Am Abend lieh Dr. Solander einer dieser Frauen sein Taschenmesser,

bekam es aber nicht wieder, und den folgenden Morgen vermißte auch

Banks das seine. Bei dieser Gelegenheit muß ich allen Ständen und

beiden Geschlechtern dieses Volkes das Zeugnis ausstellen, daß sie

die größten Diebe auf Erden sind. Gleich am ersten Tage, als wir hier

angekommen waren, und sie also zum ersten Male an Bord kamen, waren die

Vornehmsten unter ihnen schon geschäftig, alles, was sie nur bekommen

konnten, aus der Kajüte zu stehlen, und ihre Untergebenen waren an

anderen Stellen des Schiffs nicht weniger emsig. Sie nahmen alles,

was sie einigermaßen verbergen konnten, bis sie an Land kamen, und

sogar die Glasscheiben der Fenster waren nicht sicher vor ihnen; denn

sie nahmen gleich das erstemal zwei davon mit sich. Außer Tutaha war

Tuburai Tamaide der einzige, der dieses Lasters nicht schuldig befunden

wurde. Jetzt nun, als Banks' Messer abhanden gekommen war, erschien

auch Tuburais Ehrlichkeit fragwürdig, und Banks beschuldigte ihn daher,

so leid es ihm auch tat, ihm das Messer entwendet zu haben. Tuburai

leugnete es feierlich und blieb dabei, daß er nicht das geringste davon

wisse. Banks dagegen erklärte, daß er das Messer wieder haben wolle,

möchte nun er oder ein anderer es genommen haben. Das war ziemlich

deutlich gesprochen und hatte die gewünschte Wirkung. Einer von den

Anwesenden nämlich zog auf ein Wort des Häuptlings einen Lumpen hervor,

in dem drei Messer sehr sorgfältig eingewickelt waren. Eines davon war

jenes, das Dr. Solander der Frau geliehen hatte, das zweite war eines

von meinen Tischmessern; wem das dritte gehören mochte, wußten wir

nicht. Mit diesen Messern eilte Tuburai augenblicklich nach dem Zelte,

um sie ihren Eigentümern zurückzuerstatten. Banks blieb unterdessen

bei den Frauen, die sehr besorgt zu sein schienen, daß ihrem Herrn

und Gebieter ein Leids geschehen möchte. Als er an unser Zelt kam,

gab er das eine Messer Dr. Solander, das andere mir zurück. Zu dem

dritten wollte sich der Eigentümer nicht finden lassen. Darauf fing er

an, Banks' Messer in allen Ecken und in allen Winkeln zu suchen, wo

er es nur jemals hatte liegen sehen. Nach einiger Zeit merkte einer

von Banks' Bedienten, wonach der Insulaner suchte, und holte sogleich

das Messer seines Herrn herbei, das er den Tag zuvor weggelegt hatte,

und von dem er bis zum Augenblick nicht gewußt hatte, daß es vermißt

werde. Als der gute Tuburai Tamaide gerechtfertigt und in seiner

Unschuld erkannt war, geriet er in die äußerste Erregung, die er in

Blicken und Gebärden zum Ausdruck bringen mußte: die Tränen schossen

ihm in die Augen, und er machte Zeichen mit dem Messer, daß, wenn er

jemals einer solchen Tat, wie man sie ihm eben habe aufbürden wollen,

schuldig erfunden würde, er sich die Kehle wolle abschneiden lassen.

Hierauf rannte er aus dem Fort und hin zu Banks mit einer Miene, die

diesem seinen Argwohn streng verwies. Banks erfuhr bald, daß sein

Bedienter das Messer an sich genommen hatte, und nun kränkte es ihn

ebensosehr, dem guten Tuburai Unrecht getan zu haben, als jenem der

unverdiente Vorwurf nahegegangen war. Er fühlte sich schuldig und

wünschte sehr, seine Übereilung wieder gutzumachen. Doch so heftig auch

die Leidenschaft des verdächtigten Häuptlings war, neigte er doch nicht

zu heimlichem Grolle, und als Banks wieder ein wenig vertraulich gegen

ihn getan und ihm einige Geschenke gemacht hatte, war die Beleidigung

vergessen und Tuburai wieder vollkommen ausgesöhnt.

Am nächsten Tage pflanzte ich sechs Drehkanonen auf das Fort und sah

mit Bedauern, daß die Eingeborenen darüber in Besorgnis gerieten.

Einige Fischerleute, die auf der Landspitze des Hafens wohnten, zogen

weiter weg, und Auhaa gab uns durch Zeichen zu verstehen, wir würden in

Zeit von vier Tagen große Kanonen abfeuern.

Am 27. April speiste Tuburai mit einem seiner Freunde und mit den drei

Frauen, die ihn zu begleiten pflegten, zu Mittag bei uns im Fort. Wie

ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, hießen die drei Frauen Terapo,

Teirao und Omeia. Der gute Freund aber, den er mitbrachte, bewies sich

bei der Mahlzeit so gefräßig, wie ich dergleichen noch nie gesehen

hatte. Am Abend nahmen sie Abschied und gingen nach dem Hause, das

Tuburai am äußersten Teile des Waldes hatte aufrichten lassen. Nach

kaum einer Viertelstunde kam der Häuptling sehr entrüstet zurück,

ergriff Banks hastig am Arme und gab ihm durch Zeichen zu verstehen,

daß er ihm folgen solle. Banks tat es sogleich, und sie gelangten bald

an einen Ort, wo sie den Schiffsfleischer mit einer Sichel in der Hand

stehen sahen. Hier hielt Tuburai an und meldete ihm mit so unmäßiger

Wut, daß man seine Zeichen kaum verstehen konnte, der Fleischer habe

gedroht oder gar versucht, seiner Gattin mit der Sichel die Kehle

abzuschneiden. Banks bedeutete ihm hierauf, daß, wenn er die Wahrheit

seiner Anklage erweisen könnte, der Mann dafür gestraft werden solle.

Das besänftigte ihn, und er gab Banks zu verstehen, wie sich die

Sache zugetragen hatte. Der Verbrecher habe nämlich Lust nach einem

steinernen Beile bekommen, das im Hause gelegen hätte. Dieses Beil habe

er seiner Gattin für einen Nagel abkaufen wollen; da sie aber geäußert

hätte, daß es ihr um keinen Preis feil sei, so habe er es weggenommen,

ihr den Nagel hingeworfen und gedroht, daß er ihr die Kehle

abschneiden würde, wenn sie sich etwa widersetzte. Zum Beweise dafür

wurden Beil und Nagel vorgezeigt, und der Fleischer konnte dagegen so

wenig zu seiner Verteidigung vorbringen, daß man keine Ursache hatte,

an der Wahrheit der Beschuldigung zu zweifeln.

Banks berichtete mir diesen Vorfall. Als Tuburai kurz danach mit

seinen Frauen und anderen Insulanern an Bord des Schiffes war, ließ

ich den Fleischer auf Verdeck rufen, die Anklage und der Beweis

wurden dem Verbrecher vorgehalten, und um anderen ähnlichen Vergehen

vorzubeugen, wie auch Banks' Versprechen zu erfüllen, befahl ich, daß

der Kerl abgestraft werden sollte. Die Eingeborenen sahen mit ernster

Aufmerksamkeit zu, wie er entkleidet und an die Wand gebunden wurde,

und erwarteten stillschweigend den Ausgang. Sobald man ihm aber den

ersten Streich gegeben hatte, legten sie sich ins Mittel und baten aufs

angelegentlichste, daß ihm der Rest der Strafe erlassen werden möchte.

Hierein konnte ich aber aus verschiedenen Gründen nicht willigen. Und

als sie endlich sahen, daß sie mit ihren Fürbitten nichts erreichten,

bezeugten sie ihr Mitleid durch Tränen.

[Illustration: Der Bootsmann erkannte die Königin sogleich wieder.]

Sie waren in der Tat so wie Kinder gleich zu Tränen geneigt, wenn

eine oder die andere Leidenschaft heftig in ihnen aufstieg; und ihre

Tränen schienen auch wie der Kinder Tränen ebenso leicht vergossen als

vergessen zu sein. Hiervon mag folgender Vorfall Zeugnis geben: Am 28.

des Morgens sehr frühe, noch vor Anbruch des Tages, kam eine große

Anzahl Eingeborener zum Fort, und da man unter anderen Frauen auch die

Terapo außerhalb des Tores stehen sah, ging Banks hinaus und führte

sie herein. Er bemerkte, daß ihr Tränen in den Augen standen, und

sobald sie hereinkam, brach sie in lautes Weinen aus. Er erkundigte

sich eifrig nach der Ursache ihrer Betrübnis. Allein, statt ihm zu

antworten, zog sie unter ihrem Kleide einen Seehundszahn hervor und

stieß sich diesen sechs- oder siebenmal so heftig in den Kopf, daß

das Blut mit Gewalt herabströmte. Sie redete dabei sehr laut in einem

höchst traurigen Tone einige Minuten lang fort, ohne im geringsten auf

seine Fragen zu achten, die er noch dringender als zuvor wiederholte,

wobei er ihr sein Mitleid immer mehr bezeugte. Die andern Insulaner

hingegen plauderten und lachten die ganze Zeit über, ohne sich im

geringsten an ihren Jammer zu kehren. Das kam Banks sehr seltsam vor;

ihr eigenes Betragen war jedoch noch sonderbarer. Sobald das Blut zu

fließen begann, sah sie mit lächelnder Miene auf und begann, einige

kleine Streifen Zeug aufzulesen, die sie vorher hingeworfen hatte, um

das Blut aufzufangen. Sobald sie alle aufgehoben hatte, ging sie aus

dem Zelte weg und warf die Fetzen mit vieler Sorgfalt in die See, als

ob sie gleichsam verhindern wollte, daß ihr Anblick die Erinnerung an

den Anlaß ihrer Traurigkeit erneuern sollte. Hierauf sprang sie in den

Fluß, wusch sich und kehrte dann so aufgeräumt und munter nach dem

Zelte zurück, als ob ihr nicht das geringste widerfahren sei.

Den ganzen Vormittag über langten beständig Kanus an, und die Zelte im

Fort wimmelten von Leuten beiderlei Geschlechts, die aus verschiedenen

Gegenden der Insel hergekommen waren. Da ich selbst an Bord des

Schiffes zu tun hatte, ging mein Bootsmann, der die letzte Reise an

Bord des »Delphin« mitgemacht hatte, an Land. Sobald er in Banks' Zelt

trat, fiel ihm eine Frau auf, die sehr gelassen unter den anderen

dasaß. Er hatte sie kaum recht angeblickt, so erkannte er sie wieder

und behauptete, daß es dieselbe Dame sei, die man damals für die

Königin der Insel gehalten habe. Sie bestätigte ihrerseits gleichfalls,

daß er einer von den Fremden sei, die sie früher schon gesehen habe.

Nunmehr sah alles auf diese Dame, die nach dem Zeugnis der Entdecker

dieser Insel eine so große Rolle gespielt hatte. Wir erfuhren bald, daß

sie Oberea hieß; sie schien ungefähr 40 Jahre alt zu sein und war von

großer Statur. Ihre Haut war sehr hell, und in ihrem Blick lag etwas

ungemein Geistreiches und Empfindsames. Sie schien in ihrer Jugend

schön gewesen zu sein. Jetzt aber waren nur noch einige Reste dieser

ehemaligen Schönheit zu sehen.

Sobald man ihren Rang wußte, erbot man sich, sie an Bord des Schiffes

zu bringen. Sie nahm dieses Anerbieten mit Vergnügen an und kam mit

zwei Männern und verschiedenen Frauen, die insgesamt zu ihrer Familie

zu gehören schienen, an Bord. Ich empfing sie mit allen den Ehren, die

ihr meinem Erachten nach schmeicheln konnten, und überhäufte sie mit

Geschenken, von denen dieser durchlauchtigsten Dame eine Kinderpuppe am

besten zu gefallen schien. Als sie eine kleine Weile an Bord zugebracht

hatte, begleitete ich sie an Land zurück. Sobald wir dort ankamen,

machte sie mir ein Geschenk von einem Schweine und verschiedenen

Bündeln Bananen, die sie von ihren Kanus zu unserm Boote vor uns her

in einer Art von Prozession tragen ließ. Auf unserem Wege zum Fort

begegneten wir dem Tutaha, der zwar nicht König war, aber damals doch

mit der höchsten Gewalt bekleidet sein mußte. Es schien ihm gar nicht

zu gefallen, daß wir der Oberea so viele Ehren erwiesen; und als sie

vollends ihre Puppe hervorzog, wurde er so eifersüchtig, daß ich, um

ihn zu versöhnen, es für ratsam hielt, auch ihm eine zu schenken.

Die Männer, die uns von Zeit zu Zeit besuchten, pflegten ohne das

geringste Bedenken von unseren Speisen zu essen. Die Frauen hingegen

hatte man noch niemals bewegen können, einen Bissen zu kosten. Auch

an diesem Tage drangen wir in sie, daß sie mit uns speisen möchten;

sie lehnten es zwar wie gewöhnlich ab, verfügten sich aber nachher in

das Zimmer der Bedienten und ließen sich hier die Bananen sehr wohl

schmecken. Diese Seltsamkeit im Betragen des schönen Geschlechts war

uns ein unauflösliches Rätsel.

Am nächsten Abend stattete Banks dem Tuburai Tamaide, wie er bereits

oft getan hatte, bei Licht einen Besuch ab, fand aber zu seinem

Bedauern und zu seiner Befremdung, daß der Häuptling und seine ganze

Familie sehr betrübt und die meisten weinend dasaßen. Banks bemühte

sich vergebens, die Ursache ihrer Traurigkeit zu entdecken, und hielt

sich deshalb nicht lange bei ihnen auf, sondern kehrte zum Fort zurück.

Als er den Offizieren erzählte, was er gesehen habe, erinnerten sich

diese, daß Auhaa ihnen vorausgesagt hatte, wir würden innerhalb von

vier Tagen unser großes Geschütz abfeuern, und da von diesem Termin

eben der dritte Tag zu Ende ging, erschraken sie über diesen Umstand

und gerieten auf den Verdacht, daß uns von seiten der Eingeborenen

vielleicht irgendein Unheil bevorstehe. Die Schildwachen im Fort wurden

daher verdoppelt, und die Offiziere selber schliefen unter Waffen. Um

2 Uhr des Morgens stand Banks auf und wollte in eigener Person die

Gegend untersuchen. Er ging um die Landspitze herum, fand aber alles so

ruhig, daß er jeden Verdacht eines Überfalles als unbegründet fahren

ließ. Doch wir hatten nunmehr noch einen andern Grund, uns sicher zu

fühlen; denn unser Festungsbau war beendet. Die nördliche und südliche

Seite bestanden aus einem Erdwall, der innen fast 2 Meter hoch und

mit einem 3 Meter breiten und 2 Meter tiefen Graben umgeben war. Die

westliche Seite, die der Bucht gegenüber lag, hatte ich mit einem

Erdwall versehen lassen, der etwa 1½ Meter hoch und mit Palisaden

gesichert, aber durch keinen Graben verstärkt war, weil zur Flutzeit

die See bis an das Fort selbst heranspülte. An die östliche Seite, die

ans Flußufer stieß, waren zwei Reihen gefüllter Wasserfässer gestellt.

Und weil diese die schwächste Seite war, ließ ich zwei 4-pfündige

Kanonen und 6 Drehbassen dahinbringen und diese so aufpflanzen, daß sie

die zwei einzigen Zugänge aus den Wäldern her bestreichen konnten. Die

Offiziere und die am Lande wohnenden Herren mit eingerechnet, bestand

unsere Besatzung aus 45 Mann, die sämtlich mit Schußwaffen wohlversehen

waren, und unsere Schildwachen wurden ebenso regelmäßig abgelöst, als

in der wachsamsten Grenzfestung von Europa möglich gewesen wäre.

Obgleich unser Verdacht sich gelegt hatte, setzten wir unsere

Wachsamkeit doch den ganzen folgenden Tag über fort. Um 10 Uhr des

Morgens kam Tomio mit furchtsamer und trauriger Miene zum Zelt

gelaufen, nahm Banks, an den sie sich in jeder Verlegenheit und Not

zu wenden pflegte, am Arm und gab ihm zu verstehen, daß Tuburai an

etwas, das unsere Leute ihm gegeben hätten, sterben wolle; er möchte

also unverzüglich mit ihr kommen. Banks ging mit ihr und fand seinen

braunen Freund äußerst schwach und niedergeschlagen, den Kopf hatte

er an einen Pfosten gelehnt. Die Leute, die um ihn herum standen,

berichteten, daß er sich erbrochen habe, und brachten ein sehr

sorgfältig eingewickeltes Blatt herbei, das ihrer Aussage nach etwas

von dem Gift enthielte, an dessen zerstörenden Wirkungen er nun sterben

müsse. Banks öffnete eiligst das Blatt und fand darin etwas Kautabak,

den Tuburai sich von einigen unserer Leute ausgebeten, und den ihm

diese auch unbesonnenerweise gegeben hatten. Er mußte beobachtet haben,

daß sie den Tabak lange im Munde zu behalten pflegten, und da er es

ihnen vermutlich gleichtun wollte, so hatte er ihn lieber ganz klein

gekaut und mit dem Speichel hinuntergeschluckt. Während Banks das

Blatt betrachtete und den Inhalt untersuchte, sah ihn jeder mit der

erbärmlichsten Miene an, als wollte er sagen: es ist vorbei. Sobald

indessen Banks die Ursache und den Zustand der Krankheit erkannt hatte,

verordnete er dem Häuptling reichlich Kokosmilch, und dieses Getränk

machte denn auch der Krankheit und Todesahnung bald ein Ende.

Da Kapitän Wallis eines von den Beilen nach England gebracht hatte,

die diese Südsee-Insulaner in Ermangelung jeglichen Metalls aus Stein

verfertigen, hatte der Sekretär der Admiralität nach diesem Muster

eines aus Eisen anfertigen lassen und mir auf die Reise mitgegeben, um

den Eingeborenen zu zeigen, wie sehr wir sie in der Verfertigung von

Werkzeugen auch nach ihrer eigenen Landesart überträfen. Dieses Beil

hatte ich noch niemals vorgezeigt, weil es mir seit meinem Hiersein

noch gar nicht eingefallen war. Als nun Tutaha eines Morgens an Bord

kam, äußerte er große Begierde, zu sehen, was in jeder Kiste und

jeder Schublade meiner Kajüte wäre. Da ich ihm nun allezeit soviel

als möglich gefällig zu sein versuchte, schloß ich ihm einen Behälter

nach dem anderen auf. Er bekam Lust zu vielen Dingen, die er sah, und

las sie zusammen. Als er aber zuletzt die Augen auf dieses Beil warf,

ergriff er es mit der größten Begierde, legte alles, was er vorher

zusammengelesen hatte, weg und fragte mich, ob ich ihm dieses geben

wolle. Ich willigte gern ein, und als hätte er besorgt, es möchte mich

vielleicht gereuen, machte er sich vor Freude im Augenblick damit fort,

ohne sich noch mehr auszubitten, wie er es sonst zu tun pflegte, wenn

man ihn gleich noch so freigebig beschenkt hatte.

Am Mittag des 1. Mai kam ein anderer von den Anführern, der wenige Tage

vorher in Gesellschaft einiger seiner Frauen mit mir gespeist hatte,

allein an Bord. Ich hatte beobachtet, daß er sich bei der Mahlzeit

von seinen Frauen regelrecht füttern ließ, doch hoffte ich, daß er

sich diesmal wohl dazu bequemen würde, selbst zuzulangen. Darin aber

hatte ich mich geirrt. Als die Mahlzeit aufgetragen war und mein

vornehmer Gast Platz genommen hatte, legte ich ihm einige Speisen

vor; er aber saß unbeweglich und wollte nicht essen. Ich nötigte

ihn also, zuzulangen, er blieb aber immer noch unbeweglich wie eine

Bildsäule, ohne auch nur Miene zu machen, einen Bissen zu kosten. Ich

glaube wahrhaftig, er wäre ohne zu essen weggegangen, wenn ich nicht

die Ursache seines Betragens erraten und einen von meinen Bedienten

beauftragt hätte, ihm die Bissen in den Mund zu stecken.

[Illustration: Der Bediente mußte dem Häuptling die Bissen in den Mund

stecken.]

Am Nachmittag legten wir die Sternwarte an und nahmen den Quadranten

nebst einigen anderen astronomischen Instrumenten zum ersten Male mit

an Land.

Den nächsten Morgen um 3 Uhr ging ich mit unserm Astronomen Green

hin, den Quadranten zum Gebrauch aufzustellen. Allein zu unserer

unbeschreiblichen Bestürzung war das Instrument nirgends mehr zu

finden. Es war von uns in dem für mich bestimmten Zelte aufbewahrt

worden, und da ich diese Nacht noch an Bord geblieben war, hatte

niemand im Zelte geschlafen. Es war niemals aus dem Futteral, das

fast ein halbes Meter im Quadrat hatte und mit dem Inhalt ziemlich

schwer war, herausgenommen worden. Die ganze Nacht hindurch hatte eine

Schildwache kaum 4 Meter weit von der Türe des Zeltes gestanden, und

von den anderen Instrumenten wurde keines vermißt. Anfangs argwohnten

wir, daß es vielleicht von einem oder dem anderen unserer eigenen Leute

möchte gestohlen worden sein, der beim Anblick des hölzernen Kastens,

ohne zu wissen, was darin sei, vielleicht gedacht haben mochte, er

enthalte Nägel oder sonst etwas, das zum Handel mit den Eingeborenen

tauglich sei. Es wurde also sofort dem Finder des Quadranten eine große

Belohnung angeboten, weil wir ohne dies Instrument die vornehmste

Aufgabe unserer Reise gar nicht durchführen konnten. Wir begnügten

uns nicht damit, im Fort und in dessen Nachbarschaft nachzusuchen,

sondern, da der Kasten im Falle, daß er von einem unserer eigenen

Leute gestohlen worden war, nach dem Schiff zurückgebracht worden sein

konnte, wurde auch an Bord eifrigst nach ihm geforscht. Allein, alle

hierzu ausgeschickten Abteilungen kamen unverrichteterdinge zurück.

Banks, der bei solchen Zufällen weder Mühe noch Gefahren scheute

und bei den Eingeborenen mehr als irgendeiner von uns vermochte,

entschloß sich daher, den Quadranten in den Wäldern zu suchen. War das

Instrument von den Eingeborenen gestohlen worden, hoffte er, es an dem

Orte, wo sie den Kasten geöffnet hatten, wiederzufinden, weil sie

sogleich gesehen haben müßten, daß er für sie von gar keinem Nutzen

sein könne. Wenn aber diese Erwartung täuschen sollte, schmeichelte

er sich, das Instrument durch das Ansehen, das er bei den Häuptlingen

genoß, wiedererlangen zu können. Er ging daher in Begleitung eines

Schiffsunteroffiziers und Greens fort und begegnete, als er eben über

den Fluß setzte, Tuburai Tamaide, der sogleich mit drei Strohhalmen

auf seiner Hand die Figur eines Dreiecks darstellte. Danach war es

gewiß, daß die Eingeborenen die Diebe waren, und Banks schloß aus

diesem Umstande, daß sie zwar den Kasten geöffnet hatten, jedoch nicht

geneigt waren, das Instrument auszuliefern. Nun war keine Zeit mehr

zu verlieren. Banks gab also Tuburai Tamaide zu verstehen, daß er

augenblicklich mit ihm nach dem Orte gehen müsse, wohin der Quadrant

gebracht worden wäre. Der Häuptling war sogleich dazu bereit, und sie

eilten miteinander in östlicher Richtung fort. Tuburai erkundigte sich

in jedem Hause, an dem sie vorüberkamen, nach dem Diebe, den er genau

kennen mußte, weil er ihn mit Namen nannte; die Leute sagten ihm auch

überall, welchen Weg er genommen habe, und wann er vorübergekommen sei.

Man hatte also von einem Orte zum andern Hoffnung, ihn einzuholen,

und das machte unsern Leuten Mut, der unerträglichen Sonnenhitze zu

widerstehen und weiterzudringen. Nachdem sie so, bald gehend, bald

laufend, einen vom Fort etwa 4 Kilometer entfernten Berg erreicht

hatten und diesen hinaufgestiegen waren, zeigte ihnen ihr Führer eine

Landspitze, die noch gut 3 Kilometer entfernt lag, und gab ihnen

dabei zu verstehen, daß sie das Instrument nicht eher wiederbekommen

konnten, als bis sie dorthin gelangt wären. Sie hielten also eine kurze

Beratung. Sie hatten keine andere Waffe als ein paar Pistolen, die

Banks allezeit bei sich zu tragen pflegte. Sie waren im Begriff, einen

Ort aufzusuchen, der gut 7 Kilometer vom Fort entfernt lag, und wo die

Eingeborenen vielleicht nicht so gutwillig sein mochten wie in der

Nähe unseres Schiffs. Sie wollten den Wilden überdies etwas abnehmen,

das diese mit Lebensgefahr erbeutet hatten, und das sie allem Vermuten

nach behalten wollten. Das waren Umstände, die man wohl bedenken mußte,

und es war vorauszusehen, daß sie immer mehr Gefahr liefen, je tiefer

sie sich auf ihrer Suche ins Land hineinwagten. Es wurde deshalb

beschlossen, daß Banks und Green mit dem Häuptling weitergehen sollten.

Der Unteroffizier aber sollte zu mir zurückkehren und verlangen, daß

eine Abteilung Soldaten nachgeschickt werde, und mir zugleich melden,

daß sie unmöglich vor Nacht wieder zurück sein könnten. Auf diese

Botschaft hin machte ich mich selbst auf den Weg und nahm so viel von

meinen Leuten mit, als ich nötig zu haben glaubte. Im Schiffe aber

und im Fort ließ ich Befehl zurück, daß man kein Kanu aus der Bucht

wegrudern lassen, jedoch auch keinen Eingeborenen gefangenhalten sollte.

Mittlerweile setzten Banks und Green mit Tuburai Tamaide ihren Weg

fort, und an dem Platze, den der Häuptling ihnen vom Berge aus gezeigt

hatte, trafen sie einen von seinen eigenen Leuten, der ein Stück

vom Quadranten in der Hand hielt. Bei diesem höchst erfreulichen

Anblick machten sie halt, und im Augenblick waren sie auch schon von

einer großen Menge Eingeborener umringt. Da aber einige der Wilden

sich ziemlich nahe an sie herandrängten, hielt Banks es für nötig,

ihnen eine von seinen Pistolen zu zeigen. Diese Warnung hatte die

beabsichtigte Wirkung. Indessen wuchs die Menschenmenge mit jedem

Augenblick mehr an. Banks, der sie sich nicht allzu nahe kommen

lassen wollte, bezeichnete ihnen einen Kreis im Grase, den sie nicht

überschreiten sollten, und sie stellten sich denn auch sehr ruhig und

manierlich außerhalb der Grenze um ihn her. In der Mitte des Kreises

ließ man den nunmehr herbeigeschafften Kasten nebst verschiedenen

Linsen und anderen Teilen des Instruments aufstellen. Der Dieb hatte

alle diese Dinge in der Eile in ein Pistolenfutteral gesteckt, das

Banks als sein Eigentum erkannte, und das er bereits seit einiger

Zeit samt einer Reiterpistole, die darin gewesen war, in seinem Zelte

vermißt hatte. Banks forderte jetzt auch diese Waffe zurück, und sie

ward ihm sofort gegeben.

Der Astronom war gespannt, zu sehen, ob auch alles Zubehör vollständig

zurückgegeben worden sei. Bei genauerer Untersuchung des Kastens fand

er, daß das Gestell und einige andere Kleinigkeiten noch fehlten. Nach

diesen wurden verschiedene Personen ausgeschickt, und die meisten

der vermißten Stücke wurden zurückgebracht. Man gab ihm zugleich zu

verstehen, daß der Dieb das Gestell nicht bis in diese Gegend mit sich

geschleppt habe, und daß es ihm auf dem Rückwege ausgehändigt werden

solle.

Da nun auch Tuburai Tamaide diese Versicherung durch sein Wort

bestätigte, so machten sich unsre Herren auf den Rückweg, weil das

wenige, das ihnen auch jetzt noch an dem Instrumente fehlte, leicht

wieder neu angefertigt werden konnte. Nachdem sie auf ihrem Rückwege

ungefähr zwei Kilometer weit gekommen waren, traf ich sie, und wir

freuten uns über die Wiedererlangung des Quadranten, was man bei der

Wichtigkeit des Instrumentes leicht verstehen wird.

Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer · 第 5 / 20 段