Um ebendiese Zeit beschwerten sich nämlich Dr. Solander und Leutnant

Monkhouse, daß ihnen ihre Taschen ausgeleert worden seien. Dr.

Solander hatte ein kleines Taschenfernrohr in einem Chagrinfutterale,

der Schiffsarzt Monkhouse seine Schnupftabaksdose dabei eingebüßt.

Dieser Vorfall verdarb natürlich die gute Laune der Gesellschaft. Man

beschwerte sich wegen des erlittenen Diebstahls bei dem Häuptlinge.

Und um der Klage größeren Nachdruck zu geben, sprang Banks hurtig

auf und stieß schnell den Kolben seiner Flinte auf den Boden. Diese

drohende Anstalt und das Getöse, das die Büchse machte, jagte der

ganzen Gesellschaft einen solchen Schrecken ein, daß alles in der

äußersten Bestürzung zum Hause hinausrannte, ausgenommen der Häuptling,

drei Frauen und noch zwei oder drei andere, die ihrer Kleidung nach

Standespersonen zu sein schienen.

Der Häuptling nahm mit aller Äußerung von Betrübnis und Bestürzung

Banks bei der Hand und führte ihn zu einem großen Vorrat von Rindenzeug

hin, der am anderen Ende des Hauses aufgestapelt war. Er bot ihm ein

Stück nach dem anderen an und gab ihm zu verstehen, daß, wenn diese

den vorgefallenen Schaden ersetzen und das Unrecht wieder gutmachen

könnten, er soviel er davon beliebe oder, falls er wolle, alles

mitnehmen solle. Banks legte die Stücke aber alle auf die Seite und

gab ihm zu verstehen, daß er nichts verlange, als was seinen Gefährten

unehrlicherweise entwendet worden sei. Hierauf ging Tuburai Tamaide

in aller Eile fort, ließ seine Gemahlin Tomio, die während des ganzen

Auftritts erschreckt und verwirrt an Banks' Seite geblieben war, bei

ihm und gab ihm zu verstehen, er möchte noch solange warten, bis er

selbst wieder zurückkäme. Banks setzte sich also nieder und unterhielt

sich durch Zeichen, so gut er eben konnte, ungefähr eine halbe Stunde

lang mit der Gemahlin seines Wirts. Alsdann kam dieser mit der

Schnupftabaksdose und dem Futterale des Fernrohrs in der Hand zurück.

Aus seinen Augen blitzte die Freude mit einer Stärke des Ausdrucks, die

dieses Volk vor allen anderen auszeichnet, und vergnügt überreichte

er dann die Sachen ihren Eigentümern. Als aber das Futteral geöffnet

wurde, fand man es leer.

Kaum ward Tuburai Tamaide dessen gewahr, so veränderte sich seine Miene

augenblicklich. Er nahm Banks abermals bei der Hand, rannte, ohne ein

Wort zu sagen, wiederum zum Hause hinaus und führte ihn mit schnellen

Schritten längs der Küste hin. Als sie ungefähr ein Kilometer weit

gegangen waren, begegnete ihnen eine Frau und gab Banks ein Stück Zeug.

Er nahm es ihr in aller Eile ab und setzte damit seinen Lauf hurtig

fort. Dr. Solander und Monkhouse waren den beiden gefolgt, und sie

kamen nunmehr bei einem Hause an, in dem sie von einer Frauensperson

empfangen wurden. Dieser gab Tuburai das Zeug und winkte den Herren,

daß sie ihr einige Glasperlen geben sollten. Sobald das Zeug und die

Perlen auf den Flur gelegt waren, ging die Frau fort und kehrte nach

Verlauf einer halben Stunde mit dem kleinen Fernrohr zurück und und

drückte ihre Freude darüber mit eben der Stärke von Empfindung aus,

wie es Tuburai unlängst getan hatte. Hierauf gab sie den Herren die

Glasperlen zurück und beteuerte dabei, daß sie diese nicht annehmen

könne. Mit ebensoviel Eifer wurde auch Dr. Solander das Stück Zeug als

Genugtuung für das ihm zugefügte Unrecht aufgedrängt, und er mußte es

schlechterdings annehmen. Dagegen bestand er nun seinerseits darauf,

daß die Frau ein Geschenk von Glasperlen von ihm entgegennähme.

Am folgenden Morgen kamen verschiedene von den Häuptlingen, die wir den

Tag vorher besucht hatten, an Bord und brachten Schweine, Brotfrüchte

und andere Erfrischungen mit, für die wir ihnen Beile, Leinwand und

andere Dinge gaben, je nachdem ihnen dergleichen erwünscht schien.

Da ich auf meinem gestrigen Spazierwege nach Westen keinen bequemeren

Hafen gefunden hatte, als derjenige war, worin wir schon geankert

hatten, nahm ich mir vor, an Land zu gehen und hier einen Platz

aufzusuchen, den die Schiffskanonen bestreichen könnten. Dort wollte

ich dann ein kleines Fort zu unserer Sicherheit aufwerfen und die

nötigen Anstalten zu unsern astronomischen Beobachtungen treffen

lassen. Ich nahm also eine Abteilung meiner Leute mit und ging in

Begleitung der Herren Banks, Doktor Solander und des Astronomen

Green an Land. Bald waren wir uns über die Wahl des Platzes, wo die

Sternwarte aufgebaut werden sollte, einig und bestimmten einen Teil

des sandigen Strandes auf der nordöstlichen Spitze der Bucht hierzu,

weil diese Stelle für alle unsere Zwecke recht geeignet und von allen

Wohnungen der Eingeborenen entfernt lag. Als wir den Grund, den

wir besetzen wollten, abgesteckt hatten, wurde ein kleines, Banks

gehöriges Zelt aufgeschlagen, das zu diesem Zwecke mit an Land genommen

worden war. Währenddessen hatte sich eine große Menschenmenge um uns

versammelt, vermutlich jedoch nur, um der Arbeit zuzusehen; denn keiner

von ihnen allen hatte irgendeine Schußwaffe bei sich. Zur Vorsicht

gab ich ihnen aber dennoch zu verstehen, daß keiner innerhalb der

Linie, die ich gezogen hatte, kommen dürfe, ausgenommen zwei, davon

einer ein vornehmer Mann zu sein schien, und der andere Auhaa war.

An diese beiden wandte ich mich nun und bemühte mich, ihnen durch

Zeichen zu verstehen zu geben, daß wir den Fleck, den wir abgesteckt

hatten, nur für eine gewisse Anzahl von Nächten beanspruchen und dann

wieder abreisen würden. Ich kann nicht bestimmt behaupten, ob sie mich

verstanden. Das Volk führte sich aber so ehrerbietig und gefällig auf,

daß wir uns darüber freuten und verwunderten. Sie setzten sich ganz

friedfertig außerhalb des Kreises nieder und sahen uns zu, ohne uns im

geringsten zu stören, obgleich es länger als zwei Stunden dauerte, bis

wir fertig waren.

[Illustration: Die meisten fielen zu Boden, als wären sie selbst vom

Schusse getroffen worden.]

Da wir bei dem ersten Spaziergang nach unserer Landung gar kein

Federvieh und nicht mehr als zwei Schweine gesehen hatten, so

vermuteten wir, daß man die Tiere bei unserer Ankunft weiter

landeinwärts getrieben haben möchte. Dieser Verdacht wurde dadurch

noch bestätigt, daß uns Auhaa angelegentlichst bat, nicht in den Wald

zu gehen. Aber gerade deswegen wollten wir es tun. Wir ließen also

13 Soldaten und einen Unteroffizier zur Bewachung des Zeltes zurück

und traten in Begleitung einer großen Menge Eingeborener unsern Weg

an. Als wir auf dem Marsche einen kleinen Fluß überschritten, ließen

sich einige Enten sehen, und sobald Banks hinübergekommen war, schoß er

auf sie und traf drei Stück. Das jagte den Eingeborenen einen solchen

Schrecken ein, daß die meisten unter ihnen plötzlich zu Boden fielen,

als wären sie selbst von dem Schuß getroffen worden. Doch erholten sie

sich bald wieder von ihrer Bestürzung, und wir konnten unseren Marsch

fortsetzen. Wir waren indessen noch nicht weit gekommen, als wir über

den Knall zweier Musketen erschraken, die von niemand anders als von

der Zeltwache abgefeuert sein konnten. Wir gingen gerade ziemlich

zerstreut und vereinzelt, Auhaa rief uns aber augenblicklich zusammen

und winkte den nachfolgenden Insulanern mit der Hand, sie sollten sich

hinwegbegeben bis auf drei. Von diesen brach jeder vom nächsten Baume

einen Zweig ab und überreichte ihn uns zum Zeichen des Friedens, den

ihre Partei einhalten wollte, und vermutlich auch um uns zu bitten, daß

wir ebenfalls Frieden halten möchten.

Wir hatten leider nur zu viel Ursache, zu vermuten, daß sich etwas

zugetragen hatte, und eilten deshalb so schnell als möglich zu dem

Zelte zurück, von dem wir nicht mehr als ein halbes Kilometer entfernt

sein konnten. Als wir bei dem Zelte ankamen, sahen wir von der ganzen

Menge Insulaner, die dagewesen war, nicht einen einzigen mehr, unsre

eigenen Leute aber waren vor dem Zelte versammelt. Wir erfuhren nun,

daß einer der Eingeborenen einen günstigen Augenblick abgepaßt, die

Schildwache unversehens überfallen und ihr die Muskete aus der Hand

gerissen habe. Hierauf hatte der Führer der Wache, ein Unteroffizier,

zu feuern befohlen, vielleicht weil er in der ersten Bestürzung

fürchtete, daß es zu größeren Gewalttätigkeiten kommen würde,

vielleicht aber auch bloß aus mutwilligem Mißbrauche seiner erst vor

kurzem erlangten Kommandogewalt, vielleicht endlich aus angeborener

Grausamkeit. Die Mannschaft war ebenso unbedacht oder ebenso

unmenschlich als ihr Befehlshaber und feuerte augenblicklich in den

dicksten Haufen der fliehenden Menge, die aus mehr als hundert Menschen

bestand. Sie begnügte sich auch nicht damit, jene verjagt zu haben,

sondern als sie sah, daß der Dieb nicht getroffen war, verfolgten

die Soldaten ihn besonders und erschossen ihn. Wir erfuhren nachher,

daß zum Glück von den andern Eingeborenen kein einziger getötet oder

verwundet worden war.

Als Auhaa, der uns die ganze Zeit über zur Seite geblieben war,

sah, daß wir nun gänzlich verlassen waren, brachte er einige wenige

der Flüchtlinge, freilich nicht ohne Mühe, wieder zusammen und

stellte sie um uns her. Wir suchten unsere Leute so gut als möglich

zu rechtfertigen, und bemühten uns, den Eingeborenen durch Zeichen

klarzumachen, daß wir ihnen, wenn sie uns kein Unrecht täten, auch

unsrerseits kein Leid zufügen würden. Nachdem wir uns derart, so gut

es eben möglich war, gerechtfertigt hatten, verließen sie uns ohne das

geringste Zeichen von Mißtrauen oder Rachgier. Wir brachen hierauf

unsre Zelte ab und kehrten ziemlich mißvergnügt über den unglücklichen

Vorfall an Bord zurück.

Dort verhörten wir unsere Leute umständlicher, und sie merkten wohl,

daß wir ihr Betragen keineswegs billigten. Sie wandten indessen ein,

daß die Schildwache, der das Gewehr entrissen worden sei, gewalttätig

angefallen und zu Boden geworfen worden sei, und daß der Mann, der die

Flinte genommen hatte, nachher noch einen Stoß nach der Wache geführt

habe, worauf erst der Unteroffizier Befehl zum Feuern erteilt habe.

Am folgenden Morgen sah man nur wenige Eingeborene am Strande, und

kein einziger kam zu uns an Bord. Das war mir Beweis genug dafür,

daß unser Bestreben, die Insulaner zu beruhigen, vergeblich gewesen,

und es ging uns wirklich nahe, daß selbst Auhaa, der uns bisher

stets unveränderliche Ergebenheit bewiesen und sich so sehr um die

Wiederherstellung des Friedens bemüht hatte, seit dem Vorfall auch

nicht mehr zu uns kam. Da die Dinge nun ziemlich übel lagen, ließ ich

die »Endeavour« näher an die Küste ziehen und legte sie so vor Anker,

daß sie mit den Geschützen den ganzen nordöstlichen Teil der Insel und

besonders den Platz bestreichen konnte, den ich zur Erbauung des Forts

abgesteckt hatte. Am Abend ging ich indessen dennoch an Land, nahm

jedoch außer einigen Herren unsrer Gesellschaft niemand als die zur

Bemannung des Boots gehörigen Leute mit. Die Eingeborenen versammelten

sich wie früher wieder um uns her, doch erschienen sie nur in geringer

Zahl. Sie verhandelten uns Kokosnüsse und andere Früchte und gaben sich

dabei allem Anschein nach ebenso freundlich wie zuvor.

Am nächsten Vormittage statteten uns die beiden freundschaftlich

gesinnten Häuptlinge, die wir im westlichen Gebiet der Insel besucht

hatten, Tuburai Tamaide und Tutaha, an Bord einen Gegenbesuch ab. Sie

brachten uns als Friedenszeichen nicht Zweige, sondern zwei ganze, aber

junge Bananenpflanzen mit, und weil sie vermutlich über den Vorfall

am Zelte Besorgnis hegten, wollten sie sich nicht eher an Bord wagen,

als bis wir das Friedenssymbol angenommen hatten. Jeder von ihnen

brachte noch außerdem, um sich bei uns wieder in Gunst zu setzen,

Geschenke mit, die in einem Vorrat von Brotfrucht und in einem fertig

zubereiteten Schwein bestanden. Letzteres war uns um so angenehmer,

weil Schweine nicht immer zu haben waren. Wir gaben also jedem unserer

vornehmen Freunde ein Beil und einen Nagel zum Gegengeschenk. Am Abend

gingen wir an Land und schlugen ein Zelt auf, worin der Astronom

und ich die Nacht zubrachten, um eine Verfinsterung des ersten

Jupitertrabanten zu beobachten; weil aber das Wetter trübe war, wurde

nichts aus der Beobachtung.

Am 18. April ging ich bei Tagesanbruch mit so vielen Leuten, als wir im

Schiffe nur entbehren konnten, an Land und fing an, das Fort erbauen

zu lassen. Die einen warfen Verschanzungen auf, die anderen fällten

Pfosten und Faschinen, und die Eingeborenen, die sich bald wie früher

um uns her versammelt hatten, waren soweit davon entfernt, uns in

unserer Arbeit zu stören, daß im Gegenteil viele von ihnen freiwilligen

Beistand leisteten und die Pfosten und Faschinen aus dem Walde, wo sie

gehauen worden waren, sehr dienstfertig herbeitrugen. Indessen hatten

wir auch die Vorsicht walten lassen, ohne ihre Einwilligung nichts von

ihrem Eigentum anzutasten, und hatten ihnen jeden Stamm, soviel wir

deren zu unserm Vorhaben brauchten, ordentlich abgekauft, auch keinen

Stamm gefällt, ohne daß sie uns Erlaubnis dazu gegeben hatten. Der

Boden, auf dem wir unser Fort errichteten, war sandig. Wir waren also

genötigt, die Schanzen durch Holz zu verstärken. Drei Seiten sollten

auf diese Art befestigt werden, die vierte stieß an einen Fluß, an

dessen Ufer ich die Befestigung durch Aufstellung einer gehörigen

Anzahl von Wasserfässern sichern wollte. An diesem Tage ließen wir dem

Schiffsvolk zum ersten Male Schweinefleisch reichen, und die Insulaner

brachten uns so viele Brotfrucht und Kokosnüsse, daß wir einen Teil

davon zurücksenden und durch Zeichen andeuten mußten, wir würden auf

die zwei folgenden Tage keine mehr brauchen. An diesem Tage wurde

alles gegen Glasperlen eingehandelt. Für eine einzige erbsengroße Perle

gaben sie uns fünf bis sechs Kokosnüsse und ebenso viele Brotfrüchte.

Banks' Zelt wurde noch vor der Nacht innerhalb der Festungswerke

aufgeschlagen, und er schlief zum ersten Male am Lande. Ringsherum

wurden Schildwachen ausgestellt, jedoch die ganze Nacht über versuchte

es keiner der Insulaner, sich zu nähern.

Am folgenden Morgen stattete unser Freund Tuburai Tamaide Herrn Banks

im Zelt einen Besuch ab und brachte nicht nur seine Gemahlin und

Familie, sondern auch das Dach eines Hauses, allerhand Bau-, Hausgeräte

und Werkzeug mit. Soweit wir ihn verstehen konnten, war er willens,

seine Residenz in unserer Nähe aufzuschlagen. Dieser Beweis seiner

Zuneigung und Gewogenheit machte uns große Freude, und wir nahmen uns

vor, seine Freundschaft möglichst zu befestigen. Bald nach seiner

Ankunft nahm er Banks bei der Hand, führte ihn aus der Verschanzung

hinaus und gab ihm zu verstehen, daß er mit ihm in den Wald gehen

möchte. Als sie ungefähr ein Kilometer miteinander gegangen waren,

langten sie bei einer Art von Wetterdach an, das der Häuptling bereits

hatte erbauen lassen und zu seiner einstweiligen Wohnung bestimmt zu

haben schien. Hier wickelte er ein Bündel Rindenstoff auseinander, nahm

zwei Kleider, das eine aus rotem Zeuge, das andere aus sehr hübschen

Matten, kleidete Banks darein und führte ihn alsdann ohne weitere

Zeremonie zum Zelt zurück.

Bald nachher brachten ihm seine Bedienten etwas Schweinefleisch und

Brotfrucht; er machte sich über diese Gerichte her und tauchte dabei

das Fleisch in Seewasser, das ihm statt der Brühe diente. Nach der

Mahlzeit legte er sich auf Banks' Bett und schlief ungefähr eine

Stunde lang. Des Nachmittags brachte seine Gemahlin Tomio einen schön

gebildeten Jüngling von ungefähr 22 Jahren zum Zelte, beide schienen

ihn als ihren Sohn zu betrachten, wir erfuhren aber nachmals, daß

er es nicht war. Am Abend kehrte dieser Jüngling und eine andere

Standesperson, die uns ebenfalls einen Besuch abgestattet hatte,

nach Westen hin zurück. Tuburai Tamaide und seine Gemahlin hingegen

verfügten sich nach ihrem im Walde gelegenen Wetterdache.

Der Schiffsarzt hatte an diesem Abend einen Spaziergang gemacht und

erzählte uns bei seiner Rückkehr, daß er den Leichnam des am Zelte

erschossenen Mannes gefunden habe, den man -- wie er berichtete --

in Rindenzeug gewickelt und auf eine Art von Bahre gelegt hatte, die

auf Pfosten ruhte und oben ein Dach trug. Bei dem Körper lagen einige

Waffen und andere Dinge, die er gern genauer untersucht hätte, wenn der

Leichnam nicht bereits einen so unerträglichen Geruch verbreitet hätte.

Er sagte, er habe auch zwei andre »Särge« derselben Art gesehen, in

deren einem die Gebeine eines menschlichen Körpers gewesen wären und

sehr lange dagelegen haben mußten, weil sie ganz ausgetrocknet waren.

Wir erfuhren später, daß dies auf Tahiti die gewöhnliche Art ist, die

Toten zu bestatten.

Man fing nunmehr an, eine Art von Markt zu halten. Der Platz war

hart am Fort gelegen, und wir wurden mit allem reichlich versehen,

ausgenommen Schweinefleisch, das sehr selten blieb. Tuburai Tamaide war

unser beständiger Gast und ahmte unsere Gewohnheiten so eifrig nach,

daß er sich sogar eines Messers und einer Gabel bediente, die er bald

mit ziemlicher Geschicklichkeit handhabte.

Inzwischen hatte Monkhouse durch seine Beschreibung von dem Orte, wo

der erschossene Mann beigesetzt war, meine Neugier rege gemacht; ich

suchte also Gelegenheit, mit einigen anderen hinzugehen und selbst den

Begräbnisplatz zu besichtigen. Wir gelangten endlich an unser Ziel. Der

Schuppen, unter dem der Leichnam lag, war dicht neben dem Hause, worin

der Mann bei Lebzeiten gewohnt hatte, aufgebaut. Noch andere ähnliche

Begräbnisstätten lagen nur 3 Meter davon ab. Der Schuppen selbst war

ungefähr 4½ Meter lang, etwa 3 Meter breit und von verhältnismäßiger

Höhe. Das eine Ende war ganz offen, das andere sowie die beiden Seiten

waren zum Teil mit einer Art von geflochtenem Zaun umgeben. Die Bahre,

auf der der Leichnam lag, war eine Art von hölzernem Kasten. Der Boden

dieses Behältnisses war mit Matten belegt und ruhte auf vier Pfosten

ungefähr anderthalb Meter über der Erde. Der Leichnam selbst war mit

einer Matte und über dieser mit einem weißen Tuch bedeckt. Neben dem

Körper lag eine hölzerne Keule, eines von ihren Kriegswerkzeugen, und

zu Häupten des Toten standen 2 Kokosnußschalen, wie sie auf diesen

Inseln bisweilen als Trinkgeschirre dienen. Am anderen Ende war ein

Bündel grüner Blätter an einige dürre Zweige gebunden und in die Erde

gesteckt. Daneben lag ein Stein, der ungefähr die Größe einer Kokosnuß

haben mochte, und etwas weiter weg hatten sie eine junge Banane, deren

man sich, wie geschildert, als Friedenssymbol bedient, eingesetzt;

daneben lag eine steinerne Axt. Am offenen Ende des Schuppens hing

eine große Menge aufgereihter Palmnüsse. Außerhalb war der Stamm einer

ungefähr anderthalb Meter hohen Bananenpflanze aufrecht in den Boden

gesteckt und auf dem oberen Ende eine Kokosnußschale voll frischen

Wassers befestigt. An dem einen von vier Pfosten hing ein kleiner

Sack, in dem wir einige Stücke gerösteter Brotfrucht fanden, die nach

und nach hineingelegt sein mochten; denn einige davon waren noch

frisch, andere schon älter. Ich bemerkte, daß verschiedene von den

Eingeborenen uns mit einer Miene beobachteten, die zugleich Besorgnis

und Feindseligkeit verriet. Als wir uns dem Leichnam näherten, sah man

es ihnen an, daß sie darüber in Verlegenheit waren; auch blieben sie

die ganze Zeit über, in der wir unsere Beobachtungen anstellten, in

geringer Entfernung von uns stehen und schienen recht froh zu sein, als

wir endlich wieder weggingen.

Unser Aufenthalt am Lande wäre gar nicht unangenehm gewesen, wenn

wir nur nicht unaufhörlich von den Fliegen wären gequält worden.

Unter anderem hinderten sie den Maler Parkinson fast gänzlich an

seiner Arbeit. Denn sie bedeckten nicht nur den Gegenstand, den er

abmalen wollte, so sehr, daß man ihn nicht mehr erkennen konnte,

sondern sie fraßen sogar die Farbe vom Papier ebenso geschwind weg,

als er sie auftragen konnte. Wir nahmen deshalb unsere Zuflucht zu

den Moskitonetzen und Fliegenbeizen; diese machten zwar der größten

Beschwerlichkeit ein Ende, halfen ihr aber doch bei weitem nicht ab.

Am 22. gab Tutaha uns eine Probe von der Musik dieses Landes. Vier

Personen spielten auf Flöten, die nur zwei Tonlöcher hatten, und

folglich mit halben Tönen nur vier Noten angeben konnten. Sie wurden

wie unsere Querflöten geblasen, nur daß der Tonkünstler, anstatt sie

an den Mund zu halten, mit dem einen Nasenloche hineinblies, während

er das andere mit dem Daumen zuhielt. Zu diesem Instrument sangen

vier andere Personen und beobachteten den Takt sehr genau; während

des ganzen Konzertes wurde jedoch immer nur ein und dieselbe Melodie

gespielt.

Verschiedene Eingeborene brachten uns Äxte, die sie von der Mannschaft

des »Delphins« bekommen hatten, und ersuchten uns, sie zu schleifen

und auszubessern. Unter diesen Äxten befand sich auch eine, die uns

viel Kopfzerbrechen machte, weil sie französische Arbeit zu sein

schien. Nach langem Nachforschen erfuhren wir, daß nach der Abreise

des »Delphin« und vor unserer Ankunft ein Schiff hier gewesen wäre.

Damals vermuteten wir, daß es Spanier gewesen sein mochten; jetzt aber

wissen wir, daß es die »Boudeuse« unter dem Befehl des französischen

Entdeckers Bougainville gewesen war.

Am 24. nahmen Banks und Dr. Solander das Land verschiedene Kilometer

weit längs der Küste gegen Osten hin in Augenschein. Ungefähr

2 Kilometer weit war es flach und fruchtbar. Von da an erstreckten

sich die Gebirge bis hart an die Küste. Ein wenig weiterhin liefen sie

sogar ganz in die See hinaus, so daß man, um weiter fortzukommen, sie

übersteigen mußte. Diese unfruchtbaren Berge reichten noch ungefähr

3 Kilometer weiter und fielen dann zu einer großen Ebene ab, übersäet

mit Hütten, deren Bewohner in großem Überfluß zu leben schienen. Als

unsere Spaziergänger eben den Rückweg antreten wollten, nahte sich

einer von den Eingeborenen und bot ihnen Erfrischungen dar, die sie

sich auch gefallen ließen. Sie fanden, daß dieser Mann zu einer Art von

Menschen gehörte, die von verschiedenen Schriftstellern beschrieben

worden sind und nach deren Zeugnis unter vielen Völkern zerstreut

angetroffen werden. Seine Haut war blaßweiß, ganz ohne Fleischfarbe

und gewissermaßen leichenfarbig. Das Haar, die Augenbrauen und der

Bart waren ebenfalls weiß. Die Augen schienen mit Blut unterlaufen, er

selbst schien kurzsichtig zu sein. Solche Leute nennt man Albinos.

Bei ihrer Rückkehr begegnete ihnen Tuburai Tamaide mit seinen Frauen,

und diese empfanden bei dem Anblick unsrer Herren solche Freude,

daß sie diese in Ermangelung eines andern Ausdrucks durch Tränen zu

erkennen gaben und eine Zeitlang weinten, ehe sie ihre Leidenschaft

mäßigen konnten.

Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer · 第 4 / 20 段