verschiedene große Schweine zum Geschenke mit, für die sie wie
gewöhnlich kein Entgelt annehmen wollte. Als sie im Begriff war, das
Schiff zu verlassen, bezeigte sie ein lebhaftes Verlangen, ich möchte
mit ihr an Land gehen. Ich willigte ein und nahm verschiedene von
meinen Offizieren mit mir. Als wir in ihrem Hause ankamen, ließ sie
uns insgesamt niedersitzen, nahm meinen Hut ab und steckte einen Busch
von bunten Federn daran, wie ihn in diesem Lande meines Wissens niemand
trug als sie selbst. Sie band auch um meinen und meiner Begleiter
Hüte eine Schnur von geflochtenem Haar und gab uns zu verstehen, daß
sowohl das Haar als die Arbeit daran von ihr selbst sei. Sie beschenkte
uns ferner mit einigen sehr künstlich geflochtenen Matten. Am Abend
begleitete sie uns bis an den Strand zurück, und als wir in unser Boot
einstiegen, ließ sie ein großes, schönes Schwein nebst einer großen
Menge von Früchten an Bord bringen.
Als wir hierauf Abschied von ihr nahmen, deutete ich ihr durch Zeichen
an, daß ich die Insel binnen 7 Tagen verlassen wolle. Sie verstand mich
sogleich und antwortete mir, es sei ihr Wunsch, ich solle wenigstens
noch 3 Wochen lang bleiben; ich könnte ja indessen eine kleine Reise
ins Innere machen, mich einige Tage dort aufhalten und von dort aus
eine Menge von Schweinen und Federvieh an den Strand herabschaffen
lassen und hernach wegsegeln. Ich gab ihr dagegen wiederum zu
verstehen, daß ich unwiderruflich in 7 Tagen abreisen müsse. Hierauf
weinte sie so herzbewegend, daß es uns Mühe und Klugheit kostete, sie
wieder zu beruhigen.
Am folgenden Morgen schickte der Marktoffizier nicht weniger als
20 Schweine und einen großen Vorrat von Früchten an Bord. Unser
Verdeck war nunmehr ganz mit Schweinen und Federvieh angefüllt. Wir
schlachteten nur die kleinsten davon, um die andern als Vorrat für die
weitere Reise aufzubewahren. Wir fanden aber bald zu unserem großen
Verdrusse, daß sowohl das Federvieh als auch die Schweine nicht leicht
etwas anderes als die hiesigen Landesfrüchte fressen wollten; das
nötigte uns, sie geschwinder nacheinander abzuschlachten, als wir sonst
zu tun willens waren. Indessen glückte es uns doch, einen Eber und ein
Mutterschwein lebendig nach England zu bringen.
Zwei Tage danach schickte ich dem alten Manne, der unserm
Waffenoffizier beim Handel so große Dienste geleistet hatte, noch
einen eisernen Topf, etliche Beile, Sicheln und ein Stück Tuch. Der
Königin übersandte ich zwei Truthähne, drei chinesische Fasanen, zwei
Gänse, eine trächtige Katze, etwas Porzellan, einige Spiegel, gläserne
Flaschen, Hemden, Nadeln, Zwirn, Tuch, Bänder, Erbsen, kleine weiße
Bohnen und ungefähr 16 verschiedene Arten von Gartenpflanzensamen,
nebst einer Schaufel und einer großen Menge kurzer Eisenwaren, wie
Messer, Scheren, Sicheln und dergleichen. Wir selbst hatten bereits
während unserer Anwesenheit allerhand Arten von Gartensamen und auch
etliche Erbsen an verschiedenen Orten ausgesät, und zu unserm größten
Vergnügen war alles sehr schön und hoffnungsvoll aufgekeimt. Ich
schickte der Königin zuletzt noch ein paar eiserne Töpfe und einige
Löffel. Als Gegengabe brachte mir der Marktoffizier 18 Schweine und
einige Früchte.
Am Morgen des 25. Juli ging ich unter kleiner Bedeckung an Land und
ließ auf einer gewissen Landspitze ein Zelt aufschlagen, um dort eine
Sonnenfinsternis zu beobachten, was ich bei der Klarheit der Luft
mit großer Genauigkeit tun konnte. Als ich mit meiner Beobachtung
fertig war, ging ich nach dem Hause der Königin und wies ihr das
Fernrohr vor, dessen ich mich soeben bedient hatte. Nachdem ich ihr
zuerst den Bau gezeigt hatte, suchte ich ihr den Gebrauch deutlich
zu erklären. Ich richtete es also auf verschiedene in weiter Ferne
befindliche Gegenstände, die ihr wohl bekannt waren, die man aber von
ihrem Hause aus mit bloßem Auge nicht erkennen konnte, und ließ sie
alsdann durchsehen. Sobald sie die Dinge so nah und deutlich erblickte,
sprang sie erstaunt zurück, wandte alsdann ihre Augen dahin, wohin das
Fernrohr gerichtet war, stand eine Zeitlang unbeweglich stille, sah zum
zweiten Male hindurch und bemühte sich von neuem, wiewohl vergebens,
die eben geschauten Gegenstände mit bloßem Auge zu erkennen. Sowie
sie dieselben wechselweise sah, wenn sie durch das Rohr blickte, sie
bald wieder aus dem Gesichte verlor, wenn sie mit bloßen Augen hinsah,
drückten ihre Mienen und Gebärden jedesmal eine Mischung von Erstaunen
und Entzücken aus, die keine Sprache beschreiben kann. Endlich
ließ ich das Fernrohr wegschaffen und lud sie nebst verschiedenen
Standespersonen, die bei ihr waren, ein, mit mir an Bord zu gehen. Als
wir mit unsern Gästen an Bord gekommen waren, befahl ich, daß eine gute
Mahlzeit zu ihrer Bewirtung zubereitet werden solle. Allein die Königin
wollte weder essen noch trinken. Ihre Begleiter hingegen ließen sich
alles, was ihnen zum Essen vorgesetzt wurde, herzlich gut schmecken.
Doch außer reinem Wasser wollten sie nichts trinken.
Als die Königin wieder von Bord ging, fragte sie mich durch Zeichen,
ob ich noch immer auf meinem Entschlusse beharre und die Insel zu der
angesagten Zeit verlassen wolle. Als ich ihr hierauf zu verstehen gab,
daß ich mich unmöglich länger aufhalten könne, zeigte sie mir durch
eine Flut von Tränen, die sie eine Zeitlang ihrer Sprache beraubten,
wie schmerzlich sie dieses ankäme. Sobald sich die Heftigkeit ihrer
Betrübnis gelegt hatte, winkte sie mir, sie wolle morgen wieder an Bord
zu mir kommen; so schieden wir voneinander.
[Illustration: Ihre Mienen und Gebärden drückten Erstaunen und
Entzücken aus.]
Am folgenden Morgen um 10 Uhr kam die Königin ihrem Versprechen
gemäß mit einem Geschenke von Schweinen und Federvieh an Bord. Wir
ergänzten auch unsere Holz- und Wasservorräte und machten uns fertig,
in See zu gehen. Am nächsten Tage kam eine größere Anzahl der hiesigen
Eingeborenen, als wir sonst je gesehen hatten, an den Strand herab.
Sie schienen aus dem inneren Teil des Landes herzustammen, auch
waren viele darunter, die den ihnen erwiesenen Ehrenbezeigungen nach
Standespersonen sein mußten. Um 3 Uhr des Nachmittags kam die Königin
in größtem Staat und in Begleitung eines sehr zahlreichen Gefolges
wiederum an den Strand herab. Sie ging mit allen ihren Leuten und
dem alten Manne über den Fluß und besuchte uns noch einmal an Bord.
Sie brachte auch einige sehr schöne Früchte mit sich, erneuerte mit
vielem Eifer ihr Anliegen, daß ich noch 10 Tage länger hier bleiben
sollte, und gab mir zu verstehen, daß sie ins Innere des Landes
reisen und mir eine Menge von Schweinen, Federvieh und Früchten von
dorther mitbringen wolle. Ich suchte ihr für diese Freundschaft und
Güte meine Erkenntlichkeit zu bezeigen, versicherte ihr aber, daß
ich unabänderlich den folgenden Morgen absegeln müsse. Sie brach
hierüber wie gewöhnlich in Tränen aus, und als sie sich gefaßt hatte,
erkundigte sie sich durch Zeichen, wann ich wieder zurückkäme. Ich gab
mir Mühe, ihr die Zahl von 50 Tagen anzuzeigen, sie bat darauf durch
Gegenzeichen, daß ich nicht länger als 30 Tage wegbleiben solle. Da ich
aber gegen alle ihre Einwendungen fest immer wieder 50 andeutete, gab
sie sich endlich zufrieden. Sie blieb bei uns, bis es Nacht wurde, und
es kostete viele Mühe und Künste, sie endlich zur Rückkehr an Land zu
bewegen. Als man ihr sagte, daß das Boot auf sie warte, warf sie sich
über die Gewehrkiste hin und weinte eine Zeitlang so heftig, daß sie
gar nicht wieder zu sich zu bringen war. Endlich bequemte sie sich doch
und stieg, wiewohl sehr ungern, in das Boot, wohin alle ihre Begleiter
und auch der alte Mann ihr nachfolgten.
Mit Anbruch des 27. Juli lichteten wir die Anker, und zu gleicher
Zeit schickte ich die Barke und ein anderes Boot ab, um die wenigen
Wasserfässer zu füllen, die wieder leer geworden waren. Als unsre
Leute sich der Küste näherten, sahen sie zu ihrem größten Erstaunen
den ganzen Strand weithin mit Eingeborenen überfüllt. Weil sie es nun
bei diesem Anblick nicht für ratsam fanden, sich unter eine solche
Menge hineinzuwagen, so wollten sie wieder unverrichteterdinge nach
dem Schiffe zurückkehren. Sobald aber die Eingeborenen am Strande dies
beobachteten, kam die Königin hervor, winkte ihnen und schien die
Ursache ihrer Besorgnis zu erraten; denn die Insulaner mußten sich auf
ihren Befehl jenseits des Flusses begeben. Die Boote ruderten hierauf
nach der Wasserstelle und füllten die Fässer. Unterdessen ließ die
Königin einige Schweine und Früchte an Bord des Bootes bringen, und
als unsre Leute vom Strand abstoßen wollten, wäre sie gern mit ihnen
gefahren. Der Offizier wollte es ihr aber nicht gestatten, weil er
Befehl bekommen hatte, keinen Eingeborenen mehr mit sich zu nehmen.
Sie ließ auf diese Weigerung gleich eines ihrer doppelten Kanus in
See stechen, und ihre eigenen Leute mußten sie zu uns führen. Sie kam
gleich an Bord, konnte aber vor Wehmut nicht sprechen, sondern setzte
sich nieder und brach in Tränen aus. Als sie ungefähr eine Stunde bei
uns gewesen war, erhob sich ein günstiger Wind, wir lichteten die
Anker und gingen unter Segel. Da sie nunmehr sah, daß sie in ihr Kanu
zurückkehren müsse, umarmte sie uns alle auf das zärtlichste und mit
vielen Tränen; ebenso ließ auch ihr ganzes Gefolge große Betrübnis über
unsre Abreise wahrnehmen. Wir hatten indes kaum die Segel aufgespannt,
so flaute der Wind wieder ab und die See lag still. Ich schickte also
die Boote voraus, um das Schiff zu bugsieren. Sobald die Kanus, die
uns eben verlassen hatten, dies sahen, kehrten sie alle zusammen zum
Schiff zurück. Dasjenige, das die Königin an Bord führte, ruderte an
die Waffenkammer hin. Die Leute im Raum befestigten es an der Luke,
und nach Verlauf von wenigen Minuten kam die Königin an Bord, setzte
sich nieder und weinte ganz untröstlich. Ich gab ihr allerhand Sachen,
die ihr meines Erachtens nützlich sein konnten, und Putzwerk. Sie nahm
alles stillschweigend und teilnahmslos an.
Um 10 Uhr waren wir durch Unterstützung unserer Boote über die
Klippenreihe hinausgekommen, und da sich nunmehr ein frischer,
günstiger Wind erhob, nahmen unsere Südseefreunde und besonders die
Königin noch einmal mit zärtlicher Freundschaft und so rührender
Betrübnis Abschied von uns, daß ich selbst ganz bewegt wurde und mich
der Tränen nicht erwehren konnte.
[Illustration]
[Illustration]
Ein Südsee-Idyll
Von Kapitän _James Cook_
Es war Montag, den 10. April 1769, als einige von unseren Leuten, die
nach der Insel Tahiti, unserem Reiseziel, ausspähten, des Nachmittags
um 1 Uhr meldeten, sie sähen in demjenigen Teil des Horizontes, wo
die Insel der Lage nach zum Vorschein kommen mußte, Land. Es schien
sehr hoch und gebirgig zu sein, und wir erkannten es allen Anzeichen
nach als ebendasselbe, das Kapitän Wallis »König Georgs des Dritten
Insel« genannt hatte, und das nunmehr Tahiti heißt. Eine plötzlich
einsetzende Windstille hielt uns aber zurück, so daß wir am Morgen des
folgenden Tages der Insel noch nicht näher waren als die Nacht zuvor.
Um 7 Uhr erhob sich endlich ein frischer Wind, und um 11 Uhr waren
wir Tahiti bereits so nahe gekommen, daß verschiedene Kanus gegen das
Schiff liefen. Doch wollten nur wenige sich an uns heranwagen, und
selbst diese wenigen wollten sich nicht bereden lassen, an Bord unserer
»Endeavour« zu kommen. In jedem Kanu hatten sie junge Bananen und
Zweige von einem andern Baume, den die Insulaner »E' Midho« nennen;
diese waren, wie wir nachmals erfuhren, ein Sinnbild des Friedens und
wurden uns als Freundschaftszeichen überbracht. Aus einem von den
Kanus reichten sie uns die Insulaner an der Schiffsseite herauf und
machten uns zu gleicher Zeit mit großem Eifer einige Zeichen, die
uns unverständlich waren. Endlich aber errieten wir ihr Verlangen;
sie wünschten nämlich, daß diese Friedenszeichen an irgendeinem Orte
im Schiffe aufgesteckt werden möchten, wo man sie frei und deutlich
sehen könne. Wir steckten sie daher sofort zwischen die Bordwände,
worüber die Insulaner lebhaftes Vergnügen zeigten. Hierauf kauften wir
ihnen ihre Waren ab, die in Kokosnüssen und allerlei andern Früchten
bestanden, wie sie uns allen nach einer so langen Reise sehr willkommen
waren.
Wir steuerten die ganze Nacht hindurch vorsichtig näher gegen die
Küste, die Meerestiefe nahm gegen die Insel hin von 30 bis zu
21 Meter ab, und um 7 Uhr morgens kamen wir mit 23 Meter Tiefe in
der Matavaibucht vor Anker. Die Eingeborenen umringten sogleich
unser Schiff mit ihren Kanus, brachten uns Kokosnüsse, apfelähnliche
Früchte, Brotfrucht und einige kleine Fische. Sie überließen uns das
alles gegen Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Sie hatten auch ein
kleines Schwein bei sich, wollten es aber gegen nichts Geringeres
als ein Beil eintauschen. Wir weigerten uns daher, diesen Handel
einzugehen; denn hätten wir ihnen gleich zu Anfang ein Beil für ein
junges Schwein gegeben, so hätten sie uns wohl voraussichtlich nachher
nie eines wohlfeiler verkaufen wollen, und das wäre uns doch auf die
Dauer allzu teuer zu stehen gekommen. Die Brotfrucht wächst auf einem
Baum, der ungefähr so groß ist wie eine mittelhohe Eiche. Die Blätter
sind oft anderthalb Meter lang, von länglicher Gestalt, mit tiefen
Krümmungen wie die Feigenblätter versehen, denen sie an Wesen und
Farbe ähnlich sind; beim Auseinanderbrechen sondern sie gleich einen
milchartigen Saft ab. Die Frucht hat die Größe eines Kindskopfes und
beinahe dieselbe Form. Ihre Außenseite ist meistens wie bei der
Trüffel netzförmig, die Haut ist nur dünn, und die Frucht hat einen
Kern, der ungefähr so dick ist wie ein Messerstiel. Das Fleisch oder
der eßbare Teil liegt zwischen Haut und Kern, ist schneeweiß und locker
wie frischgebackenes Brot. Ehe man sie ißt, muß man sie rösten und
zu diesem Zweck in drei oder vier Teile zerschneiden. Sie hat keinen
ausgesprochenen Geschmack, höchstens, daß sie etwas süßlich schmeckt.
[Illustration: Wir gingen in Begleitung unseres Freundes Auhaa an Land.]
Unter den Eingeborenen, die zu uns an Bord kamen, befand sich auch ein
ältlicher Mann, der, wie wir nachher erfuhren, Auhaa hieß, und Leutnant
Gore, der mit dem Kapitän Wallis hier gewesen war, erkannte ihn
augenblicklich wieder. Da ich nun wußte, daß er Wallis sehr nützlich
gewesen war, nahm ich ihn nebst einigen anderen an Bord des Schiffes
und war besonders bemüht, ihm soviel Freundlichkeiten als möglich zu
erweisen, weil ich hoffte, er würde auch uns gute Dienste leisten. Da
allem Anschein nach zu vermuten stand, daß wir uns ziemlich lange hier
aufhalten würden, mußten wir notwendigerweise darauf bedacht sein,
daß der Wert der Waren, die wir zum Tauschhandel mitgebracht hatten,
während der Zeit unseres Hierseins nicht sank. Das wäre aber zweifellos
geschehen, wenn man jedermann Freiheit gelassen hätte, die eingekauften
Dinge nach persönlichem Gutdünken zu bezahlen. Weil daraus unfehlbar
Verwirrungen und Streitigkeiten hätten entstehen müssen, stellte ich
bestimmte Regeln für den Handel auf und befahl ihre strengste Beachtung.
Sobald das Schiff gehörig gesichert war, ging ich mit den Botanikern
Banks und Solander, einer Abteilung Bewaffneter und in Begleitung
unseres Freundes Auhaa an Land. Beim Aussteigen aus den Booten wurden
wir von einigen hundert Eingeborenen empfangen, die uns aber nur mit
ihren Augen bewillkommten, weil sie es auf andere Art zu tun nicht
wagten; denn sie bezeigten eine so tiefe Ehrfurcht vor uns, daß der
erste, der sich näherte, beinahe auf Händen und Füßen herankroch. Es
ist merkwürdig, daß das Friedenszeichen, das uns sowohl dieser Mann
als auch jener im Kanu überreichte, ein grüner Zweig war, dessen
sich bekanntlich schon die alten und mächtigen Völker der nördlichen
Halbkugel zu ebendiesem Zwecke bedient hatten. Wir nahmen das Zeichen
freudig und vergnügt an, und weil wir sahen, daß jeder von ihnen
solchen Zweig in der Hand hielt, pflückte auch jeder von uns sogleich
einen und trugen ihn auf dieselbe Art.
Die Eingeborenen begleiteten uns unter Anführung Auhaas nach dem
Platze, wo der »Delphin« zwei Jahre vorher sein Wasser eingenommen
hatte. Als sie aber auf dem Wege dahin ungefähr eine halbe Meile
zurückgelegt hatten, machten sie halt und reinigten den Boden von allem
darauf befindlichen Rasen. Die Vornehmsten unter ihnen warfen jetzt
ihre grünen Zweige auf das nackte Erdreich und winkten uns, daß wir es
mit den unserigen ebenso machen sollten. Wir bezeigten sogleich unser
Einverständnis und unsre Bereitwilligkeit hierzu, und um die Zeremonie
noch feierlicher zu gestalten, mußten die Seesoldaten in Reih und Glied
antreten und ihre Zweige niederlegen. Wir machten es hernach ebenso.
Darauf marschierten wir weiter und gelangten zur alten Wasserstelle.
Die guten Leutchen gaben uns zu verstehen, wir sollten diesen Platz
wieder beziehen. Wir fanden aber, daß der Ort für unsre Absichten nicht
besonders geeignet sei. Unterdessen hatte sich die erste Vorstellung
von unsrer Überlegenheit und die daraus folgende Schüchternheit bei
ihnen allmählich verloren, und sie waren inzwischen ganz vertraulich
geworden. Sie gingen von der Wasserstelle weiter mit uns weg und
führten uns auf einem Umweg in den Wald. Während des Marsches teilten
wir Glasperlen und andere kleine Geschenke unter ihnen aus und
bemerkten mit Vergnügen, daß sie sehr viel Wohlgefallen daran fanden.
Der Umweg, den wir nahmen, betrug nicht weniger als 4-5 Kilometer,
und diese ganze Zeit über wandelten wir in Hainen von Bäumen, die
mit Kokosnüssen und Brotfrucht überladen waren und den anmutigsten
Schatten gaben. Unter diesen Bäumen lagen die Wohnungen des Volkes;
sie bestanden meistenteils aus einem bloßen Dache auf Pfosten ohne
Seitenwände; der ganze Anblick bestätigte die phantastischen Berichte
der alten Dichter von dem Fabellande Arkadien. Was wir indessen gleich
anfangs zu unserm Leidwesen feststellten, war der große Mangel an
Schweinen; denn auf unserem ganzen Wege sahen wir deren nur zwei, und
zudem nicht ein einziges Stück Federvieh. Diejenigen Leute, die mit
dem »Delphin« hier gewesen waren und die Verhältnisse kannten, sagten
uns, daß sie bisher noch keine Standesperson unter den Eingeborenen
bemerkt hätten. Sie vermuteten, daß die Häuptlinge des Volkes irgendwo
anders sich niedergelassen hätten. Und als wir an den Platz gelangten,
wo ihren Aussagen nach ehemals der Palast der Königin gestanden hatte,
fanden wir auf dem Fleck überhaupt keine Spuren mehr davon. Wir
entschlossen uns daher, am folgenden Morgen wieder an Land zu gehen,
um zu sehen, ob wir nicht die Vornehmen in ihren neuen Wohngebieten
aufsuchen könnten.
Ehe wir aber am folgenden Morgen noch aus dem Schiffe kamen, waren
schon verschiedene Kanus größtenteils von Westen her zu uns gekommen.
Zwei waren voller Leute, die ihrer Kleidung und ihrem Betragen nach
Standespersonen sein mußten. Von diesen kamen zwei an Bord, und jeder
wählte sich einen Freund. Der eine, der, wie wir erfuhren, Mataha hieß,
wählte Banks, der andere mich. Dieser feierliche Vorgang bestand darin,
daß sie einen großen Teil ihrer Kleider auszogen und uns anlegten,
wogegen wir jedem von ihnen ein Geschenk mit einem Beile und einigen
Glasperlen machten. Bald nachher winkten sie uns, wir sollten mit ihnen
in ihre Wohnungen kommen, und wiesen dabei nach Südwesten. Da ich nun
einen bequemeren Hafen zu finden und die Gesinnungen der Eingeborenen
zu erforschen wünschte, willigte ich ein.
Ich ließ also zwei Boote ausheben und ging mit Banks, Dr. Solander,
den Offizieren und unseren zwei Freunden an Bord der Boote, um unter
Anführung der Insulaner unsere kleine Reise anzutreten. Als wir
ungefähr eine Seemeile weit gerudert waren, winkten sie uns, daß wir
an Land gehen sollten, und gaben uns zu verstehen, daß dieses der Ort
ihres Aufenthaltes sei. Wir stiegen also an Land, und der Zulauf des
Volkes war so groß, daß wir uns bald von etlichen hundert Eingeborenen
umringt sahen. Man führte uns sogleich in ein Haus, das viel länger
war, als wir dergleichen bisher gesehen hatten.
Bei unserm Eintritt bemerkten wir einen Mann, der, wie wir nachher
erfuhren, Tutaha hieß. Man breitete uns sogleich eine Matte aus und
ersuchte uns, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Bald nachdem wir uns
gesetzt hatten, wurden ein Hahn und eine Henne herbeigebracht, die
Tutaha Herrn Banks und mir überreichte. Wir nahmen das Geschenk an,
und bald darauf erfolgte noch ein anderes: ein jeder von uns bekam
nämlich ein Stück Rindenzeug, das nach ihrer Gewohnheit mit etwas
Wohlriechendem zubereitet war und ganz angenehm duftete. Sie selbst
legten großen Wert auf diesen Umstand und gaben sich viel Mühe, uns
diesen Vorzug bemerkbar zu machen. Das Stück, das Banks überreicht
wurde, war fast 10 Meter lang und fast 2 Meter breit. Er erwiderte
dieses Geschenk mit einem seidenen spitzenbedeckten Halstuche, das er
eben damals trug, und mit einem leinenen Schnupftuch. Tutaha legte
diesen Schmuck sogleich mit vergnügter und selbstgefälliger Miene an.
Bald nachdem wir und Tutaha einander unsere Geschenke überreicht
hatten, führten uns die Damen zu verschiedenen großen Häusern, in denen
wir sehr ungeniert umherspazierten. Die Häuser waren, wie ich bereits
gesagt habe, außer dem Dache allenthalben ganz offen.
Wir beurlaubten uns endlich von unserm guten Freunde und nahmen unseren
Weg längs der Küste hin. Als wir ungefähr ein Kilometer weit marschiert
waren, begegnete uns an der Spitze einer großen Menschenmenge ein
anderer Häuptling, namens Tuburai Tamaide, dem wir gleichfalls einen
Friedensvertrag zu bestätigen hatten. Die Zeremonien einer solchen
Bestätigung waren uns jetzt aber schon besser bekannt. Als wir demnach
den Zweig, den er uns überreichte, angenommen und ihm einen anderen
dagegen gegeben hatten, legten wir die Hand auf die linke Brust und
sprachen das Wort »Taio« aus, das unserer Meinung nach »Freund«
bedeutete. Der Anführer gab uns hierauf zu verstehen, daß, wenn uns
etwas zu essen beliebe, alles dazu in Bereitschaft sei. Wir nahmen sein
Anerbieten an und ließen uns eine nach tahitischer Art zubereitete
Mahlzeit von Fischen, Brotfrucht, Kokosnüssen und Bananen gut
schmecken. Die Tahitier essen einige von ihren Fischen roh und boten
uns daher solche ebenfalls an, damit dem Gastmahle gar nichts fehle.
Allein für dieses Gericht bedankten wir uns denn doch.
Während dieses Besuches bezeigte eine von den Gemahlinnen unsres edlen
Wirtes, die Tomio hieß, Banks die Ehre, sich dicht neben ihn auf
dieselbe Matte zu setzen. Tomio war nicht mehr in der ersten Blüte
ihrer Jugend; sie schien auch niemals vorzügliche Reize besessen zu
haben. Vermutlich aus dieser Ursache erwies auch Banks ihr keine
besondere Aufmerksamkeit, und zu noch größerer Kränkung der guten Dame
ereignete es sich, daß ihm gerade ein sehr reizendes Mädchen in die
Augen fiel, das unter der Menge des Volkes um die Tafel herumstand.
Ohne sich also um den Rang seiner Nachbarin zu kümmern, winkte er dem
hübschen Mädchen, daß sie zu ihm kommen möchte. Nachdem sie sich ein
wenig dazu hatte bitten lassen, kam sie näher und setzte sich zu seiner
andern Seite nieder. Nun überhäufte er sie mit Glasperlen und einigen
andern Spielsachen, die ihr seiner Meinung nach gefallen mochten. Es
kränkte die Prinzessin zwar einigermaßen, daß er ihrer Nebenbuhlerin
den Vorzug gab; doch begegnete sie ihm deswegen nicht minder höflich
als zuvor und versah ihn immer noch emsig mit Milch von Kokosnüssen und
mit allen andern Leckerbissen, die sie von der Tafel herbeiholte. Diese
Szene hätte voraussichtlich noch merkwürdiger und rührender werden
können, wenn sie nicht plötzlich durch ein ernsthaftes Zwischenspiel
wäre unterbrochen worden.