wieder von neuem zu erwerben, weil es uns gegen seinen

Willen beinahe unmöglich war, Lebensmittel zu erhalten, ließ ich ihm

melden, daß Banks und ich ihm am nächsten Tag einen Besuch abstatten

würden, wobei er dann das Verlangte erhalten solle.

[Illustration]

Am folgenden Morgen früh schickte er wieder, um mich an mein

Versprechen erinnern zu lassen, und seine Leute schienen mit großer

Ungeduld darauf zu warten, daß wir uns auf den Weg machen sollten. Ich

ließ daher die Pinasse ausheben und ging um 10 Uhr mit Banks und Dr.

Solander an Bord. Wir nahmen einen von Tutahas Leuten zu uns ins Boot,

und nach etwa einer Stunde langten wir bei seiner Residenz an, die den

Namen Eparre führte und ungefähr 4 Kilometer weit westwärts von den

Zelten lag.

Das Volk erwartete uns in so großer Menge am Strande, daß wir uns

unmöglich hätten hindurchdrängen können, wenn nicht ein großer,

stattlicher Mann, der etwas gleich einem Turban auf dem Kopfe hatte

und einen langen weißen Stab in der Hand trug, mit welchem er ganz

unbarmherzig um sich schlug, rasch Platz für uns gemacht hätte.

Dieser Mann führte uns feierlich zu dem Häuptling, während das Volk

ringsherum uns zujauchzte: »Taio Tutaha, Tutaha ist euer Freund!« Wir

fanden ihn wie einen der alten Erzväter unter einem Baume sitzend,

indes um ihn her eine Anzahl ehrwürdiger Greise stand. Er winkte uns

niederzusitzen und forderte sogleich seine Axt. Ich überreichte sie

ihm zugleich mit dem Hemde und fügte dem Geschenk noch ein Oberkleid

von englischem Tuche bei, das nach der Mode seines Landes geschnitten

und mit Zwirnband besetzt war. Er empfing es mit offensichtlicher

Freude und legte das Oberkleid sogleich an, das Hemd aber überreichte

er dem Manne, der bei unserer Landung uns Platz geschafft hatte.

Dieser saß jetzt neben uns, und Tutaha bezeigte ihm hohe Achtung,

wahrscheinlich um ihn unserer Aufmerksamkeit besonders zu empfehlen.

Bald darauf kam Oberea mit andern uns bekannten Frauen hinzu und setzte

sich unter uns nieder. Tutaha verließ uns verschiedene Male, kam aber

jedesmal nach kurzer Abwesenheit zurück. Wir glaubten, es geschähe,

um sich in seinem neuen Staate dem Volke zu zeigen; damit taten wir

ihm aber unrecht, denn es geschah nur, um zu unserer Bewirtung und zur

Anordnung des ganzen Festes, das er unsertwegen anstellen wollte, die

nötigen Befehle zu geben. Als er das letztemal von uns wegging, hatte

das Gedränge um uns dermaßen zugenommen, daß wir beinahe Gefahr liefen,

erstickt zu werden; wir warteten daher sehnlichst, daß er zurückkommen

und uns entlassen möchte. An seiner Statt kam ein Bote und meldete uns,

daß Tutaha uns anderswo erwarte. Wir fanden ihn unter dem Wetterdach

unseres eigenen Bootes sitzend, und er winkte uns, zu ihm zu kommen.

Es gingen daher unser so viele, als das Boot fassen konnte, an Bord,

währenddessen er Kokosnüsse und Brotfrucht herbeibringen ließ, die wir

jedoch mehr ihm zu Gefallen kosteten, als daß wir gerade Lust gehabt

hätten, zu essen. Bald nachher kam ein Bote, der ihm etwas meldete. Er

verließ nach Empfang der Nachricht sogleich das Boot und ließ uns kurz

darauf ersuchen, ihm zu folgen. Wir wurden nun zu einem großen Platze

oder Hofe geführt, der mit einem ungefähr 1 Meter hohen Bambusgitter

umgeben war und an die eine Seite seines Hauses stieß.

Hier erwartete uns ein ganz neuartiges Fest, nämlich ein Wettringen.

Am oberen Ende des Platzes saß Tutaha selbst, und verschiedene seiner

vornehmsten Hofleute waren neben ihm auf beiden Seiten im Halbkreise

verteilt. Das waren die Richter, deren Beifall den Sieger krönen

sollte. Auch für uns waren an jenem Ende der Reihe Sitze übriggelassen

worden; allein, wir wollten nicht an einen festen Platz gebunden sein

und mischten uns daher lieber unter die Zuschauer.

Als alles bereit war, traten 10-12 Ringer auf den Kampfplatz. Sie waren

am ganzen Körper nackt, nur um den Unterleib trugen sie ein Stück

Rindenzeug gewickelt. Die einleitenden Zeremonien des Kampfes bestanden

darin, daß die Ringer gebückt und langsam rundherum gingen und dabei

die linke Hand auf ihre rechte Brust legten, mit der flachen rechten

Hand aber sich mehrfach klatschend auf den linken Oberarm schlugen.

Das galt als allgemeine Herausforderung an die Kämpfer, mit denen

sie sich messen wollten, oder an irgendeine Person, die sonst Lust

haben mochte, einen Gang mit ihnen zu wagen. Es währte nicht lange,

so folgten den ersten noch andere auf die nämliche Art in die Arena.

Und alsdann forderte jeder von ihnen seinen Gegner dadurch besonders

heraus, daß er die Spitzen der Finger beider geschlossenen Hände auf

die Brust hielt und zu gleicher Zeit die Ellbogen schnell auf- und

abwärts bewegte. Wenn der, an den diese Herausforderung gerichtet

war, sie annahm, wiederholte er die Geste, machte sich alsbald zum

Kampf bereit, und schon im nächsten Augenblick gerieten die Kämpfer

aneinander. Allein, abgesehen von dem ersten Griffe, durch den einer

den andern zu fassen suchte, kam es bei dem ganzen Kampfe bloß auf die

Stärke an; denn jeder bestrebte sich, seinen Gegner zuerst am Schenkel,

wenn ihm das mißlang, an der Hand, dann an den Haaren, am Hüfttuche

oder, wo er ihm sonst beikommen konnte, zu packen. War dies geglückt,

so rangen sie ohne die geringste Kunst oder Geschicklichkeit so lange

miteinander, bis der eine von ihnen entweder, weil er den anderen auf

eine vorteilhaftere Art gepackt hatte, oder weil er größere Stärke

besaß, seinen Gegner auf den Rücken niederwarf. War der Kampf beendet,

so teilten die Richter dem Sieger ihren Beifall in kurzen Worten

mit, die sie nach einer Melodie hersangen und im Chor etliche Male

wiederholten, worauf auch das Volk dem Überwinder durch ein dreimaliges

Freudengeschrei Beifall rief. Hierauf wurde eine kleine Pause gemacht,

und dann trat ein anderes Ringerpaar in die Arena und rang auf dieselbe

Art miteinander. Wurde keiner von beiden niedergeworfen, so ließen

sie einander los, nachdem der Kampf etwa eine Minute lang gedauert

hatte, oder wurden durch Vermittlung ihrer Freunde getrennt, und in

diesem Fall klatschte jeder von ihnen auf seinen Arm, um den Gegner

oder irgendeinen anderen zu neuem Kampfe herauszufordern. Während die

Kämpfer rangen, tanzte eine andere Gruppe von Männern einen Tanz,

der auch etwa eine Minute dauerte. Aber keine von den beiden Gruppen

achtete auf die andere, sondern jede richtete ihre ganze Aufmerksamkeit

auf die eigene Beschäftigung. Wir stellten fest, daß der Sieger den

Besiegten nie verhöhnte, und daß der Überwundene sich niemals über das

Glück des Überwinders beklagte. Der Kampf geschah auf beiden Seiten mit

vollkommen freundschaftlichem und offenem Gebaren, trotz der Gegenwart

von wenigstens 500 Zuschauern, unter denen sich einige Frauen befanden,

deren Anzahl jedoch im Vergleich zu der Zahl der Männer gering war. Es

waren aber auch nur Frauen von Rang, und allem Anschein nach wohnten

sie dem Kampfe nur zu unseren Ehren bei.

Diese Spiele dauerten ungefähr zwei Stunden, und der Mann, der uns

bei unserer Landung Platz geschaffen hatte, hielt auch bei dieser

Gelegenheit die ganze Zeit über das Volk in der gehörigen Entfernung

und schlug mit seinem Stocke unbarmherzig auf diejenigen los, die

sich herandrängen wollten. Auf unsere Nachforschung erfuhren wir,

daß er einer von den Beamten Tutahas war und hier den Dienst eines

Zeremonienmeisters versah. Wem die Kampfspiele des früheren Altertums

einigermaßen bekannt sind, der wird ohne Zweifel zwischen dem

Wettringen der Südsee-Insulaner und den Kampfspielen der Griechen und

Römer eine gewisse Ähnlichkeit bemerken.

Als das Wettringen vorüber war, gab man uns zu verstehen, daß

2 Schweine und eine große Menge Brotfrucht für unsere Mittagsmahlzeit

zubereitet würden, und da wir unterdessen ziemlich hungrig geworden

waren, nahmen wir diese Nachricht nicht gerade mißmutig auf. Doch

mußte unserem Wirt seine Freigebigkeit wieder leid geworden sein; denn

anstatt uns beide Schweine auftischen zu lassen, befahl er, daß uns

nur eines aufgetragen werden und in unserem Boote verspeist werden

sollte. Anfangs waren wir mit dieser Anordnung durchaus zufrieden, weil

wir im Boote bequemer zu speisen und dem Gedränge des Volkes nicht so

sehr wie hier ausgesetzt zu sein hofften. Als wir aber an Bord kamen,

sagte Tutaha, er wolle uns lieber zum Fort begleiten, und wir sollten

das Schwein dorthin mitnehmen. Das war ärgerlich; denn nun mußten wir

4 Kilometer weit rudern und unterdessen unsere Mahlzeit kalt werden

lassen. Wir hielten es aber doch für das ratsamste, ihm den Willen

zu tun, und genossen endlich das Mahl, das er uns bereitet hatte,

gemeinschaftlich mit ihm und Tuburai Tamaide, die beide reichlichen

Anteil daran nahmen. Unsere Aussöhnung mit dem Häuptlinge wirkte wie

ein Zaubermittel auf das Volk; denn sobald sie erfuhren, daß er bei uns

an Bord sei, wurden augenblicklich Brotfrucht, Kokosnüsse und andere

Lebensmittel in großen Mengen zum Fort gebracht.

Die Dinge gingen nun wieder ihren gewohnten Gang; doch hielt es

nach wie vor schwer, Schweinefleisch zu bekommen. Wir wollten daher

versuchen, ob Schweine etwa in einer anderen Gegend der Insel zu

erhalten wären, und in dieser Absicht fuhr unser Bootsmann in

Begleitung Greens am 8. Mai des Morgens früh in der Pinasse etwa

20 Kilometer um die Insel nach Osten. Sie fanden zwar wirklich viele

Schweine und eine Schildkröte, man wollte ihnen aber weder diese noch

jene, auch nicht zu hohem Preis überlassen. Das Volk sagte überall, daß

hier herum alles dem Tutaha gehöre, und daß sie ohne seine Erlaubnis

nichts verkaufen dürften. Nunmehr fingen wir an, diesen Mann in der

Tat für einen mächtigen Fürsten zu halten; denn sonst würde er wohl

kaum eine so ausgedehnte und unumschränkte Gewalt besessen haben. Wir

erfuhren nachher, daß er die Regierung über diesen Landstrich für einen

minderjährigen Fürsten führte, den wir jedoch nie zu Gesicht bekamen.

Als Green von der Reise zurückkam, erzählte er uns, er habe einen Baum

gesehen, der so dick gewesen sei, daß er sich's kaum zu sagen getraue.

Er habe nämlich nicht weniger als 53 Meter Umfang gehabt. Banks und

Dr. Solander erklärten uns aber bald, wie das zugehe, und sagten, es

sei eine Art von Feigenbaum, dessen Äste sich zum Boden hinabneigten,

darin aufs neue Wurzel faßten und solchergestalt eine ganze Anzahl von

Stämmen bildeten, die man, weil alle dicht nebeneinander stünden und

sich im Aufwachsen gleichsam miteinander verbänden, leicht für einen

einzigen Stamm ansehen könne.

Obwohl nun die Eingeborenen unseren Markt einigermaßen wieder mit

Lebensmitteln versorgten, kamen sie nicht mehr wie früher gleich bei

Tagesanbruch, so daß wir schon bis um 8 Uhr genügenden Tagesvorrat

eingekauft hatten, sondern zu den verschiedensten Zeiten des Tages.

Banks ließ daher der Bequemlichkeit halber sein kleines Boot vor

dem Tore des Forts aufstellen und bediente sich seiner hinfort als

Laden. Bis dahin hatten wir Kokosnüsse und Brotfrucht immer noch

gegen Glasperlen eingehandelt. Jetzt aber fing der Wert dieser Münze

zu fallen an. Wir mußten daher zum ersten Male unsere Nägel zu Markt

bringen. Die kleinsten unserer Nägel waren etwa 10 Zentimeter lang.

Für einen dieser Nägel kauften wir 20 Kokosnüsse und ebensoviel

Brotfrüchte. Die neue Münze brachte es auch zuwege, daß wir in kurzer

Zeit wiederum ebenso reichlich wie zuerst mit Lebensmitteln versehen

wurden.

Am 9. Mai, bald nach dem Frühstück, kam Oberea zu uns auf Besuch. Es

war das erstemal seit dem Verlust des Quadranten und der unglücklichen

Verhaftung Tutahas, daß sie uns diese Ehre erwies. Sie wurde von

ihrem Freunde Obadi und von Tupia begleitet, die uns ein Schwein und

etwas Brotfrucht brachten, wogegen wir ihnen ein Beil überreichten.

Wir hatten übrigens für die Neugier unserer braunen Freunde nunmehr

eine neue und wichtige Anziehungskraft. Unsere Schmiede war nämlich

seit einiger Zeit instand gesetzt worden, und man arbeitete fast

beständig darin. Sobald die Eingeborenen sahen, was darin vorgenommen

wurde, brachten sie allerhand Stücke alten Eisens herbei, die sie nach

unserer Vermutung vom »Delphin« bekommen haben mußten, und wollten

sich daraus gern neue Werkzeuge verfertigen lassen. Da ich nun stets

bemüht war, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, wo es nur immer anging,

wurde ihr Verlangen erfüllt, es sei denn, daß es dem Schmiede an Zeit

mangelte. Als Oberea ihr Beil empfangen hatte, zeigte sie uns so viel

altes Eisen, als ihrer Meinung nach zur Verfertigung eines neuen

Beiles notwendig war, und bat uns, ein neues anfertigen zu lassen. Ich

konnte ihr diesen Wunsch leider nicht erfüllen. Sie zog darauf eine

zerbrochene Axt hervor und verlangte nun, wir sollten sie ausbessern

lassen. Ich war froh, daß sie mir hierdurch Gelegenheit gab, meine

Ablehnung wiedergutzumachen. Am Abend verließ uns der Besuch und nahm

das Kanu, das solange an der Landspitze gelegen hatte, mit sich.

[Illustration: Uatta drehte sich bedächtig dreimal herum.]

Der 12. Mai, ein Freitag, ist uns durch einen Besuch merkwürdig

geworden, den einige Frauen, die wir zuvor noch nie gesehen hatten,

bei uns abstatteten, und den sie mit seltsamen Zeremonien begannen.

Banks war am Tore des Forts in seinem Boote, um wie gewöhnlich Handel

zu treiben, und hatte Tutaha, der eben diesen Morgen ihn besuchen kam,

und einige andere Eingeborene bei sich. Zwischen 9 und 10 Uhr traf ein

Doppelkanu am Ufer der Bucht ein, unter dessen Wetterdach ein Mann und

zwei Frauen saßen. Die Eingeborenen, die bei Banks waren, winkten ihm,

er solle sein Boot verlassen und den Fremden entgegengehen. Er tat es;

allein, bis er das Fort verlassen hatte, waren jene schon ziemlich nahe

gekommen und kaum noch 9 Meter von ihm entfernt. In diesem Augenblick

hielten sie stille und winkten, daß er es ebenso machen solle. Er blieb

also gleichfalls stehen. Hierauf legten sie ungefähr ein halbes Dutzend

junger Bananenpflanzen und ein paar andere kleine Gewächse auf die Erde

nieder. Das Volk stellte sich zwischen Banks und den Fremden auf beiden

Seiten in zwei Reihen auf und bildete so eine Gasse. Nunmehr trug der

Mann, der ein Bedienter zu sein schien, sechs der Bananenpflanzen eine

nach der anderen zu Banks hin und sagte bei der Überreichung jedesmal

ein paar Worte her. Tupia, der bei Banks stand, versah das Amt eines

Zeremonienmeisters, nahm die Zweige jedesmal in Empfang und legte sie

auf den Boden nieder. Als das vorüber war, brachte ein anderer Mann

einen großen Ballen Rindenzeug, öffnete ihn und breitete ihn stückweise

zwischen Banks und den Fremden auf dem Boden aus. Es waren 9 Stück,

von denen er jedesmal 3 Stück aufeinanderlegte. Sobald er damit fertig

war, trat die vorderste Frau, die die vornehmste zu sein schien und

Uatta hieß, auf dieses Zeug, hob ihre Kleider an und drehte sich

ganz bedächtig und gemächlich dreimal um sich selbst herum; alsdann

trat sie wieder von dem Zeuge herunter. Man legte darauf 3 andere

Stücke auf die ersten 3, sie wiederholte dieselbe Zeremonie und trat

hierauf wieder ab. Endlich wurden die 3 letzten Stücke niedergelegt,

und sie machte es zum dritten Male wie zuvor. Hierauf wurde das Zeug

wieder zusammengerollt und Banks als ein Geschenk von seiten der Dame

überreicht, die sodann in Begleitung ihrer Freundin näher kam und ihn

küßte. Er machte ihnen beiden entsprechende Geschenke, und nachdem sie

sich ungefähr eine Stunde lang aufgehalten hatten, gingen sie wieder

fort.

Am 13. Mai, als der Markt um 10 Uhr beendet war, ging Banks mit

seiner Flinte wie gewöhnlich in die Wälder, um während der Tageshitze

die Annehmlichkeit des kühlen Schattens zu genießen. Als er auf dem

Rückwege war, traf er Tuburai Tamaide vor seiner damaligen Wohnung

an, und als er mit ihm ein wenig plauderte, nahm ihm der Häuptling

plötzlich die Büchse aus der Hand, spannte den Hahn, legte an und

drückte ab. Zum Glück versagte der Schuß, und Banks nahm ihm die Büchse

augenblicklich weg, indem er sich nicht wenig wunderte, woher Tuburai

mit einem Schießgewehr so sicher umzugehen gelernt habe. Er verwies dem

Häuptling den Streich mit harten Worten und drohte ihm, da es für uns

von größter Wichtigkeit war, die Eingeborenen in der Behandlung der

Feuerwaffen gänzlich unwissend zu erhalten. Der Häuptling hörte Verweis

und Drohung ruhig an; allein, kaum hatte Banks den Fluß überschritten,

so zog er mit seiner ganzen Familie und allem Hausgerät von dannen nach

seiner Residenz Eparre. Wir erfuhren das von einigen Eingeborenen, die

eben am Fort waren.

Da wir nun von dem Unwillen dieses Häuptlings, der uns bei allen

Schwierigkeiten sehr nützlich gewesen war, große Unannehmlichkeiten

besorgen mußten, beschloß Banks, ihm unverzüglich zu folgen und ihn

zu ersuchen, wieder zu uns zurückzukehren. Er reiste daher noch am

selben Abend mit einem der Offiziere ab und fand Tuburai mitten unter

einer Menge Volks sitzen, das sich um ihn her versammelt hatte, und

dem er vermutlich erzählte, was sich zugetragen habe, und was für

Folgen daraus entstehen könnten. Er selbst war ein leibhaftiges Bild

des Kummers und der Niedergeschlagenheit, und die gleiche Trauer war

auch auf den Gesichtern aller Umstehenden deutlich zu lesen. Als Banks

und Leutnant Molineaux unter die Menge traten, äußerte eine der Frauen

ihren Kummer auf die gleiche Art, wie Terapo einmal getan hatte;

sie stieß sich nämlich einen Seehundszahn in den Kopf, bis dieser

ganz mit Blut bedeckt war. Banks wollte keine Zeit verlieren, dieser

allgemeinen Angst ein Ende zu machen. Er versicherte dem Häuptling,

daß alles Vorgefallene vergessen sein sollte, daß auf seiner Seite

nicht die geringste Erbitterung mehr bestünde, und daß also auch er

nicht mehr das geringste zu befürchten hätte. Das flößte Tuburai bald

wieder Zutrauen ein: er befahl also, ein doppeltes Kanu in Bereitschaft

zu setzen, und alle kehrten noch vor dem Abendessen zum Fort zurück.

Tuburai besiegelte die Aussöhnung damit, daß er und seine Gemahlin

in Banks' Zelt Nachtquartier nahmen. Ihre Gegenwart war jedoch kein

allvermögender Schutz; denn zwischen 11 und 12 Uhr versuchte einer der

Eingeborenen, über den Wall in das Fort hineinzuklettern, ohne Zweifel

in der Absicht, zu stehlen, was ihm nur in die Finger käme. Er wurde

von der Schildwache entdeckt, die jedoch zum Glücke nicht feuerte, und

der Dieb lief viel zu geschwind fort, als daß ihm einer unserer Leute

hätte nachsetzen können. Das Eisen und die eisernen Werkzeuge, die in

der Schmiede beständig verarbeitet und gebraucht wurden, waren solche

Versuchung zu Diebstählen, daß keiner von den Tahitiern ihr widerstehen

konnte.

Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer · 第 6 / 20 段