Ein Ereignis hat sich für den Heimatfreund in diesen Tagen in

aller Stille vollzogen: Der seit langem vergriffen gewesene dritte

Band der Kursächsischen Streifzüge von Oberstudienrat ~Dr.~ _Otto

Eduard Schmidt_: »Aus der alten Mark Meißen« liegt in erweiterter

zweiter Auflage vor. Die durch sechs Kapitel über die Oberlausitz

vermehrte Neuauflage des zweiten Bandes (»Wanderungen in der Ober-

und Nieder-Lausitz«) ist unter der Presse und wird voraussichtlich

noch vor dem Weihnachtsfeste erscheinen. Der fünfte und letzte Band

»Aus dem Erzgebirge« ist im Manuskript fertiggestellt und wird im

Laufe des Jahres 1922 herauskommen. Was uns dieses Werk ist, muß es

noch ausgesprochen werden? Ziehen mit diesen Büchern in der Tasche

nicht schon seit Jahren unsere Jünglinge in den Heimatgauen umher,

freuen sich nicht an dem herrlichen Werke die Alten und atmen nicht

unsere Männer auf des Lebens Höhe, wenn sie es gelesen haben, auf,

wie befreit von einem Druck, der heimlich auf ihnen gelegen? Ich darf

es wohl aussprechen, gerade das Geschlecht unserer Männer von vierzig

und fünfzig Jahren hat den größten Gewinn aus dem Werke gezogen. Denn

wie standen wir Gymnasiasten der achtziger und neunziger Jahre der

Geschichte unseres obersächsischen Stammes gegenüber? In der Zeit

des höchsten völkischen Aufschwungs der deutschen Nation, glückselig

die Früchte des siebziger Krieges schauend, glühend stolz auf unser

Heer und unsere stark heranwachsende Flotte, bewundernd aufschauend

zu dem großen preußischen Führerstaat, mieden wir beinahe verlegen

ein näheres Eingehen auf die Geschichte unserer Heimat. Wohl waren

wir stolz darauf, daß die Heimat es war, die in nächster Beziehung

zur Reformation und ihren Vorkämpfern gestanden, wohl freuten wir uns

der Taten des Wettiners Moritz, des Erstürmers der Ehrenberger Klause

und Meisterers hispanischer Verschlagenheit, aber was dann kam, daran

dachten wir nicht gern. Die zage Unentschlossenheit der sächsischen

Politik im Dreißigjährigen Kriege, die Zeit Augusts des Starken, des

Grafen Brühl und, o Schmach, die Tage der napoleonischen Aera, sie

drückten auf unser Gemüt. Immer und überall Sachsen im Unrecht, auf

Irrwegen zumindest. Und auf unserer Seele brannten die Worte aus dem

Briefe, den der alte Blücher nach der Lütticher Revolte in loderndem

Zorn an den König Friedrich August geschrieben: »Ew. Königl. Majestät

haben einen geachteten deutschen Völkerstamm in das tiefste Unglück

gestürzt. Es kann dahin kommen, daß er allgemein mit Schande bedeckt

wird.« Hatte doch einer der Edelsten des obersächsischen Stammes,

Heinrich von Treitschke, in Grimm und Zorn aus verzweifelnder Liebe

zur Heimat heraus ein geradezu verdammendes Urteil gefunden über die

Politik der sächsischen Fürsten und ihrer Ratgeber. An das »~audiatur

et altera pars~« dachten wir gar nicht.

Da, Jahrzehnte später auf einmal eine Stimme, die Stimme auch eines

sächsischen Gelehrten: »Es muß einmal offen ausgesprochen werden, daß

Heinrich von Treitschke, einer der begabtesten und edelsten Söhne

des sächsischen Stammes, diesem durch die pessimistische Auffassung

seiner Geschichte in den Augen der übrigen Deutschen, besonders aber

der preußischen Nachbarn, furchtbar geschadet hat.« Ein freundlicher

Zufall hatte mich gerade dies Kapitel der Kursächsischen Streifzüge,

denn in ihnen erscholl das mutige Wort, zuerst aufschlagen lassen, und

nun ließ mich das Buch nicht mehr los. Ich las und las, und immer war

mir’s, als müßte ich im Geiste die Hand des Mannes drücken, der unser

Geschlecht so tapfer darauf hinwies, daß es sich nicht zu schämen

brauche auf seinem Posten im Kranze der deutschen Stämme. Frei und

froh ward mir zumute; ich hab’ fortan die falsche Scham abgelegt, die

mich faßte, dachte ich an die Tage von 1813, da der alternde König zur

Verzweiflung der Mehrzahl der gebildeten Sachsen ins Joch Bonapartes

zurückgezwungen ward. Ich weiß heute mit ruhigem Stolz, daß auch

mein Heimatland zur großen allgemeinen Sache der Befreiung das Seine

beitrug -- mehr vielleicht, als andere deutsche Stämme und ohne den

Siegerlorbeer um die Stirne. Ich weiß, daß Sachsen im Jahre 1813 für

ganz Deutschland, ja für Europa Schlachtfeld, Lazarett und Kirchhof

war, und daß unter den sächsischen Edelleuten und gebildeten Bürgern

zum überwiegenden Teil ein ebenso kerndeutsches Wesen beheimatet war

als im ruhmgekrönten Lande der Erhebung. -- So ist Otto Eduard Schmidt

ein Wohltäter geworden nun auch für unsere Jugend, die heute wohl

überall im Lande einen anderen Geschichtsvortrag hören wird, als er zu

unserer Zeit üblich war. Heimatschutz -- wir wissen es alle, welche

Fülle von Aufgaben in diesem Wort sich zusammendrängt. Die edelste Art

des Heimatschutzes hat der Verfasser dieser fünf bedeutenden Bände

geübt: den Schutz der Heimat vor Verkennung und Verleumdung.

Nicht allen Menschen ist der Sinn für die Weltgeschichte verliehen,

aber Anregung edelster Art findet jeder seelisch Erwärmte in den

Streifzügen noch auf vielen anderen Gebieten. Da zieht sich wie ein

goldner Faden durch das Werk die Geschichte der Baukunst unserer

Heimat! Vor unserem Auge tauchen sie auf, die großen alten Baumeister

der Renaissance, dieses gewaltigen Höhepunkts vaterländischer Kultur,

die Hieronymus Lotter, Hans Irmischer, Konrad Krebs. Mit der Sicherheit

des erfahrenen Kunstgelehrten führt uns O. E. Schmidt durch den

Burgpallas aus dem Mittelalter, durch die Ratsstuben der Zeit Vater

Augusts, durch die behäbigen Bürgerbauten des achtzehnten Jahrhunderts.

Aber auch das bescheidene Bauernhaus im Spreewald, der vordem ja altes

kursächsisches Gebiet war, ist unserem Führer noch beachtlich, und

so lehrt er dich umherblicken im Lande, lehrt er dich werten, was

dir geblieben und danach trachten, es zu erhalten und zu schützen an

deinem Teil. Mit Fug und Recht kann das Werk von sich sagen, daß es die

Heimatbewegung erwecken half.

Ja, zur Landschaftsbetrachtung regt der Verfasser an, wie nicht gleich

ein zweiter. Unlöslich ist sie ja bei ihm mit der Versenkung in die

Vergangenheit verbunden, doch auch den naiven Wandersmann macht er auf

so vieles aufmerksam, was diesem sonst wohl entgehen würde. Ein großes

Verdienst O. E. Schmidts ist es meines Erachtens, daß er gleich im

ersten Kapitel es unternommen hat, einmal auf die stillen Reize des

unteren sächsischen Elblaufs hinzuweisen; auf den hohen Genuß, den

eine Dampferfahrt durch die Gefilde unterhalb Riesas bereitet, wo der

Storch noch zieht über den Heimatboden und wo die Windmühlenflügel sich

versonnen regen über der fast holländisch anmutenden Niederung. Den

Höhepunkt landschaftlichen Erlebens aber genießen wir mit ihm, folgen

wir ihm in die spätwinterliche Muldenaue unterhalb Wurzen, in den Tagen

der Schneeschmelze, da der Fluß breit und schwer wie der Mississippi

sich dahinwälzt. Aller Erdennot vergessend blicken wir mit ihm in die

zauberhafte Stimmung der Sonnenrüste über der ungeheuren Landschaft.

Da wird unser Führer zum Dichter, der hingerissen uns hinweist auf die

Herrlichkeit, die uns die Heimatflur bietet, und wir folgen dankbar

und willig diesem hohen Geist, diesem Lehrer im reichsten begnadetsten

Sinne!

Aber zur Landschaft gehört untrennbar der Mensch! Der Mensch, der

ihr die Spuren seines Daseins einprägt, der sich von ihr nährt, der

sie schützt, und der sie im Überschwang der Liebe verherrlicht durch

seine Kunst. Da kommen sie herangezogen über den heimischen Boden, die

blonden Ostlandfahrer aus Vlamland mit dem Wanderlied auf den Lippen:

»Naer Oostland willen wy ryden.« Da rasseln sie vorüber in wilder

Flucht vor dem germanischen Heerbann, die polnischen Reiterscharen, die

den Gau Glomaci kahl gefressen wie ein Heuschreckenschwarm -- vorüber

ziehen Mönch und Klostermann. Und dann, hell auf einmal vor dem dunklen

Hintergrund die Persönlichkeit! Wiprecht von Groitzsch, Heinrich der

Erlauchte, Friedrich der Streitbare, Moritz und Kurfürst August.

Vorbei zieht an uns die Erbarmannschaft des Landes, die ritterlichen

Schleinitz, das ehrenfeste Geschlecht der Löser auf Pretzsch und

in neuerer Zeit die herrlichen Männer um Dietrich von Miltitz. Es

nahen die Männer des Geistes, die Dichter voran. Von Walther von

der Vogelweide, der im Jahre 1212 ja auch einmal im meißnischen

Herrendienst gestanden, über den schalkhaften Ritter Friedrich von

Schönberg, den Autor des Schildbürgerbuchs, zum frommen Sänger Paulus

Gerhardt, in dessen Heimatstädtlein Gräfenhainichen uns eine herrliche

Kleinstadtschilderung führt. Vom jungen Goethe in Leipzig, von den

Romantikern auf Schloß Siebeneichen über den strohtrockenen und doch

heimatgeschichtlich beachtenswerten Ferdinand Stolle aus Grimma zum

hochgemuten ritterlichen Sänger aus unseren Tagen, dem Freiherrn von

Münchhausen auf Wendischleuba.

Einsam und mit Sehnsucht im Herzen nach dem glückseligen Welschland

wandelt Albrecht Dürer durch Wittenberg, allwo er in der Schloßkirche

seine Kunst ausübt; durch dasselbe Wittenberg, in dem nicht lange

danach der blonde Lucas Maler von Cronach in Franken heimisch werden

wird voll schaffensfrohen, sicheren Behagens; dasselbe Städtlein am

Heimatstrom, das im hellen Lichtschein bald erstrahlen wird, der

ausgeht von Persönlichkeit und Haus des sächsischen Bergmannssohnes

Martin Luther. O, wie wert macht uns das köstlich unschätzbare Buch O.

E. Schmidts unsre Heimat! Welcher Strom des Dankes muß diesem Manne

entgegenschwellen aus tausenden von Herzen!

Nur ein paar Worte noch über die jetzt erschienene zweite Auflage des

dritten Teils. -- Der Verfasser hat diesen Abschnitt seines Werkes

zu neuer Höhe zu führen gewußt. So viel unerwartetes Wertvolles ist

in dem neuen Buche enthalten, daß auch dem Kenner der ersten Ausgabe

das Studium dringend empfohlen werden kann. Ein hoher Genuß ist es

zu lesen, was O. E. Schmidt hier über die neuen Domtürme von Meißen

zu sagen hat, und aufzumerken, wie er an unserm innern Auge die

Vertreter der neuen Meißner Kunst, den herrlichen Oskar Zwintscher, den

kraftvollen Sascha Schneider vorüberführt. Aber auch daß er im Kapitel

von der Lommatzscher Pflege des sorgenvollen kleinen Rucksackträgers

nicht vergißt, der im Hungerjahr 1917 und später noch lange in dem

gesegneten Eckchen von Hoftür zu Hoftür zieht, bis er für viele gute

Worte und für viel Geld endlich etwas bekommt, das er daheim dann

glückstrahlend den Seinigen auf den Tisch schütten kann, wollen wir

dem Verfasser danken. Denn auch das ist Geschichte geworden; unsere

Enkel werden es einst nachdenklich lesen. -- Wie eine frohe Botschaft

aber von doch einmal kommenden bessern Zeiten hört es sich an, was ganz

zuletzt gesagt ist vom immer wieder lebendig werdenden Geist beseelter

Romantik, der selbst im Jahre 1920 sich schwingt um Giebel und Zinne

von Schloß Siebeneichen.

In jedes gebildeten Stammesgenossen Bücherei sollte dieses Werk stehen.

Jeder Vater sollte es anschaffen schon im Hinblick auf die geistige

Entwicklung seiner Kinder; jede Schule, aber auch jede Volksbibliothek

sollte es ihr eigen nennen! Nicht jedem deutschen Stamme wird ein solch

bedeutendes Geschenk geboten werden aus dem Kreise seiner Söhne -- möge

der obersächsische es dem Verfasser danken durch freudige Aufnahme

seines Werkes. --

Gerhard Platz.

Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele

Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes

Von _Max Wenzel_, Chemnitz

Ein gut Teil Poesie im erzgebirgischen Volksleben ist mit dem

Weihnachtsfest verknüpft. Ja, man kann wohl sagen, daß in keiner Gegend

unseres deutschen Vaterlandes Weihnachten so inbrünstig gefeiert wird

wie im Erzgebirge, und auch der berühmte Zahn der Zeit hat sich hier

machtlos erwiesen. Schon die Adventszeit ist weihnachtlichen Zaubers

voll. Da blasen vom Kirchturm Musikanten das »Feldgeschrei« in die

dunkle Winternacht hinaus, und im warmen Stübchen regen sich fleißige

Hände, um all die Wunderwerke der Krippen und Pyramiden herzustellen,

die einer erzgebirgischen Stube die rechte Weihnachtsweihe geben. Fast

könnte man von einer Überfülle sprechen. Man will alle Möglichkeiten

ausnützen, seine Festfreude zu zeigen. Der »Winkel« der Stube bevölkert

sich mit allerhand buntem Schnitzwerk, das die lieblichste biblische

Erzählung figürlich darstellt. Daneben dreht sich auf der Kommode

eine gar prächtige Pyramide, und von der Decke herab grüßt das bunte

Perlen- oder Holzrankenwerk eines Leuchters oder einer Spinne. Auf dem

Schrank stehen gravitätisch Engel und Bergleute mit Lichtern auf dem

steifen Arm und auch ein Räucherkerzchenmann blickt von irgendwo auf

den köstlichen Zierat. Und -- um auch der modernen Zeit eine Verbeugung

zu machen -- fehlt zu alledem auch der Christbaum nicht, dessen Fuß

in einem kleinen Christgärtchen wurzelt. Farbe und Licht überall!

Eine Erinnerung an die alte Bergherrlichkeit. Kam der Bergmann aus

dem dunklen Schoß der Erde, begrüßte er das Licht als Befreier von

dunkler Sorge und ängstlichem Druck. So wollte ihm auch in dunkler

Winternacht das Licht von oben als ein symbolisches Zeichen des Lebens

erscheinen. Lichter stellt man in die Fenster, daß sie weit in die

Nacht hinausstrahlen; oder man besteckt die Fensterrahmen mit kleinen

Öllämpchen. Wer einmal an einem der drei heiligen Abende oder an den

Festtagen selbst im Schlitten von Annaberg über Buchholz, Sehma,

Cranzahl nach Oberwiesenthal gefahren ist, wird den Märchenzauber nie

vergessen.

Es handelt sich hier um durchaus gegenwärtige, lebende Dinge,

nicht etwa um Erinnerungen an eine alte freundliche Zeit. Auch der

Erzgebirgler in der Fremde hält an seinem Weihnachten fest und schmückt

seine Wohnung gern mit solch heimatlichem Gerät. Als wir vor einigen

Jahren in Chemnitz eine Ausstellung volkstümlicher Weihnachtskunst

veranstalteten, waren wir erstaunt über die Menge von Krippen und

Pyramiden, die uns allein aus Chemnitz angeboten wurden. Ein bekannter

Drechslermeister hielt sogar die einzelnen Pyramidenteile fertig auf

Lager.

Süße Lieder und innige Verse preisen das traute, hochheilige Paar noch

heute. Und an allerlei volkstümlichen Gebräuchen, dem Schuhwerfen,

Bleigießen, dem Rupprecht usw. hält der Erzgebirger mit Zähigkeit fest;

wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß solch’ alte Sitten mehr und

mehr den Anstrich eines gesellschaftlichen Spaßes erhalten haben.

In einzelnen Orten gibt es auch noch »Metten«. Da ziehen Erwachsene und

Kinder mit hellen Laternen durch die dunkle Winternacht zur Kirche, und

Lied und Wort sind mehr wie sonst volkstümlichem Empfinden angepaßt.

Hier haben wir die letzten Reste einer einst im ganzen Gebirge

verbreiteten Gepflogenheit, nämlich die heilige Geschichte dramatisch

darzustellen, die Sitte der Christ- und Mettenspiele.

Es ist hier nicht der Ort, Ursprung und Verwandtschaft mit ähnlichen

Erscheinungen in anderen Teilen Deutschlands festzustellen, nur

soviel sei gesagt, daß diese Spiele einst einen wesentlichen Teil

der erzgebirgischen Weihnachtsgebräuche ausmachten. Wie kommt es

nun, daß sie sich nicht erhalten haben, sind sie so wertlos? -- Wir

kommen hier auf die befremdliche Tatsache, daß sie behördlicherseits

verboten wurden, daß man die Teilnehmer an solchem Tun, wie 1805 in

Thalheim geschehen, sogar ins Gefängnis setzte. Es soll hier nicht

untersucht werden, inwieweit diese Strafen berechtigt waren, oder

ob eine volksfremde Regierung und Geistlichkeit etwas Harmloses als

Profanierung des Heiligen ansahen und es zu unterdrücken suchten. Denn

überrascht ist man etwas, wenn man sich in dieses Volksgut versenkt.

Wunderliche, bunte Klänge umgeben uns, guter, echter Volksliederton.

Allerdings an die Stelle mystischer Feierlichkeit tritt häufig ein

wohltuender Humor. Die ganze heilige Geschichte ist eine heimische

Angelegenheit geworden. Der Joseph ist ein alter Bekannter, er spricht

sogar in der heimischen Mundart; und die Hirtengeschichte hat sich

gleich draußen vor dem Dorfe am Bergwald zugetragen. Erklingt einmal

ein biblischer Ton, so mutet er fast fremd an, es ist, als wenn sich

in das lustige Geplapper der Kinder eingelernte Bibelsprüche und

Gesangbuchverse mischen. Der deutsche Volkshumor verbindet gern einen

gutmütigen Spott mit den Gefühlen der Achtung und Ehrfurcht; siehe

Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter usw. Ganz und gar liegt

es dem Volke fern, die heiligen Leute zu verhöhnen, im Gegenteil, nur

mit Personen, die seinem Herzen nahe stehen, die es mit Liebe und

Wohlwollen betrachtet, erlaubt sich das Volk solch köstlichen Spott.

Und es gelang nicht, das alte Volksgut _gänzlich_ auszurotten. Bis in

die sechziger Jahre hinein hielten sie sich in vielen Orten, trotz

aller Verbote. Voller Sehnsucht dachten die Alten an die Zeit zurück,

wo sie selbst an den Spielen beteiligt gewesen. Noch 1861 fand der

Gymnasialoberlehrer Gustav Mosen in Zwickau ansehnliche Reste der

Spiele vor, die er in ein köstliches Büchlein sammelte und herausgab.

Gewitzigte Unternehmer retteten die Spiele fürs Puppentheater. Wie beim

Volkslied, so erhielten sich auch hier und da Reste von Versen im Munde

des Volkes, oft unbewußt, woher die Reimlein stammten.

Und was gab man dem Volke für einen Ersatz? -- Zuerst überschwemmte

eine Flut von allerlei »Weihnachtsstücken« den Markt. »Dramatische

Gemälde«, Weihnachtsszenen: »Landwehrmanns Weihnachten«, »Weihnachten

in der Kaserne«, »Der Weihnachtsengel im Elendhause«, -- süßlich,

sentimental, unecht, unwahr, Kitsch über Kitsch! Eine von den Behörden

sanktionierte Geschmacksverderbnis übelster Art!

Von verschiedenen Seiten, auch in den Kreisen der Geistlichen, sah

man das wohl ein, und man knüpfte an die alten Christspiele an, indem

man eine Anzahl sogenannter »Weihnachtsstücke« schuf, »Der Stern

von Bethlehem« und andere mehr. Wirkliche Bedeutung kommt wohl von

allen diesen Stücken nur dem von dem verdienten ~Dr.~ Alfred Müller

bearbeiteten Mosenschen Weihnachtsspiel zu, in dem auch eigentlich

volkstümliche Elemente nicht fehlen.

Durch Haaß-Berkows Wiederbelebung eines alten Weihnachtsspieles

wurde ich ermutigt, unsere noch vorhandenen Spiele auf ihre

Aufführungsmöglichkeit hin zu untersuchen, und ich kam zu dem Ergebnis,

daß hier etwas Gutes vor dem völligen Untergang zu retten sei. Die

Spiele sollten aber _echt_ sein. Darum sah ich von einer sogenannten

Bearbeitung mit Um- und Neudichtung ab. Ich reihte nur die Reste

aneinander. Das Wiesaer Spiel enthält z. B. das volle Bescherungsspiel

und die Herbergsszene. Beides wurde unverkürzt aufgenommen. Das

Hirtenspiel entnahm ich dem Thalheimer Spiel, das Krippenspiel der

Neudorfer Engelschar. Das Königsspiel war das Löwenhainer usw.

Die Aneinanderreihung ist durchaus berechtigt, denn die Spiele sind

einander durchaus ähnlich, nur durch die mündliche Weitergabe verändert

und angepaßt -- zerspielt. Die einzelnen Szenen sind durch alte

Mettenlieder verbunden, wie wir sie in örtlichen Aufzeichnungen, in

Bernhard Schneiders Liederheften, Mosens Weihnachtsspiel usw. finden.

Es kam die Frage des Aufführungsortes. Die alten Spieler zogen im

Orte umher, die größten Stuben wurden zum Schauplatz. Aus dem ganzen

Hause, aus den Nachbarhäusern kamen die Neugierigen gelaufen, um die

»Engelschar« zu bewundern. In die einzelnen Wohnungen zu gehen, würde

sich jetzt aus verschiedenen Gründen verbieten; da nimmt man eben eine

recht große Stube des Ortes, ein Schulzimmer, die Turnhalle, einen

Saal. Hier kommen die Ortsbewohner zusammen, aber nicht wie zu einem

Theaterabend, -- sie sollen die Spiele durchaus miterleben.

Die Chemnitzer Volkshochschule, die allen Bestrebungen des

Heimatschutzes und der Volkskunde das erfreulichste Verständnis

entgegenbringt, nahm sich im vergangenen Jahre der Sache an -- und mit

wirklichem Erfolg, denn wir mußten unser Spiel zwanzigmal wiederholen!

Wie verläuft so ein Abend?

Orgel- oder Harmoniumklang stimmt die Hörer ein. Dann klingt von

draußen das alte Schneeberger Mettenlied »Auf, Tochter Zion, schmücke

dich« zum Saale herein. Auf der Bühne, die nebenbei bemerkt, nur mit

dunklen Stoffen ausgeschlagen ist, erscheint ein Hirte als Bote:

»Einen schönen guten Abend, den geb euch Gott!

Ich bin ein ausgesandter Bot;

ich zeig euch an zu dieser Frist,

daß jetzt wird kommen der heilige Christ!«

Zwei Engel werden auf der Bühne sichtbar, sie bereiten die Hörer vor.

Dann kommt unter den Klängen eines böhmischen Weihnachtsliedels, von

Lauten und Geigen gespielt, durch den Saal die Engelschar gezogen.

Der heilige Christ, St. Martin, St. Nikolaus in weißen Kleidern, mit

hohen Goldkronen auf dem Haupte, das heilige Paar, Knecht Rupprecht

usw. Sie ziehen auf die Bühne und es beginnt das Bescherungsspiel. Nun

wechseln sich die bunten Szenen ab, von denen das Verkündigungsspiel

und das Krippenspiel wohl am eindringlichsten wirken. Beim Krippenspiel

wird alles Bühnenlicht weggenommen. Die ganze Szene ist nur durch

eine Stallaterne beleuchtet, die vor der Krippe auf dem Boden steht.

Dieser einfache Regiekniff hat ungeahnte Wirkung. Nach kurzer Pause

eröffnen das Thalheimer und Löwenhainer Spiel den zweiten Teil, nachdem

die »Königschar« durch den Saal eingezogen ist. Wie sehr die Hörer

in Chemnitz dabei waren, merkte man daraus, daß sie in den Pausen

verschiedene Male unaufgefordert Weihnachtslieder anstimmten.

Von der Großstadt aus sollen die Spiele wieder in ihre Heimat

zurückkehren. Schon in diesem Jahre werden sie in vielen Orten sich

einzubürgern versuchen. Nicht um ein wissenschaftliches Werk zu

schreiben, nur um praktisch Heimatschutz zu treiben, veröffentlichte

ich das gesamte Material in Buchform unter dem Titel »Erzgebirgische

Christ- und Mettenspiele. Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes«.

Mit der Zusammenstellung am Schlusse des Buches, die auch einzeln im

Verlag H. Thümmler in Chemnitz erschienen ist, will ich nur ein Vorbild

aufstellen, »wie man es machen soll«. Gedacht ist es so, daß jeder

Ort, der noch Reste eines Spieles besitzt, diese in den Mittelpunkt

stellt und die übrigen Teile nach Belieben aus dem vorhandenen Material

ergänzt. So soll jeder Ort »sein Spiel« gewinnen.

Aus den vielen Zuschriften, die wir erhielten, ersahen wir mit Freuden,

wie man in allen Teilen unseres Gebirges den Gedanken aufgegriffen

hat. Wenn uns auf diesem Wege die Wiederbelebung dieses Stückes alter

Volkskunst gelingen sollte, würden wir herzlich zufrieden sein.

_Anmerkung der Schriftleitung_: In _H. Thümmlers_ Verlag,

Chemnitz, ist erschienen: _Wenzel_, Erzgebirgische Christ- und

Mettenspiele, ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes, 182

Seiten, gebunden einschließlich aller Zuschläge M. 14,40.

Die Liebe zum Baume

Von _Georg Marschner_, Dresden

In unserem so dicht besiedelten Sachsenlande läßt die alles

umgestaltende, rastlose menschliche Tätigkeit dem freien Walten

ungezügelter Naturkräfte nur noch wenig Raum. Deshalb sind die

anmutigen Bilder, welche sowohl im Niederlande als auch im Gebirge

das Herz mit beglückender Heimatfreude füllen, zum weitaus größten

Teile Werke fleißiger, kultivierender Arbeit unseres Volkes. Die

einzelnen, das Landschaftsbild zusammenfügenden Elemente sind überall

die gleichen. Dörfer und Städte, Straßen und Wege, Felder, Wiesen

und Wälder, Teiche, Bach- und Flußläufe und vieles andere ergeben in

unerschöpflich wechselvoller Gruppierung alle die reizvollen Bilder,

die uns das Heimatland so liebenswert machen.

Wohl kann ein hoher Berg, ein tiefes Tal, ein großer See oder ein

breiter Fluß einer begrenzten Gegend ein besonderes Gepräge geben,

bestimmend aber wirkt auf den Charakter einer jeden Landschaft ihr

Bestand an Bäumen. Sie sind es, die im Verein mit den Tages- und

Jahreszeiten alle Stimmungs- und Empfindungswerte auslösen.

Ob sie, dicht aneinandergedrängt, als Wald die weiten Feld- und

Wiesenfluren der Niederung ruhig umsäumen, im Gebirge das Schönheit

suchende Auge über ihr wogendes Wipfelmeer hinauslocken in blau

verdämmernde Fernen und uns erfüllen mit unstillbarer Wandersehnsucht,

oder ob sie, aufgelöst in Gruppen und Reihen, das Dörflein liebevoll in

ihren weichen Mantel betten und im stillen Wiesengrunde, gleich einer

grünen Schlange, dem Bache das Geleite geben, immer und überall tritt

die belebende und Schönheit gebende Kraft des Baumbestandes uns vor

Augen.

Ganz besonders aber werden wir uns der hohen Schönheitswerte des

Baumes bewußt, wenn ein im hohen Alter seinen Artcharakter ausgeprägt

zur Schau tragender Einzelbaum die Landschaft beherrscht und zum

Wahrzeichen einer weiten Gegend wird.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 10-12 · 第 6 / 7 段