Baumwipfel der bäuerlichen Siedlung. Ein Dorfkirchlein, umrauscht
von einer alten Linde, ein Bauernhof, über dessen bemoostes Dach
ein uralter Baum, wie ein treuer Hüter und Wächter, schirmend seine
grüne Hülle breitet, sind mir immer der Inbegriff herzerfrischender
ländlicher Schönheit gewesen. Und auch dann noch, wenn die Herbst- und
Winterstürme seine Kraft gebrochen, wenn er tiefer und hohler rauscht
und zur lebenszähen Ruine ward, wird jeder fühlende Mensch in Ehrfurcht
vor ihm stehen und ahnungsvoll die Vergänglichkeit alles Irdischen
erkennen.
Uralt ist die Liebe zum Baume in unserem Volke. Ein köstlicher Schatz
von Erinnerungen an gute und böse Zeiten, ein unverwelklicher Kranz
von Sagen und Märchen windet sich um jeden alten Baum, der wie ein
mahnendes Symbol in den ruhelosen Zeitenstrom unserer Tage hineinragt.
Viel könnte ich erzählen von manchen alten, in einem arbeitsreichen
Leben krumm gewordenen Bauersmann und der Liebe zu seinem Baum. Oft
habe ich im Schatten solcher Bäume gesessen und der Geschichte des
Dorfes und Tales gelauscht. Manch biedrer Alte ist mir da zum lieben
Freunde geworden. Hier im Banne alter Bäume wurde es mir zur Gewißheit,
daß ihr hoher Wert sich nicht erschöpft in staunenden, bewundernden
Betrachten. Ihr tiefer Einfluß spiegelt sich wieder in Herz und Gemüt
eines jeden, dem eine alte Hauslinde das Wiegenlied gesungen. Er wird
mir sagen, alte Bäume haben eine Seele.
Er wird’s verstehen, ihr fröhliches Rauschen an den hohen Tagen seines
Lebens, und nur er wird aus dem leisen Raunen das heimliche Schluchzen
heraushören, wenn einer vom Hofe hinausgetragen wird zur ewigen Ruhe.
Aber ich könnte auch berichten von manchem stolzen Baume, den
Generationen seiner früheren Besitzer, als zur Familie gehörig, hegten
und pflegten und der dann nur zu bald dem neuen Besitzer im Wege stand
und als Feuerholz ein schnelles, unrühmliches Ende fand.
Wo ein altersgrauer Baum heute noch sein grünes Blätterdach zum
Himmelsdome reckt, da sollte er jedem Menschen als ehrwürdiges
Vermächtnis seiner Väter heilig sein. Unantastbar als Denkmal der uns
alle nährenden Mutter Natur, unverletzlich als lebendes Ehrenmal seines
Besitzers. So sollte es sein -- aber die Erfahrung lehrt’s oft anders.
Bei der Hast des Alltags, in den Sorgen der Gegenwart schwingt die uns
aus Urväterzeiten vererbte Liebe zum Baume nur noch leise. In manchen
Herzen ist sie ganz verklungen. Für viele hat der Baum keine Seele
mehr. Er ist Handelsware geworden, Erzeuger hochwertigen Holzes. Ohne
Not und ohne bleibende Werte zu hinterlassen, ist mancher knorrige
Recke und stumme Zeuge vieler Menschenschicksale auf den Holzmarkt
gewandert.
Aber sie muß wieder lebendig werden, die Liebe zum Baum. Ein jeder
Bauernhof muß wieder seinen Baum haben. Darum wähle jeder, der die
eigne Scholle bebaut, je nach Vermögen einen oder mehrere der ältesten
und schönsten Bäume aus seinem Besitzstande, ganz gleich welcher Art,
und weihe sie, als herrliche Zierde seiner Heimatflur. Das stille
Gelöbnis aber, daß sie in treuer Hut wurzeln sollen im heimischen
Grunde, bis unsere, nach ehernen, unerforschlichen Gesetzen bauende
Allmutter Natur ihre Werke selber zerstört, wird seinen Namen laut und
sichtbar künden auch den kommenden Geschlechtern.
Und wer keinen geeigneten Baum sein eigen nennt, der pflanze einen
solchen. Ist’s nicht am Hause, dann am Feld- und Wiesenrande, oder
an einem Grenzmale. Ist er auch jung an Jahren, er wächst heran im
Laufe der Zeiten und knüpft enger und fester das unsichtbare Band,
welches verbindet mit dem Heimatboden, auf dem wir geboren und der uns
aufnehmen wird zum letzten Schlummer, dem Vergessen entgegen.
Nicht einer, der jetzt mit Recht bewunderten Baumriesen dankt sein
hohes Alter dem Zufalle oder ist bisher übersehen worden, sondern
ihre Erhaltung sicherte ein Name, eine bedeutsame Erinnerung oder ihr
Standort als Grenz- und Markbäume. Vor allen aber wurden sie alt im
Schutze der innigen Beziehungen zu ihren Besitzern.
Der Bestand an alten Bäumen ist ein Maßstab für die Geistes- und
Herzenskultur eines Volkes. Deshalb sorge jeder, der auf heimischen
Grunde die Früchte harter Arbeit ernten darf, daß unser Sachsenland nie
arm werde an alten Bäumen.
Nur dann bleibt uns die Heimat ein Jungbrunnen, aus dem Glück und
Zufriedenheit ins Herz sich ergießen, die reich machen in aller
Lebensnot.
Bücherbesprechung
=Die Oberlausitzer Heimat.= -- Verlagsanstalt Görlitzer Nachr. u. Anz.,
Görlitz. Preis M. 5,--.
Der Kalender hat bereits seinen Ruf, darum nimmt man den diesjährigen
stattlichen Band gleich froh und erwartungsvoll zur Hand. --
Landschaftsbilder an oft geradezu unaussprechlicher Innigkeit erfreuen
da gleich zu Anfang den Beschauer. Sie begleiten das Kalendarium und
stehen so bescheiden in ihrer Ecke. Der flüchtige Beschauer geht
wohl gar über sie hinweg, aber ich meine, einen besseren Führer
durch die Oberlausitz kann einer nicht leicht haben, als wenn er
sich dem Schöpfer dieser entzückenden Zeichnungen anvertraut. Welch
ein Zauber geht von diesen stillen Dörfern, von der blauen Bergkette
aus; wie schweift der Blick hinaus über das weite Gesenke bei
Dittelsdorf. Ein altes Schloß, ein paar Hütten von starren Föhren,
und am stimmungsvollsten wohl das Jägerndörfel im Winternebel mit den
steilen Rauchsäulen über den Dächern. Fürwahr, das ist Heimatkunst!
Wir danken dem Künstler Bruno Lademann für seine Arbeit. -- Auch der
unterhaltende Teil ist wieder trefflich zusammengestellt; eine Fülle
des Wissenswerten aus der Lausitzer Geschichte dabei. Ich glaube
wirklich, hierin ist der Oberlausitzer Kalender unübertroffen. Nur eins
möchten wir zur Sprache bringen. Es ist in dem Kalender ein allerdings
ganz reizender Aufsatz von Ottomar Enking enthalten, von einer kleinen
Stadt zur Pfingstenzeit. Aber durch die Gassen dieser Stadt weht keine
Lausitzer Luft -- es ist ein niederdeutsches Gemeinwesen, was da
geschildert ist. Unsrer Meinung nach muß ein Heimatkalender auf strenge
Bodenständigkeit halten, es wird ihm das sicher gedankt werden und
die Herren Herausgeber der Oberlausitzer Heimat haben ja eine Fülle
trefflicher Mitarbeiter aus dem eigenen Gau an der Hand. -- Möge das
schöne Heft die wohlverdiente Verbreitung finden.
G. P.
=Ludwig Richter als Radierer.= Von _Walther Hoffmann_. Mit 51 Bildern,
Berlin 1921. Dietrich Reimer (Ernst Voßen). M. 35.--.
»Ein neuer Ludwig Richter!« Mit dieser Anpreisung legt der Herausgeber
den Bilderband in unsere Hände. Und in der Tat bedeutet dieses Buch
für viele etwas Neues, auch wenn sie Ludwig Richter aus einzelnen
Radierungen schon kennen, die er zumeist nach eigenen Gemälden für den
Kunstverein geschaffen hat, wie beispielsweise seine Genoveva, die
Christnacht und den Rübezahl. Vielleicht erinnert sich auch mancher
noch an das und jenes anspruchslose Landschaftsblättchen aus der
Frühzeit seines Schaffens, das handgetönt in den gefühlsdurchtränkten
Freundschaftsstammbüchern der Biedermeierzeit sich findet oder
im schmalen Goldrähmchen über dem Sofa in Großmutters guter
Kirschbaumstube hing. Im übrigen weiß man recht wenig vom »Radierer«
Ludwig Richter. -- Die Neuerscheinung füllt somit eine schon oft
empfundene Lücke aus. Aus den bei _Hoff_ verzeichneten 240 und den
durch _Singer_ und besonders _Budde_ noch 26 neu entdeckten Blättern
hat Walther Hoffmann 51 ausgewählt. Sie sollen unsers Meisters
Kunstschaffen in der Entwicklung darstellen. Vom ersten unbeholfenen
Landschaftsstich des Vierzehnjährigen bis hin zu jenem letzten
Kabinettstück seiner Kunst, das Ludwig Richter als ein altersmüder
Greis im Jahre 1866 für seinen Freund Cichorius radierte, sind alle
Phasen der allmählichen Vervollkommnung vertreten. -- In Hinsicht
auf die Auswahl kann man gewiß vereinzelt anderer Meinung sein.
Insonderheit hätte der Heimatfreund die Göttin von Sais, ein paar der
Übertragungen von fremden Werken und einige italienische Landschaften
zugunsten anderer Blätter wohl entbehrt, die, wie die ruhende Familie,
das Bild zum Schlaflied Tiecks, der Schnitzelmann und selbst die so
bescheidenen »An- und Aussichten« die deutsche Heimat uns zum Herzen
sprechen lassen. Gerade nach dieser Seite hin kann Ludwig Richter nicht
genug im deutschen Volk verbreitet werden. Er ist des Heimatschutzes
bester Vorkämpfer. Wo Ludwig Richter eine Heimstatt hat, lernt man die
Heimat auch beseelen. Da wird die stille Heimatschönheit treu gehütet,
weil man an Ludwig Richters Bildern der Heimat inneren Wert erkennen
lernt. Darum hinein ins Volk mit unserm Ludwig Richter, die Heimat
wird nur Vorteil davon haben! -- So sei das vorliegende Buch jedwedem
Heimatfreund empfohlen und um so wärmer noch empfohlen, als Walther
Hoffmann auch die beigebrachten Stiche in ansprechender Form erläutert.
Die Ausstattung ist gleichfalls anerkennenswert. Mag dieses Buch recht
viele Freunde finden!
_Kurt Melzer_, Dresden.
Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt --
Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden.
Ein deutsches Weihnachtsspiel
»Im Stall zu Bethlehem«
In vier Aufzügen mit Text, Buntfiguren
und Anleitung zum Bühnenbau
bearbeitet von =M. Brethfeld= und =Th. Göhl=
Verlag: =Landesverein Sächsischer Heimatschutz=
Dresden-A., Schießgasse 24
Preis M. 6.--
Bestellkarte in diesem Heft
=Im Stall zu Bethlehem= -- unter diesem Titel hat der Landesverein
Sächsischer Heimatschutz ein deutsches Weihnachtsspiel für unsere
Jugend herausgegeben, das freudiger Empfehlung würdig ist. Urheber
sind die Pädagogen M. Brethfeld und Th. Göhl, denen es aus ihrer
Erziehertätigkeit heraus entstanden ist. Die Jugend soll, soweit es
möglich, das Krippenspiel selbst herstellen und selbst aufführen, und
auch die Zuschauer sollen durch Vers und Volkslied zu Mithandelnden
werden. Ein löblicher erzieherischer Grundsatz in einer Zeit, wo
die Unterhaltung bedauerlicherweise sogar in Haus und Familie so
oft von bezahlten Kräften besorgt wird, anstatt daß alle zu eigener
Befriedigung mitwirken. Und noch eine zweite niederdrückende Erfahrung
bewog die Herausgeber, dem Krippenspiel gerade die gewählte Form
zu geben: die Erfahrung, daß unsere Jugend in Kino und Theater an
Weihnachtsspiele gewöhnt wird, die an äußerem Aufwand immer reicher
werden, die uns aber immer weiter wegführen von den wahren Quellen
innerer Volkskraft, immer weiter weg von Einfachheit, Wahrhaftigkeit
und schlichter Innerlichkeit. Sogar der Christbaum ist der
gedankenlosen äußeren Bereicherung und inneren Verarmung verfallen.
Durch ihr Krippenspiel wollen die Herausgeber mit den Mitteln einer
natürlichen und schlichten Volks- und Kinderkunst mithelfen im Kampfe
gegen Veräußerlichung und Verflachung unseres schönen Weihnachtsfestes,
bei der Vertiefung und Verinnerlichung des Weihnachtsgedankens und
des Weihnachtsgefühls. Das Spiel besteht aus vier Bogen mit Figuren,
die ausgeschnitten werden müssen -- Maria, Joseph und das Kind in
der Krippe, die Hirten, die heiligen drei Könige usw. -- dazu kommt
eine Anleitung zum Aufbauen des Theaters, wozu die einfachsten Mittel
ausreichen und keine besondere Kunstfertigkeit beansprucht wird, und
endlich der Text, der ein Vorspiel und vier Aufzüge umfaßt. Auch einige
von den alten schönen Weihnachtsliedern sind hineinverwebt, die von
allen Kindern, mitwirkenden wie zuschauenden, gesungen werden sollen.
Die Aufführung dürfte höchstens eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.
-- Allen, die an der heimatlichen Volkskunst Anteil nehmen und im Sinne
der obigen Sätze an der Gesundung unserer Unterhaltung mitarbeiten
möchten, sei das Weihnachtsspiel bestens empfohlen. Das Spiel kostet
M. 6.-- und ist beim Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Dresden-A.,
Schießgasse 24, erhältlich.
Bunte Gassen,
helle Straßen
Dresden 1921
des Landesvereins Sächsischer
Heimatschutz Heimatbücherei
Band II
185 Seiten -- Großoktav
hart gebunden
_Vorzugspreis für Mitglieder des
Landesvereins Sächs. Heimatschutz M. 15.--_
_Bestellkarte in diesem Hefte_
_Gerhard Platz_ »Vom Wandern und Weilen im Heimatland«, der erste
Band unserer Heimatbücherei ist vergriffen und wird nächstes Jahr in
neuer Auflage erscheinen. Jetzt kündigen wir den zweiten Band an.
_Max Zeibig_ ist sein Verfasser. Wer kennt nicht seine gemütvollen
Schilderungen aus der Kinder-, aus der Jugendzeit, die in den
angesehendsten sächsischen Tageszeitungen seit Jahren erscheinen.
_Heinrich Sohnrey_ gab dem Buche das Geleitwort und wünschte, daß es
nicht nur in Sachsen, sondern in ganz Deutschland Verbreitung finde.
Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Dresden-A., Schießgasse 24.
Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.